Unter Palmen und Buchen. Dritter Band.

Part 16

Chapter 163,836 wordsPublic domain

»Dein Heimathschein ist angekommen. Jetzt ist's auf einmal schnell gegangen. Aber nun mach' auch daß Du wieder auf die Füße kommst. Ich hab Dir das ganze Gut verschrieben, und da mußten sie ihn Dir wohl geben, denn Du bist ja jetzt Landeigenthümer geworden und kannst nun heirathen, wann Du willst. Aber nach Gotha werden wir doch noch müssen, denn die Herren Geistlichen sind zäh und wollen nicht nachgeben.«

»Wo ist denn die Kathrine, Vater?«

»Aber was hast Du nur mit der Kathrine? unten, ich hab' Dir's ja schon vorher gesagt; bei der Mutter.«

Wieder schloß Hans die Augen und schien jetzt wirklich müde geworden zu sein, denn als ihn der Vater wieder anredete, bewegte er nur leise die Hand und öffnete die Augen nicht. Da er aber ruhig und regelmäßig athmete, war der Alte vernünftig genug, ihn nicht weiter zu stören, und zwei volle Stunden blieb er so liegen, während die Frauen ein paar Mal leise das Zimmer betraten, aber immer wieder auf den Zehen hinausschlichen, sobald sie den Schlaf des Kranken bemerkten.

Gegen Abend kam der Chirurg, und als Hans die fremde Stimme hörte, öffnete er die Augen. Er hatte wirklich geschlafen und fühlte sich dadurch merklich gestärkt.

Der Chirurg war außerordentlich zufrieden; der Puls ging ruhig, die Kopfwunden waren nur noch wenig entzündet. Wundfieber hatte er gar nicht gehabt, und mit einiger Ruhe hoffte jener ihn in ein paar Tagen wieder auf den Füßen zu haben.

»In ein paar Tagen?« lächelte Hans, »ich stehe morgen auf, Doctor, die Schrammen am Kopf heilen auch so.«

»Und fallen mir nachher wieder um,« sagte der Chirurg.

»Denke nicht daran,« meinte Hans.

»Nur nicht zu früh,« warnte der Doctor, als er das Haus verließ, »daß wir keinen Rückfall kriegen.«

Mutter und Katharine durften jetzt bei ihm bleiben, und als das junge Mädchen wieder zu seinem Bett trat, nahm er ihre Hand, drückte sie leise und sah ihr so lange in die guten blauen Augen, bis sie den Blick vor ihm zu Boden schlug. Aber eine große Veränderung zum Besseren war mit ihm vorgegangen. Er schien die anfängliche Schwäche schon fast abgeschüttelt zu haben, und die Mutter war ganz glücklich, daß er ihr so aufmerksam zuhörte, als sie ihm Alles erzählte, was indessen in Dreiberg vorgegangen, seit er dagelegen, wenn er auch Katharine immer dabei anschaute.

»Vater,« fragte Hans, nachdem die Frauen zur Bereitung des Abendbrods hinuntergegangen waren und er eine Weile schweigend in seinem Bett gelegen, »habt Ihr nach Wetzlau hinübergeschickt?«

»Ei gewiß,« lautete die Antwort, »der Bote ist auch schon zurück. Er hat aber die Liese nicht selber gesprochen, doch ist sie wieder auf und gesund. Sie lassen Dich Alle herzlich grüßen und Dir Glück wünschen.«

»Vater, ich möchte jetzt nicht gern mehr viel Zeit verlieren, bis ich meinen eigenen Heerd gründe.«

»Aber wohl und gesund mußt Du doch erst wieder sein.«

»In vierzehn Tagen werden kaum noch die Narben zu sehen sein, und so lange braucht's ja doch zu dem Aufgebot,« meinte Hans.

»Hm,« sagte der Vater, »aber da kommt uns wieder die verwünschte Geschichte mit dem Consistorium dazwischen. So rasch geht die Sache nun auf keinen Fall.«

»Ich hab' mir das Alles anders überlegt, Vater,« sagte der Hans ruhig, »wir brauchen das Consistorium gar nicht -- ich heirathe die Kathrine.«

»Hans!« rief der Vater und fuhr erschreckt von seinem Stuhl in die Höhe, denn er glaubte im ersten Augenblick, sein Hans sei durch den Sturz im Kopf verwirrt geworden, »um Gottes willen, Junge, was hast Du? was ist mit Dir? Du solltest noch nicht so viel nachdenken, Du solltest hübsch still liegen und Dich ruhig halten.«

Hans, der wohl ahnen mochte was sein Vater fürchtete, lächelte still vor sich hin; endlich sagte er: »Die Kathrine hat mich lieb, ich weiß es. Vorhin hab' ich's gehört, als sie noch glaubte, ich könnte sie nicht hören, und ich bin ihr auch von Herzen gut, und sie paßt besser für mich, für uns Alle, als das Lieschen.«

»Aber der Traubenwirth hat mein Wort, das Lieschen hat Deins. Das geht im Leben nicht und brächte Schand' auf uns Alle,« rief jetzt der Alte, denn der Hans sprach zu vernünftig, als daß er nun nicht hätte merken können, es sei ihm Ernst.

»Wär' Euch die Kathrine zur Schwiegertochter recht, Vater?«

»Was hilft das Fragen, Hans? zerquäl' Dir den Kopf nicht mit derlei Dingen,« mahnte der Vater ab, doch noch immer nicht so ganz beruhigt. Wie kam der Junge jetzt nur auf die Kathrine?

»Bitte, beantwortet mir nur die eine Frage,« bat Hans, »wär' Euch die Kathrine zur Schwiegertochter recht?«

»Wenn Du sie früher gewählt hättest, ich wollt nichts dagegen sagen,« setzte er zögernd hinzu, »aber so --«

»Vater, wollt Ihr mich einen Augenblick ruhig anhören?«

»Du darfst nicht so viel sprechen.«

»Nur ein paar Worte, ich muß es vom Herzen haben, und Ihr müßt morgen ganz früh nach Wetzlau reiten und mit dem Traubenwirth sprechen.«

»Und was ist's?«

Hans lag noch eine Weile still, dann erzählte er dem Vater mit kurzen, einfachen Worten die ganzen Erlebnisse, erst von dem letzten Kirmeßabend, dann von jenem Sonntag-Morgen, was er gehört und was er selber gesehen und der Vater saß dabei und schüttelte nur unablässig mit dem Kopfe. Und dann erzählte Hans weiter, wie er wieder zur Besinnung gekommen sei und wie Katharine an seinem Bett gelegen und gebetet und was sie dabei gesagt habe. Und jetzt nickte der Alte und sagte leise: »Ob ich's mir nicht gedacht -- ob ich's mir nicht gedacht!«

»Und soll ich das Lieschen jetzt noch heirathen, Vater? könnt' ich's nach dem, was vorgefallen ist, je wieder recht von Herzen lieb haben? und hat's mir nicht damit selbst mein Wort zurückgegeben?«

Der Alte antwortete nichts, er war aufgestanden, kraute sich den Kopf und ging eine ganze Weile im Zimmer auf und ab. Endlich rief er: »Morgen früh reit' ich zum Traubenwirth hinüber. Gern thu' ich's nicht, aber Recht hast Du. Wenn die Sache denn einmal so steht, mag sich das Lieschen den Stadtmenschen nehmen. In die Stadt paßt es auch besser mit den weiten Röcken, als zu uns in die engen Stuben -- und die Kathrine?«

»Sagt ihr noch nichts, Vater,« bat Hans, »ich möchte sie selber darum fragen; auch der Mutter nicht; heute Abend bin ich doch zu schwach. Das viele Reden hat mich angestrengt, vielleicht auch der Hunger; aber da kommt die Mutter mit der Suppe, die wird mir gut thun. Mir ist ordentlich zu Muthe, als ob ich in einem ganzen Jahre nichts gegessen hätte.«

Elftes Capitel.

Was die Katharine dazu sagte.

Hans hatte Recht gehabt. Die vier Tage Fasten paßten nicht zu seinem Körper, und als er einen großen Teller kräftige Fleischbrühe aufgegessen, fühlte er sich besser, legte sich auf die andere Seite und schlief sanft und ruhig bis zum andern Morgen.

Nach Sonnenaufgang lugte der Vater in's Zimmer herein und fand den Sohn schon munter und wohl in seinem Bett aufsitzen.

»Bleibt's beim Alten?« frug er nur; Hans nickte, und der alte Barthold ging hinunter, setzte sich auf den Braunen und ritt hinüber nach Wetzlau. Hans aber, durch den herrlichen Schlaf neu gestärkt, ließ sich von der Mutter seine Kleider geben, die Sonntagskleider, mit denen er zuletzt drüben in der Traube gewesen war, dann setzte er sich in den Lehnstuhl. Das Ankleiden hatte ihn doch ein Bischen mitgenommen, und er sah wieder etwas blaß aus und sagte, als die Mutter bald darauf in's Zimmer schaute und frug, ob er noch 'was brauche:

»Mutter, ich möcht' gern einmal die Kathrine sprechen.«

»Kann ich's nicht auch besorgen, Hans?«

»Nein, Mutter, Ihr nicht. Die Kathrine kann wohl einmal heraufkommen; die hat noch junge Beine -- sie hat mir so noch nicht guten Morgen gesagt -- und kann mir auch gleich den Kaffee mit heraufbringen.«

Die Mutter schüttelte mit dem Kopf, that aber des Sohnes Willen, und eine kleine Weile später kam Katharine mit dem Verlangten, setzte das kleine Kaffeebret auf den Tisch, ging dann zu Hans, reichte ihm die Hand und sagte: »Guten Morgen, Hans; Gott sei ewig gedankt, daß Du wieder aufsitzen kannst und so gut und wohl dabei aussiehst.«

»Guten Morgen, Kathrin',« erwiderte Hans, ließ aber die Hand noch nicht sogleich wieder los, die sie ihm geboten, »freut's Dich wirklich, daß ich wieder gesund bin?«

»Aber Hans, wie kannst Du nur so was fragen? Glaubst Du's nicht?«

»Doch, Kathrine,« sagte Hans, »gewiß glaub' ich's und gern noch obendrein.«

»Und das Lieschen wird erst eine Freud' haben. Der Vater ist heute Morgen hinüber und bringt's vielleicht gleich mit. Die ist gar krank geworden vor lauter Sorge, die arme Maid.«

»Meinst, Kathrine, daß sie wegen meiner krank geworden ist?«

»Aber was Du nur heut für sonderbare Fragen thust, Hans! Wegen wessen denn sonst?«

»Ja, ich weiß nicht,« sagte Hans und schaute still und sinnend vor sich hin, er wußte aber doch, wegen wessen. Kathrine hatte indessen ihre Hand wieder frei gemacht, schenkte ihm den Kaffee ein und rückte ihm dann den kleinen Tisch zu dem Lehnstuhl, damit er die Tasse leicht erreichen konnte. Sie hätte es ihm gern noch bequemer gemacht, wenn es nur möglich gewesen wäre.

»Der Kaffee wird kalt, Hans, wenn Du nicht trinkst,« sagte sie, »er ist ohnehin ein Bischen dünn, aber die Mutter wollte nicht, daß ich ihn Dir stark kochen sollte, weil er Dir sonst schaden könnte, wie sie meinte. Trink ihn nur wenigstens, so lang er noch heiß ist.«

Hans hörte gar nicht, was sie ihm von dem Kaffee erzählte, denn ihm gingen andere Dinge im Kopf herum.

»Heut' in drei Wochen soll die Hochzeit sein, Kathrine,« meinte er endlich, und sah das Mädchen fest und forschend dabei an.

»Ja, ich weiß schon,« sagte Katharine, aber viel leiser, als sie vorher gesprochen, »das Papier ist endlich gekommen.«

»Hast Du nichts dagegen, Kathrine?«

»Ich? Aber Hans, wie Du nur heut' bist? Was kann denn ich dagegen haben? und weshalb?« setzte sie noch viel leiser hinzu.

»Ja, Du wärst aber doch eigentlich die Hauptperson,« meinte Hans; »die Braut hat doch das Meiste dabei zu sagen.«

»Hans, das ist schlecht von Dir, daß Du einen solchen Scherz mit mir machst,« sagte Katharine. Sie war leichenblaß dabei geworden und es war, als ob die blauen Augen ein paar Glasdeckel bekommen hätten, so lagen ihr zwei große schwere Thränen darin und füllten sie bis zum Rande aus.

»Und wenn's nun kein Scherz wäre, Kathrine?« sagte Hans und streckte die Hand nach ihr aus, »wenn nun das Lieschen falsch gegen mich gewesen und der Vater heute hinübergeritten wäre, um dem Traubenwirth die Heirath aufzusagen? Wenn ich Dir nun von Herzen gut wäre, Kathrine, und gestern auch gehört hätte, was Du an meinem Bett gebetet, und keine Andere weiter auf der Welt möcht', als Dich, und Dich von Herzen bäte, daß Du das Kind im Hause bleiben und nur dazu noch mein Weib, mein liebes Weib werden wolltest, Kathrine?«

»Hans!«

»'s ist mein Ernst, Kathrine,« sagte Hans treuherzig, indem er ihr nochmals die Hand entgegenstreckte. »Das Lieschen hält's mit dem Stadtherrn. Ich hab's selber gehört, wenn sie auch nicht wußte daß ich dabei stand, daß sie ihn von Herzen lieb hat. Sie hat's ihm selber gesagt und ist ihm dabei auch um den Hals gefallen. Da war's aus mit uns Beiden, und blind und taub bin ich gewesen, daß ich nicht schon lange eingesehen habe, daß wir Zwei hier doch am besten zusammen passen. Wenn Du mich haben willst, schlag ein, Kathrine, und ich will Dir gut sein mein ganzes Leben lang.«

Und Katharine sagte gar nichts dazu, aber neben dem kranken Hans kniete sie nieder und lachte und weinte und war so glücklich, daß ihr das Herz hätte zerspringen mögen in der Brust.

Und wie der Kaffee dabei eisig kalt wurde, kam die Mutter herein und blieb vor Erstaunen auf der Schwelle stehen und schlug die Hände zusammen. Als sie aber hörte, was hier vorgefallen und wie es des Traubenwirths Tochter drüben getrieben und wie falsch sie gewesen und wie gut Hans der Katharine sei und Katharine dem Hans, da setzte sie sich mit hin und weinte und lachte, gerade wie Katharine. Und jetzt kam's auch heraus, daß das ihr heißester Seelenwunsch gewesen und sie sich vor der Zeit eigentlich gefürchtet hätte, wo Lieschen als Schwiegertochter in das Haus gezogen wäre, eben weil sie immer so vornehm und gar nicht wie ein Bauermädchen war. Aber sie hatte trotzdem nichts sagen mögen, weil man bei solchen Dingen -- worüber aber die Meinungen verschieden sind -- eigentlich keinem andern Menschen zureden müsse.

Gegen Mittag kam der Vater zurück. Drüben in Wetzlau war's heiß hergegangen. Der Traubenwirth hatte noch von nichts gewußt, und Lieschen war vor ihm auf die Kniee gefallen und hatte ihm gestanden, daß sie den fremden Herrn liebe und daß er sie heirathen wolle. Und der Traubenwirth war außer sich gewesen und hatte seine Tochter von sich gestoßen und sie allerhand schreckliche Namen genannt, und das hatte der alte Barthold endlich nicht länger mehr mit anhören können und war wieder fortgeritten nach Dreiberg.

Und an dem Mittwoch über drei Wochen war wirklich Hochzeit und der katholische Pfarrer dazu aus der Stadt herausgekommen. Wie aber die beiden jungen Leute eingesegnet waren und Hans sein glückliches freudeglühendes Weibchen im Arme hielt, da meinte der alte Barthold: »Hans, erinnerst Du Dich wohl noch dran, was Du damals sagtest, als uns der Heimathschein ausblieb und Du Dich für den unglücklichsten Menschen in der Welt hieltest, weil Du das Lieschen nicht gleich Knall und Fall heirathen konntest? Ich glaube, es war: ›ich wollte, ich wär' todt und begraben‹ und ›kein Mensch in der ganzen Welt hat mehr Unglück, als ich.‹ War's nicht so?«

Hans ließ beschämt den Kopf hängen.

»Siehst Du nun,« fuhr der Vater fort, »wie wohl und weise es der allgütige Gott da oben einrichtet, wenn wir armen Sterblichen hier unten auch manchmal nicht gleich einsehen können, wozu das oder das wohl gut sein könnte? Am Ende führt er doch immer Alles zum Besten hinaus, und wir Alle arbeiten nur in seinem Dienst und dienen nur zu seinen Werkzeugen -- selbst die langsamen Behörden da drinnen in der Stadt,« setzte er lächelnd hinzu. »Aber jetzt mag das Vergangene vergessen sein, und nun segne Euch Beide Gott und seid glücklich miteinander.«

Und Hans und Katharine waren glücklich, und die Eltern sollten nie im Leben bereuen, daß sie die kleine Waise damals an Kindesstatt angenommen und sich ein wirklich Kind daraus erzogen hatten.

An dem nämlichen Abend aber, an dem Hans und Katharine mitsammen Hochzeit machten, lief des Traubenwirths Tochter mit ihrem Schatz heimlich davon, und man hat nie wieder von ihnen gehört, denn sie gingen miteinander nach Amerika. Der Traubenwirth aber überlebte die Schande nicht lange, die ihm sein Kind angethan. Er kränkelte von da an, und wie das Jahr um war, trugen sie ihn still hinaus in sein letztes Kämmerlein.

Auf der Eisenbahn.

Wie ganz anders reisen wir jetzt, als früher; was für ein Drängen und Treiben ist das, in dieser vollkommen neuen Welt des Dampfes und der Elektrographen. Wie schnell fliegen _wir_, wie schnell fliegt die Zeit -- und wie langsam gehen doch noch so viele Menschen in ihrem alten, ausgetretenen Gleis _neben_ der Eisenbahn her, ja hielten uns wohl gern noch auf, um mit ihnen in Einem Tempo zu bleiben, denn jeder rasche Fortschritt ist ihnen zuwider. Aber eben so machtlos griffen sie in die Speichen der Zeit, wie in die Dampfräder des Fortschritts, und wir fliegen keck und freudig an ihnen vorbei, und lassen sie nachkeuchen.

Die Fahrt mit dem Dampfwagen ist freilich nicht mehr so gemüthlich, wie die frühere alte Postfahrt. In unserer praktischen Zeit hat die Gemüthlichkeit überhaupt erstaunlich abgenommen. Jetzt regiert der Eigennutz in der Welt, und wer einen Eckplatz im Coupé bekommen kann, lehnt sich behaglich hinein, streckt die Beine vor sich hin, und kümmert sich nicht um den Nachbar.

Das ganze Reisen ist auch ein anderes geworden. Früher gehörte ein Entschluß dazu, den alten Wohnsitz zu verlassen, um irgend einen entfernten Ort zu erreichen. Vor allen Dingen mußte man sich einen Paß mit genauer Personalbeschreibung verschaffen -- Tagelang vorher eingeschrieben sein, um nicht in einem lästerlichen Beiwagen befördert zu werden -- und dann die Abschiedsvisiten. -- Jetzt dagegen trägt man die Paßkarte fix und fertig in der Tasche -- oder braucht sie auch nicht einmal, und ist aus irgend einem entfernten Theil Deutschlands zurückgekehrt, ehe nur irgend ein Mensch eine Ahnung hatte, daß man überhaupt fortgewesen.

Die Reisenden selber verband früher auch schon der gemeinsame Entschluß -- die lange Fahrt mit einander. Wo zum ersten Mal Mittag gemacht wurde, saßen die »Passagiere« von den »Gästen« des Orts getrennt, im »Passagierzimmer« allein und abgeschieden, oder im Gastzimmer an einem besonderen Theil des Tisches. Abends kehrten sie zusammen ein; Morgens tranken sie gemeinschaftlich Kaffee, und hatten im Postwagen wieder ein gemeinsames Leiden zu besprechen, das sie enger verband: die Klage über das letzte Nachtquartier.

Wie hat sich das in unserer Zeit geändert. Jetzt werden wir mit einer Anzahl von Personen zusammengeworfen, die uns nicht interessiren _können_, da sie vielleicht schon auf der nächsten Station aussteigen -- selbst das _wohin_ bleibt sich gleich, da sie uns wahrscheinlich nie im Leben mehr begegnen. »Reisegefährten« -- das Wort existirt gar nicht mehr; man grüßt sich höchstens, wechselt vielleicht ein paar Worte mitsammen, und kennt sich nicht mehr, sobald man aussteigt, trotzdem man vielleicht eine Strecke gemeinschaftlich zurückgelegt hat, die unter frühern Verhältnissen eine feste und dauernde Freundschaft begründet hätte.

Das macht der Dampf: die Concentration der Zeit, wie man es nennen könnte, mit der wir in ein Coupé erst zusammengepreßt, und dann wieder gewaltsam auseinander geschnellt werden. Wer kann sich dabei gemüthlich fühlen? Wo ist die beschauliche Ruhe beim Reisen geblieben, mit welcher der »Schwager« vor der Abfahrt ein paar Stücke auf seinem Horn blies und das durch Verspätung eingetretene Zurücklassen eines Passagiers ein Ereigniß gewesen wäre, von dem man auf der Strecke noch Monate lang gesprochen hätte. -- Jetzt dagegen ein rasches Läuten, ein Pfiff, und fort geht der Zug, ein unglückseliges Menschenkind aber, das in diesem Augenblick noch vielleicht verzweifelnd aus dem Wartesaal stürzte, kann nur mit bestürztem Gesicht hinter dem Davonbrausenden drein sehen, wird noch dazu ausgelacht, und ist von seinen früheren Mitpassagieren im nächsten Augenblick vergessen.

Und wie oft geschieht das. Der alte faule Schlendrian steckt da noch in einer Menge von Menschen, und kommen sie einmal hinaus in's Leben, treten sie aus ihrer Studirstube oder Werkstatt in's Freie, so hält es ungemein schwer ihnen begreiflich zu machen, daß die übrige Welt nicht auf sie wartet oder ihretwegen da ist -- aber der Dampfwagen bringt's fertig.

Und was für wunderliche Leute führt er zusammen.

Es war im August vorigen Jahres, daß ich mit dem Schnellzug von Leipzig nach Coburg über Eisenach fuhr, und zwar die ersten Stationen mit einem Fremden allein im Coupé, der sich trotz der warmen Witterung in einen ziemlich dicken Mantel gehüllt, und seine Reisemütze fast bis über die Ohren gezogen hatte. Vom Gesicht war dabei nur sehr wenig frei, und das Wenige selbst ununterbrochen in eine dichte Wolke von Cigarrendampf gehüllt.

Da ich selber unterwegs nur höchst ungern spreche und nie selber eine Unterhaltung anknüpfe, mein zeitweiliger Reisegefährte aber die nämliche Neigung zu stiller Selbstbeschauung zu haben schien, so nahmen wir in verschiedenen, und zwar gerade den entgegengesetzten Ecken des Coupés Platz und qualmten um die Wette.

In Naumburg bekamen wir einen Mitgenossen, der aber, während er sich dem Dicken gegenübersetzte, ganz das Gegentheil von diesem zu sein schien.

Es war ein dünnes, kleines Männchen, nicht älter vielleicht als dreißig Jahr, aber seinem Gegenüber ordentlich wie zum Trotz ganz in Nanking gekleidet, ja er hatte noch dazu seine Weste aufgeknöpft, und ging dadurch auch sogleich zu Feindseligkeiten über, daß er das bis jetzt fest verschlossene Fenster, ehe es der Dicke verhindern konnte, herunter ließ.

»Bitte, es zieht,« sagte dieser -- es war das erste Wort, was er bis jetzt gesprochen hatte -- und beiläufig gesagt auch das letzte, das ich von ihm hörte, aber selbst das nutzlos.

»Nichts geht über frische Luft« -- sagte der Kleine in Nanking -- »Sie haben ja hier einen Qualm, daß man ersticken möchte.«

Er suchte jetzt auch, wie sich der Zug kaum wieder in Bewegung setzte, ein Gespräch mit Einem von uns Beiden anzuknüpfen, aber es mißlang ihm gänzlich. Eine nicht wegzuleugnende meteorologische Beobachtung über »schönes Wetter« wurde todt geschwiegen -- eine Frage wohin die Reise gehe, an den Dicken, fand keine Antwort; ich selber that als ob ich schliefe, und so rasselten wir selbander an Kösen, Sulza und Apolda vorüber nach Weimar.

Der kleine Mann war dabei völlig rastlos; unaufhörlich sah er bald nach seiner Uhr, bald nach dem Fahrplan, den er schon ganz zerknittert hatte; bald holte er ein Buch heraus zum Lesen, steckte es aber augenblicklich wieder ein. Jetzt nahm er eine Prise -- die er auch dem Dicken anbot, der aber nur mit dem Kopf schüttelte, jetzt zog er sich den Schuh aus und ließ einen kleinen Stein heraus; kurz er saß keinen Augenblick still. Wo auch der Zug hielt, ließ er sich öffnen, und schoß eine Weile auf dem Perron herum.

Er suchte Jemand, aber nicht etwa einen Bekannten, sondern nur ein menschliches Wesen, mit dem er sich unterhalten konnte, ja in letzter Verzweiflung griff er sich sogar den Schaffner auf, der aber nur so lange bei ihm aushielt, als er Zeit gebrauchte seine Dose zu öffnen und ihm eine Prise anzubieten.

Endlich in Weimar fand er das Gesuchte. Dort stieg ein etwas sehr ausgetrockneter Herr mit einer Brille auf, in jeder Hand einen Reisesack tragend und von seiner Frau, einer kleinen lebendigen Brünette gefolgt, in das Coupé. Ein Dienstmädchen das sie begleitet hatte, reichte noch einen großen Tragkorb voll Hutschachteln, Sitzkissen, Vorrathskörben und Regenschirmen, wobei sie die Dame Frau Professorin nannte, in den Wagen, wünschte glückliche Reise und zog sich dann in die Arme eines mittelstaatlichen Infanteristen zurück, der diesen Moment mit großem Takt in der Entfernung abgewartet hatte.

Der Professor suchte indessen, wie der Zug abpfiff -- der Kleine in Nanking hatte eben noch Zeit gehabt, wieder in das Coupé zu springen -- seine Brille, und als er diese gefunden hatte, seine Cigarrentasche, die sich endlich in dem Arbeitsbeutel seiner Gemahlin fand. Hiernach vermißte er aber plötzlich seinen Secretairschlüssel -- der mußte daheim auf dem Tisch liegen geblieben sein, und er schien einen Moment nicht übel Lust zu haben, dem Zug ein _Halt_ zuzurufen. -- Seine Cigarrenspitze hatte er ebenfalls »in der Eile« zu Haus liegen lassen, kurz, im Laufe der Unterhaltung, an welcher der Kleine in Nanking jetzt den lebendigsten Antheil nahm, stellte sich heraus, daß noch eine ganze Menge von Dingen vergessen zu besorgen oder zurückgelassen waren und es bedurfte einiger Zeit, bis sich die beiden Ehegatten soweit beruhigten, das Unvermeidliche eben zu ertragen. Es war einmal geschehen und nicht mehr zu ändern.

Wir erfuhren jetzt auch in unglaublicher Geschwindigkeit, daß der kleine Mann in Nanking bis nach Fröttstedt wollte, wo ihn seine Braut mit ihren Eltern, die aus Eisenach gekommen waren, schon erwarteten, um von da an die Pferdebahn nach Waltershausen zu benutzen und dann zu Fuß nach Reinhardsbrunn und dem Inselberg zu gehen. Er war ein Angestellter aus Naumburg, hatte aber auf zwei Tage Urlaub bekommen und gedachte diese kurze Zeit mit einer Parforcetour durch den Thüringer Wald an der Seite der Geliebten auszufüllen.