Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen.

Part 12

Chapter 123,795 wordsPublic domain

Mr. Burton befand sich an dem Morgen in einer fast fieberhaften Aufregung, denn wie er schon lange jeden Glauben an die Mitschuld des armen -- oh so wunderbar schönen Weibes abgeschüttelt hatte, gingen ihm andere Pläne wild und wirr durch den Kopf. Immer aufs neue malte er sich den Augenblick aus, wo er sie in seinem Arm gehalten, wo seine Lippen zum ersten Mal in Angst und Liebe die ihrigen berührt, und nur der Gedanke quälte ihn noch, in welchem Verhältniß sie zu dem unwürdigen Menschen gestanden haben, wie sie mit ihm bekannt werden konnte. Hatte er sie unter seinem falschen Namen getäuscht? -- ihrer Familie heimlich vielleicht entführt? -- alle ihre Klagen schienen darauf hinzudeuten, wie verworfen mußte er dann -- wie elend sie, die arme Unschuldige, Verrathene sein? und war es da nicht seine Pflicht, -- wo er wenn auch selber unschuldiger Weise, all diesen Jammer über sie gebracht -- ihr auch wieder zu helfen so gut er konnte? Er schien fest entschlossen, und von dem Augenblick an fühlte er sich auch wieder ruhiger und zufriedener.

James Burton, kaum zum Mannesalter herangereift, war ein seelensguter Mensch mit weichem, für alles Gute und Schöne leicht empfänglichem Herzen. Er hatte dabei -- in den glücklichsten und unabhängigsten Verhältnissen erzogen -- noch nie Gelegenheit bekommen, den Täuschungen und Wiederwärtigkeiten des Lebens zu begegnen. Weil er selber gut und ohne Falsch war, hielt er alle Menschen für eben so rechtlich und brav, und selbst an Korniks Schuld hatte er so lange nicht glauben mögen, bis auch der letzte Zweifel zur Unmöglichkeit wurde. Wie leicht vertraute er da diesen lieben treuen Augen -- wie glücklich fühlte er sich selbst, daß es =ihm= verstattet gewesen, jenem holden Wesen den Schmerz und die furchtbare Seelenqual erspart zu haben, von dem zwar geschickten und tüchtigen, aber auch vollkommen rücksichtslosen Polizeimann examinirt zu werden. Er schämte sich jetzt fast vor sich selber, daß er ihr auch nur verstattet hatte, ihren Koffer auszupacken -- wie niedrig mußte sie von ihm denken! -- aber er war ja auch gar nicht im Stande gewesen, sie daran zu verhindern, so leidenschaftlich erregt zeigte sie sich nur bei der Möglichkeit eines Verdachts. Aber natürlich -- wenn er =sich= in =ihre= Stelle dachte, würde er genau so gehandelt haben.

Die Stunde, die sie erbeten hatte, um sich nur von den ersten furchtbaren Eindrücken der über sie hereingebrochenen Catastrophe zu sammeln, verging ihm in diesen Gedanken rascher, als er es selbst geglaubt. Gewissenhaft aber bis zur letzten Minute ausharrend, stieg er dann wieder zu ihr hinab, klopfte leise an, und sah sich dem zauberischen Wesen noch einmal gegenüber.

Zeit zum Aufräumen schien sie allerdings noch nicht gefunden zu haben, denn die umhergestreuten Sachen der beiden Koffer lagen noch immer so wild und wirr durch einander, wie er sie verlassen hatte. Aber wer mochte ihr das verdenken? Auch in ihrem leichten, reizenden Morgenanzug war sie noch; -- wenn unsere Seele zerrissen ist, wie können wir da an den Körper denken?

Trotzdem schien sie sich gesammelt zu haben. Sie sah etwas bleich aus, aber sie war ruhiger geworden, und dem Eintretenden lächelnd die Hand entgegenstreckend, sagte sie herzlich:

»Oh wie danke ich Ihnen, daß Sie, um den ich es wahrlich nicht verdient habe, mir diese zarte Rücksicht gezeigt. In dem Gedanken fand ich auch allein meinen Trost, daß Gott mich doch noch nicht verlassen haben könnte, da er =Sie= mir zugeführt.«

»Verehrte -- =liebe= Frau,« sagte Burton bewegt, »sein Sie unbesorgt. Wenn auch in einem fremden Lande, steht Ihnen doch jetzt ein Landsmann zur Seite, und ich habe mir nur erlaubt, Sie jetzt noch einmal zu stören, um mit Ihnen gemeinschaftlich zu berathen, welche Schritte wir am besten thun können, um -- das Geschehene gerade nicht ungeschehen zu machen, das ist nicht möglich, aber Sie doch jedenfalls aus einer Lage zu befreien, die Ihrer unwürdig ist. Um mir das zu erleichtern, muß ich Sie aber bitten, mir Ihr =volles= Vertrauen zu schenken. Nur dann bin ich im Stande die Maßregeln zu ergreifen, die für Sie die zweckmäßigsten sein würden. Daß es dabei nicht an meinem guten Willen fehlt, davon können Sie sich versichert halten.«

»Mein =volles= Vertrauen soll Ihnen werden,« sagte die junge Frau, leicht erröthend -- »aber bitte, setzen Sie sich zu mir, Sie sollen alles erfahren -- und nun,« fuhr sie fort, während sich Burton neben ihr auf dem Canapé niederließ, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte -- »erzählen Sie mir vorher ausführlich, wie Sie dem Verbrecher auf die Spur gekommen sind, und welche Hoffnung Sie jetzt haben, ihn seiner Strafe zu überliefern. Es ist das Einzige jetzt, worauf ich hoffen kann, daß sein Geständniß Ihnen beweisen muß, wie doppelt nichtswürdig er an mir selber dabei gehandelt.«

»Aber, verehrte Frau,« sagte Burton etwas verlegen -- »schon vorher theilte ich Ihnen alles mit, und der Eindruck, den die traurige Erzählung auf Sie machte --«

»Vorher,« sagte die junge Frau -- »und in der entsetzlichen Aufregung, in der ich mich befand, tönten die Worte nur wie Donnerschläge an mein Ohr -- ich begriff wohl ihre Furchtbarkeit, aber nicht ihren Sinn und vieles ist mir dabei unklar geblieben -- besonders, welche Spur Sie =jetzt= von dem Verbrecher haben, daß Sie hoffen können ihn einzuholen, und wer der Herr ist, der ihn verfolgt.«

Der Bitte, während =diese= Augen so treu und vertrauend in die seinen schauten, konnte Burton nicht wiederstehen. Es war ihm dabei sogar Bedürfniß geworden, sich -- ihr gegenüber -- seines bisherigen eigenen Verhaltens wegen zu rechtfertigen, wobei er hervorhob, daß er mit der Verfolgung der Dame eigentlich gar nichts zu thun und Lady Clive im Leben nicht gesprochen habe, noch persönlich kenne. Auch von dem Schmuck selber wußte er nichts, als was ihm Hamilton darüber beiläufig mitgetheilt.

»Und jetzt?« frug die junge Dame weiter, die der Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war -- »wo jener Betrüger -- dem Gott verzeihen möge, was er an mir gethan, und wie er mich =doppelt= verrathen hat -- wo jener Betrüger geflohen ist, haben Sie noch Hoffnung, ihn wieder zu ereilen?«

»Allerdings,« sagte Burton -- »Mr. Hamilton, mein Begleiter, ist einer der schlauesten und gewandtesten Detectivs Englands. Er spricht drei oder vier verschiedene fremde Sprachen, und hat schon daheim die scheinbar unmöglichsten Dinge ausgeführt. Dieser Kornik hatte außerdem viel zu kurzen Vorsprung, um mich nicht fest glauben zu machen, daß ihn Hamilton ereilt, da er noch dazu die unbegreifliche Unvorsichtigkeit beging, von hier mit Extrapost zu fliehen. Wir finden das aber so oft im Leben, daß schlechte Menschen irgend ein Verbrechen mit der größten und raffinirtesten Schlauheit ausführen, und jede Kleinigkeit, jeden möglichen Zufall dabei berücksichtigen, und nachher, wenn ihnen alles nach Wunsch geglückt, sich selber auf die plumpste Weise dabei verrathen.«

»Aber ehe er ihn eingeholt hat, kehrt er nicht hierher zurück?«

»Ich glaube kaum,« sagte Mr. Burton, »doch fehlt mir darüber jede Gewißheit. Er wird mir unter allen Umständen in der nächsten Zeit schon telegraphiren, denn ich habe ihm versprechen müssen, hier zu bleiben, bis er zurückkehrt.«

»Und glauben Sie, daß er den Verbrecher, wenn er ihn einholen sollte -- mit hierher bringt?«

»Ich zweifle kaum -- aber auch darüber bin ich nicht im Stande, Ihnen eine bestimmte Auskunft zu geben. Nur davon dürfen wir überzeugt sein, daß Mr. Hamilton alles in der praktischsten Weise ausführen wird, denn er versteht sein Fach aus dem Grunde. =Hat= er die Spur gefunden, so ist Mr. Kornik auch verloren.«

Es schien fast, als ob die junge Dame um einen Schatten bleicher wurde -- und wer konnte es ihr verdenken, daß ihr die Erinnerung an den Mann, der sie so furchtbar hintergangen, entsetzlich war? Endlich sagte sie leise:

»Wenn sich das alles bestätigt, was Sie mir erzählt, verehrter Herr -- und ich kann kaum mehr daran zweifeln, dann =verdient= er die Strafe, die ihn erreichen wird, im vollem Maße. Aber wie er auch =Ihr= Haus betrogen und hintergangen haben mag, es ist nichts im Vergleich mit dem, was er an mir und meinem zukünftigen Leben verbrochen.«

»Aber wie konnte er Sie so lange täuschen?« frug Burton und erröthete dabei fast selber über die Frage.

»Du lieber Gott,« seufzte die Unglückliche -- »was weiß ein armes unerfahrenes Mädchen von der Welt? Er kam in meiner Eltern Haus, in das ihn zuerst mein Bruder eingeführt -- es mögen jetzt zwei Monate sein -- und sein offenes, heiteres Wesen gewann ihm mein Herz -- sein angemaßter Rang schmeichelte meiner Eitelkeit. Er erzählte mir dabei von seinen Gütern in Polen, und wie glücklich -- wie selig ihn mein Besitz machen würde, und ich -- war schwach genug, es ihm zu glauben. Aber mein Vater verweigerte seine Einwilligung. Er kannte die Menschen besser, als seine thörichte Jenny. Er verlangte von Kornikoff den Ausweis eines hinreichenden Vermögens sowohl, wie die Erlaubniß seiner eigenen Eltern zu unserer Verbindung, und dieser, ungeduldig und stürmisch, drang in mich, mit ihm zu fliehen.«

Jenny barg beschämt ihr Antlitz in ihren Händen und James Burton hörte der Erzählung mit einiger Verlegenheit schweigend zu. Er hätte das liebliche Wesen so gern getröstet, aber es fielen ihm in diesem Augenblick um die Welt keine passenden Worte dafür ein und es entstand dadurch eine kurze peinliche Pause. Endlich fuhr die junge Frau, aber jetzt tief erröthend, fort:

»Schon unterwegs fing ich an, an dem Charakter meines Bräutigams zu zweifeln. Wir entkamen glücklich auf einem Dampfer, der nach Hamburg bestimmt war, und er hatte mir versprochen, daß jenes Fahrzeug in Helgoland anlegen würde, wo wir uns trauen lassen könnten -- aber es legte nicht an, und in Hamburg, wo er ausging, um einen Geistlichen zu suchen, wie er sagte, kehrte er ebenfalls unverrichteter Sache zurück, versicherte mich aber, er habe bestimmt gehört, daß wir hier in Frankfurt -- einer freien deutschen Stadt -- unser Ziel leicht erreichen könnten. Ich folgte ihm auch hierher -- immer noch als Braut -- nicht als Gattin« -- setzte sie mit leiser, kaum hörbarer Stimme hinzu -- »und ich danke jetzt Gott, daß ich standhaft blieb und meinem guten Engel mehr folgte als jenem Teufel.«

Es wäre unmöglich, die Gefühle zu schildern, die James Burtons Seele bei dieser einfachen und doch so ergreifenden Erzählung bestürmten; sein Herz schlug hörbar in der Brust, und fast seiner selbst unbewußt, ergriff er mit zitterndem Arm die Hand seiner Nachbarin, die sie ihm willenlos überließ.

»Gott sei Dank,« flüsterte er endlich mit bewegter Stimme -- »so brauche ich mir auch länger keine Vorwürfe zu machen, denn unser Erscheinen hier war ja dann nur zu Ihrem Heil.«

»=Ihnen= verdanke ich meine Rettung,« sagte da Jenny herzlich, und wie sie sich halb dabei zu ihm überbog, umfaßte er mit seinem Arm die bebende Gestalt des Mädchens. Aber nicht einmal auf ihre Stirn wagte er einen Kuß zu drücken, aus Furcht sie zu beleidigen, und sich gewaltsam aufrichtend, rief er leidenschaftlich bewegt aus:

»Dann ist auch noch alles, alles gut. Trocknen Sie Ihre Thränen, mein liebes, liebes Fräulein -- die Versöhnung mit Ihren Eltern übernehme ich -- übernimmt mein Vater, Sie kehren zu ihnen zurück und die Erinnerung an das Vergangene soll eine fröhliche Zukunft Sie vergessen machen.«

»Und auch Sie wollen nach England zurück?« frug rasch die junge Fremde.

»Gewiß,« rief Burton -- »sobald ich nur Nachricht von Hamilton habe. Aber noch heute schreibe ich nach Haus -- wie heißen Ihre Eltern, mein bestes Fräulein -- was ist Ihr Vater? Halten Sie diese Fragen nicht für bloße Neugierde; es giebt keinen Menschen auf der Welt, der jetzt ein innigeres Interesse an Ihnen nähme, als ich selber.«

»Mein Vater,« sagte Jenny leise, »ist Geistlicher, der Reverend Benthouse in Islington. Vielleicht ist Ihnen der Name bekannt. Er hat viel geschrieben.«

»Das nicht,« sagte Hamilton erröthend, »denn ich muß leider zu meiner Schande bekennen, daß ich mich bis jetzt, und in jugendlichem Leichtsinn weniger mit einer religiösen Lectüre befaßt habe, als ich vielleicht gesollt -- aber erlauben Sie, daß ich mir den Namen notire -- und jetzt,« sagte er, als er sein Taschenbuch wieder einsteckte, »verlasse ich Sie. Wir dürfen den müßigen Leuten hier im Hotel Nichts zu reden geben -- schon Ihrer selbst wegen, aber Sie sollen von nun an auch nicht mehr allein sein. Ich werde augenblicklich ein Kammermädchen für Sie engagiren, die Ihnen zugleich Gesellschaft leisten kann. Junge Mädchen, der englischen Sprache mächtig, sind gewiß genug in Frankfurt aufzutreiben; der Wirth kann mir da jedenfalls Auskunft geben. Keine Widerrede, Miß,« setzte er lächelnd hinzu, als sie sich -- wie es schien mit dem Plan nicht ganz einverstanden zeigte -- »Sie stehen von nun an, bis ich Sie Ihren Eltern wieder zurückführen kann, unter =meinem= Schutz, und da müssen Sie sich schon eine kleine Tyrannei gefallen lassen.«

»Aber wie kann ich Ihnen das, was Sie jetzt an mir thun, nur je im Leben wieder danken,« sagte das junge Mädchen gerührt -- »womit habe ich das alles verdient?«

»Durch Ihr Unglück,« erwiederte Burton herzlich, indem er ihre Hand an seine Lippen hob, und wenige Minuten später fand er sich schon unten mit dem Wirth in eifrigem Gespräch, um eine passende und anständige Person herbeizuschaffen.

Das ging auch in der That weit rascher, als er selber vermuthet hatte. Ganz unmittelbar in der Nähe des Hotels wohnte ein junges Mädchen, die schon einige Jahre in England zugebracht und -- wenn sie sich auch nicht auf längere Zeit binden konnte, doch gern erbötig war, die Stelle einer Gesellschafterin für kurze Zeit zu übernehmen. Mr. Burton führte sie selber der jungen Dame zu, und Elisa zeigte sich als ein so liebenswürdiges, einfaches Wesen, daß ein Zurückweisen derselben zur Unmöglichkeit wurde.

VIII.

Hamiltons Rückkehr.

Den übrigen Theil des Tages verbrachte James Burton in einer unbeschreiblichen Unruhe, denn immer und immer war es ihm, als wenn er bei seiner jungen Schutzbefohlenen nachfragen müsse, ob ihr nichts fehle, ob sie nicht noch irgend einen Wunsch habe, den er ihr befriedigen könne, und ordentlich mit Gewalt mußte er sich davon zurückhalten, sie nicht weiter zu belästigen.

Am allerliebsten hätte er auch in der Stadt eine Unmasse von Sachen für sie eingekauft, um sie zu zerstreuen oder ihr eine Freude zu machen. Aber das ging doch unmöglich an, denn das hätte jedenfalls ihr Zartgefühl verletzt -- er durfte es nicht wagen. Eine ordentliche Beruhigung gewährte es ihm aber, zu wissen, daß das arme verlassene Wesen jetzt jemand habe, gegen den es sich aussprechen konnte, und er begnügte sich an dem Tage nur einfach damit, die Hälfte der Zeit vollkommen nutzlose Fensterpromenade zu machen, denn es ließ sich dort niemand blicken, und die andere Hälfte unten im Haus und auf der Treppe auf und ab zu laufen, um wenigstens ihre Thür anzusehen.

Wenn er es sich auch noch nicht gestehen wollte, so war er doch bis über die Ohren in seine reizende Landsmännin verliebt.

Am nächsten Morgen war er allerdings zu früher Stunde wieder auf, aber erst um zwölf Uhr wagte er es, sich zu erkundigen, wie Miß Benthouse geschlafen hätte.

Sie empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln, aber -- sie sah nicht so wohl aus wie gestern. Ihre Wangen waren bleicher, ihre Augen zeigten, wenn auch nur leicht schattirte Ringe -- sie schien auch zerstreut und unruhig und Burton, voller Zartgefühl, glaubte darin nur eine Andeutung zu finden, daß sie allein zu sein wünsche und empfahl sich bald wieder. Vorher aber frug sie ihn noch, ob er keine Nachricht von Mr. Hamilton erhalten habe, was er verneinen mußte.

Jetzt aber, mit der Furcht, daß sie erkranken könne -- und nach all den letzten furchtbaren Aufregungen schien das wahrlich kein Wunder -- wich er fast gar nicht mehr von ihrer Schwelle, und der Portier selber, der eigentlich alles wissen soll, wußte nicht aus dem wunderlichen Fremden klug zu werden.

Dieser ruhte auch nicht eher, bis er gegen Abend die neue Gesellschafterin einmal auf dem Gange traf, um sie nach dem Befinden der jungen Dame zu fragen.

»Sie scheint ungemein aufgeregt,« lautete die Antwort derselben -- »sie hat keinen Augenblick Ruhe, und wohl zehn Mal schon gesucht mich fortzuschicken, um allein zu sein. Sie ist jedenfalls recht leidend und ich werde eine unruhige Nacht mit ihr haben.«

»Mein liebes Fräulein,« sagte Burton, dadurch nur noch viel mehr beunruhigt -- »ich bitte Sie recht dringend, sie nicht einen Augenblick außer Acht zu lassen. Stoßen Sie sich nicht an das geringe Salär, was Sie gefordert haben, es wird mir eine Freude sein, Ihnen jede Mühe nach meinen Kräften zu vergüten.«

»Ich thue ja gern schon von selber, was in meinen Kräften steht,« sagte das junge Mädchen freundlich -- »die Dame wird gewiß mit mir zufrieden sein. Verlassen Sie sich auf mich -- ich werde treulich über sie wachen.«

So verging der Abend und nur noch einmal schickte Miß Benthouse zu Mr. Burton hinüber, um zu hören, ob er noch keine Nachricht bekommen habe. Er mußte es wieder verneinen und wäre gern noch einmal zu ihr geeilt, aber Elisa sagte ihm, daß sich die junge Dame aufs Bett gelegt hätte, um besser ruhen zu können, und er durfte sie da nicht stören.

Es war zwölf Uhr geworden, und er wollte sich eben zu Bett begeben, als es an seiner Thür pochte. Er öffnete rasch, denn er fürchtete eine Botschaft, daß sich Jennys Krankheitszustand verschlimmert hätte, aber es war nur der Diener des Telegraphenamtes, der ihm -- unter dem Namen, mit dem er sich in das Fremdenbuch eingetragen -- eine Depesche brachte. Sie mußte von Hamilton sein.

Er hatte sich nicht geirrt. Sie enthielt die wenigen, aber freilich gewichtigen Worte, von Ems aus datirt:

»Ich habe ihn -- morgen früh komme ich -- Hamilton.«

»Gott sei Dank,« rief Burton jubelnd aus, »jetzt nehmen die Leiden dieses armen Mädchens bald ein Ende.«

Am nächsten Morgen ließ er sich schon in aller Frühe erkundigen, wie Miss Benthouse geschlafen hätte -- sie schlief noch, und Elise kam selber heraus, um ihm das zu sagen. Gern hätte er sie auch jetzt die Nachricht wissen lassen, die er noch gestern Nacht durch den Telegraphen bekommen, aber er fürchtete, das durch eine Fremde zu thun -- er wollte es ihr lieber selbst sagen, wenn er sie um zwölf Uhr wieder besuchte.

Um die Zeit bis dahin zu vertreiben, frühstückte er unten und las die Zeitungen.

So war endlich die lang ersehnte Stunde herangerückt, und unzählige Mal hatte er schon nach der Uhr gesehen. Er war in sein Zimmer gegangen, um noch vorher Toilette zu machen und wollte eben hinuntergehen, als es stark an seine Thür pochte, und auf sein lautes »_Walk in_« -- diese sich öffnete und =Hamilton= auf der Schwelle stand.

»_Well Sir_,« lachte dieser, »_how are you?_«

»Mr. Hamilton,« rief Burton, fast ein wenig bestürzt über die so plötzliche Erscheinung des Mannes. »Schon wieder zurück? -- das ist fabelhaft schnell gegangen.«

»So? beim Himmel! Sie machen gerade ein Gesicht, Sir, als ob es Ihnen zu schnell gegangen wäre,« lächelte Hamilton. »Aber ich habe wirklich Glück gehabt -- die Einzelheiten erzähle ich Ihnen jedoch später und nur für jetzt so viel, daß ich ihn in Ems beim Spiel erwischte und ihn dort auch fest und sicher sitzen habe. Mit Ausnahme von etwa zweitausend Pfund, die er verreist oder verspielt, oder zum Theil auch wohl hier seiner Donna zurückgelassen hat, fand sich noch alles Geld glücklich bei ihm, was jetzt unter Siegel bei den Gerichten deponirt ist -- Apropos -- die Dame haben Sie doch noch hier?«

»Allerdings,« sagte Burton etwas verlegen, »aber Mr. Hamilton, mit der Dame --«

»Machen wir natürlich keine Umstände,« unterbrach ihn Hamilton gleichgültig, »und schaffen sie einfach nach England zurück. Dort mögen die Gerichte dann das saubere Pärchen confrontiren. Mr. Burton, ich gebe Ihnen mein Wort, ich wäre meines Lebens nie wieder froh geworden, wenn ich diesen Hauptlump, diesen Kornik nicht erwischt hätte. Haben Sie denn indessen bei der Person hier etwas gefunden, und hat sie nicht auch etwa Lust gezeigt, durchzubrennen?«

»Mein lieber Mr. Hamilton,« sagte Burton jetzt noch verlegener als vorher -- »ich habe -- während Sie abwesend waren, eine Entdeckung anderer Art gemacht, die als ziemlich sicher feststellt, daß die -- junge Dame an der ganzen Sache vollkommen unschuldig ist.«

»Sie befindet sich doch noch hier im Hotel und in Nr. 7?« frug Hamilton rasch und fast wie erschreckt.

»Allerdings,« bestätigte Burton, »aber nicht als Gefangene. Miss Jenny Benthouse ist die Tochter eines englischen Geistlichen -- ihr Vater wohnt in Islington -- sie wurde von jenem Burschen unter seinem falschen Namen und unzähligen Lügen entführt, und ich -- werde sie jetzt ihren Eltern zurückgeben.«

»So?« sagte Hamilton, der dem kurzen Bericht aufmerksam zugehört hatte, während es aber wie ein verstecktes Lächeln um seine Lippen zuckte -- »aber bitte entschuldigen Sie einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei Ihnen. Apropos, Sie haben so vollständige Toilette gemacht. Wollten Sie ausgehen?«

»Nein -- auf keinen Fall eher wenigstens, als bis wir uns über diesen Punkt verständigt haben.«

»Gut, dann bin ich gleich wieder da« -- und mit den Worten glitt er zur Thür hinaus und unten in den Thorweg, wo ein Paar Lohndiener standen.

»Sind Sie beschäftigt?« redete er den einen an.

»Ich stehe vollkommen zu Befehl.«

»Schön -- dann haben Sie die Güte und bleiben Sie bis auf weiteres in der ersten Etage, wo Sie Nr. 7 und 6 scharf im Auge behalten. Sollte dort eine Dame =ausgehen= wollen -- Sie verstehen mich -- so rufen Sie mich, so rasch Sie möglicher Weise können, von Nr. 26 ab. Sie haben doch begriffen, was ich von Ihnen verlange?«

»Vollkommen.«

»Gut -- es soll Ihr Schade nicht sein -- der Portier unten braucht übrigens nichts davon zu wissen -- und indessen schicken Sie mir einmal einen Kellner mit einer Flasche Sherry und zwei Gläsern und einigen guten Cigarren auf Nr. 26.«

Mit den Worten stieg er selber wieder die Treppe hinauf, horchte einen Augenblick an Nr. 7, wo er zu seinem Erstaunen Stimmen vernahm, und kehrte dann zu Mr. Burton zurück, der mit untergeschlagenen Armen, und offenbar sehr aufgeregt, in seinem Zimmer auf und ab ging.

»Unsere junge Dame da unten scheint Besuch zu haben,« sagte er -- »ich hörte wenigstens eben Stimmen in ihrem Zimmer.«

»Bitte, setzen Sie sich, Mr. Hamilton,« bat ihn James Burton, »wir müssen über diese Sache, die das höchste Zartgefühl erfordert, erst ins Klare kommen, nachher ist alles andere, was wir zu thun haben, Kleinigkeit.«

»Sehr gut,« sagte Hamilton -- »ah, da kommt auch schon der Wein. Bitte, setzen Sie nur dorthin. Mr. Burton, Sie müssen mich entschuldigen, aber ich habe unterwegs solch nichtswürdiges Zeug von Cigarren bekommen, daß ich eine ordentliche Sehnsucht nach einem guten Blatt fühle -- nehmen Sie nicht auch eine? -- und ein Glas Wein thut mir ebenfalls Noth, denn ich habe die ganze Nacht keine drei Stunden geschlafen und überhaupt eine abscheuliche Tour gehabt.«

»Und wie erwischten Sie diesen Kornik?«

»Das alles nachher -- jetzt bitte erzählen Sie mir einmal vor allen Dingen, welche wichtige Entdeckung Sie hier indeß gemacht haben,« und mit den Worten setzte er sich bequem in einem der Fauteuils zurecht, zündete seine Cigarre an und sippte an seinem Wein.

Mr. Burton nahm ebenfalls eine Cigarre und es war fast, als ob er nicht recht wisse, wie er eigentlich beginnen solle. Aber der Beamte =mußte= alles erfahren, er =durfte= ihm nichts verschweigen, schon Jennys wegen, und nach einigem Zögern erzählte er jetzt dem Agenten die ganzen Umstände seines Zusammentreffens mit der jungen Dame, und gerieth zuletzt dabei so in Feuer, daß er selbst die kleinsten Umstände mit einer Lebendigkeit und Wahrheit wiedergab, die er sich selber gar nicht zugetraut hätte.