Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen.

Part 9

Chapter 93,721 wordsPublic domain

Burton hatte sich jedoch vorher, auf Hamiltons Rath unter einem französischen Namen in das Fremdenbuch eingetragen, um doch jede nöthige Vorsicht zu gebrauchen. Auch verabsäumte der schlaue Polizeibeamte nicht, vor Schlafengehen noch einmal die Tafel des Portiers zu revidiren, ob sich vielleicht Nr. 6 oder 7 darauf befand, um früh geweckt zu werden. Das war aber nicht der Fall, und Hamilton glaubte jetzt selber, daß jener Herr, wenn es wirklich der Gesuchte gewesen, Mr. Burton in dem Moment ihres augenblicklichen und unerwarteten Begegnens nicht erkannt haben =konnte=. Er brauchte also auch Nichts zu überstürzen.

III.

Entwischt.

Mitternacht war lange vorüber, als sich Hamilton endlich erschöpft und ziemlich ermüdet auf sein Lager warf, aber trotzdem befand er sich schon um fünf Uhr angekleidet wieder draußen auf dem Gang, denn heute sollte er ja den Lohn seiner Bemühungen ernten, und die Zeit durfte ihn nicht lässig finden.

Das Schuhwerk stand indeß noch immer friedlich dort draußen, des Hausknechts gewärtig, aber die Bewohner des Zimmers mußten auf sein -- sollten sie doch am Ende heute morgen abfahren wollen? »Nein, mein lieber Mr. Kornik,« lachte der Engländer still vor sich hin, »da wir Sie so hübsch in der Falle haben, wollen wir auch Acht geben, daß Sie uns nicht wieder durch die Finger schlüpfen.«

In dem Augenblick wurde in Nr. 7 die Klingel gezogen und Hamilton trat in seine Stube zurück, ließ aber die Thür angelehnt. Er horchte -- aber er konnte nicht hören, daß irgend jemand ein Wort sprach. Ein Paar Stühle wurden gerückt und Schiebladen ziemlich geräuschvoll auf- und zugemacht, aber keine Sylbe wurde laut. Hatte sich das junge Ehepaar vielleicht gezankt?

Draußen klopfte der Kellner an Nr. 7 an.

»_Walk in_.«

Die Thür öffnete sich.

»_Do you speak english?_« lautete die Frage der Dame.

Der Kellner antwortete leise einige Worte, die Hamilton nicht verstehen konnte, aber die Frage mußte verneinend beantwortet sein, denn die Dame erwiderte gleich darauf heftig:

»_So send somebody with whom I can speak_.«

Der Kellner -- Hamilton sah durch die Thürspalte, es war ein ganz junger Bursch, der augenscheinlich gar nicht wußte, was die Dame von ihm wollte -- eilte wieder die Treppe hinab. »Aber alle Wetter, wo stak denn Mr. Kornik, der doch ganz vortrefflich deutsch sprach?«

Hamilton erschrak. Hatte der Verbrecher wirklich gestern Abend Burton erkannt und sich selber in Sicherheit gebracht? Darüber mußte er Gewißheit haben -- aber seine Stiefeln standen noch vor der Thür. War er vielleicht krank geworden?

Er stieg rasch die Treppe hinunter zum Portier, den er auch schon auf seinem Posten fand.

»Ah, Portier, wissen Sie vielleicht, wann der Herr auf Nr. 7 wieder abreisen wird?«

»Auf Nr. 7?«

»Graf Kornikoff, glaube ich --«

»Ah -- ja der Herr Graf, kann ich wirklich nicht sagen. Er wollte heute Abend wieder kommen.«

»=Wieder= kommen?«

»Ja -- er ist heute Morgen halb zwei Uhr mit Extrapost nach dem Taunusgebirg gefahren.«

»_The devil he is_,« murmelte Hamilton leise und verblüfft vor sich hin, »und hat er Gepäck mitgenommen?« frug er laut.

»Nur eine Reisetasche -- die Dame ist ja noch hier.«

»Haben Sie ihn denn gesehen?«

»Natürlich -- ich habe die Tasche ja an den Wagen getragen.«

»Aber wann, um Gottes Willen, schlafen Sie denn?«

»Ich? -- =nie=,« lächelte der Mann in voller Ruhe. Aber Hamilton hatte andere Dinge im Kopf, als sich mit dem Portier zu unterhalten. Mit wenigen Sätzen war er oben an Mr. Burtons Zimmer, den er auch schon vollständig angekleidet und seiner wartend traf.

»Er ist fort,« rief er diesem ganz außer Athem entgegen, »richtig durchgebrannt. Er =muß= Sie gestern Abend erkannt haben. Der Lump ist mit allen Hunden gehetzt.«

»Und was jetzt?«

»Ich muß augenblicklich nach, denn der Postillon, der ihn gefahren hat, wird zurück sein und weiß jedenfalls die Station. Dort findet sich dann die weitere Spur.«

»=Mit= der Donna?«

»Nein, die ist zurückgeblieben, die überlasse ich jetzt Ihnen. Wahrscheinlich hat sie auch einen Theil von Ihres Vaters Geldern in Verwahrung -- jedenfalls den Schmuck. -- Hier ist der Verhaftsbefehl für Kornik und seine Begleiterin -- mir kann er doch nichts helfen, denn er gilt, von den Frankfurter Behörden ausgestellt, nur für das hiesige Gebiet. Das ist eine verzweifelte Wirthschaft in Deutschland, wo ein Mann in einer einzigen Stunde in drei verschiedener Herren Länder sein kann.

»Aber wie bekomme ich heraus, ob das auch in der That jene berüchtigte Miss Fallow ist, bester Hamilton? Die Flucht des Grafen, wenn er wirklich geflohen, bleibt allerdings sehr verdächtig und ich zweifle kaum, daß Sie auf der richtigen Fährte sind, aber es -- wäre doch eine ganz fatale Geschichte, =wenn= wir es nicht mit den rechten Leuten zu thun hätten, und jetzt einer wildfremden und ganz unschuldigen Dame Unannehmlichkeiten bereiteten.«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen!« lachte Hamilton. »Daß ich Ihnen aus diesem Grafen Kornikoff den richtigen und unverfälschten Kornik herausschäle, darauf können Sie sich fest verlassen, und dies junge, wirklich wunderhübsche Geschöpf, was ihn begleitet, hätte sich dem Lump auch nicht an den Hals geworfen, wenn sie nicht schon vorher durch ein =Verbrechen= mit einander verbunden gewesen wären. Nein, die einzige Sorge, die ich habe, ist die, daß =Ihnen= die junge Dame einmal ebenso eines Morgens unter den Händen fortschlüpft, wie ich mir in fabelhaft alberner Weise habe den Hauptschuldigen entwischen lassen, und wenn ich ihn nicht wieder bekäme, wäre das ein Nagel zu meinem Sarg. Aber noch hab' ich Hoffnung -- ich =kenne= den Herrn jetzt, denn ich habe ihn mir =genau= angesehen und wenn er sich wirklich auch den schwarzen Schnurrbart abrasirte und die blaue Brille in die Tasche steckte, so denke ich ihm doch auf den Hacken zu sitzen, ehe er es sich versieht.«

»Er wird direkt über die Grenze nach Frankreich fliehen.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, denn Geld genug hat er bei sich, aber dagegen hilft der Telegraph. An die beiden Grenzstationen werde ich jetzt vor allen Dingen genau telegraphiren, und wenn ich da nur ein Wort mit einfließen lasse, daß der Herr mit dem Revolutionscomité in London in Verbindung stände, passen sie auf wie die Heftelmacher.«

»Und sie wollen dem Kornik nach?«

»Augenblicklich, so wie ich die Depeschen befördert habe. Ich nehme jetzt ohne weiteres Extrapost und treffe ich ihn, so telegraphire ich ungesäumt.«

»Und ich lasse unterdessen die Dame verhaften?«

»Das ist das Sicherste. Sie können ja Bürgschaft leisten, wenn es verlangt werden sollte. Auf dem Gerichte finden Sie auch Jemand, der englisch spricht.«

»Abscheuliche Geschichte,« murmelte der junge Burton zwischen den Zähnen, »daß uns der Lump auch gestern Abend gerade so zur unrechten Zeit in den Weg laufen mußte.«

»Das ist jetzt nicht zu ändern,« rief aber der weit entschiednere Hamilton -- »wir haben immer noch Glück gehabt, das Volk Hühner so rasch anzutreffen und zu sprengen. Jetzt halten Sie nur Ihren Part fest, und ich glaube Ihnen garantiren zu können, daß ich =meine= Hälfte ebenfalls zur rechten Zeit einbringe.«

»Und wissen Sie gewiß, daß Kornik die Stadt verlassen hat?«

»Gar kein Zweifel -- aber das erfahre ich ja auch gleich auf der Post. Jetzt wollen wir nur noch einmal hinunter und sehen, ob wir nichts mehr von der Donna zu hören bekommen.«

Es war in der That das Einzige, was sie thun konnten. Sie fanden die Thür aber wieder geschlossen und Hamilton wandte sich unten an den Oberkellner, um womöglich etwas Näheres zu erfahren.

»Ach, Oberkellner, meine Rechnung -- ich reise ab.«

»Zu Befehl, mein Herr --«

»Apropos, was war denn das heute Morgen für ein Lärm auf Nr. 7? Meine schöne Nachbarin schien ja sehr in Eifer.«

Der Oberkellner lächelte.

»Der Herr Gemahl hat die Nacht eine kleine Extrafahrt gemacht und die Dame scheint eifersüchtig zu sein.«

»Es scheint als ob er heimlich auf und davon gegangen wäre,« sagte Mr. Burton leise zu Hamilton. Dieser zuckte die Achseln.

»Gott weiß es,« erwiderte er, »aber das werden Sie jetzt herausbekommen. Lassen Sie sich nur nicht etwa von Thränen rühren, denn wir haben es hier mit einer abgefeimten Kokette zu thun, der auch Thränen zu Gebote stehen, wenn sie dieselben braucht. Ich aber darf keinen Augenblick Zeit mehr verlieren. Auf die Koffer in Korniks Zimmer legen Sie augenblicklich Beschlag und lassen sie visitiren. Kornik hat wahrscheinlich alle Papiere entfernt und mitgenommen; aber in der Eile bleibt doch noch manchmal ein oder die andere Kleinigkeit zurück, die leicht zum Verräther wird.«

»Und wenn sie sich weigert? -- wenn sie sich auf ihren Rang, vielleicht sogar auf einen, wer weiß wie erhaltenen Paß beruft? Die Behörden hier werden sie in Schutz nehmen.«

»Gott bewahre,« sagte Hamilton, »Sie haben ja das Duplicat unserer englischen Vollmachten mit der Personalbeschreibung der beiden Verbrecher in Händen. Korniks Flucht hat ihn dabei schon verdächtig gemacht und das wenigste, was man Ihnen zugestehen kann, ist eine Durchsuchung der Effecten im Beisein eines Polizeibeamten, und dann die Detenirung der Person selber in Frankfurt, bis ich mit ihrem Helfershelfer zurückkomme. In dem Fall können Sie dieselbe meinetwegen -- natürlich unter polizeilicher Aufsicht -- so lange hier im Hotel lassen.«

»Eine unangenehme Geschichte bleibt es immer,« sagte Mr. Burton, mit dem Kopf schüttelnd.

»Unangenehm, _by George_,« lachte Hamilton -- »bedenken Sie, daß 20,000 Pfd. Sterling Ihres Geschäfts dabei auf dem Spiel stehen, von dem Schmuck, der ebenfalls auf 3000 taxirt ist, gar nicht zu reden. Und nun ade; hoffentlich bringe ich Ihnen bald den Patron selber. Verlassen Sie nur die Stadt nicht« -- und mit den Worten rasch zu dem kleinen Stehpult tretend, hinter welchem sich der Oberkellner befand, berichtigte er seine Rechnung und sprang gleich darauf draußen in eine Droschke, um seine Verfolgung anzutreten.

IV.

Die schöne Fremde.

Mr. Burton blieb in einer nichts weniger als behaglichen Stimmung zurück, denn er hatte ganz plötzlich die =Leitung= einer Angelegenheit bekommen, in der er bis jetzt nur gedacht hatte als Zeuge, und vielleicht als Kläger aufzutreten.

James Burton war überhaupt der Mann nicht, in irgend einer Angelegenheit entschieden und selbständig zu =handeln=; er verhielt sich am liebsten passiv.

In einer der ersten bürgerlichen Familien seines Vaterlandes erzogen, in den besten Schulen herangebildet, in der besten Gesellschaft aufgewachsen, war er von edlem, offenem Charakter, dem sich ein gesunder Verstand und ein weiches Herz paarte. Das letztere lief ihm aber nur zu oft mit dem ersteren davon, und selber unfähig eine unrechtliche Handlung zu begehen, gab es für ihn auch nichts Schrecklicheres auf der Welt, als solche einem anderen zuzutrauen.

Nichtsdestoweniger bekam er es hier mit einer nicht wegzuläugnenden Thatsache zu thun, denn William Kornik, von seinem Vater mit Wohlthaten überhäuft und in eine ehrenvolle und einträgliche Stellung gebracht, hatte das Vertrauen seines Hauses auf eine so nichtswürdige Weise getäuscht und mißbraucht, daß ein Zweifel an seiner Unehrlichkeit nicht mehr stattfinden konnte. Gegen diesen würde er auch mit rücksichtsloser Strenge vorgegangen sein, aber jetzt bekam er plötzlich den Auftrag, gegen eine =Frau= einzuschreiten, deren Betheiligung an dem Raub allerdings wahrscheinlich, aber keineswegs völlig erwiesen war. Und doch sah er auch recht gut ein, daß Hamilton Recht hatte, wenn er verlangte, die jedenfalls sehr verdächtige Person wenigstens so lange fest und unter Aufsicht zu halten, bis er mit dem wirklichen Verbrecher zurückkehren könne. Nur daß =ihm= dazu der Auftrag geworden, war ihm fatal, und er hätte vielleicht eine große Summe Geldes gegeben, um sich davon loszukaufen, aber das ging eben nicht, und es blieb ihm nichts andres übrig, als sich der einmal übernommenen Pflicht nun auch nach besten Kräften zu unterziehen. Er hoffte dabei im Stillen, daß die Dame sehr stolz und frech gegen ihn auftreten würde, und war fest entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Um den verbrecherischen Erwerb des Geldes =mußte= sie ja wissen, sie wäre sonst nicht heimlich mit ihm geflohen, und wenn sich dann auch noch herausstellte, daß sie den Schmuck der Lady Clive entwendet hatte, dann brauchte er auch weiter kein Mitleiden mit ihr zu haben, und jede Rücksicht hörte von selbst auf.

Nichtsdestoweniger konnte er sich doch nicht entschließen, die Höflichkeit soweit außer Acht zu lassen, als sich vor zwölf Uhr bei ihr melden zu lassen. Aber er traute ihr deshalb doch nicht; denn Mr. Kornik war ihm auf viel zu rasche Art abhanden gekommen, um nicht etwas Aehnliches auch von seiner Frau oder Gefährtin zu fürchten. Er ging deshalb, sehr zum Erstaunen des Portiers, der gar nicht wußte, was er von dem unruhigen Gast denken sollte, und ihn frug, ob er vielleicht Zahnschmerzen habe, die langen Stunden theils auf dem Vorsaal, theils auf der Treppe auf und ab -- denn das verzweifelte Haus hatte ja zwei Ausgänge -- und horchte verschiedene Male oben an der Thür, um sich zu versichern, daß nicht der zweite Vogel ebenfalls heimlich ausgeflogen sei.

Aber diese Furcht schien grundlos zu sein. Das Stubenmädchen, dem er auf der Treppe begegnete, brachte das Frühstück hinauf, ein Glas Madeira und ein Beefsteak, die verlassene Frau nahm also noch substantielle Nahrung zu sich, und als es endlich auf sämmtlichen Frankfurter Uhren -- was bekanntlich eine lange Zeit dauert -- zwölf geschlagen hatte, faßte er so viel Muth, der Dame seine Karte hinaufzuschicken und anfragen zu lassen, ob er das Vergnügen haben könne, ihr seine Aufwartung zu machen.

Das klang allerdings nicht wie das Vorspiel einer criminellen Untersuchung, aber die gewöhnlichen Gesetze der Höflichkeit durften doch auch nicht außer Acht gelassen werden. Höflichkeit schadet nie, und man hat dadurch oft schon mehr erreicht, als durch sogenannte gerade Derbheit, was man im gewöhnlichen Leben auch wohl =Grobheit= nennt.

Die Antwort lautete umgehend zurück, daß die Dame sich glücklich schätzen würde, ihn zu begrüßen und nur noch um wenige Minuten bäte, um ihre Morgentoilete zu beenden.

Die wenigen Minuten dauerten allerdings noch eine reichliche halbe Stunde, aber Mr. Burton war gar nicht böse darüber, denn er bekam dadurch nur noch so viel mehr Zeit sich zu sammeln, und sich ernstlich vorzunehmen, diese Person allerdings mit jeder Artigkeit, aber auch mit jeder, hier unumgänglich nöthigen Strenge zu behandeln. Was half es auch, Rücksicht auf ein Wesen zu nehmen, das sich an einen Menschen wie diesen Kornik soweit weggeworfen hatte, sogar Theilnehmerin seiner =Verbrechen= zu werden. Dabei überlegte er sich auch, daß es weit besser sein würde, im Anfang keine einzige Frage derselben zu beantworten, sondern vor allen Dingen erst alles herauszubekommen, was =sie= wußte. Volle Aufrichtigkeit konnte allein ja auch jetzt ihre Strafe mildern und ihrem Vergehen das Gehässige der Verstocktheit nehmen, und durch =ihr= Geständniß bekamen sie außerdem gleich ein Hauptzeugniß gegen den jetzt noch flüchtigen Verbrecher.

Mitten in diesen Betrachtungen wurde er durch die Klingel auf Nr. 7 gestört, die den Kellner herbeirief. -- Dieser erschien gleich darauf wieder und meldete Herrn Burton, die Dame erwarte ihn.

Also der Augenblick war gekommen, und mit festen Schritten stieg er die Treppe hinan. Wußte er doch auch schon vorher, wie er die Dame finden würde, die so ewig lang gebraucht hatte, ihre Toilette zu machen: im vollen Staat natürlich, um ihm zu imponiren und jede Frage nach einer begangenen Schuld gleich von vorn herein abzuschneiden. Aber er lächelte trotzig vor sich hin, denn er wußte, daß eine derartige plumpe List bei ihm nicht das Geringste helfen würde. Er ließ sich eben nicht verblüffen.

Mit festen Schritten stieg er die Stufen hinan und klopfte an -- aber doch nicht zu laut. »_Walk in_,« hörte er von einer fast schüchternen Stimme rufen, und als er die Thür öffnete, blieb er ordentlich bestürzt auf der Schwelle stehen, denn vor sich sah er das lieblichste Wesen, das er in seinem ganzen Leben noch mit Augen geschaut.

Mitten in der Stube stand die junge Fremde -- nicht etwa in voller Toilette, mit Schmuck und Flittertand behangen, wie er eigentlich gehofft hatte sie zu finden, sondern in einem einfachen, schneeweißen Morgenanzug, der ihre Schönheit nur um so reizender erscheinen ließ, und während ihr blaues Auge feucht von einer halbzerdrückten Thräne schien, streckte sie dem Eintretenden die Hand entgegen und sagte, mit vor Bewegung zitternder Stimme:

»Sie sendet mir der liebe Gott, mein Herr -- Ihr Name ist mir zwar fremd, aber aus Ihrer Karte sehe ich, daß Sie ein Landsmann sind, also ein Freund, der mich in der größten Noth meines Lebens trifft, und mir gewiß, wenn er nicht helfen kann, doch rathen wird.«

»Madam,« sagte der junge Burton, durch diese keineswegs erwartete Anrede ganz außer Fassung gebracht, indem er die ihm gereichte Hand nahm und fast ehrfurchtsvoll an seine Lippen hob, »ich -- ich begreife nicht recht -- ich gestehe, daß ich -- Sie entschuldigen vor allen Dingen meinen Besuch.«

»Ich würde Sie darum gebeten haben,« sagte die junge Frau herzlich, »wenn ich gewußt hätte, daß ein Landsmann mit mir unter einem Dache wohnt; aber das Fremdenbuch, das ich mir heute Morgen bringen ließ, zeigte keinen einzigen englischen Namen -- doch ich darf nicht selbstsüchtig sein,« unterbrach sie sich rasch -- »Sie sind da -- ich sehe in dem edlen Ausdruck Ihrer Züge, daß ich auf Ihren Beistand rechnen kann, und nun erst vor allen Dingen, =Ihre= Angelegenheit. Lösen Sie mir das Räthsel, das Sie, einen vollkommen Fremden, gerade in dieser Stunde zu mir hergeführt -- und bitte, nehmen Sie Platz -- oh verzeihen Sie der Aufregung, in der Sie mich gefunden, daß ich Sie schon so lange hier im Zimmer habe stehen lassen.«

Damit führte sie ihn mit einfacher Unbefangenheit zu dem kleinen mit rothem Plüsch überzogenen Sopha und nahm dicht neben ihm Platz, so daß es dem jungen Manne ganz beklommen zu Muthe wurde. Auch die Frage diente nicht dazu, ihm seine ruhige Ueberlegung wieder zu geben, denn konnte er =dem= Wesen neben ihm jetzt mit kalten, dürren Worten sagen, daß er hierher gekommen sei, um sie des =Diebstahls= zu bezüchtigen und in Haft zu halten? Es war ordentlich als ob ihm die innere Bewegung die Kehle zusammenschnürte und er brauchte geraume Zeit, um nur ein Wort des Anfangs zu finden.

Die junge Frau an seiner Seite ließ ihm dabei vollkommen Zeit sich zu fassen, und nur wie schüchtern blickte sie ihn mit ihren großen seelenvollen Augen an. Und diese Augen sollten jemals die Helfershelfer eines Verbrechens gewesen sein? Es war nicht möglich; Hamilton hatte den größten nur denkbaren Mißgriff gemacht, und ihn selber jetzt in eine Lage gebracht, wo er mit Vergnügen tausend Pfund Sterling bezahlt hätte, um nur mit Ehren wieder heraus zu sein.

Endlich fühlte er aber doch, daß er nicht länger schweigen konnte, ohne sich lächerlich zu machen, und begann, wenn auch anfangs noch mit leiser, unsicherer Stimme.

»Madam -- Sie -- Sie müssen mich wirklich entschuldigen, wenn ich Sie von vornherein mit einer Frage belästige, die -- die eigentlich Ihren -- Ihren Herrn Gemahl betrifft -- dem auch -- dem auch vorzugsweise mein Besuch galt; denn ich würde nicht gewagt haben, =Sie= zu stören. Aber -- seine so plötzliche Abreise -- und mitten in der Nacht hat einen Verdacht erweckt, der --«

»Einen =Verdacht=?«

»Uebrigens,« lenkte Burton ein, da ihm plötzlich wieder beifiel, daß er ja vorher Alles hatte hören wollen, was die Dame =ihm= sagen würde, um danach sein eigenes Handeln zu regeln -- »hängt alles vielleicht mit dem zusammen, wegen dessen Sie selber meinen Rath verlangen, und wenn Sie nur die Freundlichkeit haben wollten --«

»Aber einen =Verdacht=?« -- sagte die junge Dame rasch und erschreckt, indem sie ihre zitternde Hand auf seinen Arm legte und in der gespanntesten Erwartung mit ihren schönen Augen an seinen Lippen hing. -- »Welcher Verdacht könnte auf ihm ruhen? -- In welcher Verbindung können Sie mit ihm stehen? Oh, spannen Sie mich nicht länger auf die Folter -- machen Sie mich nicht unglücklicher, als ich es schon bin. Ach, ich hatte ja gehofft, daß =Sie= gerade mir Hülfe und Trost bringen sollten; tragen Sie nicht dazu bei, meine Unruhe durch längeres Schweigen noch zu vermehren.«

Mr. Burton fand sich so in die Enge getrieben, daß er schon gar keinen möglichen Ausweg mehr sah. =Er= war ja auch eigentlich verpflichtet zuerst zu sprechen. =Er= hatte eine Unterredung mit ihr erbeten, nicht =sie= mit ihm, und wenn ihn auch ein wahrhaft verzweifelter Gedanke einmal einen Moment erfaßte, sich aus der ganzen Geschichte durch irgend eine Ausrede hinaus zu lügen, fiel ihm doch ums Leben nicht das Geringste, auch nur einigermaßen Glaubwürdige bei. Es blieb ihm also nichts übrig, als der jungen Dame -- natürlich so schonend wie das nur irgend geschehen konnte -- die Wahrheit zu sagen, und dabei war er auch im Stande zu sehen, welchen Eindruck die Beschuldigung auf sie machen würde -- danach wollte er dann handeln.

»Madam,« sagte er, aber noch immer verlegen -- »beruhigen Sie sich -- es wird sich ja noch alles aufklären. -- Ich selber -- ich bin ja fest überzeugt, daß =Sie= der -- unangenehmen Sache, um die es sich handelt, vollständig fern stehen. -- Es ist auch noch nicht einmal ganz fest bestimmt, ob ihr Herr -- Herr Gemahl auch wirklich jene Persönlichkeit ist, die wir suchen -- die ganze Sache kann ja möglicher Weise ein Irrthum sein, und nur der dringende Verdacht, den mein Begleiter gegen mich ausgesprochen hat, veranlaßt mich --«

»Aber ich verstehe Sie gar nicht,« sagte die junge Dame, und sah dabei gar so lieb und doch so entsetzlich unglücklich aus, daß ihm ordentlich das eigene Herz weh that.

»Ich =muß= deutlicher reden,« fuhr Mr. Burton fort, der sie nicht länger in dieser Aufregung lassen durfte. »Also hören Sie. Mein Name ist James Burton. Ich bin seit diesem Jahre Theilhaber der Firma meines Vaters Burton & Burton in London. Seit sieben Jahren hatten wir einen jungen Mann in unserm Geschäft, einen Polen, Namens Kornik, der sich durch seine Geschicklichkeit und Umsicht so in meines Vaters Vertrauen einschlich, daß er ihn vor zwei Jahren zu unserm Hauptcassirer machte. Mein Vater wußte nicht, daß er eine Schlange in seinem Busen nährte. Vor etwa acht Tagen verschwand dieser Mensch plötzlich aus London und zwar an einem Sonnabend Abend, wodurch er etwa vierzig Stunden Vorsprung bekam, denn da nicht der geringste Verdacht auf ihm lastete, fiel auch sein Ausbleiben am Montag Morgen nicht so rasch auf, wie das sonst vielleicht der Fall gewesen wäre. Nur weil mein Vater fürchtete, daß er könne unwohl geworden sein, schickte er in seine Wohnung hinüber, die sich unmittelbar neben uns befand, und hörte hier zu seinen Erstaunen, daß Mr. Kornik sowohl Sonnabend als auch Sonntag Abend nicht nach Hause gekommen sei.«

»Aber was, um Gottes Willen, habe ich mit dem allen zu thun?« unterbrach ihn die junge Dame, erstaunt mit dem Kopf schüttelnd.

»Erlauben Sie mir,« fuhr Mr. Burton, in der Erinnerung an das Geschehene wärmer werdend fort: »Der erste Gedanke meines Vaters war, daß ihm ein Unglück begegnet sein könne; ein anderer Commis aber in unserem Haus mußte doch etwas bemerkt haben, was ihm verdächtig vorkam. Er bat uns dringend, keine Zeit zu versäumen und die Kasse zu revidiren, und da stellte sich denn bald das Entsetzliche heraus, daß eine =sehr= bedeutende Summe fehlte, die, nach den über Tag eingegangenen Erkundigungen, gegen 20,000 Pfd. Sterling betrug.«