Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer

Part 16

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Bis Mitte Oktober hatten wir noch immer erst eine geringe Anzahl von Fellen erhandelt. Die Eingeborenen stellten sich aber in größerer Anzahl ein und wurden so überlästig, daß wir in Verlegenheit gerieten, wie wir uns gegen sie zu benehmen hätten. Klugheit sowohl als Menschlichkeit geboten uns, womöglich alle gewalttätigen Züchtigungen zu vermeiden. Indes kam es doch des öfteren vor, daß unsere Leute, die am Lande Holz fällten oder mit dem Bau des Hauses beschäftigt waren, sich genötigt sahen, an Bord zurückzukehren, weil die Eingeborenen aus dem Walde hinter ihnen hervorkamen und ihnen ihr Gerät wegzunehmen versuchten. Das Schiff lag dem Arbeitsplatz so nahe, daß wir mit unsern Leuten am Lande sprechen konnten. Daher erhielten diese, außer wenn ein bedachtsamer Offizier bei ihnen war, nie Erlaubnis, Schießgewehre mitzunehmen, weil wir befürchteten, daß sie einen falschen Gebrauch davon machen würden. Bisher hatten wir es auch überflüssig gefunden, sie zu bewaffnen, da es uns noch jedesmal gelungen war, durch einen einzigen Flintenschuß vom Schiffe aus die Eingeborenen zu verscheuchen.

Den 25. Oktober bemerkten wir, daß eine große Menge Indianer in die Bucht kamen. Da wir ihrer so viele noch nicht beieinander gesehen hatten, so riefen wir unseren Leuten zu, sie möchten sich an Bord begeben. Als dies nicht augenblicklich geschah, gewannen die Indianer Zeit, dem Schiffe gegenüber anzulegen und an dem Arbeitsplatze zu landen. Zugleich stieß ein anderer Haufen aus dem Walde zu ihnen. Vergebens wollten wir durch allerlei Zeichen den Indianern, die in ihren Kanus gekommen waren, das Anlanden untersagen. Sie taten es zum Trotze dennoch. Hierauf richteten wir zwei von unseren Kanonen auf sie und erreichten dadurch unseren Zweck noch zu rechter Zeit, da sie schon im Begriffe standen, unsern Leuten die Äxte aus der Hand zu reißen. Sobald sie unsere Anstalten gewahr wurden, riefen sie auf ihre gewöhnliche Art »Lali-lali«, das heißt »Freund, Freund« und breiteten ihre Arme zum Zeichen der Freundschaft weit voneinander. Nachdem unsre Leute sämtlich an Bord gekommen waren, glaubten wir, die Gelegenheit benützen zu müssen, die Eingeborenen durch einen Beweis von der Wirkung unsrer Kanonen zu erschrecken. Ein Zwölfpfünder ward mit Kartätschen geladen und abgeschossen. Die Wirkung der Kugeln im Wasser setzte sie in Erstaunen und in solchen Schrecken, daß die Hälfte ihre Kanus umkippte. Hierauf lösten wir am Ufer eine dreipfündige Feldkanone, deren Kugel auf eine ziemliche Strecke die Oberfläche des Wassers streifte und ihnen keinen Zweifel übrigließ, daß wir unsere Kugeln in jeder beliebigen Richtung so weit schießen könnten, wie wir Lust hätten. Jetzt standen sie da und beratschlagten sich, wie es schien, in nicht geringer Verlegenheit. Nun gaben wir ihnen zu verstehen, wir hätten keineswegs die Absicht, ihnen Leids zu tun, solange sie es friedlich und ehrlich mit uns meinten; wir wünschten weiter nichts, als mit ihnen handeln und gegen unsere Waren Felle eintauschen zu können. Diese Waren hielten wir ihnen vor; und nun zogen sich nach einem wiederholten Freudengeschrei diejenigen unter ihnen, die in Felle gekleidet waren, augenblicklich aus und verkauften uns gegen eine mäßige Zahl großer eiserner Nägel sechzig schöne Seeotterfelle. Um uns ihre Freundschaft zu erwerben, beschenkten wir die vornehmsten Männer unter ihnen mit Glasperlen verschiedener Farbe. Dagegen versprachen sie, daß sie uns Felle bringen würden, so geschwind sie dergleichen nur herbeischaffen könnten.

Ihr Versuch, uns zu überfallen, war wohl ohne Zweifel vorher überlegt; denn sie pflegen einander sonst nie in den erwähnten Booten zu bekriegen und bedienen sich ihrer gewöhnlich nur, um die Greise, die Frauen und Kinder bei Annäherung eines Feindes wegzuführen, weswegen sie auch diese Fahrzeuge »Weiberboote« nennen. Jetzt aber hatten sie sie dennoch gebraucht, um eine beträchtliche Menge Leute auf einmal an Land setzen zu können, weil sie dadurch ihr Vorhaben, unsere Leute abzuschneiden, desto sicherer bewerkstelligen konnten. Dieser Plan war ihnen nun freilich mißlungen. Aber nichts leistete uns Bürgschaft, daß sie in Zukunft der Gelegenheit widerstehen würden oder auch nur widerstehen könnten, uns alles zu stehlen, was ihnen unter die Hände käme, zumal wenn es Eisen enthielt, durch das sie immer in die äußerste Versuchung gerieten.

In unseren jetzigen Umständen hielten wir es für ratsam, unsere ferneren Arbeiten am Land einzustellen. Wir fingen daher an, das Schiff mit Sparren zu bedecken und von allen Seiten einzufassen, wie wir es schon zur Hälfte getan hatten. Unglücklicherweise fiel jetzt der Schnee in solchen Mengen und lag auf dem Lande so tief, daß wir zu unserem größten Mißvergnügen diese Arbeit nicht vollenden konnten. Soweit die Bedeckung fertig war, diente sie uns, eine Stelle zum Auf- und Abgehen trocken zu halten, und schützte das Verdeck gegen Kälte. Sie gab zu gleicher Zeit für den Notfall eine hinlängliche Befestigung ab gegen jeden Angriff, den etwa die Eingeborenen wagen konnten, da von einer anderen Seite das Eis, das sich überall um uns her zu bilden anfing, ihnen einen sehr beträchtlichen Vorteil gab. Allein, die Neigung unserer wilden Nachbarn mochte noch so feindselig sein: der Schrecken über die Wirkung unsrer Kanonen hatte sie zu größter Freundlichkeit und Friedfertigkeit gebracht.

Am 31. Oktober fiel das Thermometer bis zum Gefrierpunkt, und die Morgen und Abende waren schon empfindlich kalt. Bisher hatten wir Lachse in Menge gefangen. Nunmehr aber fingen die Fische an, sich aus den kleinen Flüssen fortzuziehen. Wir taten jetzt mit dem großen Netze zwei Züge in einem Teiche zwischen den benachbarten Bergen und fingen so viele Fische, als wir auf den Winter einsalzen konnten. Um etwas für den täglichen Bedarf zu erhalten, schickten wir jeden Morgen zwei Mann aus, die nach zwei Stunden mit so vielen Fischen, als sie tragen konnten, wiederkamen. Die Art, wie wir hier die Fische fingen, hatte etwas Lächerliches. Man stellte sich an den Abfluß des vorhin erwähnten Teiches, wo er sich in das Meer ergießt und kaum über einen Meter tief ist. Sowie nun die Fische hindurchschwammen, schlug man sie mit einer Keule auf den Kopf. Man kann sich leicht denken, daß sich unsere Matrosen den Zeitvertreib gefallen ließen, der unserem Tisch so üppige Mahlzeiten brachte. Doch die Tage des Überflusses waren bald zu Ende. Die Gänse und Enten, mit denen wir uns ohne Unterlaß versehen hatten, sammelten sich jetzt in großen Zügen und flogen südwärts. Die Eingeborenen hatten uns zuweilen wilde Ziegen gebracht, die einzigen Landtiere, die wir bei ihnen wahrnahmen. Wir verließen uns auch darauf, daß sie uns den Winter hindurch wenigstens mit einigen Arten von Lebensmitteln aushelfen würden. Allein, statt dessen war am 5. November kein Vogel mehr zu sehen, und in den Wäldern, wo der trockene Schnee jetzt mindestens anderthalb Meter hoch lag, konnte man unmöglich noch fortkommen. Die Fische hatten alle Buchten und kleinen Häfen verlassen, und das Eis sperrte uns auf allen Seiten ein. Die fürchterlichen Gebirge, die wir überall sahen, waren jetzt bis an den Rand des Wassers mit Schnee ganz weiß bekleidet, und den Eingeborenen blieben nun keine anderen Nahrungsmittel übrig als Walfleisch und -speck, den sie für den Winter bereitet hatten. Vom 2. November an hielt das Eis um das Schiff schon recht gut. Unsere Leute liefen daher zum Zeitvertreibe Schlittschuh und ergötzten sich auch sonst auf dem Eise, so daß Munterkeit und Bewegung nicht wenig zu ihrer Gesundheit beitrugen, bis endlich der Schnee auf dem Eise ebenso hoch lag als auf dem Lande.

Den November und Dezember hindurch erfreuten wir uns einer vortrefflichen Gesundheit. Die Eingeborenen setzten ihr freundschaftliches Betragen gegen uns fort, bis auf das Stehlen, wovon sie sich durch nichts entwöhnen ließen, und dem sie bei jeder Gelegenheit und trotz äußerster Wachsamkeit frönten.

Das Thermometer stand im November zwischen 3-4° Kälte, aber im Dezember fiel es auf 12° unter Null und blieb da fast den ganzen Monat stehen. Wir hatten zu gleicher Zeit nur einen schwachen Schimmer von Licht; denn die Mittagssonne stand nur sehr wenig über dem Horizont, und die hohen, südlich gelegenen Gebirge raubten uns ihren Anblick. Hier, wo wir gleichsam eingekerkert und von dem erheiternden Lichte, von der belebenden Wärme der Sonnenstrahlen abgeschieden waren, hatten wir überdies auch keine andere Art von Genuß, die der Einöde um uns her zum Ersatz hätte dienen können. Die furchtbar hohen Gebirge raubten uns beinahe den Anblick des Himmels und warfen ihre nächtlichen Schatten mitten am Tage über uns her. Aber auch das Land war wegen des tiefen Schnees unzugänglich; wir hatten also keine Hoffnung, solange der Winter währte, außerhalb des Schiffes und unserer eigenen Gesellschaft Erholung, Hilfe oder Erleichterung zu finden. Dies war indes nur der Anfang unserer Mühseligkeiten.

Das neue Jahr setzte mit einem verstärkten Grade von Kälte ein, und darauf folgten sehr schwere Schneefälle, die bis zur Mitte des Januars anhielten. Unser Verdeck konnte jetzt dem harten Frost der Nächte nicht länger widerstehen, und seine untere Decke war zolldick mit einem schneeähnlichen Reif besetzt, ungeachtet täglich zwanzig Stunden lang drei Feuer brannten, die, wenn sie angezündet wurden, durch das Auftauen eine kleine Überschwemmung verursachten. Eine Zeitlang unterhielten wir das Feuer Tag und Nacht. Der Ofen jedoch, den wir uns aus der Schmiedeesse verfertigt hatten, rauchte so unleidlich, daß die Matrosen, von denen jetzt einige kränkelten, fest überzeugt waren, ihr Übelbefinden sei ihm allein zuzuschreiben. Nach dem großen Schneefall legten sich zwölf Mann, die an Skorbut litten. Gegen das Ende des Monats starben vier von ihnen, und die Zahl der bettlägerigen Kranken, unter denen auch der Wundarzt sehr gefährlich daniederlag, stieg auf 23. Unser erster Offizier empfand einen leichten Schmerz auf der Brust, ein Symptom, das gewöhnlich einen schlimmen Ausgang in wenigen Tagen andeutete. Er vertrieb ihn indes dadurch, daß er unaufhörlich junge Tannenzweige kaute und den Saft hinunterschluckte. Der widrige Geschmack dieser Arznei jedoch war schuld, daß sich die wenigsten Kranken bereden ließen, mit dem Gebrauche fortzufahren.

Gegen Ende Februar hatte die Krankheit so weit um sich gegriffen, daß nicht weniger als dreißig von unseren Leuten gänzlich entkräftet waren und sich nicht mehr aus ihren Hängematten erheben konnten. Vier von ihnen starben während dieses Monats. Unsere Vorräte waren jetzt schon so erschöpft, daß wir, wenn auch die heftigsten Anzeichen allmählich nachließen, doch keine geeigneten Speisen hatten, mit denen der Krankheit beizukommen war. Zu dieser traurigen Lage kam noch die Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit unserer Leute, die schon das geringste Zeichen der Krankheit für einen Vorboten des Todes hielten. Während der Monate Januar und Februar blieb das Thermometer öfters auf 10° unter dem Gefrierpunkt. Dieser großen Kälte ungeachtet besuchten uns die Eingeborenen wie gewöhnlich und stets nur in ihren Jacken aus Robben- oder Seeotterfellen, und zwar meistens aus letzteren, wobei sie den Pelz auswärtsgekehrt trugen. Dieser Anzug schützte nur den Körper und ließ die Füße bloß; aber sie schienen deshalb kein Ungemach zu spüren. An Mundvorrat mochte es ihnen ebensosehr wie uns fehlen. Wir hatten einige Tonnen Tran stehen, den wir als Öl gebrauchten. Auf diese Leckerei pflegten sie sich, sooft sie an Bord kamen, unter dem Vorwande, daß sie wegen des stürmischen Wetters nicht auf die Waljagd gehen könnten, bei uns zu Gaste zu bitten. Zu ihrer größten Freude und Zufriedenheit schlugen wir ihnen diesen Leckerbissen nie ab. Ihrer Meinung nach wütete die schreckliche Krankheit nur deshalb unter uns, weil wir uns nicht von dieser leckern und gesunden Speise nähren wollten.

Es nahm uns wunder, daß sie nicht nur um den Tod unsrer Leute wußten, sondern auch die Stellen kannten, wo sie begraben lagen. Sie zeigten besonders an den Rand des Ufers zwischen die Spalten des Eises hin, wo wir mit großer Mühe ein nicht gar tiefes Grab für unsern Bootsmann zustande gebracht hatten, der, als er noch lebte, anfangs ihre Aufmerksamkeit erregte und hernach ihre Achtung erlangte, weil er mit seiner Pfeife die Mannschaft zusammenrief. Schon besorgten wir, daß sie diese traurigen Feierlichkeiten nur darum belauscht haben möchten, damit sie die Leichname wieder ausgraben und ein Kannibalenfest damit abhalten könnten; denn wir zweifelten gar nicht, daß wir es mit Menschenfressern zu tun hätten. Indessen entdeckten wir bald, daß sie zwar beständig lauerten, aber nur in der Absicht, andere Haufen von Eingeborenen abzuhalten, daß sie nicht mit uns handeln sollten, ohne ihnen etwas von dem Gewinne abzugeben. Nach ihren täglichen Besuchen zu urteilen, hätte man glauben sollen, ihre Wohnungen, obgleich wir noch nie eine entdeckt hatten, müßten in der Nähe sein. Jetzt aber erfuhren wir, daß sie ein streifendes Volk ohne feste Wohnplätze wären und da schliefen, wo sie könnten oder Lust hätten. Ja, daß sie sogar zwischen Tag und Nacht keinen Unterschied machten, sondern bald zu dieser, bald zu jener Zeit umherwanderten. Des Nachts zündeten sie nie ein Feuer an, aus Furcht, von anderen Stämmen, mit denen sie in unaufhörlicher Feindschaft zu leben schienen, überfallen zu werden. Diese Feinde hätten aber über das Eis zu ihnen kommen müssen; denn von Schneeschuhen wußten sie nichts, und ohne diese konnte man unmöglich durch die Wälder dringen.

Der Monat März erleichterte unsere Leiden nicht; er war ebenso kalt wie die beiden vorhergehenden. Im Anfang fiel noch eine Menge Schnee, wobei die Anzahl unsrer Kranken sich wieder vergrößerte und der Skorbut an denen, die ihn schon hatten, noch heftiger wütete. Während dieses Monats hatten wir die traurige Pflicht, den Leichen unseres Wundarztes und Lotsen die letzte Ehre zu erweisen. Diese Unfälle trafen uns sehr schwer; und der Verlust des Wundarztes zu einem Zeitpunkt, da ärztliche Hilfe uns so notwendig war, wird erkennen lassen, daß unser Elend den höchsten Grad erreicht hatte.

Unser erster Offizier fühlte wieder eine Anwandlung seiner Unpäßlichkeit und nahm seine Zuflucht abermals zu dem Mittel, das ihm bereits so heilsame Dienste geleistet hatte. Er machte sich Bewegung und nahm den Saft des Tannenbaums ein. Eine Abkochung von Tannensprossen, die er sich hergestellt hatte, schmeckte sehr ekelhaft und blieb, auch sehr verdünnt, nicht leicht im Magen. Sie wirkte vielmehr zu wiederholten Malen als ein Brechmittel, ehe man davon Fortschritte in der Kur bemerkte. Aber vielleicht kam gerade das Erbrechen, indem dadurch die ersten Wege gereinigt wurden, den ferneren heilsamen Wirkungen dieses antiskorbutischen Mittels zustatten. Der zweite Offizier und einer oder ein paar von den Matrosen beharrten bei ebender Methode, hatten denselben guten Erfolg und erholten sich aus einem sehr entkräfteten Zustande. Unglücklicherweise ist eines der schlimmsten Symptome dieser traurigen Krankheit eine gänzliche Abneigung gegen alle Bewegung und ein Schmerz, der an die heftigsten Qualen grenzt, sooft man es nur versucht, sich Bewegung zu machen, die doch das wesentlichste Heilmittel zu sein scheint.

Nachdem wir unsern Wundarzt verloren hatten, fehlte es uns nun gänzlich an allem ärztlichen Beistande. Soweit die zärtlichste und wachsamste Sorge den Kranken Erleichterung schaffen konnte, erhielten sie diese von mir, von dem ersten Offizier und einem Matrosen, den einzigen Personen, die noch imstande waren, ihnen diesen Dienst zu leisten. Wir mußten aber noch mit Jammer sehen, daß die schreckliche Krankheit allmählich einen nach dem andern von unserer Mannschaft hinwegriß. Nur zu oft ward ich zu der schauerlichen Arbeit gerufen, die Leichname über das Eis zu schleppen und sie in ein nicht tiefes Grab zu legen, das wir mit unseren eigenen Händen ausgehauen hatten. Der Schlitten, auf dem wir unser Holz holten, war ihre Bahre, die Spalten im Eis wurden ihre Gruft. Doch diese unvollkommene Totenfeier ward von einer so wahren und aufrichtigen Betrübnis begleitet, wie sie nicht einmal den Stolzen bei ihren prunkenden Leichenbegängnissen in die Totengewölbe folgt. Fürwahr, das einzige Glück, die einzige Erleichterung in unserem Elend bestand darin, daß wir uns zuweilen von dem Schiffe entfernten, um in der Einsamkeit das Geächze der Leidenden nicht zu hören und unsere rettungslose Lage zu vergessen. Alle herzstärkenden Mittel waren längst aufgebraucht, und es blieb uns zur Speise für die Kranken nichts anderes als Zwieback, Reis und ein geringer Vorrat an Mehl. Wir hatten weder Wein noch Zucker mehr für sie. An gesalzenem Rind- und Schweinefleisch fehlte es uns zwar nicht; allein, wäre das jetzt auch eine geeignete Kost für uns gewesen, so hätte doch der Abscheu, den unsere Leute vor ihrem bloßen Anblicke zeigten, alle heilsamen Wirkungen vereitelt. Fische und Geflügel konnten wir jetzt im Winter nicht mehr bekommen. Zu den seltensten Leckerbissen gehörte zuweilen eine Krähe oder eine Seemöwe, und ein wahrer Schmaus waren die Adler, von denen wir einige erlegten, da sie um uns herschwebten, als ob sie vielmehr uns zum Raube ausersehen hätten, anstatt uns zur Speise dienen zu sollen. Endlich mußten wir uns wider Willen entschließen, unsere Ziege und den Ziegenbock, die auf der ganzen Reise unsere Gefährten gewesen waren, abzuschlachten, um die Kranken vierzehn Tage lang mit der Brühe und anderen Zubereitungen von ihrem Fleische zu erquicken.

Ende März kam heran, ohne daß die Witterung sich änderte. Die Kälte dauerte mit unerbittlicher Strenge fort. Doch flößte uns der Anblick der Sonne, wenn sie am Mittag nur eben über die Gipfel der Gebirge hervorkam, einige Hoffnung ein. Das Thermometer hatte diese Zeit über meistenteils auf 10° unter Null gestanden.

In den ersten Tagen des Aprils hatten wir harten Frost und heftige Stürme, und auch noch gegen die Mitte des Monats stürmte es einige Male fürchterlich von Süden her. Diese Winde jedoch bringen hier den Sommer mit, so wie die Nordwinde gewöhnlich im Sommer herrschen. Der veränderte Wind verursachte, wie man sich vorstellen kann, eine merkliche Änderung in der Lufttemperatur. Allein, er brachte daneben Schnee in großer Menge, und da er nicht anhielt, sondern bald wieder der Nordwind an seine Stelle trat, so ward die Kälte wieder so streng wie zuvor. Gegen Ende des Aprils kämpften diese entgegengesetzten Winde unaufhörlich gegeneinander; und dies war um so lästiger, als es trübes Nebelwetter verursachte. Während des Südwindes wurden die Kranken elender. Wir hatten in diesem Monat vier Europäer und drei Laskaren zu begraben. Der zweite Offizier und der Matrose, die sich zum Gebrauche des Tannensaftes entschlossen hatten, fühlten sich jetzt soweit wiederhergestellt, daß sie auf das Verdeck kamen und den kurzen, aber willkommenen Sonnenschein genossen. Dieser Umstand bewog manchen von unseren Kranken, sich an den Tannensprossensaft zu halten, und einige ließen sich auch bereden, damit fortzufahren. Die meisten aber bekümmerten sich nicht darum und blieben fest entschlossen, nach ihrem derben Ausdruck, lieber allmählich zu verrecken, als die Qual eines so ekelhaften und peinlichen Heilmittels zu erdulden.

Gegen Ende des Monats stieg das Thermometer in der Mittagssonne bis zum Gefrierpunkt. Aber in der Nacht fiel es wieder ziemlich tief. Während der letzten drei Tage im April brachten uns die Eingeborenen einige Seevögel und Heringe. Die Fische verteilte ich selbst unter die Kranken; und keine Worte können die Freude schildern, die beim Anblick dieser wohltätigen und erquickenden Speise aus ihren hageren Gesichtern hervorleuchtete. Ich versäumte es nicht, die Eingeborenen auf alle Art und Weise aufzumuntern, daß sie fortfahren möchten, uns mit diesem stärkenden Nahrungsmittel ununterbrochen zu versorgen.

Jetzt fingen sie auch an, uns mit der Versicherung zu trösten, daß die Kälte bald ein Ende haben würde. Sie hatten uns durch Herrechnen der Monde jederzeit zu verstehen gegeben, daß der Sommer Mitte Mai anfinge. Jetzt beschrieb die Sonne schon einen großen Kreis über die Berge, und in der Mitte des Tages war sie uns sehr erquickend. Wir erhielten auch öfters Fische und wagten es wieder, uns mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß wir Übriggebliebenen noch diesem öden, unwirtlichen Lande entrinnen und wieder in unser Vaterland zurückkehren könnten. Diese Gedanken belebten unsere Kranken so sehr, daß sie sich auf das Verdeck bringen ließen, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Viele von ihnen wurden indes ohnmächtig, sobald sie an die frische Luft kamen. Seltsam war es auch, daß viele dem Anschein nach noch eine erstaunliche Lebhaftigkeit des Geistes behalten hatten und, solange sie im Bette lagen, wie gesunde Leute von allem sprechen und alles vernehmen konnten, hingegen bei der geringsten Bewegung, ja, wenn man nur die Seiten der Hängematten berührte, die heftigsten Schmerzen bekamen und von einer Ohnmacht in die andere fielen, so daß man jeden Augenblick ihr Ende erwarten mußte. In diesem Zustande blieben sie dann länger als eine halbe Stunde, ehe sie sich wieder erholten.

Bis zum 6. Mai veränderte sich alles um uns her auf eine erstaunliche Art. Diejenigen Matrosen, die nicht gar zu sehr entkräftet waren, erholten sich nach Gebrauch des Saftes mit einer ans Wunderbare grenzenden Geschwindigkeit. Wir hatten Fische, soviel wir nur verlangten, und wurden von den Eingeborenen mit vielen Seevögeln versorgt. Auch hatten wir schon manchen Zug wilder Enten und Gänse über unsere Köpfe wegfliegen sehen, leider aber war uns noch keiner der Vögel nahe genug vor die Flinte gekommen.

Am 17. Mai kam eine Gesellschaft von Indianern, die den Häuptling dieses Sundes namens Schenowäh an ihrer Spitze hatte, mit großer Feierlichkeit an Bord, um uns wegen der Rückkehr des Sommers zu beglückwünschen. Sie berichteten uns zugleich, daß sie zwei Schiffe in See erblickt hätten. Diese Nachricht ward uns verschiedentlich von andern Wilden bestätigt. Wir wagten es aber kaum, sie zu glauben, bis am 19. die Ankunft zweier Kanus, die ein europäisches Boot geleiteten, sie bewahrheitete. In diesem Boote besuchte uns Kapitän Dixon, Kommandant der »Königin Charlotte«, die zugleich mit dem »König Georg« unter Kapitän Portlock von London auf der Montague-Insel angelangt war, wo Dixon auf die ihm von den Indianern übermittelte Nachricht die Schiffe verlassen hatte, um uns zu besuchen.

Wenn man alle Umstände berücksichtigt, wird man nicht umhin können, diese Zusammenkunft für etwas Außerordentliches zu halten. Und erwägt man die schauderhafte Lage unserer Mannschaft, ihre Krankheit, ihre Betrübnis, ihre lange Abgeschiedenheit und die tötende Furcht, daß selbst, wenn nun die günstigere Jahreszeit einsetzte, ihre Entkräftung und der Zustand des Schiffes ihnen dennoch die Abreise unmöglich machen würden, so wird man sich nicht wundern, daß Kapitän Dixon von uns wie ein Rettungsengel mit Freudentränen bewillkommnet ward.