Unsere Nachbarn: Neue Skizzen

Part 5

Chapter 53,882 wordsPublic domain

Zu Mittag kam er stets heim, und wenn er tüchtig gegessen hatte, ritt er am Nachmittag mit seinem Diener aus, und wir hörten ihn oft noch weit aus den Feldern herein singen, so eigentlich schreien. Am Abend kam er auch wieder pustend und trällernd heim, meistens aber fuhr er bald wieder davon, und oft hörten wir noch spät in der Nacht seinen Wagen vorbei rollen, und da klagte mir die Liese manchmal, wenn wir bei der Arbeit saßen:

„Siehst Du, jetzt kommt er heim und weckt mit seiner Singerei und seinem Lärm die arme Frau Anna auf.“

Er brauchte sie aber nicht zu wecken, seine Zimmer waren rechts und ihre links im Erdgeschoß, das obere Stockwerk war zur Hälfte unbenützt.

Das stille Haus mochte den Herrn Blank selbst für die wenigen Stunden langweilen, die er daheim zubrachte, und so erlebten wir, daß die halbkahle Josefa einen großen Zettel an das Gitterthor hängte, auf dem gedruckt stand, daß im Stockwerk eine Wohnung zu vermiethen sei.

„Du mußt mehr Leben im Haus haben, wenn ich nicht bei Dir sein kann, Aennchen,“ sagte Herr Blank zu seiner Frau, die nachsinnend zu ihm aufblickte.

Lange Zeit hing der Zettel im Regen und Sonnenschein draußen und kein Mensch kümmerte sich darum, endlich aber kam ein hagerer junger Mann mit einem dicken Frauenzimmer, das den Hut mit hellgrünen Federn vollgesteckt hatte, einen himmelblauen Sonnenschirm und eine grellrothe Mantille trug. Die Beiden sahen sich Alles genau an, sprachen wohl eine Stunde mit dem Herrn Blank, der sehr lustig war und während der Zeit, als er die Beiden von Gemach zu Gemach führte, nur manchmal leise sang. Dafür schrie er später um so mehr. Er kam trillernd zu seiner Frau und sagte ihr:

„Der kranke junge Mann heißt Gottfried, und das Frauenzimmer, welches ihn begleitet hat, ist seine Haushälterin Babette. Er braucht gesunde Luft und Ruhe, er wird +uns+ nicht stören und wir +ihn+ nicht, ich habe ihm die Wohnung gegeben.“

Damit war alles abgemacht und die Miether kamen schon am nächsten Tag und brachten einen Diener, eine Magd, einen Papagei und die Menge schwerer Kisten und Truhen mit.

Am Anfang war der Herr Gottfried noch sehr krank, da kam er wenig an die frische Luft; doch je wärmer es wurde, desto öfter kam er in den Garten, und immer watschelte die Haushälterin neben ihm her, trug sein Buch, seine Medizinflasche, seinen Ueberrock und seine Fußdecke, die sie ihm über die Kniee breitete, wenn er sich niedersetzte. Die Kinder waren schon neugierig, zu wissen, wie der kranke Herr in der Nähe anzusehen sei, und darum liefen sie alle rund um das Gitter, wenn er in den Garten kam. Die Liese wußte es genau, denn die durfte auch bei der Frau Anna sitzen bleiben, wenn er zuweilen unter den Fliederbüschen Rast hielt. Es war jedoch nichts besonderes zu sehen an ihm, ein seidenweicher blonder Bart hing ihm von beiden Wangen herab, das Gesicht war sehr weiß, die Nase gebogen und so schmal wie ein Messerrücken. Mit der Frau Anna sprach der Kranke immer sehr sanft und halblaut, so als ob Jemand in der Nähe schlafen würde, den er nicht aufwecken wolle. Die Liese hörte die Beiden gern miteinander reden, es klang viel schöner, als wenn der Herr Blank trillerte und schrie; sie sprachen zumeist von Dingen, die in Büchern standen, und das Kind hätte gern viel gelernt.

„Ist die dicke Frau mit dem gelben Schlafrock dem Herrn Gottfried seine Mutter?“ fragte sie einmal ganz verblüfft, als seine stete Begleiterin dahergerauscht kam in einem orangegelben Schlafrock, nach der Uhr sah, ihm die Medizin aufnöthigte und ihn wieder in seine Wohnung führte.

„Nein, mein Liebling, sie ist seine Haushälterin,“ sagte Frau Anna lächelnd.

„Warum denn?“

„Soll er, der Kranke, selbst seine Kleider, seine Wäsche und seinen Tisch in Ordnung halten?“

„Soll halt ein Mädel heirathen!“

Frau Anna schaute die Liese verwundert an, zu ihren Häupten aber lachte der Gottfried ganz laut, er saß am Fenster und hatte Alles gehört.

Bald kam der Kranke jeden Tag in den Garten herab und sagte oft, er habe sich lange nicht so glücklich und gesund gefühlt, wie jetzt in dem neuen Hause, und er bekam auch wirklich rosenfarbene Wangen und in dem glattrasirten Kinn ein Grübchen. Der Sommer ging hin und die Menschen hatten sich alle aneinander gewöhnt. Wenn der Hausherr daheim blieb, so spielte Herr Gottfried Zither und der schreiende Blank sang dazu. Der Liese war das nicht lieb, er hatte eine Stimme, die ihr immer bange machte, sie fürchtete, jetzt und jetzt müsse er zerplatzen, wenn er so dunkelroth im Gesichte wurde, und sie räusperte sich auch immer anstatt seiner, wenn er recht heiser krächzte. An solchen gemüthlichen Abenden konnte Herr Blank sehr viel Bier trinken, und dann erzählte er lärmend, daß er ein berühmter Sänger gewesen sei, daß kaum ein Zweiter so viel Glück beim Theater gehabt hätte als er, nur seiner Frau zu Gefallen, die eifersüchtig wie eine Mohrin sei, habe er das Theater verlassen. Durch die Muße leide aber seine Stimme.

Er probirte nach solchen Reden gleich wieder zu trillern, stützte die Hände auf den Tisch, wenn er stand, drückte die eine Wange an seinen steifen Halskragen, zog die Augen klein zusammen, hielt den Kopf schief und schaute lauernd auf seine Frau hinab.

„Jetzt ist meine Anna vernünftiger geworden. Sie weiß, was sie an mir hat. -- Gelt Du? -- Jetzt läßt sie mich eine Gastspielreise machen. Die Welt soll wissen, daß der Sänger Blank der Sänger Blank geblieben ist!“

Sobald er viel getrunken hatte widerholte er dieselbe Geschichte mit denselben Worten. Frau Anna erwiderte nichts, sie schaute ihn nur manchmal, wenn er sie nicht beachtete, so sonderbar an, als ob sie ihn früher noch nie gesehen hätte. Wenn er aber mit der Haushälterin des Herrn Gottfried sprach, so redete sonst niemand mit. Er sagte ihr Allerlei halb in’s Ohr, was die Andern wohl nicht verstanden haben, denn die Frau Anna schaute still auf ihre Arbeit nieder und Gottfried kaute an seinen Fingernägeln, nur die dicke Babette lachte, daß sie sich schüttelte, und die Liese saß auf ihrem Schemel und dachte über die vier Menschen nach, soweit es mit dem Denken anging.

In der ersten Zeit saß die Babette nie die langen Abende bei der Frau Anna, sie kam nur täglich, seit der Herr Blank sie selbst herbeigerufen hatte, er kümmerte sich damals nicht um die erstaunten Augen seines Weibes, die ihr weißes Kleid ganz nahe an sich zog, als sich das breite Frauenzimmer neben dem Stuhl des Herrn Gottfried zurechtsetzte.

„Die Babette ist eine sehr tüchtige Person, die einen Spaß versteht und den schwachen Menschen gut pflegt; Du brauchst ja keinen weiteren Verkehr mit ihr zu haben,“ sagte Herr Blank, als die Haushälterin den jungen Mann hinaufführte.

Nun aber blieb es so, sie kam jeden Tag herab, jedoch niemals in die Zimmer der Hausfrau. Sie veränderte sich auch immer mehr, sie wurde immer jünger. Das konnte sich die Liese nicht erklären. Mit braun- und weißgemischten Haaren war sie eingezogen, und als es Winter wurde, hatte sie beinahe gar keine weißen mehr; dabei wurde sie sehr schön weiß und roth im Gesichte und war so zusammengeschnürt, daß sie keuchte.

Als der Winter kam, war die Liese nun schon jeden Abend drüben, denn die Frau Huber war viel außer Hause, und wirklich warm eingeheizt wurde es nur in den Stuben, wo der Musikant geigte, wenn er seinen freien Abend hatte, oder beim Nachbar Krippelmacher, wenn die große Arbeit begann, oder wenn die alte Therese, die Spitalwärterin, daheim blieb und die Geschichte vom „ewigen Juden“ vorlas. So viel Leute da in eine Stube hineinkonnten pfropften sich hinein, und die Alte keifte eintönig die langen Buchseiten herunter, nur alle Fremdworte buchstabirte sie halblaut und schrie sie dann heraus, noch lauter als alle andern. Den vorhergehenden Winter hatte sie „die Geheimnisse von Paris“ in die „blaue Gans“ gebracht und damit für die Bildung der Bewohner gethan, was ihr nothwendig schien. Die Kinder schliefen freilich ein, weil es so warm und still war in der Lesestube.

„Wenn man nur wüßt, ob das wirkliche Menschen waren und ob sie noch leben oder schon alle gestorben sind,“ jammerte die Laternanzünderin, so oft die Therese eine Pause machte, weil sie ein wenig „Luftschnappen“ mußte.

Daß die Liese der alten Vorleserin durchging und in das helle warme Speisezimmer der Frau Anna schlüpfte, wurde ihr hart angeschrieben, es wurde als Widersetzlichkeit gegen die Bildungsmission der alten Therese aufgefaßt und als Hochmuth.

„Willst auch mit hinüber, Christel? -- Die Frau Anna ist heut ganz allein,“ flüsterte mir die Liese einmal zu, als die Therese in der großen Waschküche vorlas. Es war so heiß, dumpf und dunkel dort, daß ich meinen schweren Kopf an die Schulter der Liese gelehnt hatte.

„Ei ja!“ zischelte ich, und wir schlichen uns hinaus und liefen vor das Thor.

Das Mondlicht machte den Weg noch viel weißer als er am Tage war, kein Lüftchen regte sich, es war so still, daß wir auf dem weichen Schnee noch unsere eigenen Schritte hörten, in dem neuen Hause rührte sich keine Seele... Langsam taumelten große Flocken von dem weißgrauen Himmel, ich hielt inne, stand mit aufgesperrtem Munde und schaute hinauf, es war alles so schön in dem fremdartigen Licht... Auch der Garten sah sich anders an als sonst, alle Zweige und Zweiglein flimmerten voll von feingezacktem Eise. Es war, als ob Alles aus dem Schaufenster des großen Zuckerbäckers in der Stadt genommen wäre, so zart-durchsichtig, wie mit glitzerndem Glas übersponnen, stand es da, und ganz oben auf jeglichem lag leicht und flaumig der weichgefiederte erste Schnee... Aber es wurde noch schöner! dort wo sie im Frühling immer saß und wo die Liese sie zum erstenmal gesehen hatte, unter den Fliederbüschen, saß wieder die Frau Anna und schaute hinauf in das Mondlicht... Auf ihren blonden Zöpfchen lagen Schneeflocken... Wie weiße Blüthen waren die kleinen Sterne anzusehen... und ein so helles Kleid hatte sie an... Als sie die Liese erblickte ging sie ihr entgegen, stäubte den Schnee leicht von sich ab, nahm die Hand des Kindes und führte sie ohne ein Wort zu reden in das Haus, ein paar Schritte ging ich hinterher, als mich aber niemand rief, kehrte ich um und trabte wieder in die heiße Waschküche.

Nicht lange ist es her, daß mir die Liese nachgrübelnd und mit feuchten Augen die Geschichte also zu Ende erzählte:

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

„Die Frau Anna führte mich in das Speisezimmer, da saß der Herr Gottfried ganz allein, er sprang auf als wir eintraten, wankte wie müde durch das Zimmer, nahm die Hand der Frau und küßte sie oft und oft nacheinander, sie schaute ihn starr an und ließ ihm ihre Hand, aber plötzlich bewegte sie die Finger hastig, als ob sie etwas fortschnellen wollte, und ging ohne Wort und Gruß, mich fest an der Hand haltend, in das nächste Zimmer. Dort setzte sie sich unter das lebensgroße Bild ihres Mannes, der einen Ritterhelm mit einer rothen und einer schwarzen Feder auf dem Kopfe hatte und in einen weißen Mantel zur Hälfte eingehüllt war. Das Bild sah ihm so ähnlich, daß ich fürchtete, es finge zu singen an. Die Frau Anna aber saß da so blaß wie eine Leiche, und starrte hinauf in das lächelnde freche Gesicht...

Draußen wurde die Thüre zugeschlagen und ich hörte deutlich, wie der Herr Gottfried die Treppe hinaufging; auch sie hörte es, denn sie zog mich fester an sich und stand auf, als ob sie mich als Stütze gebraucht hätte.

„Willst Du bei mir bleiben... ich fürchte mich...“ sagte sie ganz leise, und es schüttelte sie am ganzen Leibe.

Ich getraute mich kaum zu antworten und nickte ihr nur freundlich zu. Sie rief das alte Stubenmädchen, schickte es zu meiner Mutter und ließ anfragen, ob die Liese über Nacht hier drüben bleiben dürfe, der Herr sei verreist und es sei ihr bange allein... Das Alles sagte sie so gleichmäßig her, so tonlos, daß selbst die böswillige alte Person sie mitleidsvoll ansah.

Meine Mutter ließ sagen, es sei ihr eine „besondere Ehr’“, ich aber war im Innersten unwillig und doch beklommen, und wäre lieber heimgegangen, als daß ich da neben der bleichen schweigsamen Frau hinging, die mich langsam aber rastlos von einer Stube in die andere führte. Wenn wir bei dem Bilde des Herrn Blank vorbeikamen, erhob sie immer den Kopf, und einmal lächelte sie ihm sogar zu, ihr schönes Gesicht verzerrte sich aber dabei, daß sie mir wie eine Fremde erschien. Stunden mögen hingegangen sein und ich war so müde, und die Hand, welche sie fortwährend in der ihren hielt, war eiskalt und gefühllos; da kehrte sie plötzlich um und ging hinüber in ihr Schlafzimmer. Ich fiel in einen großen Lehnsessel und rieb meine erstarrte Hand. Jetzt aber geschah etwas, das mir vorkam, als erlebte ich ein allerschönstes Feenmärchen.

Das alte Stubenmädchen, die Josefa, kam und brachte mir zuerst sehr viel und sehr feines zu essen, süßes, saures Obst, Backwerk, alles aß ich und trank dazu etwas, das ich früher nie getrunken hatte. Dann kleidete mich die Josefa aus, steckte mich in ein langes weißes Hemd und führte mich in das Schlafzimmer der Frau Anna. Ich durfte mich in ihr Bett legen. Das will etwas sagen! -- in ein Bett aus rosenfarbener Seide und Spitzen und lauter durchsichtigen Vorhängen, die von der Decke herabhingen. Auf den Vorhängen waren große Blumen und Vögel und Schmetterlinge, wenn die nicht weiß gewebt gewesen wären, hätte man glauben können sie seien lebendig. Zuerst getraute ich mich nicht ein Glied zu rühren, so weich und glatt war das Bettzeug; als ich mich aber bewegte, ging es wie in einer Schaukel, zuerst tief hinunter und dann hoch hinauf; ich kicherte in die Federdecke hinein vor Entzücken. Heute noch sehe ich mich in dem seidenen Nest liegen....

Oben sitzt ein goldener Engel, der hält alle Vorhänge in einem goldenen Ring zusammen; vor dem Bette hängt eine weiße Lampe und das ganze Zimmer ist wie vom Mondlicht überflossen. Es ist mäuschenstill, nur die Uhr tickt sachte und oben im ersten Stockwerk geht es immer auf und nieder... auf und nieder... das ist der schlürfende Schritt des Herrn Gottfried... Neben mir sitzt die Frau Anna, ihre Hände liegen auf meinem Kopf und sie schaut mit weit offenen Augen gerade vor sich hin an die Wand... Ich warte und warte, ob die Frau Anna nicht betet, da oben sitzt ja der Engel, und wie daheim fange ich an mein Nachtgebet herzusagen:

„Heiliger Schutzengel mein Laß mich Dir befohlen sein, Beschütze ... beschüt.......“

Da fliegen die Vögel alle durcheinander auf den Vorhängen, die Lampe wird immer größer und ist jetzt wirklich der Mond.... Aber die Blumen, die lösen sich von dem feinen Stoff los und schlingen sich herüber zu mir... sie duften so stark, und die Vöglein, die sich von der einen Knospe auf die andere schwingen und durch die Ranken schlüpfen, die zwitschern und singen... doch dazwischen wimmert eine klagende Stimme:

„Mein Mann!... Wo ist mein Mann?... Mein Mann!“

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ich wurde wach und hörte den ungleichen dumpfen Schritt oben, immer auf und nieder, auf und nieder... ich sah den Kopf der jungen Frau mit den weit offenen Augen, die gerade vor sich auf die Wand schauten, und ich spürte ihre beiden Hände in meinen Haaren. Die Augendeckel fielen mir wieder zu, aber so oft ich munter wurde -- und es muß das oft gewesen sein -- war alles um mich genau so wie früher. Ein paar Mal träumte ich, es hätte jemand einen Schrei ausgestoßen, ich wachte auf, wollte den Kopf heben, aber das konnte ich nicht, es that mir wehe, denn meine Haare waren immer um die Hände der Frau Anna geknüpft und gewickelt. So schlief ich jedesmal wieder ein, und schlief bis mir die Sonne ins Gesicht schien.

Die Frau Anna saß auch da noch an meinem Bette und schaute an die Wand, doch hingen ihr die Arme rechts und links am Leibe herab, wie an einer leblosen Puppe. Die Babette hörte ich oben herumrumoren und im Garten hub der Herr Blank zu singen an... Die Frau Anna seufzte auf und bewegte sich; na weil er nun wieder daheim ist, dachte ich verdrossen. Nach einer Weile wurde an der Thüre geklopft; sie horchte, wendete die rothgeschwollenen Augen zu mir und sagte so traurig, daß es mir ganz weinerlich um’s Herz wurde:

„Ja so...“

Gar nichts sonst. Sie zog mit schwerer Mühe die Haarnadeln aus ihren Zöpfen, löste die Enden und schüttelte die Haare durcheinander, dann band sie ihren Schlafrock auf und schob zuletzt den Thürriegel zurück. Das alte Stubenmädchen kam herein, half mir aus dem Bette und führte mich in das vordere Zimmer. Während ich mich kämmte und wusch und meine Fähnchen anlegte, ging die Josefa geräuschlos auf den weichen Teppichen hin und her und setzte mir, als ich mich zurecht gemacht hatte, eine große Schale mit Kaffee vor. Dabei aber flüsterte sie immer giftig vor sich hin, ich verstand nur, daß sie sagte:

„Neue Kinderbewahranstalt -- Narrenhaus -- lauter Fadaisen -- einsperren wieder“, so knurrte sie fort und fort, daß mir der Bissen im Munde schwoll, und kaum hatte ich den letzten verschluckt, schob sie mich schon zur Thüre hinaus...

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

In der „blauen Gans“ erzählte die Liese damals kein Wort von den Vorgängen jener Nacht. Ihre Ziehmutter wunderte sich nur, daß sie nimmer drüben schlafen wollte, das Kind hörte jedoch aufmerksam zu, wenn von dem neuen Hause und seinen Bewohnern die Rede war. Es wurde jetzt auch öfter als sonst davon gesprochen, denn seit jener Nacht war der Herr Gottfried viel kränker.

„Der Gottfried ist halt soviel ein schwacher Mensch,“ sagte die alte Spitalwärterin und klopfte auf ihre Tabakdose, „jetzt hab’ ich schon zwei Nächt’ die arme Babett’ abgelöst, sie kann es ja auf die Dauer nicht allein aushalten.“

Je übler aber der Gottfried aussah, desto frischer wurde die Babette, sie bewegte sich gleich einem jungen Mädchen, wenn sie den Kranken herabführte in den Garten. Es war derweilen wieder Frühling geworden, er aber durfte nicht wie ehemals bis in die Nacht hinein im Freien bleiben; auf seine Haushälterin gestützt und mit einem Stock in der anderen Hand, ging er hin und her, immer nur zwei-, dreimal, dann mußte er sich wieder niedersetzen.

„Wenn der die Babett’ nicht hätt’, so hätt’ er schon diesmal in’s Gras beißen müssen, mit dem Skelett wird bald aufgeräumt sein, er hat die gallopirende Lungensucht. Aber eine feste Wärterin, wie unsereins, will er halt doch nicht,“ belferte die alte Therese.

„Weil Sie alleweil hineinreden in ihn, mag er Sie nicht,“ sagte die Liese ehrlich und kam wieder einmal übel weg dabei.

„Hat Dich wer gefragt?“ schrie die alte Wärterin. „Ich hab’ schon ganz andere Leut’ betreut als den. Für den giebt’s nur noch ein Mittel, er soll die Babett’ heirathen, sie ist eine sehr „bescheidene“ Person.“

Damit wollte die Therese sagen, daß die Haushälterin eine besonders „gescheidte“ Person sei, aber das schlichte Wort war ihr zu gering für die vorzüglichen Eigenschaften der alten Jungfer.

„Er soll sie nur heirathen,“ keifte sie weiter und glotzte uns durch ihre große Hornbrille an, „so ein schwacher Mensch -- dem kann nur eine gute Pfleg’ noch eine Weil’ Leib und Seel’ zusammenhalten.“

So ging das Gerede unter den Weibern herüben um, dann fingen auch die Männer an mitzuschwatzen, und die Babette lief öfter als sonst von dem neuen Hause in die „blaue Gans“ und war viel freundlicher gegen alle Leute, als sie früher gewesen. Wenn die Sonne recht warm herunterschaute, saß die Liese oft bei dem Herrn Gottfried auf der Gartenbank und stickte, er schickte dann die Babette hinauf und sagte:

„Ich behalte die Kleine da, und werde Sie rufen lassen, wenn ich Sie brauche.“

Er ließ den Kopf sinken und saß ruhig neben dem Mädchen, das stets über ihn und seine Krankheit nachdachte, wenn es ihn ansah, und nicht begreifen konnte, daß die Babette ihm das Leben leichter machen könne, wenn er sie heirathen würde. Sobald der Herr Blank zu singen anhub, zuckte der Gottfried zusammen, und auch wenn der Hausherr vor ihm stehen blieb und nur im Fluge fragte:

„Na, wie geht es, Herr Gottfried?“

Dann traten stets runde rothe Flecken auf die hageren Wangen des Kranken und er mußte so husten, daß der andere davonlief. Warum er damals, als im neuen Hause alle Kasten ausgeräumt und die alten Theaterkörbe und Garderobekoffer eingepackt wurden, nicht davonlief, sondern sich singend neben den Herrn Gottfried setzte, das wußte sich die Liese auch erst nach Jahren zu erklären. Sie blieb jedoch damals ruhig bei den zwei Männern und hörte jedes Wort genau, das sie sprachen.

„Sie sehen recht übel aus, recht übel!... Tra-la-la! Meine Stimme ist umflort!... Recht übel!... Tra-la-la-lah!... Hat Sie redlich gepflegt, die Babett’, das ist eine tüchtige Person... So eine Person muß man zu schätzen wissen.“

„Ich schätze sie auch,“ sagte der Kranke und wollte aufstehen.

„Bleiben Sie ein wenig, Herr... hm-he-eh!... ganz rauh mein Hals und ich will bald abreisen, es wird schon alles vorbereitet.“ Herr Blank legte die Fingerspitzen an den Mund und räusperte sich, dabei schaute er aber den Gottfried von der Seite an.

„Sie reisen bald?“ fragte der Kranke gespannt.

„Ja, ich trete meine große Gastspielreise an, habe schon von rechts und links Anträge!... La-la-la-lah!... ganz belegt!... Ich reise ohne meine Frau,“ flüsterte Blank vertraulich, „sie könnte wieder eifersüchtig werden, so ein Bürgerkind ist den Ton, der unter uns Künstlern herrscht, nicht gewohnt... Sie bleibt hier.“

„Bei ihrer Familie?“ fragte Gottfried, ohne von seiner Uhrkette, die er durch die Finger zog, aufzublicken.

„Ach Gott verhüte das, sie bleibt da im Hause. Meine Frau verkehrt mit niemand, wie Sie wissen. Um meinetwillen, ihr Mann genügt ihr, ich bin ihre Welt. Ich kann auch diese Familienzusammenhockerei nicht leiden, die Alten brauchen nicht in das Nest der Jungen zu gucken. Sie begreifen?“

„Ich begreife,“ sagte der Kranke und zerrte immer mehr an der Uhrkette.

„Darum wollte ich mit Ihnen reden!... hm-eh!“ Er schwieg, drückte die Wange an seinen Halskragen und sagte dann langsam:

„Meine Frau ist immer unruhig, wenn ich fort bin, sie ist, heißt das, sie war krank, schwer krank. Pure Eifersucht war es am Anfang, dann...“ er beugte sich an das Ohr des Herrn Gottfried und flüsterte: „wurde es Gemüthskrankheit... darum mußte ich vom Theater weg... immer bei ihr sein, brr!... aber es half auch das nichts, ich mußte sie doch in eine Anstalt geben... Sie verstehen?... Darum baute ich hier das Haus, damit sie die ungestörteste Ruhe fand, nicht viel Menschen sieht und damit die Munkelei ein Ende hat... Ich mußte damals einen Revers ausstellen, daß ich sie immer unter guter Aufsicht halte, als ihre Alten darauf drangen, daß ich sie wieder heimnehme... so bin ich ein Irrenwärter geworden und kein Ehemann... Rührt sich die Krankheit wieder, so verpflichtet mich der Revers, daß ich sie gleich wieder in die Anstalt schicke. Sie verstehen?“

„Ja!“ -- stöhnte der todtbleiche Mann.

„Als ich letzthin eine Nacht außer Hause war, hatte sie einen kleinen Rückfall,... ich kannte es an ihren Augen.“

„Und doch wollen Sie reisen?“

„Biegen oder brechen, einmal muß es anders werden ... Das ist jetzt eine Probe, geht es nicht, so hole ich sie... Sie verstehen?“ fragte er mit einem schlauen Zwinkern.

„Jetzt verstehe ich wirklich Alles --“

„Sehen Sie, wegen all’ den Geschichten wollte ich mit Ihnen reden!... hm-eh!“ Er schwieg, drückte die Wange fester an seinen Halskragen und schrie dann erzwungen lustig: „Seien wir fesch, es dauert nichts lang auf der Welt; reden wir wie ein paar Männer, die wissen, was Leben heißt...“

Der Kranke athmete schwer.