Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen.
Part 13
Der Bote kehrte aber unverrichteter Sache zurück. Der Alkalde hielt es nach der neulich zusammenberufenen Versammlung nicht einmal für nöthig, auf's Neue bei den Einwohnern anzufragen -- oder seine Frau entschied vielmehr für ihn, denn sie fertigte den Boten, einen Gerichtsdiener von Concepcion, gleich so energisch ab, und auf ihr Schreien sammelten sich rasch so viele dunkle, drohende Gestalten, daß der arme Teufel froh war, wie er wieder in seinem Canoe saß, und ungeschädigt das Negerdorf im Rücken hatte.
Das war nun allerdings ein ganz entschiedener Akt der Widersetzlichkeit gegen die bestehende Autorität gewesen, und der Alkalde selber hätte vielleicht gewünscht, seine eigene Ehehälfte etwas weniger leidenschaftlich dabei zu sehen, aber die Sache war einmal geschehen, und ließ sich nicht mehr ändern, und da das ganze Dorf der Abfertigung beistimmte, brauchte er auch die Verantwortung nicht allein zu tragen.
Herrschte denn überhaupt in Ecuador ein gesetzlicher Zustand? -- war das Land nicht in Aufruhr und offenem Bürgerkrieg begriffen, und wußte denn irgend Einer von Allen -- in Cachavi sowohl wie in Concepcion -- wer jetzt Präsident im Lande sei -- und wenn er es sei, wie lange? War es Franco noch, dann allerdings hatte der Alkalde von Concepcion den Schutz desselben, um sich den Rücken zu decken, und konnte in dem Fall auch wohl eine Rechtsverletzung in _=seinem=_ Sinne strafen, falls Franco's Truppen in der That das Land besetzten, oder der Mulattengeneral Geld genug schickte, um Soldaten hier für ihn anzuwerben -- war das aber nicht der Fall, so hätte es ihm schwer werden sollen, sich von der Negercolonie Gehorsam zu erzwingen, und _=den=_ Zeitpunkt konnten sie eben ruhig abwarten.
Wer aber dadurch in die grimmigste Verlegenheit gerieth, war der Alkalde von Concepcion. Dieser Señor Cerro, der hier als Franco'scher Offizier auftrat, verlangte, wie er erklärte, nicht mehr als sein _=Recht=_, und da er selber von Franco'schen Behörden in seine Stelle eingesetzt worden, _=konnte=_ er das nicht gut vernachlässigen, ohne die Franco'sche Regierung auf den Fuß zu treten. Jetzt aber weigerten ihm die verwünschten Neger da oben ganz direkt den Gehorsam, und was blieb ihm da anders übrig, als seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen? Der mußten sie sich ja dann auch fügen, oder offene Rebellion erklären, was derartige Leute aber nicht sogleich thaten, da die Negeremancipation, wie sie von der einen Regierung eingesetzt worden, von einer andern auch eben so leicht wieder umgestoßen werden konnte.
Es galt also, einen raschen und entschiedenen Entschluß zu fassen, denn dieser Señor Cerro drohte mit einem Bericht an den General Franco, und der _=mußte=_ vermieden werden. Also überraschte denn der Alkalde die Bewohner Concepcions am nächsten Morgen mit einem Aufruf an die Nationalgarde, und verbreitete dabei -- um sich den Rücken zu decken -- die Kunde in dem kleinen Ort, daß General Franco Quito genommen habe, jetzt gegen Ibarra vorrücke, und einen Theil seines Heeres über San Pedro und Malbucho an den Bogota senden werde, um sich von der Loyalität seiner Unterthanen zu überzeugen.
Das wirkte wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel für Viele, die bis jetzt geglaubt hatten, der Revolution des übrigen Landes viel zu fern zu sein, um je darunter leiden zu können, und deshalb auch, obgleich im Herzen vollkommen Quitenisch gesinnt, doch General Franco's Partei anerkannten -- nur eben der Bequemlichkeit wegen. Aber was ließ sich thun? -- Gehorchten sie dem Aufruf nicht, und überschwemmten die Franco'schen Banden wirklich das Land, dann durften sie sich auch fest darauf verlassen, als Mißliebige denuncirt, und von den Freibeutern nach Herzenslust gebrandschatzt zu werden. Wohl oder übel holten sie also alle ihre halbverrosteten Waffen herbei, und um zehn Uhr Morgens lagen vier Canoes mit Bewaffneten, und das fünfte mit dem Alkalden, Señor Cerro, und sämmtlichen Dienern der Gerechtigkeit reisefertig an der Landung, und setzten sich zusammen in Bewegung stromauf.
An ihnen vorbei aber glitt ein anderes, leichtes Canoe, von vier stämmigen Negern gerudert, und am Steuer saß der kleine italienische Schneider, der die Aufforderung, zur Nationalgarde zu stoßen, mit Hohn zurückgewiesen hatte, und jetzt auf eigene Faust die Reise machte.
Als ihn der Alkalde bemerkte, schien er nicht übel Lust zu haben, den kleinen contrairen Fremden zu arretiren, denn es ahnte ihm, daß der Bursche, wenn er vor ihnen einträfe, da oben böses Blut machen würde. Ehe er aber mit seinem Entschluß völlig im Reinen war, passirte das Canoe schon das vorderste des Zuges, und an ein Einholen desselben war nicht mehr zu denken. Daß der kleine, nichtswürdige Italiener aber nicht warten würde, wenn er ihn anriefe, wußte er vorher, und durfte sich auch deshalb nicht einmal mit einem solchen Versuch blamiren.
Des Alkalden Befürchtung war aber auch sehr gerechtfertigt, denn Rigoli hatte kaum von der Anklage und dem Unternehmen der tapferen Ecuadorianer gehört, als er auch augenblicklich beschloß, dem entgegen zu arbeiten. Seine Neger entwickelten dabei einen wahren Feuereifer, ihn vorwärts zu bringen, und am nächsten Morgen mit Tagesanbruch landete er schon in Cachavi, während die schweren Canoes der Bewaffneten, obgleich sie ebenfalls die halbe Nacht gearbeitet hatten, doch endlich beilegen, und Tageslicht abwarten mußten.
Es mochte elf Uhr Mittags sein, als sie das Negerdorf in Sicht bekamen, und sie sahen sich dabei eben nicht angenehm überrascht, die Landung Mann an Mann mit den herkulischen, halbnackten Einwohnern besetzt zu finden, die dabei noch Lanzen, Machetas, Musketen und eine Masse anderer gefährlicher Werkzeuge in Händen hielten.
Was jetzt thun? -- der Alkalde wäre am liebsten gleich wieder umgekehrt, und hätte sich damit begnügt, einen Bericht an die Regierung in Guajaquil abzufassen, daß das Land im Aufstande wäre, und General Franco eine Armee zum Schutz der beleidigten Autorität herbeisenden möge -- aber Señor Cerro ließ ihn nicht.
»Glauben Sie doch nur nicht,« rief er ihm zu, »daß sich diese sclavischen Hunde ernstlich widersetzen werden -- lassen Sie uns hier unten landen, und in geschlossenen Colonnen hinaufmarschiren, und zeigen sie den geringsten Widerstand, so schießen wir das ganze Nest in Brand.«
»Ja, Señor,« sagte der Alkalde verlegen, »aber sie haben nur schon gezeigt, daß sie Widerstand leisten _=können=_. Ihre eigene Erfahrung --«
Der Ecuadorianer knirschte die Zähne zusammen, wenn er an den Moment dachte, wo er vor einem _=Mädchen=_ die Flucht ergriffen, und die Erinnerung daran diente wahrlich nicht dazu, ihn zu besänftigen.
»Vorwärts,« rief er; »bei der geringsten Widersetzlichkeit feuert Ihr zwischen den nackten Trupp hinein -- wir wollen ihnen die schwarzen Felle pfeffern, und ich übernehme jede Verantwortung, die daraus für Sie entstehen könnte.«
Der Nationalgarde von Concepcion blieb in der That weiter nichts übrig, als wenigstens zu landen, wenn sie sich nicht auf ewige Zeiten lächerlich machen, und dem Gespött der Neger aussetzen wollte. Die Canoes wurden deshalb an das steinige Ufer gelenkt, und die Besatzung derselben sprang, ohne daran im Geringsten verhindert zu werden, auf trockenen Boden.
Etwas unterhalb der Stadt, und gerade der Kirche gegenüber befanden sie sich hier; als sie aber das eigentliche und hohe Ufer erklommen, waren sie auf's Aeußerste erstaunt, auch nicht einen der Feinde mehr zu sehen. Wie in den Boden hinein schienen diese verschwunden, und Señor Cerro rief triumphirend aus:
»Nun, Señor, habe ich es Ihnen nicht vorher gesagt? Wo sind die feigen Canaillen jetzt geblieben? Zeigen Sie ihnen Ernst, und Keiner von Allen wagt auch nur, Ihnen frech in's Auge zu sehen.«
»Da kommt der Alkalde.«
»Der alte Wollkopf?«
»Er wird wahrscheinlich unterhandeln wollen.«
»Fertigen Sie ihn kurz ab, das ist das Beste; keine Unterhandlungen mit Rebellen.«
Der Alkalde dachte anders darüber; der alte Neger war aber jetzt schon zu dicht herangekommen, um ein weiteres Gespräch zu gestatten, und wie er sich auf etwa zehn Schritte genaht hatte, sagte er ruhig:
»Señor Alkalde, können Sie mir vielleicht erklären, weshalb die Boote mit den Bewaffneten hier an unserer friedlichen Stadt landen? Ich hoffe doch nicht, daß der Bürgerkrieg bis in unser stilles Asyl gedrungen ist.«
»Señor Alkalde,« erwiderte der Ecuadorianer sehr förmlich, »die Ursache kennen Sie wahrscheinlich. Es handelt sich hier um die Auslieferung einer Mörderin, und die Zurückgabe eines entlaufenen und contractbrüchigen Dieners. Machen Sie keine Schwierigkeiten, ~amigo~, denn die Gesetze müssen in Kraft gehalten werden, und es sollte mir wahrhaft leid thun, wenn ich gezwungen würde, von der mitgekommenen Macht Gebrauch zu machen.«
»Señor Alkalde,« erwiderte der alte Neger da, aber vollkommen ruhig -- »ich glaube fest, daß wir noch Alles in Frieden beilegen können, wenn Sie nicht eben zu sehr auf Ihre _=Macht=_ trotzen, und Recht und Gesetz auch für uns gelten lassen.«
»Das versteht sich von selbst,« rief der Alkalde aus Concepcion rasch.
»Schön,« sagte der Alte, der übrigens keine Waffe in den Händen trug, »dann können wir Ihnen den Beweis liefern, daß das arme Mädchen, welches Sie eines Mordes anklagen, nur in einem Akt der Nothwehr handelte, als sie jenen nichtsnutzigen Mulatten, der den Tod schon zehnmal verdient hatte --«
»Sie stach ihn meuchelmörderisch nieder,« schrie Señor Cerro dazwischen. --
»Ueber den Haufen stieß,« fuhr der alte Neger ruhig fort. »Und was den weggelaufenen Diener betrifft, für den jener Herr da die Auslösungssumme schon in der Tasche hat, und nicht wieder herausgeben wollte, so braucht er uns nur die Beweise zu liefern, _=wofür=_ ihm José 120 Dollars schuldet, und wenn die Belege alle richtig sind, soll ihm entweder das noch fehlende Geld ausgezahlt werden, oder er seinen Diener zurückbekommen. Finden Sie das nicht in der Ordnung?«
»Gegen das Letzte ließe sich allerdings nichts --«
»Und glaubt Ihr Canaillen,« schrie der Ecuadorianer in voller Wuth heraus, »daß ich mich zwingen ließe, _=einem Neger=_ Contracte vorzulegen? Beim ewigen Gott, es ist weit in Ecuador gekommen, aber dem wollen wir ein Ende machen. -- Gebt Ihr die beiden Verbrecher gutwillig heraus oder nicht?«
Der alte Neger antwortete ihm gar nicht -- er hob beide Hände trichterförmig an den Mund, und stieß einen eigenthümlichen, aber durchdringenden und lauten Ton damit hervor. -- Und überall umher wurde es lebendig -- den Fluß herunter, den sie von hier aus deutlich übersehen konnten, kamen plötzlich noch vier Canoes mit bewaffneten Negern -- selbst den Strom herauf ruderten zwei mit Anstrengung aller ihrer Kräfte, und aus allen Häusern quollen -- jedenfalls dem verabredeten Zeichen gehorchend -- Massen von dunklen, drohenden Gestalten, ohne sich jedoch im Geringsten feindlich zu gebehrden. Nur den Platz schlossen sie in einem weiten Bogen vollständig ein, wo die Canoes von Concepcion gelandet waren, und der dortige Alkalde bemerkte zu seinem Entsetzen, daß ihre eigenen Fahrzeuge unten im Fluß von den beiden stromauf kommenden Canoes vom Ufer gelöst, und an die andere Seite hinüber geführt wurden, was ihnen natürlich jeden Rückzug abschnitt.
Zu gleicher Zeit ertönte aber aus dem Walde des anderen Ufers ein gellender, langgezogener Schrei, der jedoch nicht in Verbindung mit den hier getroffenen Vorbereitungen zu stehen schien, denn die Neger selber stutzten und horchten dort hinüber, aber nicht lange.
»Die Indianer kommen!« jubelte eine Stimme, und bald antwortete ein wildes, tobendes Jauchzen dem Meldungsruf von da drüben. -- Das aber brachte die tapferen Schaaren von Concepcion, die sich hier überhaupt sehr in der Minderzahl sahen, ganz außer Fassung.
»Die Indianer kommen?« Hatten diese verzweifelten Schwarzen auch noch die wilden Horden des Innern zu ihrer Hülfe herbeigerufen?
»Señor,« rief der Alkalde den alten Neger ängstlich an, »ich mache Sie für jedes Blutvergießen hier verantwortlich. -- Wir sind als friedliche Boten des Gesetzes zu Ihnen gekommen --«
»_=Der=_ ist verantwortlich,« sagte der alte Mann ruhig, »der den ersten Schuß abfeuert, oder die erste Lanze wirft.«
»Aber Sie haben unsere Canoes wegnehmen lassen.«
»Zu Ihrer Abreise stehen Ihnen dieselben immer wieder zur Verfügung,« lächelte der Alte -- »aber wer kommt da?« unterbrach er sich plötzlich rasch und selber erstaunt, als sein Blick nach dem jenseitigen Ufer hinüberflog -- »Soldaten?«
»Das sind die Truppen des General Franco!« rief der Alkalde von Concepcion jubelnd aus -- »Viva Franco! Viva Franco!« schrie er dabei, aber ziemlich vereinzelt, denn beide Parteien waren in diesem Augenblick gleich gespannt, ob sie von dorten her Freund oder Feind zu erwarten hätten.
Das Dickicht da drüben wurde in der That in diesem Augenblick lebendig, und Gewehre blitzten in der Sonne -- und braune, aber uniformirte Burschen sprangen die Uferbank hinab, und in das seichte Wasser hinein, um den Fluß zu durchwaten.
»Viva Franco!« schrie der Alkalde noch einmal in einem Uebermaß von Entzücken. -- »Das sind die Truppen des tapferen Generals!«
»Viva Flores!« donnerte aber in dem Augenblick von dort drüben der Gegengruß herüber, daß der Magistratsperson das letzte Wort vor Angst in der Kehle stecken blieb. -- »Franco, der schuftige Dieb, ist verjagt, ~_=Flores=_ el viva~!«
»~El viva~!« jubelten da die Neger, die sich von allen Seiten zum Ufer drängten -- »~el viva~! -- ~el viva~!«
Und »~Flores el viva~« schallte es jetzt sogar aus den Reihen der Concepcionsleute selber, die gar nicht daran dachten, die usurpirten Rechte des Mulattengenerals zu vertheidigen, wo sie noch dazu die Uebermacht auf Flores Seite sahen.
Der Alkalde war indessen rasch gefaßt. _=Was=_ konnte _=ihm=_ hier geschehen? Huldigte das Volk der, wie es schien, siegreichen Quitenischen Regierung, welchen Grund hätte _=er=_ dann gehabt, sich dem nicht anzuschließen? Und wie er sich nur von seinem ersten Erstaunen erholt hatte, Quitenische Soldaten von dieser Seite her marschiren zu sehen, wo er jene furchtbare Wildniß wußte, stimmte er plötzlich lustig in den Ruf mit ein.
Alles drängte indessen dem Ufer zu, das die durch das Wasser watenden Soldaten jetzt erreicht hatten, und dabei sehr erfreut schienen, hier _=keine=_ Feinde, sondern Bundesgenossen zu finden. Da erhob sich plötzlich am unteren Theil des Flusses ein Lärm, der aber nur von ein paar einzelnen Menschen ausgehen konnte.
»Caracho!« hörten sie eine Stimme in wildem Fluch -- »was haltet Ihr mich fest? -- was habe ich mit Euch zu schaffen?«
»Du mit uns wohl nichts, mein Schatz,« lachte dagegen des kleinen Italieners Stimme; »aber _=wir=_ dagegen so viel mehr mit _=Dir=_. Was hast Du denn ausgefressen, daß Du auf einmal Fersengeld geben willst?«
»Was ist dort? -- Wen habt Ihr da?« frug jetzt der Quitenische Offizier, der seine Leute rasch gesammelt hatte, weil er noch immer nicht recht wußte, wie er mit den Bewohnern dieser Gegend stand. Das Vivarufen allein hielt er noch für keine genügende Bürgschaft.
»Weiter Niemanden, Señor,« sagte da der kleine, herbeikommende Schneider, während seine vier Neger den Gefangenen schon fest gefaßt, und ihm in aller Eile die Hände auf dem Rücken zusammen geschnürt hatten -- »als einen Herrn, der sich für einen Franco'schen Offizier ausgiebt, und unter _=der=_ Firma einen ganzen Haufen voll Unheil angerichtet hat.«
»Señor Cerro,« rief aber der fremde Offizier erstaunt, »das ist ja ein eigenes Zusammentreffen. Also _=Sie=_ sind ein Franco'scher _=Offizier=_?«
»Ich kenne Sie nicht, Señor,« sagte der Gebundene finster; »aber wenn _=Sie=_ wirklich _=Quitenischer=_ Offizier sind, so verlange ich wenigstens als Kriegsgefangener behandelt, und nicht in den Händen dieser Schufte gelassen zu werden.«
»Hoho, Señor,« schrie Rigoli lebendig, »wir werden Dir gleich Deinen Schädel weich klopfen, wenn Du Deine Zunge nicht im Zaume hältst.«
»Ich glaube, Sie sind in ganz richtiger Verwahrung, Señor,« erwiderte aber kalt der Quitener. -- »Das ist kein Offizier, ~compañeros~,« wandte er sich dann an die Leute, »sondern ein Schuft, der in Guajaquil, als eine Art Kammerdiener des Mulattengenerals, einen bedeutenden Diebstahl beging, und dann flüchtig wurde. Durchsucht ihn doch einmal, vielleicht finden wir noch eine Anzahl Juwelen bei ihm, die damals vermißt wurden.«
»Sieh einmal an,« lachte der Italiener -- »das Geldsäckchen der armen Eva hatte er auch noch, das habe ich aber schon in Sicherheit gebracht -- nun, vielleicht finden wir noch mehr.«
Cerro machte einen verzweifelten Versuch, seine Banden zu zerreißen, aber die Neger hielten ihn wie in einem Schraubstock. Er wurde zu Boden geworfen, und bald fand sich denn auch, daß er in einem um den Leib geschnallten Geldgürtel eine Anzahl werthvoller Steine und Golddoublonen versteckt trug.
Indessen hatten die Bewohner von Concepcion Kunde aus dem Innern von den Neugekommenen, wie auch von den sie begleitenden indianischen Lastträgern erfragt, und als sie jetzt die Bestätigung erhielten, daß der kleine Tyrann Franco schon vor drei Wochen aus Guajaquil verjagt und zu Schiff getrieben, das ganze Land aber in den Händen des Quitenischen Generals Flores, und der Bürgerkrieg wirklich beendet sei, kannte der Jubel keine Grenzen.
Natürlich war jetzt von einer Verfolgung oder Bestrafung José's keine Rede mehr. Der »Señor Cerro« blieb gebunden in den Händen der Polizei, um ihn in den nächsten Tagen durch den Sumpf nach Ibarra, und von da nach Quito zu schaffen, wo er den ordentlichen Gerichten übergeben werden sollte. Der würdige Alkalde von Concepcion aber war ebenfalls machtlos geworden, und die Bürger der kleinen Stadt luden den Offizier mit seinen Leuten jetzt auf das Herzlichste ein, mit ihnen nach Concepcion hinab zu fahren, und dort den Sieg der gerechten Sache solenn zu feiern.
Rigoli war einer der lebhaftesten bei dieser Einladung, und ruhte auch nicht eher, bis er den Offizier, um den Zug mit ihm zu eröffnen, allein und an der Spitze seiner Flotte in seinem Canoe hatte, das er jetzt mit einer, in dem dortigen Laden zusammengekauften und rasch genähten ecuadorianischen blau, roth und gelben Flagge schmückte.
Aber er vergaß in seinem Jubel auch nicht das arme, junge Paar, das so viel Leid ausgestanden. Noch in der nämlichen Woche kehrte er nach Cachavi zurück, und vier Wochen später bezogen José und Eva einen kleinen, reizenden Rancho, unmittelbar unter der Stelle, wo der Cachavi in den Bogota mündet, mit Orangenbäumen vor dem Hause, und ein paar wehenden Cocospalmen, wie einem schon angepflanzten Platanar. Die Hochzeit aber wurde in Cachavi ausgerichtet, und Rigoli tanzte darauf, zum Jubel der Neger, die sich über den kleinen fidelen Burschen vor Lachen ausschütten wollten, mit der jungen Frau die erste Marimba.
Der Tiger.
Es war an einem jener wundervollen Abende, wie wir sie wirklich nur in den Tropen finden, daß ich auf Java mit Herrn Phlippeau zu seiner Kaffeepflanzung nach Lembang hinauf fuhr. Lembang liegt außerdem schon etwa 4500 Fuß über der Meeresfläche, von drei bis sechs Uhr Abends war der gewöhnliche, fast immer von Gewittern begleitete Schauer gefallen, der die Erde abgekühlt und die Bäume und Pflanzen mit seinem erfrischenden Segen überschüttet hatte, und die Luft kühl und labend. Hoch am Himmel stand das südliche Kreuz, und ein wunderbarer Blüthenduft wehte von den Fruchtbaum-Oasen der einzelnen Kampongs oder Dörfer zu uns herüber.
Die Theeplantage von Tjoem Boeloeit hatten wir schon lange hinter uns, und der Weg zog sich ziemlich steil an dem Berghang empor, aber die vier munteren Macassarhengste zogen den leichten Wagen rasch bergan, und unsere Cigarren rauchend und im Fond zurückgelegt, genossen wir mit voller Lust den wahrhaft wundervollen Abend.
So erreichten wir endlich die Höhe des Berges, auf dem das Wohnhaus mit den Kaffeegebäuden, Mühlen und Trockenhäusern lag, von denen wir selber etwa noch sechshundert Schritt entfernt sein mochten, als ich einen eigenen dumpfen Ton zu hören glaubte, und in demselben Moment auch die Pferde unruhig wurden und von dem Kutscher kaum konnten in der Straße gehalten werden.
»Was ist?« fragte Herr Phlippeau, sich rasch im Wagen aufrichtend. --
»~Tau, Tuwan!~« sagte der Bursche mit seinem singenden Ton und achselzuckend -- aber wir sollten nicht lange darüber in Zweifel bleiben, denn kaum waren die Thiere, wenn auch noch schnaubend und blasend, wieder dazu gebracht worden anzuziehen, als plötzlich das laute, donnerähnliche Gebrüll eines Tigers an unser Ohr schlug und die Pferde jetzt so wild und erschreckt zurückfuhren und in die Höh' bäumten, daß uns nur eben Zeit blieb aus dem Wagen zu springen und ihnen in die Zügel zu fallen.
Es gelang auch endlich sie wenigstens so weit zu beruhigen, daß sie still standen, aber an ein Weiterfahren war vor der Hand nicht zu denken, da sie sich alle im Geschirr verwickelt hatten, und ehe wir das in der Dunkelheit lösen und in Ordnung bringen konnten, ertönte ein neues Brüllen der verwünschten Bestie, worauf sie es ärger als zuvor trieben. Der eine kleine Hengst besonders begann so furchtbar hinten auszukeilen, daß der malayische Kutscher gar nicht mehr in seine Nähe wollte; ebensowenig war dieser aber zu bewegen, nach dem kaum zweihundert Schritt entfernten Kampong zurück zu laufen und Hülfe von dort herbeizuholen, denn bis jetzt hatten wir alle Hände voll zu thun die Pferde zu verhindern, daß sie nicht den Wagen seitwärts vom Weg abschoben und zertrümmerten.
Herr Phlippeau redete dabei heftig und ärgerlich in malayisch auf ihn ein; da er aber sehr rasch sprach, verstand ich nicht, was er sagte, und halb lachend, halb fluchend wandte er sich endlich gegen mich und rief:
»Jetzt fürchtet sich der Esel vor dem Tiger, den er selber jeden Morgen füttert.«
»Dem Tiger?« --
»Allerdings; ich habe ihn ja neben meinem eigenen Haus in einem Käfig. Das ist aber schon das zweite Mal, daß es mir die Bestie so macht, und ich muß sie todtschießen, denn die Pferde wollen mir Nachts gar nicht mehr in die Nähe der Häuser und scheuen schon, wenn der Wind nur von dort herüberweht und ihnen die Witterung zuträgt.«
Es gelang uns endlich die Pferde los und frei zu machen, daß der Wagen wenigstens nicht mehr gefährdet war, und ich sprang jetzt selber nach dem Kampong hinüber, um ein paar der dortigen Einwohner herbeizurufen, damit sie die Pferde einzeln führen konnten. Wir selber wollten natürlich viel lieber die kurze Strecke nach dem Hause zu _=gehen=_, als daß wir uns noch einmal der Arbeit mit den scheuen Thieren unterzogen.
Der Tiger schien sich beruhigt zu haben, kaum aber hatten die herbei gerufenen Malayen die Thiere gefaßt, als das Gebrüll von neuem begann und die kleinen Hengste toller als je zu schnauben und auszuschlagen begannen. Das aber war jetzt der Malayen Sache, mit ihnen fertig zu werden, wir selber schritten rasch auf dem breiten, gut gehaltenen Weg den Häusern zu, und erfuhren am andern Morgen, daß die Eingeborenen wirklich gestern Abend noch mehrere Stunden gebraucht hatten, um die erschreckten Pferde in ihre Umzäunung zu bringen.
Herr Phlippeau war aber fest entschlossen die unbequeme Bestie, die ihm denselben Streich schon einmal gespielt hatte, als er vor einigen Tagen mit seiner Frau zurück nach Hause wollte, abzuschaffen, was eben nicht anders geschehen konnte, als sie todt zu schießen. Der Transport nach Batavia hinab, wo er den Tiger hätte gut genug an eines der heimkehrenden Schiffe verkaufen können, war zu lang und unbequem, auch kostspielig, und ich selber wurde zum Executor bestimmt.