Unter Palmen und Buchen. Dritter Band.
Part 9
Die Romanze war die Klage eines andalusischen Mädchens, das um den Geliebten trauerte, der gegen die Mauren zu Felde gezogen und sie allein gelassen hatte, und die Stimme der Sängerin zitterte, als sie leise, nur von gedämpften Accorden begleitet, das Gebet zur Jungfrau Maria um Schutz für den Fernen, sang. So ergreifend waren die Töne dabei, daß der überhaupt leicht empfänglichen Alexandrine die hellen Thränen in die Augen stiegen und selbst Eduard sich von dem wehmüthigen Lied ergriffen fühlte.
»Singt sie nicht reizend?« flüsterte ihm Frau von Fermont zu, neben der er saß.
»In der That,« erwiderte er, »ich weiß mich der Zeit nicht zu erinnern, daß ich eine so klangvolle und so zum Herzen dringende Stimme gehört hätte -- und mit so tiefem Gefühl.«
Aber der Sinn des Liedes änderte sich -- die Mauren waren geschlagen, der Geliebte kehrte siegreich zurück und laut jubelten jetzt die Töne und quollen aus voller, jauchzender Brust, während in der kunstvollen Begleitung der Siegesmarsch der heimziehenden Krieger immer wieder dazwischen tönte.
Jetzt endete plötzlich das Lied und die Sängerin erhob sich von ihrem Stuhl, indeß Graf Galaz ihr mit wahrhaft begeisterten Worten und voller Entzücken für den Genuß dankte. -- Ihr Blick streifte durch den Saal und eine Purpurröthe legte sich über ihre Wangen und ergoß sich bis tief in den schneeigen Nacken hinab. -- Ihr Blick streifte Eduard.
»Sie sind zu gütig, Herr Graf,« lächelte sie dabei, »und werden mich noch verwöhnen.«
Alexandrine aber war aufgesprungen, schlang ihre Arme um sie und küßte sie herzlich.
»Ah, Eduard,« rief der Graf, der ihn jetzt erst erblickte, »das ist schön; bist Du noch zur rechten Zeit gekommen?«
»Ich hatte das Glück, dem seelenvollen Vortrag zu lauschen,« sagte der junge Mann, während sein Blick starr an den Zügen der fremden Dame hing.
»Nicht wahr, das ist ein Genuß? -- aber ich habe Dich noch nicht einmal vorgestellt. Gnädige Frau, mein Schwager, Eduard von Benner -- Frau von Ostenburg, die uns die Freude gemacht hat, unsere Einsamkeit ein paar Tage mit uns zu theilen.«
»Gnädige Frau,« sagte Eduard, aber so verlegen, daß er die Worte kaum über die Lippen brachte -- »ich -- ich freue mich -- freue mich wirklich herzlich der Ehre dieser Bekanntschaft.«
Graf Galaz sah ihn an und lächelte. So befangen und ungeschickt hatte er seinen Schwager noch gar nicht gesehen.
»Und heute quäle ich Sie recht meine liebe, liebe Ostenburg,« rief Alexandrine dazwischen, »doch jetzt singen Sie uns noch einmal das kleine reizende französische Lied.«
»Aber Alexandrine,« sagte der Graf, »Du belästigst wirklich unsern lieben Gast.«
»Gern, gern,« rief aber die junge Frau und wandte sich rasch wieder dem Instrument zu.
Eduard starrte sie noch immer an, und bemerkte gar nicht, daß ihn Frau von Fermont lächelnd beobachtete. Die junge Künstlerin aber ließ sich nicht lange nöthigen, und rasch wieder ihren Platz am Clavier nehmend, begann sie ein reizendes französisches Lied, voll muthwilliger Neckerei und mit einer so silberhell klingenden Stimme, daß es den kleinen Kreis zu lautem und stürmischem Beifall hinriß.
Nur Eduard war still und nachdenkend geworden; den Kopf in die Hand gestützt, saß er in seinem Fauteuil und sein Blick haftete am Boden. Alexandrine hatte sich neben ihn gesetzt und flüsterte ihm zu, wie reizend die kleine Frau die Lieder vortrage. Er nickte still vor sich hin, erwiderte ihr aber kein Wort, bis sie geendet hatte und sich wieder erhob.
»Wunderbar -- wunderbar,« murmelte er dabei vor sich hin und schüttelte langsam den Kopf -- »fabelhaft wunderbar.«
»Nicht wahr, die Stimme,« sagte Alexandrine, welche den Worten gehorcht hatte -- »ich habe nie etwas Aehnliches gehört.«
Eduard erwiderte noch immer Nichts und starrte nur die Sängerin an, so daß es selbst seinem Schwager zuletzt auffallen mußte. Gräfin Alexandrine und Frau von Fermont waren aufgestanden und zu der jungen Frau getreten und plauderten jetzt, durch das französische Lied angeregt, mit ihr in dieser Sprache und Eduard konnte indessen den Blick nicht von der lieblichen Erscheinung wenden.
»Nun, Eduard, Du bist ja ganz wie in einer Verzückung,« lachte Galaz, indem er ihm die Hand auf die Achsel legte, »aber ich muß selber gestehen, daß ich etwas Aehnliches noch nicht gehört.«
»Ich sage Dir, Rudolph,« rief aber Eduard seine Hand ergreifend, »mir schwindelt der Kopf ordentlich -- ich werde noch verrückt --«
»Oho,« lachte der Graf -- »so hat Dich der Gesang ergriffen.«
»Ich habe gar nicht gehört, _was_ sie sang.«
»Was? -- nicht gehört? -- aber was hast Du nur, Du bist ja in einer merkwürdigen Aufregung.«
»Diese Aehnlichkeit.«
»Welche Aehnlichkeit?«
»Der Dame mit -- mit einer anderen Dame, die ich -- die ich vor längerer Zeit gesehen. Wo um Gottes Willen stammt sie her?«
»Meine Frau sagt aus Frankreich, aber ich wüßte nicht, wo Du sie schon gesehen haben könntest, denn wie ich gehört, so ist sie erst vor wenigen Wochen nach Deutschland gekommen, und Du selber warst doch nie in Frankreich, wie?«
»Nein, nie,« sagte Eduard, während seine Blicke noch immer fest auf der Dame hafteten, die ihm aber jetzt, im Gespräch mit Gräfin Alexandrine und Frau von Fermont, den Rücken zudrehte.
»Ich habe eine solche Aehnlichkeit bei zwei verschiedenen Personen nicht für möglich gehalten,« sagte Eduard, noch ganz verstört. --
»Das kommt ja vor,« lachte Galaz, »und vor vierzehn Tagen ist es mir genau so in der Residenz mit einer vollkommen fremden Dame gegangen, die ich geradezu wie eine alte Bekannte ansprach, und die mich dann furchtbar kalt und stolz ablaufen ließ. Ich war nur froh, als ich mich mit einer verlegenen Entschuldigung zurückziehen konnte.«
»Aber hier --« sagte Eduard -- »das Gesicht _hat_ etwas Fremdes, ja, aber ich kann nicht sagen, worin es liegt, und diese Augen, dieser Mund, das Haar, der ganze Wuchs -- nur etwas voller und eleganter. Ich weiß, es ist nicht möglich und doch glaub' ich, könnt' ich den Verstand verlieren, wenn ich lange in ihrer Nähe sein müßte.«
»Das wird wohl verschiedenen Leuten so gehen,« lachte Graf Galaz, »denn sie hat wirklich etwas Bezauberndes, diese reizende Sirene. Aber komm, wir dürfen uns hier nicht so lange flüsternd unterhalten. Alexandrine hat schon ein paar Mal herüber gesehen.«
Sie schlossen sich jetzt den Damen an und Frau von Ostenburg erröthete tief, als Eduard sie anredete, antwortete ihm aber unbefangen und frug ihn, da sie gehört, daß er schon so weite Reisen gemacht, ob er sich denn jetzt recht wohl und glücklich in der Heimath fühle, oder ob -- wie das so oft der Fall sei -- die Unruhe ihn wieder hinaus in das wilde Leben dränge.
Und diese Stimme -- Eduard war so befangen, daß er nur ganz verworrene, kaum verständliche Antworten gab, und endlich, ärgerlich über sich selber, gerade diesem liebenswürdigen Wesen gegenüber eine so unglückliche Rolle zu spielen, all seine Sinne zusammen nahm, und fest entschlossen war, sich nicht mehr von einem so wirren Wahn befangen zu lassen.
Die Unterhaltung kam dadurch besser in Gang, wurde aber immer noch in französischer Sprache geführt, die auch der jungen Frau von Fermont geläufiger, als die deutsche schien.
Indessen wurden Erfrischungen herumgereicht und Eduard benutzte den Moment. Seiner Schwester Arm ergreifend flüsterte er ihr leise zu:
»Du hast immer gewünscht meine Frau kennen zu lernen. Sieh sie denn, wie sie leibt und lebt.«
»Wen?« frug Alexandrine erstaunt, »Frau von Ostenburg?«
»Denke Dir sie in Bauerkleidern -- einfach und schüchtern.«
»Und _die_ Frau hättest Du verlassen?« sagte die Schwester kopfschüttelnd -- »Deine Phantasie führt Dich jetzt irre.«
»Ich gebe Dir mein Wort!« rief der Bruder erregt -- »jeder Zug ihres lieben Gesichts ist derselbe, und doch auch wieder anders -- schöner vielleicht, charaktervoller, aber das Liebe und Gute in ihren Zügen, die Grübchen -- die Lippen -- die Stimme selbst -- ich habe ihr wie ein Schulknabe gegenüber gestanden --«
»Und auch ihre Stimme?«
»Wenn sie spricht, genau; nur der Gesang ist viel klangvoller, und diese französischen und italienischen Romanzen sind meinem Ohr fremd. Wenn sie nur einmal ein deutsches Lied singen wollte.«
»Ich werde sie bitten,« sagte Alexandrine rasch von ihm fort und zu der jungen Dame tretend -- »Ach, liebe Frau von Ostenburg,« wandte sie sich an diese -- »mein Bruder dort, ein entsetzlich schüchterner Mensch, wie sie sehen, aber leidenschaftlich für Musik eingenommen, hat noch eine große Bitte an Sie!«
»Und womit kann ich ihm dienen?« lächelte die junge Frau.
»Er bittet um ein ganz kleines, kleines -- aber _deutsches_ Lied -- Sie dürfen ihm aber nicht böse deshalb sein.«
Frau von Ostenburgs Blick haftete fest, fast wehmüthig einen Moment auf Eduards Zügen -- »Gern,« flüsterte sie dann, wandte sich ab und trat wieder zum Instrument. Aber eine ganz eigene Bewegung schien sich auch ihrer jetzt bemächtigt zu haben. Ihr Busen hob sich stürmisch -- ihre Finger berührten in weichen, klagenden Akkorden die Tasten und zwei Mal war es, als ob sie ansetzen wolle, und immer noch kam kein Ton über ihre Lippen.
Eduard stand am Tisch. Der Blick der Fremden war ihm durch Mark und Seele gedrungen, das Herz schlug ihm fast hörbar in der Brust.
Jetzt hatte sich die schöne Spielende gefaßt. Ihre Finger berührten leicht die Tasten in einem kurzen, schwermüthigen Vorspiel, mit den Anklängen eines bekannten Volksliedes, und jetzt sang sie mit leiser, oh wie zum Herzen sprechender Stimme:
»Muß i denn, muß i denn, zum Städtle naus, Städtle naus -- Und Du mein Schatz bleibst hier -- Wann i komm, wann i komm, wann i wiedrum komm, wiedrum komm, Kehr i ein mein Schatz bei Dir --«
So sang sie den zweiten Vers: »Wie Du weinst, wie Du weinst, daß ich wandern muß« -- leise, leise, kaum hörbar und erst anwachsend, als sie zur dritten Strophe kam:
»Ueber's Jahr, über's Jahr wenn mer Träuble schneidt, Träuble schneidt, Stell ich hier mich wiederum ein -- Bin i dann, bin i dann Dein Schätzle noch --«
Die Sängerin schwieg plötzlich -- kein Laut regte sich im Saal, aber Eduard seiner Sinne kaum mehr mächtig und seiner fast unbewußt, rief flüsternd:
»Henriette!«
Die Sängerin stand auf -- sie sah leichenblaß aus.
»Gnädige Frau, Ihnen ist unwohl!« rief Graf Galaz bestürzt.
Sie schüttelte langsam den Kopf und wandte sich der Thüre zu -- noch einmal suchte ihr Blick Eduard, der -- wild zu ihr hinüberstarrend, mitten in der Stube stand -- aber da hielt sie sich nicht länger.
»Eduard! Eduard!« rief sie, flog auf ihn zu, umschlang seinen Nacken mit wilder Leidenschaftlichkeit und preßte heiße, brennende Küsse auf seine Lippen.
»Henriette, mein Weib! mein Weib!« -- mehr vermochte er nicht zu rufen. Er wußte nicht ob er wache, oder von einem wilden, fabelhaften Traume befangen sei -- und selbst die Möglichkeit konnte er sich nicht denken, daß er jetzt lebe, daß er athme.
Graf Galaz -- während die kleine lebendige Frau von Fermont vor lauter Freude und Rührung laut schluchzte -- war kaum weniger erstaunt über diese Scene, als Eduard selber; aber Alexandrine löste ihm mit wenigen raschen Worten das Räthsel, und während er jetzt nur, überrascht und doch voller Bewunderung, das reizende junge Weib betrachtete, das sich mit solcher Energie und Ausdauer aus ihrer Sphäre herausgearbeitet, um jetzt eine Zierde der höchsten geworden zu sein, verließ seine Gattin leise das Zimmer.
»Und bist Du es denn wirklich, Henriette? Ist es denn möglich, daß Wunder noch auf dieser Welt geschehen?«
»Mein Eduard, Du böser, lieber Mann, und so lange -- so lange hast Du mich verlassen können, bis ich selber kommen mußte, um Dich aufzusuchen!«
»Meine Henriette, und kannst Du mir vergeben? Aber schon sind meine Sachen gepackt, damit ich wieder in Deine Arme eile.«
»Still, still, ich weiß Alles,« sagte die herzige junge Frau, ihre Hand auf des Gatten Lippen legend, -- »fürchte keinen Vorwurf von mir -- ich weiß ja recht gut, daß ich nicht so zu _Dir_ paßte, wie ich war. Erst jener Engel, Deine Schwester, hat mich Dir werth gemacht.«
»Alexandrine?«
»Nachher Alles --«
»Und wo ist unser Kind?«
»=Ou est donc Mama!=« rief in diesem Augenblick ein prächtiger kleiner, etwa fünfjähriger Bursch, der vor Alexandrinen in das Zimmer sprang und sich überall umsah.
Aber es ist nicht möglich, die Freude dieses Wiedersehens, den Jubel zu beschreiben, der die Herzen dieser guten Menschen erfüllte. Und was war jetzt Alles zu erzählen, und Eduard, seinen Knaben fest an sich gepreßt auf dem Knie, lauschte mit Thränen der höchsten Seligkeit in den Augen der fast wunderbar klingenden Mähr von Henriettens Reise nach Deutschland, ihrer Aufnahme bei seiner Schwester und dem Plan, den diese mit Frau von Fermont entworfen, die junge Frau heran- und auszubilden.
Und Alexandrine lehnte dabei das Haupt an ihres Gatten Schulter und flüsterte leise und lächelnd:
»Wer redete mir denn neulich einmal von Hauslauch, der auf Dächern und Mauerwerk wächst, und den man nie versuchen sollte zu veredeln -- es würde nie eine Rose daraus werden? -- Nun, mein Herr Gärtner?«
»Wenn Du _Zauber_künste treibst, mein liebes Kind,« sagte der Graf, sie an sich pressend, »dann freilich muß ich mich besiegt erkennen.«
»Keine Zauberkünste,« lächelte aber freundlich die Gräfin, »glaube mir Rudolph, jedes Mädchen, jede Frau hat das Zeug zu einer Dame in sich, wenn ihr Gelegenheit geboten wird sich auszubilden -- mit Deinem _starken_ Geschlecht aber geb' ich Dir Recht, aus einem Bauern wird sich nie ein Graf machen lassen.«
Eduard dachte jetzt natürlich nicht mehr daran, Deutschland wieder zu verlassen, ja, Graf Galaz selber war Feuer und Flamme dafür, die junge Frau in die Gesellschaft einzuführen. Anfangs zwar hatte das junge Paar noch hie und da ein durch das frühere Gerücht gewecktes Vorurtheil zu besiegen, aber die junge Frau eroberte sich die Herzen im Sturm. Selbst die Enkelburg konnte nicht lange diesem liebenswürdigen Wesen widerstehen. Der alte Comthur war allerdings leicht und bald gewonnen; Hedwig aber, vielleicht gerade aus dem Grund, weil sie keinen Grund angeben konnte, hielt sich noch am längsten scheu von ihnen zurück. Henriettens natürliche und herzliche Einfachheit, mit dem bescheidensten Auftreten gepaart, trug jedoch zuletzt auch über sie den Sieg davon, und jetzt ist in der kleinen Colonie von Rittergütern kein Fest, kein fröhliches Beisammensein irgendwo denkbar, wenn Henriette nicht dabei erscheinen kann.
Allerdings wollte Eduard, als er nur erst einmal festen Boden gefaßt, auch die Eltern seiner Frau herüber nach Deutschland ziehen, und dem Vater, der ein tüchtiger Landwirth war, eines von seinen Gütern übergeben. Die Mutter wäre auch wahrscheinlich gern gekommen, aber der alte Schuhmacher schlug jede solche Aufforderung hartnäckig ab. Er behauptete zwar immer nur, er hätte sich so an die Kakadusuppe gewöhnt, daß er nicht ohne dieselbe leben könne: er meinte aber mit derselben nur das freie unabhängige australische Leben, das er nicht mehr entbehren konnte und wollte. Er flickt allerdings für die australischen Bauern keine Schuhe mehr, aber er hat sich, von Benner dabei unterstützt, noch ein paar Sectionen Land zu seinem eigenen gekauft und ist jetzt einer der größten Weizenbauern im ganzen Tanundadistrict.
Der Gevatterbrief.
Geschichte zur Warnung für Jedermann.
Der geheime Regierungsrath von Fischer in -- saß Morgens in seinem Studirzimmer, als der Diener ihm ein kleines zierlich gefaltetes Briefchen hereinbrachte, das keinen Poststempel trug.
»Von wem?« frug der Regierungsrath, zu gleicher Zeit die Papierscheere aufnehmend.
»Ein Bäckergesell hat ihn gebracht und bittet um Antwort.«
»Ein Bäckergesell?« murmelte der würdige Mann vor sich hin, »was habe ich denn eigentlich mit einem Bäckergesellen zu thun?« Nichtsdestoweniger öffnete er das kleine Schreiben das seine richtige Adresse trug, und überflog den Inhalt.
»Hm, hm, hm, hm,« schüttelte er aber dabei den Kopf -- es mußte etwas ganz Absonderliches in dem Briefe stehen -- »hm, hm, hm, hm, das ist doch merkwürdig -- sehr merkwürdig -- der Bursche soll warten,« sagte er dann zu dem Diener, der sich mit einer Verbeugung verabschiedete und der geheime Regierungsrath, der sich doch nicht allein zu rathen wußte, stand auf und ging in das Zimmer seiner Frau hinüber, um dieser den etwas absonderlichen Inhalt des Briefes mitzutheilen. Der Inhalt war aber eigentlich gar nicht so absonderlich, sondern lautete nur einfach:
»Der Himmel hat meine liebe Frau, Sophie, vor acht Tagen mit einem gesunden, kräftigen Knäblein beschenkt und meine Bitte geht an Sie, verehrter Herr Regierungsrath, dasselbe am nächsten Sonntag aus der Taufe zu heben. Sie würden dadurch unendlich verbinden
Ihren Ihnen gehorsamst ergebenen Jacob Hellmann, Bäckermeister.
Die Taufe ist 11 Uhr Morgens, hohe Gasse Nr. 17, 1 Treppe.«
»Sieh 'mal, Louise,« sagte der Regierungsrath, als er das Zimmer seiner Frau betrat und ihr den Brief entgegen hielt. »Dieses Schreiben habe ich eben bekommen und der Bäckerbursche wartet auf Antwort.«
»Ich habe Nichts bestellt,« sagte die Frau Regierungsräthin.
»Nein, die Sache betrifft auch kein Backwerk,« erwiederte ihr Mann, »lies nur einmal den Brief.«
»Um Gottes Willen, wie kommst _Du_ dazu?« rief aber seine Frau indignirt, als sie die Zeilen erstaunt durchgelesen hatte -- »laß' Du das die Leute einmal merken, daß Du Gevatter stehst und Du kannst die Kinder sämmtlicher Innungen aus der Taufe heben.«
»Hm, ja, das ist schon wahr -- aber was soll ich thun?« sagte ihr Mann verlegen.
»Was Du thun sollst? -- danken; das ist eine einfache Bettelei.«
»Doch wohl nicht,« schüttelte der Regierungsrath bedenklich mit dem Kopfe, »der Bäcker Hellmann ist einer der reichsten und angesehensten Bürger in der Stadt; der Mann hat viel Geld und noch mehr Freunde, ich begreife deshalb auch gar nicht, wie er in dieser unglückseligen Geschichte gerade auf _mich_ fallen konnte; hm, hm, das ist mir doch ungemein fatal.«
»Aber ich sehe nicht ein, weshalb Du so große Umstände machen willst,« sagte seine Frau, »was kann Dir der Bäcker Hellmann nützen?«
»Ja liebes Kind, das ist eine eigene Sache,« meinte der Regierungsrath, »ich -- ich möchte ihn doch auch nicht gerade vor den Kopf stoßen. -- Dieß leidige Gevatterstehen ist doch eine furchtbare Einrichtung und trotzdem giebt es solche glückselige Menschen, die sich etwas derartiges noch zur Ehre rechnen und dadurch befangen genug werden zu glauben, sie ehrten den Eingeladenen ebenfalls.«
»So werde krank an dem Tage.«
»Das geht auch nicht,« sagte der Regierungsrath kopfschüttelnd, »sieh nur den Datum an, es ist derselbe Abend an dem der Tannhäuser zum ersten Mal gegeben wird und wir müssen die Vorstellung, zu der ich für uns die Plätze schon bestellt habe, dann ebenfalls versäumen.«
»Nein, das geht auf keinen Fall,« sagte die Frau Regierungsräthin.
»Dann wird mir wahrhaftig nichts weiter übrig bleiben, als die Einladung anzunehmen,« seufzte ihr Mann, »aber fünf Thaler gäb' ich darum, wenn ich wüßte, wer den Menschen auf den unglückseligen Gedanken gebracht hat, gerade _mich_ zu wählen -- und das kostet dabei wieder ein Heidengeld.«
»Thu' was Du willst,« sagte die Frau Regierungsräthin, »aber soviel weiß ich, wenn _ich_ eingeladen wäre, ich ginge _nicht_.«
Ihr Mann schüttelte mit dem Kopf, ging noch ein paar Mal mit auf den Rücken gelegten Händen im Zimmer auf und ab und dann wieder zurück in seine eigene Studirstube, wo er einen Briefbogen aus dem Gefach nahm und schrieb:
Verehrter Herr!
Es wird mir zur großen Freude gereichen, Ihrer Einladung zu dem glücklichen Feste -- zu dem ich Ihrer werthen Frau Gemahlin meine besten Glückwünsche darzubringen mir erlaube -- Folge zu leisten. Ich werde mich pünktlich einfinden und zeichne mich indessen hochachtungsvoll als
Ihren ergebensten Diener Johann v. Fischer, geh. Regierungsrath.
Der Tag kam; Herr von Fischer hatte die nöthigen Erkundigungen eingezogen und seiner Mitgevatterin ein Körbchen mit sehr schönen Blumen und Handschuhen gesandt. Die Feier selber fand im Hause des Bäckermeisters statt und nach der Ceremonie, zu der noch eine Anzahl Gäste geladen war, führte Herr Hellmann, der seinen Gevatter auf's Herzlichste empfangen hatte, sämmtliche Eingeladene in das Speisezimmer hinüber. Die Tafel war gedeckt und brach fast unter der Last der Speisen und Getränke; der geheime Regierungsrath hatte den Ehrenplatz am Tische und da der Wein ausgezeichnet und von Fischer ein Kenner war, fing er sich nach der ersten halben Stunde schon an wohler, und nicht lange nachher auch behaglich zu fühlen. Die etwas gemischte Gesellschaft bestand dabei aus höchst liebenswürdigen, jovialen Menschen und es wurde erzählt und gelacht und ein Toast nach dem anderen ausgebracht; ja der Regierungsrath, der den ersten auf das Wohl der Wöchnerin getrunken, thaute ordentlich auf; er lachte und erzählte mit und amüsirte sich vortrefflich.
Gegen das Ende der Mahlzeit stand auch Herr Hellmann auf, hob sein Glas und ließ den Herrn Regierungsrath und seine werthe Familie leben, und wie derselbe jubelnd getrunken war, ging er zu seinem Gast um den Tisch herum, um mit ihm anzustoßen, rückte sich dann einen Stuhl zu ihm und es entspann sich bald ein kleines Gespräch über Mahlzeit und Wein, worin der Regierungsrath sein Entzücken über beides ausdrückte, und überhaupt versicherte, sich nicht der Zeit erinnern zu können, wo er sich so gut unterhalten habe.
»Nun das freut mich wirklich herzlich, daß es Ihnen bei mir gefällt,« sagte der Bäckermeister.
»Nein wahrhaftig, mein guter Herr Hellmann, es ist Alles vorzüglich, außerordentlich -- aber -- aber eine Frage erlauben Sie mir wohl?«
»Bitte, mit dem größten Vergnügen, Herr Regierungsrath, wenn ich sie irgend beantworten kann.«
»Es ist mir eine Ehre gewesen, Ihren kleinen Burschen von Sohn aus der Taufe gehoben zu haben, wir essen und trinken hier ausgezeichnet, wir amüsiren uns, wie man sich nur amüsiren kann, aber --«
»Aber?«
»Aber sagen Sie mir doch, mein guter Herr Hellmann,« fuhr der Regierungsrath fort, den neben ihm Sitzenden dabei freundlich auf das Knie klopfend, »wie sind Sie gerade auf _mich_ zum Taufpathen gefallen? -- ich habe mir schon den ganzen Tag den Kopf darüber zerbrochen und kann es doch unmöglich meinen geringen Verdiensten, dem Staat gegenüber, zuschreiben.«
»Hm, Herr Regierungsrath,« lächelte Hellmann still vor sich hin, »das hat eine eigene Bewandtniß und ich sehe keinen Grund ein, sie Ihnen zu verheimlichen.«
»Wäre mir lieb,« sagte der Regierungsrath.
»Ich weiß nicht einmal, ob Sie sich meiner von früher noch erinnern --«
»Glaube kaum früher das Vergnügen Ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt zu haben.«
»Doch, doch,« sagte Hellmann, »besinnen Sie sich auf den letzten Winter, wo wir einmal zwei Tage hintereinander so entsetzliches Glatteis in der Stadt hatten.«
»Ja allerdings -- es kamen auch mehrere Unglücksfälle damals vor.«
»Ganz recht -- an einem von diesen Tagen ging ich Vormittags an Ihrem Hause vorüber, dessen Parterre Sie bewohnen; Sie standen am Fenster und sahen auf die Straße hinaus und demselben gerade gegenüber rutschte ich aus -- die Füße glitten mir unter dem Leib fort und ich fiel der Länge nach hin.«
»Das waren Sie?« rief der Regierungsrath, noch in der Erinnerung an den Augenblick lächelnd.
»Das war ich, mein bester Herr und wie ich mich nach Ihnen umdrehte -- und ich hatte mir weh gethan -- wollten Sie sich ausschütten vor Lachen.«
»Hahahaha,« lachte der Regierungsrath, »das sah auch wirklich zu komisch aus, die Beine kamen Ihnen mit einem ordentlichen Ruck in die Höhe.«
»Ja allerdings,« sagte Herr Hellmann, ohne jedoch in das Lachen mit einzustimmen, »an dem Morgen aber schwor ich es mir: dem Regierungsrath spielst Du für das Lachen einmal einen Possen, wo sich die erste Gelegenheit dazu bietet -- und die habe ich mir auch nicht entgehen lassen.«