Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer

Part 10

Chapter 103,488 wordsPublic domain

Während des langen Zeitraums, den wir mit Kreuzen um die Insel zugebracht hatten, war das Betragen der Eingeborenen, die von Zeit zu Zeit in See zu uns kamen, untadelhaft, ehrlich und aufrichtig gewesen und hatte nie eine Spur von diebischen Gelüsten verraten. Wir waren darüber sehr erstaunt, zumal da wir es nur mit Personen vom niedrigsten Stande, entweder Leibeigenen oder Fischern, zu tun gehabt hatten. Nunmehr aber wandte sich das Blatt, und die unzähligen Scharen, die in jedem Winkel des Schiffes ihr Wesen trieben, benutzten fleißig jede Gelegenheit, unbemerkt stehlen und vielleicht sogar entkommen zu können; denn unser waren wir nur wenige. Zum Teil glaubten wir, diese Veränderung in ihrem Betragen der anfeuernden Gegenwart ihrer Befehlshaber zuschreiben zu müssen: wenn wir nämlich einer verschwundenen Sache nachspürten, fanden wir sie zuletzt gewöhnlich im Besitze irgendeines Mannes von Ansehen, auf dessen Veranlassung der Diebstahl also augenscheinlich begangen worden war.

Bald nachdem unser Schiff verankert war, führten unsere beiden Freunde Paria und Kanina einen dritten Befehlshaber namens Koah an Bord. Man gab uns zu verstehen, er sei ein Priester und habe sich in seiner Jugend als Krieger ausgezeichnet. Er war ein hagerer, schwacher, alter Mann von unansehnlicher Gestalt, mit triefenden, roten Augen, am ganzen Leib mit einem weißen Aussatz oder Schorf bedeckt, was eine Folge des unmäßigen Kawa-Trinkens war. Man führte ihn in die Kajüte, wo er sich dem Kapitän Cook in großer Ehrfurcht nahte und ihm ein Stück roten Zeugs, das er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, über die Schulter warf. Dann trat er einige Schritte zurück, bot ein kleines Ferkel dar und hielt es so lange, bis er eine ziemlich lange Rede beendet hatte. Diese Feierlichkeit, die wir während unseres Aufenthalts in Hawaii noch zu mehreren Malen sahen, sollte, soviel wir aus allerlei Nebenumständen schließen konnten, eine Art von gottesdienstlicher Anbetung vorstellen; denn die Götzenbilder der Einwohner waren sämtlich mit rotem Zeug bekleidet, und ihren »Eatuas« (Göttern) brachten sie gewöhnlich kleine Ferkel zum Opfer dar. Nach der Zeremonie aß Koah mit dem Kapitän Cook und genoß reichlich von allem, was ihm vorgesetzt wurde, nur daß er, wie überhaupt alle Bewohner dieser Inselgruppe, Wein und andere geistige Getränke ungern zum zweiten Male kosten wollte.

Abends begleiteten Kapitän Cook und ich ihn an Land. Wir stiegen auf dem sandigen Strande aus, wo uns vier Männer mit Stäben empfingen, an deren Ende ein Büschel Hundshaare hing. Sie gingen vor uns her und riefen dabei mit lauter Stimme eine kurze Formel aus, wovon wir indes nur das Wort »Orono« (Gott) unterscheiden konnten. Die am Ufer versammelte Menge entfernte sich bei unserem Herannahen, und es ließ sich niemand sehen, einige wenige ausgenommen, die sich unweit der Hütten des benachbarten Dorfes zur Erde niedergeworfen hatten.

Ehe ich die Anbetung, die dem Kapitän Cook hier bezeigt wurde, und die übrigen Feierlichkeiten bei seinem Empfang auf dieser Insel schildere, muß ich noch etwas von dem Marai sagen, das an der Südseite des Strandes von Kakua lag. Dieses dem Gottesdienste geweihte Gebäude bestand aus einem viereckigen dichten Steinhaufen, der etwa 40 Schritt lang, 20 breit und 14 Schritt hoch sein mochte. Oben war es platt und eben, gut gepflastert und mit einem hölzernen Zaune umgeben, auf dem die Schädel der beim Tode ihrer Vornehmen geopferten Gefangenen steckten. Mitten in dem so eingeschlossenen Platze stand ein verfallenes, altes, hölzernes Gebäude, das mit dem Zaun zu beiden Seiten durch eine steinerne Mauer zusammenhing, so daß der ganze Raum in zwei Teile geschieden war. Auf der landeinwärts gelegenen Seite standen fünf, etwa 6 Meter lange Pfähle, die einem etwas unregelmäßigen Gerüste zur Stütze dienten. Gegenüber, nach dem Meere hin, waren zwei kleine Häuser erbaut, die durch einen bedeckten Gang miteinander zusammenhingen.

Koah führte uns auf einem bequemen Steige, der von dem Strande nach der nordwestlichen Ecke des gepflasterten Hofes hinaufging, auf die Zinne dieses Gebäudes. Am Eingang in den Hof erblickten wir zwei hölzerne Standbilder mit verzerrten Zügen, von denen jedes ein langes, geschnitztes Stück Holz in Form eines umgekehrten Kegels auf dem Kopfe hatte. Der übrige Körper war nicht ausgearbeitet, sondern in rotes Zeug gehüllt. Hier trat uns ein junger Mann von hohem Wuchs mit einem langen Barte entgegen und stellte Kapitän Cook den Bildsäulen vor. Dann sang er eine Art von Hymnus, in den Koah miteinstimmte, und führte uns nachher an das jenseitige Ende des Marai, wo die 5 Pfähle standen. An dieser Stelle bildeten 12 Standbilder einen Kreis, und gerade vor der mittelsten Figur stand ein hoher Tisch oder ein Gestell, das genau dem »Uatta« oder Altar in Tahiti ähnlich war. Auf ihm lag ein bereits in Fäulnis übergegangenes Schwein und unter ihm eine Menge Zuckerrohr, Kokosnüsse, Brotfrucht, Bananen und süße Bataten. Koah stellte den Kapitän unter diesen Altar, nahm das Schwein herunter und hielt es ihm vor, wobei er zum zweitenmal mit vieler Heftigkeit und geläufiger Zunge eine lange Rede hielt. Hierauf ließ er das Schwein zur Erde fallen und, führte unsern Kapitän an das Gerüst. Beide kletterten unter Gefahr das beschwerliche Stück hinan. Nunmehr sahen wir oben auf dem Marai eine feierliche Prozession herankommen. Sie bestand aus 10 Männern, die ein großes lebendiges Schwein und ein großes Stück rotes Zeug trugen. Nachdem sie noch ein paar Schritte vorwärts getan hatten, hielten sie still und warfen sich zur Erde nieder. Kärikia, der vorhin erwähnte junge Mann, ging zu ihnen, nahm ihnen das Zeug ab und brachte es dem Koah, der den Kapitän damit bekleidete. Hierauf brachte er ihm das Schwein dar, das Kärikia währenddessen auf ebendie Art wie das Zeug geholt hatte.

Als nun Kapitän Cook, so in rotes Zeug gewickelt, in einer etwas unbequemen Stellung in der Höhe stand und sich nur mit Mühe an den Stücken des morschen Gerüstes festhalten konnte, fingen Kärikia und Koah ihren Gottesdienst an und sangen zuweilen gemeinsam, zuweilen abwechselnd. Das dauerte eine geraume Zeit. Endlich ließ Koah das Schwein fallen und stieg mit Kapitän Cook herunter. Nunmehr führte er ihn an den zuletzt erwähnten Bildsäulen vorbei, sagte im Vorübergehen jedem Bilde etwas in einem höhnenden Tonfall und schnippte mit den Fingern gegen sie. Endlich brachte er ihn vor das mittelste Bild, das, da es mit rotem Zeug bekleidet war, in höherem Ansehen stehen mochte. Daher fiel er auch davor nieder, küßte es und verlangte ein gleiches von Kapitän Cook, der sich bei dieser ganzen Feierlichkeit durchaus nach Koahs Vorschrift verhielt.

Hierauf führte man uns zurück in die andere Abteilung des Marai, wo sich eine Vertiefung im Pflaster befand, die 3-4 Meter im Quadrat und 1 Meter Tiefe haben mochte. Wir stiegen hinab, und Kapitän Cook mußte sich zwischen zwei hölzerne Bildsäulen setzen, indes Koah den einen Arm des Kapitäns unterstützte und mich den andern stützen hieß. Hierauf kam eine zweite Prozession von Eingeborenen, die ein gebratenes Schwein, einen Pudding nebst Kokosnüssen, Brotfrucht und anderen Pflanzenspeisen trugen. Als sie sich näherten, trat Kärikia an ihre Spitze und hielt das Schwein wie gewöhnlich dem Kapitän vor. Zugleich fing er wie vorher einen Gesang an, auf den seine Gehilfen bei passenden Stellen antworteten. Nach jeder Gegenstrophe schienen die Absätze kürzer zu werden, bis zuletzt Kärikia nur zwei oder drei Worte sang, worauf denn die übrigen zum Beschluß das Wort »Orono« ausriefen. Diese Opferzeremonie dauerte ungefähr eine Viertelstunde. Als sie vorbei war, setzte sich das Volk uns gegenüber nieder und fing an, das gebratene Schwein zu zerlegen, die Pflanzenspeisen zu schälen und die Kokosnüsse aufzubrechen. Andere waren mit Zubereitung des Kawatranks beschäftigt, wozu, wie auf den Freundschaftsinseln, die Wurzel des Pfefferstrauchs gekaut wird. Kärikia nahm ein Stück vom Kern einer Kokosnuß, kaute es, wickelte es in ein Stück Zeug und rieb damit dem Kapitän Gesicht, Kopf, Hände, Arme und Schultern ein. Hierauf ging der Kawatrank herum, und nachdem wir davon gekostet hatten, machten sich Paria und Koah daran, das Fleisch des Schweines in kleinere Stücke zu zerreißen und uns in den Mund zu stopfen. Ich konnte es leicht ertragen, daß mich Paria fütterte, da er sich in allen Stücken sehr reinlich hielt; allein, Kapitän Cook, der von Koah bedient wurde, erinnerte sich an das erste, halbverweste Schwein und konnte keinen Bissen hinunterschlucken. Dazu kam noch, daß der Alte, um ihm eine besondere Ehre anzutun, den Bissen erst selbst durchkäute, wodurch natürlicherweise des Kapitäns Ekel nicht gerade vermindert wurde.

Als diese letzte Zeremonie, die Kapitän Cook, so gut er konnte, beschleunigte, vorbei war, verteilten wir einige Stückchen Eisen nebst anderen Kleinigkeiten unter das Volk, das damit äußerst zufrieden schien, und verließen dann das Marai. Die Männer mit den Stäben begleiteten uns wieder an unsere Boote und wiederholten dabei dieselben Worte, die sie schon vorher, als wir das Land betraten, gesagt hatten. Die Eingeborenen zogen sich zurück, und die wenigen, die in der Nähe blieben, fielen, während wir längs dem Ufer vorübergingen, zur Erde nieder. Wir eilten sogleich an Bord, hatten den Kopf voll von alldem, was wir gesehen, und waren höchst vergnügt, daß unsere neuen Freunde es so überaus gut mit uns zu meinen schienen. Schwerlich läßt sich die Bedeutung der verschiedenen Feierlichkeiten, womit man uns empfangen hatte, bestimmt angeben; selbst die Mutmaßungen darüber können nur unsicher und einseitig sein: indes verdienten sie, wegen ihrer Neuheit und Sonderbarkeit, ausführlich beschrieben zu werden. Ohne allen Zweifel lag darin der Ausdruck einer tiefen Ehrfurcht, die sogar, was Kapitän Cook persönlich betrifft, nahe an wirkliche Anbetung zu grenzen schien.

Am folgenden Morgen ging ich mit einer Wache von 8 Seesoldaten, Leutnant und Korporal mitinbegriffen, an Land, um die Sternwarte in einer solchen Lage errichten zu lassen, daß ich zugleich auf die mit Wasserfüllen und andern Arbeiten beschäftigten Leute achthaben und sie erforderlichenfalls beschützen könnte. Indem wir in dieser Absicht einen Platz mitten im Dorfe besichtigten, der uns sehr bequem dünkte, erbot sich Paria mit immer gleicher Bereitwilligkeit, sowohl um sein Ansehen geltend zu machen, als auch um uns eine Gefälligkeit zu erweisen, er wolle einige Hütten niederreißen lassen, die uns am Beobachten hinderlich sein könnten. Allein, wir hielten es für das beste, dieses Anerbieten abzulehnen, und wählten ein Batatenfeld dicht am Marai, das man uns auch ohne Widerrede einräumte. Um aller Zudringlichkeit von seiten der Einwohner zuvorzukommen, heiligten die Priester sogleich diesen Bezirk, und zwar dadurch, daß sie ihre Stäbe rund umher an der Mauer, die ihn einschloß, befestigten.

Diese Art von religiösem Verbot heißt bei ihnen »Tabu«, ein Wort, das wir während unseres Aufenthaltes bei den hiesigen Insulanern oft aussprechen hörten, und dessen Wirkung sich sehr weit erstreckte. Nie wagte es ein Kanu, in unserer Nähe anzulanden. Die Eingeborenen setzten sich wohl auf die Mauer; allein, in den verbotenen oder tabuierten Bezirk hineinzutreten, wagte keiner, bevor wir ihm nicht die Erlaubnis dazu gaben. Auch waren es nur Männer, die auf unser Verlangen mit Lebensmitteln über das Feld kamen; die Frauen hingegen hielten sich fern.

Wir hatten noch nicht lange unsere Sternwarte eingerichtet, als wir in unserer Nachbarschaft die Wohnungen einer Gesellschaft von Priestern entdeckten, die unsere Aufmerksamkeit dadurch auf sich zogen, daß sie sich zu bestimmten Zeiten am Marai einfanden, um ihre Amtsgeschäfte zu verrichten. Ihre Hütten standen rings um einen Teich mit Wasser in einem Haine von Kokospalmen, der sie von dem Strande und von dem übrigen Dorfe abschloß und völlig ein klostermäßiges, ja, einsiedlerisches Aussehen hatte. Ich gab Kapitän Cook von dieser Entdeckung Nachricht, und er nahm sich deshalb einen Besuch dortselbst vor.

Gleich nach seiner Ankunft am Strande führte man ihn zu einem geheiligten Gebäude, das hier »Harre-no-Orono«, das »Haus des Orono«, genannt wurde. Vor dem Eingange hieß man ihn, am Fuß eines hölzernen Götzenbildes niedersitzen, das von ebender Art wie jene auf dem Marai zu sein schien. Hier mußte ich wieder einen seiner Arme unterstützen, indes Kärikia ihn mit rotem Zeuge bekleidete und in Begleitung von zwölf Priestern ihm mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten ein Ferkel zum Opfer brachte. Man schnürte hierauf dem Tiere den Hals zu und warf es in ein dazu bereitetes Holzfeuer. Sobald die Haare abgesengt waren, brachte man es wieder dar und wiederholte dabei den oben beschriebenen Gesang. Dann hielt man das tote Ferkel dem Kapitän eine Zeitlang unter die Nase und legte es hernach nebst einer Kokosnuß zu seinen Füßen. Hierauf setzten sich die Priester, bereiteten Kawa und ließen die damit gefüllte Kokosnußschale herumgeben. Zuletzt ward ein fettes, ganz zubereitetes Schwein aufgetragen, womit man uns wie das vorige Mal fütterte.

Sooft Kapitän Cook während unseres Aufenthaltes in der Bucht an Land kam, ging einer von den Priestern vor ihm her, rief aus, daß der »Orono« gelandet sei, und befahl dem Volke, sich niederzuwerfen. Ebenderselbe Priester war auch sein immerwährender Begleiter, sooft er sich ins Boot begab. Hier stand er mit einem Stabe in der Hand gewöhnlich im Vorderteil und verkündigte den Eingeborenen in ihren Kähnen Cooks Annäherung, worauf sie unverzüglich mit Rudern innehielten, sich auf das Gesicht niederwarfen und so lange in dieser Stellung blieben, bis er vorüber war. Sooft er sich bei der Sternwarte aufhielt, kam Kärikia sogleich mit seinen Amtsbrüdern herbeigeeilt und überreichte mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten Schweine, Kokosnüsse und Brotfrucht. Bei dieser Gelegenheit baten oftmals geringere Befehlshaber um Erlaubnis, dem »Orono« ein Geschenk bringen zu dürfen, und wenn ihnen diese Bitte gewährt wurde, boten sie in eigener Person, gewöhnlich mit deutlichem Ausdruck von Furcht in ihren Zügen, das Schwein dar, indes Kärikia und die Priester den gewöhnlichen Hymnus sangen.

Soweit war das meiste nur Höflichkeitsbezeigung, nur äußere Feier und Parade. Dabei ließ es jedoch die Priestergesellschaft nicht bewenden. Unsere am Lande sich aufhaltende Abteilung erhielt täglich einen Vorrat von Schweinen und Pflanzenspeisen, der mehr als ausreichend für unseren Unterhalt war. Und mit gleicher Sorgfalt und Genauigkeit schickten sie täglich mehrere Kähne mit Lebensmitteln an Bord, ohne je das geringste dafür zu verlangen, ohne auch nur einen entfernten Wink deswegen zu geben. Ihre Geschenke schienen, da sie mit solcher Regelmäßigkeit wiederholt wurden, in der Tat viel mehr Ausübungen einer Religionspflicht, als bloße Wirkungen der Freigebigkeit zu sein. Wir erkundigten uns zuweilen, auf wessen Kosten man uns so herrlich bewirtete, und erhielten zur Antwort, es geschehe auf Kosten eines vornehmen Mannes namens Ka-u, des Oberpriesters. Dieser Mann, von dem man uns zugleich sagte, daß er Kärikias Großvater wäre, begleitete den König und war daher abwesend.

Alles, was den Charakter und das Betragen dieses Volkes betrifft, muß dem Leser wegen des nachher erfolgten traurigen Auftrittes doppelt wichtig sein. Es gehört also auch die Bemerkung hierher, daß wir nicht immer ebensoviel Ursache hatten, mit der Aufführung der kriegerischen Befehlshaber oder »Erihs« so zufrieden zu sein wie mit der der Priester. Im ganzen Verkehr mit jenen fanden wir sie sehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Und wollte man auch ihre Diebereien entschuldigen, weil dieser Hang unter den Insulanern der Südsee allgemein ist, so ließen sie sich doch noch außerdem allerlei Anschläge zuschulden kommen, die nicht eben rühmlich waren. Hiervon nur ein Beispiel, worin, zu meinem Leidwesen, hauptsächlich unser Freund Koah mitverflochten war. Wenn uns irgendein Mann von Ansehen Schweine zum Geschenke brachte, pflegten wir jederzeit beträchtliche Gegengeschenke zu machen. Die Folge war unausbleiblich: es fehlte uns nicht nur nie an Proviant, sondern wir hatten gewöhnlich weit mehr, als wir brauchen konnten. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Koah, der unser unermüdlicher Begleiter war, sich die Schweine auszubitten, die uns zur Last waren, und er konnte allemal gewiß sein, sie sicher zu erhalten. Einst brachte ein Befehlshaber, den Koah selbst uns vorgestellt hatte, ein Schwein zum Geschenk, das wir als eines derer erkannten, die noch eben zuvor an Koah verabfolgt worden waren. Wir hegten gleich den Verdacht, daß man uns zu hintergehen suchte, und entdeckten auf weitere Nachfrage bald, daß der angebliche Befehlshaber nur ein gewöhnlicher Mann war. Jetzt erinnerten wir uns auch mancher anderer Einzelheiten, die uns zu der Vermutung veranlaßten, daß man uns schon mehrmals auf ähnliche Weise ausgebeutet hatte.

Alles nahm seinen gewohnten Gang bis zum 24. Januar, da zu unserer großen Verwunderung kein einziges Kanu vom Lande abstieß und keiner von den Eingeborenen aus seinem Hause hervorkam. Nach Verlauf einiger Stunden erfuhren wir endlich, daß die Bai tabuiert und der Verkehr mit uns aufgehoben wäre, weil Terriobu nunmehr ankommen würde. Wir hatten auf einen solchen Vorfall nicht gerechnet und für den heutigen Tag noch kein Gemüse eingetauscht, mußten also diesmal darauf verzichten. Unsere Leute waren indessen zu sehr an diese Erfrischungen gewöhnt, um sie so plötzlich entbehren zu können; daher suchten sie am folgenden Morgen die Einwohner durch Drohungen und Versprechungen herbeizulocken. Schon war es ihnen so weit gelungen, daß einige sich fertigmachten, mit ihren Kanus vom Lande abzustoßen, als ein Befehlshaber hinzukam und die Eingeborenen auseinanderzujagen versuchte. Man schoß ihm eine Flintenkugel über den Kopf hinweg, und dies hatte sogleich den gewünschten Erfolg, daß er sein Vorhaben aufgab, und die Zufuhr von nun an wieder offen blieb. Nachmittags kam Terriobu, doch gleichsam nur inkognito, um seinen Besuch an Bord der Schiffe abzustatten. Ihn begleitete nur ein Kanu, in dem seine Gemahlin und seine Kinder saßen. Er blieb bis gegen 10 Uhr abends an Bord und kehrte dann nach dem Dorfe Kauraua zurück.

Am folgenden Tage, gegen Mittag, fuhr der König in einem großen Kanu, von zwei andern begleitet, von dem Dorfe ab und ließ sich langsam und mit großer Pracht nach den Schiffen hinrudern. In dem ersten Kanu saß er selbst nebst seinen Vornehmen, in kostbare, mit Federn besetzte Mäntel und Helme gekleidet und mit langen Spießen und Dolchen bewaffnet. Im zweiten kam der ehrwürdige Ka-u, der Oberpriester, und seine Amtsbrüder, die ihre Götzenbilder auf rotem Zeug zur Schau gelegt hatten. Diese Bilder waren riesenmäßige Büsten von Korbmacherarbeit, die mit kleinen Federn von allerlei Schattierungen, ähnlich wie die Mäntel der Vornehmen, überzogen waren. Die Augen bestanden aus großen Perlmutterschalen, in deren Mittelpunkt eine schwarze Nuß befestigt war. Im Rachen führten sie eine große Reihe von doppelten Hundszähnen, und der Mund wie die übrigen Gesichtszüge waren sehr verzerrt. Indem der Zug feierlich näher kam, sangen die Priester ihre Hymnen; nachdem sie jedoch rund um die Schiffe gerudert waren, gingen sie nicht an Bord, sondern begaben sich nach dem Strande, wo wir unsere Posten hatten.

Sobald ich sie herankommen sah, ließ ich unsere kleine Wache aufziehen, um den König zu empfangen. Kapitän Cook, der vom Schiffe aus ebenfalls bemerkt hatte, wohin der Zug seinen Weg nahm, folgte ihm und kam fast gleichzeitig mit ihm im Zelt an. Die Eingeborenen hatten sich hier kaum niedergelassen, als der König sich schon wieder erhob und mit sehr vielem Anstande den Mantel, den er selbst getragen, über des Kapitäns Schultern warf, ihm einen kostbaren befiederten Helm aufsetzte und einen zierlich gearbeiteten Fächer in die Hand gab. Hierauf breitete er noch fünf oder sechs andere Mäntel von ausnehmender Schönheit und hohem Werte vor des Kapitäns Füßen aus. Dann brachten seine Leute vier große Schweine nebst Zuckerrohr, Kokosnüssen und Brotfrucht, und die Zeremonie schloß damit, daß Kapitän Cook und der König ihre Namen wechselten, was auf allen Südsee-Inseln Brauch ist und als stärkstes Freundschaftsband betrachtet wird.

Nunmehr kam eine Prozession von Priestern zum Vorschein, die einen ehrwürdigen alten Mann an ihrer Spitze hatte. Ihnen folgte eine lange Reihe von Männern, die teils große Schweine herbeiführten, teils Bataten, Bananen und dergleichen trugen. Ich merkte es unserm Freunde Kärikia an den Augen an, daß dieser Alte der Oberpriester wäre, von dessen Freigebigkeit wir schon so lange gelebt hatten. Er hielt ein Stück roten Zeugs in Händen, wickelte es um Kapitän Cooks Schultern und brachte ihm dann mit den gewöhnlichen Zeremonien ein kleines Ferkel dar. Man bereitete ihm alsbald einen Sitz dicht neben dem Könige. Hierauf fing Kärikia mit seinen Begleitern die Feierlichkeiten an und Ka-u nebst den Befehlshabern stimmten bei den Antworten oder Chören selber mit ein.

Mit Verwunderung erkannte ich in der Person des Königs denselben schwachen, ausgemergelten alten Mann, der uns an Bord der »Resolution« besucht hatte, als wir uns noch am Nordostende der Insel Mauwi befanden. Es währte auch nicht lange, so hatten wir unter seinem Gefolge zum großen Teil alle diejenigen Personen wiedererkannt, die damals die Nacht an Bord zubrachten. Unter dieser Zahl befanden sich des Königs beide jüngere Söhne, von denen der älteste ungefähr sechzehn Jahre alt sein mochte. Außerdem sein Enkel Maiha-Maiha, den wir aber kaum wiedererkennen konnten, weil er sein Haar mit einem schmutzigbraunen Teig und Puder eingeschmiert und dadurch das wildeste Gesicht, das ich jemals gesehen, noch scheußlicher gemacht hatte.

Nach den ersten Empfangszeremonien führte Kapitän Cook den König und so viele Vornehme, als sein Boot tragen konnte, an Bord der »Resolution«, wo man sie mit allen erdenklichen Ehrenbezeigungen aufzunehmen suchte. Kapitän Cook zog dem Könige ein Hemd an und umgürtete ihn mit seinem eigenen Hirschfänger. Der uralte Ka-u war mit etwa sechs anderen Befehlshabern am Lande geblieben und hatte seinen Aufenthalt in den Priesterwohnungen genommen. Die ganze Zeit über ließ sich kein einziges Kanu in der Bucht blicken, und die Eingeborenen blieben entweder in ihren Hütten oder lagen niedergekauert auf der Erde. Ehe der König das Schiff verließ, erhielt Kapitän Cook noch die Erlaubnis, den Handel mit den Eingeborenen wieder im gewöhnlichen Umfange aufzunehmen. Dessenungeachtet jedoch blieb das Verbot für die Frauen in voller Kraft bestehen, aus Ursachen, die wir nicht ergründen konnten, und keine durfte aus ihrer Hütte hervorkommen.