Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer

Part 3

Chapter 33,760 wordsPublic domain

Um 2 Uhr nachmittags kamen gegen zehn Eingeborene aus dem Walde hervor mit grünen Zweigen in den Händen, die sie am Strande in die Erde steckten; alsdann gingen sie wieder fort. Bald nachher brachten sie Schweine, denen sie die Füße festgebunden hatten. Hierauf holten sie aus dem Walde etliche Bündel von dem Zeuge, dessen sie sich zur Kleidung bedienen, und das dem chinesischen Papier einigermaßen ähnlich sieht, legten diese gleichfalls am Strande nieder und riefen uns zu, daß wir alle Sachen abholen möchten. Da wir ungefähr 3 Kabeltaulängen von der Küste entfernt lagen, konnten wir nicht genau erkennen, woraus dieses Sühneopfer im einzelnen bestand. Daß es Schweine und auch ein ganzer Ballen von ihrem heimischen Zeuge sein mochte, errieten wir. Als wir aber auch andere Tiere, mit ihren Vorderfüßen über dem Nacken gebunden, verschiedene Male aufstehen und eine kleine Strecke auf den Hinterfüßen fortlaufen sahen, hielten wir sie für seltsame, uns unbekannte Wesen und waren daher sehr neugierig, sie näher zu betrachten. Ein Boot wurde also schnell an Land geschickt, wo natürlich die Verwunderung sich bald löste: es waren nämlich Hunde. Unsere Leute fanden außer den Hunden und dem Zeuge neun tüchtige Schweine. Diese wurden an Bord gebracht, die Hunde dagegen ließ man los, auch das Zeug blieb am Lande liegen. Für die Schweine legten unsere Leute einige Beile, Nägel und andere Dinge auf dieselbe Stelle hin und winkten einigen von den Eingeborenen, die sich sehen ließen, daß sie unsre Gegengaben nebst ihrem Zeuge abholen und behalten sollten. Bald nachdem das Boot am Schiff wieder angelegt hatte, brachten die Insulaner noch zwei Schweine und machten uns Zeichen, diese zu holen. Das Boot kehrte demnach an Land zurück und brachte die beiden Schweine mit, ließ das Zeug jedoch wieder unbeachtet liegen, obwohl uns die Eingeborenen zur Mitnahme aufforderten. Unsere Leute berichteten mir, daß die Wilden von all den Sachen, die ich für sie auf den Strand hatte hinlegen lassen, nichts angerührt hätten; einer von uns war der Meinung, daß sie die Geschenke deswegen nicht nehmen mochten, weil wir auch das Zeug abgewiesen hätten, weshalb ich befahl, nunmehr auch dieses zu holen. Der Ausgang bewies die Richtigkeit dieser Meinung. Denn sobald das Boot das Zeug eingeladen hatte, kamen die Insulaner herab und trugen alles, was ich ihnen geschickt hatte, unter den größten Freudekundgebungen mit sich in den Wald fort. Unsere Leute liefen hierauf an der Küste bis zu dem Ort hin, wo es frisches Wasser gab. Hier füllten sie alle unsere Wasserfässer, die fast 6 Tonnen hielten, und brachten diese zum Schiff. Wir fanden, daß die Fässer, während sie im Besitz der Eingeborenen gewesen waren, keinen Schaden erlitten hatten, büßten aber einige lederne Eimer und Schläuche ein, die mit den Fässern zugleich in ihre Gewalt geraten und nicht wieder zurückgegeben worden waren.

Am folgenden Morgen schickte ich die Boote mit einer Wache an Land, um noch mehr Fässer mit Wasser füllen zu lassen; bald nachdem die Mannschaft gelandet war, erschien ebenderselbe Greis, der am ersten Tage über den Fluß zu ihnen gekommen war, wiederum am jenseitigen Ufer und hielt von da aus eine lange Rede an unsere Leute, nach deren Beendigung er endlich zu uns herüberkam.

Als er nahe genug war, zeigte ihm der Offizier die Steine, die wie Kanonenkugeln am Strande aufgehäuft und seit unsrer ersten Landung dahin gebracht worden waren; er wies ihm auch einige Säcke voller Steine, die man in den auf meinen Befehl zerstörten Kanus gefunden hatte. Er gab sich Mühe, dem alten Manne begreiflich zu machen, daß seine Landsleute der angreifende Teil gewesen wären, und daß wir nur aus Notwehr ihnen hätten schaden müssen. Der Greis schien zu begreifen, was der Offizier sagen wollte, über die Frage des Angriffs aber nicht gleicher Meinung mit ihm zu sein. Er hielt indessen sogleich eine Rede an das Volk, wies mit großer Rührung auf die Steine, Schleudern und Säcke, und bisweilen waren seine Blicke, Stimme und Gebärden drohend und aufs höchste erregt. Doch nach und nach legte sich der Sturm seiner Leidenschaften wieder, und der Offizier, der es herzlich bedauerte, daß er von der ganzen Rede nicht ein Wort hatte verstehen können, bestrebte sich, ihn durch Beihilfe aller nur möglichen Zeichen zu bereden, daß wir in Freundschaft mit ihnen zu leben und von Herzen gern alle Beweise unserer guten Gesinnung zu geben wünschten. Zur Bestätigung dessen reichte er ihm die Hand, umarmte ihn und schenkte ihm einige Kleinigkeiten, die er sich selbst aussuchen durfte. Der Offizier konnte außerdem dem Greise verständlich machen, daß wir Lebensmittel einzuhandeln wünschten, daß die Eingeborenen aber nicht in zu großer Zahl kommen und auf der einen Seite des Flusses, wie wir auf der andern bleiben sollten. Hierauf ging der Greis sichtlich befriedigt hinweg, und noch vor Mittag kam ein ordentlicher Handel zustande, vermittels dessen wir Schweine, Federvieh und Früchte genug bekamen, daß das gesamte Schiffsvolk, ob krank oder gesund, reichlich und so viel von diesen Lebensmitteln erhielt, als es nur verzehren konnte.

Als die Angelegenheit nun glücklicherweise so gut beigelegt war, schickte ich den Schiffsarzt mit dem zweiten Leutnant ab, das Land in Augenschein zu nehmen, um irgendwo einen bequemen Platz auszusuchen, wo ich für die Kranken Landwohnungen aufschlagen könnte. Als sie zurückkamen, meldeten sie, daß die ganze Insel, soweit sie sie gesehen und untersucht hätten, hierzu überall gleich bequem und gesund sei. Wenn es aber zudem auf Sicherheit ankäme, so könnten sie nur die Wasserstelle empfehlen, weil allda die Kranken sowohl vom Schiffe als von der Wache her geschützt wären. Man würde sie zugleich an diesem Orte leicht beaufsichtigen können, daß sich keiner von ihnen allzu tief ins Land hineinwagte; man würde sie endlich von dort auch leicht zu den Mahlzeiten rufen können. Ich schickte daher die Kranken nebst den Leuten, die Wasser holen sollten, zur Wasserstelle und übertrug dem Waffenoffizier das Kommando über die Bedeckungsmannschaften. Um die Kranken gegen Sonne und Regen zu schützen, wurde ein Zelt aufgeschlagen, und ich ließ den Schiffsarzt mit an Land gehen, damit er über ihr Wohlbefinden wachen und die nötigen Maßnahmen treffen könnte.

Als das Zelt aufgeschlagen war und er die Kranken ziemlich versorgt hatte, nahm der Arzt eine Flinte unter den Arm und ging ein wenig spazieren. Unterwegs traf es sich, daß eine wilde Ente über seinem Kopfe dahinflog, er schoß also nach ihr und traf sie so gut, daß sie mitten unter eine Gruppe der Eingeborenen jenseits des Flusses tot niederfiel. Das jagte den Wilden einen solchen Schrecken ein, daß sie im ersten Augenblick alle davonliefen. Erst nach einer ganzen Strecke blieben sie wieder stehen. Er winkte ihnen nunmehr zu, sie sollten ihm die Ente herüberbringen. Einer von ihnen traute sich vor, kam über den Fluß und legte blaß und zitternd das Tier zu seinen Füßen nieder. In ebendiesem Augenblick flogen noch verschiedene andere Enten von ungefähr an dem Schützen vorbei. Er schoß also wieder und traf glücklicherweise noch drei davon. Dieser Vorfall flößte den Eingeborenen eine solche Furcht vor der Feuerwaffe ein, daß sie, wenn man ihnen eine Flinte wies, sofort wie eine Herde Schafe davonliefen.

Da ich mir im voraus vorstellen konnte, daß zwischen denjenigen von unseren Leuten, die am Lande waren, und den Eingeborenen ein Schleichhandel nicht ausbleiben würde, und daß, wenn man sie in dieser Sache nach ihrem Gutdünken ungestört handeln ließe, nichts als Unheil und Zwistigkeiten daraus entstehen würden, befahl ich, daß aller Handel zwischen beiden Parteien durch die Hände des Waffenoffiziers gehen und von ihm ganz allein betrieben werden solle. Ich trug ihm auf, ernstlich darauf zu achten, daß unsere Leute den Insulanern kein Unrecht täten, weder durch Gewalt noch durch Betrug; er solle sich ferner auf alle Weise bestreben, den alten Mann, der sich uns hilfreich erwiesen, zum Freunde zu behalten. Der Offizier entledigte sich dieses Auftrags mit großer Gewissenhaftigkeit. Wir hatten dem erwähnten Greise vieles zu verdanken. Durch seine Vorsicht brachte er unsere Leute dahin, daß sie gegen die Insulaner beständig auf ihrer Hut waren, und wenn er sah, daß der eine oder der andere vom Zeltort sich entfernte, geleitete er ihn jedesmal wieder dahin zurück. Die Eingeborenen stahlen zwar bisweilen etwas, doch durch die bloße Furcht vor einer Flinte, die in Wahrheit nie ernstlich gebraucht wurde, konnte der Waffenoffizier die Rückgabe der entwendeten Gegenstände erzwingen.

Eines Tages schlich sich ein Kerl unbemerkt über den Fluß und stahl ein Beil. Sobald der Waffenoffizier den Verlust bemerkte, gab er dem Greise zu verstehen, was vorgefallen war, und tat, als ob er sich mit allen seinen Leuten fertigmachen wolle, um in den Wald zu marschieren und dem Diebe nachzusetzen. Allein, der Greis gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er sich diese Mühe sparen könne. Er ging sofort allein in den Wald und brachte auch bald darauf das Beil wieder. Alsdann drang der Waffenoffizier darauf, auch den Dieb in seine Hände zu bekommen; zwar ließ sich der alte Mann offenbar nur schwer dazu bewegen, tat es aber endlich doch. Als der Kerl herbeigebracht wurde, erkannte ihn der Offizier sofort als einen von denen wieder, die uns schon mehrmals bestohlen hatten, und schickte ihn daher gefangen an Bord. Ich war nicht gesonnen, das Verbrechen anders als durch die bloße Furcht vor Bestrafung zu ahnden, setzte den Dieb daher nach vielen Bitten und Fürbitten wiederum in Freiheit und schickte ihn an Land. Ob die Eingeborenen über seine glückliche Rückkehr mehr erstaunt oder erfreut waren, ist schwer zu entscheiden. Soviel aber ist gewiß, sie empfingen ihn mit Frohlocken und führten ihn in die Wälder mit sich fort. Den folgenden Tag kam unser wieder in Freiheit gesetzter Gefangener freiwillig zurück und brachte dem Waffenoffizier einen beträchtlichen Vorrat an Brotfrucht und ein gebratenes Schwein, vermutlich um den Offizier wieder mit sich auszusöhnen.

Um diese Zeit beschäftigten sich meine Leute an Bord, das Oberdeck des Schiffes zu kalfatern und neu zu streichen, wickelten das Takelwerk auseinander und brachten es in Ordnung, räumten auch das Magazin auf. Kurz, ein jeder tat in seiner Art, was notwendig war. Unterdessen hatte meine Krankheit, die eine Art Gallenkolik war, sich so sehr verschlimmert, daß ich an diesem Tage bettlägerig wurde. Das ganze Kommando fiel also an den ersten Offizier. Diesem gab ich seine Verhaltungsmaßregeln und ermahnte ihn, auf die Landmannschaft ganz besonders achtzugeben. Ich ordnete auch an, daß man dem Schiffsvolk Früchte und frische Lebensmittel reichen sollte, solange dergleichen nur zu bekommen wäre, und daß nach Sonnenuntergang die Boote niemals vom Schiffe abwesend sein dürften.

Eines Nachmittags kam der Waffenoffizier mit einer Frau an Bord; sie war von großer Statur, mochte ungefähr 45 Jahre alt sein und hatte außer einer angenehmen Gesichtsbildung einen wirklich majestätischen Anstand. Er sagte mir, sie sei erst kürzlich in diese Gegend des Landes gekommen, und da er beobachtet hätte, daß die andern Eingeborenen viel Ehrfurcht vor ihr bezeigten, habe er ihr einige Geschenke gemacht. Um diese zu erwidern, habe sie ihn in ihre Wohnung eingeladen, die ungefähr zwei Kilometer talaufwärts liege, und dort habe sie ihm einige recht große Schweine geschenkt. Nachher sei sie mit ihm nach der Wasserstelle zurückgegangen und habe Verlangen bezeigt, mit an Bord des Schiffes zu gehen. Er habe es für ratsam gehalten, ihr Verlangen zu erfüllen, und habe sie begleitet. Sie schien gleich beim Betreten des Schiffes ganz ohne Mißtrauen und Furcht, überhaupt ganz ungezwungen zu sein, und die ganze Zeit über, die sie an Bord bei uns war, betrug sie sich mit einer ungekünstelten Freimütigkeit, die man bei allen Personen zu bemerken pflegt, die sich ihrer Vorzüge bewußt und zu herrschen gewohnt sind. Ich gab ihr einen großen blauen Mantel, der ihr von den Schultern bis auf die Füße hinabreichte, hing ihr diesen um und band ihn mit Bändern fest. Auch gab ich ihr einen Spiegel, Glasperlen und viele andre Sachen mehr. Alles nahm sie auf die würdigste Art an und bezeigte ihr Wohlgefallen darüber. Sie bemerkte, daß ich krank gewesen war, und wies aufs Land. Ich deutete mir das so aus, als ob sie meinte, ich solle dahin gehen, um meine Gesundheit wieder vollkommen herzustellen, und gab ihr also durch Zeichen zu verstehen, daß ich den anderen Morgen ihren Rat befolgen wolle. Als sie sich endlich anschickte, wieder zurückzukehren, befahl ich dem Waffenoffizier, sie zu geleiten. Nachdem er sie an Land gebracht hatte, begleitete er sie ganz nach ihrer Wohnung und beschrieb mir diese nachher als sehr groß und wohlgebaut. Er sagte, sie habe viele Leibwachen und Bediente in diesem Hause, und in einiger Entfernung noch ein anderes Gebäude, welches von einer Art Gitterwerk umgeben sei.

Den folgenden Morgen ging ich also zum ersten Male an Land, und meine Fürstin oder vielmehr Königin -- denn ihrem Ansehen nach schien sie einen solchen Rang zu haben -- kam bald nachher mit einer zahlreichen Begleitung zu mir. Da sie bemerkte, daß ich von meiner Krankheit noch sehr schwächlich war, befahl sie ihren Leuten, mich auf ihre Arme zu nehmen und nicht nur über den Fluß, sondern auch den ganzen Weg bis an ihr Haus zu tragen. Weil sie beobachtete, daß einige meiner Begleiter, insbesondere der erste Leutnant und der Schiffszahlmeister, ebenfalls krank gewesen waren, ließ sie auch diese auf die gleiche Art tragen. Ich hatte, als ich an Land ging, eine Leibwache mitgenommen, und diese folgte uns bei diesem Aufzuge nach. Unterwegs drängte sich eine sehr große Volksmenge um uns herum, sobald aber die Herrscherin mit ihrer Hand einen Wink gab, wichen die Eingeborenen zurück und machten vor uns Platz, ohne daß sie auch nur ein Wort gesprochen hätte.

Als wir uns ihrem Hause näherten, kam uns eine große Zahl Leute beiderlei Geschlechts entgegen. Sie stellte mir alle Leute vor und gab mir zu verstehen, daß dies alles Anverwandte von ihr wären. Hierauf faßte sie meine Hand und reichte sie der ganzen Verwandtschaft zum Küssen dar. Endlich betraten wir das Haus, das etwa 100 Meter lang und 12 Meter breit war. Es bestand aus einem mit Palmzweigen bedeckten Dache und ruhte auf Pfosten, deren sich auf jeder Seite 39 und in der Mitte 14 befanden. Bis an die oberste Dachspitze gerechnet, war das Gebäude innen etwa 10 Meter hoch, die Pfosten aber, auf denen das Dach am Rande ruhte, waren nur etwa 4 Meter hoch. Unterhalb des Daches waren die Seiten alle frei und offen. Sobald wir das Innere des Hauses betreten hatten, nötigte die Königin uns zum Niedersitzen und rief sogleich vier junge Mädchen. Als diese herbeikamen, ließ sie sich von ihnen helfen, mir Schuhe, Strümpfe und den Rock auszuziehen, sodann befahl sie ihnen, mir die Haut mit ihren Händen ganz leicht zu massieren. Das gleiche ließ sie mit dem kranken Schiffszahlmeister und dem ersten Offizier vornehmen. Während diese Kur an uns vorgenommen wurde, suchte sich der Schiffsarzt, der sich auf dem Gange hierher sehr erhitzt hatte, ein wenig abzukühlen, und nahm in dieser Absicht seine Perücke vom Kopfe. Einer von den Eingeborenen bemerkte das und gab seinem Staunen durch einen lauten Schrei Ausdruck. Das lenkte die Aufmerksamkeit aller übrigen so sehr auf den guten Chirurgus, daß in einem Augenblick aller Augen auf das Wunderding geheftet und mit einem Male alle Verrichtungen unterbrochen waren. Die ganze Versammlung stand einige Zeit über in sprachlosem Erstaunen ganz unbeweglich da. Sie hätten sich wahrhaftig nicht erstaunter anstellen können, wenn sie gesehen hätten, daß unser Landsmann sich alle Glieder vom Leibe geschraubt hätte. Endlich gingen die jungen Mädchen, die uns massierten, wiederum an ihre Arbeit, und als sie diese ungefähr eine halbe Stunde lang fortgesetzt hatten, kleideten sie uns wieder an. Man kann sich indessen leicht vorstellen, wie ungeschickt sie sich dabei benahmen. Indessen bekam sowohl mir als dem Leutnant und dem Schiffszahlmeister die Massage sehr wohl.

Bald darauf ließ unsere gütige Wohltäterin einige Ballen von landesüblichem Rindenzeug herbeibringen und kleidete mich nebst meiner ganzen Gesellschaft mit diesem Zeuge nach der Mode ihres Landes. Anfangs verbat ich mir diese Gunstbezeigung. Weil ich indessen nicht gerne den Eindruck erwecken wollte, als ob mir das nicht gefiele, was in bester Absicht mit mir geschah, ließ ich mich endlich nach ihrem Willen kleiden.

Als wir weggingen, befahl sie, daß ein sehr großes und tüchtiges Mutterschwein zum Boot hinabgebracht werden sollte, und sie selbst begleitete uns in Person dahin. Sie hatte ihren Landsleuten geheißen, mich wie auf dem Herwege auf den Armen zu tragen. Da ich aber jetzt lieber gehen wollte, so bot sie mir den Arm, und sooft wir an eine Wasserpfütze oder eine morastige Stelle kamen, hob sie selbst mich hinüber und das offenbar mit ebenso geringer Mühe, als es in gesunden Tagen mich würde gekostet haben, ein Kind hinüberzuheben.

Am folgenden Morgen schickte ich ihr durch den Waffenoffizier sechs Beile, sechs Sicheln und noch verschiedene andere Dinge. Bei seiner Zurückkunft meldete mir der Offizier, daß er sie bei der Mahlzeit angetroffen, und daß sie in ihrem großen Hause eine erstaunliche Anzahl von Leuten, die seiner Schätzung nach sich auf mindestens 1000 Personen belaufen mußte, mit einem Gastmahl bewirtet habe. Die Speisen wurden bei dieser Gelegenheit alle von den Bedienten, die sie zubereitet hatten, aufgetragen. Das Fleisch war in Kokosnußschalen gefüllt. Diese waren in hölzerne Tröge gesetzt, die unseren Fleischermulden einigermaßen ähnlich sahen, und die Regentin teilte diese Speisen eigenhändig an die Gäste aus, die im Hause rundherum in Reihen saßen. Als sie mit der Austeilung der Gerichte fertig war, setzte sie sich selbst auf einem etwas erhöhten Sitze nieder; zwei Mädchen stellten sich alsdann zu ihren beiden Seiten auf und reichten ihr die Speisen so zu, daß sie nur den Mund aufzumachen brauchte, um sie zu genießen. Sobald sie des Waffenoffiziers ansichtig wurde, ließ sie ihm auch gleich eine Mahlzeit auftragen. Er konnte nicht eigentlich sagen, was es war, das er aß; er hielt es für kleingehacktes Hühnerfleisch mit daruntergeschnittenen Äpfeln, in Salzwasser zurechtgemacht. Es war alles sehr schmackhaft zubereitet. Die Königin nahm die Geschenke, die ich ihr schickte, mit großem Vergnügen an. Als wir auf solche Art mit ihr in ein gutes Einvernehmen gekommen waren, fanden wir, daß weit mehr Lebensmittel aller Art als zuvor auf den Markt gebracht wurden. Allein, obgleich alle Tage Federvieh und Schweine genug ankamen, mußten wir diese Dinge doch teurer bezahlen als im Anfang.

Eines Tages erblickte der Waffenoffizier, der noch immer des Handels wegen am Lande blieb, eine alte Frau jenseits des Flusses, die bitterlich weinte. Sobald sie merkte, daß sie seine Aufmerksamkeit erregt hätte, schickte sie einen Jüngling, der mit ihr gekommen war, mit einem Bananenzweige in der Hand über den Fluß zu ihm hinüber. Als der junge Mensch vor ihm stand, hielt er eine lange Rede und legte alsdann seinen Zweig zu des Waffenoffiziers Füßen nieder. Darauf ging er zurück, die alte Frau selbst zu holen, während ein anderer Mann zwei große gemästete Schweine herbeibrachte. Die Frau sah unsere Leute einen nach dem andern an und brach abermals in Tränen aus. Als der Jüngling, der sie über den Fluß gebracht hatte, das Mitleid und Erstaunen des Offiziers sah, hielt er eine zweite große Rede, die länger als die vorhergehende war, nach deren Ende man aber die Ursache, warum die Frau so jämmerlich weinte, ebensowenig wußte als vorher. Endlich gab sie zu verstehen, daß ihr Mann und drei von ihren Söhnen beim Angriff auf das Schiff umgekommen wären. Während dieser Erklärung wurde sie von ihrem Kummer so ergriffen, daß sie zuletzt nicht mehr reden konnte und ohnmächtig niedersank; die zwei Jünglinge, die sie in ihren Armen hielten, schienen ähnlich bewegt zu sein. Vermutlich waren es zwei andere ihrer Söhne oder doch nahe Blutsverwandte. Der Waffenoffizier tat alles, was nur möglich war, um ihre Betrübnis zu lindern. Sobald sie nur einigermaßen wieder getröstet war, befahl sie, daß man ihm die beiden Schweine bringen solle, und reichte ihm die Hand zum Zeichen ihrer Freundschaft, sie wollte aber nichts dagegen annehmen, obwohl er ihr den zehnfachen Marktpreis dafür geboten hatte.

Am folgenden Morgen schickte ich den zweiten Leutnant mit allen Booten und 60 Mann nach Westen, um das Land in Augenschein zu nehmen und festzustellen, was man von dorther etwa bekommen könne. Um Mittag kam er zurück, er war diese Zeit über ungefähr 6 Kilometer weit längs der Küste hinmarschiert. Er fand das Land sehr anmutig und bevölkert und auch mit Federvieh, Schweinen, Früchten und Pflanzen reich gesegnet. Die Einwohner taten ihm nichts zuleide, schienen aber auch nicht geneigt zu sein, ihm irgend etwas von ihren Waren zu verkaufen, nicht einmal Früchte, die unsere Leute am liebsten eingehandelt hätten. Doch überließen sie ihm zuletzt einige Kokosnüsse und Bananen und verkauften ihm schließlich auch einiges Federvieh und 9 Schweine. Der Leutnant war der Meinung, man könne die Eingeborenen dort mit der Zeit schon dahin bringen, daß sie aus freien Stücken mit uns Handel trieben. Allein, diese Gegend lag zu weit vom Schiffe entfernt, so daß man jedesmal eine größere Bedeckungsmannschaft hätte mitgeben müssen. Er sah eine große Anzahl geräumiger Kanus, die die Einwohner auf den Strand gezogen hatten, und andere, an denen noch gebaut wurde. Er fand, daß alle ihre Werkzeuge aus Steinen, aus Muschelschalen und Knochen verfertigt waren, und schloß daraus, daß sie ganz und gar kein Metall besäßen. Auch fand er keine anderen vierfüßigen Tiere als Schweine und Hunde, desgleichen keine irdenen Gefäße. Alle ihre Speisen mußten daher gebacken oder gebraten werden. Weil sie also keinerlei Kochgeschirr hatten, konnten sie auch Wasser nicht sieden machen. Als die Königin eines Morgens mit uns an Bord des Schiffes frühstückte, sah einer von ihren Begleitern, der ein angesehener Mann war und einer von denen, die wir für Priester hielten, daß der Schiffsarzt den Hahn an einer Teemaschine umdrehte und auf diese Weise eine Teekanne, die auf der Tafel stand, mit Wasser füllte. Nachdem er das mit großer Neugierde und Aufmerksamkeit mitangesehen hatte, ging er, um die Sache selbst zu untersuchen, näher hin, drehte den Hahn um und fing das Wasser mit der Hand auf. Man kann sich vorstellen, wie sehr er sich verbrannte! Kaum war das geschehen, so fing er voller Schrecken ganz rasend an zu schreien und sprang vor Schmerz mit den lächerlichsten Gebärden in der Kajüte umher. Die anderen Eingeborenen konnten gar nicht begreifen, was ihm fehle. Sie staunten ihn daher mit Verwunderung an und ließen das äußerste Entsetzen blicken. Indessen legte ihm der Schiffsarzt, der unschuldigerweise die Ursache dieses ganzen Unfalls gewesen war, ein kühlendes Mittel auf; es währte aber doch eine ganze Zeit, bis der arme Schelm Linderung bekam.

Die Königin war jetzt verschiedene Tage über abwesend gewesen. Die Eingeborenen gaben uns indessen durch Zeichen zu verstehen, daß wir demnächst einen Besuch von ihr zu erwarten hätten. Am folgenden Morgen kam sie auch wirklich an den Strand hinab, und bald darauf brachte eine große Menge von Leuten, die wir bisher noch nie gesehen hatten, Lebensmittel aller Art zu Markte, so daß der Marktoffizier uns diesen Tag 14 Schweine und einen großen Vorrat von Früchten an Bord schaffen konnte.