Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer

Part 13

Chapter 133,543 wordsPublic domain

Das Volk, das in großer Menge um die Mauern unseres tabuierten Feldes versammelt war, schien ebenso ratlos als wir selbst, wie alles, was man sah und hörte, zu erklären sei. Ich versicherte ihnen also, sobald ich das erste Musketenfeuer hörte, sie brauchten nicht unruhig zu werden; ich wünschte auf alle Fälle, Frieden zu halten. In dieser Lage blieben wir, bis die Boote an Bord zurückgekehrt waren. Als aber Kapitän Clerke durch sein Fernrohr bemerkte, daß wir von den Eingeborenen umringt waren, befürchtete er, sie möchten uns angreifen, und ließ mit zwei vierpfündigen Kanonen auf sie feuern. Glücklicherweise taten die Kugeln, so gut sie auch gezielt waren, keinen Schaden. Indes gaben sie den Eingeborenen einen augenscheinlichen Beweis von ihrer großen Wirkungskraft: denn eine derselben brach einen Kokosnußbaum, unter dem eine Anzahl von ihnen saß, in der Mitte durch, und die andere zersplitterte einen Felsen, der in einer geraden Linie mit ihnen stand. Da ich ihnen eben auf das eifrigste beteuert hatte, daß sie sich in völliger Sicherheit befänden, war ich über diese feindliche Maßnahme äußerst betreten und schickte, damit sie nicht wiederholt würde, sogleich ein Boot an Kapitän Clerke und ließ ihm sagen, ich stünde bis jetzt noch mit den Eingeborenen in friedlichem Verkehr; wenn mich aber in der Folge die Umstände nötigen sollten, mein Betragen gegen sie zu ändern, so würde ich eine Fahne aufziehen, um ihm anzuzeigen, daß er uns Beistand leisten möchte. Wir erwarteten nunmehr die Rückkehr des Bootes mit größter Ungeduld. Nach einer Viertelstunde, die wir unter der quälendsten Angst und Ungewißheit zubrachten, kam einer der Offiziere und bestätigte uns leider die Berechtigung unsrer Unruhe. Zugleich brachte er uns Befehl, die Zelte so schnell als möglich abzubrechen und die Segel, die zum Ausbessern an Land waren, an Bord zu schicken. Während der langen Zeit hatte auch unser Freund Kärikia von einem Eingeborenen, der von der anderen Seite der Bucht gekommen war, Kapitän Cooks Tod erfahren und kam bekümmert und niedergeschlagen zu mir, um zu fragen, ob das wahr sei.

Unsere Lage war jetzt sehr kritisch und gefährlich. Unser Leben stand auf dem Spiel, und überdies handelte es sich auch um den Ausgang der ganzen Unternehmung und um die Rückkehr unserer Schiffe. Der Mast der »Resolution« und unsere meisten Segel, deren Verlust unersetzlich gewesen wäre, lagen unter der geringen Bedeckung von 6 Seeleuten am Ufer. Und obschon die Eingeborenen bis jetzt noch nicht die geringste Neigung geäußert hatten, uns anzugreifen, so war es doch sehr ungewiß, welchen Einfluß die Nachricht von dem Vorgang in Kauraua auf sie haben würde. Damit nicht etwa die Furcht vor unserer Rache oder das unglückliche Beispiel, das die Eingeborenen vor sich sahen, sie antreiben möchte, die gegenwärtige vorteilhafte Gelegenheit zu benützen und uns einen zweiten Streich zu versetzen, gab ich vor, ich glaube die Nachricht von Kapitän Cooks Tode nicht, und bat zugleich den Kärikia, er möchte ihr auch seinerseits widersprechen. Zugleich forderte ich ihn auf, den alten Ka-u und die übrigen Priester in ein großes Haus nahe dem Marai zu bringen, teils um sie für den äußersten Fall zu sichern, teils um sie in der Nähe zu haben und mich womöglich ihres Ansehens bei dem Volke zur Erhaltung des Friedens bedienen zu können. Nunmehr postierte ich die Seesoldaten auf die Höhe des Marai, eine starke, vorteilhafte Stellung, befahl dem Offizier auf das strengste, nur in Selbstschutz zu handeln, und ging dann an Bord der »Resolution«, um Kapitän Clerke unsere gefährliche Lage zu schildern. Sobald ich das Ufer verließ, griffen die Eingeborenen unsere Leute mit Steinen an, und kaum hatte ich das Schiff erreicht, als ich die Seesoldaten schon feuern hörte. Ich kehrte daher unverzüglich an das Ufer zurück und fand, daß die Lage mit jedem Augenblick bedrohlicher wurde. Die Eingeborenen bewaffneten sich, legten ihre Mattenpanzer an und verstärkten sich zusehends. Ich bemerkte auch verschiedene große Haufen, die längs der Klippen auf uns zukamen. Anfangs warfen sie hinter der Mauer hervor, womit ihre Pflanzung umgeben war, Steine nach uns. Da sie aber keinen Widerstand fanden, wurden sie bald kühner, und einige entschlossene Kerle, die unter den Felsen längs dem Ufer fortgekrochen waren, zeigten sich plötzlich am Fuß des Marai, um ihn, wie es schien, von der Seeseite als dem einzigen zugänglichen Orte zu erstürmen. Sie ließen sich auch nicht eher vertreiben, als bis wir mehrmals gefeuert und einen getötet hatten. Einer von diesen Kriegern gab ein besonders lobenswertes Beispiel von Tapferkeit. Als er ungeachtet des Feuers unserer Gewehre zurückkehrte, um den Leichnam eines Gefallenen fortzutragen, wurde er verwundet und mußte sich nach Preisgabe des Leichnams zurückziehen. Nach einigen Minuten kam er wieder, wurde aber durch einen abermaligen Treffer an seinem Vorhaben gehindert. In diesem Augenblick kam ich bei dem Marai an und sah ihn zum dritten Male blutend und entkräftet zurückkehren. Als ich erfuhr, was sich zugetragen hatte, verbot ich den Soldaten, zu feuern, so daß jener ruhig seinen Freund forttragen konnte. Kaum war ihm dies gelungen, als er selbst niederstürzte und starb.

Da nunmehr eine ansehnliche Verstärkung von beiden Schiffen gelandet war, zogen sich die Eingeborenen hinter ihre Mauer zurück. Hierdurch erhielt ich Zugang zu den uns freundschaftlich gesinnten Priestern und schickte sogleich einen von ihnen an das Volk ab, um zu versuchen, ob sie zum Frieden zu bewegen wären, und um ihnen vorzuschlagen, daß meine Leute das Feuer einstellten, wenn sie ihrerseits nicht mehr mit Steinen würfen. Dieser Waffenstillstand ward angenommen, und man ließ uns ungestört den Mast in See stoßen und die Segel nebst den astronomischen Instrumenten fortschaffen. Sobald wir das Marai verlassen hatten, nahmen sie es in Besitz und schleuderten einige Steine nach uns hin, die uns aber keinen Schaden taten.

Es war halb 12 Uhr, als ich an Bord der »Discovery« anlangte, wo man über unsere künftigen Maßnahmen noch keinen Rat gehalten hatte. Wir beschlossen, auf alle Fälle darauf zu bestehen, daß unser Boot zurückgegeben und der Leichnam Kapitän Cooks ausgeliefert werden solle, und ich selbst stimmte noch dafür, daß im Notfall einige entschlossene Schritte unternommen werden müßten. Obgleich man sich vorstellen kann, daß mein Schmerz über den Tod des geliebten, geehrten Freundes großen Anteil an diesem Entschlusse hatte, so waren doch auch viele andere wichtige Gründe dafür vorhanden. Der Übermut, den der Fall unsers Befehlshabers bei den Eingeborenen erregt, und der kleine Vorteil, den sie am Tage vorher über uns erhalten hatten, mußte sie ermuntern, noch weitere Versuche zu wagen, besonders da ihnen die bisherigen Vorfälle noch keine rechte Furcht vor unsern Feuerwaffen hatten einflößen können, und da deren Wirkung überdies, ganz gegen unsre Erwartung, nicht das mindeste Erstaunen bei ihnen hervorgerufen hatte. Auf der anderen Seite war unsere Lage so gefährlich, die Schiffe in so schlechtem Verteidigungszustande, die Manneszucht an Bord so übel beschaffen, daß wir unmöglich für die Folgen hätten einstehen können, wenn man uns in der Nacht angegriffen hätte. In dieser Besorgnis waren die meisten Offiziere derselben Meinung wie ich. Und in der Tat konnte nichts den Eingeborenen mehr Mut zu einem Angriff geben als unsre anscheinende Neigung zu einem Vergleich, die sie sich nur aus unserer Furcht oder Schwäche hätten erklären können.

Zur Empfehlung friedlicher Maßregeln ward hingegen mit Recht angeführt, das Unglück sei nun einmal unwiderruflich geschehen, und die vorige Freundschaft und Güte der Eingeborenen gäbe ihnen ein Anrecht auf unsere Achtung, besonders da der letzte traurige Vorfall kein vorbedachtes Unternehmen schiene, und da Terriobus Bereitwilligkeit, Kapitän Cook an Bord zu folgen, als seine Knaben sich wirklich schon im Boot befanden, ihn ganz von dem Verdachte befreien müsse, selbst um den Diebstahl gewußt zu haben. Das Betragen seiner Frau und der Häuptlinge lasse sich leicht der Furcht zuschreiben, die der Anblick der bewaffneten Soldaten des Kapitäns und der kriegerischen Zurüstungen in der Bucht bei ihnen verursacht haben müsse. Diese letzteren wären dem freundschaftlichen, vertraulichen Umgange, der bisher zwischen beiden Teilen stattgehabt hätte, so wenig angemessen gewesen, daß die Eingeborenen dem Anscheine nach begründetes Recht haben konnten, sich der Entführung ihres Königs zu widersetzen -- wie man von einem Volke, das seinen Herrschern so tief ergeben sei, leicht habe erwarten dürfen. Außer diesen menschlichen Gründen führte man noch andre an, die die Klugheit an die Hand gab. Wir litten Mangel an Wasser und anderen Erfrischungen, und an dem Vordermast müsse man noch eine ganze Woche arbeiten, ehe er aufgerichtet werden könne. Der Frühling nähere sich nun allmählich, und wir dürften die Fortsetzung unserer Unternehmungen am Nordpol nicht aus den Augen verlieren. Ein rachsüchtiger Streit könne uns nicht allein den Vorwurf der Grausamkeit zuziehen, sondern auch eine unvermeidliche Verzögerung in der Ausrüstung der Schiffe veranlassen.

Kapitän Clerke vertrat diese letzte Ansicht, und obgleich ich überzeugt war, daß unserm Empfinden durch einen unmittelbaren, nachdrücklichen Beweis unsers Unwillens besser Genüge geschehen wäre, war ich doch nicht unzufrieden, daß mein Rat verworfen wurde.

Indes wir unsern Plan besprachen, blieb eine außerordentliche Menge Eingeborener am Strande versammelt, und einige von ihnen waren so kühn, sich den Schiffen bis auf Pistolenschußweite zu nähern und uns durch verschiedene verächtliche und herausfordernde Gebärden zu beschimpfen. Die Matrosen konnten nur mit großer Mühe abgehalten werden, ihre Waffen zu gebrauchen. Da wir uns aber einmal zu friedlichen Maßregeln entschlossen hatten, ließen wir die Kanus unangefochten zurückkehren.

Unserm Entschluß gemäß erhielt ich vor versammelter Mannschaft und in bestimmtesten Ausdrücken den Befehl, mit allen Booten beider Schiffe, die gut bewaffnet und bemannt sein sollten, an Land zu rudern, um die Eingeborenen zu einer Unterredung zu bewegen und womöglich eine Zusammenkunft mit den Häuptlingen durchzusetzen. Gelänge dies, so sollte ich sie auffordern, die Leichname unserer Landsleute, vor allem aber den unseres Kapitäns, uns auszuliefern. Im Fall ihrer Weigerung sollte ich ihnen mit unserer Rache drohen, aber nicht eher feuern, als bis wir angegriffen würden, und unter keinen Umständen landen.

Ich verließ die Schiffe um 4 Uhr nachmittags. Indem wir uns dem Strande näherten, bemerkte ich schon aus allen Anzeichen, daß wir feindlich empfangen werden würden. Alle Eingeborenen waren in Bewegung, die Frauen und Kinder zogen sich zurück, die Männer legten ihre Mattenpanzer an und bewaffneten sich mit langen Speeren und Dolchen. Wir wurden auch gewahr, daß sie seit diesem Morgen an dem Platze, wo Kapitän Cook gelandet war, Brustwehren von Steinen aufgeworfen hatten, vermutlich weil sie fürchteten, wir möchten sie von dieser Seite angreifen. Sobald sie uns erreichen konnten, fingen sie an, Steine auf uns zu werfen, die uns indes keinen Schaden taten. Da ich nunmehr einsah, daß alle Versuche, sie zu einer Unterredung zu bringen, fruchtlos seien, wenn ich ihnen nicht zuerst eine Veranlassung zu gegenseitigem Vertrauen gäbe, so ließ ich die bewaffneten Boote halten und näherte mich allein mit einer weißen Fahne in der Hand. Diese ward, wie mir zu meiner großen Zufriedenheit das Freudengeheul der Eingeborenen anzeigte, als Friedenszeichen erkannt. Die Frauen kehrten sogleich von der Berglehne zurück, wohin sie sich geflüchtet hatten. Die Männer warfen ihre Panzer ab, und alle setzten sich am Wasser nieder und luden mich mit ausgebreiteten Armen ein, ans Ufer zu kommen.

Obschon dieses Betragen sehr freundschaftliche Gesinnungen auszudrücken schien, hegte ich dennoch einigen Verdacht. Als ich indes sah, daß Koah unbegreiflich kühn und zuversichtlich mit einer weißen Fahne in der Hand mir entgegenschwamm, hielt ich es für nötig, dieses Zeichen des Zutrauens zu erwidern, und nahm ihn in mein Boot auf. Zwar war er bewaffnet, was mein Mißtrauen nicht gerade verringern konnte. Schon lange hatte ich nicht die vorteilhafteste Meinung von ihm gehabt. Die Priester sagten uns immer, er sei boshaft und uns nicht gewogen. Wiederholte Entdeckungen seiner hinterlistigen und betrügerischen Anschläge hatten ihre Aussage bestätigt. Das alles nebst dem empörenden Auftritt an diesem Morgen, bei dem er eine große Rolle gespielt hatte, erregten in mir, als ich ihm so nahe saß, den größten Abscheu gegen ihn. Und als er mit erheuchelten Tränen zu mir kam, um mich zu umarmen, hatte ich einen so starken Verdacht gegen seine Absicht, daß ich mich nicht abhalten ließ, die Spitze seines »Pahua« oder Dolches, den er in der Hand hielt, zu ergreifen und von mir abzuwenden. Ich sagte ihm, ich sei gekommen, des Kapitäns Cook Leichnam zu fordern und Krieg zu erklären, wenn er nicht sogleich ausgeliefert würde. Er versicherte mir, es werde sobald als möglich geschehen, und er selbst wolle sich darum bemühen. Hierauf bat er mich so zuversichtlich, als ob nichts vorgefallen sei, um ein Stückchen Eisen, sprang in die See und rief, indem er ans Ufer schwamm, seinen Landsleuten zu, wir wären wieder gute Freunde.

Wir erwarteten beinahe eine Stunde lang mit der größten Unruhe Koahs Rückkehr. Während dieser Zeit waren die übrigen Boote dem Ufer so nahe gekommen, daß sie sich in einiger Entfernung von uns mit einem Teil der Eingeborenen in ein Gespräch hatten einlassen können, wobei wir erfuhren, der Leichnam sei in Stücke geschnitten und landeinwärts geschleppt worden.

Als ich nunmehr anfing, meine Ungeduld über Koahs Verzögerung durchblicken zu lassen, drangen die Häuptlinge in mich, ich möchte ans Ufer kommen, und versicherten mir zugleich, der Körper solle uns unverzüglich ausgeliefert werden, wenn ich selbst zu Terriobu gehen wollte. Als sie sahen, daß ich mich durchaus nicht bereden ließ, an Land zu kommen, suchten sie unter dem Vorwande, wir würden uns so bequemer unterhalten können, das Boot zwischen einige Felsen zu ziehen, wo sie es von den übrigen hätten abschneiden können. Diese List ließ sich leicht durchschauen, und ich war schon im Begriff, die Verhandlungen für immer abzubrechen, als ein Vornehmer zu uns kam, der ein besonderer Freund des Kapitäns Clerke und der Offiziere des »Discovery« war und auf diesem Schiffe, als wir das letztemal die Bucht verlassen hatten, nach Mauwi hatte gehen wollen. Dieser sagte mir, Terriobu habe ihn geschickt, um uns zu benachrichtigen, man habe den Leichnam weiter ins Land geschafft, werde ihn uns aber am folgenden Morgen zuschicken. Sein Betragen schien aufrichtig zu sein, und als wir ihn befragten, ob er die Wahrheit rede, verschränkte er die beiden Zeigefinger ineinander, was bei den Bewohnern dieser Insel ein Zeichen von Wahrhaftigkeit ist, in dessen Verwendung sie sehr gewissenhaft sind.

Da ich nun nicht wußte, was hier weiter zu tun wäre, schickte ich einen Leutnant zu Kapitän Clerke, um ihm Nachricht von allen Vorfällen zu geben und ihm sagen zu lassen, daß ich sehr zweifelte, ob die Eingeborenen ihr Wort halten würden, da sie, anstatt über das Vergangene betrübt zu sein, vielmehr voll Mut und Zuversicht wegen ihres letzten Vorteils wären und augenscheinlich nur Zeit zu gewinnen suchten, uns durch List in ihre Netze zu ziehen. Der Leutnant brachte uns den Befehl, an Bord zurückzukehren und vorher den Einwohnern bekanntzugeben, daß der Ort zerstört werden würde, wofern der Leichnam am nächsten Morgen nicht ausgeliefert würde.

Als sie merkten, daß wir umkehren wollten, suchten sie uns durch die beschimpfendsten und verächtlichsten Gebärden zu reizen. Einige von unseren Leuten sagten auch, sie könnten verschiedene Eingeborene in den Kleidern unserer unglücklichen Gefährten umhergehen sehen. Unter anderm bemerkte man auch, daß einer von ihren Häuptlingen den Hirschfänger unseres ermordeten Kapitäns schwenkte, und daß eine Frau die Scheide der Waffe hoch hielt. Allerdings mußte ihnen unser Betragen eine schlechte Vorstellung von unserer Macht und Tapferkeit geben; denn sie konnten wohl nur wenig Sinn für die Beweggründe der Menschlichkeit haben, die unser Betragen bestimmten.

Zufolge des Berichts, den ich Kapitän Clerke von den gegenwärtigen Gesinnungen der Eingeborenen abstattete, wurden die wirksamsten Maßregeln getroffen, das Schiff vor einem nächtlichen Überfall zu schützen. Die Boote wurden an Ketten festgemacht, die Schiffswachen verdoppelt und Wachtboote ausgesetzt, die rundumher rudern und die Eingeborenen abhalten sollten, wenn sie etwa die Ankertaue zu zerschneiden versuchten. In der Nacht sahen wir eine Menge Lichter auf den Bergen und wurden dadurch zu der Annahme veranlaßt, daß die Eingeborenen aus Furcht vor unseren Drohungen ihre Güter weiter ins Land schickten. Ich bin aber geneigt zu glauben, daß sie wegen des ihrer Vermutung nach bevorstehenden Krieges Opfer gebracht haben. Und noch wahrscheinlicher ist es, daß man damals die Leichname unserer Landsleute verbrannt hat. Als wir später an der Insel Molokai vorbeisegelten, sahen wir ebensolche Feuer, und einige von den Eingeborenen sagten uns, man habe sie wegen des Krieges angezündet, der einer benachbarten Insel erklärt worden sei. Das stimmt auch mit unseren Erfahrungen auf den Freundschaftsinseln überein, wo die Häuptlinge bei einem bevorstehenden Angriff des Feindes den Mut des Volkes immer durch nächtliche Feste anzufeuern und zu beleben suchten.

Wir blieben die ganze Nacht ungestört und hörten nur Geheul und Klagen vom Ufer her schallen. Früh am Morgen kam Koah und bat um Erlaubnis, mir etwas von dem Zeug und ein kleines Ferkel zum Geschenk anbieten zu dürfen. Daß er gerade nach mir fragte, läßt sich leicht erklären. Wie ich schon gesagt habe, hielten mich die Eingeborenen für Kapitän Cooks Sohn. Und da Cook sie bei seinen Lebzeiten immer in diesem Irrtum beharren ließ, dachten sie wahrscheinlich, nun, da er tot sei, hätte ich den Befehl übernommen. Sobald ich auf das Verdeck trat, fragte ich Koah nach dem Leichnam unseres Kapitäns. Da er mir nur mit Ausflüchten Rede stand, wies ich seine Geschenke zurück und würde ihn mit deutlichen Äußerungen von Zorn und Unmut fortgeschickt haben, wenn nicht Kapitän Clerke es für alle Fälle besser befunden hätte, die anscheinende Freundschaft zu erhalten und ihm mit der gewöhnlichen Achtung zu begegnen.

Der verräterische Koah kam im Laufe des Vormittags noch oft mit seinen nichtssagenden Geschenken zurück. Da er jederzeit alle Teile des Schiffes mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß wir zur Verteidigung bereit seien. Er war äußerst zudringlich in seiner Bitte, daß Kapitän Clerke und ich ans Ufer kommen sollten, und schob die Verzögerung der Auslieferung der Leichname ganz auf die anderen Häuptlinge. Doch versicherte er uns, alles würde nach unseren Wünschen geschehen, wenn wir uns zu einer mündlichen Unterredung mit Terriobu bewegen ließen. Allein, seine Aufführung war zu verdächtig, als daß wir bei ruhiger Überlegung in seine Bitte hätten willigen können. Auch erfuhren wir nachher wirklich einen Umstand, aus dem wir seine Lügenhaftigkeit erkannten. Man sagte uns nämlich, der alte König habe sich unmittelbar nach dem Handgemenge, in dem Kapitän Cook sein Leben verlor, nach den steilen Gebirgen hinter der Bucht zu einer Höhle begeben, in die man nur durch Seile hinabkönne. Hier ist er, nach der Aussage der Eingeborenen, verschiedene Tage geblieben, während welcher man ihm seine Nahrung an Stricken hinuntergelassen habe.

Als Koah vom Schiffe zurückkehrte, drängten sich seine Leute, die sich vor Tagesanbruch in großen Haufen am Ufer versammelt hatten, lebhaft um ihn her, als ob sie aus seinen Nachrichten vernehmen wollten, was weiter zu tun sei. Wahrscheinlich erwarteten sie die Erfüllung unserer Drohung und schienen dabei völlig entschlossen, uns die Spitze zu bieten. Den ganzen Morgen über hörten wir in verschiedenen Gegenden der Küste in die Trompetenschnecke blasen und sahen große Haufen von Eingeborenen über die Hügel kommen. Kurz, aller Anschein war so beunruhigend, daß wir einen Stromanker auswarfen, um im Falle eines Angriffs die Breitseite des Schiffs gegen das Dorf richten zu können. Auch stellten wir der Nordspitze der Bucht gegenüber Boote aus, um einen Überfall von dieser Seite zu verhüten.

Da die Eingeborenen ihr Versprechen, die Leichname der Erschlagenen auszuliefern, nicht gehalten hatten und lauter kriegerische Anstalten machten, hielten wir neue Beratungen ab, was für Maßregeln wir nunmehr ergreifen sollten. Endlich ward beschlossen, die Ausbesserung des Mastes nebst den übrigen Anstalten zu unserer Abreise durch nichts stören zu lassen, dessenungeachtet aber die Verhandlungen wegen Rückgabe der Leichname fortzusetzen.

Den größten Teil des Tages brachten wir damit zu, den Vordermast auf dem Verdeck in eine solche Lage zu bringen, daß die Zimmerleute daran arbeiten konnten. Außerdem mußten die nötigen Veränderungen in den Offiziersstellen vorgenommen werden. Das Oberkommando der Unternehmung fiel nunmehr Kapitän Clerke zu, der sich an Bord der »Resolution« begab und den rangältesten Leutnant zum Kapitän der »Discovery« ernannte.

Die Eingeborenen ließen uns ungestört. Als die Nacht anbrach, wurde die Barkasse wieder angekettet und, wie in der Nacht vorher, sandten wir Wachtboote aus. Gegen 8 Uhr, als es schon sehr dunkel war, hörten wir ein Kanu an das Schiff heranrudern. Sobald die Wachen es erkennen konnten, feuerten sie darauf. Es waren zwei Männer darin, die sogleich »Tinni« riefen; denn so sprach man hierzulande meinen Namen King aus. Sie wären Freunde, sagten sie, und brächten mir etwas, das dem Kapitän Cook gehöre. Als sie an Bord kamen, warfen sie sich uns zu Füßen und schienen äußerst erschrocken. Glücklicherweise war keiner verwundet; die beiden Kugeln waren nur durch das Kanu hindurchgegangen. Der eine von ihnen war ebenderselbe, den ich zuvor unter dem Namen des Tabumannes erwähnt habe, und der Kapitän Cook bei den geschilderten Feierlichkeiten beständig begleitet hatte und sich, obgleich er auf seiner Insel ein Mann von Stande war, dennoch kaum hatte abhalten lassen, ihm die niedrigsten Handreichungen eines ganz gewöhnlichen Bedienten zu leisten. Er beklagte erst mit vielen Tränen den Verlust des »Orono« und sagte dann, er bringe einen Teil seines Körpers. Zugleich reichte er uns ein kleines, in Zeug gewickeltes Bündel dar, das er unter seinem Arm hielt. Unmöglich kann ich das Grausen ausdrücken, das uns ergriff, als wir darin ein Stück Menschenfleisch von 9-10 Pfund Gewicht erblickten. Dieses sagte er, sei alles, was von dem Körper noch übrig sei. Das übrige habe man in Stücke zerschnitten und verbrannt. Terriobu und die anderen Häuptlinge besäßen aber den Kopf und alle Knochen, ausgenommen die Rumpfknochen. Was wir jetzt sähen, sei dem Oberpriester Ka-u zugeteilt worden, um sich dessen bei gewissen Religionsfeierlichkeiten zu bedienen. Allein, er schicke es uns als ein Zeichen seiner Unschuld und Treue.