Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen.

Part 12

Chapter 123,790 wordsPublic domain

José packte indessen aus dem Provisionskorb den er unterwegs zu tragen hatte, die für den Herrn mitgenommenen Lebensmittel, scharf geröstetes Schweinefleisch und in Fett hart gebratene Bananenscheiben, sowie einige getrocknete Fische aus, und stellte den eisernen Topf zum Feuer, um die Chokolade darin zu kochen.

Es war aber plötzlich vollständig dunkel geworden, und der Ecuadorianer hatte sich auf die am besten ausgepolsterte Seite des Rancho geworfen und suchte die Beendigung der Mahlzeit durch Flüche und Verwünschungen zu beeilen. Um die Langeweile indeß zu tödten, fing er die einzelnen großen Leuchtkäfer, die von dem Feuerschein herbeigelockt, herüber und hinüber durch den Rancho schwirrten, drückte ihnen die Flügeldecken auseinander, daß der darunter leuchtende hellgelbe Punkt deutlich zum Vorschein kam, und mit den beiden grün schimmernden Kugeln, welche die schönen Thiere am Kopf trugen, wie Edelsteine erglänzten. Dann band er sie neben einander an eine der Querstangen des Rancho, so daß sie ordentlich Licht darin verbreiteten, und ließ die armen Thiere dort in all ihrer Pracht sich abzappeln und quälen, bis mit ihrem Tod auch der Feuerschein erlosch.

Aber selbst dieses Licht genügte ihm nicht, seine endlich fertige Mahlzeit dabei zu verzehren, denn während er aß und die beiden Mulatten ihre eigenen Vorräthe heraussuchten, mußte José eine kleine Fackel von zusammengeknetetem Gummi elasticum halten, die ein zwar dunkelrothes aber doch vollkommen helles Licht verbreitete, und -- als der Herr endlich abgespeist, wieder ausgelöscht und in ein Blatt gewickelt wurde, um bis zum nächsten Abend aufgespart zu werden.

Die Diener mochten ihre Mahlzeit beim Schein des Feuers verzehren, oder im Dunklen, wie sie wollten.

Seine Decken waren indessen für den Herrn ebenfalls ausgebreitet worden, und eine zum Daraufliegen, die andere zum Hineinhüllen benutzend, war er bald sanft und fest eingeschlafen.

Am nächsten Morgen dämmerte kaum der Tag, als José schon wieder emsig beschäftigt war, das Feuer frisch anzufachen, das ein gegen Morgen gefallener Regenguß völlig ausgelöscht hatte. Er trug zu dem Zweck die trockenen Hülsen einer reifen Cocosnuß bei sich, die wie Zunder fangen und die Gluth bis zur letzten Faser hartnäckig halten. Es war übrigens kein leichtes Stück Arbeit, in diesem nassen Walde, wo Alles bis in das Mark hinein von Feuchtigkeit durchdrungen ist, ein helles Feuer anzufachen, und er gebrauchte eine lange Zeit dazu. Indessen der Herr schlief ja noch, und endlich hatte er es so weit, um den Chokoladentopf wieder an die Gluth setzen zu können. Die Sonne war aber schon lange über den Horizont herauf, als er damit zu Stande kam, und da sich die beiden Mulatten ebenfalls nicht sonderlich beeilten, ihre Morgenruhe zu unterbrechen, war es fast acht Uhr geworden, ehe sie wieder an den Aufbruch denken konnten.

Aber ihr Ziel lag nicht mehr weit. Kaum eine halbe Stunde bequemen Marsches brachte sie an das Ufer des breiten Bogota, und sie fanden hier schon, nachdem sie zuerst ein häßliches Bambusdickicht passirt waren, einen ziemlich großen und freien Platz ausgehauen, der selbst vom Fluß aus deutlich sichtbar war, und die Stelle künden sollte, an welcher die Trocha ausmündete.

Aeußerst vorsichtig schritten aber die Diener über jene Stelle, welche durch den Bambus ausgehauen war, denn den zwar kleinen, aber furchtbar harten und scharfen Dornen, welche an dessen Auszweigungen sitzen, und mit denen der Boden hier bestreut war, boten selbst ihre harten, aber nackten Sohlen nicht hinlänglich Widerstand. Den Lagerplatz dagegen hatten die früher hier Gewesenen vollständig abgeräumt, und es war dort sogar ein großer Rancho gebaut, um unmittelbar am Ufer übernachten zu können.

Schon von Weitem konnten die Wanderer die breite und offene Lichtung im Walde und damit das erste Ziel ihres beschwerlichen Marsches erkennen, denn dort auf dem Strome lag der _=Sonnenstrahl=_, der nie in diese dichten Wälder drang, und es war ein ganz eigenthümlich wohlthuendes Gefühl, mit dem sie den offenen, freien Platz betraten.

Der Guajaquilene schien sich aber am wenigsten diesem Genuß hinzugeben, denn so bequem er bis jetzt seinen Weg verfolgt hatte, so rasch sprang er nun an das Ufer und schien dort ein Canoe zu suchen, das, wie man ihm am Pailon gesagt, dort angebunden liegen sollte. Aber nirgends war ein dem ähnliches Fahrzeug zu erblicken, und gerade dort, wo die Trocha am Ufer des Bogota ausmündete, lag weder an dieser, noch an der anderen Seite ein besiedelter und dann auch bewohnter Platz. Wald, dichter, undurchdringlicher Wald deckte beide Ufer, und noch viel dichter in der unmittelbaren Nähe des Wassers, als weiter zurück, denn hier war er noch mit Bambus und Schling- und Schmarozerpflanzen verwachsen.

»Caracho,« murmelte Señor Cerro leise zwischen den Zähnen durch, indem er den Fuß unwillig auf den Boden stampfte, »ob man sich auch noch auf einen Menschen in der Welt verlassen kann.«

»Kein Boot da, Señor?« frug der eine Mulatte, »nun wartet nur ein klein Weilchen, den Bogota fahren immer Canoes hinunter und hinauf.«

»Aber ich will weder hinunter noch hinauf.«

»Weiß schon, Señor,« grinste der Mulatte, »aber wenn wir erst Hand auf Bug haben, fährt es uns hin, wohin wir wollen, auch gerad' über den Strom.«

»Und glaubt Ihr gewiß, daß Ihr den Weg nach Alto Tambo finden könnt?«

»Sicher wie was,« nickte der Gelbe, »Señor hat doch das kleine gelbe Messingding?«

»Den Compaß? Ja!«

»Schön -- der zeigt genau die Richtung an, und wenn wir fortgehen, wie die Trocha läuft, immer gerade aus, so treffen wir auf ~Camino real~, können ihn gar nicht verfehlen; läuft gerade quer durch von Cachavi nach Malbucho hin.«

»So wollen Sie nicht zurück nach Concepcion, oder hinauf nach Cachavi, Señor?« frug José erschreckt.

»Du, mein Bursche,« sagte der Mulatte tückisch, »gehst hin, wohin man Dich schickt, und wenn Dein Herr weder Lust nach Concepcion noch Cachavi hat, so schleppst Du Deinen Bambuskorb eben durch den Wald. Was kann's Dich kümmern.«

»Und ist der Wald nicht zu dicht?« fragte noch einmal der Ecuadorianer, ohne von des Negerburschen Frage die geringste Notiz zu nehmen.

»~Si, un poco!~« lachte der Andere, »aber wir kommen schon durch. Nero geht mit der Macheta vorweg und Señor hinterher, und sagen nur immer nach dem Compaß, rechts oder links, oder gerad aus -- dauert zwei Tage, sind wir im Weg.«

»Und Lebensmittel?«

»Bah, Menge von Palmen und wildem Honig und Kastanien. Kommen schon durch -- besser wie durch Cachavi.«

»Ich weiß nicht -- ich wäre doch lieber erst nach Cachavi gefahren, um dort frische Lebensmittel einzunehmen.«

»Da geht Nero aber nicht mit,« sagte der erste Mulatte trocken.

»Caramba,« rief der Ecuadorianer, »glaubst Du, es würde Einer der schwarzen Schufte dort wagen dürfen, Hand an Dich zu legen, so lange Du in _=meinen=_ Diensten stehst? Den wollte ich sehen.«

»~Quien sabe~,« brummte der Mulatte achselzuckend -- »besser ist besser, und wir sparen dabei noch außerdem eine lange Strecke Weg.«

»Wenn nur mein Gewehr nicht zerbrochen wäre.«

»Machen wir wieder,« lachte der Mulatte -- »gar nicht weit von hier am Fluß -- glaube ein Stückchen weiter oben, wohnt ein Schmied, der legt ein Blech darum. Der hat auch großen Platanar, nehmen wir Lebensmittel und gehen dann gerad' durch, durch den Wald.«

»Wenn nur erst ein Canoe käme.«

»Hallo, was ist das?« rief der Mulatte rasch, und drehte den Kopf der Richtung zu, von der sie eben hergekommen -- »dort geht ein Mensch.«

»Ein Mensch?« rief der Ecuadorianer emporfahrend, denn allerdings war es etwas Außerordentliches, in _=dieser=_ Wildniß noch ein lebendes Wesen zu finden -- »Caramba -- ein Mädchen?« fuhr er aber noch überraschter fort, als im nächsten Augenblick Eva aus den Büschen trat. Aber diese achtete weder auf ihn noch einen der beiden Mulatten; nur José hatte ihr fernsehender Blick gesucht, nur auf diesen sprang sie zu, und seine Hand ergreifend rief sie freudig aus:

»Gott sei Dank, José! Gott sei Dank, so war mein langer einsamer Weg doch nicht umsonst, und ich bin noch zur rechten Zeit gekommen.«

»Meine Eva!« rief der junge Bursch bewegt -- »aber wie um Gottes Willen kommst Du in diese Wildniß -- Von Concepcion in einem Canoe?«

»Hat das Mädchen ein Canoe bei sich?« frug der Ecuadorianer rasch und erfreut.

»Nein, Señor,« sagte die junge Negerin, langsam dabei den Kopf schüttelnd -- »derselben Trocha bin ich gefolgt wie Sie --«

»Allein?« rief Nero erstaunt.

»Wie ich hier stehe.«

»Mein armes, armes Mädchen,« sagte José gerührt, »aber hier sind wir am Bogota-Fluß, und das nächste Canoe kann und wird Dich wieder zwischen die Ansiedlungen bringen. Wenn Dich nun eine Schlange gebissen, oder ein wildes Thier gefaßt hätte.«

»Die Thiere des Waldes sind barmherziger als die Menschen,« sagte das Mädchen leise.

»Und wo willst Du hin, Muchacha?« frug sie der Ecuadorianer, indem sein Blick die tadellosen Formen des Mädchens überflog -- »Du kannst bei uns bleiben, wenn Du Lust hast -- es soll Dein Schade nicht sein.«

»Ich wollte zu Euch, Señor?«

»Zu mir? Caramba!« lachte der Ecuadorianer vergnügt auf, »das trifft sich ja herrlich, denn in dem vermaledeiten Wald ist das Leben langweilig und öde genug.«

»Zu Euch -- José's -- Eures Dieners wegen,« fuhr aber die junge Negerin fort, ohne den Doppelsinn der Worte zu verstehen oder zu beachten.

»_=José's=_ wegen? In der That, und was hast _=Du=_ mit _=dem=_ zu thun, wenn man fragen darf?«

Eva antwortete nicht gleich. Sie knüpfte von ihrem Gürtel das kleine Säckchen mit Silber los, das sie sorgfältig da vorne verwahrt hatte, und es dann in der Hand dem weißen Mann entgegenhaltend, sagte sie bittend:

»Nehmt das, Señor, ich bin einen weiten, mühsamen Weg gekommen, um es Euch zu bringen, und ich habe lange, sehr lange hart arbeiten müssen, bis ich so viel zusammenbringen konnte, aber es ist mit Freuden geschehen, wenn ich mir damit José's Freiheit erkaufen kann. Nehmt, es ist mehr, wie sein jährlicher Lohn beträgt; es sind sechsundvierzig Dollars, und laßt uns dann mitsammen in die Heimath ziehen.«

»Eva, mein braves, wackeres Mädchen!« rief José.

Der Ecuadorianer aber, während des armen Kindes Blicke in Angst und Hoffnung an ihm hingen, nahm lächelnd das Geld und wog es in der Hand.

»Also das ist Dein Schatz,« sagte er höhnisch, »und nur seinet-, nicht _=meinet=_wegen bist Du hier in den Wald gekommen?«

Des Mädchens Blick hing zitternd an den kalten, spöttischen Zügen des Weißen.

»Und gebt Ihr ihn jetzt frei?«

»Frei?« lachte dieser, »wenn das Alles wäre, was er mir schuldete! Aber glaubst Du denn, Du albernes Ding, daß ich ihn die zwei Jahre nur _=dafür=_ genährt und gekleidet und mit ~agua ardiente~ versorgt habe? Hundertundzwanzig Dollars ist er mir schuldig, und wenn die entrichtet werden --«

»Hundertundzwanzig, Señor,« rief da José erschreckt, »und wofür _=die=_ Summe? Für die baumwollene Hose und Jacke, und den alten Hut?«

»Halte Dein Maul, Bursche, bis Du gefragt wirst,« unterbrach ihn finster der Weiße, »in meinem Buch ist Alles eingetragen, und wenn Du einmal Deine Schulden abverdient hast, kannst Du meinethalben Deiner Wege gehen, ich will froh sein, wenn ich mich nicht mehr mit Dir zu plagen brauche.«

»Aber Señor,« -- bat das Mädchen.

»Das Geld hier werd' ich ihm aber zu Gute schreiben,« lächelte der Ecuadorianer tückisch. »Sind es wirklich sechsundvierzig Dollars, denn jetzt habe ich keine Lust sie nachzuzählen, so bleibt er dann nur noch mit 74 in meiner Schuld, und wenn er fleißig ist, und Du ihm dabei hilfst, so kann er immer in Jahr und Tag frei kommen,« und er schob den Beutel dabei in seine Brusttasche.

»Aber jetzt -- _=jetzt=_ soll er _=nicht=_ mit mir gehen?« bat das Mädchen in Todesangst: »Oh, treibt nicht Euren Scherz mit uns, Señor, wir sind arm und unglücklich genug in der Welt, und haben Nichts, Nichts weiter als einander. Seid barmherzig!«

»Laß mich zufrieden mit Deinen Quängeleien,« unterbrach sie der Ecuadorianer ungeduldig. »Du hast es jetzt gehört -- genug damit. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, und da kann ich den Diener, wenn ich ihn gerade am Nöthigsten brauche, nicht fortschicken. -- Alle Wetter, Burschen, kommt da nicht ein Canoe?«

»Von unten herauf, Señor,« grinste Nero, »eben biegt es um die Landspitze -- gerade zur rechten Zeit, um uns hier fortzubringen. Wohin _=wir=_ gehen, folgt uns das alberne Ding doch nicht.«

»Señor,« sagte José, der mit fest zusammengebissenen Zähnen dem Urteilsspruch des Weißen gelauscht hatte -- »wenn Ihr mich nicht wollt frei lassen -- wenn ich noch fort muß in den Wald mit Euch, und die Gesetze Euch darin beschützen, dann gebt dem armen Kinde auch das Geld wieder -- dann will ich selber abverdienen, was ich Euch schulde.«

»_=Du=_ sprichst, wenn Du gefragt wirst, mein Junge,« lachte der Ecuadorianer, »denn ich weiß selber gut genug, was ich zu thun habe. Und jetzt pack' Deinen Korb auf, trag' ihn zum Ufer hinab, und ruf' das Canoe heran, daß wir weiter kommen.«

»Nicht einen Schritt, bis Ihr Eva das Geld zurückgegeben habt,« rief José, und sein Auge leuchtete von einem unheimlichen Feuer. -- »Ich weiß, daß Ihr unter Euren Gesetzen mit uns Negern noch schalten wollt, wie es Euch gefällt, aber beim ewigen Gott --«

»Rebellion?« zischte der Weiße zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch -- »aber dafür giebt's ein Mittel, Nero, wenn sich der Hund widersetzt, klopfe ihn einmal mit Deiner Macheta auf den Schädel.«

»Den wollen wir schon kriegen,« lachte der riesige Mulatte, indem er die Macheta ergriff -- »fort mit Dir, Caracho!« rief er dabei, indem er den Neger mit der Faust in den Nacken griff, und ihn vorwärts stoßen wollte -- »hinunter die Bank da, oder ich _=mache=_ Dir Beine.«

José hatte sich, der rohen Uebermacht gegenüber, bis jetzt so schwach und willenlos gezeigt, daß die beiden Mulatten ihn schon auf dem ganzen Weg zur Zielscheibe ihres Spottes gemacht. Was er aber auch ertragen und geduldet, so lange er sich allein und hülfslos wußte, und vielleicht selber dabei fühlte, wie große Schuld er an seiner eigenen Knechtschaft trage, jetzt in Eva's Gegenwart kochte sein Blut auf, und jäh emporfahrend stieß er den Mulatten vor die Brust, daß dieser zurücktaumelte, in einer Wurzel hängen blieb und mit schwerem Schlag, der Länge nach, zu Boden stürzte.

»Caracho,« rief der andere Mulatte, und sprang dem Neger nach der Kehle, und dieser konnte sich seines Gegners kaum erwehren, als Nero mit einem wahren Wuthgeheul vom Boden emporschnellte.

»Negerbestie,« schrie er dabei, und mit der schweren und scharfen Macheta ausholend, sprang er von hinten auf José zu.

»Mörder!« kreischte da Eva, die in zitternder Todesangst Zeuge des beginnenden und so ungleichen Kampfes gewesen. Sie wußte dabei kaum, was sie that, aber die Lanze, die sie noch immer hielt, mit beiden Händen fassend, rannte sie die Spitze derselben dem Mulatten, gerade als er den Stich gegen José führen wollte, in die Achselhöhle hinein, daß er mit einem gellenden Aufschrei zusammen brach.

Mit einem gotteslästerlichen Fluch riß in diesem Augenblick der Ecuadorianer einen Revolver aus seiner Tasche und drückte ihn drei vier Mal auf das Mädchen ab; aber Du lieber Gott, er trug die Waffe schon wochenlang in der Tasche, und in diesem ewigen Regen, und ununterbrochenen feuchten Dünsten, die dem Boden entsteigen, versagt ja schon nach zwölf Stunden jedes frisch geladene Gewehr, und machtlos schlug der Hahn auf die Hütchen nieder.

Aber jetzt war auch José's Blut in Wallung gerathen, und die Macheta aufgreifend, die der Hand des zusammenbrechenden Mulatten entfallen war, warf er sich in blinder Wuth auf seinen bisherigen Herrn, der es indessen nicht für gerathen fand, den Angriff abzuwarten. Auch der Mulatte hatte mit Entsetzen seinen Kameraden stürzen sehen, und Beide -- er wie der Weiße, stoben vor den gegen sie gehobenen Waffen des zur Verzweiflung getriebenen Negerpaars in die nächsten Büsche hinein, und aus Sicht.

José wäre nun am liebsten dem Weißen gefolgt, und dessen Leben war dann verloren, aber Eva ergriff seinen Arm, und in der Angst, daß noch irgend ein unglücklicher Zufall ihre Flucht hemmen könne, rief sie bittend:

»Komm José -- o komm -- da naht das Canoe -- es führt uns der Heimath entgegen --«

»Er wird uns verfolgen und anklagen.«

»Lass' ihn -- dann flüchten wir in den Wald hinein, und die Wildniß sei unsre Heimath, wohin sie nicht wagen dürfen, uns zu folgen -- Komm José -- es ist Blut genug geflossen,« setzte sie schaudernd hinzu, »oh vermehre nicht die Schrecken dieser Stunde -- aber ich konnte nicht anders.«

»Du rettest mein Leben!« rief José.

»Fort von hier -- ich sterbe selber, wenn ich das Blut noch länger sehen muß, das _=ich=_ vergoß« -- und schaudernd vor dem Entsetzlichen, sprang sie die steile Uferbank hinab.

Es war ein einzelner Neger, der hier in seinem Canoe vorüberruderte, und von Concepcion kommend, wollte er nach Hause -- nach Cachavi zurückkehren. Er lenkte den Bug seines Fahrzeugs rasch dem Lande zu, als er das Mädchen am Ufer stehen und winken sah, und wenige Minuten später hatte er Eva wie José in seinem Fahrzeug aufgenommen, das jetzt, von sechs kräftigen Armen getrieben, die Fluth unter dem Bug aufschäumen machte, und jede neue Gefahr hinter sich ließ.

FUSSNOTEN:

[D] ~El perdido~ nennen die Ecuadorianer einen ziemlich großen braunen Vogel, der genau einen solchen Ruf hat, als ob ein Mensch in der Wildniß verirrt wäre, und um Hülfe riefe.

Siebentes Capitel.

In Cachavi.

In Cachavi herrschte große Aufregung, und Niemand dachte heute an's Arbeiten. Die _=Männer=_ mußten nämlich einen wichtigen Fall berathen, über den indeß die _=Frauen=_ schon lange einig waren, und -- während sich die Ehegatten in dem breiten Gerichtsgebäude sammelten, überall auf den Straßen in kleinen Gruppen standen.

Die Sache betraf aber auch in der That nichts Geringeres, als die Flucht José's von seinem weißen Herrn, und die Ermordung des Mulatten, denn Eva wie José hatten bei ihrer Ankunft in Cachavi dem Alkalden die ganzen Vorgänge treu und einfach erzählt, und um seinen Schutz gebeten, wenn sie bis hierher verfolgt werden sollten.

Der Fall kam übrigens zu einer höchst ungünstigen Zeit, denn erst gestern war ein Canoe von der Tolamündung eingetroffen, wo sie Nachricht von Esmeraldas gehabt haben wollten, daß General Franco von Guajaquil aufgebrochen wäre, Bodegas genommen hätte, und jetzt gegen Quito marschire, um sich das ganze Land zu unterwerfen. Wenn er Sieger blieb -- und die Berichte, die seine Anhänger hierher gesandt, ließen kaum einen Zweifel darüber -- so schickte er einen Theil seiner Schwärme auch jedenfalls in diesen entlegenen Theil des Landes, und was hatten sie dann zu hoffen, wenn sie gegen einen seiner eigenen Offiziere Partei genommen?

Die Frauen sind in der ganzen Welt über solche Combinationen erhaben. Bei ihnen spricht das Herz das _=erste=_ Wort, und nur der Augenblick entscheidet ihre Handlungen. Die Frauen deshalb waren auch fest entschlossen, den armen jungen Burschen nicht wieder auszuliefern, und was Eva betraf -- ei! _=den=_ hätten sie sehen wollen, der ihr in ihrer eigenen Vaterstadt ein Leides that, und daß sie dem pockennarbigen Mulatten einen Lanzenstich versetzt -- der hatte den _=Strick=_ verdient, zehnmal und hundertmal, und war ja schon einmal bei Nacht und Nebel von Cachavi in einem gestohlenen Canoe geflüchtet, um der gerechten Strafe für seine Missethaten zu entgehen.

In dem Gerichtssaal tagten indeß die Männer, und eine wunderliche Versammlung war es, der der Alkalde präsidirte. Aber kein Mulatte fand sich unter ihnen, lauter ächte, rabenschwarze Söhne Aethiopiens, wenn auch wohl Alle auf diesem Grund und Boden geboren, saßen, lagen und standen in dem Raum umher und rauchten ihre Papiercigarre. Sie Alle, ohne Ausnahme, waren nackt bis auf den Gürtel, und selbst das dichte, fest zusammengekräußte Wollenhaar verschmähte einen Hut.

Eva und José waren erst diesen Morgen vernommen worden, und Keiner der hier Anwesenden zweifelte, daß sie mit jedem Wort Wahrheit gesprochen. Der Alkalde selber hatte ja auch das Geld für Eva in Verwahrung gehabt, und ihr es erst vor wenigen Tagen ausgehändigt. Er wußte genau, wie viel es gewesen, und was sie damit gewollt.

Der Alkalde, eine schlanke, muskulöse Gestalt, mit schon grauem Wollkopf und etwas Cavalièrem in seinem ganzen Wesen, wie denn überhaupt die _=freien=_ Neger -- selbst in den Sklavenländern die Sklaven, wenn sie sich am Sonntag ihre eigenen Herren wissen -- sehr gern die Bewegungen und Manieren der Weißen nachahmen, hatte den Leuten jetzt eine lange Rede gehalten, worin er beide Seiten der Frage beleuchtete, und seine Zuhörer dadurch in völliger Ungewißheit ließ, zu welcher Seite er sich eigentlich schlug, und welche Meinung _=sie=_ haben sollten. Es war dabei schmählich warm geworden; die Sonne stand im Zenith, und kein Lüftchen regte sich, das die Temperatur hätte nur in etwas abkühlen können.

Ein kleiner dicker Neger, in Cachavi sehr geachtet, weil er die besten und festesten Dächer flechten konnte, nahm da endlich das Wort und sagte:

»Was zerbrechen wir uns denn den Kopf über ungelegte Eier. Das Wettermädel hat dem schuftigen Nero eine Lanze in den Leib gerannt, weil er den José mit der Macheta todtschlagen wollte -- soweit ist Alles in Ordnung. Wenn wir uns hier im Walde nicht _=selber=_ helfen, wer soll es sonst thun? und daß sie dem schurkischen Mulatten einen Denkzettel gegeben, oder ihn auch meinetwegen todt gestochen hat, ist nur ein Gewinn für die Colonie. -- Daß aber der José ein Recht hatte wegzugehen, wenn sein Jahresgeld bezahlt worden, das mein' ich, ist außer aller Frage, und wenn ihn der Señor zurückhaben will, mag er einfach herkommen und beweisen, daß er ihm noch etwas schuldig ist. Nachher kommen wir wieder zusammen, was sollen wir uns jetzt bei der Hitze abquälen.«

Der Vorschlag klang viel zu vernünftig, als daß ihm nicht alle Uebrigen hätten beistimmen sollen. Der Alkalde schüttelte zwar mit dem Kopf; im Grunde genommen war's ihm aber vielleicht auch recht, die Sache vor der Hand auf sich beruhen zu lassen; alle diese Menschen leben ja doch nur dem Augenblick. Die Sitzung war also damit geschlossen, und die Frauen erfuhren wenige Minuten später zu ihrer Genugthuung, daß José und Eva vor der Hand in Cachavi bleiben könnten. -- Wenn noch etwas in der Sache geschehen solle, so möchten's die Herren in Concepcion anfangen. _=Sie=_ wollten weiter nichts damit zu thun haben.

So vergingen zwei Tage, ohne daß man etwas von dem unteren Strom gehört hätte, und den Bewohnern von Cachavi lag auch jetzt eine andere Sache am Herzen. Die schon lange von Ibarra erwarteten Indianer, welche neue Waare bringen sollten, waren nämlich immer noch nicht eingetroffen, und allerlei dumpfe Gerüchte und Vermuthungen durchliefen die kleine Stadt. Waren sie verunglückt? -- böse Ströme hatten sie unterwegs zu passiren -- oder sollte sich der Krieg schon bis dort in die entlegene Provinz Imbaburru gezogen haben, daß sie dem Feinde in die Hände gefallen? Es wäre ein harter Schlag für das kleine Städtchen gewesen, denn viele der Einwohner würden unter dem Verlust gelitten haben.

Man beschloß endlich, ihnen einen Boten entgegen zu senden -- oder vielmehr zwei, denn ein Einzelner würde nie den Wald auf irgend eine Entfernung betreten -- um sich Gewißheit zu verschaffen, und zwei der Männer wurden gemiethet, und noch an dem nämlichen Tage in die Wildniß hinein gesandt, die Cachavi vom Malbucho auf reichlich vier Tagereisen trennte.

An demselben Nachmittag langte aber eine andere Kunde an, die ihr Interesse wieder an das Schicksal der beiden jungen Leute fesselte.

In Concepcion war nämlich der Weiße mit Nero's Leiche und dem anderen Mulatten eingetroffen, und hatte die Auslieferung seines Dieners und der Mörderin verlangt, und der Alkalde von Concepcion sandte jetzt einen Boten nach Cachavi, um die beiden Verbrecher mit einer dort beizugebenden Wache überliefert zu bekommen.