Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer
Part 14
Dieser Vorfall gab uns Gelegenheit, nachzuforschen, ob die Hawaiier Menschenfleisch verzehrten. Zuerst versuchten wir durch verschiedene unbestimmte Fragen, die einem jeden von ihnen besonders vorgelegt wurden, zu erfahren, was man mit den übrigen Leichen gemacht habe. Sie blieben aber immer bei derselben Aussage: man habe das Fleisch von den Knochen gelöst und es verbrannt. Als wir endlich offenheraus fragten, ob sie nichts davon gegessen hätten, bezeigten sie sogleich bei dem bloßen Gedanken ebensolchen Abscheu, wie ihn nur irgendein Europäer hätte fühlen können, und erkundigten sich sehr traurig, ob das unter uns Sitte sei. Nachher verlangten sie mit vielem Ernst und anscheinender Furcht zu wissen, wann der »Orono« wiederkommen, und wie er sie bei seiner Rückkehr behandeln werde. Auch andere taten später oftmals diese Frage, und der Glaube, daß Kapitän Cook wiederkommen werde, stimmt vollkommen mit ihrem Betragen gegen ihn überein, das immer bewies, daß sie ihn für ein höheres Wesen hielten.
Wir drangen umsonst in unsere freundschaftlichen Gäste, bis am Morgen an Bord zu bleiben. Sie sagten, wenn dieser Besuch dem König oder den Häuptlingen zu Ohren käme, könnte er die traurigsten Folgen für die ganze Priesterschaft haben. Um dieses zu verhindern, wären sie genötigt gewesen, in der Finsternis zu uns zu kommen, und müßten aus demselben Grunde auch bei Nacht noch ans Ufer zurückkehren. Sie entdeckten uns auch, daß die Häuptlinge damit umgingen, den Tod ihrer Landsleute zu rächen, und warnten uns besonders vor Koah, der unser unversöhnlichster Feind sei und nebst den übrigen eifrig eine Gelegenheit wünsche, gegen uns zu fechten, wozu das Blasen der Schneckentrompeten, das wir diesen Morgen vernommen, das Volk aufgefordert habe. Ferner erfuhren wir von ihnen, daß bei dem ersten Gefecht in Kauraua 17 von ihren Landsleuten, darunter 5 Befehlshaber, gefallen wären. Zu unserm großen Leidwesen waren dabei auch Kanina und sein Bruder, unsere ganz besonderen Freunde, ums Leben gekommen. Acht hatten wir bei der Sternwarte getötet, darunter drei Männer ebenfalls von hohem Rang.
Gegen 11 Uhr verließen uns unsere beiden Freunde und waren so vorsichtig, daß sie baten, unser Wachtboot möchte sie bis jenseits der »Discovery« begleiten, damit man nicht wieder auf sie feuere und ihre Landsleute am Ufer aufschrecke, weil sie dadurch in Gefahr geraten könnten, entdeckt zu werden. Wir gewährten ihnen ihre Bitte und erfuhren zu unserer Freude, daß sie sicher und unentdeckt ans Land gekommen wären. Den Rest dieser Nacht hörten wir so wie in der vorigen lautes Klagegeheul am Lande, und früh am Morgen besuchte uns Koah abermals. Da die unwidersprechlichsten Beweise und die Äußerungen unserer Freunde, der Priester, seine Treulosigkeit bezeugten, ärgerte es mich, daß es ihm erlaubt sein solle, dieses Possenspiel noch weiter fortzuführen, weil er zuletzt glauben konnte, wir ließen uns wirklich von seinen Scheinheiligkeiten betrügen.
Unsere Lage war sehr ungünstig und unbequem geworden. Von den Absichten, um derentwillen wir bis jetzt ein so friedliches Betragen fortgesetzt hatten, war nicht eine einzige erreicht worden, und auf unsre Forderungen hatte man uns in keiner Weise befriedigende Antwort gegeben. Zu einem Vergleich mit den Eingeborenen war noch gar kein Anschein vorhanden; denn sie hielten sich immer in so großer Menge am Strande auf, als wollten sie jeden Landungsversuch zurückschlagen. Und dennoch war diese Landung unausbleiblich notwendig geworden, da wir es nicht länger verschieben durften, unsern Wasservorrat zu ergänzen.
Gleichwohl muß ich zu Kapitän Clerkes Rechtfertigung bemerken, daß ein Angriff für uns nicht ohne Gefahr gewesen wäre. Dies ließ die große Zahl der Eingeborenen und die Entschlossenheit vermuten, womit sie uns erwarteten. Andrerseits würde es uns mit Hinsicht auf die Fortsetzung unsrer Reise äußerst empfindlich gewesen sein, wenn wir auch nur einige Leute verloren hätten. Wenn wir hingegen unsre Drohungen erst später erfüllten, hatten wir, abgesehen von der Geringschätzung des Mutes, die ein solches Zögern den Insulanern einflößen mußte, den Vorteil, daß sie sich zerstreuten. Schon heute gingen, als sie uns in unserer Untätigkeit verharren sahen, große Haufen von ihnen über die Berge zurück, nachdem sie vorher auf ihren Schnecken geblasen und uns auf alle Art herausgefordert hatten. Diejenigen, die zurückblieben, waren aber deswegen nicht weniger verwegen und unverschämt. Einer von ihnen hatte sogar die Frechheit, sich dem Schiffe bis auf einen Büchsenschuß zu nähern, einige Steine nach uns zu schleudern und Kapitän Cooks Hut über seinem Kopf zu schwenken, indes seine Landsleute am Ufer über seine Kühnheit jauchzten und ihn aufmunterten. Unser Schiffsvolk raste bei dieser Beschimpfung vor Wut. Und die ganze Mannschaft kam auf das Achterdeck, um zu bitten, daß man sie nicht länger zwingen möchte, diese wiederholten Beleidigungen zu dulden. Sie wandten sich insbesondere an mich, damit ich ihnen von Kapitän Clerke die Erlaubnis auswirken möchte, bei der ersten vorteilhaften Gelegenheit den Tod Cooks rächen zu können. Als ich dem Kapitän dieses meldete, befahl er mir, einige Kanonenschüsse auf die Eingeborenen am Ufer feuern zu lassen, und versprach der Mannschaft, wenn sie am folgenden Morgen in ihrer Beschäftigung am Wasserplatze gestört würde, solle sie völlige Freiheit haben, die Feinde zu züchtigen.
Es ist sonderbar, daß die Eingeborenen, noch ehe wir unsere Kanonen richten konnten, vermutlich aus der Geschäftigkeit, die sie auf dem Schiffe wahrnahmen, unsere Absicht erraten und sich hinter ihre Häuser und Mauern zurückgezogen hatten. Wir mußten also einigermaßen aufs blinde Ungefähr schießen. Indes tat das Feuer dennoch alle davon erhoffte Wirkung. Denn kurz nachher ruderte Koah sehr eilig zu uns und sagte, daß einige Personen, darunter Maiha-Maiha, ein vornehmer Häuptling und Blutsfreund des Königs, getötet worden wären.
Bald nach Koahs Ankunft schwammen zwei Knaben mit langen Spießen in der Hand von dem Marai her an unser Schiff. Als sie ziemlich nahe waren, fingen sie einen feierlichen Gesang an, dessen Inhalt sich auf die letzte traurige Begebenheit zu beziehen schien, wie wir aus dem oft wiederholten Worte »Orono« und ihrem Hindeuten auf den Platz, wo Kapitän Cook erschlagen worden war, schließen mußten. Sie setzten ihren klagenden Gesang 12 oder 15 Minuten lang fort und blieben während der Zeit immer im Wasser. Nachher gingen sie an Bord der »Discovery«, gaben ihre Speere ab und schwammen dann nach kurzem Aufenthalt ans Ufer zurück. Wer sie geschickt hatte, und was der Sinn dieser Feierlichkeit war, konnten wir nie erfahren.
In der Nacht wurden die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln zur Sicherung der Schiffe getroffen. Als es finster ward, kamen unsere beiden Freunde der vorigen Nacht wieder. Sie versicherten uns, die Häuptlinge hätten ihre feindliche Absicht keinesfalls aufgegeben, obgleich sie diesen Nachmittag durch die Wirkung unseres Geschützes außerordentlich erschreckt worden wären, und gaben uns den Rat, auf unsrer Hut zu sein.
Am folgenden Tag gingen die Boote beider Schiffe an Land, um Wasser zu füllen. Die »Discovery« legte sich nahe an den Strand, um sie bei der Arbeit zu decken. Wir bemerkten bald, daß die Nachricht, die uns die Priester gegeben hatten, nicht unbegründet sei. Denn die Eingeborenen schienen entschlossen, uns auf alle Weise zu schädigen, ohne sich selbst in große Gefahr zu begeben.
Auf dieser ganzen Inselgruppe liegen die Dörfer meistens nahe der See, und der umliegende Boden ist von 3 Fuß hohen Mauern eingeschlossen. Wir glaubten anfangs, diese sonderten nur die verschiedenen Besitzungen ab. Nunmehr entdeckten wir aber, daß sie ihnen als Verteidigungswerke gegen feindliche Einfälle dienen und wahrscheinlich gar keine andere Aufgabe haben. Sie bestehen aus lockeren Steinen, und die Eingeborenen sind sehr gewandt, diese aufs schnellste aus einer Lage in die andere zu bringen, um die Brustwehr so zu verändern, wie es die Angriffsrichtung erfordert. Am Abhang des Berges, der über die Bucht hervorragt, gibt es kleine Höhlen von ansehnlicher Tiefe, deren Eingang ähnlich durch eine solche Mauer geschützt war. Hinter diesen Brustwehren hielten sich die Eingeborenen beständig versteckt und beunruhigten unsere Leute am Wasserplatze mit Steinwürfen, und die wenigen Soldaten, die wir am Lande hatten, waren nicht imstande, sie durch ihr Musketenfeuer zu vertreiben. Unter diesen Umständen hatten unsere Leute genug zu tun, um für ihre eigene Sicherheit zu sorgen, so daß sie während des ganzen Vormittags nur eine Tonne Wasser füllen konnten. Man sah nun ein, es sei unmöglich, diese Arbeit zu verrichten, ehe nicht die Eingeborenen weiter zurückgetrieben wären, und es ward den Kanonen der »Discovery« Befehl gegeben, sie zu vertreiben. Dies ward auch mit wenigen Schüssen erreicht, und unsere Leute landeten nun ungehindert. Dessenungeachtet kamen die Eingeborenen bald wieder zum Vorschein und fingen ihre gewöhnlichen Angriffe an, so daß man es für notwendig hielt, einige zerstreute Häuser unweit der Mauer, wo sich die Eingeborenen verborgen hielten, in Brand zu stecken. Es tut mir weh, gestehen zu müssen, daß sich unsere Leute dabei zu unnötiger Grausamkeit und Verwüstung hinreißen ließen.
Man hatte, wie gesagt, befohlen, nur einige zerstreute Hütten zu verbrennen; wir erstaunten also sehr, als wir das ganze Dorf in Feuer aufgehen sahen. Ehe noch ein Boot das Ufer erreichen konnte, um der Verheerung Einhalt zu tun, standen auch die Wohnungen unserer Freunde, der Priester, in Flammen. Zu meinem großen Verdruß hielt mich diesen Tag eine Unpäßlichkeit an Bord zurück. Die Priester hatten immer unter meinem besonderen Schutze gestanden. Unglücklicherweise aber hatten die heute diensttuenden Offiziere wenig Gelegenheit gehabt, das Marai zu besuchen, und kannten die Lage des Ortes zu wenig. Wäre ich zugegen gewesen, so hätte ich vielleicht Mittel gefunden, die kleine Priesterschaft vor dem Verderben zu bewahren.
Als sich die Eingeborenen aus dem Brande retten wollten, wurden einige von ihnen erschossen, und zweien von ihnen schnitten unsere Leute die Köpfe ab und brachten sie mit sich an Bord. Einen von den Gefallenen beklagten wir sehr. Er war an den Bach gekommen, um Wasser zu schöpfen. Einer von den Seesoldaten schoß auf ihn, traf aber nur seinen Flaschenkürbis. Diesen warf der Insulaner sogleich von sich und suchte zu entfliehen. Man verfolgte ihn bis in eine der oben beschriebenen Höhlen, deren Bestimmung wir eben durch diesen Vorfall kennenlernten. Keine Löwin hätte ihre Jungen mutiger verteidigen können als er sein Leben. Zuletzt fiel er aber, nachdem er zweien unsrer Leute lange widerstanden hatte, über und über mit Wunden bedeckt.
Um diese Zeit ward ein älterer Mann gefangengenommen und gebunden in ebendemselben Boot, in dem die Köpfe seiner beiden Landsleute lagen, an Bord geschickt. Nie habe ich einen so heftigen Ausdruck des grauenvollsten Schreckens gesehen, als in dem Gesichte dieses Mannes, aber auch nie einen so plötzlichen Übergang zur grenzenlosesten Freude, als man ihn losband und sagte, er könne unbehindert gehen. Sein nachheriges Betragen bewies uns seine Dankbarkeit; denn er brachte uns mehrmals Geschenke an Lebensmitteln und leistete uns verschiedene andere Dienste.
Bald nachdem das Dorf niedergebrannt war, sahen wir einen Mann über den Berg kommen, den fünfzehn bis zwanzig Knaben mit weißen Tüchern und grünen Zweigen in der Hand begleiteten. Ich weiß nicht, wie es zuging, daß diese friedliche Gesandtschaft von einer unserer Abteilungen mit Flintenschüssen empfangen wurde. Dies hielt sie indessen nicht auf, vielmehr setzte sie ihren Weg fort, und der diensthabende Offizier eilte zeitig genug herbei, um eine zweite Salve zu verhüten. Als sie näher kamen, sahen wir, daß es unser trefflicher Freund Kärikia war, der bei dem Brande die Flucht ergriffen hatte, jetzt aber zurückkehrte und an Bord der »Resolution« geführt werden wollte.
Als er ankam, war er sehr ernst und gedankenvoll. Wir versuchten, ihm begreiflich zu machen, daß wir notwendig das Dorf hätten in Brand stecken müssen, wobei denn seine und seiner Brüder Wohnungen ohne unsere Absicht mit verzehrt worden wären. Er verwies uns unsern Mangel an Freundschaft und Dankbarkeit. Wir erfuhren erst jetzt, welch einen großen Verlust die Priester durch uns erlitten hätten. Er sagte uns, im vollen Vertrauen auf mein Versprechen und auf die Versicherungen der Männer, die uns die Überreste des Kapitäns abgeliefert, hätten die Priester ihr Vermögen nicht wie die übrigen Einwohner tiefer ins Land geschafft, sondern ihre wertvollsten Güter nebst allem, was sie von uns gesammelt gehabt, in ein Haus nahe dem Marai zusammengetragen, wo es zu ihrem großen Jammer vor ihren Augen ein Raub der Flammen habe werden müssen.
Als er an Bord gekommen war, hatte er die Köpfe seiner Landsleute auf dem Verdeck liegen sehen. Dieser Anblick war für ihn so empörend, daß er ernstlich bat, man möchte sie über Bord werfen, was auch auf Kapitän Clerkes Befehl augenblicklich geschah.
Des Abends kehrte die Abteilung, die Wasser schöpfte, zurück, ohne weiter beunruhigt worden zu sein. Die folgende Nacht war äußerst traurig; denn am Lande ertönten das Geschrei und die Klagen lauter als jemals. Unser einziger Trost dabei war die Hoffnung, daß wir künftig nie wieder Gelegenheit zu solcher Strenge haben würden.
Den nächsten Morgen kam Koah wie gewöhnlich an die Schiffe. Da wir aber nicht mehr nötig hatten, uns Zurückhaltung aufzuerlegen, hatte ich völlige Freiheit, ihm gebührend zu begegnen. Als er sich daher während seines üblichen Gesanges dem Schiffe näherte und mir ein Schwein und einige Bananen anbot, befahl ich ihm, nicht näher zu kommen, und drohte ihm, wenn er sich je wieder sehen ließe, ohne die Gebeine Kapitän Cooks mitzubringen, solle er sein nie gehaltenes Versprechen mit dem Tode büßen.
Er schien von diesem Empfange nicht gedemütigt zu sein, sondern kehrte ans Ufer zurück, wo er sich zu einem Haufen seiner Landsleute gesellte, die unsere Arbeiter beim Wasserschöpfen mit Steinen warfen. Diesen Morgen fand man auch den Leichnam des jungen Menschen, der sich gestern so tapfer verteidigt hatte, am Eingang der Höhle. Ein paar von unseren Leuten deckten eine Matte über ihn und bemerkten kurz nachher, daß ihn einige Männer auf den Schultern forttrugen und auf dem Wege einen Trauergesang anstimmten.
Als die Eingeborenen sahen, daß wir ihre Beleidigungen nicht aus Mangel an Mitteln, uns zu rächen, so lange geduldet hatten, hörten sie endlich auf, uns länger zu beunruhigen, und am Abend kam ein Häuptling namens Eappo, ein Mann von höchstem Ansehen, der uns bisher nur selten besucht hatte. Er brachte uns Geschenke von Terriobu und bat uns in dessen Namen um Frieden. Wir nahmen die Geschenke an und schickten ihn mit der alten Antwort zurück, daß die Insulaner auf keinen Frieden hoffen könnten, bis wir die Gebeine unseres toten Kapitäns zurückerhalten hätten. Wir erfuhren von diesem Manne, daß das Fleisch von allen Leichnamen unsrer Leute nebst den Rumpfknochen verbrannt worden sei. Die Gliedmaßenknochen der Seeleute wären unter die geringeren Klassen der Vornehmen verteilt worden, die des Kapitäns hingegen den ersten Häuptlingen zugefallen, so daß ein großer »Erih« den Kopf, ein andrer das Haar, Terriobu aber die Lenden, die Hüften und die Arme erhalten hätte. Als es dunkel ward, näherten sich verschiedene Eingeborene mit Wurzeln und Früchten, und Kärikia schickte uns zwei ansehnliche Geschenke an Lebensmitteln.
Der 19. Februar verging größtenteils mit Botschaften zwischen Kapitän Clerke und Terriobu. Eappo gab sich viele Mühe, es dahin zu bringen, daß einer von unsern Offizieren an Land gehen möchte, und erbot sich, unterdessen als Geisel zu bleiben. Man hielt es aber nicht für ratsam, auf diesen Vorschlag einzugehen. Hierauf verließ er uns mit dem Versprechen, er wolle am folgenden Tage die Gebeine bringen. Übrigens erfuhren die Leute, die am Wasserplatz beschäftigt waren, nicht mehr den geringsten Widerstand von den Eingeborenen, die ungeachtet unsres vorsichtigen Betragens sich wieder ohne das geringste Mißtrauen unter uns mischten. Am 20. hatten wir die Freude, bei guter Witterung den Vordermast wieder aufrichten zu können. Dies Geschäft war indessen sehr beschwerlich und mit Gefahr verknüpft, da unsere Stricke so verfault waren, daß sie mehr als einmal dabei rissen.
Zwischen 10 und 12 Uhr sahen wir eine Menge Volks in einer Art von feierlicher Ordnung den Berg herunterkommen, der sich hinter der Bucht erhebt. Ein jeder von ihnen trug ein oder zwei Stück Zuckerrohr auf der Schulter und Brotfrucht, Yamswurzeln und Bananen in der Hand. Zwei Trommelschläger, die vor ihnen hergingen, steckten bei ihrer Ankunft am Strande eine weiße Fahne auf und rührten darauf ihre Trommeln, während die übrigen einer nach dem andern herantraten und ihre Geschenke niederlegten und dann in derselben Ordnung wieder zurückgingen. Bald nachher zeigte sich Eappo in seinem langen befiederten Mantel und trug mit großer Feierlichkeit etwas auf seinen Händen herbei. Er setzte sich auf einen Felsen und machte ein Zeichen, daß man ihm ein Boot zusenden möchte. Da Kapitän Clerke vermutete, daß Eappo die Überreste Kapitän Cooks brächte, fuhr er selbst zu ihm hin, um sie in seiner Schaluppe in Empfang zu nehmen. Mir wurde befohlen, in einem andern Boote zu folgen. Als wir am Ufer anlegten, kam Eappo in die Schaluppe und überreichte dem Kapitän die Gebeine, die in eine Menge schönes neues Zeug gewickelt und mit einem bunten Gewande aus schwarzen und weißen Federn bedeckt waren. Nachher begleitete er uns zur »Resolution«, ließ sich aber nicht bewegen, an Bord zu kommen, wahrscheinlich weil er aus einem Gefühl von Schicklichkeit nicht bei der Öffnung des Bündels zugegen sein wollte. Wir fanden darin den größten Teil der Gebeine unseres unglücklichen Kommandanten. Den folgenden Morgen kam Eappo mit des Königs Sohn und brachte die übrigen Gebeine Kapitän Cooks, außerdem die Läufe seiner Flinte, seine Schuhe und einige Kleinigkeiten. Eappo bemühte sich, uns zu überzeugen, daß Terriobu und er selbst den Frieden wünschten, und daß sie uns den besten Beweis, der in ihrer Macht stünde, hiermit gegeben hätten. Er setzte hinzu, sie würden sich gewiß weit früher zu diesem Schritte bereit gefunden haben, wenn nicht die anderen Häuptlinge, die noch unsere Feinde wären, sie daran gehindert hätten. Er beklagte mit einiger Wehmut den Tod der sechs Vornehmen, die wir erschossen hatten, und von denen einige unsere besten Freunde gewesen. Das Boot hätten uns Parias Leute entwendet. Vermutlich hatte er sich durch den Raub für den Schlag rächen wollen, den er von unsern Leuten empfangen hatte. Tags darauf habe er es in Stücke hauen lassen. Die Gewehre der Seesoldaten, die wir auch zurückgefordert hatten, wären unwiederbringlich verloren, weil das gemeine Volk sich ihrer bemächtigt hätte. Bloß die Knochen des Befehlshabers wären als Eigentum des Königs und der Erihs aufbewahrt worden.
Wir konnten nun nichts weiter tun, als unserm großen, unglücklichen Befehlshaber den letzten Dienst erweisen, und schickten deshalb Eappo mit dem Auftrag ab, er solle Sorge tragen, daß die ganze Bucht mit dem Tabu belegt würde. Nachmittags versenkten wir die Gebeine, nachdem wir sie in einen Sarg gelegt und das Begräbnisgebet verlesen hatten, unter kriegerischen Ehrenbezeigungen ins Meer. Die Welt mag beurteilen, welche Gefühle wir in diesem Augenblicke hatten. Diejenigen, die dabei zugegen gewesen sind, können mir das Zeugnis geben, daß ich außerstande bin, sie zu schildern.
Am 22. Februar sah man den ganzen Vormittag kein Kanu in der Bucht, da das Tabu, womit Eappo sie tags zuvor auf unser Verlangen hatte belegen lassen, noch nicht aufgehoben war. Endlich kam Eappo zu uns. Wir versicherten ihm, daß wir nun vollständig befriedigt seien, und daß die Erinnerung an alles Vergangene mit dem »Orono« begraben sei. Nachher baten wir ihn, er möchte das Tabu aufheben und den Eingeborenen bekanntmachen, sie sollten uns wie gewöhnlich Lebensmittel bringen. Die Schiffe waren denn auch bald von Kanus umringt; viele Vornehme kamen an Bord und bezeigten uns ihre Trauer über das Vorgefallene und ihre Freude über die Wiederherstellung des Friedens. Mehrere von unseren Freunden, die uns nicht besuchten, schickten uns Schweine und andere Lebensmittel zum Geschenk.
Da nun alle Anstalten, in See zu stechen, getroffen waren, erteilte Kapitän Clerke den Befehl, die Anker zu lichten, weil er besorgte, es möchte einen schlechten Eindruck machen, wenn das Gerücht von diesen Vorfällen früher zu den benachbarten Inseln käme als wir selbst. Gegen 8 Uhr abends schickten wir die Eingeborenen alle an Land zurück, und Eappo nebst dem freundschaftlichen Kärikia nahmen gerührt Abschied von uns. Wir lichteten darauf die Anker und steuerten aus der Bucht, und als wir längs der Küste hinfuhren, erwiderten die Eingeborenen, die sich dort in großen Haufen versammelt hatten, unser letztes Lebewohl mit allen Äußerungen ihrer Zuneigung und Freundschaft.
Eine Unglücksreise nach der Nordwestküste Amerikas
Von Kapitän _John Meares_
Mir war der Auftrag geworden, Seeotterfelle von den Indianern an der Nordwestküste Amerikas einzuhandeln und nach Kalkutta zu schaffen. Am 20. Januar 1786 kaufte ich deshalb zu dieser Expedition zwei Fahrzeuge. Das eine erhielt den Namen »Nutka« und faßte 200 Tonnen Last. Das zweite, von 100 Tonnen, ward die »Seeotter« genannt. Das Kommando über die »Nutka« übernahm ich selber, das über das andere Schiff Herr William Tipping, Leutnant in der königlichen Flotte. Den 20. Februar, da beide völlig segelfertig waren, ward dem Ausschuß, der im Namen sämtlicher Eigentümer die Ausrüstung besorgte, ein doppeltes Anerbieten gemacht. Das eine bestand darin, daß man die »Seeotter« mit einer Ladung von Opium nach Malakka schicken wollte, wobei ungefähr dreitausend Rupien zu gewinnen waren. Der Ausschuß der Eigentümer zögerte keinen Augenblick, diesen Vorschlag anzunehmen, und die »Seeotter« ging unverzüglich nach Malakka ab, von wo aus Kapitän Tipping seinen Lauf nach der Nordwestküste von Amerika fortsetzen und die nötigen Vorkehrungen treffen sollte, um sich dort mit mir zu vereinigen. Das zweite Anerbieten bestand darin, daß wir den Oberkriegszahlmeister der königlichen Truppen in Indien nebst seinem Gefolge nach Madras bringen sollten, wofür er ebenfalls dreitausend Rupien versprach. Diesen Vorteil konnte man auch nicht ausschlagen, und so richtete die »Nutka« ihren Kurs zunächst nach Madras.