Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer
Part 12
Ich komme nunmehr auf die Begebenheiten mit den Eingeborenen zu sprechen, durch die das traurige Schicksal des 14. Februar langsam vorbereitet wurde. Wir erstaunten schon, da wir geankert hatten, nicht wenig über den großen Unterschied zwischen unserer jetzigen und der ehemaligen Aufnahme. Dieses Mal vernahmen wir kein fröhliches Geschrei, kein Gewirr und Getümmel unter den Insulanern. Die ganze Bucht war leer und einsam; kaum schlichen sich hier und dort einzelne Kanus am Ufer entlang. Die Neugier, die einen so großen Anteil an der ehemaligen Bewegung unter den Eingeborenen gehabt hatte, konnte jetzt allerdings befriedigt sein. Allein, von den Leuten, die uns bisher mit soviel Gastfreundschaft bewirtet hatten, erwarteten wir doch, daß sie uns, wenngleich nicht aus Neugier, so aus freudiger Teilnahme an unserem Wohlbefinden, mit Frohlocken über unsere Wiederkehr hätten entgegeneilen sollen.
Wir überließen uns allerlei Mutmaßungen über diese sonderbare Stille, bis unser Boot, das auf Kundschaft an Land gegangen war, wieder zurückkehrte. Der größte Teil unserer Besorgnis verschwand, als wir erfuhren, daß Terriobu abwesend sei und die Bucht unter dem Tabu oder Bann zurückgelassen habe. Die meisten von uns beruhigten sich bei dieser Nachricht; andere waren indes der Meinung -- oder waren es vielleicht die nachfolgenden Ereignisse, die ihnen erst hinterher die Vermutung einflößten? --, in dem Betragen der Eingeborenen sei etwas Verdächtiges. Der abgeschnittene Verkehr mit uns in Abwesenheit des Königs sei nur eine Täuschung, damit der König sich desto besser mit seinen Vornehmen in der Zwischenzeit beraten könne. Es werde wahrscheinlich die Frage entschieden, wie man sich gegen uns zu benehmen habe. Ob dieser Verdacht begründet war, oder ob jene Aussage der Eingeborenen der Wahrheit näher kam, konnten wir nie mit Sicherheit entscheiden. Es war freilich möglich, daß unsere schleunige Wiederkehr ohne sichtbare Ursache den Eingeborenen auffallen und sie beunruhigen konnte. Es gelang uns auch nur schwer, ihnen die Notwendigkeit, die uns zurückgetrieben hatte, begreiflich zu machen. Allein, Terriobu erschien am folgenden Morgen und besuchte Kapitän Cook. In seinem Betragen war nichts Zweideutiges, und mit ihm kehrte auch die Menge der Eingeborenen zurück. Sie setzten ihren friedlichen Verkehr mit uns wie bisher fort. Dies sind immerhin starke Beweise dafür, daß sie ebensowenig ein verändertes Betragen beabsichtigten, wie sie dergleichen von unserer Seite erwarten mochten.
Zur Bestätigung der letzten Meinung dient ein Umstand, der sich schon bei unserer ersten Landung ereignet hatte, und zwar einen Tag, bevor uns der König seinen Besuch machte. Ein Insulaner hatte an Bord der »Resolution« ein Schwein verkauft und den Kaufpreis bereits empfangen, als Paria hinzukam und ihm riet, das Schwein nicht so wohlfeil zu lassen. Diese Unart ward Paria sehr scharf verwiesen, und man stieß ihn hinweg. Bald darauf ward das Tabu über die Bucht ausgesprochen, und schon glaubte jedermann, den Eingeborenen sei der Verkehr mit uns aus keinem andern Grunde verboten worden als wegen der einem ihrer Befehlshaber angetanen Schmach. Man sieht, wie mißlich es ist, aus den Handlungen eines Volkes, dessen Sprache und Sitten man nicht kennt, Folgerungen zu ziehen; und nicht weniger, wie große Schwierigkeiten es hat, bei so vieler Ungewißheit, wo der kleinste Irrtum die übelsten Folgen haben kann, im Verkehr mit diesen Leuten jeden Verstoß zu vermeiden.
Bis nachmittags am 13. Februar ging alles ruhig seinen Gang. Gegen Abend gab mir ein Offizier von der »Discovery«, der die Aufsicht über das Wasserfüllen am Lande hatte, Nachricht, daß sich einige Befehlshaber am Bach unweit des Strandes eingefunden und die Insulaner, die zum Fortrollen der Tonnen als Gehilfen unsrer Matrosen gedungen waren, fortgejagt hätten. Ihr ganzes Betragen schiene dabei so verdächtig, als ob sie es bei diesem Unfug nicht bewenden lassen wollten. Auf sein Verlangen gab ich ihm einen Seesoldaten bei, der aber nur das Seitengewehr mitnehmen durfte. Nicht lange nachher kam der Offizier zum zweiten Male und brachte die Nachricht, daß sich die Eingeborenen mit Steinen bewaffnet hätten und sich sehr ungebärdig zeigten. Ich ging also selbst hin und ließ mich von einem Seesoldaten mit seinem Gewehr begleiten. Als wir uns näherten, ließen die Insulaner ihre Steine fallen. Ich sprach hierauf mit einigen der Vornehmen, die nunmehr das zusammengelaufene Volk auseinandertrieben und denen, die sich willig finden ließen, ferner erlaubten, unsern Leuten beim Wasserfüllen behilflich zu sein. Nachdem ich hier alles beruhigt hatte, ging ich Kapitän Cook entgegen, den ich eben in seinem Boot an Land kommen sah, und erstattete ihm Bericht von diesem Vorfalle. Er gab mir Befehl, für den Fall, daß man uns mit Steinen würfe oder sonst angriffe, sofort mit scharfgeladenem Gewehr auf die Feinde Feuer zu geben. Demzufolge beorderte ich den Korporal, die Flinten der Schildwachen statt mit Schrot mit Kugeln laden zu lassen.
Als wir eben zusammen nach den Zelten zurückkehrten, zog ein fortdauerndes Musketenfeuer von der »Discovery« unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die Schüsse waren gegen ein Kanu gerichtet, das nach dem Lande zueilte und von einem unserer kleinen Boote verfolgt wurde. Wir vermuteten sogleich, daß ein Diebstahl vorgefallen wäre. Der Kapitän befahl mir und einem Seesoldaten, ihm zu folgen und die Leute, die aus dem Kanu aussteigen würden, gefangenzunehmen. Wir liefen nach dem Ort hin, wo das Kanu landen mußte: aber als wir anlangten, hatten es die Insassen schon verlassen und waren entkommen.
Wir glaubten, die gestohlenen Sachen müßten von Wichtigkeit sein, weil man auf der »Discovery« so ernste Maßregeln getroffen hatte. Auch wußten wir damals noch nicht, daß sie bereits wieder zurückgegeben worden waren. Daher wollten wir die Hoffnung, sie wiederzubekommen, nicht fahren lassen und entschlossen uns, den Flüchtlingen nachzusetzen. Wir erkundigten uns nach dem Wege, den die Entwichenen genommen hatten, und folgten ihnen bis zur Dämmerung 3 Kilometer weit von unsern Zelten. Hier kam es uns so vor, als wenn die Eingeborenen uns mit erdichteten Nachrichten nur immer weiter zu locken suchten; wir machten daher dem Nachsuchen ein Ende und kehrten an den Strand zurück.
Während unserer Abwesenheit hatte sich ein Auftritt von der ernsthaftesten und unangenehmsten Art zugetragen. Der Offizier, den man in dem kleinen Boot abgeschickt hatte, kehrte schon mit den gestohlenen und wiedererhaltenen Sachen an Bord des Schiffes zurück, als er gewahr wurde, daß Kapitän Cook mit mir den Dieben nachsetzte. So bildete er sich ein, er müsse das an den Strand gezogene Kanu beschlagnahmen. Unglücklicherweise gehörte es dem Paria, der in demselben Augenblick von der »Discovery« her kam und es mit vielen Beteuerungen seiner Unschuld wieder zurückverlangte. Der Offizier weigerte sich, es herauszugeben. Die Mannschaft des andern Bootes, das auf den Kapitän wartete, gesellte sich zu ihm, und jetzt entstand eine Schlägerei, bei der Paria mit einem Ruder einen so heftigen Schlag auf den Kopf erhielt, daß er zu Boden stürzte. Nunmehr fielen die Insulaner, die in ihrer Nähe zusammengelaufen und bisher ruhige Zuschauer geblieben waren, unsere Leute mit einem solchen Steinregen an, daß diese in der größten Unordnung die Flucht ergriffen und nach einer vom Ufer etwas entlegenen Klippe schwammen. Augenblicklich stürzten die Eingeborenen über das Boot her, plünderten es und würden es völlig in Stücke geschlagen haben, wenn nicht Paria selbst, der sich von dem Schlage erholt und ihn schon wieder vergessen zu haben schien, sein Ansehen gebraucht hätte. Er trieb den ergrimmten Haufen fort, winkte unseren Leuten, sie sollten wiederkommen und ihr Boot in Besitz nehmen, und gab zu verstehen, er wolle sich Mühe geben, die davongeschleppten Sachen wiederherbeizuschaffen. In der Tat folgte er ihnen auch, nachdem sie vom Lande abgefahren waren, in seinem Kanu mit eines Seekadetten Mütze und einigen andern erbeuteten Kleinigkeiten nach. Er schien äußerst betroffen und fragte, ob ihn der »Orono« nun töten, oder ob er ihm erlauben würde, wieder an Bord zu kommen. Als man ihm versicherte, er würde freundschaftlich aufgenommen werden, grüßte er den Offizier nach Landesbrauch durch gegenseitige Berührung der Nasen und ruderte dann nach dem Dorfe Kauraua hinüber.
Kapitän Cook war über die Nachricht von diesem Vorfall sehr beunruhigt und sagte, indem wir uns zurück an Bord begaben: »Ich fürchte, diese Leute werden mich zu gewaltsamen Maßnahmen zwingen; denn wir können es nicht zugeben, daß sie sich einbilden, sie hätten einen Vorteil über uns errungen.« Da es indessen Abend geworden war, konnte weiter nichts geschehen, und Kapitän Cook begnügte sich damit, die Insulaner, die sich an Bord seines Schiffes befanden, Männer und Frauen ohne Unterschied, fortjagen zu lassen. Sobald dies geschehen war, kehrte ich an Land zurück.
Weil sich unser altes Zutrauen zu den Eingeborenen durch ihr heutiges Betragen sehr vermindert hatte, verdoppelte ich die Wachen auf dem Marai und befahl, man solle mich rufen, sobald man jemand am Strande lauern sähe. Um 11 Uhr bemerkte man 5 Insulaner, die am Fuße des Marai umherkrochen und sich äußerst vorsichtig uns zu nähern schienen, sich aber, sobald sie sahen, daß sie bemerkt worden waren, aus dem Staube machten. Um Mitternacht wagte sich wieder einer dicht an die Sternwarte. Als die Schildwache jedoch eine Kugel über seinen Kopf hinwegschoß, ergriff er samt den übrigen die Flucht, und wir hatten nun die Nacht über Ruhe. Am folgenden Tage begab ich mich bei Tagesanbruch an Bord der »Resolution«, um die astronomische Uhr zu holen. Schon unterwegs riefen mich einige Leute von der »Discovery« an, daß ihr Boot in der Nacht von der Ankerboje, woran es festgelegen, losgemacht und gestohlen worden sei.
Als ich an Bord kam, fand ich die Seesoldaten sämtlich unter Waffen, und Kapitän Cook war im Begriffe, seine eigene Doppelflinte zu laden. Ich begann, ihm zu erzählen, was in der Nacht vorgefallen war, er unterbrach mich aber sogleich, das Boot der »Discovery« sei verloren, er mache Anstalt, es wiederzubekommen. Zu diesem Zwecke werde er sich eines Mittels bedienen, das in Fällen, wo etwas von Wichtigkeit entwendet worden, noch niemals fehlgeschlagen sei. Er würde nämlich den König oder einige der Vornehmsten an Bord zu bekommen suchen und sie daselbst so lange als Geiseln gefangenhalten, bis er das Boot zurückerlangt hätte. Auch habe er Befehl erteilt, alle Kanus anzuhalten, die sich unterstehen sollten, die Bucht zu verlassen. Denn er sei willens, sich ihrer zu bemächtigen und sie in Stücke schlagen zu lassen, wofern er nicht im guten seinen Zweck erreichen könnte. Demzufolge wurden die Boote beider Schiffe mit Bewaffneten rings in der Bucht umher postiert. Und noch ehe ich das Schiff verließ, hatte man auf einige Kanus, die zu entkommen suchten, Kanonenschüsse abgefeuert.
Zwischen 7 und 8 Uhr verließen Kapitän Cook und ich gleichzeitig das Schiff. Er nahm in seinem Boote den Leutnant Philipps und 9 Seesoldaten mit, ich aber fuhr in einem kleinen Boote zu unseren Arbeitern am Strande zurück. Kapitän Cook gab mir, ehe wir uns trennten, noch den letzten Auftrag, ich solle die Eingeborenen auf unserer Seite der Bucht besänftigen und ihnen versichern, es würde ihnen kein Leids geschehen; ferner sollte ich meine Leute zusammenhalten und auf der Hut sein. Hierauf fuhr er nach Kauraua, dem Aufenthalt des Königs, ich aber an den Strand. Den Seesoldaten erteilte ich sogleich die gemessensten Befehle, das Zelt nicht zu verlassen, die Gewehre scharf zu laden und immer bei sich zu tragen. Dann ging ich in die Hütten des alten Ka-u und der Priester und erklärte ihnen, so gut ich mich verständlich machen konnte, was jene feindlichen Anstalten, worüber sie schon in große Bestürzung geraten waren, zu bedeuten hätten. Daß uns ein Boot gestohlen worden sei, wußten sie bereits. Ich versicherte ihnen, daß für sie und die Bewohner des diesseitigen Dorfes nicht die mindeste Gefahr bestände, obgleich der Kapitän entschlossen sei, sich das Boot wiederzuverschaffen und die Urheber des Diebstahls zu bestrafen. Diese Erklärung mußten die Priester auf mein Verlangen dem Volke mitteilen und es zugleich ermahnen, sich ohne Furcht, aber ruhig und friedlich zu verhalten. Ka-u fragte mich sehr dringend, ob Terriobu in Gefahr sei. Ich beteuerte ihm das Gegenteil und beruhigte dadurch sowohl ihn selbst als seine Amtsbrüder.
Während der Zeit hatte Kapitän Cook noch unterwegs das große Boot, das an der Nordspitze der Bucht lag, von diesem Posten abberufen und mit sich nach Kauraua genommen. Er stieg mit dem Leutnant und den 9 Soldaten an Land und marschierte dann ins Dorf. Hier ward er mit den gewöhnlichen Ehrenbezeigungen empfangen; das Volk warf sich zur Erde nieder, und man brachte ihm wie gewöhnlich Opfer von kleinen Ferkeln dar. Da noch keiner der Insulaner von seinem Vorhaben das geringste wußte, erkundigte er sich nach Terriobu und seinen beiden Söhnen, ein paar Knaben, die an Bord des Schiffes seine beständigen Gäste gewesen waren. Die Knaben kamen mit den Eingeborenen, die man nach ihnen ausgeschickt hatte, bald zum Kapitän und führten ihn zugleich in die Hütte, in der Terriobu die Nacht zugebracht hatte und soeben erwacht war. Kapitän Cook lenkte das Gespräch auf das gestohlene Boot und merkte bald, daß der König nichts von dem Anschlage gewußt hatte. Die Einladung des Kapitäns, sich mit ihm einzuschiffen und den Tag an Bord des Schiffes zuzubringen, nahm Terriobu an und erhob sich, ihn zu begleiten.
Alles ging nach Wunsch, die beiden Knaben saßen schon im Boote, und die anderen näherten sich dem Ufer, als die bejahrte Mutter der beiden Knaben und eine von des Königs Lieblingsfrauen ihm nachfolgte und ihn mit vielen Tränen bat, er möchte sich doch ja nicht an Bord begeben. Zugleich traten zwei Häuptlinge, die mit ihr gekommen waren, hinzu, hielten den König zurück, bestanden darauf, daß er nicht weiterginge, und zwangen ihn, sich niederzusetzen. Von allen Seiten näherten sich die Eingeborenen, denen das Kanonenfeuer und die Anstalten in der Bucht vermutlich schon große Unruhe verursacht hatten, und drängten sich an Kapitän Cook und ihren König heran. Als der Leutnant seine Leute mitten im Gedränge sah, wo sie, wenn es schlimm kam, ihre Gewehre nicht hätten gebrauchen können, machte er dem Kapitän den Vorschlag, sie auf den Klippen längs dem Ufer in einer Linie zu stellen. Der Haufe machte ihnen sogleich Platz, und sie postierten sich ungefähr 30 Schritt von dem Orte, wo der König sich niedergelassen hatte und noch voll Schrecken und Bestürzung saß.
Kapitän Cook, der sein Vorhaben nicht aufgeben wollte, drang nach wie vor mit allem Nachdruck in ihn, er möchte sich entschließen, weiterzugehen. Sooft aber sich der König geneigt zeigte, dem Kapitän zu folgen, traten die Häuptlinge hervor und hielten ihn zuerst mit Bitten und Vorstellungen, hernach mit offener Gewalt zurück. Alle waren in der größten Unruhe, und es blieb keine Hoffnung, ohne Blutvergießen den König zu entführen. Als Kapitän Cook dies bemerkte, ließ er sein Vorhaben endlich fahren und sagte zu Herrn Philipps: »Man kann ihn nicht mit Gewalt an Bord bringen, ohne das Leben vieler Eingeborener aufs Spiel zu setzen.«
Der Anschlag, den Kapitän Cook am Lande ausführen wollte, war also mißlungen. Doch war für seine eigene Person kein Schatten von Gefahr vorhanden, bis ein Nebenumstand der ganzen Sache einen anderen Verlauf gab. Einige Kanus hatten sich vom Lande zu entfernen gesucht, die in der Bucht postierten Schiffe hatten Feuer auf sie gegeben, und unglücklicherweise war durch den Schuß ein Häuptling von hohem Range gefallen. Kapitän Cook ging, als er vom Könige zurückkam, ganz gemächlich dem Strande zu, als die Nachricht von diesem Todesfall sich eben im Dorfe verbreitete. Alles geriet sofort in augenscheinliche Erregung. Die Männer schickten ihre Frauen und Kinder fort, legten ihre Mattenpanzer an und bewaffneten sich mit Spießen und Steinen. Einer trat zum Hohn mit einem Stein und einem langen eisernen Dolch an den Kapitän heran, schwenkte seine Waffen und drohte ihm mit dem Steine. Umsonst rief ihm Kapitän Cook zu, er solle sich ruhig verhalten. Endlich ward er durch den Übermut des Menschen so gereizt, daß er eine Ladung Schrot auf ihn abschoß. Das Schrot prallte ab, und der Schuß tat keine Wirkung. Im Gegenteil, die Eingeborenen wurden verwegener und begannen, die Soldaten mit Steinen zu bewerfen. Ein Häuptling wollte Leutnant Philipps mit dem Dolch erstechen, verfehlte ihn aber und bekam dafür einen Schlag mit dem Flintenkolben. Jetzt tat Kapitän Cook den zweiten Schuß mit einer Kugel und streckte dadurch den vordersten der Insulaner nieder. Dies war gleichsam das Signal zu einem allgemeinen Steinregen, der mit Musketenfeuer von den Soldaten und aus den Booten erwidert ward. Wider alle Erwartung hielten die Insulaner das Feuer mit unerschrockenem Mute aus, und ehe man von neuem laden konnte, fielen sie mit schrecklichem Geheul über unsere Mannschaft her. Und nun erfolgte ein gräßlicher Auftritt voll der äußersten Verwirrung.
Vier Seesoldaten wurden beim Rückzug von den Klippen abgeschnitten und der Wut der Feinde geopfert, drei andere gefährlich verwundet. Der Leutnant bekam einen Dolchstoß zwischen die Schultern, doch hatte er zum Glück seinen Schuß noch aufgehoben und erschoß den Angreifer, als der eben zum zweiten Stoß ausholte. Unser unglücklicher Befehlshaber stand, als man ihn zum letzten Male deutlich sah, am Rand des Wassers und rief den Bootsleuten zu, sie sollten mit Feuern einhalten und ans Land rudern. Einige von unseren Leuten, die dabei waren, behaupteten, man habe, ohne seinen Befehl abzuwarten, angefangen zu feuern, und er sei aufs äußerste bemüht gewesen, allem weiteren Blutvergießen Einhalt zu tun. War dies der Fall, so läßt sich mit vieler Wahrscheinlichkeit behaupten, daß seine Menschlichkeit ihm das Leben gekostet hat. Denn solange er den Insulanern die Spitze bot, wagte es keiner, Hand an ihn zu legen. Als er sich aber umwandte, um den Booten seine Befehle zu erteilen, stieß man ihm den Dolch in den Rücken, und er stürzte vornüber ins Wasser. Da ihn die Insulaner fallen sahen, erhoben sie ein großes Jubelgeschrei, schleppten den Leichnam an Land und rissen einander den Dolch aus den Händen, um den Toten in wilder Wut zu zerfleischen.
So fiel unser großer, vortrefflicher Befehlshaber. Nicht zu frühzeitig für ihn selbst, für ihn, dessen Leben eine Reihe großer, glänzender und glücklicher Unternehmungen war, und der die Vollendung der großen Aufgabe, zu der ihm die Vorsehung das Leben gab, noch erlebte. Nur den Genuß des Ruhms, den er bereits errungen hatte, entriß ihm der Tod. Diejenigen aber, die sich auf seine weise Führung voll Zuversicht verließen, denen seine teilnehmende Sorge ihre Beschwerden erleichterte und Trost in Mühseligkeiten gab, fühlten seinen Verlust tief und bejammerten ihn unaussprechlich. Wer könnte auch unseren Schrecken und die allgemeine Bestürzung ausmalen, die auf diesen so furchtbaren und unerwarteten Schlag folgte?
Wie schon erzählt worden ist, wurden vier von den Seesoldaten, die Kapitän Cook begleitet hatten, durch die Eingeborenen auf dem Platze getötet; die übrigen nebst ihrem Leutnant Philipps warfen sich ins Wasser und retteten sich schwimmend unter dem Schutze des unablässigen Feuerns ihres Bootes. Bei dieser Gelegenheit gab Leutnant Philipps einen auffallenden Beweis von Tapferkeit und Liebe zu seinen Leuten. Er hatte kaum das Boot erreicht, als er einen von den Seesoldaten, der nicht sonderlich schwimmen konnte, mit den Wellen kämpfen und so in großer Gefahr sah, von den Feinden ergriffen zu werden. Sogleich sprang er, obwohl er selbst stark verwundet war, zu seinem Beistand ins Wasser, und wennschon er dabei einen so heftigen Steinwurf an den Kopf bekam, daß er selbst beinahe untergesunken wäre, ergriff er den Soldaten und brachte ihn in Sicherheit.
Unsere Leute in den Booten, die während des ganzen Vorganges nur etwa 20 Schritt vom Land gestanden hatten, unterhielten noch einige Zeit lang ein heftiges Feuer, um ihren unglücklichen Kameraden, im Fall noch der eine oder andere von ihnen lebte, Gelegenheit zur Flucht zu geben, und in derselben Absicht wurden auf der »Resolution« einige Kanonenschüsse abgefeuert. Als die Eingeborenen dadurch endlich zum Weichen gebracht wurden, eilten fünf von unseren jungen Kadetten in Booten zum Ufer, wo sie die Körper ihrer Landsleute leblos auf der Erde liegen sahen. Da sie ihre Munition meistens schon verbraucht hatten und ihrer eine so geringe Zahl war, hielten sie das Fortschaffen der Leichen für zu gefährlich, ließen sie daher nebst 10 Gewehren im Besitz der Eingeborenen und kehrten zu den Schiffen zurück.
Sobald man sich von der allgemeinen Bestürzung, die dieser unglückliche Vorfall an Bord beider Schiffe verbreitete, etwas erholt hatte, erinnerte man sich unserer Leute auf dem Marai, wo der Mast und die Segel unter einer Bedeckung von nur 6 Mann am Lande lagen. Unmöglich kann ich meine Unruhe während der ganzen Dauer dieses Vorfalles schildern. Da wir uns kaum ein Kilometer weit vom Dorfe Kauraua befanden, konnten wir deutlich sehen, daß sich ein ungeheurer Haufe auf dem Platze versammelte, wo kurz vorher Kapitän Cook gelandet war. Auch hörten wir das Musketenfeuer und bemerkten außerordentliche Verwirrung unter dem Haufen. Nachher sahen wir die Eingeborenen fliehen, die Boote aber vom Lande abstoßen und in aller Stille zwischen den Schiffen hin und her fahren. Mein Herz ahnte nichts Gutes; auch war es, da es auf ein so teures, wertvolles Leben ankam, unmöglich, bei so befremdlichen Zeichen seine Ruhe zu bewahren. Ich wußte außerdem, daß der Kapitän durch einen langen, ununterbrochen glücklichen Fortgang seiner Unternehmungen und der Verhandlungen mit den Eingeborenen so viel Zutrauen zu ihnen gefaßt hatte, daß ich immer fürchtete, er möchte einmal in einem unglücklichen Augenblick zu unachtsam sein; und gerade jetzt dachte ich an die Gefahr, der er sich durch dieses Zutrauen aussetzte, ohne eben vielen Trost aus der Erfahrung schöpfen zu können, durch die es bedingt wurde.