Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen.

Part 11

Chapter 113,606 wordsPublic domain

»Mein lieber Herr -- dieser Zug, der eben Limburg verlassen hat, geht allerdings heute Abend noch nach Coblenz, aber ich weiß nicht, ob der Herr, dem Sie nachsetzen, gerade ein Interresse daran haben kann, Coblenz diese Nacht zu erreichen. Er kann natürlich nicht ahnen, daß Sie ihm so dicht auf den Fersen sitzen -- vorausgesetzt nämlich, daß es wirklich der Richtige ist, und wenn Sie =meinem= Rath folgen wollen, so thun Sie, was ich Ihnen jetzt sage. Fahren Sie mit dem nächsten Zug nach Ems -- nicht weiter -- besuchen Sie dort heute Abend -- mit jeder nöthigen Vorsicht natürlich, den Spielsaal, und finden Sie dann -- was ich aber bezweifele -- Ihren Mann =nicht=, dann nehmen Sie heute Abend noch in Ems einen Wagen, den Sie für Geld überall bekommen können, fahren direkt nach Coblenz, und passen morgen früh an den Bahnzügen auf. Ich wenigstens, wenn ich an Ihrer Stelle einen solchen Patron zu verfolgen hätte, würde genau so handeln, und wenn ich nicht sehr irre, gut dabei fahren.«

»Ems ist nassauisch, nicht wahr?« frug Hamilton.

»Allerdings,« sagte der Aktuar.

»Könnten Sie dann,« fuhr Hamilton fort, indem er seine Legitimationspapiere aus der Tasche holte, »mir auf Grundlage dieser Schriftstücke einen Verhaftsbefehl für das betreffende Individuum ausstellen?«

Der Aktuar sah die Papiere, bei denen sich eine in Hamburg beglaubigte Uebersetzung befand, aufmerksam durch und sagte dann lächelnd:

»Eigentlich, und nach unserem gewöhnlichen Gerichtsverfahren würde die Sache mehr Umstände machen, und nicht so rasch beseitigt werden können, unter den obwaltenden Verhältnissen aber denke ich, daß ich die Verantwortlichkeit auf mich nehmen kann. Sie =müssen= mit dem nächsten Zug fort, wenn Sie den Gesuchten nicht versäumen wollen. Setzen Sie sich einen Augenblick; ich denke, wir können das alles noch in Ordnung bringen.«

Der alte Aktuar war ein wahres Juwel. Hamilton hätte sich an keinen besseren Menschen wenden können. In kaum zehn Minuten hatte er einen Verhaftsbefehl für die Nassauischen Lande gegen jenen Mr. Kornik ausgestellt. Und nicht einmal einen Kreuzer mehr als die üblichen und nicht zu vermeidenden Sporteln wollte er dafür nehmen, und wie gern hätte ihm der junge Mann seine Arbeit zehn- und zwanzigfach bezahlt!

Jetzt war alles in Ordnung -- Hamilton beschloß, den ihm gegebenen Rath gewissenhaft zu befolgen, und dem alten Herrn auf das herzlichste dankend, eilte er so rasch er konnte nach dem Bahnhof zurück.

Seine Zeit war ihm auch nur eben knapp genug zugemessen; kaum hatte er dort sein Billet gelöst, so wurde der Zug schon signalirt; zehn Minuten später braußte er heran, hielt, nahm seine wenigen Passagiere auf und keuchte in ruheloser Hast weiter, das freundliche Lahnthal hinab.

Aber Hamilton hatte kein Auge für die liebliche Scenerie, die ihn umgab -- so war er in seine eigenen Gedanken vertieft, daß er ordentlich emporschrak als sie in den ersten Tunnel eintauchten. Nur das Bild des Flüchtigen schwebte vor seiner Seele, und selbst daß er Schlaf und Ruhe entbehrt hatte, um diesen zu erreichen und einzuholen, fühlte er nicht. Der Zug flog mit reißender Schnelle dahin, aber ihm kam es noch immer vor, als ob er in seinem Leben nicht so langsam gefahren wäre. Jetzt glitten sie an den grünen Hängen des freundlichen Thales dahin -- jetzt wieder öffnete der Berg seinen Schlund, um sie in seine düstere Tiefe aufzunehmen, und aufs neue schossen sie hinaus in den dämmernden Abend. Aber Hamiltons Augen schienen für das alles keine Sehkraft zu haben, so theilnahmlos, so unbewußt selbst streifte sein Blick darüber hin, bis endlich der schrille Pfiff der Locomotive die Nähe der Station Ems anzeigte und eine Masse Spaziergänger, Herren zu Fuß und Damen und Kinder auf Eseln, in der unmittelbaren Nähe der Bahn sichtbar wurden. Es war spät geworden und die Leute eilten jetzt nach Haus, denn so heiß die Tage auch sein mochten, die Nächte blieben kühl und frisch genug.

Aber diese kümmerten den Polizeimann nicht, der recht gut wußte, daß der, den =er= suchte, sich nicht unter ihnen befand, selbst =wenn= es noch hell genug gewesen wäre, einzelne Physiognomien der da draußen Wandernden zu erkennen, an denen sich nur die lichten Kleider unterscheiden ließen.

Der Zug hielt, aber selbst jetzt noch war Hamilton einen Augenblick unschlüssig, ob er nicht lieber sitzen bleiben und bis nach Oberlahnstein und Coblenz mitfahren solle; denn ließ es sich denken, daß der Flüchtige gerade hier ausgestiegen sei? Derartige Menschen sind allerdings furchtbar leichtsinnig, und der alte Aktuar hatte am Ende doch Recht gehabt, wenn er ihm rieth, die Spielbank jedenfalls einmal ein Paar Stunden zu besuchen. Verloren war immer kaum viel Zeit dabei, denn kam er jetzt auch nach Coblenz, so mußte er doch die Nacht dort liegen bleiben, um bei dem Abgang des ersten Morgen-Zuges erst am Bahnhof zu sein. Er folgte also dem Rath des alten Mannes, stieg aus und ging in das dicht am Bahnhof gelegene Hotel zum Guttenberg, um dort erst etwas andere Toilette zu machen. Er wollte sich nämlich nicht der Gefahr aussetzen, daß er von dem schlauen Verbrecher zuerst erkannt würde, denn er zweifelte keinen Augenblick daran, daß Kornik ihn an jenem Abend eben so gut bemerkt habe, wie seinen Begleiter Burton, und ihm deshalb jetzt eben so rasch ausweichen würde, wie jenem.

In seiner Tasche trug er einen leichten hellen Sommerrock, den zog er an, setzte eine hellgrüne Brille auf und borgte sich noch außerdem vom Kellner einen Cylinderhut. Mit dieser ganz geringen Veränderung seiner Toilette, die er dadurch vervollständigte, daß er ein weißes Halstuch statt seines bisher getragenen schwarzen nahm, fühlte er sich ziemlich sicher, wenigstens nicht gleich auf den ersten Blick erkannt zu werden. Kornik hatte ihn ja überhaupt nur die kurze Zeit im Coupé gesehen, und ihn dabei keineswegs seiner Beachtung so besonders werth gehalten. Dann aß er etwas und hielt es nun an der Zeit, das jetzt besonders frequentirte Kurhaus zu besuchen.

Es war indessen völlig Nacht geworden; unterwegs traf er nur noch einzelne Leute, die vom Kurhaus weg über die Brücke in ihre am andern Ufer liegende Quartiere gingen, das Kurhaus selber aber war noch hell und brillant erleuchtet und auch in der That der einzige Platz in dem ganzen Badeort, den man Abends besuchen konnte und wo man Gesellschaft fand. Die anderen zahllosen Hotels schienen nur zum Essen zu dienen, denn in ihren Sälen versetzten riesige Tische, deren Zwischenraum vollständig mit Stühlen ausgefüllt war, jeden nur einigermaßen möglichen Platz. Man konnte sich in keinen von ihnen wohnlich fühlen.

Das Kurhaus dagegen vereinigte alles, was sich von Pracht und Eleganz nur denken ließ -- ein reichhaltiges Lesezimmer mit bequemen Fauteuils, einen prachtvollen Saal zu Concerten oder Spiel- und Tanzplätzen der Kinder und Damen, und dann den unheilvollen Magnet für die Spieler, die grünen Tische, von denen der verführerische Klang des Metalls in alle harmlosen Spiele und Vergnügungen hinübertönte, und seine Opfer erbarmungslos an- und nachher auszog.

Es ist eine Schmach für Deutschland, daß wir noch diese vergoldeten Schandhöhlen in unseren Gauen dulden -- es ist eine doppelte Schmach für die Regierungen, die sie begünstigen und gestatten, und alle die Opfer, die jährlich fallen, müssen einst auf ihren Seelen brennen.

Napoleon III. hat die Spielhöllen aus seinem Reich verbannt, und die Spieler damit über die Grenzen getrieben. Geschah das aber nur deshalb, daß sie in =Deutschland= ihre gesetzliche Aufnahme finden sollten? und müssen wir nicht vor Scham erröthen, wenn wir dieses französische Unwesen mit französischen Marken und Marqueuren im Herzen unseres Vaterlandes eingenistet finden? Aber es =ist= so. Trotz der gerechten Entrüstung, die allgemein darüber herrscht, müssen wir jetzt geschehen lassen, daß andere Nationen die Achseln darüber zucken und uns bedauern oder -- verachten, =müssen= wir es geschehen lassen, sage ich, denn

»wollten wir alle zusammen schmeißen wir könnten sie doch nicht Lügner heißen.«

Wenn wir es denn aber trotz allem und allem unter unseren Augen so frech fortgeführt sehen, so gehört es sich, daß sich jeder =rechtliche= Mann wenigstens dagegen verwahrt, diese Schandbuden gut zu heißen. Das Ausland möge erfahren, daß die =deutsche Nation= unschuldig ist an diesem Werk, und keinen Silberling von dem Blutgeld verlangt, das es einzelnen Fürsten einbringen mag. Hammerschlag auf Hammerschlag folge auf das Gewissen der Vertreter deutscher Nation, bis sie endlich wach gerüttelt werden -- sie sollen sich wenigstens nicht beklagen dürfen, daß man sie nicht geweckt hätte.

Hamilton dachte freilich an nichts derartiges, als er das hell erleuchtete Portal betrat, an welchem ein gallonirter Portier und ein sehr einfach gekleideter Polizeidiener -- zur Wache, daß das heilige Spiel nicht etwa gestört würde -- auf Posten standen. Der Portier wollte übrigens Schwierigkeiten machen, als er Hamiltons hellen Rock sah -- er schien ihm für die Spielhölle nicht anständig genug gekleidet, aber neben ihm schritt eine bis auf den halben Busen decoltirte Französin frech vorüber, welcher der Lakai eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung machte. Hamilton wußte indessen, welchen Zauber in einem solchen Fall ein Guldenstück ausüben würde, und der augenblicklich zahm gewordene Portier schmunzelte auch so vergnügt darüber hinweg, daß seinem Eintritt nichts weiter im Wege stand.

Wenige Secunden später befand er sich, von dem jetzt dienstbaren Geist willig geleitet, im Lesecabinet, aus dem eine Thür unmittelbar in den großen Spielsaal führte.

Dort saßen nur ihm vollkommen fremde Menschen, ein langbeiniger Engländer, der gewissenhaft die Times durcharbeitete, ein kleiner beweglicher Franzose, der über dem Charivari schmunzelte, und ein Paar andere Badegäste, die gleichgültig und aus Langeweile die verschiedenen continentalen Zeitungen durchblätterten.

Er hielt sich dort nicht auf und öffnete die Thür, die in den Spielsalon führte, aber anfangs nur halb, um erst einen Ueberblick über die verschiedenen Gestalten zu gewinnen, und nicht früher gesehen zu werden, als er selber sah. Aber es hätte dieser Vorsicht nicht einmal bedurft, denn die dort Befindlichen hatten nur Ohr für den monotonen Ruf des Croupiers, nur Auge für den grünen Tisch, und die darauf genähten bunten Lappen. Wer kümmerte sich von allen denen um den einzelnen Fremden, wenn er nicht selber als stark Spielender -- mit Glück oder Unglück blieb sich gleich -- ihr Interesse für einen Augenblick in Anspruch nahm.

Hamilton trat an die Spieler dicht hinan, um die einzelnen Gesichter derselben mustern zu können -- aber er fand kein bekanntes darunter. Es war ein buntes Gemisch von leidenschaftlich erregten, abstoßenden Physiognomien, unter denen sich nur hie und da die kalten speculirenden Züge alter abgefeimter, und ruhig ihre Zeit abwartender Spieler, auszeichneten. Auch viele »Damen« standen dicht von den Uebrigen gedrängt am Tisch, wenn solche Frauenzimmer den Namen von Damen überhaupt verdienen. Eine von diesen saß sogar neben dem Croupier -- es war der Lockvogel der Gesellschaft, ein junges, üppiges Weib, tief decoltirt, mit dunklen vollen Locken und reichem Brillantschmuck; andere drängten, jede Weiblichkeit bei Seite lassend, zwischen die ihnen nur unwillig Raum gebenden Zuschauer hinein, um ihr Geld in wilder Hast auf eine Nummer zu schieben.

Hamiltons Blick streifte gleichgültig darüber hin, und wie er sich langsam selber um den Tisch bewegte, entging kein irgendwo eingeschobener Kopf seinem forschendem Auge. Da hörte er auch in einem kleineren Nebenzimmer das Klimpern des Geldes und die monotonen Worte: »_le jeu est fait_« -- denen lautlose Stille folgte, und wollte eben auch jenes Gemach betreten, als er wie festgewurzelt auf der Schwelle blieb, denn =dort= stand Kornik -- bleich wohl jetzt, von der Erregung des Spiels, und mit gierigem Blick an der abgezogenen Karte hängend -- aber unverkennbar derselbe, mit dem er an jenem Tag gefahren. Er hatte es auch nicht einmal für nöthig gehalten, den verrätherischen Schnurrbart abzurasiren, oder sein Haar anders zu tragen, er mußte sich heute Abend hier vollkommen sicher fühlen. Nur die blaue Brille fehlte.

Im ersten Moment fürchtete Hamilton fast sich zu bewegen, daß nicht der Blick des Verbrechers ihn vor der Zeit traf. Aber es war das eine vollkommen nutzlose Angst, denn der =Spieler= hatte nur Augen für die vor ihm abgezogenen Karten -- weiter existirte in diesem Moment keine Welt für ihn. Vorsichtig zog sich der Polizeiagent deshalb wieder zurück, bis er sich im Nebenzimmer gedeckt wußte, schritt dann durch den Saal und auf den dort stationirten Polizeidiener zu.

Mit wenigen Worten machte er diesem auch begreiflich was er wollte -- derartige kleine Zwischenfälle kamen gar nicht etwa so selten in diesen Spielhöllen vor -- und überraschte dabei den Portier auf das angenehmste, indem er ihm zwei große Silberstücke -- er sah gar nicht nach, was -- in die Hand drückte, mit dem Auftrag, so rasch als irgend möglich Polizeimannschaft zur Hülfe herbeizuholen. Die befand sich übrigens stets in der Nähe. Ein verzweifelter Spieler hatte sich wohl schon dann und wann einmal, zum Letzten und Aeußersten getrieben, an der heiligen Kasse selber vergriffen und nachher sein Heil in rascher Flucht gesucht, und dagegen mußten die Herren freilich geschützt werden. Wenn auch ein =Raub=, war das Geld doch ein =gesetzlich= gewonnener, und die Regierung fühlte sich verpflichtet, dessen Schutz zu überwachen.

Hamilton traute indessen seinem Mann da drinnen noch lange nicht genug, um ihn länger, als unumgänglich nöthig war, sich selber zu überlassen; er war ihm damals in Frankfurt auf zu schlaue Weise durch die Finger geschlüpft, während er ihn eben so sicher geglaubt wie gerade jetzt. Aber er selber kannte die Leidenschaft des Spiels noch viel zu wenig, um zu wissen, daß er in diesem einen viel sicheren Bundesgenossen hatte, als in einem schönen Weibe, und als er in Begleitung des Polizeidieners jenes Zimmer wieder betrat, stand Kornik noch eben so fest und regungslos, eben so nur in dem einen Gedanken der Karten absorbirt, an seinem Tisch, wie er ihn vorhin verlassen.

Der Polizeibeamte übereilte sich aber jetzt nicht im geringsten. Er wußte, daß ihm sein Opfer nicht mehr entgehen konnte, und hielt es für viel gerathener, den Herrn nicht früher zu beunruhigen, als er der herbeigerufenen Hilfe sicher war. Nur seine grüne Brille nahm er ab.

»Welcher ist es denn?« flüsterte ihm der dicht hinter ihm gehende Polizeidiener zu. Hamilton machte eine beschwichtigende Bewegung mit der Hand und trat dann, von jenem gefolgt, an Kornik hinan. Er stand jetzt so nahe bei ihm, daß seine Schulter die des Polen berührte, der aber nicht daran dachte, auch nur den Kopf nach ihm umzudrehen.

Jetzt hatte derselbe gerade gewonnen; es standen vielleicht 40 oder 50 Louisd'or auf dem grünen Tisch -- er ließ den Satz stehen, die Karten fielen und der Croupier zog mit seiner hölzernen Schaufel das Gold ein.

Mit einem leisen, zwischen den Lippen gemurmelten Fluch schob sich Kornik seine Geldtasche vor, um wahrscheinlich neue Summen auf die trügerischen Blätter zu setzen, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte und Hamilton mit ruhiger, aber absichtlich lauter Stimme sagte:

»Sie sind mein Gefangener, im Namen der Königin.«

Der Pole wandte ihm jetzt rasch und erschreckt sein Antlitz zu und Leichenblässe deckte im Nu seine Züge, als er das nur zu wohl gemerkte Gesicht des Mannes aus Frankfurt neben sich sah. Aber auch nicht für ein Moment verlor er seine Geistesgegenwart, und dem Blick desselben kalt und ruhig begegnend, sagte er:

»Das Spiel hat Ihnen wohl den Verstand verwirrt -- stören Sie mich nicht,« und in die Geldtasche greifend, wollte er, ohne den Fremden weiter zu beachten, sich wieder über den Tisch beugen, als sich Hamilton aber, seiner Sache zu gewiß, an den Polizeidiener wandte und sagte:

»Verhaften Sie den Herrn -- ich werde Sie augenblicklich auf das Bureau begleiten.«

»Keine Störung hier, meine Herren, wenn ich bitten darf,« rief plötzlich ein kleines hageres Männchen, das schon bei den ersten Worten an den Spieltisch getreten war. »Wenn Sie etwas mit einander auszumachen haben, ersuche ich Sie, in ein Nebenzimmer zu treten.«

»Ich werde =Sie= nicht um Erlaubniß fragen, wenn ich Ihre Wirthschaft hier für einen Augenblick unterbreche,« sagte Hamilton trotzig -- »ich habe ein Recht diesen Mann zu verhaften, wo ich ihn finde.«

»Dann führen Sie ihn ab, Polizeidiener,« sagte der Kleine in seinem braunen Rock ruhig -- »oder ich mache Sie für jede Unordnung hier verantwortlich.«

»Ich habe mit den Herrn nichts zu thun,« rief der Pole trotzig, »was wollen Sie von mir? -- lassen Sie mich los.«

Eine Anzahl von Menschen sammelte sich um die beiden, und die Spieler zogen ihr Geld ein, weil sie vielleicht einen Kampf und dadurch die Sicherheit ihrer Bank gefährdet fürchteten, denn es gab leider eine Menge von Menschen, die das dort aufgethürmte Geld für =gestohlen= hielten, und sich wenig Gewissen daraus gemacht hätten, es fortzuraffen.

»Bitte, meine Herren, gehen Sie in ein Nebenzimmer,« drängte aber jetzt nochmals der kleine Braune, »Sie sind dort vollkommen ungestört -- Jean, Bertrand hierher -- sorgen Sie für Ordnung.«

Der Pole warf den Blick umher; er sah sich augenscheinlich nach einem Weg zur Flucht um, aber Hamiltons Hand hatte seinen Arm wie eine Schraube gefaßt und der Polizeiagent sagte mit leiser, aber drohender Stimme:

»Es hilft Ihnen nichts. Flucht ist für Sie unmöglich. Sie sind mein Gefangener; ergeben Sie sich gutwillig, Sie haben keinen Ausweg mehr, und Wiederstand kann Ihre Lage nur verschlimmern.«

Es war einen Augenblick, als ob sich der Pole den drohenden Worten nicht fügen wolle, und fast unwillkürlich zuckte er mit der Hand empor. Aber ein umhergeworfener Blick mußte ihn überzeugen, daß er mit Gewalt nichts ausrichten könne, denn eine Menge von Neugierigen, die sich im benachbarten Salon umhergetrieben, hörten kaum die in einem Spielsaal ganz ungewohnten, lauten Stimmen, als sie hereindrängten, und den einzigen Ausgang vollständig verstopften.

Der eine Blick genügte, und verächtlich lächelnd aber mit voller Ruhe sagte der Mann:

»Hier herrscht jedenfalls ein Irrthum. Ich bin Graf Kornikoff, hier ist mein russischer Paß, und ich stelle mich damit unter den Schutz unseres Gesandten. Nassau ist mit dem russischen Thron verwandt und wird dessen Unterthanen nicht ungestraft beleidigen lassen.«

Mit den Worten nahm er ein Papier aus seiner Brusttasche und hielt es Hamilton vor.

»Es kann sein,« sagte dieser, »daß Ihr Paß in Ordnung ist. Die gefährlichsten Charaktere haben gewöhnlich die besten Pässe. In dem Falle werden Sie sich aber um so weniger weigern mir zu folgen, da ich bereit bin, Ihnen vollständige Genugthuung zu geben, wenn ich Sie ohne hinreichenden Grund verhaftet habe. Die Herren hier werden mir aber zugeben, daß man, auch selbst mit einem guten Paß versehen, doch stehlen kann, und auf die Klage eines Diebstahls verhafte ich Sie hiermit.«

»Gut denn, führen Sie ihn fort und übernehmen dabei die Verantwortung für alle Folgen,« sagte der kleine Herr mit dem braunen Rock ungeduldig -- »aber Sie sehen doch ein, daß Sie hier das Spiel und Vergnügen völlig dabei unbetheiligter Herren und Damen nicht länger stören dürfen. Herr Polizeicommissar, ich bitte Sie, daß Sie diesem Unfug ein Ende machen, oder ich werde mich morgen ernstlich bei der Behörde deshalb beklagen.«

Der Polizeicommissar war in der That herbeigekommen, und Hamilton, der ihn an seiner Uniform erkannte, frug ihn leise:

»Wer ist denn dieser kleine Tyrann?«

»Einer der Spielpächter,« sagte der Mann mit einem verächtlichen Blick auf den Braunen, und setzte dann laut hinzu, »beklagen Sie sich bei wem Sie wollen, Monsieur, Sie werden uns aber hier wohl noch erlauben, unsere Schuldigkeit zu thun, selbst =wenn= Ihre achtbare Gesellschaft einen Augenblick gestört werden solle. Und Sie, mein Herr,« wandte er sich an den Gefangenen, »folgen Sie uns jetzt auf das Bureau -- ich werde die Sache dort untersuchen.«

»Sie werden mir bezeugen, daß ich nicht den geringsten Wiederstand geleistet habe,« sagte der Pole ruhig -- »kommen Sie, meine Herren. Ich wünsche noch an dem Spiel hier Theil zu nehmen, und je eher wir diese fatale Sache beendigen, desto besser.«

Damit wandte er sich entschlossen dem Ausgang zu -- die Leute gaben ihm Raum und wenige Secunden später standen sie am Ausgang des Kurhauses.

»Es wäre besser, wir legten ihm Handschellen an,« sagte Hamilton, sich zu dem Polizeicommissar überbiegend.

»Er kann uns hier nicht entschlüpfen,« erwiederte dieser kopfschüttelnd -- »und ich möchte keine Gewaltmaßregeln gebrauchen, bis ich die Sache näher untersucht habe.«

Der Pole schritt ruhig und festen Schrittes zwischen zwei Polizisten dahin -- dicht hinter ihm folgte Hamilton mit dem Commissar, und eine Anzahl von Neugierigen schloß sich dem Zuge an, um zu sehen, was die Sache für ein Ende nähme. So schritten sie langsam durch den Kurgarten dem kleinen viereckigen Regierungsgebäude zu, das dicht an der Brücke liegt, und der Gefangene schien selber nichts sehnlicheres zu wünschen, als diese Scene bald zu Ende gebracht zu sehen.

»Haben wir noch weit?« frug er einen der ihn escortirenden Leute.

»Oh bewahre,« sagte dieser, indem er mit dem ausgestreckten Arm auf das vor ihnen liegende Gebäude zeigte, »das ist das Haus.« In demselben Moment stieß er aber auch einen Schrei aus, denn ein schwerer Schlag, jedenfalls mit einem sogenannten »_life preserver_« geführt, schmetterte ihn bewußtlos zu Boden, während der Gefangene mit flüchtigen Sätzen über die schmale Brücke hinüber eilte.

Aber er hatte flüchtigere Füße hinter sich. Wie ein Tiger auf seine Beute, so schoß Hamilton hinter ihm drein, und noch ehe er das Ende der Brücke erreichte, streckte er schon den Arm aus, um ihn am Kragen zu packen. Da wandte sich der zur Verzweiflung getriebene Verbrecher, und einen Revolver vorreißend, drückte er ihn gerade auf die Brust seines Verfolgers ab.

Hamilton wäre verloren gewesen, aber zu seinem Glück versagte die Schußwaffe, und ehe Kornik zum zweiten Male abdrücken konnte, schmetterte ihn der Schlag des Polizeimanns zu Boden. Aber selbst damit begnügte sich dieser nicht, und mit einer ganz außerordentlichen Gewandtheit faßte er ihm beide Hände, legte sie zusammen und wenige Secunden später knackten die vortrefflichen Darbies oder Handschellen in ihr Schloß und er wußte jetzt, daß er seinen Gefangenen sicher hatte.

»Alle Wetter,« sagte der nachkeuchende Polizeicommissar, »das war doch gut, daß Sie schneller laufen konnten.«

»Wenn Sie =meinem= Rath gefolgt wären, konnte uns das erspart werden,« meinte Hamilton finster, »denn ich verdanke mein Leben jetzt nur einem schlechten Zündhütchen.«

»Er hat schießen wollen?«

»Dort liegt der Revolver -- Sie sehen, daß Sie es hier mit einem gefährlichen Verbrecher zu thun haben.«

»Da wollen wir ihn doch lieber binden.«

»Bitte, bemühen Sie sich nicht weiter -- er ist fest und sicher. Sein Sie nur so gut und lassen ihn jetzt durch Ihre Leute in festen Gewahrsam bringen.«

VII.

Die gerettete Unschuld.