Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen.

Part 8

Chapter 83,734 wordsPublic domain

Der Fremde hatte sich, während der Mann sprach fast unwillkührlich den Koffer angesehen, auf dem er saß, und stand jetzt auf und las das kleine Messingschild. Es enthielt nur die zwei Worte »_Comte Kornikoff_.«

»Und wie sah der Herr aus, dem der Koffer gehörte?« frug er endlich.

»Oh, ein kleines, schmächtiges Männchen,« meinte der Packmeister, »mit einem pechschwarzen Schnurrbart und einer blauen Brille.«

»Wohin geht denn der Koffer heute?«

»Nach Frankfurt -- ich war ja ganz confus und glaubte, er ginge nach Cassel, weil ich gestern den Packwagen dorthin hatte.«

Wieder pfiff die Locomotive und während der Packmeister von seinem Geschäft in Anspruch genommen wurde, betrachtete der Fremde das Schild noch genauer, aber er sprach nichts weiter darüber und da sie gleich darauf in Treysa hielten, mußte er dort aussteigen und ein Billet lösen. Hier war auch eine große Zahl von Passagieren abgegangen und Platz genug geworden.

»Wohin fahren Sie?«

»Frankfurt --«

»Die vorderen Wagen.«

Der Fremde schritt an der Reihe hinauf und sah in die verschiedenen Coupés hinein. In dem einen saß ein Herr und eine Dame. Der Herr trug eine blaue Brille. Er öffnete sich selber die Thür, stieg ein, grüßte und nahm dann in der einen Ecke Platz.

Der Herr mit der blauen Brille schien das nicht gern zu sehen -- er schaute aus dem Wagenfenster als ob er einen Schaffner herbeirufen wollte, und warf dann einen forschenden Blick auf den Fremden. Dieser aber kümmerte sich nicht darum, legte seine kleine Reisetasche in das Netz hinauf und machte es sich dann vollkommen bequem.

»Bitte, Ihr Billet, mein Herr --«

»Hier --«

»Sie haben aber erste Klasse.«

»Es sitzen einige Damen erster Klasse,« sagte der Fremde, »und da ich den Herrn da rauchen sah, nahm ich =hier= Platz. Die Dame wird mir wohl das Anzünden einer Cigarre erlauben.«

Die letzten Worte waren, wie halb fragend an die Dame gerichtet, deren Gesichtszüge sich aber nicht im Geringsten dabei veränderten. Sie mußte den Sinn derselben gar nicht verstanden haben.

Der Schaffner coupirte das Billet und die Passagiere waren allein; da aber der Fremde der Artigkeit Genüge leisten wollte, nahm er seine Cigarrentasche heraus und aus dieser eine Cigarre und sagte dann noch einmal, sich an den Herrn wendend:

»Die Dame scheint meine Frage nicht verstanden zu haben. Sie erlaubt mir wohl, daß ich rauche?«

»Sprechen Sie Englisch?« frug der Herr in dieser Sprache zurück -- »ich verstehe kein Deutsch --«

»Ich muß sehr bedauern,« sagte der Fremde achselzuckend, aber wieder in deutscher Sprache. Die Unterhaltung war dadurch unmöglich geworden, die Pantomine indeß zu deutlich gewesen und der Herr mit der blauen Brille reichte dem, wie es schien eben nicht willkommenen Reisegefährten seine brennende Cigarre zum Anzünden, die dieser dankend annahm und dann zurückgab.

Die Dame hatte den Kopf halb abgewandt und sah zu dem geöffneten Fenster hinaus. Der Fremde warf unwillkürlich den Blick nach ihr hinüber und mußte sich gestehen, daß er selten, wenn je in seinem Leben, ein schöneres Gesicht, regelmäßigere Züge, feurigere Augen und einen tadelloseren Teint gesehen habe. Und wie schön mußte das Mädchen oder die Frau erst sein, wenn sie =lächelte=, denn jetzt zog eine Mischung von Trotz und Stolz -- vielleicht der Unwille über des Fremden Gegenwart, die fein geschnittenen Lippen zusammen und gab dem lieben Antlitz etwas Finsteres und Hartes, was ihm doch sonst gewiß nicht eigen war.

Ein kurzes Gespräch entspann sich jetzt zwischen dem Herrn und der Dame, auf welches der Fremde aber nicht zu achten schien, denn er nahm ein Eisenbahnbuch aus der Tasche und blätterte darin. Die Dame sagte, ohne jedoch den Blick von der Landschaft wegzuwenden, ebenfalls in englischer Sprache:

»Wer ist der Fremde?«

»Ich weiß es nicht,« lautete die Antwort, »aber wir brauchen uns seinetwegen nicht zu geniren; er versteht kein Englisch.«

»Aber er sieht englisch aus.«

»Bewahre,« lachte der Mann -- »er hat auch nicht ein einziges englisches Stück Zeug an seinem Körper -- die Reisetasche ist ebenfalls deutsch, gerade so wie sein Handbuch.«

»Er ist lästig, wir hätten erster Classe fahren sollen.«

»Liebes Herz, das schützt uns nicht vor Gesellschaft, denn der Herr hat ebenfalls ein Billet erster Classe und ist nur hier eingestiegen, weil er mich rauchen sah.«

»Dein fatales Rauchen.« -- Die Unterhaltung stockte und der Herr mit der blauen Brille warf noch einen prüfenden Blick nach seinem Reisegefährten hinüber, der aber gar nicht auf ihn achtete und sich vollständig mit seiner Cigarre und seinem Buch beschäftigte. Nur dann und wann hob er den Blick und schaute nach beiden Seiten auf die Landschaft hinaus und streifte dann damit, wenn auch nur flüchtig, den Fremden.

Es war eine kleine, aber zierliche schlanke Gestalt, sehr elegant, aber fast zu sorgfältig gekleidet, auch mit mehr Schmuck als ein wirklich vornehmer Mann zu zeigen pflegt. Die Hände aber hatten etwas wirklich Aristokratisches -- sie waren weiß und zart geformt und wenn er den Mund zum Sprechen öffnete, zeigte er zwei Reihen auffallend weißer Zähne. Sein Haar war braun und etwas gelockt, der Schnurrbart aber von tiefer Schwärze, jedenfalls gefärbt. Die Augen ließen sich nicht erkennen, da sie von der blauen Brille bedeckt wurden. Trotzdem aber, daß er nur englisch zu sprechen schien, war er vollkommen nach französischer Mode gekleidet. Nur die junge Dame trug in ihrem Putz und Reiseanzug den entschieden englischen Charakter, wie auch entschieden englische Züge. Ihren Begleiter würde man weit eher für einen Franzosen als für einen Sohn Albions gehalten haben.

Mehrere Stationen blieben die Drei allein in ihrem Coupé. Die Dame war müde geworden und hatte -- soweit es die Bewegung des Wagens erlaubte -- ein wenig geschlafen. In Gießen aber kamen noch eine Anzahl Passagiere hinzu und zwei von diesen, ein Herr und eine Dame, stiegen in dies nämliche Coupé. Wieder ein Paar Engländer und die Dame, wenn auch schon ziemlich in den Jahren, doch mit den unvermeidlichen, langen Hobelspahnlocken, die ihr vorn fast bis zum Gürtel nieder hingen; der Herr mit einem breitränderigen, schwarzen Filzhut, einem kleinen, sehr mageren Schnurrbart und einer Cigarre im Munde -- lauter continentale Reiseerinnerungen, die wieder fallen müssen, sobald der Eigenthümer derselben den Boden seines Vaterlandes aufs neue betritt.

Wenn sich die beiden Herren aber auch ziemlich kalthöflich gegeneinander verneigten, so schienen die Damen dagegen schon beim ersten Blick die gemeinsame Nationalität erkannt zu haben, und kaum saß die Neuhinzugekommene, als sie auch ein lebhaftes Gespräch mit ihrer jungen Nachbarin begann, an dem sich diese ebenfalls zu freuen schien, denn ihr Gemahl oder Begleiter hatte sie wenig genug unterhalten.

Engländer auf dem Continent -- wie könnte es ihnen auch an Stoff zur Unterhaltung fehlen -- Vereinigt sie nicht ein gemeinsames Leid und Elend? Werden sie nicht gleichmäßig von allen Wirthen, Kellnern, Droschkenkutschern, Gepäckträgern und Lohnbedienten geprellt, und =kann= ein wirklicher Engländer ohne Lohnbedienten auf dem Continent durchkommen, denn spricht er je die Sprache des Landes, auf dem er eine freie Zeit zubringen will? -- Unter hunderten kaum einer.

Das Gespräch -- sowie nur die ersten Fragen über woher und wohin erledigt waren, drehte sich auch nur um diesen Gegenstand, und der Herr mit dem breitkrämpigen Hut nahm bald lebhaften Theil daran.

Er kam mit seiner Frau natürlich von London, hatte vier Wochen zur Reise bestimmt, zwei davon schon nützlich verwandt, und schien fest entschlossen, auch die andern beiden noch daran zu setzen, um sich in jeder nur erreichbaren Stadt Deutschlands über die Wirthe im Einzelnen und das Volk im Allgemeinen zu ärgern, und dann mit dem stolzen Bewußtsein nach Hause zurückzukehren, daß es doch nur =ein= England in der Welt gäbe.

Die junge Frau kam, wie sie sagte, mit ihrem Mann von Hannover, wo sie ein Jahr bei Freunden zugebracht. Sie beabsichtigten jetzt auf einen Monat nach Frankfurt oder auch vielleicht in ein benachbartes Bad zu gehen, um ihre Gesundheit, die durch den längeren Aufenthalt in dem rauhen Lande angegriffen sei, wieder herzustellen.

»Und wo werden Sie in Frankfurt wohnen?«

Sie wußten es noch nicht -- der Herr mit dem breiträndrigen Hut schlug die »Stadt Hull« als ein sehr billiges, ihm besonders empfohlenes Gasthaus vor. Uebrigens könne man ja vorher über den Preis von »_board and lodging_« akkordiren -- =er= thäte das immer, wenn es auch ein wenig »schäbig« aussehe -- den deutschen Wirthen gegenüber sei man sich das aber schuldig.

Beide Parteien beschlossen deshalb, in Stadt Hull zu übernachten und gemeinschaftlich zu essen -- »es sei das billiger.« Morgen konnte man dann auch zusammen einen Lohnbedienten nehmen, und sparte dadurch die halbe Auslage -- der morgende Tag würde überhaupt ein sehr angestrengter werden, denn es gab in Frankfurt -- nach Murray -- eine Unmasse von Sehenswürdigkeiten, die nun einmal durchgekostet werden =mußten=, wenn man nicht die Reise umsonst gemacht haben wollte.

Der Herr mit der blauen Brille hatte sich nicht sehr an der Unterhaltung betheiligt. Er schien keine Freude daran zu finden. Auch die Aufforderung, gemeinsam in Stadt Hull zu logiren, beantwortete er zweideutig, während die junge Dame augenblicklich bestimmt zusagte. Dann lehnte er sich in seine Ecke zurück und schlief -- er verhielt sich wenigstens von da an vollkommen ruhig, wenn man auch der blauen Brillengläser wegen nicht einmal sehen konnte, ob er nur die Augen geschlossen hielt.

Es war indessen dunkel geworden -- die übrigen Passagiere wurden ebenfalls müde, und nur auf der vorletzten Station unterbrach der Schaffner noch einmal die Stille, indem er die Billete nach Frankfurt abforderte.

Der Fremde mit der blauen Brille schien wirklich eingeschlafen zu sein. Er fuhr, als ihn der Schaffner, der neben ihm durch das Fenster sah, auf die Schulter klopfte, ordentlich wie erschreckt in die Höhe und sah sich wild und verstört um -- er hatte jedenfalls geträumt, und suchte dann, als er begriff was man von ihm wolle, in der Westentasche nach seinem Billet.

Ein kleiner weißer Streifen Papier fiel dabei auf die Erde und der Fremde mit der Reisetasche, der jenem schräg gegenüber saß, stellte den Fuß darauf. Dann war wieder alles still; der mit der blauen Brille lehnte sich in seine Ecke zurück und sein halbes _Vis-à-vis_ nahm sein Taschentuch heraus, ließ es wie zufällig fallen und hob den Zettel damit auf -- es war der Gepäckschein.

Bald darauf rasselte der Zug mit einem markdurchschneidenden Pfeifen -- daß Einem die eigene Lunge weh that, wenn man es nur hörte -- in den Frankfurter Bahnhof ein, und der Fremde mit der kleinen Reisetasche war der erste, der aus dem Wagen sprang und zu dem Güterkarren eilte. Hatte er indessen unredliche Absichten dabei gehabt, so sollte er die vereitelt sehen, denn es dauerte eine Ewigkeit, bis der, wie es schien, wohlgemerkte Koffer, auf den der Schein lautete, zum Vorschein kam, und bis dahin war der rechtmäßige Eigenthümer schon ebenfalls herbei gekommen und erkannte sein Gepäck. Vergebens suchte er indessen in allen Taschen nach seinem Schein und fluchte auf deutsch, englisch und französisch, daß ihm die Beamten sein Gepäck nicht ohne denselben ausliefern wollten.

Der Fremde hatte sich etwas zurückgezogen und stand im Schatten eines Pfeilers -- jedenfalls machte er da die Entdeckung, daß der Herr mit der blauen Brille nicht allein vollkommen gut deutsch, sondern auch französisch sprach, und sich in beiden Sprachen erbot, seine Koffer zu öffnen und dadurch zu beweisen, daß er der Eigentümer sei.

Der Inspektor kam endlich heran und ersuchte ihn sehr artig, nur so lange zu warten, bis das übrige Gepäck fortgenommen sei; wenn er dann die passenden Schlüssel producire, möge er seine Koffer mit fortnehmen.

Der Fremde zeigte Anfangs viel Ungeduld, und erklärte mit dem nächsten Zuge nach Mainz noch weiter zu wollen, der Inspektor bedeutete ihm aber, daß er dann hätte besser auf seinen Gepäckschein Acht geben sollen -- den Zug nach Mainz erreiche er indessen doch nicht mehr, da derselbe schon vor einer Viertelstunde abgegangen, weil sich der Schnellzug verspätet habe. Es blieb ihm zuletzt kein anderer Ausweg, als dem gegebenen Rath zu folgen, und als seine Koffer wirklich zurückgeblieben, und er sich durch seine Schlüssel als der rechtmäßige Eigenthümer legitimiren konnte, bekam er endlich sein Gepäck und ließ es -- einen großen und einen kleineren Koffer -- in die durch die Dame schon in Besitz genommene offene Droschke schaffen.

Dicht dahinter hielt noch eine verschlossene Droschke =ohne= Gepäck; sonst hatten sämmtliche Wagen, selbst die Omnibusse, schon die Bahn verlassen, und der Kutscher fuhr jetzt, auf die Anweisung des Reisenden, nicht nach der Stadt Hull, sondern nach dem »_Hôtel Methlein_.«

Die andere Droschke folgte in etwa zwanzig Schritt Entfernung nach, und hielt, als die erste in den Thorweg einfuhr. Ein Reisender mit einer kleinen Reisetasche in der Hand stieg aus, befahl dem Droschkenkutscher zu warten, und betrat dann zu Fuß das nämliche Hotel.

Dort angekommen legte der Reisende nur eben in dem ihm bezeichneten Zimmer sein geringes Gepäck ab, bestellte sich unten im Speisesaal etwas zu essen und verließ dann noch einmal das Hotel, um nach dem Telegraphenbureau zu fahren. Dort gab er folgende Depesche auf:

_Mr. Burton, Union Hôtel, Hannover._

Ist ein Graf Kornikoff ein Jahr in Hannover gewesen? -- Fremdenliste nachsehen. Kommen Sie so rasch als möglich hierher. -- Bin ich abgereist, liegt ein Brief im Hotel. --

_H._

Dann kehrte er ins Hotel zurück und verzehrte sein Abendbrod, das ihm der Kellner brachte.

Der Saal war leer; nur vier Herren saßen an einem Tisch und schienen, schon ziemlich angetrunken, den Geburtstag des einen zu feiern, der mit schwerer Zunge noch eine Flasche moussirenden Rheinwein bestellte. Um den Fremden bekümmerte sich Niemand.

Dieser aß das ihm vorgesetzte Beefsteak, trank seine Flasche Wein dazu und wartete es ruhig ab, bis ihm der Kellner das Fremdenbuch brachte. In dasselbe schrieb er sich ein als W. Hallinger, Particulier aus Breslau und blätterte dann die Seiten nach den dort eingetragenen Namen durch.

Ganz zuletzt -- dicht über seinem eigenen Autograph -- standen seine Reisegefährten eingetragen: »Comte Kornikoff und Frau, aus Petersburg -- von Hannover nach Frankfurt.«

Der Kellner hatte dabei bemerkt Nr. 6 und 7.

»Wollen Sie morgen früh geweckt sein?« frug ihn der Portier, als er seine Flasche beendet und seine Cigarre ausgeraucht hatte, und eben im Begriff stand zu Bett zu gehen.

»Wann geht der erste Zug?«

»Wohin?«

»Nach Mainz oder Wiesbaden.«

»Sechs Uhr.«

»Gehen da noch mehrere Passagiere ab?«

»Jawohl,« erwiederte der Portier, auf die für den Hausknecht bestimmte Tafel zeigend -- »Nr. 5, Nr. 17 und Nr. 37 lassen sich wecken. Soll ich Sie ebenfalls notiren?«

»Ach, ich weiß nicht; ich bin müde heut Abend. Ich werde wohl erst mit dem zweiten Zug fahren.«

»Sehr wohl, mein Herr -- Kellner, Licht auf Nr. 8. Angenehme Ruhe.«

Der Fremde stieg auf sein Zimmer hinauf und sah vor Nr. 7 ein Paar Herrenstiefeln und ein Paar lederne Damenschuhe stehen. Im Hotel schlief aber schon alles; es war spät geworden, da sich der Zug überhaupt verspätet hatte und der »Particulier Hallinger« suchte ebenfalls sein Lager.

II.

Der Bundesgenosse.

Am nächsten Morgen war der Fremde, der sich in dem Fremdenbuch als Particulier Hallinger eingeschrieben hatte, trotzdem daß er nicht geweckt wurde, ziemlich früh wieder munter, aber es schlug 8 Uhr, und die Stiefel und die Damenschuhe standen noch immer vor Nr. 7, ohne hereingeholt zu sein. Erst gegen neun Uhr schienen die Insassen jenes Zimmers ordentlich munter zu werden, und um halb zehn Uhr wurde Kaffee bestellt. Aber erst gegen zwölf Uhr ging der Herr aus, und zwar allein -- die Dame blieb auf ihrem Zimmer. Wie der Kellner aussagte, fühlte sich die Dame nicht ganz wohl, und wollte heute ausruhen -- er hatte wenigstens nicht in das Zimmer gedurft, und das Stubenmädchen mußte den Kaffee hinein tragen. Wahrscheinlich lag sie noch im Bette.

Der Fremde blieb übrigens den ganzen Tag zu Haus, und schickte nur einen Brief an _Messrs. Burton & Burton, London, 12 Fleetstreet_ durch den Hausknecht auf die Post. Thatsache war übrigens, daß er sich ungemein für seine Nachbarschaft zu interessiren schien, denn als der Herr wieder nach Hause kam, rückte er sich leise einen Stuhl an die verschlossene Verbindungsthür und horchte stundenlang mit einer merkwürdigen Ausdauer dem da drüben gehaltenen Gespräch, jedoch ohne besonderen Nutzen. Die laut gesprochenen Worte waren vollständig gleichgültiger Natur, und das andere konnte er eben nicht verstehen.

Zu Mittag aß er an der Table d'hôte, aber von Nr. 6 oder 7 ließ sich niemand dabei blicken. Die Dame schien sich noch angegriffen von der Reise zu fühlen und Beide speisten auf ihrem Zimmer.

Erst Nachmittags begegnete er dem »Grafen Kornikoff« auf der Treppe und dieser sah ihn etwas überrascht durch seine blaue Brille an. Der Fremde heuchelte aber vollständige Gleichgültigkeit, nahm nicht die geringste Notiz von ihm, und that wenigstens so, als ob er ihn gar nicht wieder erkenne.

So verging der Tag, ohne daß die beiden Reisenden Miene gemacht hätten, Frankfurt wieder zu verlassen. Der Oberkellner, mit dem sich Herr Hallinger über die »bildschöne junge Frau« unterhielt, wußte wenigstens nicht das Geringste davon. Abends aber, als der Schnellzug von Hannover erwartet wurde, ging Hallinger hinaus auf den Bahnhof, und brauchte, als der Zug endlich einlief, auch nicht lange nach dem Erwarteten zu suchen. Dieser hatte ihn schon von seinem Coupé aus bemerkt und kam rasch auf ihn zu.

»Hamilton! nun, was Neues?«

»Ich glaube, ich bin auf der richtigen Spur, Mr. Burton,« sagte dieser, indem er achtungsvoll seinen Hut berührte. »Aber wo ist Ihr Gepäck?«

»Nichts als die Reisetasche hier.«

»Desto besser, auf der Jagd darf man nicht unnöthigen Plunder mitschleppen. Kommen Sie, ich habe schon eine Droschke«.

»Gehen wir nicht lieber zu Fuß?«

»Es ist zu weit -- und fahren ist sicherer.«

»Und was =haben= Sie nun entdeckt?« frug der junge Engländer, als Beide eingestiegen waren und davon rasselten -- die Unterhaltung wurde auch in englischer Sprache geführt.

»Das will ich Ihnen mit kurzen Worten sagen,« berichtete der fälschlich als deutscher Particulier eingetragene Fremde. »Durch einen reinen Zufall war ich genöthigt, ein Paar Stationen in einem Packwagen zu fahren, und fand dort einen Koffer, dessen Messingschild den Namen »_Comte Kornikoff_« trug.«

»Und Sie glauben, daß jener Schuft Kornik dahinter stecke?«

»Durch den Namen allein wäre ich vielleicht nicht einmal darauf gefallen,« fuhr Hamilton fort, »aber das französische Wort _Comte_ war jedenfalls später zu dem Namen gravirt, denn es nahm nicht den Raum ein, den ihm der Graveur gegeben hätte, wenn er es von Anfang an darauf gesetzt. Ebenso schien das _off_ hinzugefügt.«

»Und die Beschreibung des Eigenthümers paßt?« rief Mr. Burton rasch.

»Ja und nein. Wohl in der Gestalt, aber sonst nicht ganz; der dunkelblonde Backenbart fehlt«.

»Der kann abrasirt sein.«

»Das ist möglich -- aber er trägt einen vollkommen schwarzen Schnurrbart und eine blaue Brille«.

»Der Schnurrbart ist vielleicht gefärbt.«

»Das vermuthe ich selber. -- Die Dame ist bei ihm.«

»Miss Fallow?«

»Unter dem Namen der Gräfin Kornikoff natürlich, -- wenn das nämlich der von uns Gesuchte ist. Sie kennen ihn doch genau?«

»Als ob er mein leiblicher Bruder wäre. Er war ja sieben Jahre in meines Vaters Haus und die beiden letzten als Hauptcassirer, wo er sich -- wer weiß durch was, verleiten ließ, diesen bedeutenden Kassendiebstahl zu begehen.«

»Wahrscheinlich durch eben diese junge Dame,« sagte Hamilton, »von der ich ganz allerliebste Sachen gehört habe. Ihr eigentlicher Name ist Lucy Fallow, Tochter eines Schneidermeisters in London, aber die Eltern sind beide todt. Es sollen ganz ordentliche Leute gewesen sein. Das junge Mädchen hatte, ihres anständigen Benehmens wegen und da sie wirklich nicht ungebildet ist, ein Paar Jahr mit einer vornehmen Familie reisen können, und dann später auch noch hie und da Unterricht in Musik gegeben. Dadurch kam sie auch in Lady Clives Haus, von wo aus sie jetzt beschuldigt wird, einen sehr werthvollen Schmuck entwendet zu haben.«

»Der sich dann vielleicht in ihrem Koffer findet.«

»Beinah hätte ich diese beiden Koffer erwischt,« lächelte Hamilton leise vor sich hin, »aber ich durfte kein Aufsehen erregen, bis ich nicht durch =Sie= hier Gewißheit über die Persönlichkeit erlangen konnte. Die Dame kennen Sie nicht selber?«

»Nein -- ich habe sie nie gesehen.«

»Und von einem Grafen Kornikoff in Hannover auch nichts gehört?«

»Nicht das Geringste. Kein Mensch wußte dort etwas von ihm, und er stand nicht einmal in einem Fremdenblatt. Er kann nur durchgereist sein, und Sie werden gewiß die richtige Spur gefunden haben. Uebrigens müssen wir vorher die nöthigen Schritte auf der Polizei thun.«

»Ist schon alles geschehen,« sagte Hamilton. »Ich habe den Verhaftsbefehl für das Pärchen schon in der Tasche, und den Burschen mit seiner Donna fest, sowie Sie mir nur bestätigen, daß er der Rechte ist.«

»Ich hätte im Leben nicht geglaubt,« sagte Mr. Burton, »daß Sie dem Betrüger sobald auf die Spur kämen. Es geht alles nach Wunsch. Apropos, haben Sie denn die Dame auch zu sehen bekommen?«

»Ich bin ja mit ihnen in =einem= Coupé gefahren,« lachte Hamilton, »und sie ahnten dabei wahrscheinlich nicht, daß sie einen geheimen Polizisten bei sich im Wagen hatten. Nun ich denke, wir werden noch länger Reisegefährten bleiben. Aber da sind wir -- jetzt haben wir nur darauf zu sehen, daß uns die Herrschaften nicht etwa morgen in aller Früh durchbrennen. Wollen wir gleich auf Ihr Zimmer gehen?«

»Ich muß erst etwas essen; ich bin ganz ausgehungert.«

»Schön -- dann kommen Sie mit in den Speisesaal, wir finden ihn um diese Zeit fast leer.«

Sie bogen rechts ein, um den Saal zu betreten. Als aber Hamilton die Hand nach der Thür ausstreckte, öffnete sich diese, und Graf Kornikoff trat heraus, warf einen flüchtigen Blick auf die Beiden und schritt dann langsam über den Vorsaal, der Treppe zu.

»Das war er,« flüsterte Hamilton seinem Begleiter zu -- »wenn er Sie nur nicht erkannt hat.«

Unwillkührlich drehte Burton den Kopf nach ihm um, konnte aber die schmächtige Gestalt des Herrn nur noch sehen, wie er eben um die Ecke bog, ohne jedoch dabei zurückzuschauen.

»Das glaub ich kaum,« sagte Burton, »denn der Moment war zu rasch, und dann hätte er doch auch jedenfalls irgend ein unwillkürliches Zeichen der Ueberraschung gegeben. In der Verkleidung und mit der blauen Brille und dem schwarzen Schnurrbart würde ich selber aber nie im Leben diesen Mr. Kornik vermuthet haben. Wenn Sie sich nur nicht geirrt, denn in dem Fall versäumen wir hier viel Zeit.«

»Ist es denn nicht wenigstens seine Gestalt?« frug Hamilton.

»Die nämliche Gestalt allerdings,« bestätigte Burton, »aber das Gesicht konnte ich -- unvorbereitet wie ich außerdem war -- unmöglich in der Geschwindigkeit erkennen. Wann geht der erste Zug morgen früh?«

»Erst um sechs Uhr.«

»Ah, dann ist ja voller Tag,« sagte Burton, »und im schlimmsten Fall halten wir ihn mit Gewalt zurück. Wäre es aber nicht besser, wir äßen auf unserem Zimmer?«

»Jetzt kommt er nicht mehr herunter,« meinte Hamilton. »Jedenfalls setzen Sie sich mit dem Rücken der Thür zu, und wenn er dann ja noch einmal den Saal betreten sollte, so werde ich bald sehen, was er für ein Gesicht dabei macht.«

Hamilton hatte übrigens Recht. Graf Kornikoff ließ sich nicht mehr blicken und als die Beiden ihr Abendbrod beendet hatten, gingen sie auf Mr. Burtons Zimmer hinauf, das einen Stock höher als Hamiltons lag, um dort noch Manches zu besprechen.