Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer
Part 9
Am 26. Juni reiste ich in Begleitung Banks in der Pinasse ab, um die Insel zu umschiffen, und wir kamen am nächsten Tage zu der schmalen Landenge, die beide Teile der Insel miteinander verbindet. Auf Anraten unseres tahitischen Führers, der uns sagte, daß hier das Land gut und fruchtbar sei, landeten wir. Der Häuptling des Gebietes, Matiabo, kam bald an den Strand zu uns herab, schien aber nicht das geringste von uns, noch vom Handel zu wissen, den wir trieben. Seine Untertanen hingegen brachten uns einen reichlichen Vorrat an Kokosnüssen und ungefähr 20 Brotfrüchte. Die Brotfrucht mußten wir teuer bezahlen; ein junges Schwein aber, das uns der Häuptling selbst verkaufte, bekamen wir um so billiger, nämlich für eine Glasflasche, die dem gnädigen Herrn besser gefiel als alle anderen Angebote. Er hatte übrigens eine Gans und einen Truthahn im Besitz, die vom »Delphin« auf der Insel zurückgelassen worden waren. Die Insulaner hatten ihre besondere Freude an diesen Tieren; beide waren erstaunlich feist und so zahm geworden, daß sie den Eingeborenen allenthalben nachliefen.
In einem langen Hause hier sahen wir etwas uns ganz Neues. Fünfzehn menschliche Unterkiefer waren nämlich an einem Ende des Gebäudes auf einem halbrunden Brett befestigt und schienen ganz frisch zu sein. Was das erstaunlichste war: es fehlte kein einziger Zahn. Ein so seltsamer Anblick machte uns sehr neugierig; wir erkundigten uns also da und dort nach der Bedeutung dieser Kiefer, konnten aber keine Erklärung erhalten, weil das Volk uns nicht verstehen konnte oder verstehen wollte.
Als wir von hier aus weiterfahren wollten, bat Matiabo um Erlaubnis, uns begleiten zu dürfen. Wir waren sehr erfreut darüber; denn der Häuptling konnte uns sehr nützlich sein, indem er uns über verschiedene Untiefen hinwegleitete. Wir ruderten längs der Küste hin. Als wir aber ungefähr zwei Drittel der für diesen Tag vorbestimmten Strecke zurückgelegt hatten, entschlossen wir uns, die Nacht am Lande zuzubringen. Nicht weit vom Strande sahen wir ein großes Haus, und Matiabo sagte uns, es gehöre einem seiner Freunde. Der Wirt empfing uns sehr freundschaftlich und befahl seinen Leuten, uns unsere Lebensmittel, mit denen wir gerade sehr gut versorgt waren, zubereiten zu helfen. Als man damit fertig war, speisten wir sehr gesellig und vertraut miteinander. Nach dem Essen erkundigten wir uns nach unserem Nachtlager; es ward uns dazu ein besonderer Teil des Hauses angewiesen. Wir ließen also unsere Überröcke holen, und Banks fing an, sich seiner Gewohnheit nach auszukleiden. Da ihn aber der kürzliche Verlust seiner Kleider vorsichtig gemacht hatte, so behielt er diese jetzt nicht mehr bei sich, sondern schickte sie an Bord des Bootes und gedachte, sich auf seinem Lager mit einheimischem Rindenzeug zu begnügen. Als Matiabo sah, daß wir uns unsere Überröcke bringen ließen, gab er vor, daß auch er einen nötig habe. Weil er sich nun sehr ordentlich aufgeführt und uns wirklich gute Dienste geleistet hatte, ließ man auch für ihn einen holen. Wir legten uns dann nieder, vermißten aber bald unsern Gesellschafter Matiabo; doch argwöhnten wir noch nichts Übles, sondern glaubten, er sei vielleicht zum Baden gegangen, wie es ja die Tahitier vor dem Schlafengehen stets tun. Es währte indessen nicht lange, so verriet uns ein anderer Eingeborener, Matiabo habe sich mit dem Überrock davongemacht. Der Häuptling aber hatte unser Vertrauen schon so sehr gewonnen, daß wir der Nachricht von seiner Flucht anfänglich keinen Glauben beimaßen. Da uns sein Entweichen bald darauf aber auch von unserem Führer Tuahan bestätigt wurde, sahen wir, daß wir betrogen waren und keine Zeit zu verlieren hatten, wenn wir das Kleidungsstück wiederbekommen wollten. Weil wir nun keine Aussicht hatten, den Dieb ohne Beihilfe der Leute, die um uns waren, zu erreichen, sprang Banks auf, erzählte den Vorfall und verlangte, daß sie uns den Rock wiederbringen sollten. Er zeigte ihnen zur Bekräftigung seines Verlangens eine seiner Pistolen, die er immer bei sich zu tragen pflegte, worauf die ganze Gesellschaft erschrocken auseinanderstob und, anstatt uns den Dieb suchen zu helfen, zum Haus hinausfloh. Wir konnten aber noch einen der Leute erhaschen und nahmen ihm das Versprechen ab, uns bei der Verfolgung zu unterstützen. Ich eilte daher mit Banks fort. Obgleich wir beständig liefen, war der Schrecken doch noch mit schnelleren Schritten uns vorausgeeilt; denn nach Verlauf von ungefähr 10 Minuten begegnete uns ein Mann, der den Überrock zurückbrachte und dabei sagte, der Dieb habe ihn bestürzt von sich geworfen. Da wir die Sache selbst wieder hatten, hielten wir es nicht der Mühe für wert, dem Täter nachzusetzen, und so entkam er.
Bei unserer Rückkehr fanden wir keine Seele mehr im Hause, obgleich vorher wohl 200-300 Eingeborene sich darin angesammelt hatten. Sobald man indessen erfuhr, daß wir niemandem als nur Matiabo zürnten, kam unser Wirt mit seiner Gattin und vielen anderen wieder zurück, um den Rest der Nacht bei uns zu bleiben.
Allein, es sollten uns noch mehr Unruhe und Schrecken hier beschieden sein: um 5 Uhr weckte uns nämlich die Schildwache mit der Meldung, das Boot sei gestohlen. Sie hatte es ihrer Aussage nach noch ungefähr eine halbe Stunde vorher vor Anker nicht über 50 Meter weit vom Strande gesehen. Da sie aber nicht lange nachher Ruderschläge gehört hatte, sah sie wieder nach und entdeckte, daß es weg war. Auf diesen Bericht hin standen wir in höchster Besorgnis auf und liefen zum Strand hinab. Der Morgen war heiter und sternenhell: wir konnten sehr weit sehen, aber keine Spur vom Boote entdecken. Es stand daher sehr mißlich um uns, und wir hatten Ursache genug zur äußersten Bestürzung und den schlimmsten Ahnungen. Da es völlig windstill war, konnten wir nicht annehmen, die Pinasse habe sich von ihrem Anker losgerissen, mußten vielmehr mit Recht vermuten, daß die Wilden das Boot überfallen, das Bootsvolk getötet und die Beute weggeführt hätten. Der Unsern waren nicht mehr als vier. Wir hatten nur eine Flinte und ein paar Taschenpistolen, zudem außer der Ladung keine Vorräte an Pulver und Blei. In dieser Angst und Not mußten wir ziemlich lange zubringen und alle Augenblicke erwarten, daß die Insulaner sich ihren Vorteil über uns zunutze machen würden. Endlich sahen wir zu unserer großen Freude das Boot zurückkehren. Es war durch die Ebbe von seinem Anker weggetrieben worden, ein Umstand, an den wir in der Bestürzung und Verwirrung gar nicht gedacht hatten.
Sobald das Boot wieder eingetroffen war, frühstückten wir und eilten, diesen Ort zu verlassen, aus Furcht, es möchte uns hier noch Übleres begegnen. Nach einiger Zeit bemerkten wir am Lande etwas Sonderbares: die Gestalt eines Mannes, aus Ruten ziemlich unförmig geflochten, sonst aber nicht übel geformt, über 7 Meter hoch, aber etwas zu dick geraten. Das Flechtwerk bildete eigentlich nur das Skelett des Ganzen, die äußere Seite war mit Federn bekleidet, die an den Stellen, wo sie Haut darstellen sollten, weiß, an den Teilen aber, die die Eingeborenen zu bemalen oder zu färben pflegen, ebenso wie auch auf dem Kopfe, wo die Haare angedeutet sein sollten, schwarz waren. An dem Kopfe hatte die Figur vier Buckel, hervorragende Beulen, drei vorne, eine hinten; wir würden diese nicht treffender als mit Hörnern bezeichnet haben, die Tahitier aber nannten sie »Tate Ete«, d. h. kleine Männchen. Das Standbild selbst hießen sie »Manioe« und sagten, es sei das einzige in seiner Art auf der ganzen Insel. Sie gaben sich auch Mühe, uns zu erklären, welche Bedeutung und welchen Zweck es hätte. Wir hatten aber damals noch nicht genug von ihrer Sprache gelernt, um ihre Auslegung völlig zu verstehen. Jedoch erfuhren wir so viel, daß es eine Darstellung des Manioe, eines ihrer Götter zweiten Ranges, sein solle.
Bald waren wir nicht mehr weit von dem Gebiete Paparra entfernt, das unseren Freunden Oamo und Oberea gehörte, und wo wir unser Nachtlager aufzuschlagen gedachten. In dieser Absicht gingen wir eine Stunde vor Sonnenuntergang an Land, fanden aber, daß sie beide ihre Wohnungen verlassen hatten, um uns ihrerseits in der Bucht von Matavai einen Besuch abzustatten. Wir legten auf diese Abwesenheit kein Gewicht, sondern nahmen unser Nachtquartier im Hause der Oberea, das zwar klein war aber einen sehr behaglichen Eindruck machte. Ihr Vater wohnte zu dieser Zeit allein darin und empfing uns sehr freundlich. Als wir uns etwas eingerichtet hatten, wollten wir die Zeit vor Anbruch der Nacht noch zu einem Spaziergang ausnützen. Wir schlugen den Weg zu einer Landspitze ein, auf der wir von weitem eine Art von Bäumchen gesehen hatten, die hier »Etoa« genannt und gewöhnlich nur an solchen Orten gepflanzt werden, wo die Eingeborenen ihre Toten begraben. Dergleichen Begräbnisplätze, an denen zugleich der Gottesdienst verrichtet wird, heißen bei ihnen Marai.
Als wir dort ankamen, staunten wir über ein ungeheures Gebäude, das, wie man uns sagte, das »Marai« (Mausoleum) des Oamo und der Oberea und zugleich das größte Meisterstück tahitischer Baukunst sei. Es war aus Stein in pyramidenförmiger Gestalt erbaut und ruhte auf einer länglich-rechteckigen Basis von etwa 80 Meter Länge und 25 Meter Breite. Die Bauart glich einigermaßen den kleinen pyramidenförmigen Anhöhen, auf die wir in England bisweilen die Pfeiler für Sonnenuhren aufstellen, und die wir an jeder Seite mit einer Anzahl von Stufen versehen zu lassen pflegen. Bei diesen Gebäuden waren jedoch die Seitenstufen breiter als jene an den Enden, so daß das Gebäude nach oben zu sich wie zu einem Giebeldach verjüngte. Wir zählten elf solcher Stufen, und jede war über einen Meter hoch, so daß also die Höhe des Ganzen fast 13 Meter betrug. Jede Stufe bestand aus einer Reihe weißer Korallensteine, die recht regelmäßig und viereckig behauen und geglättet waren. Das Fundament war aus Felsenstücken gesetzt, die gleichfalls viereckig zugehauen und zum Teil ganz ansehnlich waren; denn eines davon war nicht weniger als über ein Meter lang und fast ein halbes Meter breit. Ein solches Gebäude von einem Volke ausgeführt zu sehen, das gar kein Eisenwerkzeug zum Behauen und keinen Mörtel zur Verbindung der Steine kannte, setzte uns in nicht geringes Erstaunen. Da wir in der ganzen Gegend keinen Steinbruch sahen, mußten die Quadern aus großer Entfernung dahin geschafft worden sein, alles mit der unsäglichsten Mühe. Denn sie kennen kein Mittel, etwas von einer Stelle zur anderen zu bringen, als Menschenhände. Auch konnten sie die Korallensteine nicht anders als aus dem Wasser heraufgeholt haben, wo man sie in beträchtlicher Tiefe häufig finden kann. Sowohl die Felsblöcke wie die Korallensteine konnten nur mit steinernen Werkzeugen behauen, und das mußte eine unglaublich schwierige Arbeit gewesen sein. Das Glätten hingegen konnten sie vermittels des scharfen Korallensandes, den man am Strande findet, weit leichter bewerkstelligt haben. Mitten auf der Spitze des Baues stand ein aus Holz geschnitzter Vogel, und bei ihm lag eine aus Stein gehauene Fischfigur, die aber zerbrochen war. Die ganze Pyramide nahm fast die eine Seite eines geräumigen viereckigen Platzes ein, dessen Seiten einander beinahe gleich waren. Dieser ganze Bezirk war mit einer steinernen Mauer umgeben und überall mit breiten, flachen Steinen gepflastert; trotz der Pflasterung wuchsen jedoch verschiedene Etoa-Bäume und Bananen darin.
Wonach man in Tahiti am emsigsten trachtet, ist der Besitz eines schönen »Marai«, und dieses hier war so ein sehr deutlicher Beweis von der Macht der Oberea. Es ist bereits erwähnt worden, daß sie zur Zeit unserer Anwesenheit nicht mehr so viel Ansehen und Gewalt zu haben schien, wie damals, als der »Delphin« hier lag. Wir erfuhren jetzt auch die Ursache davon. Als wir nämlich längs des Seestrandes zu ihrem Marai gingen, sahen wir den ganzen Weg mit Menschengebeinen, besonders Rippen und Wirbeln, bedeckt. Auf unsre Frage, welche Bewandtnis es mit dieser Menge unbestatteter Totengebeine habe, sagte man uns, daß im Dezember 1768 der Stamm der südöstlichen Halbinsel, die wir kurz zuvor besucht hatten, einen Einfall in diese Gegend gewagt und eine Menge Menschen getötet habe, deren Gebeine das eben wären. Nach diesem unglücklichen Vorfall sei Oberea und Oamo, der damals die Regierung für seinen Sohn verwaltete, ins Gebirge geflohen. Die Sieger hätten darauf die hier gelegenen Häuser, die sehr groß gewesen, verbrannt und die Schweine und andere Tiere, die sie gefunden, mit sich fortgenommen; unter anderen wären auch die Gans und der Truthahn, die wir unlängst bei Matiabo, dem Diebe unseres Überrockes, gesehen hatten, mitfortgeschleppt worden. Das erklärte uns denn auch, daß wir die Tiere bei Leuten angetroffen hatten, die nicht mit dem »Delphin« in Handelsbeziehungen gestanden hatten, und als wir der Kieferknochen erwähnten, die wir auf einem langen Brette befestigt in einem Hause dort gesehen hatten, berichtete man uns, daß die Feinde solche als Siegeszeichen aufstellten.
Als wir unsere Wißbegierde so befriedigt hatten, kehrten wir zu unserer Herberge zurück und übernachteten dort in vollkommener Sicherheit und Ruhe.
Bei unserer Rückkehr nach dem Fort, zwei Tage darauf, drängten sich unsere braunen Freunde um uns, und keiner von ihnen allen kam mit leeren Händen. Ich hatte mir zwar schon längst vorgenommen, alle bisher zurückgehaltenen Kanus ihren Eigentümern wieder zurückzugeben; allein, es war bisher noch immer nicht geschehen. Jetzt aber gab ich eines nach dem andern frei, sobald sich die Eigentümer meldeten.
Allmählich fingen wir an, uns zur Abreise zu rüsten; der Wasserbedarf war bereits in das Schiff aufgenommen, und unsere Lebensmittelvorräte waren untersucht worden. Während dieser Zeit bekamen wir Besuch von Oamo und Oberea nebst ihren beiden Kindern, dem Sohne und der Tochter. Die Eingeborenen bezeigten diesen Personen ihre Ehrfurcht durch Entblößen des Oberleibes. Die Tochter namens Toimata war sehr neugierig, das Fort von innen zu sehen. Ihr Vater wollte es jedoch nicht zugeben. Teari, der Sohn des Beherrschers der südöstlichen Halbinsel, befand sich zu dieser Zeit ebenfalls bei uns, und wir bekamen Nachricht daß auch noch ein anderer Gast angekommen sei, dessen Besuch wir weder vermuteten, noch wünschten. Es war kein anderer als der verschlagene Bursche, der damals Mittel gefunden hatte, uns den Quadranten zu stehlen. Man berichtete uns, er sei willens, in der Nacht sein Glück noch einmal zu versuchen. Alle anwesenden Eingeborenen erboten sich, uns gegen ihn beizustehen, und baten, wir möchten ihnen aus diesem Grunde erlauben, im Fort zu übernachten. Das ward ihnen gern bewilligt und tat eine so gute Wirkung, daß der Dieb von seinem Versuche ohne weiteres Abstand nahm.
Am 7. Juli fingen die Zimmerleute an, das Tor und die Palisaden einzureißen, weil wir diese als Brennholz an Bord des Schiffes verwenden wollten. Einer von den Eingeborenen bewies bei dieser Gelegenheit wieder seine Geschicklichkeit: er stahl nämlich die Türangel mit dem dazugehörigen Haken. Man setzte ihm augenblicklich nach. Als die zur Verfolgung nachgeschickte Patrouille etwa 6 Kilometer weit gelaufen war, bemerkte sie, daß der Dieb seitwärts entschlüpft sein und sich in einem Schilfdickicht versteckt haben mußte, so daß sie nichtsahnend an ihm vorbeigelaufen war. Sie fing also an, das Schilf abzusuchen; der Dieb aber war bereits entkommen. Doch fand man hier ein Kratz- und Scharreisen, das einige Zeit vorher im Schiffe gestohlen worden war. Bald darauf brachte auch unser alter Freund Tuburai Tamaide die Türangel wieder zurück.
Am 8. und 9. fuhren wir fort, die Festung zu schleifen. Unsere braunen Freunde versammelten sich noch immer bei uns. Einige taten es vielleicht aus wirklicher Betrübnis über unsre nahe Abreise; andere vielleicht in der Absicht, die Gelegenheit nicht zu versäumen, noch etwas von unsren Sachen zu erhaschen.
Unter den Eingeborenen, die fast beständig um uns waren, befand sich auch Tupia, von dem hier schon mehrmals die Rede gewesen ist. Er war, wie ich bereits angedeutet habe, der vornehmste Minister Obereas gewesen, zur Zeit, da ihre Gewalt am größten war. Er war zugleich der oberste »Tahaua« oder Priester der Insel und kannte demnach die Religion des Landes, ihre Grundsätze und Zeremonien am besten. Auch besaß er große Erfahrung und Verständnis für die Schiffahrtskunde und eine genaue Kenntnis der Lage und Anzahl der benachbarten Inseln. Dieser Mann hatte oft das Verlangen geäußert, uns auf der Reise zu begleiten. In dieser Absicht kam er am 12. morgens mit einem ungefähr dreizehnjährigen Knaben, der sein Bedienter war, an Bord und bat uns inständig, ihn auf unsrer Fahrt mitzunehmen. Einen solchen Mann bei uns an Bord zu haben, war aus vielen Gründen wünschenswert. Wenn wir seine Sprache lernten und ihn die unsrige lehrten, konnten wir uns schmeicheln, eine ungleich bessere Kenntnis von den Gebräuchen, der Staatsverfassung und Religion dieses Volkes zu erlangen, als wir während unseres kurzen Aufenthalts erworben hatten. Ich willigte daher mit Freuden ein. Tupia machte sich einen kurzen Aufschub zunutze, um noch einmal an Land zu gehen, und sagte, er wolle uns am Abend ein Zeichen geben, ihn abzuholen. Er verließ uns also und nahm ein kleines Bild von Banks, um es seinen Freunden zu zeigen, und verschiedene Kleinigkeiten mit, die er ihnen beim Abschied schenken wollte.
Nach dem Mittagessen wünschte Banks noch eine Zeichnung von dem Marai zu bekommen, das dem Tutaha gehörte und zu Eparre lag. Ich begleitete ihn nebst Dr. Solander in der Pinasse dahin. Sobald wir landeten, kamen uns viele unsrer Freunde entgegen. Wir gingen sogleich zu Tutahas Behausung, wo Oberea und verschiedene andere sich bei uns einfanden. Sie versprachen, am folgenden Morgen früh noch einmal ans Schiff zu kommen und zum letzten Male Abschied zu nehmen, weil wir ihnen mitgeteilt hatten, daß wir am Nachmittag bestimmt absegeln würden. Bei Tutaha trafen wir unter anderen auch den Tupia, der mit uns zurückkehrte und diese Nacht zum ersten Male an Bord schlief.
Am folgenden Morgen, Donnerstag, den 13. Juli, füllte sich die »Endeavour« schon früh mit unseren Freunden. Eine Menge von Kanus, die von Eingeborenen niederen Standes wimmelten, umringten das Schiff. Zwischen 11 und 12 Uhr lichteten wir die Anker, und sobald die »Endeavour« unter Segel war, nahmen die an Bord befindlichen Insulaner von uns Abschied und weinten in bescheidener und wohlanständiger Betrübnis, die etwas ungemein Zärtliches und Rührendes an sich hatte. Das Volk in den Kanus hingegen klagte laut ob unseres Scheidens, und jeder schien seine Stimme um die Wette mit den andern zu erheben: eben darum kam uns diese Betrübnis mehr gemacht als natürlich vor. Tupia bewies bei diesem Auftritt eine wahrhaft bewunderungswürdige Standhaftigkeit und Entschlossenheit. Er weinte zwar auch; allein sowohl seine Tränen, als auch die Gewalt, die er sich antat, um sie zurückzuhalten, machten ihm gleich viel Ehre. Er stieg schließlich mit Banks auf den Mastkorb, wo sie beide den Kanus zuwinkten, solange man sie sehen konnte.
Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln
Von Kapitän _James King_
An der Westküste der Insel Hawaii, im Bezirk Akona, liegt eine Bucht, die bei den Einwohnern Karakakua (Kealakeakua) heißt. Sie geht ungefähr ein Kilometer landeinwärts, und ihre Grenzpunkte sind zwei flache, ein halbes Kilometer weit in der Richtung von Südsüdost und Nordnordwest voneinander gelegene Landspitzen. Auf der nördlichen, die niedrig und unfruchtbar ist, liegt ein Dorf, das die Eingeborenen Kauraua nennen. Ein zweites, größeres, namens Kakua, liegt in der Vertiefung der Bucht, an einem Hain von hohen Kokospalmen; zwischen beiden ragt ein steiles, schroffes Felsenufer hervor, das von der Seeseite unzugänglich ist. Südwärts hat das Land, etwa ein Kilometer einwärts, ein rauhes Ansehen. Allein, jenseits dieser Strecke hebt es sich mit einer sanften Lehne und zeigt überall umzäunte Pflanzungen mit Kokoswäldchen, zwischen denen alles mit Wohnungen gleichsam besät ist. Das Seeufer rund um die Bucht ist gänzlich mit schwarzem Korallenfelsen bedeckt; bei stürmischem Wetter ist daher das Landen sehr gefährlich. Doch befindet sich neben dem Dorfe Kakua ein schöner mit Sand bedeckter Strand, an dessen einem Ende man einen Begräbnisort oder ein »Marai« und am entgegengesetzten einen Bach mit Süßwasser antrifft. Kapitän Cook fand diese Bucht für seinen Plan, die Schiffe auszubessern und zugleich Wasser und Lebensmittel einzunehmen, sehr geeignet und ließ deshalb die »Resolution« und »Discovery« hier vor Anker gehen.
Die Eingeborenen hatten kaum bemerkt, daß wir willens wären, in der Bucht zu ankern, als sie schon in hellen Haufen zum Strande herbeieilten und ihre Freude durch Singen, Jubelgeschrei und allerlei wilde, überschwengliche Gebärden zu erkennen gaben. In kurzer Zeit stiegen sie scharenweise an Bord, bald darauf saßen sie auch schon überall an den Seiten und im Takelwerk der beiden Schiffe in unzähliger Menge. Eine große Anzahl Frauen und kleiner Jungen, die keine Kanus hatten bekommen können, schwammen um uns herum und blieben auch, da sie an Bord keinen Platz mehr fanden, den ganzen Tag über im Wasser. Unter anderen Vornehmen, die sich an Bord der »Resolution« begaben, zeichnete sich bald ein junger Mann namens Paria durch sein würdevolles Benehmen aus. Er stellte sich selbst dem Kapitän Cook vor und eröffnete ihm, er sei ein Vertrauter des Königs. Letzterer war gegenwärtig auf einer kriegerischen Unternehmung gegen die Insel Mauwi begriffen, von wo man ihn in 3 bis 4 Tagen zurück erwartete. Kapitän Cook machte dem Paria einige Geschenke und gewann ihn dadurch ganz und gar für uns. Dies war kein geringer Vorteil; denn ohne ihn wären wir schwerlich mit seinen Landsleuten fertig geworden. Schon sehr bald ereignete sich ein Vorfall, bei dem wir seiner Hilfe bedurften. Wir hatten noch nicht lange vor Anker gelegen, als wir bemerkten, daß sich die »Discovery« stark auf eine Seite neigte, weil sich auf ebenderselben eine ungeheure Menge Menschen angeklammert hatte. Zugleich wurden wir auch gewahr, daß die Mannschaft die großen Scharen, die sich noch immer in das Schiff drängten, nicht mehr zurückhalten konnte. Aus Besorgnis zeigte Kapitän Cook unserm Paria diese Gefahr, und dieser eilte augenblicklich der »Discovery« zu Hilfe, trieb die Leute hinaus und nötigte sogar die Kanus, die sich in unzähliger Menge darumpostiert hatten, sich zu entfernen.
Dieser Vorfall schien zu beweisen, daß die Gewalt der Vornehmen über die niederen Volksmassen in höchstem Grade despotisch sein müsse. Noch an ebendem Tage bestätigte uns das ein Vorfall auf der »Resolution«. Der Schwarm der Eingeborenen hatte sich an Bord so vermehrt, daß wir unsere Geschäfte nicht mehr verrichten konnten. Kapitän Cook wandte sich daher an Kanina, einen Vornehmen, der ihm ebenfalls zugetan war. Dieser befahl sogleich allen seinen Landsleuten, das Schiff zu verlassen. Und zu unserem nicht geringen Erstaunen sprangen sie, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, alle über Bord. Ein einziger blieb etwas zurück und hatte, wie es schien, keine rechte Lust, dem Befehl zu gehorchen: sogleich hob ihn Kanina mit beiden Armen auf und schleuderte ihn ins Meer.
Die beiden hier genannten Befehlshaber waren starke, schön gewachsene Männer von ganz besonders angenehmer Gesichtsbildung. Kanina war einer der schönsten Männer, die ich je gesehen habe: er hatte regelmäßige, ausdrucksvolle Züge und funkelnde, dunkelfarbige Augen. Sein Gang war ungezwungen, fest und voll Anstand.