Part 2
„So, Ihre Mädeln und meine Buben sind alle miteinander eingesperrt auf meinem Boden, die werden dreinschauen, wenn’s keine Glocken davonfliegen sehen da droben, aber dafür hier unten einen kleinen Kameraden finden.“
Ein schwaches Lächeln der Kranken war die karge Erwiderung. Frau Huber zog ihre Schürzenbänder fester zusammen, strich mit der Hand über das Kopfkissen und sagte dann mit vertraulicher Lustigkeit:
„Zu den zwei kleinen Mädeln, von Ihrem Mann seiner ersten seligen Frau, jetzt so einen kleinen Buben von Ihnen dazu! Was? Das wär’ halt das Rechte. Der Herr ist soviel auf Reisen -- da hätten Sie ein bisserl mehr Zerstreutheit -- thäten Ihnen weniger kränken -- na ja! so ein neugebornes Kind giebt eine Menge Arbeit, da kommen einem gar keine anderen Gedanken. -- Und wenn man den allergröbsten und grauslichsten Mann hat, so kommt er Einem höflich und sauber vor, wenn man so ein kleinbeiniges, rothgesichtlertes Kinderl am Arm hat, zu dem er der Vater und unsereins die leibeigene Mutter ist. -- Ich weiß das recht gut, mein gottseliger Mann war auch grad’ kein Engel, aber ein kreuzbraver Mann war er und darum hab’ ich ihn gut leiden können.“
Jetzt öffnete die Kranke die Augen, und zwar erst als sie hörte, daß ihr die Sprechende den Rücken zukehrte. Es waren große, schier zu große, blaue Augen, das Weiße war noch so rein wie es nur bei Kindern ist, aber die Augen hatten einen scheuen Ausdruck... wie hilfeflehend irrten sie von der Frau, die am Fenster stand, hinüber zu der Kirche, dann wieder zu der Thüre und schlossen sich endlich mit ergebungsvoller Demuth wieder. Frau Huber blickte erwartungsvoll auf das Zifferblatt der Thurmuhr, dann zog sie eine große, alte, silberne Männeruhr aus dem Schürzenlatz, verglich beide auf die Minute und ihr lustiges, freundliches Gesicht wurde immer besorgter. Sie räusperte sich verlegen und wandte sich um, als ob sie weiterreden wollte, im selben Augenblick aber rollte lärmend ein Wagen heran und hielt vor dem Fenster jählings an. Als ob sie die Kranke schützen wollte, so rasch eilte Frau Huber an das Bett und nahm sie in ihre Arme. So stark die Frau auch war, die stille Gestalt warf sich doch plötzlich auf den Kissen herum, daß ihr Häubchen zurückglitt und die dichten blonden Haare bis auf den Gürtel niederflossen.
Schon stapfte ein schwerer Schritt durch den Vorgang und polterte durch die Gemächer. Thüren flogen knarrend auf und fielen dröhnend zu, endlich quikte schon die Klinke an der letzten Stubenthür und auch diese wäre lärmend aufgestoßen worden, hätte die besorgte Wärterin sie nicht erfaßt und den vierschrötigen Mann, der pustend eintrat, am Aermel seines Reisepelzes gepackt. Mit dem Kinn nur wies sie über die Schulter nach dem Bette und flüsterte:
„Der Fanny geht es nicht gut, Herr Brauner, seit gestern ist es freilich ein wenig besser und ich glaub’, es wird sich schon machen, -- aber die Nerven halt, und die Brust! Ich habe mir gedacht ich schreibe Ihnen, es ist gescheidter, Sie sind da, wenn -- aber ich hab’ schon wieder Muth -- jetzt geht es ihr besser,“ schloß sie beruhigend.
Der Mann schüttelte ungeduldig beide Arme und reckte den Kopf nur nach der Kranken hin: als er das todtenblasse Gesicht seines Weibes sah, schob er die flüsternde Frau ungeduldig beiseite, hastete zu dem Bette, ergriff den regungslosen blonden Kopf und horchte, indem er sein grobes, unschönes Gesicht nahe an ihre Lippen brachte.
„Fanny! ich bin es, Fanny!“ sagte er gütevoll, „Tag und Nacht bin ich gefahren, um Dich nicht allein zu lassen, gerade jetzt, weil die Frau Huber schrieb, daß +schon+ jetzt...“ er schaute sich verwirrt nach der Pflegerin um und fuhr hastig, wie nachsinnend, mit der umgekehrten Hand über die geröthete Stirne hin und her. Die Wimpern der Kranken zuckten, es war, als ob sie die geschwollenen Lider nicht heben könne.
„Ich danke Dir,“ lispelten ihre weißen Lippen, und der schwerfällige Mann erschrak, daß er zitterte, als sie ihren Mund auf seine behaarte rauhe Hand preßte; doch als er sein Weib nun zärtlich küßte, da rann ein Schauer durch ihren ganzen Leib.
„Wo sind denn meine Kinder, Frau Huber?“ fragte Brauner mit unsicherer Stimme, während er immer auf die unbewegliche Gestalt vor sich niederschaute.
„Kinder kann man nicht überall brauchen an solchen Tagen, droben im Dachboden sind’s eingesperrt, da haben Sie den Schlüssel, auf meinem Boden sind alle beisammen.“
Draußen hatte sich ein Wind erhoben, der leicht an die Scheiben pochte, und der graue Himmel war übersät mit kleinen rosigen Wolken. Wie betäubt stieg der Mann die Treppen hinan, immer ließ er seinen gelbblonden Bart durch die Finger gleiten und murmelte, als ob er seiner eigenen Unruhe nachfragen wollte und sich nicht zurechtfinden könne mit etwas Unsichtbarem, Unfaßbarem, das ihn überall anpackte, für das er keinen Namen hatte:
„Was ist denn geschehen, was geschieht denn in meinem Haus?... Mein armes Weib!“...
Er öffnete die Bodenthür und setzte sich stumm mitten unter die Kinder auf einen bestaubten Balken. Sonderbar war es, und doch fiel es ihm in seinen Sorgen nicht auf, daß seine beiden Mädchen nicht aufjubelten wie sonst, wenn er von einer weiten Handelsfahrt unerwartet heimkam, sie kletterten still auf seine Kniee, schlangen die Aermchen um seinen Hals, schmiegten sich eng an ihn und sagten weinerlich:
„Mama ist krank, kommst Du darum?“
„Ja, Kinder, die Mutter ist recht krank, thut’s beten, damit sie wieder gesund wird.“
Er lüftete sein dickes grobes Halstuch rasch und legte seinen großen Kopf auf die flachshaarigen Kinderköpfe, so daß seine Augen nicht zu sehen waren.
„Ich habe Alles gethan, was ich konnte, um ihr Freud’ zu machen, und doch war sie nie recht glücklich,“ sagte er insgeheim, „immer so still und so für sich allein... Ich hab’ sie ja nicht zwingen können, daß sie mich nimmt... sie war arm und als Mädel gerade keine von den jüngsten... und eine Waise, ohne Freund und Stütze... Es war ganz anders... Alles anders wie mir, da die Erste geboren worden ist, die Selige hat ihre Freude gehabt, schon bei dem Gedanken an die Zukunft... und ich war ein heller Narr vor Glückseligkeit...“ er drückte das größere Mädchen fest an sich... „und heut’... heut’ ist die Frau in so schwerer Noth, und thut dabei, als ob wir gar nicht recht zusammengehörten!... Nein!... so thut sie nicht, das bild’ ich mir nur ein!... Warum aber bild’ ich mir das ein? Weil, weil... ei da! weil sie halt feiner und vornehmer ist in ihrer ganzen Art, als wie meine Selige war... als ich selber bin... Die große Beamtentochter ist halt doch was anders als das Kleinbürgerkind, die Selige... Ja, ja, das ist’s, wir wissen uns alle zwei noch nicht recht ineinander zu schicken... Nur gesund werden... gesund!... es wird sich schon machen!... Seid nur brav, Mädeln, macht’s der Mutter keinen Verdruß,“ setzte er laut hinzu, „denn Ihr habt’s gar eine gute, brave und feine Mutter.“ Dann grübelte er wieder bei sich weiter:
„Sie ist so eine eigene Person, sie hätt’ mich gewiß nicht geheirathet, wenn sie mich nicht gern genommen hätte...“
Eine trotzige, laute Kinderstimme schrie plötzlich in seine traurigen Gedanken hinein.
„Sie sein gar nicht davongeflogen, sie hängen noch drinnen im Thurm, grad’ wie die Sonn’ untergegangen ist, hab’ ich sie feuerroth herglänzen gesehen!“
Mit verachtungsvoller Ueberzeugung sagte das der älteste Sohn der Frau Huber und deutete auf den Kirchthurm, „die Frau Mutter plauscht allerhand solche Sachen, die gar nicht wahr sind,“ schloß er naserümpfend.
„Wart, Franzi, das sag’ ich der Frau Mutter, daß Du sagst, sie lügt!“ zeterte der Jüngste ritterlich und versteckte sich, da ihm die früher empfangenen Püffe noch vorschwebten, schnell hinter dem breiten Rücken des Herrn Brauner.
Da mit einmal scholl die Charfreitagklapper anstatt der Glocken und mahnte zum Abendgebet; die Kinder schraken zusammen und horchten hinaus in die graue Luft auf den fremden, ungewohnten Laut. Sie beteten und sangen aber nicht mit, wie sonst jedes Jahr, wenn sie mit den andern Buben hinter der Klapper herliefen von der Kirche ab, von Haus zu Haus durch die halbe Vorstadt. Deutlich scholl das Lied jetzt herauf, halb gerufen und halb gesungen von frischen Kinderstimmen:
„Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,“ „Den jeder Christ beten muß,“ „Fallt nieder, fallt nieder auf Eure Knie,“ „Bet’ fünf Vaterunser, fünf Avemarie.“
Die Kinder aber sangen das Lied wirklich nicht mit wie sonst; als die Stimmen schwiegen und die Klapper ertönte, lag es sogar wie Angst auf den jungen Gesichtern, das hohle, klanglose, eintönige Geräusch schien gleichsam herauszuwachsen aus der geheimnißvollen Dämmerung, es konnte nicht mehr voll heraufdringen zu ihnen, der finstere Kirchthurm drüben sah aus, als ließe er mit seinem Schatten zugleich Schweigen und Ruhe hingleiten über die Dächer... Weiter und weiter breitete sich der Schatten aus, kroch hinein bei den vergitterten Bodenluken... schwebte tiefer und tiefer hinab und hüllte allmälig die Erde ein. Die dunklen Schornsteine guckten fast drohend in die kleinen Fenster, jene, welche am fernsten standen, hatten schier menschliche, kampflustige Gestalten angenommen, das schaute sich aber nur so an, weil es zu regnen begonnen hatte und das Wasser rastlos, wie ein leichter Schleier, der hoch oben irgendwo abgewickelt wird, niederrann. Alles das sahen die Kinder nicht zum ersten Mal, und doch machte es sie diesmal ängstlich, und so kam es, daß sie näher und näher heranrückten an den schweigenden Mann, sich knapp neben ihm zusammenhockten, mit verhaltener Stimme ihr Abendgebet hersagten und alle mit heißer Sehnsucht hinabdachten an die hellen Stuben und dabei an die kranke Frau.
Unten hatte sich dem äußern Anschein nach wenig verändert, die Lampe war in der Krankenstube schon längst angezündet, aber ein grüner Schirm hielt das Licht von dem Bette fern; die Vorhänge und Fensterladen waren geschlossen, und es war so still in dem Gemache, daß der leiseste unterdrückte Seufzer der Leidenden hörbar wurde. Frau Huber saß neben dem Lager und sprach ununterbrochen zu ihrem Schützling, während sie aber doch ängstlich-gespannt auf das schmale, schattenhafte Gesicht blickte.
„Nicht einschlafen! -- Soll ich Ihren Mann rufen, Fanny? -- Er ist schon drüben in meinem Zimmer mit unsern Kindern. Soll ich ihn herrufen, damit er sein jüngstes Mäderl gleich sieht -- oder -- oder soll -- soll der Herr Doktor hereinkommen und -- und zuerst sagen, ob schon wer mit Ihnen reden darf? -- Er wartet schon seit einer halben Stund’ -- der Herr Doktor -- da draußen im Nebenzimmer --“ Frau Huber stammelte und rang unter der Schürze die Hände, daß die Finger knackten, „die Leut’ im Haus werden freilich glauben, ich hab’ zum ersten Mal im Leben kein Vertrauen auf mich selbst. -- Soll’ns glauben! -- Ich hab’ denkt, für alle Fäll’ ist ein Mensch in der Näh’, der Einem eine gewisse Beruhigung giebt.“
Jedes Wort sprach die Frau Huber sehr eindringlich und voll Milde, so daß eine Art Doppelsinn aus ihren Worten zu hören war, besonders da sie immer nach der Thüre hinsah. Es gab eine lange Pause -- eine ängstliche Pause -- und sie machte sich mit dem neugebornen Kinde zu schaffen, damit sie genauer herabschauen konnte auf das Gesicht der Mutter..., und als Frau Brauner mit aufleuchtenden, flehenden Augen zu ihr hinaufsah, rannte sie zu der Thüre und winkte mit beiden Händen hastig hinaus.
Da wankte ein Mensch gebrochen und kraftlos in die Stube; auf das junge, schöne Männergesicht hatte verborgen gehaltene Seelenangst einen Ausdruck larvenhafter Starrheit gelegt, von den Nasenflügeln herab bis an das Kinnende zog sich etwas, das nicht Furche und nicht Falte war, sondern in seiner ungreifbaren Steifheit wie hingemalen, wie angeflogen erschien und doch wieder nicht äußerlich deutlich sichtbar. Der peinlich genaue Anzug, die regelrecht gebrannten, dunklen Locken, der duftende, glänzend-schwarze Bart, Alles das sah einer Maskerade ähnlich, etwa, als ob ein Greis mit morschem Knochengerüste Haut, Haare und Kleider eines Mannes angezogen hätte, welcher in der Vollkraft des Lebens ist; nur eine solche Verwandlung, wenn sie denkbar wäre, könnte ein Wesen schaffen, wie dieser Mann war. Er schleppte sich an das Bett, wo ihn zwei Augen erwarteten, die allein noch lebendig waren an dem schönen, feuchtkalten Leibe der Frau.
„Vergebung!“ flehte leise der Doktor, während er ihre Hand in der seinen hielt und scheinbar auf seine Taschenuhr sah, er zählte leise und mit bebendem Mund die Pulsschläge, die er nicht mehr fühlte.
„Habe... gebüßt... die einzige... Stunde Glück... in meinem... Leben...“ rang es sich von ihren weißen Lippen, dann schauerte der Körper zusammen in scheuer Zurückhaltung, der Blick rückte mühsam hinüber zu dem kleinen Kinde, die Hände der Frau falteten sich ruckweise über der Hand des Mannes und die vergehende Gestalt hauchte nur noch:
„Carl...“
„Fanny!“ stöhnte der Doktor.
Im dunkelsten Winkel der Stube, die Ellenbogen auf einen Stuhl gestützt, kniete Frau Huber und weinte in ihre Schürze und sprach:
„Herr, vergieb ihr, und lasse sie eingehen in Dein Reich. Amen.“
„Erbarmen!“ ächzte der Doktor mit dem erschütternden Klageruf, den übergroßes Herzeleid ausstößt, wenn es zur übermenschlichen Allgewalt in Vedrängniß und Verzweiflung emporfleht.
Keine Antwort...
„Höre mich!“ bat er in gedämpftem Ton, als wollte er die fliehende Seele festhalten, aber die Frau regte sich nimmer, stumm war ihr Geist hinübergewandelt in jene endlose Stille, in welche kein sehnsüchtiger Ruf der Liebe, kein harter Laut des Hasses dringt...
Er stand noch immer ohne seine Haltung zu verändern aufrecht neben dem Lager. Die eiskalten Hände der Todten lagen schwer auf seiner Hand.
„Was ist’s, Doktor? was ist’s!?“ jubelte Herr Brauner, der mit freudestrahlendem Gesicht hereingestürmt kam.
Der Angeredete ließ die Hände der Entschlafenen sachte niedergleiten, wendete sich um, griff wie blind mit einer zwecklosen Geberde vor sich hin, und sagte dann, während aus dem Schatten um seinen Mund tiefe Furchen wurden, mit einem fratzenhaft-starren höflichen Lächeln:
„Ein Mädchen.“
„Fanny! mein liebes Fannerl!“ kicherte in weichem Ton, überwältigt, hingerissen, Herr Brauner und berührte übermüthig-zärtlich und dennoch schüchtern die Wangen seines Weibes, doch wie von einem Schlage getroffen flogen die Hände zurück, er schaute Wahrheit-, Hilfeheischend auf den Arzt, dann wieder in das stille Gesicht der Todten... warf die Arme in die Luft und fiel nach rückwärts bewußtlos auf die Diele...
* * *
Das Alles geschah an dem Tage, an welchem die Liese geboren wurde.
„Man hat halt kein Glück mit einem Charfreitagkind,“ hat die Frau Huber noch oft gesagt, wenn sie Bruchstücke aus der Geburtstag-Geschichte ihrer Ziehtochter erzählte.
Der einsame Spatz.
Jeden Morgen mit dem Glockenschlage sieben ging er durch den langen Hof der „blauen Gans“, denn er wohnte im Hinterhause bei einem Kutscher in einer geräumigen, hellen Kammer.
Er war schon durch Jahre Schreiber bei ein und demselben Advokaten; das wußten die Nachbarn, aber Keiner konnte unterscheiden, ob der Mann alt oder jung sei. Er war sich gleichgeblieben dem äußeren Ansehen nach, seit er sich in der „blauen Gans“ eingemiethet hatte; das blonde Haar hatte fast dieselbe Farbe wie das bleichblonde Gesicht, seine Augen, die immer hinter einer goldenen Brille staken, waren weder blau noch grau, nur auf den Wangen hatte er je eine einzige Furche, wie sie selten bei einem Menschen zu sehen ist, denn sie zog sich scharf von dem äußeren Augenwinkel nieder und verlief am Halse in einen feinen Strich. Diese Furche gab dem Gesicht einen befremdlichen Ausdruck, weil es sonst ganz glatt und zart in der Farbe war, nur der eine Riß machte es eben, daß die Leute sein Alter nicht bestimmen konnten.
Der Mann mußte ganz allein auf der Welt stehen, denn nie suchte ihn Jemand auf, nie that er etwas dazu, sich an irgend eine Menschenseele anzuschließen, mit dem Glockenschlage sieben ging er am Morgen zu seiner Thüre hinaus, und wenn es Abends sieben Uhr schlug, hatte er die Klinke in der Hand und schritt in seine Kammer. Er grüßte und dankte höflich, und redete an Sonntagen und Feiertagen sogar einige Worte, wenn er heimkam, jedoch nur mit den Männern... Er saß auch öfter eine halbe Stunde lang in der Dämmerung vor dem Hausthore bei dem großen Stein und beobachtete die Kinder, wenn sie spielten oder sangen, an hohen Feiertagen rauchte er in langsamen Zügen lange an einer Cigarre. Den Rauch blies er in kleinen Wölkchen von sich, und hüstelte wie ein junges Mädchen, das heimliche Rauchversuche anstellt.
Sein ganzes Gehaben war bescheiden und still, aber nicht verschüchtert-demüthig. Ein ernstes „Sichselbstgenügen“ nannte es der alte Musikant, der oben in dem kleinen Aufbau wohnte. Der Advokatenschreiber sprach genau nach der Schrift, das wußten auch die Kinder zu beurtheilen, die ihn darob manchmal gar nicht verstanden. Mit dem Nachwuchs der „blauen Gans“ redete er noch am meisten, jedoch nur, wenn die Kinder allein waren und nicht gescholten, geneckt oder gehätschelt wurden von den Alten. Da saß er neben dem Steine vor dem Thore, blickte frohsinnig in das Kindergetriebe, sprach in seiner halblauten Weise zu den Kleinen und streichelte mit seinen weißen, zarten, faltenlosen Händen ihre erhitzten Gesichter, oder er nahm ein steifes Taschenbuch heraus, spitzte die Bleifeder und begann zu zeichnen, und wer ihm über die Achsel guckte, konnte alle Blätter voll Kinderköpfchen sehen. Wenn er das Buch schloß und einsteckte, liefen die kleinen Rangen lärmend zusammen, denn sie wußten, daß er ihnen insgesammt eine tiefe Verbeugung machte und heimkehrte. Wenn er ihnen den Rücken zuwandte, versuchten sie alle diesen vornehmen Gruß nachzuahmen, aber die biegsamen Körper purzelten auf die Erde und krabbelten sich lautlos wieder zusammen, weil sie sich nicht mehr zu lachen getrauten, seit der Laternenanzünder ihnen seine bekannt rasche und schwere Hand gezeigt hatte und ihnen vertraulich mittheilte:
„Wer dem „einsamen Spatz“ noch einmal nachmacht und ihn auslacht, kriegt von mir Schopfbeutler.“
Der „einsame Spatz“... Die Weiber im Hause hatten ihn so getauft, weil sie sich seinen Namen, Virgilius Stramirisko, nicht merken konnten.
„Hinter dem muß ein rechter Menschenfeind stecken,“ sagte die sehr lebhafte Frau Dunkel und schielte dem Schreiber nach, als er gemessenen Schrittes seinem Heim zuging, die Frau Huber aber meinte:
„Ah, bah! Menschenfeind! -- Wer die Kinder und die Viecher gern hat, ist kein Menschenfeind.“
„Und reden thut er so schön Hochdeutsch wie unser Herr Lehrer,“ machte die Liese den andern Kindern begreiflich.
Das half aber alles nichts; ob man von ihnen fordern könne, daß sie einen Namen aussprechen sollen, an dem man sich die Zunge bricht, frugen die Weiber; „er bleibt der einsame Spatz, denn wo auf Gottes Erdboden giebt es einen Christenmenschen, den man buchstabiren muß?“ schrie die Frau Dunkel, „nimmt der Nam’ ein End’?“
„Vir-gi-li-us Stra-mir-is-kooo! hat kein End’, was?“
„Einsamer Spatz, halt!“ rief die Hausfrau, und dabei blieb es bis an sein Lebensende, diese Bezeichnung mochte den Frauen als die passendste erscheinen für den einsamen Mann, der sich nie um Weibsleute kümmerte.
Das war darum auch ein Köpfezusammenstecken, als er am Ostermontag Vormittag dem alten Musikanten eine Art Staatsbesuch machte, denn er hatte sogar seinen schwarzen Frack mit den kurzen Aermeln und langen Schößen angelegt. Die „blaue Gans“ war in ungewöhnlicher Bewegung, als nach dem Besuche die beiden Männer die Treppe herabkamen und an den Fliederbüschen hin- und herwandelten, in ein leises Gespräch vertieft.
Nachdem er einmal einen Nachbarn besucht hatte, wurde ihm schon von den Uebrigen mehr Aufmerksamkeit bewiesen, selbst die Frauen sagten nachsichtig:
„Er ist halt nicht gegen alle Leut zuthätig. Wer weiß, was ihm ein Frauenzimmer angethan hat. Na ja! -- Es giebt genug Nichtsnutzige. Es kann ihm allerhand passirt sein und darum bleibt er allein.“
Ferner sahen die Frauen plötzlich, daß niemals ein Hut und ein Rock von ihren Männern am Sonntag so sauber geputzt sei, wie der des Schreibers an jedem Werktage, daß keines Menschen Haare so glatt gebürstet als die seinen, daß niemals Stiefel so blank gewichst waren und keines Mannes Vorhemden und Manschetten so fleckenlos wie die des einsamen Spatzen seien, und darauf verstanden sich besonders die Waschfrauen, die ja allzeit das große Wort führten. Kurz, seit dem Besuche bei dem Musikanten war ein günstiger Umschwung der Meinungen eingetreten, der sich immer breiter machte, denn sogar die Kinder machten dem Schreiber ihren besten Knix, seit sie die Großen so milde von ihm reden hörten.
Der alte Musikant, der unter den rüstigen Handwerkern des abgeschlossenen Kreises, ja noch über die „blaue Gans“ hinaus, der einzige Vertreter der Kunst war, hatte also doch Recht behalten, als er in seiner, immer über die Ausdrucksart der Nachbarn erhabenen Redeweise, ihnen den Einsamen näher zu rücken versuchte.
„Er ist vielleicht ein heimlicher Künstler,“ vollendete der Laternenanzünder die Erklärung des Musikanten. „Warum malt er alleweil was in sein Büchel mit dem Bleistift? -- Warum zeigt er’s nicht her? Weil gewisse Leut’ gewisse Sachen haben, das weiß ich am besten.“
„Du?“ spottete Einer; „bist Du vielleicht beim Laternenanzünden auch ein heimlicher Künstler?“
„War’s! -- mich hätt’ sollen mein Herr Vater zum Sänger lernen lassen, ich hab’ eine Stimm’ g’habt, daß der Stall zittert hat, und die Pferder vor der Schwadron scheu worden sein, wenn ich gesungen hab’! -- Und was bin ich g’worden? -- Laternenanzünder! Braucht dazu der Mensch eine schöne Stimm’?“
„Och God! och God! was in dem Mann alles gesteckt ist,“ jammerte seine runde Frau und rang verzweifelt die Hände.
Er machte eine beruhigende Bewegung nach ihr hin und sagte dann tröstend: „Aber unser alter Geiger, der ist was, der hat eine „Crimineser“. Der kann was! Das haben schon gescheidtere Leut’ gesagt, als wir alle miteinander sind, und der alte Herr wird schon wissen, was der „einsame Spatz“ inwendig ist.“
Der Laternenanzünder behielt in der That Recht; der alte Musikant wußte wirklich seit jenem Ostermontag, wie es in der Seele des Schreibers aussah... Er wußte, daß es gewisse Tage giebt, an welchen gewisse Menschen aus ihrem Geleise kommen und nichts Klares mit sich anzufangen wissen. Entweder scheint ihnen da die Sonne zu hell in ihre dunkle Stimmung, oder der trübe Tag legt sich bleischwer auf ihr Gemüth, oder der Wind trägt ihnen Töne aus verwehten Zeiten heran und raunt ihnen zu, was sie vor Jahren genau an diesem Tage und genau zu derselben Stunde geträumt, gehofft, gefühlt und versäumt haben, und dazwischen läuten plötzlich die Glocken allerwärts, sogar aus dem versunkenen Vineta herauf klingen sie und mahnen... mahnen... mahnen...
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Feiertage werden solche Tage genannt, das gewöhnliche, eintönige Arbeitsleben ist gestaut, wie sollte da der Gewohnheitsmensch nicht stutzig werden? Und wenn es nun gar Frühling ist und Ostern!... Ach, da ist ja die ganze Luft erfüllt von einer thörichten, weichen Sehnsucht, die gewissen Leute athmen sie ein und hauchen sie aus und gehen mit empfindlich geschärften Sinnen in den Frühling hinein... Erst wenn die Glocken verstummen und der Tag verblaßt, sind sie wieder so verständig, wie es sich für zweibeinige Dutzendwaare und für die Werkeltage des Lebens schickt.
Zum Glück giebt es nicht viele solche gewisse Menschenkinder, die vielleicht unentstandene Künstler sind, in deren Seelen an solchen Tagen die Schatten der Schöpfungen spuken, die nicht lebendig werden durften, die aber dennoch Gewalt haben, wenn die Stunde schlägt, und den Einsamen zwingen, weit hinaus zu laufen, von den Glocken und Menschenstimmen weit weg...