Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen.

Part 7

Chapter 73,719 wordsPublic domain

»Schön,« nickte der Doctor vor sich hin, »wenn ich nun hier mit meinem Zauberstab« und er hob seinen Stock, den er noch in der Hand hielt, »Ihnen selber die Erscheinung zum dritten und letzten Mal heraufbeschwören würde, wobei ich Ihnen zugleich beweisen könnte, daß wir es mit nichts Anderem, als einem vollkommen compacten Wesen aus Fleisch und Blut zu thun haben, -- würden Sie mir dann zugestehen, daß Sie sich geirrt, und daß solche Erscheinungen im Allgemeinen, und hier auch im Besondern, nie und nimmer als etwas Anderes betrachtet werden dürfen, wie als krankhafte Ausgeburten der Phantasie?«

»Jene Erscheinung heraufbeschwören?« frug Auguste ordentlich erschreckt.

»Ja -- aber nicht etwa aus dem Boden, wie einen Geist, sondern wie es sich gebührt, die Treppe herauf,« lachte der Doctor. »Würden Sie mir versprechen, sich recht tapfer dabei zu halten und ehe Sie uns wieder ohnmächtig werden, erst einmal genau zu prüfen, ob Sie es mit einem Geist oder einem wirklichen Menschen zu thun haben?«

»Ich begreife Sie nicht,« -- stammelte die Frau.

»Ist Ihr Mann nicht zurückgekehrt?« sagte der Doctor und horchte nach dessen Thür hinüber -- »ich dächte, ich hätte ihn in seiner Stube gehört -- he Justizrath?« rief er, indem er aufstand und an jene Thür klopfte.

»Ja ich komme gleich« -- antwortete Bertlings Stimme.

»Und wann soll ich ihn sehen?« rief die Frau, die sich einer leichten Anwandlung von Furcht nicht erwehren konnte.

»Wann? -- jetzt gleich, wenn Sie wollen,« lachte der Arzt. »Vorher muß ich Ihnen aber noch bemerken, daß der berühmte Mann im grauen Rock, vor dem Sie einen solchen Respect haben, richtig aufgefunden ist -- denn was spürte die Polizei nicht heraus, wenn man ihr nur ihre Zeit läßt -- und er hat sich als ein vollkommen achtbares, aber auch eben so harmloses Individuum herausgestellt, das damals nicht etwa ein überirdischer Auftrag, sondern ein sehr irdisches Verlangen nach einer kleinen Summe Geldes zu Ihrem Gatten getrieben hatte. Der gute Mann ist aber etwas schüchterner Natur und da Sie bei seinem Anblick ohnmächtig wurden, hielt er sich für überflüssig und ging seiner Wege. Diesmal wird er aber nicht verschwinden und ich frage Sie jetzt noch einmal, fühlen Sie sich in diesem Augenblick stark genug, Ihrem vermutheten Gespenst nicht allein noch einmal zu begegnen, sondern ihm auch guten Abend zu sagen und nachher sogar eine Tasse Thee mit ihm zu trinken?«

»Doctor -- wenn Sie mir =die= Ueberzeugung geben könnten!« rief die Frau, indem sie von ihrem Stuhl emporsprang.

»Schön« sagte der Doctor, »dann bitte, geben Sie mir Ihren Arm. -- Sie sind ja sonst ein vernünftiges Frauchen,« setzte er herzlich hinzu, »und werden sich doch wahrhaftig Ihren klaren Verstand nicht von einer bloßen Einbildung todtschlagen lassen. -- Also jetzt kommt die Geisterbeschwörung und danach hoffe ich Sie wieder so munter und heiter zu sehen, wie nur je.«

Er ließ ihr auch keine Zeit zu weiteren Einwendungen, nahm ihren Arm und führte sie der Thür von ihres Gatten Zimmer zu.

»Können wir eintreten?« rief er hier, indem er anklopfte.

»Nur herein!« tönte des Justizraths frische Stimme, allein als der Doctor die Thür aufwarf, fühlte er wie die Justizräthin an seinem Arm zusammenzuckte. Pauline war jedoch schon an ihre andere Seite getreten, um sie im Nothfall zu unterstützen. Aber die junge Frau hatte nicht zu viel versprochen, wenn sie sagte, daß sie sich stark fühlte und doch gehörte viel Willenskraft dazu, dem was sie bis dahin für eine furchtbare Wirklichkeit gehalten -- eine Botschaft aus der Geisterwelt -- jetzt wieder, genau wie an jenem Abend, zu begegnen und ruhig dabei zu bleiben.

Auf dem Tisch stand die Lampe und warf ihren düsteren Schein über das kleine Gemach, links neben dem Tisch saß der Justizrath -- rechts neben dem Ofen, den rechten Arm über die Stuhllehne, das etwas bleiche Antlitz der Thür zugedreht -- Auguste mußte tief Athem holen, denn ein unsagbares Etwas schnürte ihr die Brust zusammen, -- saß der Mann im grauen Rock, genau wie sie ihn an jenem Abend gesehen, in jeder Miene, in jeder Falte seines Rockes.

»So meine liebe Frau Justizräthin«, rief aber der Doctor jetzt -- »hier habe ich also das Vergnügen Ihnen unseren Buzemann, unser Schreckgespenst vorzustellen. Herrn Conrad Wohlmeier aus Königsberg -- Herr Wohlmeier, Frau Justizräthin Bertling -- bitte reichen Sie ihr die Hand, damit sie nicht etwa glaubt, Sie beständen blos aus Kohlenstoff und Stickstoffgas.«

Der kleine Mann war etwas verlegen von seinem Stuhl aufgestanden und der ihn noch immer starr ansehenden Frau die Hand entgegenreichend, sagte er:

»Frau Justizräthin, es sollte mir unendlich leid thun, wenn Sie mich für einen Geist gehalten haben. -- Ich bin nur ein armer Gymnasiallehrer, der --«

»Bravo«! rief der Doctor lachend aus, »das war eine vortreffliche Rede, die Sie da gehalten haben, und nun, meine liebe Frau Justizräthin, sind Sie jetzt überzeugt, daß Sie Ihrem guten Mann ganz nutzlos eine Menge Sorge und Noth gemacht und sich selber in besonders thörichter Weise gequält und geängstigt haben?«

»Lieber Doctor -- wie soll ich Ihnen danken?« sagte die Frau, während Bertling auf sie zu ging und sie umarmte und küßte.

»Und jetzt!« rief Pauline lachend aus, »wollen wir auch noch den letzten Zeugen herein holen, der eine ganz vortreffliche Erklärung abgeben kann, woher die Frau Heßberger etwas von dem Mann im grauen Rock gewußt« -- und damit sprang sie nach der Thür des Doctors, um die Rieke herein zu rufen -- aber die Thür war fest verschlossen und der Schlüssel abgezogen. --

»Nun was ist das?« frug sie -- »die Thür ist ja zu.«

»Hm, ja,« lachte der Justizrath, aber doch etwas verlegen, »da ich -- da ich doch nicht wissen konnte, wie die Sache heute ablief, so --«

»So hat er die Thür abgeschlossen, daß ihm der Geist nicht wieder davonlaufen konnte!« jubelte der Doctor -- »das ist vortrefflich. Justizrath, Sie sind ein Schlaukopf.«

Die Rieke wurde indessen hereingeholt und bestätigte, was sie schon an dem Nachmittag der Justizräthin gestanden, daß sie an jenem Abend die Frau Heßberger unten im Haus getroffen und sie gefragt habe, ob sie keinen Mann in einem grauen Rock gesehen, der so plötzlich weg gewesen wäre und über den sich die Frau so geängstigt hätte, daß sie ohnmächtig geworden wäre. Danach konnte sich die Kartenschlägerin wohl denken, daß die Erwähnung jenes Mannes noch frisch in der Erinnerung der Justizräthin sein würde und in der Art solcher Frauen benutzte sie das geschickt genug.

Der Doctor schwur übrigens, daß er der Gesellschaft da oben über kurz oder lang das Handwerk legen lassen werde, denn er versicherte, daß ihm in letzter Zeit schon verschiedene Fälle vorgekommen wären, wo sie mit ihren so genannten Prophezeihungen Unheil gestiftet oder den Leuten sehr unnöthiger Weise Kummer und Herzeleid bereitet hätten.

Unter der Zeit deckte die Rieke den Tisch und die kleine Gesellschaft setzte sich dann unter Lachen und heiteren Gesprächen -- die Justizräthin zwischen den Doctor und »den Mann im grauen Rock« -- zu dem frugalen aber fröhlichen Mahle nieder. Von dem Abend an aber verließen jene bösen Träume die Justizräthin, denn zu fest hatte sie an die Erscheinung geglaubt, um nicht jetzt, wo ihr der unleugbare Beweis des Gegentheils geworden, auch nicht die ganze Gespensterfurcht fallen zu lassen. Der Justizrath aber, seinem Wort getreu, und nur zu glücklich, sein liebes Weib von jenem unheilvollen Gedanken geheilt zu sehen, beschenkte den kleinen Lehrer noch an dem nämlichen Abend so reichlich, daß er am nächsten Morgen, jeder Sorge enthoben, seine Heimreise und dann seine Stellung in der Vaterstadt antreten konnte.

Die Folgen einer telegraphischen Depesche.

Telegraphische Depesche

Dr. A. Müller Leipzig --straße 15.

Herzlichsten Glückwunsch -- heutigen Geburtstag noch oft wiederkehren -- Alle wohl -- tausendmal grüßen -- Inniger Freundschaft.

=Mehlig=.

Obige Depesche war Morgens Früh, sieben Uhr in Berlin aufgegeben worden, gelangte durch den Drath nach Leipzig und wurde dem erst gestern angestellten Depeschenträger Lorenz als erste Besorgung zur augenblicklichen Beförderung übergeben.

Lorenz lief was er laufen konnte, warf am richtigen Haus angelangt, noch einen flüchtigen Blick auf die Adresse, zog dann die Klingel an der Hausthür, und wurde ohne Weiteres eingelassen.

Wie er die Hausflur betrat, öffnete sich rechts eine Thür. Ein ältliches Fräulein mit weißer Haube und Schürze kam heraus, und trug einen Präsentirteller in der Hand, auf dem das, wahrscheinlich eben gebrauchte Kaffeeservice stand; Lorenz trat auf sie zu.

»Telegrafische Depesche!« sagte er und hielt ihr das Couvert mit dem rothen Streifen entgegen.

»Jesus Maria und Joseph!« schrie die Dame, schlug in blankem Entsetzen die Hände über den Kopf zusammen und ließ das ganze Kaffeeservice auf die Erde fallen.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte Lorenz, indem er sich bückte und die halbe Kaffeekanne aufhob, den Präsentirteller aber liegen ließ.

»Von wem ist sie denn?« schrie aber die Dame, ohne selbst in dem Augenblick des zerbrochenen Geschirrs zu achten.

»Ja das weeß ich Sie werklich nich,« sagte Lorenz, »aber sie is für den Herrn Doctor Müller.«

»Doctor Müller? -- Sie Ungeheuer Sie, was bringen Sie mir denn da das entsetzliche Papier?« rief die Dame mit vor Zorn gerötheten Wangen.

»Aber ich bitte Sie um tausend Gottes Willen mein bestes Mamsellchen!«

»Jetzt kann mir Ihr Telegraph mein Service bezahlen,« zürnte aber die schöne Wüthende, »das ist ja ärger wie Einbruch und Diebstahl! oh, das herrliche Porcellan!« Sie kniete neben den Scherben nieder und begann die auseinander gesprengten Stücke, allerdings vergebens, wieder zusammenzupassen. Lorenz wurde es aber unheimlich und wenn er auch nicht recht begriff weshalb die Dame so erschreckt sei, hielt er dies doch für einen passenden Moment sich aus dem Staub zu machen. Doctor Müller wohnte jedenfalls oben. In Gedanken behielt er auch die halbe Kaffeekanne bis zur Treppe in der Hand, dort legte er sie aber vorsichtig auf die erste Stufe und stieg dann rasch hinauf in die Bel-Etage.

Hier mußte er wieder klingeln. Ein Dienstmädchen öffnete ihm die Thür.

»Telegrafische Depesche!« sagte Lorenz und hielt ihr das Papier entgegen. Kaum war aber das Wort heraus, als das Mädchen ihm die Thür wieder vor der Nase zuschlug und er hörte nur noch wie sie drin über den Gang stürzte und in ein Zimmer hineinschrie: »O Du lieber Gott eine telegraphische Depesche.« Ein lauter Schrei antwortete -- ängstlich hin und wiederlaufende Schritte wurden drinnen laut und Niemand schien sich weiter um Lorenz zu bekümmern.

»Hm,« dachte dieser, »das is mer doch eene kuriose Geschichte -- was se nur derbei haben? -- wenn se nich bald kommen, bimmele ich noch eenmal.«

Schon hatte er die Hand zum zweitenmale nach der Klingel ausgestreckt, als es drinnen wieder laut wurde. Deutlich konnte er die Schritte einer Anzahl von Personen hören, die auf die Saalthür zukamen und diese wurde endlich wieder halb geöffnet.

Wenn Lorenz nicht selber so erschreckt gewesen wäre, hätte er gern gelacht, denn auf dem Gang drinnen stand die wunderlichste Procession, die er in seinem ganzen Leben gesehen. Vorn ein Herr mit einem dicken rothen Gesicht und feuerrothem Backenbart, einem sehr schmutzigen Schlafrock, darunter die zusammengebundenen Unterhosen und ein Paar niedergetretene Pantoffeln. Hinter ihm stand eine Dame, ebenfalls im höchsten Morgennegligée mit weißer Nachtjacke und Unterrock. Rechts und links von diesen beiden drängten sich zwei Dienstboten herbei, Neugierde und Furcht in den bleichen Gesichtern und vier oder fünf Kinder schauten dazu mit den noch ungewaschenen und ungekämmten Köpfen vor, wo sie irgend Raum finden konnten diese durchzuschieben.

»Telegrafische Depesche für Herrn Doctor Müller,« sagte Lorenz, um diesmal keine Verwechslung des Namens möglich zu machen.

»Müller? -- Holzkopf!« schrie aber der Herr im Schlafrock und warf die Thür von innen wieder dermaßen in's Schloß, daß Lorenz kaum Zeit behielt zurückzuspringen.

Etwas erstaunt blieb er, mit seiner Depesche in der Hand, jetzt an der Schwelle stehn, fing aber doch nun an zu glauben, daß die ganze Sache irgend etwas Furchtbares und Gefährliches in sich trage, das mit den geheimnißvollen Telegraphendrähten natürlich in directer Verbindung stehen mußte, und daß jetzt mehr als je daran liege, die richtige Person dafür zu finden. Vor allen Dingen suchte er deshalb, ehe er sich weiteren Mißverständnissen aussetzte, die Wohnung des besagten Doctor Müller ausfindig zu machen und der Zeitungsjunge, der eben das Tageblatt brachte, diente ihm dabei als untrügliche Quelle.

»Doctor Müller?« sagte dieser -- »eine Treppe höher, können gleich das Tageblatt mit hinaufnehmen -- doch Treppen genug zu laufen.«

Lorenz übernahm die Besorgung und befand sich bald zu seiner innigen Beruhigung an der rechten Thür. Ein kleines weißes Schild mit dem Namen des Dr. Müller darauf zeigte ihm, daß er sein Ziel erreicht habe.

An dieser Vorsaalthür war keine Schelle. Er klopfte erst ein paar Mal, und da ihm Niemand antwortete, drückte er die Klinke nieder und trat ein. Auf dem Vorsaal sah er auch Niemanden und die Küche stand leer, in der nächsten Stube hörte er aber Stimmen, ging dort hinüber und klopfte an.

Wie sich die Thür öffnete glänzte ihm ein mit Blumen, Torten und Geschenken bedeckter Tisch entgegen und eine junge allerliebste kleine Frau frug ihn freundlich was er wünsche. Lorenz, der außerordentlich gutmüthigen Herzens war, dachte aber mit Zagen an die Verwirrung, die er parterre und im ersten Stock schon angerichtet hatte und wünschte, mit dem unbestimmten Bewußtsein, daß er der Träger irgend einer furchtbaren Nachricht wäre, diese der jungen hübschen Frau so vorsichtig als möglich beizubringen.

»Ach heren Se,« sagte er deshalb -- »erschrecken Sie nich -- es is Sie was vom Telegrafen.«

Die junge Frau sah ihn stier an, hob langsam den rechten Arm in die Höh und brach mit dem kaum hörbaren Schrei: »Er ist todt!« bewußtlos zusammen. Ihr Gatte hatte auch in der That kaum Zeit sie aufzufangen und vor einem vielleicht schlimmen Sturze zu bewahren.

»Um Gottes Willen, was ist?« frug er dabei den wie halb vom Schlag gerührten Depeschenträger »eine Telegraphische Depesche? -- woher?«

»Nun, da Sie's doch schon einmal wissen,« sagte Lorenz, inniges Mitleid in den erschreckten Zügen -- »es is Sie richtig vom Telegrafen.«

Der junge Mann trug sein armes, bewußtloses Frauchen auf das Sopha, wo er sie den Händen der jammernd herbeistürzenden Schwiegermutter übergab. Das Kind, das die Wärterin auf dem Arme trug, fing dabei an zu schreien, die Köchin war ebenfalls herein gekommen und stand schluchzend und händeringend an der Thür und mit zitternden Händen erbrach jetzt Dr. Müller die Depesche, deren Buchstaben ihm im Anfang vor den Augen flirrten und tanzten. Endlich las er leise vor sich hin:

Herzlichen Glückwunsch -- heutigen Geburtstag -- noch oft wiederkehren -- Alle wohl -- tausendmal grüßen -- liebe Frau auch. Inniger Freundschaft.

Mehlig.

Erst am Schluß und wie ihm das Bewußtsein dämmerte um was es sich hier handele, knitterte er das Papier in der Hand zusammen, drehte einen Ball daraus und schleuderte diesen mit aller Gewalt auf den Boden.

»Ist er todt?« sagte Lorenz in theilnehmendem Mitgefühl.

»Gehen Sie zum Teufel,« rief Dr. Müller in leicht verzeihlichem Aerger -- »Sie und Ihre telegraphische Depesche -- solchen Glückwunsch möcht ich mir nächstes Jahr noch einmal zum Geburtstag wünschen -- meine arme Frau kann den Tod davon haben.«

»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte Lorenz, Niemand bekümmerte sich aber mehr um ihn, denn die Uebrigen waren jetzt sämmtlich um die Ohnmächtige beschäftigt, so daß er die Gelegenheit für passend hielt, sich so rasch und unbemerkt als möglich zu entfernen. Durch das Haus mußte er aber noch einmal förmlich Spießruthen laufen.

»Ach Sie Unglücksvogel,« sagte das Kindermädchen, das ihm mit einer Vase frischen Wassers, um der Frau zu helfen, an der Thür begegnete.

»Das nächste Mal erkundigen Sie sich vorher nach dem Namen, Sie Dingsda« -- sagte der Herr in dem schmutzigen Schlafrock, der an der Saalthür in der ersten Etage ganz besonders auf ihn gewartet haben mußte, als er dort rasch und geräuschlos vorbeigleiten wollte, und unten in der Hausflur saß die Mamsell noch immer bei den Scherben, die sie vergebens zusammenpaßte.

Auch diese empfing ihn wieder mit einer Fluth von Vorwürfen, Lorenz aber hielt sich nicht auf und floh aus dem Haus hinaus, als ob er hätte stehlen wollen und dabei erwischt worden wäre.

Erst nach langer Zeit gewöhnte er sich auch an diese unausbleiblichen Folgen derartiger Depeschen, und als ich ihn neulich sprach, hatte er sogar eine Art statistischer Tabelle aufgestellt, nach der er berechnet haben wollte, daß durchschnittlich auf je vier telegraphische Depeschen -- denn nicht alle laufen so unglücklich ab, -- eine Ohnmacht und zwei zerbrochene Tassen, nur auf die sechste oder siebente aber ein ernstlicher Unfall folge.

»S'is was Scheenes um en Telegrafen,« sagte er dabei, »aber Gott bewahre Eenen vor ener telegrafischen Depesche!«

Der Polizeiagent.

I.

Im Packwagen.

Es war im Juli des Jahres 18--, als der von Cassel kommende Schnellzug in Guntershausen hielt und dort solch eine Unzahl von Passagieren vorfand, daß die Schaffner kaum Rath und Aushilfe wußten. Alle Welt befand sich aber auch gerade in dieser Zeit unterwegs und die Züge -- da das andauernd schlechte Wetter bisher die Reisenden zurückgehalten -- waren bei dem ersten warmen Sonnenstrahl gar nicht auf einen so plötzlichen Andrang berechnet gewesen.

Uebrigens machte man möglich, was eben möglich zu machen war. Alle vorhandenen Wagen wurden eingeschoben, jeder noch freie Platz dritter Klasse -- zum großen Aergerniß mit Hutschachteln und Reisetaschen reich bepackter Damen -- auf das gewissenhafteste ausgefüllt und dann in die zweite, ja sogar selbst in die erste Klasse hineingeschoben was eben hineinging. Die nächsten Stationen nahmen ja auch wieder Reisende ab, und nach und nach regulirte sich alles.

Durch diesen Aufenthalt hatte sich der Schnellzug aber auch um eine gute halbe Stunde verspätet und war eben zum Abfahren fertig, als noch ein leichter Einspänner angerasselt kam und ein einzelner Herr, eine kleine lederne Reisetasche in der Hand, heraus und darauf zusprang.

»Zu spät,« rief ihm der Oberschaffner entgegen und gab den verhängnißvollen schrillenden Pfiff; »wir haben alle Personenwagen besetzt.«

Der Fremde, der augenscheinlich kein Neuling auf Reisen war, warf einen raschen, prüfenden Blick über die lange Wagenreihe und sah Kopf an Kopf in den Fenstern -- aber die Schiebethür des Packwagens stand noch halb geöffnet.

»Dann werde ich mich bis zur nächsten Station bei den Koffern einquartiren,« lachte er und ohne die Einwilligung des Schaffners abzuwarten, der übrigens auch nichts dagegen hatte, sprang er auf den Wagentritt und in den Packwagen hinein. Bei einem solchen Andrang von Personen mußte sich ein jeder helfen so gut er eben konnte.

»Das ist eigentlich nicht erlaubt --« sagte der Packmeister; aber der Fremde kannte genau die Sprache, die hier alleinige Geltung hatte, und dem Packmeister ein Stück Geld in die sich unwillkürlich öffnende Hand drückend, lachte er:

»Ich führe ganz vortreffliche Cigarren bei mir und wenn ich nicht im Wege bin, erlauben Sie mir wohl eine Viertelstunde Ihnen hier Gesellschaft zu leisten.«

»Haben Sie denn ein Billet?« frug der Mann und sein =Gefühl= sagte ihm, daß er ein großes Silberstück in der Hand hielt.

»Noch nicht -- ich bin eben erst, wie der Zug abgehen wollte, mit einem Einspänner von Melsungen herüber gekommen. Mein Billet nehme ich auf der nächsten Station.«

»Na da setzen Sie sich nur da drüben auf den Koffer, in Treysa gibt's Platz,« bemerkte der Packmeister, während der Fremde seine Cigarrentasche herausnahm und sie dem Manne hinhielt.

»Mit Erlaubniß -- danke schön« -- die Bekanntschaft war gemacht, der Zug überdies in Bewegung und der Passagier, bis ein anderer Platz für ihn gefunden werden konnte, rechtsgültig untergebracht.

Eine Cigarre wirkt überhaupt oft Wunder und die Menschen, die sich diesen Genuß aus ein oder dem andern Grunde versagen, wissen und ahnen gar nicht, wie sehr sie sich oft selber dadurch im Lichte stehen. Mit einer Cigarre ist jeder im Stande, augenblicklich auf indirecte Art eine Unterhaltung anzuknüpfen, indem man nur einen Reisegefährten um Feuer bittet. Ist dieser in der Stimmung, darauf einzugehen, so giebt er die eigene Cigarre zum Anzünden. Paßt es ihm aber nicht, so bleibt ihm immer noch ein Ausweg -- er reicht dann dem Bittenden einfach ein Schwefelholz. Der Empfänger dankt, zündet seine Cigarre an, wirft das Holz weg und betrachtet sich als abgewiesen.

Mit einer dargebotenen Cigarre gewinne ich mir außerdem das Herz unzähliger Menschen, die der =nicht= rauchende Reisende in gemeiner Weise durch schnöde Fünf- und Zehn-Groschenstücke gewinnen muß. -- Sitz' ich auf der Post neben dem Postillion auf dem Bock, so öffnet mir eine Cigarre sein ganzes Herz; ich erfahre nicht allein die außerordentlichen Eigenschaften seiner Pferde, sondern auch die Familiengeheimnisse des Posthalters und erweiche ich dasselbe sogar noch mit einem Glase Bier, so liegt sein eigenes Innere offen vor mir da. Selbst der gröbste Schaffner wird rücksichtsvoll, sobald er die ihm dargereichte Cigarrentasche erblickt -- man soll nämlich derartigen Leuten nie eine einzelne Cigarre hingeben, weil sie außerordentlich mißtrauisch sind und leicht Verdacht schöpfen können, man führe besondere »Wasunger« Sorten bei sich für solchen Zweck und das verletzt ihr Ehrgefühl.

Auch der Packmeister war gesprächig geworden -- die Cigarre schmeckte ausgezeichnet -- und erzählte von dem, was ihm natürlich am nächsten lag, von der ewigen unausgesetzten Plackerei, so daß man seines Lebens kaum mehr froh werden könnte. Die ganze Welt reise jetzt -- wie er meinte -- in die Bäder. Er reiste auch in einem fort -- alle Wochen drei Mal in die Bäder, kam aber nie hin und hatte kaum Zeit, sich Morgens ordentlich zu waschen, viel weniger zu baden. In seinem Packwagen stecke er dazu wie eine Schnecke in ihrem Haus, nur daß die Schnecke nicht ununterbrochen Koffer und Hutschachteln ein- und auszuladen hätte. »Sehen Sie« -- setzte er dann hinzu -- »so gewöhnt man sich aber daran, daß ich schon Nachts in meinem eigenen Bett -- wenn ich meine Nacht daheim hatte und ich schlafe dicht am Bahnhof -- im Traum, sowie ich nur die verdammte Locomotive pfeifen hörte, Bettdecke und Kopfkissen in die Stube hineingefeuert habe, weil ich glaubte, es wäre Station und ich müßte ausladen. Es ist Sie ein Hundeleben.«

Wieder pfiff diese nämliche Locomotive. Der Zug hielt an einer der kleinen Stationen und drei Koffer gingen hier ab, und ein anderer Koffer mit zwei Reisesäcken und eine Kiste kam hinzu. Der Fremde mußte aber noch sitzen bleiben, denn der Aufenthalt dauerte zu kurze Zeit, um ein Billet lösen zu können.

»Ich begreife nicht,« sagte der Fremde, »wie Sie sich da immer so zurecht finden, daß Sie gleich wissen was expedirt wird und was dableibt. Kommt da nicht auch oft ein Irrthum vor?«

»Doch selten,« meinte der Packmeister, indem er seine bei der Expedition ausgegangene Cigarre wieder mit einem Schwefelhölzchen anzündete -- »man bekommt Uebung darin. Nur heute wär mir's in dem Wirrwarr bald schief gegangen, denn in Guntershausen hatte ich aus Versehen den nämlichen Koffer hinausgeschoben, auf dem Sie da sitzen. Glücklicherweise kriegte ihn der Eigenthümer noch zur rechten Zeit in die Nase -- und das bischen Spectakel, was der machte! Aber es war ja noch kein Malheur passirt und so schoben wir ihn wieder herein. Den Packmeister möchte ich überhaupt sehen, dem nicht schon einmal ein falscher Koffer entwischt ist -- der Telegraph bringt das aber alles wieder in Ordnung. -- Staatseinrichtung das mit dem Telegraphen.«