Part 10
Da richtete sich der Leopold in ganzer Länge auf und sagte mit tiefer Stimme: „Der ehrliche Name, die Gewißheit, daß man rechtschaffen seine Pflicht gethan hat... und der zweite Arm, der doch auch noch mitzählt?... das bleibt halt, Herr Vater!“
Kein Athemzug war nach den Worten mehr zu hören in der Stube; der Alte nickte nur, als ob er sich doch selbst Recht geben wollte, und glotzte unbeweglich seine schwarzen Hände an, als wäre es eine Ueberraschung, daß sie breit und rauh seien, daß er stumpfe Finger und beinahe nur messerrückenschmale Nägel habe. Sein Sohn lehnte jetzt mit dem Rücken am Fensterkreuz und starrte an die Zimmerdecke. Das schweigsame Ausweichen mit Wort und Blick dauerte eine geraume Weile, da knarrte die Thüre und die beiden Männer schauten wie erlöst von dem unbehaglichen Drucke hin. Der Thürspalt wurde breiter, unten an der Schwelle kam ein Fuß mit einem großen durchlöcherten Schuh, mitten, in gleicher Höhe mit der Thürklinke, die Hälfte eines dampfenden Topfes und ein gut Stück höher zitterte ein grauer Haarbüschel...
Der Schlosser riß die Thüre weit auf, so daß sein Weib jählings in ihrer ganzen Verzagtheit in die Stube torkelte.
„So, da ist der Kaffee schon!“ stotterte sie verlegen, stolperte zum Tische, stellte ihren Topf in die Mitte und blinzelte mit einem unsicheren Ausdruck noch immer nach den Beiden. Sie rückte die Stühle an den Tisch und schob sich hinter dem Alten vorbei zu dem Schubladenkasten. Fürsorglich wählend überschaute sie ihre Tassenherrlichkeiten und nahm eine der größten mit beiden Händen auf. Der Schlosser stand jetzt neben ihr, und sein kantiges Gesicht wurde beinahe weich, als er mit dem Zeigefinger die Tasse berührte: „Die ist noch älter als wir, Alte, gelt?“
„Freilich, freilich... ja, ja!“ sagte sie zitternd und versuchte zu lächeln.
„Aber aushalten thun sie doch was, die Alten!“ erwiderte er und legte die schwere Hand auf den Kopf des kleinen Weibleins, dann ging er in die Küche und kam bald ohne Schurzfell und mit reinen Händen zurück. Er winkte seinem Sohne, deutete auf den Stuhl, und als der Leopold sich niedergesetzt hatte, setzte er sich breitspurig ihm gegenüber, stemmte beide Hände auf die Kniee und schaute dem Invaliden gerade und fest in die Augen. Die Frau wischte und putzte noch an ihren Tassen herum, und endlich rückte sie ihrem Kinde diejenige hin, auf welcher in verwaschenen Goldbuchstaben „+Aus Achtung+“ zu lesen war... Dann beobachtete sie verstohlen und zaghaft, wie ihr Sohn mit der linken Hand die Schale an den Mund führte, und athmete erleichtert auf, als sie sah, daß er sich ganz so gut anließ, wie ehemals mit der rechten.
„So, jetzt erzähl’ mir, wie alles so gekommen ist, besser wär’s freilich gewesen, wenn Du uns vorbereitet, wenn Du was von der ganzen Geschicht’ geschrieben hättest.“
Der Alte sagte das mit freundlich-lauter Stimme und schob dem Jungen eine Pfeife und seinen Tabakbeutel über den Tisch zu, die Mutter trank geräuschlos ihren Kaffee und saß recht unterwürfig da, sie las jedes Krümchen Brod mit der feuchten Fingerspitze vom Tischtuch auf, schaute mit den rothgeweinten Augen von Einem zum Andern, drückte das vordringliche Haarbüschel immer wieder hinter ihr Kopftuch und kicherte endlich so sonderbar, als ob sie innerlich weinte und nur zur Entschuldigung für ihre Thränen dieses schüchterne Lachen gefunden hätte...
„Herr Vater,“ sagte der Leopold, nachdem er die Pfeife umständlich gestopft und angebrannt hatte, „Herr Vater! das Schreiben geht bei so einer Geschicht’ Unsereinem viel schwerer als das Reden, weil...“ die Pfeife hatte keine Luft, Leopold mußte tüchtig anziehen, darum schwieg er wieder.
Die alte Frau wartete noch eine Weile, ob keiner von den Männern sprechen werde, dann nickte sie ihrem Sohne dankbar zu, gleichsam als ob sie ihm sagen wollte, daß sie wüßte, was es ihm gekostet habe, dem zähen Blut und dem ungerechten Wort des Vaters ruhig Stand zu halten, dabei streifte sie mit den flachen Händen das Tischtuch glatt und endlich sagte sie stockend und nachsinnend:
„Ja, ja... Du hast alleweil Recht, Johann, denn Du bist ein gescheidter Mann, Johann, das sagen alle Leut’, freilich!... Es ist ein Unglück, das mit dem Buben da... aber weißt, Johann, ich denk’ mir halt, die Hauptsache ist doch dabei, daß unser einziges Kind jetzt da lebendig bei uns sitzt... gelt Johann...?“
Das war recht sonderbar, die zwei Männer rückten mit einmal ihre Stühle ganz nahe zusammen, so daß sie Schulter an Schulter saßen und Beide schauten in das glückselige Antlitz des alten hilflosen Weibleins, denn die unendliche Liebe, die durch dieses arme gequälte Mutterherz fluthete, sie verschönte das alte vergrämte Gesicht mit dem grauen Haarbüschel, der jetzt sehr stark zitterte...
Und nun wurde es anders, der Vater erzählte von seinem Handwerk, der Sohn von seinem Soldatenleben, das wurde Alles mit kurzen, bezeichnenden Worten abgethan. Dazwischen pafften sie um die Wette, und die alte Frau wurde nicht müde, ihr einziges Kind zu betrachten. Wenn die Beiden ein Wort lauter aussprachen, fiel sie vor Schreck so in sich zusammen, daß sie beinahe sichtlich kleiner wurde auf ihrem Sessel, sie fürchtete stets, die Zweie könnten doch noch aneinander gerathen. Scheu blickte sie dann von dem Einen auf den Andern, und wenn sie ein paar gutmüthige Gesichter anlachten, so schmunzelte sie pfiffig, als ob sie sich nur einen Spaß gemacht hätte mit ihnen.
Da plötzlich krachte und kollerte es draußen im Hofe; ein gellender angstvoller Schrei jagte die drei Menschen von ihren Stühlen auf, und schon, zugleich fast, hörten sie etwas Schweres niederklatschen... Jetzt begann ein Rennen der Leute, lautes Wehklagen und Hilferufen... Der Leopold stand zuerst da, als ob er sich besinnen müsse, wo er sei, dann sprang er mit einem Satz aus dem Fenster und lief dorthin, wo schon die meisten Leute standen; er drängte sie rechts und links beiseite, ohne zu wissen, warum ihm der Athem verging vor Angst... es flirrte rund um ihn. Alles war undeutlich und verwischt, als ob er halb blind geworden wäre, und jählings stand ihm das hämmernde Herz still... er sah plötzlich nichts mehr, als zwei große Kinderaugen, mit einem sonderbaren, von ihm vergessenen Blick, ihm zugewendet. Und jetzt sah er das Kind selbst deutlich und klar, die kleine Hanne war es, die zu ihm aufschaute, denn sie lag mit kreideweißem Gesicht und mit schlaffen Gliedern da am Boden zwischen den Leuten...
„Vom Dach herunter, da vom Rauchfang ist’s gestürzt, ich hab’s fallen gesehen!“ sagte schluchzend eine Frau.
„Vom Dach?“ fragte der Leopold, und seine Zähne schlugen aneinander, als er sich bückte und den Kopf des Kindes in seinen Arm nahm. „Hannerl, um Alles in der Welt, was hast Du denn auf dem Dach zu thun gehabt?“
Da schaute die Kleine zu ihm auf, in den verschwimmenden Augen blitzte etwas wie ein befriedigtes stolzes Bewußtsein, und abgebrochen wisperte sie:
„Ich... hab’... Dein’... Kreuz... schnabel... vogel... doch... erwischt... beim... Rauchfang... mußt’... nicht... traurig... sein... Herr... Lep...“
Die Stimme brach, der kleine Leib zuckte schmerzlich zusammen und streckte sich, die schwache Hand deutete auf die Brust. „Da... drin’... ist... er...“
„Der „einsame Spatz“ kommt gerade heim, der versteht’s gewiß, ob dem Kind was geschehen ist,“ schrie eine Frau, und ein paar Kinder liefen dem Sonderling entgegen. Sein glattes rosiges Gesicht wurde ganz weiß, als die Kinder ihm zuraunten: „Die Hannerl ist vom Dach gefallen!“
Rasch trat er hinzu, kniete neben der Verunglückten nieder, legte sein Ohr an ihr Herz und an ihren Mund, schaute forschend in das schmale Gesichtchen und bewegte dann vorsichtig alle ihre Glieder in den Gelenken. Als durch den halbstarren Körper zweimal ein leichtes Zittern rann, sagte er mit zagender leiser Stimme:
„Ich glaube, der rechte Arm und das rechte Bein ist gebrochen. Bitte, holen Sie doch gleich einen Arzt und öffnen Sie dem Kinde das Kleid. Es ist ohnmächtig.“
Als die Weiber der Hanne ihr Jäckchen aufknöpften, schlüpfte der Kreuzschnabel, den sie an ihrer Brust geborgen hielt, heraus, schüttelte sein feuchtes Gefieder, drehte das Köpfchen und schrie lauter als sonst sein abgehacktes „Zock-Zock!... Zock!...“
Da zuckten auch die Wimpern der kleinen Hanne, sie athmete leise und hob endlich mühselig die Lider, etwa eine Minute lang schaute sie groß und freundlich dem Leopold in die Augen, dann war alle Kraft zu Ende.
„Die Glieder gebrochen,“ sagte der Arzt, nachdem er sie untersucht hatte, und er ließ das Kind in die Stube ihrer Mutter tragen. Alle Leute, welche die kleine Hanne umstanden hatten, folgten jetzt den Trägern, sodaß es sich ansah wie ein Leichenzug... So ein Gedanke mochte wohl auch durch das langsame Hirn der rothen Lene gegangen sein, denn sie hielt sich an dem leeren Aermel des Leopold, lief neben ihm her und flüsterte:
„Du Lepold!“
„Was willst, Lenerl?“
„Muß die Hanni sterben?“
„Aber Kind!“ sagte der Heimgekehrte.
„Muß sie?“
„Warum frag’st?!“
„Weil’s meine beste Freundin ist.“ „Ach ja!“ seufzte der Leopold und schaute traurig auf das Kind herab, „ihr seid ja beisammen gewesen kurz vor dem Unglück.“
„Ja freilich. Und weil ich ihre beste Freundin bin, muß ich ein neues schwarzes Kleid kriegen... ein langes!... und einen langen schwarzen Flor... weißt, der hängt über die angeflochtenen Haar’ und über’s Gesicht... weißt? und dann krieg’ ich eine abgebrochene weiße Wachskerzen in die Hand -- und geh’ gleich hinter der Todtentruhen als Allererste!“
„So,“ sagte der Leopold gedankenlos, denn vor seinem Geiste schwebten immer die großen Augen, der seltsame Blick... Wer hat mich so angeschaut?
„Da werd’ ich schön sein, gelt?... Da werden die Leut’ Augen machen. Wann wird sie denn sterben?“
Sterben! -- ja, das war es! gewiß... mit einmal wußte der Soldat, daß die Hanne ihn so angeschaut hatte wie der Italiener, den die Kanonenkugel davonriß mitsammt dem eigenen rechten Arm.
„So sag’ mir, wenn sie sterben wird,“ flüsterte das Kind beharrlich zu ihm hinauf.
„Sie wird gar nicht sterben,“ erwiderte der Leopold ungeduldig, so als ob er nicht davon reden hören wollte. Die Lene schaute betroffen zu ihm empor, ließ den Aermel los und faßte seine Hand. Sie ging recht langsam. Schritt um Schritt, so daß sie ihn eigentlich zurückhielt... und als sie vor der Thüre standen, durch die man die Hanne in die Stube ihrer Mutter getragen hatte, lehnte das Kind sein Köpfchen an den Arm des Leopold, zeigte nach der Thüre und sagte klagend:
„Mir thut der Kopf weh... Hör’ nur wie der Hanne ihre Mutter heult und die Andern auch. Sie stirbt ja nicht. Weißt, gehn wir lieber gar nicht hinein.“
Ueberrascht schaute der Invalide in die kalten, grünschillernden Augen der Lene, das Kind hatte theilweise seine eigenen Gedanken ausgesprochen... Er drückte die Thüre auf, fragte den Nächsten der in der Stube stand: „Wie geht es jetzt?“
„Sie ist schon zu sich gekommen und kriegt kalte Umschläg’, gleich kann der Doktor die Glieder nicht einrichten. Herrgott, was die Weiber zusammenplärren!“
Die Lene zog und zerrte an der Hand des Heimgekehrten, er blickte theilnahmsvoll hinüber zu der kleinen Hanne und schloß dann wieder die Thüre. Er war ja selbst so zerschlagen und gebrochen von all der Jammerei und Weinerei, von dem Gerede und Gefrage, von all’ dem hinabgewürgten Aerger und der unterdrückten Herzensbewegtheit. Seit er Vormittag heimgekehrt war, bis nun, wo die Sonne schon niedrig stand, kam er nicht aus diesem zorn- und schmerzreichen Getriebe. Das Eisenbahngetöne zitterte noch in seinem geschwächten Leibe, die monatelange Stille und Rast im Spitale hatte ihn verwöhnt und empfindlicher gemacht. Und heute... es war doch ein halb unbewußter, anstrengender Zwang für ihn, sich so zu geben, als sei keine Lücke in seinem Leben, als wäre es genau so wie es ehemals gewesen. Seit er heimgekehrt war, hatte kein Menschenmund ohne Erregtheit zu ihm gesprochen, darum wirkte die Lene jetzt so beruhigend auf ihn. Keiner war so gleichmäßig geblieben wie das kleine Mädchen. Er ließ sich von dem Kinde weiterziehen durch den langen Hof, über die Trockenwiese, hinaus auf das freie Feld. „Ausrasten... ausrasten... ausrasten!...“
Mit dieser Rastesehnsucht in der Brust und mit schwerem Kopf schritt er hin durch die wehenden Halme. Die Feldwege waren so schmal, daß die Lene vor ihm gehen mußte, und da blendete ihn plötzlich etwas, die Sonne trat wieder aus den Wolken, und es flimmerte und glänzte der kleine rothe Kopf vor ihm, als ob die Haare aus purem Gold wären. Endlich kamen die Beiden auf einen Hügel, und da oben war auch ein Feldrain ganz mit hohem Gras und Blumen überwachsen, nur dazwischen, wohl verstreut oder vom Wind verweht, schossen lange Kornähren auf. Dort setzte sich der Heimgekehrte nieder und athmete die frische reine Luft in vollen Zügen ein, die Lene aber streckte sich der Länge nach neben ihn hin, legte ihren Kopf in seinen Schoß, zog einen Apfel aus der Tasche und biß hinein, daß es knirschte; sie aß langsam, drehte nach jedem Biß den Apfel um und knusperte weiter, bis sie nur mehr den Stengel zwischen den Fingern hatte, und den ließ sie nachlässig fallen. Der Leopold schaute nachdenklich in die grünschillernden Augen, die ruhig zu ihm aufblickten. Jetzt schüttelte sich die Lene leicht vor Behagen, dehnte die Glieder, legte die kleinen Füße übereinander und sagte in einem Ton, aus dem das Vorgefühl des Gruselns klang:
„So... jetzt erzähl’ mir eine Geistergeschicht’.“
Der Leopold aber schwieg. Es war recht still und einsam da mitten in den Kornfeldern, Leib und Seele konnte da oben ausrasten... Die regenfeuchte Erde dunstete, als die Sonne heiß niederschien, dann sank die Sonne tiefer, und in der Weite schwebte der Dunst über dem Boden wie ein leichter Nebelflor. Ein hastiges Regen und Zirpen hub zuweilen in den hohen Halmen an und erstarb dann wieder allmälig, bis auf ein einziges schrilles Grillenstimmchen, das gleich einem Vorsänger so lange allein zirpte und lockte, bis die andern allgemach wieder mitsangen. In der Nähe begann eine Wachtel zu schlagen; der Leopold ließ den Kopf in die Hand sinken und lauschte... und dachte an Alles, was geschehen war, als er heimkehrte.
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Die Lene schlief.
Rammingsche Buchdruckerei in Dresden, gr. Kirchgasse 6.
Dresden.
Rammingsche Buchdruckerei
(gr. Kirchgasse 6).