Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen.

Part 14

Chapter 143,757 wordsPublic domain

Am nächsten Morgen nahm ich deßhalb meine Büchse und ging zu dem Käfig, oder Kasten, der mitten auf einem offenen Platz, etwa vierzig Schritt von den Häusern der malayischen Diener entfernt, und zwischen diesen und den Wohngebäuden stand. Der Kasten war gar nicht von starker Art und nur aus etwa 4 Zoll starken Stäben von Arenpalmen-Holz gemacht. Dieses Holz eignet sich aber vortrefflich dazu wilde, störrische Bestien zu halten, denn erstens ist es zäh, und dann splittert es, wenn diese hineinbeißen wollen, und sticht sie in das Zahnfleisch, so daß sie selten mehr als einen oder zwei Versuche machen, ihr Gefängniß zu durchbrechen.

Die Malayen selber waren aber sehr froh, als sie hörten daß der Tiger getödtet werden sollte, denn ihrer Behauptung nach hatte er die letzte Nacht so furchtbar gewüthet und an seinem Käfig gerüttelt, daß sie gefürchtet zu haben schienen, er würde sich wirklich frei machen, und dann ihnen zuerst einen Besuch abstatten, ehe er sich in seinen Wald zurückzog. -- Der Tiger mußte jetzt übrigens den Zorn und die Ungeduld, die er die Nacht gefühlt, überwunden haben, denn er lag lang ausgestreckt und ruhig in seinem Käfig und leckte seine Tatzen mit der stachligen Zunge.

Es war noch ein junges, vielleicht zweijähriges Thier, schlank und geschmeidig, mit glattem, wundervoll gezeichnetem Fell. Wie ich aber auf ihn zu und dicht an seinen Käfig trat, hörte er mit Lecken auf, duckte sich womöglich noch dichter auf den Boden nieder, legte die Ohren zurück, fletschte die Zähne und knurrte leise und tief, wie ein ärgerlicher Hund. So lag er eine lange Weile -- seine Augen waren ordentlich grün geworden und leuchteten unheimlich, und wie ich einen Arm nach seinem Käfig ausstreckte, als ob ich ihn berühren wollte, fuhr er plötzlich mit einem wilden Satz und weit geöffnetem Rachen gegen die Stäbe an. Aber er biß, von früher her wahrscheinlich gewitzigt, nicht hinein, sondern schien sich damit zu begnügen, mir nur anzuzeigen, daß ihm meine Gegenwart unbequem sei.

Einige zwanzig Arbeiter vom Platz hatten sich indessen ziemlich dicht um den Käfig versammelt, und nur die Frauen wichen scheu zurück, als das gereizte Thier empor fuhr. Der Tiger aber, wie damit zufrieden gestellt, daß er uns seinen Muth und seine Kampfbegier gezeigt, war wieder in seine alte Stellung zurückgefallen, und nur der tückische Blick blieb mir seitwärts zugewandt, als ob er in mir seinen schlimmsten Feind ahnte. Wäre er frei gewesen, so bin ich auch fest überzeugt, daß er mich, vor allen Anderen, angenommen hätte. -- So freilich mußte er sich das vergehen lassen; der kleine aber starke Käfig hielt ihn sicher genug.

Der Kasten war in der That kaum breit genug, daß das so geschmeidige Thier im Stande schien sich darin umzudrehen, und er lag jetzt mit dem Gesicht nach vorn und den Rücken der schmalen Thür zugedreht, die mit einem hölzernen Zapfen verschlossen gehalten wurde, vollkommen bequem zu einem sicheren Schuß.

Da ich ihn noch abstreifen wollte, ehe es zu heiß wurde, zögerte ich auch nicht lange, und ließ die Malayen von der anderen Seite zurücktreten, weil ich nicht wußte, ob meine Spitzkugel, die ich damals noch führte -- ich bin auf der Jagd aber vollkommen davon zurück gekommen -- nicht doch vielleicht durch den Schädel schlagen und auf der anderen Seite noch Unheil anrichten konnte. Die neugierigen Burschen waren aber kaum fern zu halten, so wollten sie alle, ganz in der Nähe, den Tod des Raubthiers betrachten, und wie ich nur wenigstens vor der Kugel freien Raum hatte, trat ich dicht an den Käfig, hielt dem Raubthier die Mündung des Büchsenlaufs vor das Ohr und drückte ab.

Der Tiger zuckte nicht einmal zusammen; der halb und tückisch nach mir gehobene Kopf fiel auf seine Tatzen nieder, und die Malayen sprangen jetzt zu ihm heran. Wie ich selber aber nun den Schuß gefeuert hatte, gab ich mein Gewehr dem Nächsten zum Halten, trat hinten an den Kasten, zog den Pflock heraus und öffnete die kleine Thür. Das aber hatten die Malayen nicht gedacht. Auf den Tiger war allerdings ein Schuß gefallen, aber daß er todt sei und keinem Menschen auf der Welt mehr schaden könne, wußte ich nur allein, die Malayen schienen wenigstens von einem so raschen und nicht von der geringsten Bewegung begleiteten Tod noch keineswegs überzeugt, und kaum hatte ich die Klappe geöffnet, ja wie ich nur den Pflock herauszog, stoben sie alle in wilder Flucht und mit lautem Geschrei auseinander und ihren Hütten zu.

Es war ein höchst komischer Anblick, und vergebens mein Rufen, daß der Tiger todt und unschädlich sei. Erst als ich mich nicht weiter um sie kümmerte und den Tiger beim Schwanz ergriff, aus dem Käfig zog und anfing ihn abzustreifen, kamen sie wieder schüchtern näher und lachten nun selber, in ihrer gutmüthigen Weise, über ihre Furcht. Keiner aber legte mit Hand an, und sie ließen mich meine Arbeit ganz allein vollenden. Erst als ich die Haut vollkommen herunter hatte und mir nun von Einigen dünne Bambusstäbe bringen ließ, um sie auszuspannen und dann in der Sonne rasch zu trocknen, machten sich ein paar von ihnen daran den Körper aufzuschlitzen.

Im Anfang wußte ich allerdings nicht, zu welchem Zweck das geschah, denn daß sie das Fleisch des Tigers nicht essen, hatte ich schon oft bestätigen hören. Sie nahmen aber auch nur das Herz des Raubthiers heraus, das sie in kleine Stücke schnitten und unter einander vertheilten. Wie ich ihnen noch erstaunt zusah, verschluckten auch ein paar von ihnen ihren Antheil gleich roh an Ort und Stelle, und nur mein letzter Führer auf der Rhinocerosjagd, ein Bursche, der auch nicht einen Funken von Courage besaß und bei dem Ausreißen vorher der Schnellfüßigste gewesen, verschwand mit seinem Stück und kehrte erst nach einigen Minuten ohne dasselbe zurück.

Er sollte mir jetzt erklären, was dieser Gebrauch bedeute, denn zum Sattessen hatten sie das Fleisch keinesfalls genossen, dazu waren die Bissen zu klein gewesen. Er kam dann endlich, wenn auch etwas verschämt, mit dem Bekenntniß heraus, daß die Javanen, wenn sie ein Stück von dem Herzen des Tigers verzehren, auch einen Theil von dessen Muth bekämen. Rasch setzte er aber hinzu, daß er nichts davon gegessen habe, das solle ich nicht glauben -- und dabei saß ihm das frische Blut noch in den Mundwinkeln.

Merkwürdiger Aberglauben, den die Leute haben, nicht wahr? -- Und machen wir civilisirten Christen es etwa besser, haben wir nicht eine Menge von Dingen, die andere Völkerschaften für ebenso unhaltbar und thöricht halten, wie wir jenen Gebrauch? Es ist und bleibt dieselbe Geschichte, und wir wollen nur nicht selber eingestehen, das wir _=Alle=_ Balken im Auge tragen.

Thöricht ist der Gebrauch aber schon aus dem Grund, weil die Leute mit dem Stück vom Herzen den _=Muth=_ des Tigers gewinnen wollen; es giebt nämlich auf der Welt keine, zwar blutgierigere, aber auch feigere Bestie, als gerade den Tiger. Er reißt Menschen nieder, ja, aber nur, wenn er sie aus dem Hinterhalt überfallen kann, nie und nimmer offen und Gesicht in Gesicht. Heimlich schleicht er herbei und liegt auf der Lauer, um irgend ein Stück Wild oder auch vielleicht ein Rind zu erbeuten, aber schon das Geräusch des nahenden Menschen schreckt ihn empor und treibt ihn in die Flucht, und wenn man in Java wirklich von _=Menschen=_ hört, die er überfallen hat, so sind es fast immer nur Frauen und Kinder, an die er sich gewagt.

Schon seine ganze Jagd beweist, wie wenig Muth er besitzt, denn er muß getrieben und umstellt werden, ehe man ihn zum Schuß bekommen kann, und nur schwer verwundet oder in der Verzweiflung sich überlistet zu sehen, nimmt er, wenn er nicht länger fliehen _=kann=_, den Kampf an, und dann freilich ist er ein gefährlicher Gegner, ja vielleicht der gefährlichste von allen wilden Bestien, weil seine Gewandtheit seiner furchtbaren Kraft gleich kommt.

Es ist vorgekommen, daß ein Tiger eins der kleinen Javanischen Pferde aus einer fünf Fuß hohen Umzäunung geraubt hat, ohne den Zaun zu durchbrechen, und er muß es, wenn er nicht damit hinüber _=gesprungen=_ ist, doch wenigstens hinübergehoben haben, wozu kaum _=vier=_ Menschen im Stande gewesen wären -- und draußen trug er es im Rachen fort. Aber Märchen sind es auch wieder, wenn man behauptet, daß ein einziger Schlag seiner Tatze einen Büffel betäube und zu Boden werfe. Nur wenn er ihm auf den Nacken springen kann, ist der _=einzelne=_ Büffel verloren, und den dortigen ~bantings~ oder wilden Rindern mit ihren spitzen Hörnern, die sich stets in Trupps halten, soll er scheu aus dem Wege gehen, und nur wo das ungestraft geschehen kann, auf ein Kalb fahnden.

Es giebt in Java viel Tiger, und man findet sogar in den Walddistrikten hie und da sogenannte »todte Kampongs«, die von den Bewohnern der vielen Tiger wegen früher verlassen und deren Stätten von der gewaltigen Vegetation schon lange überwuchert wurden, so daß nur die früher dort gepflanzten Cocos- und Arecapalmen die Stellen bezeichnen, auf denen sie gestanden. Und doch wird von dem Jäger nur in höchst seltenen Fällen, und dann selbst nur durch Zufall, ein Tiger im Wald angetroffen und erlegt, denn der Tiger hält eben nicht Stand. Nur in Gruben wird er gefangen, oder hie und da benutzt auch wohl ein Europäer ein von der Bestie zerrissenes und aufgefundenes Stück, um Nachts dabei anzusitzen und sie auf dem Anstand zu erlegen. Alle von den Eingeborenen erbeuteten Felle _=müssen=_ dabei an die Regierung eingeliefert werden und der Eigenthümer bekommt dafür eine vom Staat festgesetzte Prämie von früher fünfzehn jetzt zwanzig Gulden.

Der Tiger spielt aber, trotz seiner Feigheit, bei den Javanen eine große Rolle und besonders seinen Krallen -- außer der Wirkung, die das frisch verzehrte Herz ausüben soll -- trauen sie noch eine besondere Kraft zu, oft sehr zum Aerger der Europäer, die sich dort angekaufte oder sonst gewonnene Felle gern vollständig erhalten wollen. Die Eingeborenen stehlen nämlich diese Krallen, wo sie ihrer nur irgend habhaft werden können, und auch an dem Fell, das ich an jenem Tag abstreifte und zum Trocknen in die Sonne hing, fehlten sie schon an dem nämlichen Abend sämmtlich.

Negerleben.

Die Menschen gewöhnen sich -- und es ist das eine merkwürdige Thatsache -- mit der Zeit selbst an das Wunderbarste, so daß sie es zuletzt nicht einmal der Mühe werth halten, mehr darüber nachzudenken. Wir sehen die Sonne auf- und untergehen, die Pflanzen keimen und wachsen, das Meer ebben und fluthen -- sehen Winter und Sommer kommen, den Baum aus einem Kern, den Schmetterling aus einer Raupe, den Lieutenant aus einem Wickelkind entstehen, und bemerken die Verwandlung nicht einmal mehr, die für uns etwas Alltägliches geworden.

So staunen wir auch wohl anfangs neue Erfindungen an und bewundern die Kraft des Dampfes und Elektro-Magnetismus -- aber nicht lange, dann benutzen wir sie und können uns kaum noch denken, daß es eine Zeit gegeben hat, in der sie nicht gekannt war.

Ebenso geht es mit althergebrachten Gewohnheiten und Sitten. Kommt ein Europäer in ein tropisches Land, so ist er ganz erstaunt, dort auf einmal einer Race zu begegnen, die vollkommen nackt in der Welt herumläuft, und will sich halb todt lachen, wenn sich der König eines fremden Volkes zu ihm auf die Erde setzt und ihn um etwas Tabak anspricht; aber kaum lebt er vier Wochen unter den Leuten, so sieht er weder die Nackten mehr, noch findet er etwas Außerordentliches in der Herablassung Sr. Majestät.

Genau so geht es uns mit der Sclaverei.

Wenn sie noch nie bestanden hätte und ein Mensch sich dann erfrechen wollte, einen zweiten, der eine andere Hautfarbe hat, als er, und nicht ganz so »gebildet« ist, zu zwingen, für ihn umsonst zu arbeiten, während er in der nämlichen Zeit dessen Frau und Kinder an einen Dritten verkaufte, so wären wir außer uns und hielten das mit Recht für eine Scheußlichkeit und Niederträchtigkeit. Jetzt aber sind wir so gewohnt, von Negersclaven und deren Versteigerung zu hören, daß die meisten Menschen bis vor kurzer Zeit gar nichts Absonderliches mehr in der Sache fanden. Ja, in den Ländern, wo die Sclaverei wirklich bestand, wurde sogar das Recht der Weißen, schwarze Sclaven zu halten, in den Schulen gelehrt, und Geistliche entblödeten sich nicht, die heilige Schrift zu mißbrauchen, um ein solches Verbrechen als von Gott selber eingesetzt hinzustellen.

Daß wir die Baumwolle theurer bezahlen müssen, wenn es einmal keine Sclaven mehr giebt, steht wohl fest, denn der Arbeiter verlangt dann seinen verdienten Lohn, aber das Rechtlichkeitsgefühl civilisirter Menschen hat sich endlich dahin ausgesprochen, daß ein wenn auch durch Jahrtausende geübter Brauch doch ein Mißbrauch und eine Niederträchtigkeit sein könne, und während in Rußland die Leibeigenen freigegeben wurden, traten in Nordamerika Hunderttausende unter Waffen, um ihr Vaterland von der Schmach zu befreien, zu den Sclavenstaaten gezählt zu werden.

Es fällt mir indessen hier nicht ein, eine Abhandlung über die Sclaverei, ihre Nichtberechtigung oder Berechtigung zu schreiben. Der gesunde Sinn des Volkes hat längst darüber entschieden und sie für ein Verbrechen erklärt -- wenn es auch selbst in Deutschland noch einige Menschen giebt, die sie vertheidigen und mit schalen Phrasen ihre Existenz als nothwendig darzustellen suchen. Ich selber möchte hier dem Leser nur eine kurze Schilderung der Zustände geben, in denen ich Neger in den verschiedenen Welttheilen getroffen habe, und eine solche Zusammenstellung ist immer insofern interessant, als sie einen Vergleich zuläßt.

Von der Heimath der Neger will ich nicht reden. Leute, die mit deren Vaterland genau vertraut sind, haben das schon viel besser gethan, als ich es im Stande wäre. Nach Allem aber, was man von ihnen hört und sieht, scheint es, daß sie dort, wo sie mit den Weißen noch nicht in nähere Berührung kamen, wie das auch bei den Indianern der übrigen Welttheile der Fall ist, harmlos und gastfrei sind und eben nicht mehr arbeiten, als sie zu ihrem Lebensunterhalt brauchen.

Dann kommen die Europäer zu ihnen. Portugiesische Sclavenhändler durchziehen das Land, die Gier nach Reichthümern wird in ihnen erregt, alle Leidenschaften werden wachgerufen und zu Verbrechen gesteigert, und dann werfen sich die Weißen in die Brust und sagen: »Was für thierische Völker sind das! Kann sie Gott der Herr für etwas Anderes erschaffen haben, als den Weißen durch ihre Körperkraft zu dienen?«

Wir wollen uns diese thierischen Völker betrachten, wie sie in anderen Ländern der Erde leben, wohin sie aber nur durch die Weißen selber gebracht wurden.

Die eingeborenen Afrikaner sind nämlich keine seefahrende Nation, woran auch vielleicht die ungünstige Beschaffenheit ihrer Küsten die Schuld trägt. Nur die ihnen zunächstliegenden wenigen Inseln haben sie bevölkert und sie entweder ganz besetzt, oder sich mit den Ureinwohnern vermischt, wie z. B. auf der Westküste von Madagascar.

Daß die Eingeborenen Australiens eine Mischlingsrace von Aethiopiern und Malayen sein sollten, ist nur eine Phantasie Blumenbach's. Die australischen Schwarzen sind ein unzweifelhafter Urstamm, und nie hat ein Aethiopier oder Neger deren Küsten, außer auf einem Schiffe der Weißen, betreten.

Auch im ostindischen Archipel, ja selbst in dem ihnen gegenüberliegenden Arabien finden wir keine Spur von ihnen als freien Einwanderern. Sie sind nur als Sclaven dort hinüber geschleppt, während sie von den an ihren Küsten landenden Abkömmlingen der kaukasischen Race weiter und weiter in das innere Land zurückgedrängt wurden.

Wenn sie aber nicht selber zur See gehen wollten, so gab man ihnen Passage, und die Spanier und Portugiesen, nachdem sie in Amerika die gutmüthigen Indianer unter dem Vorwand, ihre Seelen zu retten, erschlagen oder zu Tode geknechtet hatten, mußten schon Sclaven dort hinüber führen, um die Arbeit zu thun, die das faule Seeräubergesindel nicht selber verrichten mochte.

Nordamerika folgte, und wie sich der Reis-, Baumwollen- und Zuckerrohrbau als ergiebig zeigte, schaffte man Neger dort hinüber, die nicht allein die Felder bestellen mußten, sondern auch einen einträglichen Handelsartikel bildeten.

Die Sclaven werden nun überall, wo man sie hält, nur in seltenen Fällen wirklich schlecht behandelt, denn es liegt im eigenen Interesse des Besitzers, sie gesund und bei Kräften zu erhalten. Sie dürfen deshalb ebensowenig, wie ein Pferd oder Stier, überarbeitet werden, und die Hauptkunst eines ordentlichen »Sclavenzüchters« besteht darin, so viel Arbeit aus ihnen herauszubekommen, als sie leisten können, ohne sie dabei zu schädigen.

Es giebt Ausnahmen -- ich kenne auch selbst aus den Vereinigten Staaten Beispiele von boshafter, ausgesuchter Grausamkeit -- Geschichten, wie sie selbst Mrs. Beecher-Stowe nicht schlimmer erdacht hat, die doch das Mögliche darin leistete, aber es sind das doch nur Ausnahmen. Im Ganzen hatten sie ihre bestimmte Arbeitszeit und ihre ihnen angemessene Kost, auch die nöthige Kleidung, und die meisten Herren gaben ihnen auch noch einen Gartenplatz, um darin für sich selber zu arbeiten. Die Vertheidiger der Sclaverei sagen nun: »Was will so ein Neger mehr? Ist er nicht viel besser daran, als unsere deutschen Armen, die, wenn sie krank und elend werden, verhungern können, ohne daß sich ein Mensch um sie bekümmert? Der Herr muß seinen Sclaven erhalten, auch wenn er nicht arbeitet.«

Das ist wahr, und die gezwungene Arbeit bleibt das geringste Elend der Sclaven -- das furchtbarste ist der Verkauf.

Eine Negerfamilie hat über Tag ihre Arbeit gethan, ihr Herr ist gut und milde mit ihnen, sie werden freundlich behandelt, aber -- er liegt krank in seinem Haus. Wenn er morgen stirbt, wird das Gut mit seinem Inventar, zu dem die Sclaven gehören, verkauft, und was wird dann aus ihnen? Jetzt noch sitzen Vater und Mutter mit ihren Kindern beisammen -- wie lange noch? Die Gesetze verboten freilich, daß in den Staatsauctionen die Familien getrennt wurden; aber wer kaufte die Neger auf den Auctionen? Nur herumreisende Yankees, denn kein anständiger Südländer würde sich zu dem schmutzigen Geschäft eines Sclavenhändlers hergegeben haben; nur diese Menschenclasse, die der freie Norden und dort hauptsächlich der kleine Complex der eigentlichen Yankeestaaten, Massachusets, Connecticut und Vermont liefert. Die aber machten sich auch kein Gewissen daraus, Familien zu trennen und das Weib von dem Gatten, Kinder aus dem Arme der Eltern zu reißen. Es war einmal ihr Geschäft, für das ja auch sogar mancher deutsche Gelehrte seine Lanze einlegte und, wenn auch unbewußt, seine Rechtmäßigkeit vertheidigte.

Das ist das Furchtbare im Leben des Negersclaven, daß er nie und zu keiner Stunde seiner eigenen Familie sicher ist, daß er, wenn er sein Kind auf den Arm nimmt und es herzt und küßt, nicht weiß, ob nicht schon morgen ein frecher, tabakkauender Weißer, von den Gesetzen beschützt, den Arm danach ausstreckt und er es nie, nie wiedersieht. Fragt die Aermsten unserer Armen, fragt die unglücklichen Erzgebirger, die sich in ungünstigen Jahren von faulen Kartoffeln nähren und nicht einmal genug von _=der=_ Nahrung haben, ob sie mit ihm tauschen möchten!

Aber sonst geht es den Negern gut.

Es ist gerade so, als ob ich von einem Menschen sage: »Er hat freilich die Schwindsucht -- aber sonst geht es ihm gut.«

Ein glücklicher Leichtsinn half dem Volk übrigens das oft Unerträglichste wirklich zu ertragen. Ja, man hörte wohl dann und wann einmal von dem Selbstmord einer Mutter, der man ihr Kind geraubt und die sich in den Strom gestürzt; auch hat dann und wann ein junger Bursch aus thörichter Eifersucht einen Aufseher erschlagen und ist natürlich deshalb gehangen worden. Aber war das nicht Wahnsinn, mußte er denn nicht wissen, daß die Sclavinnen alle Eigenthum ihres Herrn sind, und keines der Mädchen dem Aufseher oder ~nigger-driver~ eine kleine Gefälligkeit weigern konnte, wenn sie nicht die Hölle auf Erden haben wollte?

Wie vergnügt die jungen Leute trotzdem zur Arbeit gingen! Es lag ihnen einmal im Blut, und wenn man sie so zusammen schwatzen und lachen hörte, hätte man kaum glauben können, daß eine einzige Sorge ihr Leben trübe?

Der Neger hat ungemein viel Sinn für das Komische und Niemand in der Welt kann herzlicher und lauter lachen, als ein Neger. Ihr Jaw! Jaw! Jaw! hört man oft unglaubliche Strecken weit, und sie biegen sich dabei zurück und zeigen ein paar Reihen von Zähnen, die an blendender Weiße Nichts zu wünschen übrig lassen. Musik und Tanz lieben sie ebenfalls leidenschaftlich, und das einfachste Instrument genügt, um eine ganze Plantage auf die Füße zu bringen. Oft und oft habe ich die Arbeiter bewundert, die an der Levée von New-Orleans die schweren Baumwollenballen und Zucker-»~hogsheads~« an Bord der Schiffe wälzen. Besonders das letztere Geschäft treiben sie systematisch.

Es giebt nämlich kaum eine schwerere Arbeit, als solch ein großes Zuckerfaß zu rollen, denn es ist nie vollständig gefüllt. Der schwere Zucker fällt dadurch fortwährend nach unten, so daß stets das ganze Gewicht gehoben werden muß. Je schwerer die Arbeit aber, desto lauter und lustiger geht es dabei zu, und man soll nur einmal die acht Mann, die gewöhnlich zu einem großen Faß gebraucht werden, sehen, wie sie dabei hüpfen und springen und im Tact ein munteres Lied singen. Wie am Bord der Schiffe bei schweren Arbeiten, macht auch hier Einer den Vorsänger, der irgend eines ihrer oft schwermüthigen, oft ausgelassenen Negerlieder singt, in das dann, beim Ende eines jeden Verses, der Chor in lauter jubelnder Lust einfällt. Aber noch nicht genug, der Vorsänger ist auch zugleich Vortänzer, und während er jetzt mit triefender Stirn gegen die ungefüge Last anarbeitet, springt er plötzlich zurück, tanzt, während er die zwei letzten Strophen seines Verses singt, um die Arbeitenden und das Faß her, und wirft dann mit dem Refrain seine Schulter wieder gegen das riesige Hogshead.

So finden wir sie in den Sclavenstaaten, während sie in der Freiheit ganz andere, viel gesetztere Menschen werden und ihrer Arbeit mit großem Eifer, aber weit ruhiger obliegen, den fröhlichen leichtherzigen Sinn aber auch da nicht verleugnen.

In den nördlichen Staaten der Union leben Tausende und Tausende von freien »Farbigen«, wie sie sich dort selbst bezeichnen, denn sie setzen eine Ehre darin, nicht etwa Schwarze oder gar Neger und noch schlimmer Nigger genannt zu werden, da das Wort Nigger eins ihrer eigenen und ärgsten Schimpfworte ist. Sie belegen ihre Race auch deshalb nur mit dem Namen ~coloured people~ oder farbiges Volk, und der Unterschied zwischen ihnen und den Weißen wird mit ~a white lady~ und ~a coloured lady~ oder ~a white gentleman~ und ~a coloured gentleman~ ausgedrückt.

Nun fand man sie allerdings in vielen Gewerken vertreten; sehr selten wird man aber einen der Race als Drechsler, Blechschmied, Uhrmacher &c. antreffen, selbst Kaufleute und Händler wurden sie nur in Ausnahmsfällen. Dagegen monopolisirten sie schon früher in allen nordischen Städten Amerikas sowohl, wie selbst im Süden die sogenannten ~barbershops~ oder Barbierläden, in denen auch stets zugleich frisirt wird. Sämmtliche Köche und Kellner in den großen Hotels, ~Oystershops~ und anderen Anstalten sind ebenfalls »~coloured men~« und keine Musikbande besteht fast von den Canadischen Seen nieder bis zum Cap Horn an der Südspitze des Festlandes, wo nicht ein Neger oder Mulatte die große Trommel schlüge oder Cymbeln und Triangel bearbeitete.

Auch an Bord von Schiffen sind sie meist Köche und Stewards, seltener Matrosen, nie aber konnten sie als Steuermann fahren und können es wahrscheinlich noch nicht, denn kein weißer amerikanischer Matrose würde sich von ihnen etwas befehlen lassen.