Unsere Nachbarn: Neue Skizzen

Part 6

Chapter 63,837 wordsPublic domain

Herr Blank schlug den Gottfried auf die mageren Schenkel, ganz leicht nur, er berührte ihn kaum, und hob immer die Hand bis an die Schulter nach jedem Schlag: „Sie haben gelebt, ich habe gelebt... ich habe bei Zeiten geheirathet, und habe so ein schweres Loos gezogen... ich bin sehr unglücklich!“ wimmerte er pathetisch, „aber man trägt sein Schicksal mit Anstand ... Ah, ich habe noch Stimme und bin rüstig... Sie sehen übel aus!... Heirathen Sie auch!... He?! Was halten Sie davon.“

„Ich soll heirathen?“ fragte Gottfried verwundert.

„Ja, junger Freund, Sie und gerade Sie,“ Herr Blank schwieg, als suche er nach einem rechten Wort, dann fuhr er plötzlich auf den Kranken los und sagte mit tiefer Stimme: „Die Babette sollen Sie heirathen!“

Der Gottfried hob den Kopf langsam immer höher, dann schaute er auf den Sänger mit zornigen Augen nieder und seine dünnen Lippen zogen sich immer wieder schmal über die Zähne. Nach einer Weile sagte er:

„Ei, Herr Blank, das ist ein sonderbarer Scherz.“

Der Hausherr hatte während der Zeit gebückt dagesessen, und erst als die Stimme des Kranken verklungen war, schaute er mit verstohlenen Blicken prüfend in das Gesicht des Mannes, und als er da nur wieder die erschlafften Züge fand, rief er scherzend und übersprudelnd:

„Das ist aber mein Ernst, junger Freund, mein ernstester Ernst. Sehen Sie, Sie sind ein schwacher Mensch, Sie brauchen Pflege, immer Pflege... Und dann, sehen Sie, sind wir schon Alle so zusammengewöhnt da in dem neuen Haus! Mir wäre leid, wenn ich Sie fortziehen lassen müßte... und das müßte ich, denn... hm-eh-heh! nehmen Sie mir das nicht übel... aber die Frau Blank kann doch, wenn der Herr Blank abwesend ist, nicht mit Ihrer Wirthschafterin, der Jungfer Babette, verkehren, oder, na, Sie verstehen mich doch, mit dem jungen Herrn Gottfried allein... Sie begreifen?“

„Ich begreife immer mehr,“ erwiderte der Herr Gottfried heiser und schaute dem lächelnden Mann starr in die Augen.

„Tra-la-la-lah!... ganz rauh. In vierzehn Tagen singe ich in Petersburg an der Oper, ich wollte, Sie könnten mich hören. Also entschließen, entschließen, junger Freund, ich habe mich seinerzeit auch entschließen müssen. Sie verstehen? Jeder muß einmal daran! Leider, leider. Tra-la-la-lah!... Hm-he-eh!... Du Balg, Du wächst auch in die Höhe.“ Der Hausherr kniff die Augen zusammen und schaute die Liese vom Kopf bis zu den Füßen an. „Aber hübsch wird das Unkraut,“ flüsterte er dem Kranken zu und ging trillernd in das Zimmer seiner Frau.

„Jetzt ist mir Alles klar -- das unglückselige Weib --“ stöhnte der Herr Gottfried, und dann bekam er einen Hustenanfall, als sollte es ihm die Brust zerreißen.

Wort für Wort erzählte am Abend die Babette das Gespräch der beiden Männer ihrer Freundin, der alten Therese. „Woher sie das nur weiß,“ fragte sich die Liese verwundert. Die Therese erzählte die Geschichte, freilich mit Zusätzen, weiter und alle schwatzten sie nach.

In der „blauen Gans“ fanden Weiber und Männer, daß der Herr Blank ein sehr gescheidter und guter Mensch sei, nur die Frau Weiß wisperte der Laternanzünderin zu:

„Warum hat er die Anna geheirath’, wenn er gewußt hat, daß sie ein bis’l verrückt ist. Ein Lump bleibt ein Lump, und das arme Mädel hat halt viel Geld gehabt.“

Der Laternanzünder warf sich in die Brust und erklärte eingehend, daß auch aus einem verschuldeten Offizier noch ein sehr ordentlicher Mann werden kann, er habe das öfter erlebt bei der Schwadron seinerzeit, und so hätte auch der Herr Blank vernünftig geredet und gehandelt in dem vorliegenden Fall. Er wurde sehr weitschweifend und schloß seine Rede mit den Worten:

„So mein ich. -- Wenn auch der Gottfried ein schwacher Mensch ist, von dem niemand was zu fürchten hat, so gehört sich doch alleweil was sich gehört. Die Babett’ ist eine tüchtige Person; daß sie arm ist, das macht nichts, und wenn sie jünger wär’, so wär’ sie auch dümmer -- alsdann soll der Herr Gottfried die Babett’ nur heirathen.“

Manchmal konnte ein denkender Mensch glauben, daß die Beschlüsse, die in der großen Waschküche gefaßt wurden, die Urtheile, welche sie da aussprachen in ihrer Einfältigkeit, gleich Mehlthau in die gesunde klare Luft hinaus schwämmen und sich erdrückend auf Herz und Hirn Jener legten, die in dem Kreise lebten.

„Er soll heirathen!“ war und blieb das Schlagwort, und Alle kümmerten sich plötzlich um den guten Ruf der alten Jungfer und der Frau Anna und thaten, als ob die Babette herübergehörte in die „blaue Gans“, und als ob ihr ein großes Unrecht zugefügt würde, wenn sie der „schwache Mensch“ nicht zur Frau nähme. Die Babette lief den geschlagenen Tag hinüber und herüber und wußte Jedem in der „blauen Gans“ etwas Erfreuliches zu sagen und über ihre eigene Quälerei mit dem Kranken zu klagen.

So gingen Wochen hin und die Koffer des Herrn Blank standen schon, mit Wachstuch bedeckt, in dem Garten, zum Aufladen bereit.

„Wann laßt sie ihn denn endlich reisen, die Seinige, den armen Mann?“ fragte die Spitalwärterin entrüstet.

„Nach der Hochzeit,“ erwiderte die Babette geziert und wurde puterroth.

„Na, alsdann! endlich!“ rief die alte Therese befriedigt und trug die Neuigkeit rasch weiter.

Es blühte und duftete schon im Garten und die Frau Anna konnte wieder unter den Fliederbüschen sitzen mit der Liese. Herr Blank lief freilich ungeduldig vor ihr hin und her und wurde erst gesprächig, wenn die Jungfer Babette den Gottfried brachte und alle Viere beieinander saßen. Die Haushälterin hatte nicht ein graues Haar mehr, sie waren alle braun geworden.

Besonders lieblich war der junge Garten, wenn das Lampenlicht die zart-grünen Sträucher im Umkreise noch heller färbte und die weißen Blüthendolden noch schärfer dufteten als am Tage, da waren dem Kinde die andern Menschen zuviel, es lehnte den Kopf an die Kniee der jungen Frau und beobachtete all’ die Käferchen und Mücken, welche um die Glasglocke schwirrten.

„Warum mag wohl die Jungfer Babett’ heut gar so hergeputzt sein,“ dachte sich die Liese an solch’ einem milden duftgeschwängerten Abend.

Die Haushälterin hatte ein rosenfarbenes Kleid angelegt und sprach viel lauter und mehr, wie an den früheren Abenden, dafür lehnte der Gottfried wie ein Sterbender in seinem Stuhl, und die Frau Anna schaute ängstlich von Einem zum Andern. Als die Weingläser abgeräumt waren, kam das alte Stubenmädchen und brachte eine große, dampfende Schüssel sammt vier Gläsern.

Der Herr Blank stand auf, nahm eine würdevolle Haltung an, drehte den Kopf nach rechts und links, füllte die Gläser, reichte mit einer feierlichen Verbeugung Jedem eines, drückte die Wange an seinen Halskragen, räusperte sich, hob das Punschglas, salutirte damit und sagte, als ob er zu Jungfer Babette redete:

„Eine Braut bringt dem neuen Hause Glück!... Meine Herrschaften thun Sie mir Bescheid, auf daß es einen langen, friedlichen Ehestand gebe. Aennchen, morgen ist die Hochzeit des Herrn Gottfried mit dem Fräulein Babette Schmied, Du bist Brautmutter,“ er lachte, daß es ihn schüttelte, „und ich schon seit langer Zeit Beistand...“

Frau Anna nickte freundlich und reichte ihre schmale Hand über den Tisch dem Gottfried entgegen. Er faßte sie und küßte sachte die feinen Finger.

„Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück,“ flüsterte die junge Frau der alten Braut zu und wickelte ihre Hände in das dünne Tuch, das sie um den Hals geschlungen trug und dessen Enden in ihrem Schoß lagen.

„Morgen nach der Hochzeit reise ich ab, Aennchen, Du bist jetzt nicht allein, Herr Gottfried bleibt bei uns, seine Braut hat heute schon in seinem Namen den Miethkontrakt auf vier Jahre abgeschlossen... Ich weiß Dich jetzt in guten Händen... und kann reisen, mein Weibchen, ohne Sorge, nicht wahr?“

„Reisen? ach ja!“ erwiderte sie verwirrt und tonlos und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Da kam ein Nachtfalter angeflogen, er schwebte um die Lampe, kam der Flamme immer näher und näher, bis er von der Hitze betäubt in die Glasglocke fiel und mit halbversengten Flügeln drinnen herumflatterte. Alle sahen dem Falter aufmerksam nach, Gottfried aber stützte die Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf die gefalteten Hände und stierte auf das sterbende Thier, das sich noch Mühe gab davonzufliegen.

„Er ist zu schwach,“ sagte er leise und ließ die Ellenbogen vom Tische gleiten.

Da nahm Anna den Falter aus der Lampenglocke und hielt ihn mit ihren feinen Finger mitleidsvoll an dem Flügel.

„Kann nimmer fliegen,“ schrie die Babette, „ist schon halb todt; Flügel ausreißen, dann geht es schneller.“

Ihre plumpe Hand griff hinüber und packte das Thier.

Frau Anna zitterte am ganzen Leibe, sie schaute das derbe Weib furchtsam an und klammerte sich unter dem Tisch an den Rock der Liese. Als die Babette darauf den Arm ihres Bräutigams ergriff und ihn über die Treppe schleppte, sagte die Liese weinerlich:

„Wenn der Flügel hätt’, wie der Nachtvogel, sie thät’s ihm auch ausreißen, die Hex’.“

Er hatte aber keine Flügel, er ließ sich am nächsten Morgen in die Kirche zum Altar schleppen und sagte wie Einer, der im Traume spricht: „Ja...“, dann fuhr er mit seiner Frau und dem Ehepaar Blank wieder heim. Als sie durch die Hausthüre gingen, wollte die Frau Gottfried der Frau Anna um den Hals fallen, aber die schaute sie nur groß an, trat zur Seite und ging schnurgerade in ihr Zimmer. Einen Augenblick blieb die Babette verdutzt und schweigend stehen, als aber der Hausherr kam, lief sie ihm entgegen und fiel ihm an die Brust; er hielt sie auch fest, tätschelte sie auf den Rücken und flüsterte ihr etwas in’s Ohr, daß sie hell auflachte...

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Die Körbe und Koffer waren aufgeladen und davon geführt. Der Herr Blank stand mit einer schottischen Reisemütze auf dem Kopf und den Körper vielfach mit einem großen buntgestreiften Tuch umwickelt in seinem Salon und gab seiner Frau gute Lehren, wie man sie etwa einem kleinen Mädchen giebt.

„Alle werden auf Dich sehen, unsere alte Josefa und die Frau Gottfried, und wenn Du etwas brauchst, wofür Euer Weiberverstand zu kurz ist, so wende Dich nur an ihn, er ist freilich ein schwacher Mensch, aber es ist doch ein Mann im Hause.“ Er umarmte sie, drückte sein seidenes Taschentuch an die Augen und stürzte davon, als ob er den Trennungsschmerz abkürzen wollte.

Droben aber im ersten Stockwerk ging ein wankender Schritt auf und nieder... den ganzen langen Tag und die halbe Nacht. Zuweilen horchte die blasse Frau unten, und der Mann oben lauschte auch, und als er um Mitternacht das Fenster öffnete und sich weit hinausbeugte, da vermeinte er eine klagende Stimme zu hören, die in die Nacht hinausweinte und immer wieder rief:

„Mein Mann, wo ist mein Mann? mein Mann!“

Die Frau Gottfried allein schlief glücklich und zufrieden in ihrem Zimmer, und als ihr der Diener am nächsten Morgen sagte, daß der Herr Gottfried die Nacht hindurch nicht geschlafen habe und beinahe die halbe Nacht gehustet, erwiderte sie geziert:

„Warum verderben Sie mir den heutigen Morgen. Ich weiß es ja, mein guter Mann ist ein armer, schwacher Mensch.“

Mama muß tanzen.

Nur den Sommer über kroch der Gottfried am Arme seiner Frau herum, und die Liese sagte, bis zum Herbst, wenn der Herr Blank heimkehre, wollten sie alle miteinander abreisen nach Italien. Der Herr Blank zögerte aber mit der Heimkehr, und im Spätherbst reiste der Gottfried allein ab... ganz allein... Der arme schwache Mensch flüchtete sich an einen stillen Ort, wo ihm weder Seele noch Leib mehr weh thun konnte...

Als er oben in seiner Stube aufgebahrt lag, schrieb seine Frau einen langen Brief nach Petersburg an den Herrn Blank; er möge jetzt schnell kommen, sagte sie ihm trocken, die Krankenwärterei sei für sie zu Ende, sie sei nun eine reiche Frau und wolle endlich das Leben genießen.

„Ist halt alleweil eine „bescheidene“ Person, die Babette,“ meinte die alte Therese, als sie die brühwarme Neuigkeit, welche sie aus dem Munde der trauernden Wittwe erhalten hatte, in der großen Waschküche mittheilte.

Bei dem Begräbniß ihres Gatten war die Frau Gottfried das letztemal eine freundliche Nachbarin, schon am nächsten Tag steckte sie ein anderes Gesicht auf, und das merkten die Leute in der „blauen Gans“ rasch und hielten sich auch danach. Die Frau Gottfried hatte eine zwei Ellen lange Schleppe an ihrem Trauerkleid, von ihrem Hut hing ein Flor nieder, der so weit und so lang war, wie ein Mantel, und oben auf dem Hut wackelte ein ganzer Büschel schwarzer Straußfedern.

„Heut’ ist die Alte oben beim „Laternanzünderhäus’l“ vorbeigerauscht, daß alle meine Oellamperln g’scheppert haben, ich hab’ g’meint, es ist eine große Cavallerie-Leich’ und das Trauerpferd ist wild worden, derweil schaut die Babett’ sich um und ich erkenn’s erst!“ spöttelte der Laternanzünder.

Die Wittwe ging den kritischen Nachbarn nicht mehr lange unter den Augen herum, in aller Gottesfrühe packte sie einmal ihre Habe auf und fuhr davon, kein Mensch kümmerte sich, wohin; es wurde geschimpft und gelacht über das hochfährtige Weib, und gefragt, was nun mit der einsamen jungen Frau im neuen Hause geschehen werde.

Die Frau Anna kam fast gar nicht mehr in den Garten, und die Liese durfte nicht mehr zu ihr, einigemal hatte sie das alte Stubenmädchen, die Josefa, fortgeschickt, und nun war das Kind gekränkt und verschüchtert und spähte nur des Abends durch das Gitter nach den Fenstern der Frau Anna, der sie so zugethan war.

Ohne daß jemand etwas davon wußte, kam der Herr Blank des Nachts angefahren und plötzlich am Morgen hörten wir ihn wie ehemals singen und räuspern.

Das Leben ging drüben seinen gewohnten Gang, und es schien, als sollte es auch so weiter gehen; aber da hieß es ganz unerwartet das neue Haus sei verkauft worden und der Herr Blank zöge mitsammt seiner Frau fort.

Als jedoch ein schöner Wagen angefahren kam, mit Kutscher und Bedienten auf dem Bocke, und eine hohe vornehme Frauengestalt ausstieg und sich das ganze Haus zeigen ließ, da wußten die Nachbarn, daß es mit dem Verkaufe seine Richtigkeit hatte. Etwa acht Tage später fuhren Alle, welche bis dahin in dem neuen Hause gewohnt hatten, davon. Da konnte es die Liese doch nicht verwinden, als sie die Frau Anna am Gitterthor stehen sah; sie lief hinüber, faßte den Arm der jungen Frau und küßte ihn von dem Ellenbogen bis zum Handgelenk wohl ein Dutzend mal. Die Frau schaute mit stillen leeren Augen auf das Kind nieder und griff dann in die Tasche, da ließ die Kleine den Arm fallen, schüttelte den Kopf und lief, was sie laufen konnte, in die „blaue Gans“; sie hat das Haus nie mehr betreten...

Was in dem neuen Hause war, wurde verkauft, drei Tage lang schacherten Juden und Christen miteinander um jedes Stück, Alles wurde herumgezerrt, durchstöbert und davongeschleppt, sogar das rosenfarbene Himmelbett der Frau Anna, das die Liese heute noch nicht vergessen hat...

* * *

Das neue Haus lag wieder stumm und verlassen da...

Zuweilen wurde in der „blauen Gans“ noch von den früheren Bewohnern gesprochen, und die alte Therese wollte im Krankenhause erfahren haben, daß die Frau Anna im „Narrenthurm“ sei und der Herr Blank in Rußland. Niemand glaubte recht daran, denn von der langen und vielen Vorleserei wußte die alte Krankenwärterin wirklich öfter nicht, was sie erlebt und was sie nur gelesen habe.

Als nach Monaten wieder Wagen mit Hausgeräth und wohlverpackten Möbeln ankamen, gab es lange nicht mehr so viel Aufpasser und arges Gerede, wie bei dem ersten Einzüge. Wenn die neuen Bewohner sich in dem Vorgarten sehen ließen, wurden sie freilich von Weitem gemustert, und dann wurde zurechtgelegt, wer die allenfalls sein könnten.

In dem neuen Hause wurde es aber auch jetzt viel lustiger als früher, wo es öfter einem Spital glich, wenn sich der arme schwache Mensch im Garten herumschleppte. Jetzt spazierte gleich in den ersten Tagen ein kleines liebliches Mädchen mit der schönen großen Dame herum, und fragte, lachte und sang, daß es eine Freude war. Das Kind war wie eine Wachspuppe anzusehen und trug kurze Kleidchen aus Sammet und Seide und hatte Stiefelchen, wie sie die Vorstadtjugend nur vom Hörensagen kannte, und Strümpfe, die sich ansahen, als ob sie die nackte Haut selbst wären. Die Frau aber erst! die war größer, als alle anderen Frauen und hatte ein sonderbares Gesicht. Die kohlschwarzen Augenbrauen liefen über der Nase zusammen in einen feinen dunklen Strich, das sah man zu allererst, wenn man sie erblickte. Ueber der niederen Stirne lag eine ganze Krone von schweren glänzenden Zöpfen, die waren fort und fort um den kleinen Kopf gewunden und hingen noch lang in’s Genick. Von dem Schläfenende bis an das Ohrläppchen herab zog sich ein dünner schwarzer Flaum, so wie der Bartanflug bei jungen Burschen, und ebenso lagen über der vollen Oberlippe blauschwarze Härchen wie ein scharfer Schatten. Große dunkle Augen schauten gleichsam aus unnahbarer Höhe herab oder hinweg über Alles, was nicht beachtet sein mußte, sie hingen aber mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an einer jeden Bewegung des kleinen Mädchens.

Nach einigen Wochen wurde ein Seitenthor in das neue Haus gebrochen und dort lungerten oft die Diener und Mägde halbe Tage lang herum. Dort stand auch oft der Koch mit seiner breiten weißen Mütze und plapperte mit der französischen Kammerjungfer so laut in ihrer Muttersprache, daß wir es bis herüber hörten, die Mädchen schossen lachend und plaudernd aus und ein; es ging bei der Seitenthüre zu wie in einem Taubenschlage.

In der „blauen Gans“ wußten die Leute noch sehr wenig von den neuen Nachbarn, nur die Roserl, das kleinste Mädel der krummen Waschfrau, die mit uns Thür an Thür wohnte, die erzählte:

„Die große Frau ist eine Frau Baronin und kommt vom Ausland, hat der Pferdbub’ gesagt.“

Die Roserl war verrufen als das schlimmste Kind der „blauen Gans“, wenn etwas zerschlagen wurde, wenn es große Raufereien gab, so war das feingliederige ruhlose Ding stets die Anführerin. Sie hatte auch bald die Bekanntschaft des kleinen Mädchens von drüben gemacht, sie hatte so lange durch das Gitter geschaut, mit sich selbst geplaudert und gelacht, bis die Baronin sie als Spielgenossin zu ihrem einsamen Kinde rief. So kamen nun öfters sehr unglaubwürdige Nachrichten in die „blaue Gans“, und es wurde erstaunt zugehört, wenn die kleine Roserl die Pracht und Herrlichkeit des neuen Hauses schilderte, denn niemand außer ihr hatte gesehen, wie es nun drüben eingerichtet war.

„Jetzt weiß ich Alles von der neuen Hausfrau drüben,“ sagte die krumme Waschfrau, schon während sie hereinhumpelte, dann ließ sie sich schwer auf unser wurmstichiges Kanapee fallen, stemmte die Arme in die Seite und schaute herausfordernd hinüber auf das neue Haus. Meine Mutter schlug die Hände zusammen vor Verwunderung, setzte sich nieder, wickelte die Arme in die Schürze und erwartete die Geschichte.

„Also, daß ich Ihnen erzähl’, also,“ begann die Nachbarin wichtig, „der da drüben ihr Koch, der Franzos, läßt jetzt seine Wäsch’ bei mir putzen -- Ist ein sehr nobler Mann, hat lauter Tellerkrauseln an seine Hemdärmeln.“

„Was Sie sagen!“ flüsterte meine Mutter überrascht und rückte näher mit ihrem Sessel, die krumme Frau holte tief Athem, lachte boshaft und fuhr erregt fort:

„Alsdann, daß ich Ihnen sag’, der Koch hat meiner Aeltesten erzählt, der Sali -- sie hat ihm sehr gut gefallen, sehr gut! -- daß der Baronin ihr Mann eingesperrt ist, ich bitt’ Ihnen, eingesperrt! -- Draußen im Ausland -- dort, von wo sie hergekommen ist -- da ist ein Aufstand gewesen, damals halt in der Zeit, wo überall einer war; da hat ihr Mann, der Baron, auch mitgethan und da haben sie ihn gefangt, verurtheilt und eingesperrt.“

„Was wir Alles mit dem neuen Hause erleben, Frau Kathi!“ seufzte meine Mutter, und wurde so melancholisch, als ob der unbekannte Baron ihr nächster Verwandter wäre.

„Ja, wie ich Ihnen sag’! -- Und der „Onkel Euschön“, von dem meine Roserl immer redet, der ist nicht einmal ein Onkel; denken Sie sich das erst! -- der ist nur so Einer, den sie nur hat, daß sie nobel weiterleben kann.“

Meine Mutter saß wie eine reuige Sünderin ganz zerknirscht vor der Frau Kathi. Die Waschfrau humpelte entrüstet durch die Stube, schüttelte die Faust gegen das neue Haus und erzählte in aufgeregtem Tone weiter. Nach einer Viertelstunde, als schon kein guter Ziegel auf dem Dache des Hauses und kein gutes Haar auf dem schönen Kopf der Baronin war, stieg sie die Stufenleiter der Entrüstung abwärts und meinte, daß die Baronin eine sehr „saubere Frau“ sei, daß es ihre Dienstleute sehr gut hätten, und daß da drüben viel für die Armen geschähe, das zeige von einem guten Herzen: „Hab’ ich vielleicht zuviel gered’t, ist nicht Alles so?“ schloß sie erschöpft.

Meine furchtsame Mutter wagte noch nicht einmal beistimmend zu nicken; sie kannte die Wandlungen, welche die Gefühle und Anschauungen unserer Nachbarin oft ganz unvermittelt durchmachten. Aber die Frau Kathi wurde immer milder, gerührt sprach sie von den schönen Pferden und den feinen Wagen, sie lobte alles über die Maßen, und darauf verstand sich die scharfzüngige Frau, denn ihr oftgenannter Seliger und ihr gleichfalls seliger Herr Vater waren Fuhrleute mit „eigenem Zeug“ gewesen. Nach einer halben Stunde war sie bereits zur Beruhigung meiner betäubten Mutter mit der Baronin ganz ausgesöhnt und beschäftigte sich nur noch mit der Zukunft dieser bedauernswerthen Frau. Das war freilich wieder sehr gefährlich, denn nach ihrer Ansicht müssen „solche Wirthschaften alleweil ein gottverlassenes End’ nehmen“; sie wußte Beispiele zu Dutzenden und fing auch frischweg an zu erzählen. Meine Mutter hatte sich in ihr Umschlagetuch verkrochen und hörte mit stummer Ergebung zu. Mitten in ein solches Dutzendbeispiel fuhr eine kleine Hand... Man sah diese kleine Hand mühsam herauflangen, als sie an die Außenscheiben unseres Kammerfensters klopfte, gleich danach wurde auch ein Büschel steifer Haare so im Flug sichtbar.

„Es ist nur meine Roserl,“ sagte Frau Kathi beruhigend, weil meine Mutter erschreckt aufgesprungen war; „die Ihrige hockt ja die ganze Zeit mäuserlstill im Winkel dort, die hat gewiß wieder was angestellt.“

„Muu-u-terr!... Mu-u-u-terrr!“ schrie es draußen, und ab und zu bekamen wir eine niedere Stirne, zwei kohlschwarze Augen und eine kleine Stumpfnase zu sehen. Die Roserl hüpfte draußen auf ein und derselben Stelle in die Höhe, damit sie hereingucken konnte und gesehen wurde.

„Was giebts?!“ rief die Frau Kathi und drohte ihrem Nesthäkchen mit der Faust, dabei zog sie ein Gesicht, daß die Kleine gleich wieder verschwand und erst auftauchte, als zum zweitenmal gefragt wurde: „Was giebts?“

„Ich... soll... nüber... mit... dem... Baron.. mädel... spielen... hat... die... Mam... mor... sel... g’sagt... weils... kein’... Ruh... giebt... sonst... und... ihre... Maa... maah... muß... tanzen!... darf... ich?“

Jedes einzelne Wort wurde abgebrochen hereingeschrieen, so oft das kleine Gesicht in die Höhe der Fensterscheibe kam.

„Hereinkommen! gleich, sag’ ich! Nein, Du darfst nicht hinüber, heut’ kommt zu uns der Nikolo!“ wetterte die Frau und stampfte mit ihrem krummen Bein auf die Diele.

„Da... nüber... kommt... ein... viel... schön... errer...!“ lachte die Roserl kurz, und weg war sie.

„Sie folgt halt nicht, ich sag’ Ihnen, sie folgt nicht, +ein+ solcher Fratz ist wie der andere in der „blauen Gans“.“

Zwei feuchte Augen spähten aus dem Umschlagetuch nach dem Winkel, wo ich hockte, und meine Mutter nickte sorgenvoll zu mir hinüber. Die Roserl aber stapfte mit ihren großen schiefgetretenen Schuhen über die Straße, hob das kurze zerfranste Röcklein auf, als wäre es eine seidene Schleppe, und trug den Kopf genau so, wie sie es von der Baronin gesehen hatte. So stolzierte sie, ohne sich umzuwenden, durch den kahlen Vorgarten und über die Stufen. Vor der Hausthüre machte sie einen steifen Knix gegen die „blaue Gans“ herüber, schüttelte die Arme übermüthig in die Luft und schlüpfte durch eine schmale Thürspalte in das Haus.