Unsere Nachbarn: Neue Skizzen

Part 3

Chapter 33,711 wordsPublic domain

Der Advokatenschreiber, der am Ostersonntag hinausging vor die Stadt, war wirklich solch ein sonderbares Geschöpf. Zuerst nahm er seinen sauberen glatten Hut ab, lockerte mit fünf Fingern die flach niedergebürsteten Haare, so daß sie beinahe gefällig um die freie Stirn flatterten, dann nahm er vorsichtig die Brille ab und steckte sie behutsam in ihr Futteral, nun öffnete er langsam Knopf um Knopf an seinem festanliegenden Rocke, zog seinen knappen weißen Hemdkragen weiter auseinander, machte ein, zwei tiefe Athemzüge und schritt dann mit vorgestreckter Brust rasch hinaus durch die breite Allee... Je weiter er hinauskam zwischen den alten knospenden Bäumen, desto stiller wurde es um ihn, nur abgedämpft schwammen die Glockenstimmen durch die laue Luft ihm nach. Rechts und links auf den Feldern war die Saat schon handhoch aus dem Boden und stand so gleichmäßig und frisch da wie kostbarer grüner Sammet, und die Sonne schaute hellleuchtend herab auf diese junge Pracht. Sogar ein ganz kleiner Schmetterling mit blauen Flügeln, der viel zu früh erwacht war, flatterte wie ein bewegliches Veilchen zuerst über ein Stücklein Feld und dann immer einige Schritte vor dem einsamen Manne, der wie im Traum einherging. Ein voreiliger Kastanienbaum war über und über voll grüner Blätter, unter diesem blieb der Schreiber stehen und schaute zurück auf die dunstige Stadt... In den alten Nachbarbäumen hörte er den Frühling hantiren, denn manchmal purzelte eine klebrige leichte Hülse von den hochgeschwellten Knospen, und dann lösten sich die jungen Blätter auseinander gleich winzigen Fächern, langsam, geräuschlos... und doch hörbar für ihn, weil eben der gewisse Tag war...

Weiter, immer weiter wanderte er hinaus, nur hie und da begegnete er Leuten, die sich in Feiertagskleider gesteckt hatten und zum Weine liefen. Es mochte schon viel volle Schenken geben, weil bald kein Menschengesicht mehr zu finden war. Die ausgedehnten Ziegelschlägereien, die auf Büchsenschußweite rechts und links neben der Allee liegen, sahen an dem Tage erschrecklich verödet aus, überall nur die leeren, langgestreckten Trockenschuppen, dazwischen niedere festzugeschlossene Arbeitshäuser und jeweilig ein Ziegelofen, der mit seinem hohen Schornstein zum Himmel zeigte.

Jetzt war kein lebendes Wesen mehr zu sehen und kein Werktagslaut störte die Feierstille... Ach wie ihm das wohl that, sogar der kritzelnde Ton der Feder, die er Jahr um Jahr führte, schwand aus seiner Erinnerung ob dieser tiefen, sänftigenden, erhabenen Lautlosigkeit... Er hielt wieder inne und blickte aber nimmer zurück, ein klein wenig nur schaute er in sich selbst hinein mit festgeschlossenen Augen, dann aber sah er hinaus in die Landschaft... Mit einmal trug der Frühlingswind aus der Ferne leise Töne herüber, und da regte sich auch plötzlich auf einem grünen Fleck vor einem der Schuppen etwas Feuerrothes, Kleines, Rundes. Der „einsame Spatz“ schaute nachdenklich-prüfend auf den beweglichen Gegenstand, der noch am meisten einem rothen Bündel glich, und dann schritt er schneller aus, doch je näher er kam, desto hastiger hüpfte das Bündel in die Höhe, sprang hin und her, fuchtelte mit zwei Enden wie abwehrend und schrie ganz erbärmlich. Ein großer graugefleckter Hund, der alle vier Beine regellos herumschleuderte und seinen plumpen Kopf übermüthig nach rechts und links stieß, trabte und torkelte um den kreischenden Knäuel und wollte spielen, denn als der Mann seine Brille hervorholte, entdeckte er, daß er da ein kleines Mädchen vor sich habe, welches in ein großes grellrothes Umschlagetuch so eingeknotet war, daß es einem Bündel glich. Die Kleine zeterte geängstigt und wehrte den jungen Hund mit einem gleichfalls unförmlichen Etwas, das sie in der Hand hielt, ab. Als der Schreiber dem Kinde zu Hilfe eilte, machte der Hund noch ein paar täppische Sprünge, bellte in’s Blaue hinein, als ob er eigentlich lachte, und rannte davon.

„Bäh-äh-ääh!“ schrie das Kind aus vollem Halse und hielt das Etwas noch immer so hoch hinauf, als es anging.

„Sei stille. Der Hund ist fort. Komm her. Es geschieht Dir nichts!“

„Bäh-äh-ääh!“ heulte es hinter dem rothen Tuch, das auch über das Köpfchen gezogen war, hervor.

Der „einsame Spatz“ hatte sich niedergebeugt und trocknete mit seinem sorgsam gefalteten Taschentuche die nassen Wangen der Kleinen und zog dann ihren runden Arm herab, der auch ihm krampfhaft das vorenthielt, was nach den Begriffen des Kindes eine Puppe war.

„Lasse mich doch Deine schöne Puppe ansehen,“ schmeichelte er, doch als er dieses kunstreiche Ungethüm in der Nähe sah, lachte er so hell auf, daß die Kleine mitten in ihrem Jammer stecken blieb. Zuerst schaute sie verdutzt drein, dann hub sie an zu blinzeln und endlich kicherte sie lustig mit.

Sie war aber auch eine merkwürdige Erscheinung, diese Puppe... Auf irgend einen zerschlissenen Leinwandlappen hatte jemand Heu und Papierschnitzel gehäuft, die vier Enden zusammengenommen, fest zugeschnürt und dann mit Theer (es roch danach) vier schwarze Striche daraufgeklext, welche, schwerverständlich, Augen, Mund und Nase vorstellen sollten. Dieser Ball, welcher beinahe größer war, als der Kopf des Kindes, war auf ein Stück spanisches Rohr gebunden und somit auch zugleich der schlanke Leib dieser merkwürdigen Menschennachahmung hergestellt. Um noch ein weiteres für die Formenschönheit zu thun, war eine Spanne unter dem Kopfe ein ausgehöhltes Hollunderrohr in Kreuzform befestigt, und bildete so, da es kürzer war als das spanische Rohr, zwei ausgespreizte Arme. Die Bekleidung dieser Puppe bestand aus den bescheidensten Resten eines Kinderhemdes.

Der Mann beschäftigte sich beinahe neugierig mit dem fragwürdigen Spielzeug, und dadurch gewann er sich auch das Zutrauen des Kindes.

„Haa-a -- had -- die -- Dedel -- Haa-a!“ krähte sie vergnügt, hockte sich vor ihn auf die Erde und zeigte mit den kurzen Fingerchen auf das eckige Haupt der Puppe. Mitten auf diesem Ball war nämlich ein Stücklein verblichenes Rosaband festgenäht, das bis zur Hälfte ausgefranzt herabhing und bescheidene Versuche eines Zöpfchens zeigte.

„Richtig, Deine Gretel hat Haare!“ sagte der Schreiber mit gutgeheuchelter Bewunderung, setzte sich auf einen Haufen zersprungener Ziegel, zog das Kind zwischen seine Kniee und fragte:

„Bist Du ganz allein da?“

„Ja!“

„Wo ist Deine Mutter?“

„Bei -- bei -- Vada!“

„Wo ist Dein Vater?“

„Widhaus!“

„Im Wirthshaus?“

Das Kind nickte. „Ja!“

„Und was thust Du allein da?“

„Waden.“

Nun mußte er sich besinnen, aber er fand das Wort doch und frug: „Warten?“

Das Kind nickte wieder.

„Ja? Auf wen?“

„Auf die Henn’,“ erwiderte sie geheimnißvoll und mit verlegenem Pathos. Sie wandte sich von ihm und horchte hinauf in die Luft.

„Auf welche Henne, Kind?“

„Die Henn’ din -- die oden Ei binnen dud, wenn die Dloden alle da dun sein.“

Eben kam ein leiser Schall angeflogen; die Kleine bewegte hastig die Arme wie Flügel und summte ein Sprüchlein vor sich hin, von dem der Mann nichts verstand als die gelallten Worte:

„Waze Henn’ und weiße Henn’, Ode Ei dud binnen Menn’.“

Trotz aller Versprechungen wollte das Kind nicht mehr von seinem Zaubersprüchlein enthüllen; als der Mann aber nun wieder weiter wandern wollte, rief es bittend mit weinerlich verzogenem Gesicht:

„Dabeiben! dabeiben! domd das dose Hund!“

„Wie heißt Du?“ fragte der Einsame lächelnd, als sich die Kleine bequem auf seinen Schoß setzte, den Kopf an seine Brust legte, sich noch ein wenig zurechtrückte und dann mit zufriedenem Blick zu ihm aufschaute.

„Ich heiß’ -- ich heiß’ --“ sang sie halblaut und schläferig lallend, wispernd sagte sie dann: „Veonida!“

Der Mann flüsterte das Wort nach, leise nur wie ein Hauch ging es über seine erbleichten Lippen.

„Veronika... Veronika... Veronika!“

Ach, das war ja der geliebteste Name im Himmel und unter der Erde für ihn, denn ein kleiner Hügel in fernem Lande deckte das kleine Mädchen zu, sein Schwesterlein, das so hieß...

Da waren sie nun, die vergessenen Zeiten und die geliebten Menschen. Lange schon schlief die kleine Veronika für immer, er aber hat sich doch nimmer zusammenraffen können seit ihrem Tode... Damals war er ein junger Akademiker und träumte davon, ein großer Maler zu werden, damit seine Schwester es recht gut haben könne; er zeichnete und malte, und ihr liebes, feines Gesichtchen kam immer und immer wieder auf Leinwand und Papier, wenn er einen Engel malen wollte. Die kleinen Ersparnisse der todten Eltern verbrauchte er für die Schwester und für seine Studien, doch als er sein erstes Bild für die Ausstellung malen wollte, erkrankte das Kind. Er warf den Pinsel beiseite und saß Tag und Nacht an dem Krankenbette, und als der Tod kam und die kleine Veronika an seine eisige Brust drückte, da ließ Virgil den Pinsel liegen und ging vom Friedhofe hinweg in die weite Welt. Seine wenigen Bekannten sprachen sich abfällig aus über den Schwärmer, der seinen ganzen Lebenszweck, sein ganzes Ziel und Glück auf die arme Karte eines zarten Kinderlebens gesetzt hatte, und die Menschen mied, weil sie ihm nicht ersetzen konnten, was er verloren an dem kleinen, schwachen, liebereichen Mädchen........

Alle diese Erinnerungen und Gedanken hatte der Name aufgerüttelt, und nun trug der Wind neue herüber... und aus der Tiefe klangen sie herauf, die Glockentöne des versunkenen Glückes... und große Tropfen fielen auf das dunkle Gesicht des Kindes....

Veronika regte sich im Schlafe, ließ die Puppe sinken und legte ihre Aermchen um den Hals des Mannes, und ihr Herz pochte ruhig und gleichmäßig an einem sehnsuchtsvollen, schnellschlagenden Herzen. So saßen die zwei wildfremden Menschen eng aneinander gepreßt in der Dämmerstille, bis der Tag verblaßt war und die Glocken verstummten...

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„Tausend und tausendmal vergelt’s Gott!“

Ein stämmiges Weib rief das dem Fremden zu, der ihr Kind in den Armen hielt. Sie kam die Allee herabgehastet und war athemlos. Hinter sich zog sie einen Mann her, dessen Hand sie wie in einen Schraubstock geklammert festhielt, und um den sie sich weiter nicht viel kümmerte. Der Mann stolperte gleichmüthig durch dick und dünn, nur wenn sie rascher vorwärts lief, langte er mit der freien Hand nach seiner Mütze und zog sie tiefer in die Stirne. Er spitzte nachsinnend die Lippen und pfiff abgebrochen, als ob er über etwas ernsthaftes grübelte. Als die Beiden ziemlich nahe bei dem Fremden standen, ließ die Frau ihren unsicheren Eheherrn los, sie warf ihm einen fragenden Blick zu, den er damit beantwortete, daß er die Beine nach Matrosenart weit auseinanderspreizte, um mehr Festigkeit zu bekommen; trotzdem aber schwankte sein Oberkörper bedenklich rückwärts und vorwärts.

Das junge Weib nahm ihr Kind behutsam aus den Armen des freiwilligen Hüters und erklärte mit einer Kopfwendung gegen ihren Mann, halb anklagend und halb entschuldigend:

„Er war nicht zum Weiterbringen, der Meinige, ich hab’ ihn aus dem Wirthshaus holen müssen, sonst wär er erst in der Früh’ heimkommen. Wie so eine Zeit kommt, wissen Sie, ist er ein ganz anderer Mensch, er hat so seine gewissen Tag’!“

Der Angeklagte pfiff in etwas höheren Tönen harmlos weiter, als ob von einem Anderen die Rede wäre, er war hauptsächlich damit beschäftigt, seine Füße zu beobachten.

„Ich hab’ keine Ruh’ gehabt so lang ich fort war, wegen dem Kind, na ja! Der arme Wurm da, ganz allein! -- Hat’s alleweil geschlafen? -- Ich dank Ihnen tausend und tausend Mal! -- Mitrennen mit mir hat’s nicht können, es ist zu weit, und den Bündel Mädel tragen -- die ist gar schwer, na, Sie wissens ja eh’, gnädiger Herr,“ lachte sie innerlich belustigt und schaute gutmüthig-schelmisch auf den Schreiber.

„Veronika heißt sie?“ fragte er sanft, „sie ist ein hübsches, kluges Kind...“ Er knöpfte seinen Rock fest zu, strich sich Hut und Haare glatt und steckte die Brille wieder auf und wiederholte weich: „ein kluges, hübsches Kind.“

„Freilich, gewiß auch! sieht ganz ihrem Vater gleich, blitzsauber,“ setzte sie halblaut hinzu und schaute mit einer Art herben Stolzes auf die perpendikelhafte Gestalt des stillvergnügten Vaters, der noch immer sorglos weiter pfiff. Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite und sagte:

„Schämen sollst Dich, daß Dich unser Kind so seh’n muß!“

Er zwinkerte schlau hinter seiner Mütze und antwortete bedeutungsvoll:

„Schlaft.“

„Und der gnädige Herr, schlaft der vielleicht auch? Bedank Dich wenigstens bei ihm, daß er Obacht gehabt hat auf unsere Veronika.“

„Vi-va-ve-ronika!“ jodelte der Arbeiter nach der Melodie eines Volksliedes und war so entzückt über den Einfall, daß er seine Frau bei den Schultern nahm, liebkosend hin- und herschüttelte und sie dann in’s Genick küßte.

Die Frau machte ein ärgerliches Gesicht, doch in den Augen blitzte ein glückseliges Lachen, während sie sagte: „Bedank Dich, Ignaz!“

Er nahm die Mütze ab, wollte wieder zu pfeifen beginnen, blies aber nur mit vollen Backen in die Luft, dann blinzelte er nach seinem Weibe, drehte die Mütze energisch, ging breitspurig nach vorn und schüttelte den Kopf, weil es sich doch ein wenig schlecht anließ. Mit einmal aber bekam sein junges hübsches Gesicht einen unternehmenden Ausdruck, er schoß auf den Schreiber los, ließ gönnerhaft-heiter die Hand auf seine Schulter fallen und sagte dann zwinkernd und vertraulich, wie zu einem alten Bekannten:

„Nichts für ungut! -- Die Meinige hat schon Recht, alleweil Recht!“ -- er kicherte; „es giebt gewisse Tag’, wo mit gewisse Leut’ nichts anzufangen ist.“

Er salutirte wie ein Soldat, machte mit einem Ruck Kehrt, und marschirte krampfhaft-stramm seinem Hause zu. Die Frau schüttelte die Hand des Fremden und ging ihrem Mann auf dem Fuße nach. Durch die Bewegung mochte das Kind in ihrem Arm erwacht sein, denn ihre frische Stimme fragte laut und zärtlich:

„Na, ist die Henn’ kommen, Du -- Du?“

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Der einsame Mann schritt im Mondlicht mit ruhiger Seele heimwärts... Als er den alten Musikanten am nächsten Morgen aufsuchte, da hatte er das brennende Bedürfniß, zu reden, einem weichen Menschenherzen sein kleines Erlebniß zu erzählen, das ihn so ganz zurückgeführt hatte in die Vergangenheit. Nach etwa acht Tagen brachte er Abends um sieben Uhr eine über einen Rahmen gespannte Leinwand heim und trug sie in den Aufbau zu seinem neuen Freunde. Wieder nach einigen Tagen kam ein Bube hinter ihm heim, der eine Staffelei trug, dann schleppte er am Sonntag früh einen Farbenkasten daher, und endlich ging er selbst jeden Morgen um sechs Uhr zu dem Musikanten und malte bei ihm.

Wenn aber an Sonn- und Feiertagen der alte Musikant seine schönsten Weisen spielte und der „einsame Spatz“ still droben saß bei ihm und malte, da lauschte die „blaue Gans“, und die Nachbarn sagten:

„Aha! unsere Zwei künsteln.“

Nur ein Wort.

„Erinnerst Du Dich noch an die Prinzessin?“

So fragte mich die Liese, als wir neulich miteinander durch die wenigen unveränderten Gassen wanderten, die uns noch an die Kinderzeit gemahnen.

„Ei, freilich!“

Als sie bei uns in dem alten Hause eine Heimstätte suchte, war ich beinahe schon flügge und stand nur unter den scharfen Augen der Nachbarn, denn meine Mutter hatte den Bruder zu einem Lehrherrn in eine kleine Provinzstadt geführt und blieb auf Wochen hinaus der Gast seiner Meisterleute. Nun hatte ich die Kammer für mich allein und konnte darum ungestört von dem Gelärme des Buben und den Seufzern meiner Mutter über alle die Ereignisse und Menschen simuliren, die mir in die Augen fielen und die ich nimmer los bekam.

So wie damals gedenke ich noch heute unserer Nachbarn und an bestimmten Tagen auch an bestimmte Personen. Wie oft taucht das sinnende Mädchengesicht der Prinzessin vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer und im Traume, und schaut mich an mit zudringlich sanften Augen. Ich sage mir dann vergeblich, daß sich dieses junge Antlitz verändert haben muß, aber es hilft nichts, es ist da in seiner ernsten milden Schönheit, so wie ich es vor langen Jahren sah.

Kleinigkeiten hatte ich wohl vergessen, die Liese mußte mir erst wieder sagen, daß die Prinzessin damals aus Italien kam. Warum sie zu ihrer alten Tante zog, zu jener argen Hausfrau, die in ihrem Besitzthum, der „blauen Gans“, so strenges Regiment führte, war uns damals unklar... Wir sahen nur eine üppige, schwarzgekleidete Gestalt aus einem Wagen steigen und streckten alle die Hälse lang aus, denn es war noch früh am Tage, und eine Wagenanfahrt war stets ein aufregendes Ereigniß für unsere, jedem Ueberflusse entlegene Gegend. Wir gafften alle nach der Ankommenden, die rechts und links blickte und dann wie gejagt die Stufen, die zu der Thüre der Hausfrau führten, hinanlief, sie pochte hastig und taumelte über die Schwelle als geöffnet wurde. Eine Stunde später wußten alle Leute in der „blauen Gans“, daß es die Nichte der Hausfrau sei, die nur bei ihrer Tante bleiben wolle, bis sie ihre Ausstattung hergerichtet habe.

„Ausstattung?“ fragten die jungen Mädchen neugierig in ihrer etwas schärferen Ausdrucksweise. „Heirathen thut die?!“

„Nein, heirathen nicht, sie geht in’s Kloster --“ sagte der einsame Spatz ganz leise und verbeugte sich höflich.

In’s Kloster! Das hatte die „blaue Gans“ noch nicht erlebt, das war etwas vollkommen Neues. In den ersten Tagen nach der Ankunft des jungen Mädchens wisperten und zischelten die Nachbarinnen nur so untereinander, denn die Hausfrau tauchte oft plötzlich an allen Ecken und Enden auf und lauerte horchend an allen Thüren, allgemach aber schwatzten sie doch lauter.

Vor meinem Kammerfenster, in der Ecke des Hofes, hatte sich die Hausfrau einen Garten zurechtrichten lassen, das war auch eine vielbesprochene Neuerung in dem alten Hause. Einige staubgraue Oleanderbäumchen, Epheuwände in rohen Holzkistchen, wilder Wein, von dem jedes Zweiglein und jede wässerig-gelbliche Ranke gestreckt und gebunden wurde, und im Winkel eine Laube, aus ungehobelten Staketen zusammengeschlagen und mit rothblühenden Beeren und wildem Wein übersponnen, so sah die erstaunliche Pracht aus, deren verläpperter Umzäunung sich die Kinder nur auf zehn Schritte Entfernung nähern durften. In diesem Gärtchen sah ich die „Prinzessin“, die eigentlich Caroline hieß, zum erstenmale genau.

Warum sie „Prinzessin“ genannt wurde, weiß ich nicht bestimmt, die Leute im Hause munkelten nur, daß sie vor vier Jahren ein vornehmer Herr, ein Herzog oder so etwas, von ihren Eltern fort und nach Italien mitgenommen habe, und daß sie nun auf und davon sei und den großen Herrn im Stiche gelassen hätte, seit Vater und Mutter kurz nacheinander gestorben. Die Weiber sagten flüsternd, daß die beiden Alten nicht ehrlich im Grabe verfaulen könnten, denn es sei doch ein schlechter Handel gewesen mit dem Mädel, und in’s Kloster gehe sie nur, weil sie sonst Alles erlebt, was Gott verboten habe, und nun für sich und die Alten büßen wolle.

„Aber das Heirathen hat sie doch nicht im Ernst probirt; soll mich nehmen,“ rief selbstgefällig der hübscheste und ärgste Lump, den die Vorstadt aufweisen konnte.

„Meinst’, Handschuhmacher, um ihr Geld könnst’ Du schon ein Aug’ zudrücken?“ kicherte ein zahnloser Mund.

„Alle Zwei, meinetwegen. Was wär’s weiter?... Bildsauber ist ja die Prinzessin. Soll gescheidt sein!“

So dachten und sprachen die Nachbarn, aber Keinem fiel es ein, sich das stille schöne Mädchen so genau anzusehen, wie ich es that, sobald sie in die Laube kam. Manchmal, wenn sie ganz allein dort saß, den blonden Kopf vorstreckte und die Hände flach übereinander auf den Knieen lagen, wußte ich nicht, ob sie mit offenen Augen schlafen konnte. Keine Bewegung des üppigen Leibes, kein Zug in ihrem weißen Gesichte verrieth was sie dachte, und über meine Arbeit hinweg schaute ich schier nach jedem Stiche zu ihr hin. Als sie aber eines Tages begann, mich anzublicken, unablässig, erwartungsvoll, aufdringlich, da ärgerte ich mich fast über diese großen, fragenden Augen. Und nun konnte sie stundenlang sitzen und in mein Gesicht starren. Es war mir oft, als müßte ich das abschütteln, grob werden oder davonlaufen. Ich spürte ihren Blick, meine Nadel fing stets an ungleichmäßig durch den Stoff zu fahren, ich bekam Herzklopfen und mußte an allerlei traurige Dinge denken. Warum ich doch am Fenster sitzen blieb? Zuvörderst war die Prinzessin die gehätschelte Nichte der bösen Hausfrau und hatte viel Geld, und zunächst war meine Kammer schmal und dunkel, das Fenster tief und niedrig, so daß ich nur vorne knapp am Fensterbrett Licht genug für meine Arbeit fand.

„Hat die Fräul’n Lina vielleicht eine unglückliche Lieb’ g’habt, oder so was dergleichen?“ fragte die Laternenanzünderin und fuhr mit der Schürze über die Augen.

„Ach was! -- die Lina hat gar nie eine Liebschaft g’habt -- sagt sie selbst -- hat’s auch nicht nöthig -- sie ist reich g’nug dazu -- sie könnt heirathen wen sie wollt’ -- aber sie will halt nicht“ -- erwiderte die Tante protzig.

Die Beiden saßen breit in der Laube, hatten große buntbemalte Töpfe vor sich, die bis an den Rand mit starkduftendem Kaffee gefüllt waren, sie tranken schluckweise und schmatzten mit den Lippen.

„Und sie will halt einmal nicht!“ schrie die Hausfrau wiederholt, „und weil’s nicht will, so will’s nicht!“ sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und starrte die Laternenanzünderin herausfordernd an.

„Freilich, sag’ ich auch,“ erwiderte die Frau verbindlich, „aber -- der Prinz?“

„Na, was weiter? -- der ist älter als ihr leiblicher Großvater war.“

„So, so! -- Ich hab’ halt g’meint -- die G’schicht mit dem Kloster, schaun’s, daß ich Ihnen sagen muß, ist doch was Besonderes. -- Warum denn justament in’s Kloster?“ --

„Da müssen’s schon die Lina selber fragen um das Warum, jedes +Wa+rum hat ein +Da+rum,“ knurrte die Hausfrau verbissen, denn sie konnte die Antwort nicht verwinden und vergessen, welche sie von der Prinzessin auf dieselbe Frage erhalten hatte, sie sagte damals:

„Tante, ich suche nur ein Wort, ein Einziges... und weil die Menschen es nicht für mich hatten, weil ich es nie bei ihnen finden konnte, suche ich es bei Gott... finde ich es auch dort nicht, dann... dann...“

Die Frau Huber hatte seinerzeit den Ausspruch gehört und trug ihn weiter, er machte die Runde im Hause, alle Leute lachten, ich lachte darum auch, und die Hausfrau erläuterte ihn, als nachher wieder die Rede davon war:

„Ich sag’s Euch, sie ist eine überspannte Gredel, wie ihre Mutter, meinem seligen Bruder seine selige Frau eine war. Die hat gar angefangt zum Bücherschreiben! Ich bitt’ Euch, Leut’, schreibt ein ordentliches Weibsbild Bücher? -- Die Lina hat das Verrückte von ihr d’ererbt.“

Langsam versickerte das Gerede wieder und die Leute kümmerten sich weniger um das Mädchen, nur ich hatte Tag für Tag durch ihre großen Augen zu leiden, und ich war seelenfroh, als der Herbst kam und sie seltener drüben in der Laube saß. Zuweilen fiel mir freilich ein, was das für ein Wort sein könne, das die „Prinzessin“ immer vergebens gesucht hatte und nun nur noch bei Gott finden könne. Am meisten quälte mich das Wort, als sie einmal an einem Herbstabend, angethan mit dem traurigen schwarzen Kleide, mutterseelenallein draußen saß. Sie war noch blässer als sonst und starrte nicht zu mir hin, sondern schaute empor zu den rosiggesäumten Wölkchen, die wie aufgebauschter Schaum bewegungslos am Himmel standen. Die großen Blätter des wilden Weines waren schon gelb und rothbraun, hie und da taumelte ein Blatt in der Luft, drehte sich und fiel auf ihr Kleid oder ihre Hände, sie aber fühlte und sah es nicht, das bemerkte ich, nur ihre Lippen bewegten sich unhörbar... sie sprach leise.

Ob sie wohl jetzt das Wort sagt, das sie bei den Menschen vergeblich gesucht hat?