Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer
Part 17
Gegen den 12. Mai wirkte die Mittagssonne bereits sehr kräftig, und der anhaltende Südwind machte die Luft mild und angenehm. Das Thermometer stand den Tag über im Schatten auf 5° Wärme. Aber in der Nacht fiel es wieder zum Gefrierpunkt, und alsdann überzog sich das, was bei Tage aufgetaut war, mit einer dünnen Eiskruste. Die große Eismasse, die uns umgab, fing nun an, sich vom Ufer zu trennen. Die Flut, die hier 18 Meter steigt und fällt, zerbröckelte sie unaufhaltsam, und zugleich führte das vom Auftauen im Lande abfließende Wasser ganze Stücke Eis mit sich in See. Bald nachher taute alles um das Schiff her auf, und wir sahen mit Vergnügen, daß es sich wieder um seinen Anker bewegte. Unsere Kranken näherten sich zusehends ihrer Genesung, wiewohl ihrer zwei, ungeachtet der rückkehrenden Sonne und unserer äußersten Sorgfalt, die Zahl der Opfer vermehrten, denen das Schicksal ihren letzten Schlaf an diesen grauenvollen Ufern bestimmt hatte. Das Land blieb noch immer mit Schnee bedeckt, und außer Tannensprossen zeigte sich uns keine erreichbare Spur von Pflanzenwachstum. Wir mußten uns übrigens glücklich preisen, daß der strenge Winter uns noch diese gelassen hatte, und daß sie jedem, der anhaltenden Gebrauch davon machte, ein wirksames Heilmittel wurden.
Am 17. Mai löste sich in der ganzen Bucht alles Eis, und da wir uns wieder in offenem Wasser befanden, so erquickte die Hoffnung, jetzt bald diese Szenen des Grauens und Leidens zu verlassen, unsere erschöpften Gemüter mit unaussprechlichem Troste.
Die Zahl der von uns hier festgestellten Indianer betrug nicht über fünf- bis sechshundert. Sie sind eine starke, grobknochige Rasse und wohl etwas größer als der Durchschnittseuropäer. Sie haben weder Städte noch Dörfer oder sonst einen beständigen Wohnort, sondern wandern unaufhörlich im Sunde auf- und abwärts, wie Laune und Not sie dazu treiben. Diesen ganzen Bezirk halten sie für ihr Eigentum und dulden darin keinen anderen Stamm, den sie mit ihrer Übermacht abhalten können, außer wenn er ihnen einen Tribut dafür entrichtet. Dringt aber, wie es zuweilen geschieht, ein stärkerer Stamm in das Gebiet, so ziehen sie sich auf gewisse Felsengipfel zurück, die nur vermittels einer Leiter, die man nach sich hinaufnimmt, zugänglich sind. Dahin schleppen sie sogar ihre leichtgebauten Kanus. Sie haben einen Häuptling. Schenowäh, der jetzige, war ein ganz alter Mann und fast gänzlich wieder zum Kinde geworden. Als er im verflossenen Herbste den ersten Besuch bei uns machte, brachte er drei Frauen mit, die er uns als seine Gattinnen bezeichnete. Wir erwiesen ihnen daher gebührende Aufmerksamkeit und beschenkten sie mit allerlei Sachen, von denen wir vermuten konnten, daß sie ihnen Freude machen würden. Außer diesen haben wir nur noch drei oder vier andere von den Frauen der Eingeborenen gesehen. Wir hätten sehr gewünscht, einen von ihren Knaben bei uns zu behalten, um von ihren Sitten und ihrer Sprache einiges zu erlernen. Allein, sie weigerten sich beständig, unser Verlangen zu erfüllen, wenn nicht auch wir einen von unseren Leuten bei ihnen lassen wollten. Der Häuptling selbst traute sich nicht, an Bord zu kommen, wenn nicht während des Besuchs einer von unseren Matrosen in seinem Kanu blieb.
Im Oktober 1786 brachte uns der Häuptling eine junge Frauensperson und bot sie uns zum Kaufe an. Wir erhandelten sie für eine kleine Axt und eine geringe Menge Glasperlen. Anfänglich glaubten wir, sie sei eine von seinen eigenen Frauen; allein, sie gab uns bald zu verstehen, daß sie eine Kriegsgefangene und nebst einer Anzahl von Landsleuten ihren Feinden in die Hände gefallen sei. Die anderen wären alle getötet und verzehrt worden, was das allgemeine Los der Kriegsgefangenen sei. Sie allein hätte man leben lassen, damit sie den Frauen des Häuptlings aufwarten solle, die jetzt vermutlich ihrer Dienste überdrüssig oder vielleicht gar eifersüchtig auf sie geworden waren. Sie blieb beinahe vier Monate lang bei uns und schien sehr zufrieden mit ihrer Lage. Wir erfuhren von ihr, daß sie zu einem weiter südwärts wohnenden Stamme gehöre. Wir hatten uns vorgenommen, im folgenden Sommer längs der Küste hinzufahren, Pelzwerk einzuhandeln und sie ihren Verwandten wieder zurückzugeben, wenn nicht die Unglücksfälle, die uns hier trafen, diese Absicht gänzlich vereitelt hätten. Die Einwohner des Sundes schilderte sie uns jederzeit, wir wissen freilich nicht mit welchem Rechte, als die wildesten Leute an der ganzen Küste, wobei sie immer wiederholte, daß nichts als die Furcht vor unseren Kanonen sie abhielte, uns totzuschlagen und zu verspeisen.
Während des harten Frostes im Januar und Februar besuchten uns einige fremde, weiter südwärts wohnende Stämme aus der Nachbarschaft ihres Volkes. Durch diese Stämme schickte unser Mädchen eine Einladung an ihre Verwandten, uns zu besuchen. Wir fügten ein Geschenk von Glasperlen hinzu, um jene zu diesem Besuch aufzumuntern. Das Mädchen bestimmte uns die Zeit, da wir ihre Ankunft erwarten könnten, und wirklich erschienen sie ziemlich genau zu dem angegebenen Termin in drei einzelnen Kanus und brachten einen geringen Vorrat an Pelzwerk mit. Das Mädchen bat uns dringend um die Erlaubnis, mit ihnen zu reisen. Da wir uns aber von den Nachrichten, die sie uns geben konnte, einigen Vorteil für den Sommer versprachen, so erhielt sie eine abschlägige Antwort. Während indes einmal unsere Leute zum Frühstück gegangen waren, benutzte sie die Zeit, um in die Kanus zu entkommen, und wir haben sie nie wiedergesehen. Damals, als das Mädchen uns verließ, hatte der Skorbut noch nicht mit der Bösartigkeit wie später um sich gegriffen. Doch gab sie uns zu erkennen, daß auch ihr Volk an dieser Krankheit litte, daß man aber, sobald sich die Anzeichen bemerkbar machten, südwärts in ein besseres Klima zöge, wo Fische in Menge zu haben wären, die die Heilung stets bewirkten.
Die Einwohner des Sundes halten ihr Haar ziemlich kurz und hinten und vorn in gleicher Länge. Daher hängt es ihnen gewöhnlich so ins Gesicht, daß sie, Männer wie Frauen, es unaufhörlich wegstreichen müssen, um nur vor sich hinsehen zu können. Die Männer haben durchgehends einen Schnitt in der Unterlippe, zwischen dem vorstehenden Teil der Lippe und dem Kinn, und zwar in gleicher Richtung mit dem Munde, so daß der Einschnitt einem zweiten Munde ähnlich sieht. Die Knaben haben an derselben Stelle zwei, drei oder vier Löcher. Vielleicht ist also dieser Einschnitt ein Zeichen der Mannbarkeit. Die Frauen haben ebensolche Öffnungen wie die Knaben und stecken kleine Stückchen von Muscheln hinein, die wie Zähne aussehen. Männer und Frauen durchbohren den Nasenknorpel und tragen gewöhnlich einen großen Federkiel oder ein Stück Baumrinde darin. Bärte, die man freilich gewöhnlich nur an bejahrten Personen sieht, haben sie auf der Oberlippe und am Kinn; im Winter hängen oft Eiszapfen daran. Die Jüngeren reißen sich scheinbar die Haare aus, sobald sie zum Vorschein kommen. Ihre Backenknochen sind hoch hervorstehend, ihre Gesichter rund und platt, die Augen schwarz und klein, das Haar pechschwarz. Ihr ganzer Anblick ist wild und gräßlich. Die Ohren werden mit vielen Löchern durchbohrt, in denen Gehänge von Knochen oder Muschelwerk befestigt werden. Sie bedienen sich einer Art von roter Farbe, um sich Hals und Gesicht zu beschmieren. Wenn ihnen aber ein Verwandter stirbt, so brauchen sie dafür schwarze Farbe. Ihr Haar ist beinahe ganz mit Vogeldaunen bedeckt. Ihre Kleidung besteht in einem einfachen Rock von Seeotterfell, der bis auf die Knie herunterhängt und ihre Füße unverhüllt läßt. In ihren Kanus bedienen sie sich einer anderen Kleidung, die sie aus den Därmen des Wals verfertigen. Sie bedecken den Kopf damit und binden die herabhängenden Schöße um das Loch fest, in dem sie sitzen. Auf diese Weise kann kein Wasser in das Boot dringen, und sie sitzen trocken und warm. Eigentlich ist dieses ihr Hauptanzug, da sie bei weitem den größten Teil ihres Lebens in ihren Kanus zubringen. Man findet in den hiesigen Waldungen alle die verschiedenen Arten des Tannengeschlechts, die an der jenseitigen Küste von Amerika gedeihen. Ferner Schlangenwurz und Ginseng, wovon die Eingeborenen immer etwas als Arznei bei sich führen, obwohl wir es nie in Mengen auffinden konnten.
Die Wälder sind sehr dicht und erstrecken sich über zwei Drittel der ganzen Höhe der Gebirge, die oben in ungeheuren, nackten Felsenmassen endigen. Die schwarze Kiefer, die hier in großer Menge wächst, liefert sehr gute Segelstangen. Auch bemerkten wir bei unserer Ankunft im Sunde im September einige schwarze Johannisbeersträucher, aber sonst keine andere Art von Früchten oder Gemüsekräutern. Damals waren die Höhen auch schon mit Schnee bedeckt und die niedrigen Gründe durch die Ströme geschmolzenen Schnees von oben her gänzlich überschwemmt.
Die einzigen Tiere, die wir hier sahen, waren Bären, Füchse, Marder, wilde oder Bergziegen und Hermeline. Von den letzteren töteten wir nur zwei Paar, die von verschiedenen Gattungen waren.
Zur Zugzeit sahen wir Gänse in großer Menge nebst mancherlei anderen Wasservögeln. Aber außer Krähen und Adlern kamen uns keine in den hiesigen Wäldern einheimische Vögel zu Gesicht. Das Eisen hatte von all unseren Waren den höchsten Wert für die Indianer, und sie wählten vorzüglich solche Stücke, die an Gestalt der Spitze einer Lanze ähnlich sahen. Grüne Glasperlen waren ebenfalls sehr begehrt, zu anderen Zeiten aber wieder blaue und rote. Die Indianer bezeigten auch viel Vergnügen an unseren wollenen Jacken und an allen alten Kleidungsstücken der Matrosen.
Ihre Nahrung besteht gänzlich in Fischen; vorzugsweise aber essen sie den Wal. Weil Öl und Tran ihnen als größte Leckerbissen gelten, sind ihnen natürlicherweise die öligen Fische am liebsten. Sie pflegen sie sehr selten zuzubereiten. Wenn es aber geschieht, so zünden sie ein Feuer an, indem sie einige trockene Stücke Tannenholz aneinander reiben. Sie verfertigen sich wasserdichte Körbe und legen heiße Steine hinein, um das Wasser und die Fische zu kochen. Allein, selten geben sie sich die ihres Erachtens entbehrliche Mühe, ihre Speisen auf diese Art zu bereiten. In den kältesten Wintertagen sahen wir sie nie von ihren Küchen Gebrauch machen; doch konnte das vielleicht auch von Nebenumständen abhängen, die ihnen gerade damals die Kocherei erschwerten.
Unstreitig sind diese Menschen eine sehr rohe, wilde Rasse und besitzen einen ungewöhnlichen Grad von Unempfindlichkeit gegen körperlichen Schmerz. Hiervon sahen wir ein auffallendes Beispiel bei folgender Veranlassung: während des Winters hatte man unter allerlei anderem Kehricht auch einige zerbrochene Flaschen aus dem Schiffe geworfen. Einer von den Indianern, der den Haufen nach tauglichen Gegenständen untersuchte, schnitt sich mit einer Glasscherbe sehr tief in den Fuß. Sobald wir ihn bluten sahen, zeigten wir ihm, was ihn verwundet hatte, verbanden ihn und gaben ihm zu verstehen, dies sei die Heilmethode, deren wir uns in ähnlichen Fällen bedienten. Allein, jetzt machte er mit seinen Gefährten unser ganzes Verfahren lächerlich. Sie ergriffen auf der Stelle die Glasscherben und zerfetzten sich damit Arme und Beine auf eine fürchterliche Art, wobei sie uns belehrten, daß ihnen nichts Derartiges schaden könne.
Mit unbegrenzter Freude verließen wir am 21. Juni die Bucht, die Heimat eines Volkes von solchem Charakter und von solchen Sitten, in der wir den strengsten Winter überdauert hatten. Am folgenden Abend waren wir in offener See. Unsere ganze Mannschaft bestand aus 24 Mann, mich, die Offiziere und die beiden Matrosen mitgerechnet, die von dem Schiffe »König Georg« zu uns gekommen waren. Dreiundzwanzig Menschen hatten wir leider in dem unwirtlichen Sunde begraben. Die Übriggebliebenen waren indes guten Mutes, wennschon es einigen noch an Kräften fehlte, selbst an Bord zu gehen.
Kaum hatten wir uns vom Lande entfernt, so blieb der Wind südlich und hüllte uns in einen dichten Nebel. Diese Witterung, die uns in unserm erschöpften Zustande kaum erträglich war, brachte uns zu dem Entschlusse, in der Nähe der Küste zu segeln.
Zehn Tage lang hatten wir die See gehalten, ohne weiter südwärts als zum 57. Grad zu kommen. Unsere Leute, die auf dem Verdeck durchnäßt wurden, klagten über Schmerzen in den Beinen. Und diese schwollen ihnen dermaßen, daß einige das Bett hüten mußten. Hierauf beschlossen wir, landwärts zu steuern, da die Küste nur 40 Seemeilen entfernt war. Wir erblickten bald einen hohen Pik von sonderbarer Gestalt; und nicht weniger sonderbar waren sowohl dem äußeren Ansehen nach wie in ihren Sitten auch die Einwohner in dessen Nachbarschaft.
Sobald wir uns dem Lande genähert hatten, kamen uns eine große Menge Kanus entgegen, die sich von denen im Prince-Williams-Sunde an Gestalt sehr unterschieden. Sie bestanden aus einem einzigen Baumstamme, und viele waren zwischen fünfzig und siebzig Fuß lang, aber sehr schmal, nämlich nicht breiter als der Baum. Die Frauen waren die seltsamsten und greulichsten Menschengestalten, die wir jemals gesehen hatten. Wie die Männer im Prince-Williams-Sund hatten sie alle einen Einschnitt in der Unterlippe. Doch mit dem Unterschied, daß er hier viel breiter war und auf jeder Seite um einen guten Zoll mehr in die Wange hineinging. In dieser Öffnung tragen sie ein eirundes Stück Holz, wenigstens von sieben Zoll Umfang und einem halben Zoll Dicke, das rings um den Rand eine Hohlkehle hat, damit es in der Lippenspalte festgehalten werden kann. Vermittels dieser scheußlichen Erfindung ziehen sie die Lippe von den Zähnen abwärts und entstellen so ihr Gesicht auf die denkbar häßlichste Art. Dieses Volk schien die Einwohner des Sundes, die wir ihnen als Doppelmäuler beschrieben, zu kennen. Auch schienen sie jenen in der Sprache verwandt. Doch war der hiesige Stamm bei weitem zahlreicher. Vor uns hatte noch kein anderer Seefahrer diese Leute besucht. Hätte sich nicht in der Nacht ein günstiger Wind erhoben, so wären wir einige Tage bei ihnen geblieben.
Jetzt hatten wir bei heiterem Wetter nördlichen Wind, der ununterbrochen andauerte, bis wir die Insel Hawaii erblickten. Glücklicherweise war unsere Überfahrt vom festen Lande hierher von kurzer Dauer. Hätten wir nicht die Vorteile einer günstigen und schönen Witterung genossen, so läßt es sich, nach dem Zustande unseres Schiffes zu urteilen, sehr bezweifeln, ob wir je die Sandwichinseln erreicht haben würden. Die schauderhafte Krankheit, an der unsere Mannschaft so lange gelitten hatte, begleitete uns wirklich noch auf diesem Weg, und wir büßten noch einen Mann daran ein, ehe wir das wohltätige Klima erreichten, von dessen Zephiren man sagen kann, daß sie Gesundheit auf ihren Fittichen tragen. Zehn Tage nach unserer Ankunft in Hawaii war jede Spur von Krankheit unter uns geschwunden.
Wir verweilten hier einen Monat, und während dieser Zeit schienen die Insulaner kein anderes Vergnügen zu kennen, als uns Wohltaten zu erzeigen und ihre Gastfreundschaft an uns zu üben. Mit Freuden empfingen sie uns, und mit Tränen sahen sie uns wieder abfahren.
Nach einer sehr glücklichen Fahrt, auf der wir immer Passatwinde hatten, kamen wir am 20. Oktober 1787 in Typa, dem Hafen von Makao, an. Doch kaum hatten wir hier Anker geworfen, als sich schon die Vorboten eines Sturmes zeigten, mit dem es unser halbwrackes Schiff keineswegs aufnehmen konnte. Zwei französische Fregatten, die ungefähr ein Kilometer von uns vor Anker lagen, vermehrten unsere Besorgnisse. Menschen, die wie wir so lange von Unglück und Widerwärtigkeiten aller Art gemartert wurden, und die so lange keine politische Nachricht erhalten hatten, sind eben dazu geneigt, bei einer so ungewöhnlichen Erscheinung, wie es französische Kriegsschiffe in jenen Meeren sind, auf die ungünstigste Vermutung zu verfallen. Als wir verschiedene Boote mit Soldaten von diesen Schiffen abstoßen sahen, erwarteten wir das Schlimmste. Und da uns hier der neutrale Hafen schwerlich geschützt hätte, so fingen wir schon an, einer Gefangenschaft als der Schlußszene unseres Unglücks entgegenzusehen. Die Boote fuhren indes an uns vorbei und, wie wir später erfuhren, nach einem spanischen Kauffahrteischiff, um daselbst einige entlaufene Matrosen aufzusuchen. Die französischen Schiffe waren die Fregatte »Kalypso« von sechsunddreißig Kanonen und ein Proviantschiff. Wir waren gleichsam dazu bestimmt, bis auf den letzten Augenblick von Unfällen verfolgt zu werden. Die Elemente verschworen sich gegen uns, sobald unsere Furcht vor dem Feinde in menschlicher Gestalt verschwunden war. Es erhob sich nämlich jetzt ein so fürchterlicher Sturm, daß die »Kalypso« sich nur mit Mühe und Not auf ihrer Stelle hielt, indem sie fünf Anker auswarf. Man urteile nun, in welcher Lage wir uns an Bord der »Nutka« befanden, da wir jetzt nur einen Anker übrig hatten. Nach einigen glücklich überstandenen gefährlichen Augenblicken sahen wir uns zuletzt genötigt, das Schiff auf den Strand zu jagen, um das einzige Rettungsmittel, das uns noch übrigblieb, nicht zu verscherzen. Das war das Ende unserer Reise.
Reise nach Guinea und Gründung von Groß-Friedrichsburg
Von Major _Otto Friedrich v. d. Groeben_
In neun Tagen sind wir vom Kap Verde bis zum Königreich Sierra Leone gesegelt, das seinen Namen nach dem Flusse hat, in den wir eingelaufen. Wir fanden daselbst ein dänisches Schiff vor Anker liegen, dem wir drei Tage zuvor begegnet, als es dem Stranden nahe war, was uns damals auch leicht hätte geschehen können, da uns der Wind so nahe an die Küste getrieben hatte, daß wir bisweilen nur fünf Faden Wasser loteten. Als wir Anker geworfen, haben wir in aller Eile den »Kurprinz« und den »Morian« mit Holz und Wasser versehen; darauf bin ich mit einigen jungen Edelleuten in das nah gelegene Negerdorf gegangen, wo wir den Häuptling Jan Thomas ungefähr mit 40 Männern und 30 Frauen antrafen, die wir mit Branntwein bewirteten. Dieser Häuptling sprach ein wenig Deutsch, das hauptsächlich in folgenden Redensarten bestand: »Donner Sakrament, für mich Kapitän Jan Thomassen, muß Holz und Wasser bezahlen.« Die Frauen und Männer setzten sich um uns, hernach tanzten sie mit ihrem Häuptling zum Klang unsrer Schalmeien.
Über ihr Leben, Handel und Wandel will ich folgendes bemerken: Von Kap Verde bis nach Sierra Leone leben die Mohren unter der Herrschaft ihrer Könige, die sie je nach dem Verbrechen hart oder gelinde strafen. Wenn einer mißhandelt wurde und Gericht gehalten wird, sitzt der König öffentlich. Um ihn stehen die Richter. Dann tritt der Kläger hervor, fällt auf die Knie, stützt das Haupt mit den Ellbogen und spricht zum König: »Donda«, worauf die Richter antworten: »Mo«. Darauf wird in des Königs Gegenwart die Klage einem der Räte vorgetragen, der sie öffentlich den andern Richtern erzählt. So geht's der Reihe nach herum bis zum letzten Rat, der die Klage nebst dem Urteil, das die andern gesprochen, dem König vorträgt. Dieser bestätigt das Urteil oder ändert es nach seinem Gutdünken. Hat der Verklagte den Tod erwirkt, so werden seine Güter bis auf Kindeskinder eingezogen, und er selbst wird in den Krieg geschickt, um an der Spitze gegen den Feind wie ein Sklave bis auf den Tod zu fechten. Die Hütten dieser Neger sind ganz klein, oben und unten mit Palmzweigen bedeckt, in einer runden oder langen Form, etwa 3½-4 m hoch und etwa 2½ m weit; ihre Türen sind nur etwas über 1 m hoch, so daß man, ohne einen Bückling zu machen, nicht hineingehen kann. Ihre Schlafstelle ist an einer Seite der Hütte aus Lehm gemacht, ganz niedrig und nur etwa meterbreit, eine Matte aus Rohr- oder Binsengeflecht liegt darauf. Der Herd besteht aus zwei Feldsteinen, die mitten in diesem »Palaste« liegen, und worauf sie Hirse, Fische oder Fleisch kochen. Roter Lehm oder der natürliche Grund bilden den Estrich. Jedes Dorf hat einen besonderen Platz, für Zusammenkünfte bestimmt, der etwas höher als die andern Hütten liegt und einen etwa halbmeterhohen Lehm- oder Tonestrich zeigt. Hier versammeln sie sich mit ihren Führern, rauchen Tabak, Männer, Frauen und Kinder durcheinander, indem sie das Rauchen so lieben, daß sie nicht allein stets bei Tage rauchen, sondern auch des Nachts den Tabak als teures Kleinod in kleinen Säckchen am Halse hängen haben. Ihren Leib, das Gesicht und die Hände pflegen sie mit mannigfachen Figuren, die sie in die Haut schneiden, zu schmücken, und in die Schnittwunden reiben sie Pulver oder Pflanzenasche ein, damit die Figuren nie verschwinden. Je schwärzer sie sind, um so schöner dünken sie sich: ja, sie halten so viel auf ihre schwarze Farbe, daß sie sich alle Morgen von Haupt bis Fuß mit Fett oder Öl einschmieren. Wenn nun die Sonne brennt, schmilzt das Fett, das sie in die Haut eingerieben, und sie glänzen den ganzen Tag darnach wie ein Spiegel. Das tun sie aus zwei Gründen. Einmal, weil sie schwarz davon werden. Sodann aber verhindert das Fett, daß von der großen Hitze die Haut aufspringt, weil sie nackend gehen. Solche unerträgliche Pein nimmt die Fettigkeit ganz hinweg und macht ihnen die Haut geschmeidig, wie ich selbst gesehen. Diese Gewohnheit ist allen Schwarzen gemein.
Was ihren Gottesdienst anlangt, so beten sie den Teufel an, dem sie jährlich einen Teil ihrer Güter, alle fünf oder sieben Jahre aber einen Menschen opfern, auch wohl zwei oder mehr, je nachdem sie vom Teufel Schaden erlitten oder große Sünden begangen haben. Ihre Kirche ist ein Zaun von Staketenpfählen, ohne Dach. Ehe sie hineintreten, legen sie alles ab bis aufs Messer, alsdann gehen sie in den Betraum, fallen auf die Knie, strecken die Hände von sich und schlagen sie über dem Haupt zusammen, neigen das Antlitz zur Erde und bitten vom Teufel, was sie nötig haben. Sobald solch Gebet drei- oder viermal verrichtet, gehen sie wieder davon. Indem sie nun ihre fette Stirn auf die Erde stoßen und der Staub und Unflat ihnen an der Stirn kleben bleibt, dürfen sie ihn nicht abstreichen, sondern müssen ihn so lange daran lassen, bis er von selber abfällt. Von ihrer Kleidung ist wenig zu sagen, da sie ganz nackt gehen und nur ein schmales Lendentuch tragen. Die aber am Meeresstrande wohnen und etwas Vornehmes sein wollen, tragen auf dem Haupte einen alten Hut oder eine bunte Leinenmütze und ein Hemd von gestreifter Leinwand mit großen Ärmeln.
Ebenso gehen die Weiber ganz barfuß. Hinter sich haben sie die Kinder in einem Hüfttuche. Ihr Oberkörper ist ganz bunt mit Narben geschmückt, die sie mit der Spitze eines Messers in die Haut schneiden und dann mit Pulver blau färben, vor andern damit zu prunken. Sonst prunken sie auch viel mit dem Haar, das seiner Art nach ganz kurz und schwarz wie Lämmerwolle wächst. Dieses Haar, so kurz es auch ist, wissen sie sehr niedlich zu Mustern zu flechten, etliche wie eine Krone, andre wie eine Haube, etliche wieder auf noch andre Art. Hinterher beschmieren sie es mit einem weißen Fett oder Palmöl und gehen darauf in die Sonne, die das Fett über den ganzen Leib fließen macht. Das reiben sie dann stark in die Haut ein, so daß sie wie Ziegenböcke »duften« und wie Spiegel glänzen.
Ihre Tücher weben sie meist selbst auf einem Gestell, das in die Erde geschlagen ist. Ebenso machen sie künstliche Matten und Säckchen aus Binsen oder Baumbast und färben sie mit Blättern oder rotem Holz unterschiedlich. Tabak rauchen sie so stark, daß sie die Pfeife nie aus dem Munde lassen. Die Frauen bereiten die Speisen zu, nämlich Rindfleisch, Hirse, eine Art von Korn, die man erst kocht, dann trocknet und in hölzernen Mörsern so fein wie Sand zerstampft. Dann wird die Hirse in einem Topf dick wie gequollener Reis gekocht, in eine hölzerne Schüssel getan und mit den Händen zu Kügelchen geknetet und gebacken. Dieses Gericht ist mir immer so vorgekommen, als wenn man bei uns Kapaunen mit Teig mästet.
Wenn von andern Dörfern die Freunde einander besuchen, so umarmen sie sich und umfaßt einer des andern mittelsten Finger, den sie geschickt so stark auseinander ziehen, daß es laut knackt.