Unsere Nachbarn: Neue Skizzen

Part 9

Chapter 93,713 wordsPublic domain

Langsam erhob sich die Lene, streckte und reckte den ganzen Körper, schüttelte und schob träg die Röcke zurecht, legte ihren runden Arm auf die schmalen Schultern der Jüngeren, gleichsam liebkosend, aber sie stützte sich im Gehen auf das schwache kleine Geschöpflein.

„Dableiben, Türkl! aufpassen, daß keine Wäsch’ gestohlen wird, beiß’, wenn Einer kommt.“

Das rief sie dem Pudel zu, der sich gehorsam vor ihr duckte. Sie lachte kindisch und drohte ihm noch mit der Faust zurück, als sie schon über die Straße der „blauen Gans“ zuschlenderte.

Unten in dem Hause, welches über seinem Thore die steinerne „blaue Gans“ als Wahrzeichen hatte, waren alle Bewohner in großem Aufruhr. Es lebten ja zumeist Waschfrauen und Arbeiter in den langgestreckten Seitenflügeln, und die liefen alle im Hofe zusammen, sobald sich draußen oder in irgend einem Haushalt etwas Ungewöhnliches begab. Das schmale Vorderhaus hatte ein gedrücktes Stockwerk, da wohnte die alte Hausfrau mit ihrem langbeinigen Enkelsohn und in einer freundlichen Giebelstube, einem Aufbau über dem Stockwerk, hauste der alte Musikant. Seine runden Giebelfenster schauten so frohmüthig wie er selbst über das niedrige Erdgeschoß der beiden Seitenflügel und des schmalen Hinterhauses, das alles verband und ein langgezogenes Viereck herstellte.

Aus allen den Stuben, Kammern und Küchen waren die Menschen zusammengelaufen und standen mitten in dem großen Hofraum. Die Männer sprachen überlaut; Weiber und Kinder hörten aufmerksam zu. Was da gesprochen wurde war freilich derb, verworren und holperig im Ausdruck, aber bedeutungsvoll wurde jede hastige unmittelbare Bewegung, jedes Zucken und Blinken der Augen; die Männer sagten da eine Menge Dinge, die sie ungeklärt und nur dumpf empfanden, und der Schluß dieser unruhigen schwulstigen Worte war immer ein bedauerndes, muthloses und bekräftigendes: Ja! -- Ja!

Beistimmend wiederholten die Weiber dieses „Ja... ja,“ nur eine zog ihren krausköpfigen Buben mit derber Inbrunst heran, und während sie mit den Fingern durch seine Haare fuhr und ihn schüttelte, daß der Bursche „Gesichter schnitt“ vor Schmerz, sagte sie zärtlich zu einer Anderen:

„So kann es einmal da mit meinem Jakoberl werden, und auch mit Deinem und mit einem jeden von unseren Buben.“

„Ja!... ja!...“ seufzte die Angeredete und schaute wieder auf die Kinderschaar hinüber, die neugierig vor den Stubenfenstern der Frau Weiß stand.

Drinnen in der großen Stube, wo der Heimgekehrte saß, war kein Platz mehr, so Viele waren gekommen, um dem Leopold die Hand zu schütteln. Die alte kleine Waschfrau, „die Weißin“, konnte sich kaum bewegen in ihrem eigenen Hause, darum trippelte das verwitterte ruhelose Weiblein jetzt wie eine Henne, die ihr verlaufenes Küchlein wiedergefunden hat, durch alle die Menschen hin und her. Sie schob das verblichene rothe Kopftuch, das fortwährend zurückrutschte, in die Stirne, sodaß ein langes graues Haarbüschel immer weiter hervorkroch und ihrem schmalen Vogelgesichte ein lächerliches Ansehen gegeben hätte, wenn es nicht gar so geängstigt verkümmert und demüthig gewesen wäre. Nun stand die alte Frau wieder rathlos neben ihrem großen Sohne, fuhr beunruhigt mit beiden Händen flach an ihrem geflickten feuchten Rock von der Hüfte ab nieder und murmelte stotternd vor sich:

„Jesus... Jesus!... was wird der Vater zu dem Unglück sagen!“

Plötzlich stemmte sie mit einem Anflug von Muth den einen Arm in die Seite und hörte ihrem blonden bildhübschen Leopold aufmerksam zu. Der Heimgekehrte erzählte seine Erlebnisse. Er sah recht krank und geschwächt aus, aber kleinlaut war er doch nicht, und seine ausdrucksvollen Augen schauten sogar lustig darein, während er sprach.

„Und der Italiener?“ fragte eifrig der lange Laternanzünder, der eine Schramme über das ganze Gesicht hatte.

„Ah! -- he? -- rührt sich der alte Dragoner in Dir endlich?“ lachte der Leopold und schüttelte den langen ölbefleckten Zwillichkittel des hastigen Fragers, als wollte er die Neugierde aus dem Manne noch mehr herausschütteln, dann strich er sich selbstgefällig, den kleinen Finger hochhaltend, seinen schmalen Schnurrbart und sagte nach einer Pause mit fieberhafter Lustigkeit:

„Ja, siehst Du, Laternanzünder, den Italiener, den hab’ ich nur so angeschaut,“ er maß den Mann mit einem spöttisch-mitleidigen Blick von oben bis unten, „dann hab’ ich ihn so um die Mitt’ genommen,“ er nahm dabei einen halbwüchsigen Burschen, der in der Nähe stand, wie ein Bündel unter seinen Arm und hob ihn auf, „und dann hab’ ich gesagt: Wällischer! halt’ Dich zusamm’, jetzt geht’s los!... Der kleinbeinige Italiener hat gezappelt und die Zähn’ zusammengebissen, daß sie gekracht haben, und wie ich ihn so hinüberwerfen will -- na ja, so was fangt ja kein ordentlicher Deutscher -- zu seinem Vorposten, so ein Stücken durch die Luft... da ist die Kugel geflogen kommen und hat mir den Italiener weggenommen... zufällig war halt mein rechter Arm dabei...“

„O Du mein armer Bub! mein Poldl! Jesus, was wird Dein Vater sagen?“ schluchzte Frau Weiß jetzt laut und gab damit das Zeichen, daß die anderen Weiber ihre Schürzen nicht mehr verstohlen an die Augen zu drücken brauchten.

Die Schramme auf dem Gesicht des Laternanzünders war dunkelroth geworden; er räusperte sich, als ob ihm etwas in der Kehle steckte, und fragte dann gepreßt:

„Lang’ im Spital gelegen?“

„Grad’ lang’ genug für ein frisches Blut... sechs Monat!“ „Und was jetzt anfangen?“

„Essen!“ rief der Leopold lachend, und schaute seiner kleinen Mutter gutmüthig-verweisend von unten hinauf in die Augen.

„Freilich -- richtig! -- jetzt bist schon fast zwei Stunden in Dein’ Vaterhaus und hast nicht einmal einen Bissen Brod kriegt. Wart’, gleich wird der Kaffee fertig sein, hast gewiß schon lang’ keinen mehr getrunken, mein armer Bub’!“

Mit ängstlicher Behendigkeit lief die alte Frau hinaus in die Küche, und wie sie die Thüre öffnete, schoben sich die zwei Kinder von der Trockenwiese herein und drängten sich zu dem Heimgekehrten.

„Da schau her! Die Lenerl, mein unmündiger Schatz! Na komm her, Goldfuchs! aber Du bist gewachsen!“

So redete Leopold das größere Mädchen an. Die Lene ließ sich widerstandslos zwischen seine Kniee ziehen, schaute erst forschend in sein bleiches Gesicht, dann nahm sie den leeren Aermel in beide Hände, schüttelte ihn neugierig und sagte nach einer Weile befriedigt:

„Es ist wirklich nichts drin.“

Leopold hob das Kind auf seinen Schoß, fragte, wie es ihm die ganze Zeit ergangen, und plauderte halblaut mit der wortkargen Kleinen. Die Leute gingen allmählich wieder an ihre Arbeit, aber keiner verließ die Stube, ohne daß er dem Heimgekehrten einen guten Rath zu geben suchte. Was half da alles rathen, der Arm war fort.

„Ein Krüppel bleibt halt ein Krüppel!“

„Ja, ja!“ flüsterte die Frau Weiß dem zu, der ihr das in’s Ohr raunte, als er durch die Küche ging.

„Was wird der Vater sagen?“ murmelte sie dann, lehnte sich weiter in den offenen Herd hinein und blies in die Flamme. Das Holz wollte nicht recht anbrennen, der Rauch wirbelte auf und erfüllte die ganze Küche, der alten Frau lief das Wasser immer stärker aus den Augen, je emsiger sie anblies...

Drinnen in der Stube saß die Lene noch immer auf den Knieen des Invaliden, sie drückte ihr ausdrucksloses ebenmäßiges Gesichtchen an seine Schulter und schaute gedankenlos auf ihre Gespielin herab. Die Hanne hatte einen niederen Holzschemel herbeigeholt und sich leise neben dem Heimgekehrten niedergesetzt... durch den Thürspalt zog der Rauch aus der Küche herein und schwamm wie ein durchsichtiger Streifen dem Fenster zu; an die weitoffenen Scheiben schlugen einzelne große Regentropfen, und nur manchmal fiel ein bleicher wässeriger Sonnenstrahl in die Stube. Immer seltener wurden die Lichtblicke und immer hastiger und geräuschvoller strömte der Regen nieder; die Menschenstimmen, die erst so lebhaft durcheinander geschrieen hatten, erstarben draußen auf dem Hofe, denn die Waschfrauen, die bei klarem Wetter vor ihren Thüren hantierten, hatten ihr Arbeitszeug rasch in die dunsterfüllten Küchen geschafft. Nur ein paar Kinder spielten noch mit der knarrenden Stange des Brunnens, als aber ein tüchtiger Regenguß kam, liefen auch die lärmend davon und auf dem Hofe der „blauen Gans“ war es so still, als ob ein Feiertag wäre...

Der Leopold hielt die kleine Lene noch fest in seinem Arm, er legte seine Schläfe an ihren rothen Kopf und lächelte, als er sah, wie die großen kalten Augen sich erst ein wenig verschleierten und dann mit einmal die Lider herabsanken, das eintönige Regenplätschern hatte sie in den Schlaf gesungen... Der Leopold schlief aber nicht ein, obwohl er bewegungslos wie das schlummernde Kind dasaß, seine Gedanken flogen zurück in die eigene Kindheit, zurück in alle die verrauschten Jahre, die er da in dieser Stube verlebt hatte. Das Holz zischte und schnalzte in der Küche draußen genau so wie damals, wenn es nicht anbrennen wollte, und ebenso ausdauernd blies die Mutter immer noch in die Flamme. Die alte Schwarzwälderuhr tickte genau so schwerfällig und einförmig, nur manchmal überhaspelte sie sich, wie eine alte Frau mitten in ihrer gleichmäßigen Rede. Die hochaufgerichteten Betten von Vater und Mutter hatten noch genau dieselbe Höhe, und sein Bett stand dort, als ob es Tag für Tag seiner gewartet hätte... Hinter dem Spiegel, der selbst aus dem vergnügtesten runden Menschengesicht ein grämliches Viereck zog, steckten heute wie immer einige Palmzweige, die paar kleinen Heiligenbilder mit den leeren oder süßlichen Köpfen hingen an derselben Stelle, Tisch, Stühle, Schränke, der ganze Hausrath, den er kannte, seit er zu denken angefangen, stand genau so sauber da wie immer. Alles war wie angenietet, nicht um eine Linie verschoben, nichts fehlte...

Und doch... das kleine Bett, das rechts im Winkel hinter dem Bettschirm -- der mit unzähligen Bildern beklebt war -- stand, das Bett fehlte, und am Fenster saß auch das junge Mädchen nicht, das ehemals in dem Bette schlief... Das feingewachsene Ding mit dem lieben Gesicht und der sanften Stimme saß seit Langem nimmer dort; die fleißigen Hände, die von früh bis Abend fort und fort mit Draht, Seide und Flor herumgewirthschaftet und aus all dem Zeug Blumen geschaffen hatten, welche so schön waren als jene, die aus der Erde wachsen, diese zarten, geschickten Hände waren längst zu Staub zerfallen.... Alles war da, nur die gute kleine Marie und ihr Bett fehlten.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

„Mein gutes Schwesterl! Du hast mich so gern gehabt!“ sagte der Leopold vor sich hin, und er preßte in überwallender Sehnsucht das Kind in seinem Arme fester an sich. Die Lene hob die Lider ein wenig, zog die Glieder an sich wie eine Katze, schmiegte sich enger an die Brust des Heimgekehrten, schluckte zwei-, dreimal, als ob sie trinken würde, und schlief wieder weiter...

Da regte es sich auf der Diele, in der Ecke der Fensternische; es war ein leichtes, kaum hörbares Geräusch, der Leopold wandte den Kopf und lächelte mit einmal freudig, denn ein alter Freund wandelte dort unter dem Sessel der Verstorbenen hin und her. Der alte Kreuzschnabel, der öfter als alle andern Vögel die Federn ablegte, steckte jetzt seinen kahlen Kopf hervor und rief zum Willkomm:

„Zock!... Zock!...“ „Hansel! komm her, Hansel!“ flüsterte der Soldat, „na so komm, ich bin’s ja!“

Der Vogel kam näher, er blinzelte mit schiefgehaltenem Köpfchen hinauf, ließ das durchsichtige Lid über das perlenrunde Aeuglein fallen, hob es wieder und ging dann würdevoll heran bis zu dem Heimgekehrten. Er wetzte sich den Schnabel an der Stiefelspitze, die ihm Leopold entgegenschob, hüpfte dann auf den Fuß und sang ein kurzes Stücklein, dann flog er auf den Stuhl in der Fensternische und endlich auf das Fensterbrett, dort sträubte er seine zerzausten Federn, blinzelte gegen den Himmel, sang wieder seine Weise und schloß mit dem abgehackten Zock-Zock! --

Gedankenvoll schaute der Leopold dem zahmen Thier nach, als sich aber der Vogel aufschwang und durch die Luft flatterte, hinaus in’s Freie, da lief ein Zittern durch den verstümmelten Menschenleib, der Armstumpf zuckte... erhob sich einen Augenblick... und eine unaussprechliche Hoffnungslosigkeit legte sich über das abgemagerte Gesicht, umhüllte schier mit einmal die müde junge Gestalt, und ein anklagender Wehlaut riß sich gleichsam von dem traurigen Herzen los...

Unbeachtet saß die kleine Hanne immer noch neben dem Manne, sie hatte jeden Blick und jede Bewegung des Heimgekehrten verfolgt, jetzt bewegte sie sich zum erstenmal, zupfte schüchtern an seinem leeren Rockärmel und wisperte mit einem fürsorglichen Blick auf die schlafende Lene:

„Mußt nicht so traurig sein, Herr Lepold, der Kreuzschnabelvogel sitzt nur da drüben, oben, dort neben dem Rauchfang, ich hol’ ihn schon gleich wieder herunter. Mußt nicht traurig sein, ich bitt’ Dich!“

Das schwache Geschöpflein hockte so klein neben ihm und lispelte die kindischen liebevollen Worte so leise, daß er es eigentlich erst recht beachtete, als es durch die Thüre hinausschlüpfte und noch einmal wie zum Abschied zurückblickte nach ihm... Es überkam ihn da eine unklare Erinnerung an einen ähnlichen Menschenblick... ein verschwommenes Bild tauchte auf... Er hatte einen solchen Blick gesehen, aber: Wo?... wann?... fragte er sich.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

„Na ja, das haben wir jetzt davon!“ grollte draußen in der Küche eine rauhe verbissene Stimme, „der Kerl, der baumstark fortgegangen ist, kommt jetzt so heim -- jetzt können wir wieder anfangen beim Auffüttern!“

Frau Weiß weinte laut und blies dazwischen in die Flamme. „Der Laternanzünder hat mir die Neuigkeit bei dem Werkstattfenster hineingeschrieen -- da hab’ ich den Hammer hingeschmissen und --“

„Aber Mann! Mann! ich bitt’ Dich um Gotteswillen!“ wimmerte das Weib, hob die gerungenen Hände zu dem Schlosser auf und zeigte mit dem Kopfe nach der Stubenthüre.

„Der Erste als Soldat im Krieg liegen geblieben -- und verreckt wie ein armes Stück Vieh in einem Straßengraben; das Mädel, die Zweite, ausgelöscht wie eine Groschenkerzen -- jetzt der Dritte, der Letzte! -- Himmelherrgott! --“

Zitternd und weinend hob die Alte wieder die Hände auf bis zu dem wetterleuchtenden Gesicht ihres Eheherrn. Er hatte die großen Fäuste in den Brustlatz seines rußigen Schurzfelles gesteckt und drückte sie nun gegen die breite Brust, daß es krachte und knackte; er suchte nach milderen Worten, um sein Weib zu beruhigen, stieß aber nur voll schmerzlichem Ingrimm heraus:

„Jetzt fünf Kreuzer -- alle Tag -- he? -- für unsern Buben -- der ein ehrliches Handwerk gelernt hat! -- oder einen Leierkasten? -- Was gefällt Dir besser, Alte?! --“ „Ja... ja...“ flüsterte die Frau überzeugt, trocknete sich die Augen und fachte dann wieder mit der Schürze das Feuer an, das immer noch nicht brennen wollte.

Bei dem ersten Laut der rauhen Männerstimme steckte der Leopold den Kopf vor und horchte mit einem Ausdruck der Freude, allmählig jedoch wurde sein bleiches Gesicht röther und röther, die Adern auf der Stirne wurden sichtbar stärker und sein Oberkörper bewegte sich unruhig hin und her. Als aber nun sein Vater von der Zukunft sprach, krampfte sich die Hand des Soldaten zusammen und er ließ das Kind aus seinem Arme auf den Boden gleiten.

Die Lene stand mit verschlafenen Augen und verdrießlich-verzogenem Munde da, blinzelte den Leopold von der Seite an, rieb sich die Arme vom Ellenbogen ab mit beiden Händen und gähnte. Der Heimgekehrte schob sie trotz des schlafsüchtigen Gehabens beiseite, stand jählings auf und wollte hinaus... da flog die Thüre weit auf, bis zurück an die Wand, und die breite ungeschlachte Gestalt des Alten stand auf der Schwelle.

Lautlos schauten sich Vater und Sohn in die Augen, und es hätte sich Keiner so schnell gerührt, wenn nicht hinter dem Schlosser das vergrämte Gesicht der alten Frau aufgetaucht wäre, durch seinen Arm hindurch nickte und winkte sie bittend ihrem Sohne zu. Als der Leopold die verweinten Augen seiner Mutter sah, wich das heiße Blut langsam aus seinen Wangen zurück und mit gepreßter Stimme sagte er:

„Grüß’ Gott, Herr Vater!“

„Grüß’ auch Gott!“

„Da bin ich halt wieder.“

„Ich -- seh’s!“

„Ich mein’, Herr Vater, ich hätt’ einen guten Willkomm’ verdient,“ murmelte der Leopold und behielt seinen Vater fest im Auge.

„Meinst’?“

Der Arbeiter ging hin und reichte seinem Sohne die Hand, doch als er sie schüttelte schaute er zum ersten Male scheu und mit gewaltsamer Anstrengung auf den leer herunterbaumelnden Aermel... Er schwieg, aber sein grauer Bart, der das Gesicht frei ließ, beinahe aus dem Hals wuchs und von einem Ohrläppchen bis zum andern ging, bewegte sich heftig. Der Bart rührte sich, weil der ganze Unterkiefer nicht zu halten war, weil er so selbstständig wackelte, als ob der trotzige Mann keine Gewalt mehr hätte über diesen widerspenstigen Theil seines Körpers... Der Bart zitterte noch immer verrätherisch, als der Alte in einem fort nach dem Aermel sah und voll bärbeißigen Mitleidens sagte:

„Schaust elend genug darein --“ Er langte nach der Medaille, die an der Brust seines Sohnes hing, und fragte: „Haben sie Dir das Blech da gegeben für Deinen verlorenen Arm? -- Wirst +damit+ die Alte erhalten, wenn ich nimmer weiter kann? --“

„Aber Vater!“ wehrte der Leopold erschüttert ab, „was bleibt denn, wenn auch das nichts gelten soll?“

„Was bleibt? --“ er schlug auffahrend mit der Faust auf den Tisch und schaute ingrimmig in das verstörte, erbleichte Gesicht des Andern: „Was bleibt?! Lüg’ Dir nicht selbst was vor, so wie die Euch was vorlügen, die den Firlefanz erfunden haben -- Dein Armstumpf bleibt, gar nichts sonst! --“

„Zock-Zock!“ rief der Kreuzschnabel drüben auf dem Hausdach, dann steckte er sein Köpfchen unter die nassen Flügel und machte keinen Versuch mehr heimzukehren.

„Jetzt werd’ ich übermorgen zweiundsiebzig Jahre alt; seit meinem zwölften Jahr hab’ ich alleweil meinen Hammer auf einen fremden Ambos fallen lassen, war alleweil Gesell’, hab’ alleweil redlich gearbeitet für mich und meine Leut’ -- für Dich auch mit! -- Und jetzt? -- Wenn ich fragen thät: „Was bleibt?“ -- He?! -- Du! -- Du -- der mir so heimkommt.“

Durch die Thürspalte zog sich der Rauch wieder viel stärker in die Stube und schwamm dem Fenster zu, draußen blies und pustete das Weib noch immer in das glühende Holz, daß ihr die Augen übergingen. Ein- über das anderemal schlich sie zu der Stubenthüre und horchte ängstlich, denn sie kannte den zornigen ungleichen Schritt ihres Mannes, der drinnen auf- und niederging, sie kannte die fieberisch-bewegte Stimme ihres Kindes und wußte, daß der Alte noch weit weg von seiner guten Stunde war.

Die kleine Lene stand hinter dem Stuhl, auf welchem früher der Leopold gesessen hatte, sie stützte das runde Kinn auf die Sessellehne und schaute mit neugierlosem Gleichmuth in das Gesicht des zürnenden Hausherrn. Als er plötzlich den rothen Kopf erblickte, schwieg er überrascht, in der nächsten Minute aber wendete er sich zu dem Kinde, die Lene war ihm ja ein willkommener Anlaß, tüchtig weiter zu wettern, denn schreien mußte er nun einmal, wenn er zornig war, oder wenn ihm etwas weh that, was er nicht zugestehen wollte. Daß er sich bei einem Herzeleid doppelt grimmig anstellte, das wußten alle Leute in der „blauen Gans“, darum kam ihm zu solchen Zeiten keiner in die Nähe als sein Weib. Auch jetzt fuhr er grollend auf das Kind los:

„Was willst Du da? -- Bei Zeiten tagdieben lernen?“ -- er nahm die Kleine bei einem Arm und drehte sie wie einen Kreisel zur Thüre hinaus. „Marsch! zu Deiner Mutter hinüber!“ --

Dem Leopold ging die harte Behandlung des Kindes nahe, er rückte den Sessel geräuschvoll fort, trat an das Fenster und schaute der Lene nach. Die Kleine patschte gleichgiltig, ohne sich umzusehen, durch die Regenpfützen über den langen Hof. Als er so hinausstarrte, blendete ihn etwas in der Luft, und wie er aufblickte, guckte das weiße Gesichtchen der Hanne drüben aus der Dachluke und ihre kleinen Hände winkten ihm tröstend und beruhigend zu...

„Was hat das Kind nur? Es stellt sich an, als wollte es heraus auf das Dach kriechen,“ dachte der Leopold und erwischte sich dabei, daß er es vor sich hin gesprochen hatte, denn der Alte hielt in seinem Hin- und Wiederwandeln inne und schaute auch hinaus in die Luft.

Der Heimgekehrte lehnte sich mit einer Schulter an das Fensterkreuz und blickte empor zu den hastig treibenden Wolken. Er war wie zerschlagen, so müde, so traurig, wie sollte es in Zukunft werden, wenn schon der Tag, an dem er heimkam, so anhub... Immer wieder glitten Schatten über sein junges Gesicht, es wurde dunkel und hell, starr und bewegt, je nachdem droben die verschwommenen geisterhaften Gebilde über den bleifarbenen Himmel eilten. Die Wolken ballten sich zusammen zu menschenähnlichen Gestalten, sie schleppten dunkle und helle Gewänder hinter sich her... und jetzt jagten gar gespenstige Rosse da oben, und der Leopold dachte:

„Vielleicht ist wirklich was dahinter und es geht droben so wild zu wie drunten, nirgend giebt’s eine rechte Ruh!“...

Der Schlosser ging noch immer in der Stube auf und nieder und schielte über die Achsel nach seinem Sohn, plötzlich fragte er:

„Aber stumm bist Du doch nicht worden? -- He?!“

„Glaub’ nicht.“

„Warum redest Du also nicht?“

Wie leiser Spott klang es zurück: „Bis jetzt hat der Herr Vater hübsch viel zu reden gehabt.“

„Jetzt bin ich fertig.“ --

„Schon?...“ „Ja!“

„So!“ Der Soldat schaute ziellos in’s Leere und über sein hageres Gesicht flog ein Lächeln, das nur ein klein wenig in den Mundwinkeln weilte und dann erstarb, um jenem traurigen Ausdruck Platz zu machen, der öfter und öfter wiederkehrte.

„Sie haben mich jetzt die ganze Zeit angeschaut und mich behandelt und zu mir geredet, als ob ich recht was Niederträchtiges gethan hätt’... ich mein’ aber, wenn Einer von uns Zwei schimpfen oder klagen dürft’, so wär ich der... oder etwa nicht?“

Der Alte hustete sehr laut, räusperte sich, öffnete die Küchenthüre und spuckte hinaus, er schaute nicht auf und gab keine Antwort.

„Aber was hilft da alles schimpfiren und lamentiren,“ fuhr der Leopold fort; er zeigte nachlässig mit einer gewissen Vornehmheit nach dem alten Schubladenkasten, auf welchem die bescheidenen Schaustücke und Prunktassen rund um den vergoldeten Christus standen. Mit übertriebenem Ernst sagte er:

„Dort stehen noch die alten Kaffeeschalen von der Großmutter-Zeit her, sind alleweil dort gestanden, ist ihnen kein Henkel abgeschlagen worden... Warum lobt denn der Herr Vater die alten Schalen nicht dafür, daß ihnen nichts geschehen ist, weil halt die Frau Mutter allezeit fein Obacht gegeben hat auf das gebrechliche Zeug?“

Der Schlosser schaute seinen Sohn verdutzt an, dann nahm er im Vorbeigehen eine der Kaffeetassen in die Hand, blickte wieder diese genau an und stellte sie nach einer Weile ungewöhnlich behutsam auf ihren Platz.

„Ja, schau der Herr Vater die Dinger nur an... Die Frau Mutter hätt’ halt mitgehen sollen mit mir und fein Obacht geben auf mich, nicht wahr?... Vielleicht hätt’ sie auch die Kugeln in der Luft auffangen können, daß mich keine erwischt hätt’, gescheidter aber wär’s gewesen, sie hätt’ mich alleweil z’haus auf den alten Schubladkasten gestellt und selber abg’staubt, da wären an mir wie an den alten Kaffeeschalen... gewiß alle zwei Henkeln ganz geblieben!...“

Die Bitterkeit und der bewegte ernste Ton schwanden immer mehr aus den Worten des Invaliden und langsam schlich sich der frische lustige Laut ein, in welchem er früher zu den Nachbarn gesprochen hatte. Der Alte horchte hin, kraute sich hinter den Ohren, zuckte die Achseln eine nach der andern und fragte dann halblaut mit der Stützigkeit, die innerlich an demselben Gedanken überzeugungslos festhält: „Ja! -- Aber -- was bleibt? -- Was bleibt?“