Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer
Part 21
Das Ergebnis dieser zweiten Reise, die zugleich die erste Weltumseglung von Westen nach Osten darstellt, hat Cook beim Verlassen des Polargebiets in seinem Tagebuch folgendermaßen zusammengefaßt: »Ich habe jetzt die Umseglung des Südlichen Meeres in hoher Breite ausgeführt (er war bis über den 70. Breitengrad hinausgedrungen) und es _so_ durchquert, daß keinerlei Raum mehr für das Vorhandensein eines Festlands bleibt -- abgesehen von der Nähe des Pols außerhalb des Schiffahrtsbereiches. Indem ich das Tropenmeer (Südsee) zweimal besuchte, habe ich nicht nur die Lage einiger früherer Entdeckungen festgelegt, sondern auch manche neue gemacht und, wie ich glaube, in diesem Gebiet wenig mehr zu tun übriggelassen. So schmeichle ich mir denn, daß der Zweck der Reise in jeder Hinsicht vollständig erfüllt, die Südhalbkugel genügend erforscht und der Suche nach einem südlichen Kontinent, der so lange die Aufmerksamkeit der Seemächte auf sich gezogen und eine Lieblingstheorie der Geographen aller Zeiten gebildet hat, endgültig ein Ziel gesetzt ist«[1].
Diese zweite Entdeckungsfahrt gab Cooks Namen europäische Berühmtheit. Der König ernannte ihn zum Postkapitän und verlieh ihm dazu eine mit einem Ehrensolde verbundene Stelle. Die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften wählte ihn zu ihrem Mitgliede und schmückte ihn mit der goldenen Medaille. Aber mehr als alles andere zeigen uns den Weltruhm Cooks zwei Schriftstücke, die freilich erst nach seinem unerwarteten und damals auch in Europa noch unbekannten Tode veröffentlicht wurden. Zwischen England, Amerika und Frankreich war 1775 der Krieg um die Unabhängigkeit der ehemals englischen Kolonien Nordamerikas entbrannt: am 4. Juli 1776 hatten die dreizehn vereinigten Staaten unter Leitung Washingtons (spr. uŏschingtn) und Franklins (spr. fränklin) ihre Unabhängigkeit erklärt. Cook, der, wie wir gleich erfahren werden, 1776 seine dritte Entdeckungsreise angetreten hatte, war dem Kriegsbrauche nach also als Feind Frankreichs und Amerikas zu betrachten. Deshalb erließ der französische Marineminister, als Cooks Rückkehr nach Europa zu erwarten stand, auf Anregung des großen Staatsmannes Turgot (spr. türgo) im März 1779 folgenden Befehl an alle französischen Schiffskommandanten: »Da Kapitän Cook, der an Bord der >Resolution< im Juli 1776 Plymouth verließ, um an den Küsten, auf den Inseln und in den Meeren von Japan und Kalifornien Entdeckungen zu machen, im Begriff ist, nach Europa zurückzukehren und solche Entdeckungen von allgemeinem Nutzen für alle Nationen sind, so ist es des Königs Wille, daß Kapitän Cook wie der Befehlshaber einer neutralen und verbündeten Macht behandelt werden soll, und daß alle Kapitäne, die diesem berühmten Seefahrer begegnen, ihm die diesbezüglichen Befehle des Königs vorzeigen.« Gleichzeitig sandte Benjamin Franklin, damals Gesandter der Vereinigten Staaten zu Paris, ein ähnlich lautendes Schreiben an alle Schiffskommandanten der amerikanischen Flotte, mit der Aufforderung, »den so berühmten Seefahrer und Entdecker mit aller möglichen Höflichkeit und Güte zu behandeln und ihm als gemeinsamem Freunde der Menschheit allen Beistand zu leisten, dessen er etwa benötige«.
Das Ziel der dritten Entdeckungsreise Cooks war die Auffindung eines für den Handel so wichtigen kürzeren Weges nach Japan, China und Indien: die Aufsuchung einer nördlichen Durchfahrt aus dem Atlantischen in den Stillen Ozean. Man wußte es Cook nahezulegen, sich mit diesem Plane, auf dessen Ausführung eine Prämie von 20000 Pfund Sterling gesetzt war, eingehend zu befassen, und er war nicht der Mann danach, vor den großen, unleugbaren Gefahren dieses Planes -- er sollte sich auch dem Nordpol soweit als möglich nähern -- zurückzuschrecken[2]. So ging er denn noch vor Ablauf eines Jahres, nämlich am 12. Juli 1776, von neuem mit der »Resolution«, die für die neue Bestimmung besonders sorgfältig ausgerüstet war, unter Segel. Als Begleitschiff wurde ihm diesmal die »Discovery« (spr. diskăweri, d. h. »Entdeckung«) unter dem Befehl des Kapitäns Clerke (spr. klák) mitgegeben, die nach ähnlichen Prinzipien gebaut und ausgerüstet war.
An Bord hatte die »Resolution« einen interessanten Gast. Kapitän Fourneaux hatte nämlich bei seiner Heimfahrt einen jungen Eingeborenen von Uliĕtēa (Gesellschaftsinseln) namens Omai an Bord genommen und nach England gebracht. Der junge, liebenswürdige Südsee-Insulaner hatte in der Londoner Gesellschaft begeisterte Aufnahme gefunden, war überreich mit allen erdenklichen Dingen beschenkt worden und sollte nun zu seinen braunen Landsleuten zurückkehren, um ihnen »die erhabensten Begriffe von der Macht und Großmut der britischen Nation beizubringen«. Omai vergoß zwar bittere Tränen beim Abschied von seinen englischen Freunden, verriet aber doch ebenso unzweifelhaft seine helle Freude, wieder nach Ulietea zurückkehren zu dürfen. Man hatte den Schiffen ferner als nützliches Geschenk für die Südsee-Insulaner verschiedene Haustiere wie Kühe, Schafe, Ziegen, Hühner, Enten, Getreide- und Gartenpflanzensamen mitgegeben, wie denn Cook schon auf seiner vorherigen Reise mehrfach die Eingeborenen durch solche Gaben zur Viehzucht und zum Getreidebau (allerdings mit geringem Glück) zu veranlassen versucht hatte. Hohe Menschlichkeit und tiefes Verständnis für die Eigenarten fremder Völker ist ja überhaupt einer der schönsten Züge im Charakterbilde dieses bedeutendsten aller englischen Entdecker, ein Charakterzug, der hell aufleuchtet auch aus der hier mitgeteilten Schilderung des Kapitäns James King von der Ermordung Cooks.
Über das Kap der Guten Hoffnung und die kurz zuvor von dem französischen Seefahrer Kerguelen (spr. kĕrgeläng) entdeckten gleichnamigen Inseln ging die Reise nach Tasmanien und Neuseeland; ein paar Inseln im Cook-Archipēl (griech. = Inselmeer) und am 24. Dezember 1777 die nördlich des Äquators gelegenen Weihnachtsinseln wurden bei weiteren Fahrten aufgefunden. Dazu kam als wichtigste Entdeckung am 18. Januar 1778 die der Sandwich (spr. ßänduitsch) oder Hawáii-Inseln. Cook wählte diese Gruppe als Stützpunkt für die nunmehr beginnende Suche nach der nördlichen Durchfahrt. Etwa unter dem 45. Breitengrad traf er zuerst auf die nordwestamerikanische Küste und gelangte dann unter heftigen Stürmen und mancherlei Gefahren nach Alaska und zu den Alëūten. Durch das Beringmeer nordwärts vorstoßend und schon am Eingang der Beringstraße zwang ihn eine unüberwindliche, nach dem Süden treibende Eismauer zur Umkehr. Um die erzwungene Muße nicht ungenutzt zu lassen, kehrte er nach Hawaii zurück, und hier fand er am 14. Februar 1779 den gewaltsamen Tod, wie unser Bericht schildert.
Die Eingeborenen hatten in Cook anfänglich eine Gottheit, den wiederkehrenden Geist eines verstorbenen großen Häuptlings, gesehen, wofür ja auch seine weiße »Leichen«farbe[3] zu sprechen schien. Mancherlei Vorfälle trugen dazu bei, diesen göttlichen Nimbus zu zerstören: die Häuptlinge, die ihren Einfluß sinken fühlten, schürten eine Gegenbewegung. Mißverständnisse, aus der Unkenntnis der Sitten und der religiösen Anschauungen der Eingeborenen beruhend, ließen die Flamme der Empörung immer heller auflodern, und so kam es zu dem beklagenswerten Ende des großen Entdeckers. Ein Obelisk bezeichnet heute die Stelle, wo er den Tod fand.
Nach seinem Tode versuchte Kapitän Clerke, der das Kommando auf der »Resolution« übernommen hatte, noch einmal einen Vorstoß zur Entdeckung der nördlichen Durchfahrt. Er war vom Glück wenig begünstigt und starb auf der Rückfahrt nach Kamtschatka. Kapitän King, der ursprünglich als Navigationsoffizier und ausgezeichneter Astronom an Bord der »Resolution« gewesen war, und Kapitän Gore führten dann die Schiffe über China und das Kap der Guten Hoffnung in die Heimat zurück, wo sie erst am 22. August 1780, nach einer Abwesenheit von mehr als vier Jahren also, eintrafen.
Mußte nun auch damit der Versuch der Auffindung eines neuen Handelsweges nach Ostasien und Indien als gescheitert betrachtet werden, so hatte die letzte Entdeckungsreise Cooks doch andrerseits die Aufmerksamkeit der englischen Kaufleute auf die nordwestamerikanische Küste als auf ein besonders aussichtsreiches Pelzhandelsgebiet hingelenkt. Von den Versuchen, sich diesen bedeutenden, freilich, wie sich herausstellte, von den Russen schon vorher besetzten Markt zu erschließen, erzählt der hier mitgeteilte Bericht des Kapitäns Meares (spr. mihrs) von seiner Unglücksfahrt dorthin.
In eine andre Zeit und ein andres Erdgebiet versetzt uns die Schilderung, die der famose kurbrandenburgische Major _Otto Friedrich v. d. Groeben_ von seiner Reise nach der Küste Westafrikas im Jahre 1682 hinterlassen hat. Im Auftrage Friedrich Wilhelms des Großen Kurfürsten sollte er dort eine Kolonie gründen, d. h. eine Festung erbauen, und wie er diesen Auftrag ausführte, was er an den Küsten Guineas erlebte, das hat er in seiner »Guineischen Reisebeschreibung« mit köstlichem Humor und guter Beobachtungsgabe aufgezeichnet.
Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatte seine Jugendjahre fern von der Heimat, am Hofe Friedrich Heinrichs von Oranien, seines Verwandten, des großen Kriegsmannes und Statthalters der Niederlande, verlebt. Die Eindrücke, die er hier in Holland von dem Reichtum und der Macht empfing, den Seehandel und der Besitz blühender Kolonien einem Volke zu verleihen vermögen, sind auf ihn sein ganzes Leben hindurch wirksam geblieben. »Seefahrt und Handlung sind die vornehmsten Säulen eines Staats«, wurde schon früh sein volkswirtschaftlicher Leitsatz. Als Friedrich Wilhelm 1640 zur Regierung kam, fegte über Deutschland noch der Dreißigjährige Krieg dahin. Kämpfe gegen die Polen, mit den Schweden und Franzosen ließen den Kurfürsten erst rund 40 Jahre später zur Ausführung seiner Kolonialpläne kommen. Der holländische Reeder Benjamin Raule war es, der, in brandenburgische Dienste getreten, Friedrich Wilhelm vorschlug, Handelsfahrten nach Afrika zu unternehmen. Im Herbst 1680 stachen das »Wappen von Brandenburg«, eine Fregatte von 22 Kanonen, und der »Morian«, eine solche von 18 Kanonen, in See nach Westafrika. Die größere Fregatte wurde trotz des Friedens von den Holländern an der Guineaküste genommen, dem »Morian« aber gelang es unter Führung des Kapitäns Philipp Pietersen Blonck an der Goldküste, in der Nähe des Dreispitzenkaps, mit drei unabhängigen Negerhäuptlingen am 16. Mai 1681 einen vorläufigen Handelsvertrag abzuschließen und einen zur Anlage einer Festung geeigneten Ort zu erwerben. Die Negerhäuptlinge erhielten, nebenbei bemerkt, dafür: »2 Stück indischen Stoffs, 1 Rapier, 1 Hut, 2 zinnerne Schüsseln, 2 Faden (= 4 m) türkischen Stoff, 1 Kleidchen« und endlich die brandenburgische Flagge, »womit sie erweisen könnten, daß sie S. Kurfürstliche Durchlaucht für ihren Herrn angenommen haben«. Um diesen Vertrag nutzbar zu machen, wurde auf Raules Betreiben im März 1682 die »Afrikanische Kompagnie« begründet, gewissermaßen eine »Gesellschaft mit beschränkter Haftung«, deren Grundkapital ganze 50 000 Taler betrug, und im Juli eine militärische Expedition unter Führung des Majors v. d. Groeben nach Westafrika entsandt.
Der Kurfürst hätte keine glücklichere Wahl treffen können: Groeben war ein an Kriegserfahrungen reicher, für seine Zeit hochgebildeter Offizier, dazu ein weitgereister Mann, der sich schon manchen Wind um die Nase hatte wehen lassen. Noch nicht 17 Jahre alt, unternahm er in Gemeinschaft mit einem polnischen Obersten eine achtjährige Reise, die durch Italien zunächst nach Malta führte. Von hier aus ließ er sich als Freiwilliger auf einem gegen die Türken kreuzenden Kaperschiff anwerben. Aus dem Beuteerlös -- er war übrigens gleich im ersten Treffen verwundet worden -- bestritt er die Kosten einer Reise durch Palästina. Auf der Rückkehr nach Deutschland ward sein Schiff von den Türken genommen; er entkam mit knapper Not, gelangte nach Tripolis und schloß sich einer Karawane nach Ägypten an. Auch die Rückreise von Ägypten aus war reich an Gefahren und Kriegsabenteuern: wiederum wurde Groeben bei einem Kampfe mit Seeräubern verwundet. Wir finden ihn hernach für kurze Zeit in spanischen Diensten, und mit den Spaniern durchzog er ganz Italien. Auf Anweisung seiner Eltern besuchte er dann zu weiterer Ausbildung Frankreich, England und Holland. Den endlich in die Heimat Zurückgekehrten zog der Große Kurfürst an seinen Hof, und dem erst Fünfundzwanzigjährigen vertraute er die Leitung der Expedition nach Guinea an.
Schildern wir noch in Kürze schließlich den Fortgang der brandenburgischen Kolonisation. Zum Fort »Groß-Friedrichsburg« gesellten sich 1684 das benachbarte Fort »Dorothea« und etwas später die Forts »Taccarary« und »Sophie Luise«, alle in derselben Gegend gelegen. Die fortgesetzten Feindseligkeiten der Holländer taten dem brandenburgischen Unternehmen aber bald viel Abbruch. Sie kaperten die Schiffe und überfielen, allerdings erfolglos, 1687 die Forts. Die »Afrikanische Handelskompanie« hielt sich noch ohne rechte Lebenskraft bis zum Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I., der das ganze Unternehmen für 6000 Dukaten an die Holländer verkaufte. -- Als im Jahre 1884 die deutsche Korvette »Sophie« in der Gegend des einstigen Forts »Groß-Friedrichsburg« landete, zeigten die Eingeborenen den Offizieren die Trümmerstätte. Aus dem Schutte grub man die alten Brandenburgischen Geschützrohre hervor. Sie werden heute in der Ruhmeshalle des Berliner Zeughauses aufbewahrt, die letzte Erinnerung an die erste deutsche Kolonie in Afrika.
Dr. _Adolf Heilborn_.
Fußnoten
[1] Es darf hier nicht verschwiegen werden, daß die geographische Forschung späterer Tage das Problem des Südkontinents doch in anderm Sinne als Cook zu lösen und auf der Kugelkappe um den Südpol ein Festland größer als Europa festzustellen vermochte.
[2] Es sei hier gleich erwähnt, daß Cook 1778 vom Beringmeer aus nur bis an das Nordkap von Asien gelangte. Die »nordöstliche Durchfahrt« um Asien herum ist später dem berühmten schwedischen Polarforscher Adolf Nordenskjöld (spr. nurdenschöld) auf der »Vega« (1879) gelungen. Die »nordwestliche Durchfahrt« um Amerika herum glückte erst 1906/07 dem kühnen Norweger Roald Amundsen auf der »Gjöa«.
[3] Auch die farbigen Rassen erbleichen nach dem Tode.
+------------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription | | | | Der Schmutztitel wurde entfernt, das Inhaltsverzeichnis an den | | Anfang des Buchs verschoben. Folgende Inkonsistenzen wurden | | belassen, da beide Schreibweisen üblich waren: | | | | anderen -- andern | | anderer -- andrer | | argwohnten -- argwöhnten | | benutzen -- benützen | | bewillkommten -- bewillkommneten | | danach -- darnach | | Felsenklippen -- Felsklippen | | heut -- heute | | Instruments -- Instrumentes | | portugiesisch -- Portugiesisch | | Schiffs -- Schiffes | | ungeheure -- ungeheuere | | ungenutzt -- ungenützt | | unserer -- unsrer | | unseren -- unsern | | | | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | | | | S. 85 "Taburai" in "Tuburai" geändert. | | S. 144 "Eris" in "Erihs" geändert. | | S. 188 "Molotai" in "Molokai" geändert. | | S. 193 "Kauina" in "Kanina" geändert. | | S. 220 "trotz alle" in "trotz aller" geändert. | | S. 239 "Giseng" in "Ginseng" geändert. | | S. 243 "wiederabfahren" in "wieder abfahren" geändert. | | S. 252 "wann" in "wenn" geändert. | | S. 282 « eingefügt. | | S. 290 "Eingebornen" in "Eingeborenen" geändert. | | S. 292 "Tasmann" in "Tasman" geändert. | +------------------------------------------------------------------+