Unter Palmen und Buchen. Dritter Band.
Part 6
»So war Ihnen Australien ein Gefängniß?« sagte das junge Mädchen mit tiefem Gefühl -- »o bitte, erzählen Sie uns einmal, wie Sie die letzte Zeit dort gelebt, was Sie gethan und getrieben, wer mit Ihnen verkehrt und was Sie ertragen. Für uns, die wir Sie jetzt kennen, ist das ja Alles, selbst die größte Kleinigkeit von Interesse.«
»Auch uns hast Du eigentlich noch Nichts von Deinem dortigen Leben erzählt,« bat jetzt auch Alexandrine -- »von den Menschen dort wohl, den wilden und zahmen, von den Pflanzen und Thieren -- aber nie von Dir selber. Du bist hier unter lauter Freunden, lege einmal eine offene Beichte ab.«
Alles drang jetzt in ihn, seine Schicksale zu erzählen -- aber so heiter und unbefangen Eduard auch vorher wieder geplaudert hatte, jetzt zog er sich scheu in sich selbst zurück. Er gab ausweichende Antworten -- er sei dazu nicht in der rechten Stimmung -- es wäre auch zu einförmig, um die Gesellschaft zu unterhalten -- kurz er wich aus, und da man fühlte, daß er es nicht gern that, hatte man Takt genug, nicht weiter in ihn zu dringen.
Das Gespräch drehte sich jetzt um alltägliche Gegenstände, und erst gegen elf Uhr fuhr der Wagen des alten Herrn vor, der die Familie zurück auf ihr Schloß brachte.
Siebentes Capitel.
Das Geständniß.
Eduard von Benner hatte eine schlaflose Nacht; er fühlte, daß er so nicht länger fortleben, daß er nicht länger das Geheimniß seiner Ehe gegen seine Schwester, gegen seinen Schwager wahren könne und dürfe. Ihnen wenigstens mußte er gestehen, was ihm auf der Seele lastete, was ihm die Heimath, das Glück, das ihn hier umgab, zu einem täglichen Vorwurf machte, und ihn zuletzt doch noch zwingen würde, nach jenem entsetzlichen Land zurückzukehren. Oder hätte er wagen dürfen seine _Frau_, seine Schwiegereltern, die Schuhmachersleute in _diese_ Kreise einzuführen? -- Es war nicht möglich, das sah er vollkommen ein, und was anders blieb ihm übrig als sein verfehltes Leben nun auch durchzuführen, wie er es selber sich gestaltet hatte -- was _konnte_ er thun, um diesem Zwitterdasein entzogen, von ihm befreit zu werden?
Oh, wohl fielen ihm jetzt die Warnungen seines früheren Freundes Krowsky ein, der ihn so oft und dringend abgemahnt, den Schritt zu thun -- wohl bereute er jetzt bitter, ihm damals nicht gefolgt zu sein und hartköpfig auf seiner tollköpfigen Idee beharrt zu haben -- es war zu spät -- der Würfel gefallen und er mußte das Unvermeidliche jetzt tragen und -- elend sein.
Elend? er wagte nicht dem Gedanken zu folgen, wenn er an sein liebes, braves Weib da draußen dachte -- wie treu sie an ihm hing, wie ihre ganze reine, unschuldige Seele nur _ihm_ gehörte, nur für ihn sorgte und mühte, und _er_? worüber grübelte -- worüber sann _er_? Er barg das Antlitz in den Händen, so erfaßte ihn ein Gefühl von Scham und Reue und dennoch -- dennoch fehlte ihm die Kraft sich aufzuraffen, und das zu thun, was ihm sein Gefühl für Recht gebot -- was er thun _mußte_, wenn er sich nicht selbst verachten sollte.
Ermüdet vom vielen Denken schlief er endlich ein, aber der nächste Morgen brachte ihm keine Linderung, ja vermehrte nur das Qualvolle seines Zustandes, weil es ihn der Entscheidung näher brachte. Er fühlte aber auch -- heute Morgen mit kaltem Blute sowohl, wie gestern Abend in der Aufregung, in welche ihn Hedwigs Gegenwart versetzt, -- daß er mit seiner Schwester offen sprechen müsse. In welchem Licht wäre er ihr sonst später erschienen, wenn sie -- was auf die Länge der Zeit unvermeidlich blieb -- das Verhältniß doch erfuhr, in dem er stand.
Es wurde ihm entsetzlich schwer zu dem Entschluß zu gelangen, aber er sah auch keine Möglichkeit, ihm länger auszuweichen, und mit dem fast ebenso unbehaglichen Gefühl des Zwangs, zog er sich endlich an und ging zum Frühstückstisch hinüber.
Sein Schwager und seine Schwester erwarteten ihn schon; die Kinder frühstückten immer mit ihrer Bonne zeitiger im Garten -- und Alexandrine sah dem Bruder auf den ersten Blick an, daß ihn etwas bedrücke oder daß er sich vielleicht leidend fühle. Seine Züge hatten einen überwachten Ausdruck -- die Augen lagen ihm tief in den Höhlen, auch seine Wangen waren auffallend bleich. Bei dem Frühstück blieb er ziemlich einsilbig; auf die Frage, ob ihm etwas fehle, gab er eine ausweichende Antwort -- etwas Kopfschmerzen, Nichts weiter. Die Schwester ließ es dabei bewenden. Graf Galaz erzählte ihm von einem Paar prächtigen Pferden, die ihm heute Morgen zugeschickt worden und die sie nachher probiren wollten. Eduard hatte den Wunsch geäußert, ein Gespann zu kaufen -- er ging ziemlich theilnahmlos darauf ein.
Die Diener kamen herein, und trugen das Frühstücksgeschirr hinaus. Die Drei waren allein.
»Nun, hast Du jetzt Lust, Eduard,« sagte der Graf, »so will ich anspannen lassen. Der Himmel ist heute umzogen und ein prächtiger Tag zum Fahren.«
»Eduard,« sagte da Alexandrine herzlich und ergriff seinen Arm -- »Dir liegt etwas auf der Seele -- was es auch sei -- Wende Dich nicht ab, und denke daß Du keine treueren Freunde auf der Welt hast, als uns -- Schütte Dein Herz aus; sag uns, was Dich drückt, und sei versichert, daß Du von uns die innigste, aufrichtigste Theilnahme, und wenn nöthig auch Hülfe und Beistand zu gewärtigen hast.«
»Es ist wahr, Eduard,« bestätigte auch der Graf, »etwas muß in Dir nicht richtig sein. Entweder liegt Dir irgend eine Krankheit in den Knochen -- Du hast Dich vielleicht noch nicht wieder genug acclimatisirt, und dafür habe ich es bis jetzt gehalten, oder -- Alexandrine hat Recht und irgend eine Sorge, ein Kummer nagt Dir am Herzen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie gern ich Dir helfen möchte -- wenn Du überhaupt Hülfe brauchst. Aber drückt Dir wirklich etwas die Seele, dann auch herunter damit, daß Du uns wieder ein freundliches, unbekümmertes Gesicht zeigst. Es thut mir weh, Dich so zu sehen.«
Benner saß, den Arm auf den Tisch gestützt, mit niedergeschlagenen Augen da. Er hatte ja zu ihnen reden, ihnen Alles gestehen wollen was ihn quälte, jetzt aber, da der Augenblick nahte, fehlte ihm wieder der Muth, denn er wußte ja nur zu gut wie _der_ Theil der Gesellschaft, zu welchem die Seinigen gehörten, in dem sie lebten und wirkten, seine Stellung beurtheilen würde. Aber er konnte auch nicht mehr zurück -- schon durch sein halbverlegenes Schweigen hatte er eingestanden, daß wirklich nicht Alles mit ihm sei wie es solle, _daß_ ihn irgend etwas peinige --; Schweigen hieß jetzt den ihm liebsten Menschen das Vertrauen weigern, und sich plötzlich gewaltsam emporraffend, sagte er scheu:
»Ja, Alexandrine -- ja, Rudolph, Ihr habt Recht -- ich hatte in der That bis jetzt vor Euch ein Geheimniß -- und daß ich es hielt mag Euch beweisen, wie ich selber das Drückende meiner Lage fühle. Aber es soll nicht länger so zwischen uns sein, und dann rathet mir was ich thun -- wie ich handeln soll.«
»Mein guter Eduard!«
»Hört mich. -- In Australien, abgeschnitten von Allem an dem bis jetzt mein Herz hing, freundlos, freudlos, allein und verlassen und auf meiner Hände Arbeit angewiesen, mit meinem Vater entzweit, also auch jede Rückkehr nach Europa verlegt und unmöglich gemacht, trieben mich Trotz und Verzweiflung zu einem Schritt, der mich für immer an Australien fesseln sollte -- ich heirathete.«
»Du bist vermählt?« rief Alexandrine erstaunt, fast erschreckt aus.
»_Vermählt_ -- ja,« sagte Eduard bitter und leise vor sich hin, »mit der Tochter eines Schuhmachers, die, als ich sie kennen lernte, bei einem deutschen Apotheker -- in Diensten stand --«
Alexandrine erwiederte kein Wort -- sie war todtenbleich geworden, und ihre Gestalt zitterte -- sie mußte sich auf den Stuhl niedersetzen, neben dem sie stand.
»Jetzt wißt Ihr Alles,« fuhr er dann leise fort -- »mein Weib ist gegenwärtig mit unserem Kind bei ihren Eltern in Tanunda und erwartet mit Sehnsucht meine Rückkehr nach Australien. -- Meine dort übernommene Pflicht zwingt mich, dahin zurückzukehren, denn -- ich darf _Euch_ hier keine Schande machen.«
»Oh Eduard, Eduard, hast Du denn gar nicht mehr an uns gedacht?« klagte da seine Schwester; »mußtest Du Dich denn mit Gewalt von Allem losreißen, was Dir noch lieb und theuer war auf der Welt -- hatten wir das um Dich verdient?«
»Es ist zu spät darüber jetzt zu klagen,« sagte ihr Bruder finster -- »was ich mir aufgebürdet, muß ich tragen, und wie es mein Herz auch hier nach Deutschland ziehen und hier halten mag, mein selbstgeschaffenes Schicksal zwingt mich in jenen fernen Welttheil zurück.«
Graf Galaz hatte in der ganzen Zeit kein Wort gesprochen. Er stand mit der Schulter an den Pfeiler der Gartenthür gelehnt, die Arme untergeschlagen, die Augen, so lange Eduard sprach, fest und forschend auf diesen geheftet. Jetzt schaute er still und überlegend vor sich nieder.
»Und ist das Dein fester Wille?« sagte er endlich leise.
»Was Anderes soll ich -- _kann_ ich thun?«
»Laß uns Zeit zum Ueberlegen Eduard,« erwiederte da der Graf ruhig, »denn die Sache ist in der That zu wichtig, um über's Knie gebrochen zu werden. -- Ich will es mir indessen überdenken -- ich will mit Deiner Schwester darüber reden, ich -- muß mir selber erst klar darüber werden, denn ich kann Dir gestehen, Du hast uns überrascht -- ich war auf etwas Derartiges nicht vorbereitet.«
Eduard wollte etwas erwiedern, aber er vermochte es nicht. Er ging auf Graf Galaz zu und drückte ihm die Hand, küßte seine Schwester und verließ dann rasch das Zimmer. Draußen befahl er sein Pferd zu satteln, und ritt gleich darauf hinaus in den Wald.
Auch Galaz blieb nicht daheim -- er ließ sich die neu gebrachten Pferde einschirren, und ging indessen, während Alexandrine auf dem Sopha saß und still weinte, mit raschen Schritten im Saale auf und ab -- aber keins von ihnen sprach ein Wort. Erst als der Diener meldete es sei vorgefahren, und dann wieder die Thür schloß, trat er zu seiner Gattin und sagte herzlich:
»Sorge Dich nicht, Alexandrine; es kann noch Alles gut werden -- lasse mir nur Zeit zum überlegen -- Dein Bruder ist in treuen Händen, sei versichert.«
»Mein guter Rudolph, oh, der arme, arme Eduard!«
»Banne die trüben Gedanken, Schatz, ich bin bis um 12 Uhr wieder zurück; bis dahin wird auch Eduard vielleicht da sein, und wir halten dann Familienrath.«
»Und was denkst Du, daß er möglicher Weise thun kann?«
»Noch weiß ich Nichts, Kind -- gar Nichts. Der Kopf wirbelt mir nur von dem Gehörten; das muß erst klar werden und sich sichten; alles Andere findet sich ja dann leicht. Leb wohl indessen, und laß mich wieder ein freundliches Gesicht sehen, wenn ich zurück komme.«
Ein freundliches Gesicht -- Du großer Gott, der armen Frau war das Herz recht voll und schwer, als sie ihr Gatte verlassen hatte, denn wohl sorgte sie sich um den Bruder, den sie so -- wenigstens für sie in Deutschland -- verloren glaubte. -- Und was _konnte_ ihr Gatte dabei thun? -- Das Band lösen, das ihn dort fesselte? -- Scheidung? -- aber was hatte das arme Weib verbrochen, die vielleicht mit aller Liebe an ihm hing. -- Der Kopf schmerzte sie vom vielen Sinnen, und sie mußte sich gewaltsam aufraffen. Sie wollte sich beschäftigen -- sie wollte lesen -- es ging Alles nicht -- an was _konnte_ sie anders denken, als an das, was jetzt ihr ganzes Herz erfüllte. Erst in der Musik fand sie zuletzt eine Erleichterung, um die langen, langen Stunden hinzuweilen, die noch zwischen jetzt und der Entscheidung lagen.
Um ein Uhr kehrte Graf Galaz zurück, gleich nach ihm, fast mit ihm zugleich, Eduard. Er sah bleich und angegriffen aus und drückte, als er in's Zimmer trat, seiner Schwester bewegt die Hand.
»Eduard,« sagte da der Graf, »es bedarf keiner weiteren Vorrede, denn daß uns Beide Dein künftiges Schicksal, seit dem Augenblick wo Du uns Dein Geheimniß entdecktest, ausschließlich beschäftigt hat, versteht sich von selbst. Es bleiben Dir aber nur zwei Wege, das seh' ich ein, und wenn es Dir irgend möglich wäre, würde ich Dir rathen, den einen einzuschlagen, denn natürlich möchten wir Dich doch gern in unserer Nähe behalten.«
»Und der ist?« fragte Eduard leise und scheu.
»Scheidung,« erwiederte ruhig der Graf, »und zwar nicht allein Scheidung Deiner selbst, sondern auch Deiner Frau wegen.«
»Meiner Frau?«
»Allerdings. Du _kannst_ nicht daran denken nach Australien zurück zu gehen. Wie ich Dich jetzt hier kenne, nach Allem was ich von Dir gesehen, würdest Du Dich dort namenlos elend fühlen. Auch die Verbindung selber läge Dir jetzt wie eine Last auf, und hinderte Dich an all Deinen Bewegungen. Früher ja, in Deinem tollköpfigen Sinn, mit dem Vaterland vollständig zu brechen, hast Du das nicht so gefühlt -- ja im Gegentheil erweckte vielleicht gerade die Gründung eines eigenen Heerdes, mit einer Frau, die Deine Arbeit theilen mußte -- Dein Selbstgefühl, und Du fandest darin einen Ersatz für das Aufgegebene. Jetzt ist das anders. Kehrtest Du jetzt in jene Verhältnisse zurück, so würdest Du Dich elend fühlen und damit Dein armes Weib auch elend machen -- und wolltest Du sie herüber kommen lassen -- sage Dir selbst, ob Du mit _der_ Verwandtschaft hier bei all unseren Freunden einen Verkehr halten könntest. Jetzt empfängt Dich Alles mit offenen Armen, aber dann -- der Stand, die geringe Bildung Deiner Frau würde sich augenblicklich verrathen, und hat sie nur ein klein wenig Gefühl, so müßte sie sich selber unglücklich fühlen, wenn sie sieht, daß sie Dich durch das Zusammenleben mit Dir unglücklich macht.«
»Und der andere Weg?« frug Eduard mit einem tiefen Seufzer.
»Der andere,« sagte der Graf, »ist der, daß Du Deine Frau herüber kommen läßt und mit ihr auf Dein Gut in Schlesien ziehst, um dort, abgeschlossen von der Welt, zu leben. -- Dann freilich bist Du für uns verloren, und, einen gelegentlich kurzen Besuch abgerechnet, würden wir wenig von einander zu sehen bekommen. Aber selbst dort bleibst Du dem ausgesetzt, daß sich die benachbarten Gutsherren von Dir zurückziehen -- die Männer weniger als die Frauen, denn jeder Stand, mein Freund -- wir ändern nun einmal die Welt nicht -- hat seinen Stolz, und hält auf seine Rechte.«
»Und sind solche Vorurtheile nicht thöricht? -- schlecht?« rief Eduard bewegt aus.
»Sie haben ihre Berechtigung,« erwiederte ruhig der Graf. »Ich selbst halte die Menschenrechte des gemeinen Arbeiters so hoch, als meine eigenen, aber -- ich verkehre trotzdem nicht gesellschaftlich mit ihm, weil sein Bildungsgrad dem meinen nicht behagt, weil seine Angewohnheiten und Sitten mir nicht in _meinem_ gewöhnten Leben zusagen -- nicht etwa aus dem Grund, weil ich ihn geringer achtete. Erstlich kann ich mich nicht mit ihm über _das_ unterhalten, was _mich_ interessirt, dann raucht er einen sehr schlechten Tabak und spukt in die Stube -- lauter Dinge, die mir fatal sind und mir Ekel verursachen. Er gebraucht auch kein =Eau de Cologne= -- obgleich er es manchmal nöthig hätte; kurz, ich fühle mich nicht in seiner Gesellschaft behaglich und ihm geht es mit mir genau so. Glaube auch um Gottes Willen nicht, daß _unser_ Stand allein dieses Vorurtheil hat; bis zu den untersten Schichten der menschlichen Gesellschaft triffst Du das nämliche -- »Gleich und gleich gesellt sich gern« ist ein altes vortreffliches Sprichwort und wir müssen dafür büßen, wenn wir es vernachlässigen. Folgst Du also meinem Rath, so setzt Du Dich in Güte mit der Familie auseinander. Du hast die Mittel, sie vollständig und reichlich zu entschädigen, ja ihnen für Sorgen und Noth, die sie vielleicht bis jetzt gehabt, einen Wohlstand zu schaffen. Das bist Du ihnen auch schuldig und wirst nicht knausern.«
»Und sein Kind?« rief da Alexandrine, die bis jetzt mit ängstlich erregten Zügen den Worten des Gatten gelauscht hatte -- »oh, wie hart, wie grausam Ihr Männer seid! Und das arme Wesen, das ihm ihre Liebe gegeben, ihm ihr ganzes Leben geweiht hat, gilt Euch nichts weiter, als daß man ihr Schmerz und Sehnsucht mit _Geld_ -- mit einem »Wohlstand« abkaufen könne?«
»Und weißt Du einen anderen Ausweg, Alexandrine?«
»Wäre es denn nicht möglich die Frau zu uns herauf zu ziehen?« rief bittend die Gräfin, »sollte Eduard so tief gegriffen haben, seine Gattin aus dem rohsten, unformbarsten Material zu wählen?«
Eduard schwieg und sah seufzend vor sich nieder.
»Also wirklich,« stöhnte die Schwester, »aber so beschreib' uns Deine Frau,« rief sie plötzlich, von einer neuen Hoffnung belebt -- »Du hast uns noch kein Wort über sie gesagt -- beschreib' sie, wie sie ist -- wie Du sie lieben lerntest -- wie sie Dein Herz gewann. Sie mag von niederem Stande sein,« fuhr sie lebendig fort, »und doch hat man Beispiele, daß sich gerade Frauen in selbst ungewohnte Verhältnisse leicht und ungeahnt rasch hinein fanden. -- Sie hat doch ein hübsches, freundliches Gesicht?«
»Lieb und gut,« sagte Eduard bewegt, »ihre Züge sind nicht grob oder bäuerisch, eher fein, ja fast edel -- ihre Hände, trotz der harten Arbeit, die sie gethan, weiß und zart. Sie hat blondes Haar und treue blaue Augen und ist schlank und hoch von Wuchs.«
»Wo stammt sie her?«
»Ihr Geburtsort ist Landau. Aber täusche Dich nicht, Alexandrine,« setzte er hinzu, »aus einem _Kinde_ läßt sich ein ander Wesen formen, nicht aus einer erwachsenen Frau. Sie kennt Nichts von der Welt, als daß sie zur Arbeit von Jugend auf bestimmt war; sie hat Schreiben und Lesen gelernt, und ein klein wenig Rechnen: dies, mit ihrem Katechismus, bildete ihre einzige Erziehung. Sie singt wie eine Lerche, aber lachte laut auf, als ich ihr die ersten Noten zeigte und ihr erklären wollte, daß das Töne wären. -- Auch in anderer Weise hab' ich es versucht -- es that mir im Herzen weh, sie so in Unwissenheit hinleben zu sehen; ich verschaffte mir Bücher und wollte sie zum Lesen bringen -- aber umsonst. Ja, kleine fade Geschichten und Schnurren las sie wohl einmal und lachte herzlich darüber, aber sie bekam es rasch wieder satt, warf das Buch fort, sagte das sei Faullenzen, und sprang singend an ihre Arbeit.«
Alexandrine hatte ihm schweigend zugehört, und während er sprach, haftete ihr Auge ernst und wehmüthig an seinen Zügen.
»Und nun?« sagte sie, während sich ein tiefer Seufzer ihrer Brust entrang -- »was hast Du selbst beschlossen, denn Dir vor Allen gebührt die Entscheidung für Deinen künftigen Lebensweg.«
»Ich weiß es selber nicht,« stöhnte Eduard -- »ich fühle, daß Rudolph Recht hat, und doch zieht mich mein Herz dorthin zurück, wo ich nie wieder glücklich werden kann. Wollte Gott, ich wäre todt.«
»Das ist der Ausruf feiger Verzweiflung,« sagte der Graf kalt, »schäme Dich, Eduard, in Deine Seele hinein. Erst im Unglück beweist sich der Mannesmuth, im Sturm der tüchtige Seemann, und wer da zaghaft das Ruder aus den Händen läßt, verdient nichts Besseres, als daß er eben zu Grunde geht.«
»Aber was soll ich thun?«
»Sei ein Mann.«
»Und mein Kind?«
»Vom achten Jahre an gehört es dem Vater. Sie wird es Dir auch nicht vorenthalten, wenn ihr des Kindes Wohl am Herzen liegt. Ist es Knabe oder Mädchen?«
»Ein lieber, herziger Knabe, der der Mutter sprechend ähnlich sieht.«
»Und von dem soll sie sich trennen?« sagte Alexandrine bewegt.
»Noch lange nicht, mein Herz,« erwiederte ihr Gatte -- »noch viele Jahre soll sie es bei sich behalten, bis sie selber anfängt, sich um seine Erziehung zu sorgen. Dann erst übernimmt der Vater dieselbe, und enthebt sie dadurch einer Last und Verantwortlichkeit.«
»Einer _Last_,« wiederholte die Frau wehmüthig -- »oh wie wenig versteht Ihr Männer doch das Herz einer Mutter. -- Einer Last -- als ob uns ein Kind eine Last sein könnte. Aber Eines bedenke wohl, Eduard -- _was_ Du auch thust, handle nie, daß es Dir zu einem Vorwurf für Dein späteres Leben wird.«
»Aber Alexandrine,« rief ihr Gatte.
»Gott ist mein Zeuge,« sagte die Gräfin bewegt, »wie glücklich es mich machen würde, Eduard bei uns zu behalten, aber -- ich möchte dieses Glück nicht mit der Ruhe seines Gewissens erkauft haben.«
»Und soll er sein Weib unglücklich machen,« rief ihr Gatte, »indem er sie in Kreise und Verhältnisse führt, in denen sie sich elend fühlen _muß_? Willst Du die Verantwortung tragen, wenn sie ihn selber anklagt, sie aus ihrer Sphäre gerissen zu haben? --«
»Oh mein Gott!« stöhnte die Frau.
»Ueberlaßt mir das Ganze,« sagte der Graf freundlich, »ein Dritter ist da immer weit besser im Stande ruhig und kaltblütig zu handeln, als die dabei Betheiligten. Was ist ihr Vater für ein Mann, Eduard?«
»Ein ehrlicher braver Handwerker,« erwiderte Benner, »bieder und derb, aber auch natürlich roh und rücksichtslos, doch mit viel praktischem Verstand, soweit es eben sein Geschäft und auch den Ackerbau betrifft. Er hat in seiner Jugend hart gearbeitet, um etwas vor sich zu bringen, und da er das erreicht, scheint sich sein Fleiß, anstatt das Gewonnene zu genießen, verdoppelt zu haben.«
»Er liebt das Geld?«
»Mein Himmel, es ist für alle diese Leute das höchste Ziel -- nicht etwa des Geldes selber wegen, sondern weil sie Alles damit erreichen können. Der alte Peters ist nicht schlimmer und nicht besser, als die Uebrigen, aber so herzlich ich Dir für Deine treue Liebe danke, Rudolph, in dieser Sache mußt Du mir selber das Handeln überlassen.«
»Du willst selber schreiben?«
»Lass' mir Zeit -- es darf nicht übereilt werden -- ich kann mein Weib nicht so bitter kränken, mich nicht so rasch, so plötzlich von ihr trennen.«
»Und was willst Du sonst thun?«
»Ihr schreiben, daß ich noch nicht hier abkommen könne, daß vielleicht noch längere Zeit vergehen würde, ehe ich im Stande wäre, zu ihr zurückzukehren, ja daß es vielleicht die Umstände nöthig machten, noch Jahr und Tag hier auszuharren.«
»Das bleibt eine Galgenfrist, denn die Zeit verfliegt.«
»Lass' sie sich erst an die Trennung gewöhnen,« bat Eduard -- »laß mich selber erst klar mit mir werden. Daß es ihnen indessen da drüben an nichts fehlt, soll meine Sorge sein.«
»Du bist noch unentschlossen?«
»Ja -- Du weißt nicht, mit welcher Liebe Henriette an mir hängt. Was geschehen _muß_, mag die Zeit bringen, aber ich bin nicht im Stand ein Band freiwillig und so rasch zu lösen, das ich selber geknüpft und in dem ich mich einst glücklich fühlte.«
»Und hast Du wirklich noch eine Idee, wieder nach Australien zurückzukehren?« fragte Graf Galaz erstaunt.
»Ich weiß es nicht,« erwiderte unentschlossen der junge Mann -- »jetzt nicht -- nicht in nächster Zeit -- ich bleibe bei Euch -- ich könnte jetzt nicht einmal fort, wo mir so viel zu ordnen, einzurichten bleibt. Lass' mir Zeit, Rudolph, ich bitte Dich dringend darum.«
»Ich dränge Dich nicht,« sagte der Graf ruhig -- »besser für alle Theile wäre es freilich, so rasch als möglich zu einem Verständniß zu kommen, denn Nichts ist peinlicher, als eine solche Ungewißheit, ein solches Schwanken. Aber ich bin auch damit einverstanden, daß Du Dich noch erst ein wenig mehr in unsere Verhältnisse einlebst. Was dann geschehen _muß_, geschieht doch. Uebrigens versteht es sich von selbst, daß wir der _Welt_ gegenüber Nichts von der Sache erwähnen; wir wollen nicht muthwillig ihre Vorurtheile herausfordern.«
Achtes Capitel.
Der Besuch.
Eduard von Benner hatte sich dadurch sein Loos erleichtert, daß er sich offen gegen seine Verwandten ausgesprochen; er brauchte jetzt kein Geheimniß vor ihnen zu verbergen, aber in der Sache selber war freilich noch immer Nichts damit geändert -- gebessert worden. Nur Zeit hatte er gewonnen -- Zeit um zu grübeln und zu brüten und unentschlossen zwischen dem zu schwanken, wohin ihn die Pflicht zog, und dem, wozu ihn die Verhältnisse, seine ganze gesellschaftliche Stellung in der Welt trieben.