Unsere Hochzeitsreise in die Urwälder von Kamerun

Part 3

Chapter 33,492 wordsPublic domain

Nach zweistündigem Marsch kamen wir in einen mit zirka fünfzig Zentimeter langem Gras bedeckten freien Platz, wo mein Mann vor zirka fünf Jahren bei der Vermessung der Kamerun-Nordbahn sein Lager errichtet hatte. Einige eingerammte Pfähle und darüberliegende Knüppel, sowie einige von Wind und Wetter zerfetzte Palmenmatten waren die Überreste des ehemaligen Lagers. Wir rasteten kurze Zeit und setzten dann unsere Wanderung fort.

Mittlerweile war auch die Sonne recht hoch gestiegen und entlockte mir, trotzdem ich noch immer ritt und ganz leicht gekleidet war, so manchen Seufzer und manches Tröpflein Schweiß, so daß ich froh war, als wir gegen vier Uhr nachmittags unser nächstes Tageslager _Lum_ erreichten.

Wir hatten, selbst nach Ansicht meines Mannes, eine für die Tropen ganz vorzügliche Tagesleistung hinter uns.

Hier wurde wieder Lager aufgeschlagen und der Abend von gestern wiederholte sich naturgetreu, mit Ausnahme des kleinen Überfalles. Joseph begann sofort der Schlange »das Fell über die Ohren zu ziehen« und schnitt deren Leib, ohne Rücksicht auf die Eingeweide, in gleich große Stücke, die er unter die Träger verteilte. Eiligst liefen diese nach ihren Unterkunftshütten, wo -- wie wir uns am Abend überzeugten -- dieser »Leckerbissen« mit einer unglaublichen Menge Bananen resp. Planten in die unergründlichen Negermagen verschwand. I gitt! I gitt! Den gleichen Weg nahm ein Hundsaffe, den mein Mann noch geschossen hatte. Die Schlangenhaut wurde mit kleinen, selbstgefertigten Holzstiftchen auf zwei Palmenrippen aufgezweckt, mit Alaun eingerieben und zum Trocknen ans Lagerfeuer gestellt. Auf gleiche Weise wurde das Affenfell präpariert.

Auch heute hatte Joseph wieder mit einer kleinen Überraschung aufzuwarten. Er hatte unterwegs einige Mangopflaumen gekauft und davon, unter Vermischung von Bananen und Ananas ein sehr schmackhaftes Kompott zubereitet. Ananas stand überhaupt täglich auf der Speisekarte. Ferner servierte er ein junges Gemüse, was er aus zarten, in kleine Stücke geschnittenen Graskolben, nach Art unserer jungen Erbsen, vorzüglich zubereitet hatte.

Todmüde sank ich nach einem kurzen Plauderstündchen auf mein Lager und schlief fest und traumlos nach dem anstrengenden Tagesritt bis zum Wecken, wo ich mich erfrischt und neugestärkt erhob.

Heute marschierten wir bis nach Nlohe, was bereits 600 Meter über dem Meere und bei 115 Kilometer der Nordbahn an den Ausläufern des Menengubagebirges liegt.

Die üppige Urwaldvegetation wurde hier bereits durch einige kilometerlange, mit vier bis fünf Meter hohem, fingerdicken Elefantengras bestandenen Flächen unterbrochen, die die Ausläufer des Graslandes, in welches wir nun allmählich einmarschierten, bildeten. Von hier aus benutzten wir wieder die Bahn, um sie in Manengoteng wieder zu verlassen. Auch hier machten wir nicht von dem dargebotenen Gastrecht Gebrauch, sondern marschierten einige Kilometer zurück und schlugen direkt an der alten Karawanenstraße an den zirka 10 Meter hohen Fällen des Dibombe unser Lager auf.

Entzückt stand ich still und konnte den Blick nicht losreißen von den ungeheuren, schaum- und gischtgekrönten Wassermassen, die sich mit donnerndem Getöse in die Tiefe stürzten, unaufhörlich, rastlos! Fast unmöglich war es, sich bei dem ungeheuren Lärm zu verständigen, doch wir gewöhnten uns sehr bald an das ununterbrochene Rauschen des Dibombe und waren hochbefriedigt von unserem idyllisch gelegenen Lagerplätzchen. Interessiert betrachtete ich die aus Baumstämmen und Knüppeln, verbunden durch Rotang (Lianengewächs) hergestellte Brücke; gewiß ein Kunstwerk der Technik im afrikanischen Urwald!

Den Häuptling von Manengoteng hatte mein Mann angewiesen, daß er Verpflegung für die Träger, sowie ein Schaf, einige Eier und Ananas für unsere Küche bringen sollte und nach einigen faulen Ausreden erklärte er sich dann auch bereit, den gewünschten shop zu bringen.

In Begleitung von fünfzehn bis zwanzig seiner Dorfgetreuen und Frauen, die mich mit unverhohlenem Erstaunen und großem Interesse recht eingehend begafften, brachte er dann auch wirklich die Verpflegung für unsere Leute; ein sehr schönes Mutterschaf für uns, und mit verschämtem Grinsen überreichte er mir persönlich ein Huhn und ein kleines, mit Eiern gefülltes Körbchen. Als Bezahlung erhielt er den ortsüblichen Satz von sieben Mark für das Schaf, außerdem fünf Het, das sind fünfundzwanzig Blatt Tabak, und aus der unergründlichen Rumflasche er zwei und seine Begleiter je ein Gläschen. Es wunderte mich, daß er das Glas auf einen Zug leerte und den scharfen Traderum in dieser Menge seinem Magen anbot. Doch der alte Genießer ging noch weiter, er behielt den »Schluck« im Munde und spülte, den Kopf schüttelnd, sich auch noch den Mund damit aus, bevor er das edle Naß hinunterschluckte. Die gleiche raffinierte Genußsucht zeigten seine Begleiter.

Befriedigt über das Ergebnis seines Handels zog er sich in sein Dorf, wo auch unsere Träger untergebracht waren, zurück.

Inzwischen hatte Joseph bereits unserem Schäflein das Lebenslicht ausgeblasen und am Abend servierte er Hammelkeule mit grünen Bohnen (Konserven). Joseph wollte sich vor mir als durchaus perfekter Koch zeigen und hatte zum Nachtisch Krapfen gebacken, sowie eine gute Tasse Kakao gekocht.

Meine lächelnde Frage, ob die Krapfen in »Affenfett« gebacken seien, wies er beleidigt zurück, sah dann aber an meinem Appetit, daß ich nur gescherzt hatte.

Mein Mann hatte mir oft in der Heimat von den Kochkünsten seines für ihn unentbehrlich gewordenen Joseph erzählt, und ich kann heute die Schilderungen schon zum größten Teil bestätigen.

Lustig loderten und knisterten die um unsere »Behausung« angelegten vier Lagerfeuer und wir fielen bald, nachdem wir die wichtigsten Tagsesereignisse notiert hatten, durch das Rauschen des Dibombe und die vom tosenden Wasserfall gespendete Kühle sanft eingelullt, in einen tiefen Schlaf.

Durch den alles übertönenden Lärm der abstürzenden Wassermassen und durch den uns umgebenden Urwald am Fernblick behindert, hatten wir nicht wahrgenommen, daß im Westen eine dicke, schwarze Gewitterwand sich auftürmte und dank der ausnahmsweisen Wachsamkeit des Feuermannes wurden wir vor unfreiwilligen Flugversuchen bewahrt.

Ein furchtbarer Sturm brach los. Dürre Äste fielen laut krachend um unser Zelt herum zu Boden und der Feuermann begann bereits die glimmenden Holzscheite der Lagerfeuer, die einen mächtigen Funkenregen verursachten, auseinanderzuziehen, denn er sah das Zwecklose seiner Bemühungen, weiterhin ein Lagerfeuer unterhalten zu können, ein. In wenigen Augenblicken prasselte der Regen in Strömen hernieder, der jedoch dank der um das Zelt angelegten vielen Wassergräben unsere Behausung, wenigstens von unten her, trocken ließ. Blitz folgte auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag. Fast ununterbrochen war unser Zelt taghell erleuchtet, und ich mußte die Augen schließen vor der blendenden weißglühenden Helle der tropischen Blitze. Unheimlich wurde mir in unserem engen Zelt zumute, doch es gab keine andere Möglichkeit, als ruhig im Bett liegend, auszuharren, bis der Tornado vorüber war.

Noch nie hatte ich ein derartiges Gewitter erlebt. Was waren selbst die strengsten Gewitter in der Heimat gegen dies Toben der entfesselten Elemente, diesen Aufruhr der Natur in den Tropen, das blitzte, krachte, sauste, rüttelte an unserem Zelt, daß ich glaubte, der Untergang der Welt sei gekommen.

Joseph, der die Unerbittlichkeit meines Mannes, während der ganzen Nacht ein Lagerfeuer zu unterhalten, kannte, hatte vor Beginn des Regens so viel Holz als möglich durch die Träger in die Hütten schaffen lassen. Er selbst harrte mit uns im Zelte aus.

Da plötzlich schien die elementare Gewalt noch ein letztes Mal mit dem Rest ihrer gewaltigen Kräfte einzusetzen, dem selbst einige Stricke unseres Zeltes nicht standhielten, so daß die eine Hälfte einfach zusammenklappte.

Wieder war es Joseph, der in Gemeinschaft mit dem Feuermann, welcher unter dem Sonnensegel Schutz gesucht hatte und durch das Zusammenklappen des Zeltes ein unfreiwilliges, zu seinem größten Leidwesen recht ergiebiges Bad genommen hatte, bei strömendem Regen unter Blitz und Donner die Zeltstricke an in der Nähe befindlichen Bäumen festband. Eine kleine, kalte Douche hatten wir jedoch auch mit abbekommen.

Die Gewalt des Tornado war jetzt gebrochen, und man hörte nur noch das monotone Rauschen des Wasserfalls und den langsam schwächer werdenden Donner des abziehenden Gewitters, begleitet von starkem Wetterleuchten.

Die beunruhigte Natur brachte uns auch endlich für den Rest der Nacht in der angenehmen Kühle und erfrischenden, gereinigten Luft den ersehnten, erquickenden Schlaf.

Wir öffneten unser Zelt an den beiden Stirnseiten und ließen uns von der frischen Nachtbrise in den Schlaf fächeln.

Am andern Morgen brachen wir in aller Frühe unsere Zelte ab, riefen dem Wasserfall ein letztes Lebewohl zu und marschierten bis zur Station Manengoteng, wo Joseph mit den Trägern das Verladen unserer Lasten vornahm, während wir zu Pferde, begleitet von acht Trägern mit etwas Verpflegung und einer aus zwei Reisesäcken und zwei armdicken Knüppeln gefertigten Hängematte bis zur nächsten Station, Ndunge, durch den herrlichen Urwald, der uns heute, nach dem erfrischenden Tornado viel schöner erschien als bisher, ritten.

Schwierig gestaltete sich die Überquerung eines mittleren Nebenflusses des Dibombe, dessen Brücke, welche aus mehreren über den Fluß gelegten Baumstämmen und darüber geschnürten Knüppeln bestanden hatte, vom gestrigen Tornado fortgerissen war. An einer seichten Stelle (Furt) wurde die Durchquerung vorgenommen. Unsere wenigen Lasten, die bisher auf dem Rücken getragen worden waren, mußten auf den Kopf genommen werden. Rasch entledigten die Neger sich ihres einzigsten Kleidungsstückes, des schmutzigen Lendenschurzes, dem eine innige Berührung mit dem Wasser absolut nichts geschadet hätte, und bis unter die Arme im Wasser stehend, das Gesicht der nicht schwachen Strömung zugewandt, waren bald sämtliche Träger am andern Ufer des Flusses angelangt. Mein Mann, dem ein derartiges Durchqueren nichts Neues war, schwamm direkt mit dem Pferde durch. Für mich ließ er die »Hängematte« bringen und darin liegend, wurde ich auf den Köpfen unserer lieben, schwarzen Brüder durch den Fluß getragen. Sehr behaglich fühlte ich mich in diesem provisorischen Traggerüst allerdings nicht, am meisten nervös machte mich das andauernde Geschrei und Zurufen der sich vorsichtig vorwärts tastenden Träger.

Nachdem wir auch dieses Hindernis genommen hatten, ritten wir durch die, an den Ufern des Dibombe, der sich hier zwischen Felsblöcken hindurchwindet, gelegenen Bananenhaine, in deren Hintergrund der Urwald, streckenweise von Grasflächen unterbrochen, in seiner alten Pracht grünte. Das Gekrächze der Papageien und der Ruf des Turakos, sowie das Murmeln des eilig zu Tale fließenden Dibombe unterbrachen die lautlose Stille des Urwaldes.

Auf einem vom Sturm entwurzelten Urwaldriesen ließen wir uns nieder und von Taka den mitgenommenen Mundvorrat auftischen, welcher bis auf eine kleine eiserne Portion, die für alle Fälle unberührt blieb, verzehrt wurde.

Von Ferne vernahm man das Stöhnen und Krächzen der Eisenbahn, die gerade an dieser Stelle die sehr steilen Hänge des Manenguba-Gebirges in kurz gewundenen Serpentinen, mehrere Male den Fluß kreuzend, hinaufkeucht. Wir ließen den Zug an uns vorüberfahren und Joseph, der mit den restlichen Trägern auf dem mit unseren Lasten beladenen Wagen thronte, schwenkte, zum Zeichen, daß in der Kolonne alles in Ordnung sei, fast kameradschaftlich die Mütze.

Nach weiterem, dreistündigen Marsch durch die endlosen Grasflächen, die wir auf engen, ausgetretenen, zirka 30 Zentimeter breiten Negerpfaden, zu deren beiden Seiten das bis fünf Meter hohe Elefantengras wogte und keinem Lüftchen Zutritt zum Wege gestattete, durchquerten, zogen wir endlich in Ndunge ein. (Das vorläufige Ende der Kamerun-Nordbahn ist Nkongsamba.) Hier sahen wir zum ersten Male größere Herden Kleinvieh und eine, scheinbar mit Verständnis aufgenommene Hühnerzucht.

Nachdem wir etwas außerhalb des Dorfes einen Platz von Gras und kleinem Buschwerk befreit und darauf unser Lager aufgeschlagen hatten, erschien auch schon der Häuptling mit Verpflegung für die Leute und einigen Ananas und Popeias für uns.

Das Häuptlingsgehöft Ndunge bestand aus zweiundzwanzig, in einer Linie längs der Straße aufgebauten Mattenhäusern und kennzeichnete eine gewisse Wohlhabenheit seines Besitzers.

Für jedes Weib, welches sich der Häuptling neu erwirbt, läßt er von den Getreuen seines Dorfes ein neues Mattenhaus errichten. Der Häuptling selbst stand in den besten Jahren, und wir wunderten uns über die vielen alten Frauen, die in seinen Gehöften untergebracht waren. Er erzählte uns auf Befragen, daß sein Vater vor zirka fünf Jahren gestorben sei und ihm seinen ganzen Reichtum, in Gestalt von fünfzehn Frauen, als Erbe hinterlassen hätte.

Der Platz zwischen Gehöft und Straße war sauber mit kleinen Büscheln von Zitronengras (Fiebergras) eingefaßt und in der Mitte dieses Platzes standen einige herrliche Orangen- und Mangopflaumenbäume. Eine stattliche Herde Schafe und Ziegen waren hinter dem Gehöft in einer Hürde eingesperrt.

Wir hatten allmählich unsere Decken hervorsuchen müssen, denn es war in den Abendstunden schon recht frisch, so daß man sich, im Langstuhl sitzend, eine Decke über die Knie legen mußte.

Nachdem mein Mann den Häuptling für die gebrachte Verpflegung scheinbar recht gut bezahlt hatte, brachte er uns am Morgen vor unserem Aufbruch noch einige Hühner, die mit zusammengebundenen Füßen und über dem Arm getragen, mitgenommen wurden.

Hier sollte, da wir uns doch bald am Endziel unserer Reise nach Norden befanden, das in Duala eingekaufte Hängekleid ein würdiger Sold für das Entgegenkommen des Häuptlings sein. Mit vor Freude glänzenden Augen überreichte er seinem Lieblingsweibe das Kleid, welches laut klatschend alle ihre Mitfrauen herbeirief, um uns nach dem Klang der Palaver- und Playtrommeln, die von den Männern geschlagen wurden, unter rhythmischem Händeklatschen einen Abschiedstanz aufzuführen. Als wir unsere Pferde bestiegen hatten, drückte der Häuptling uns kameradschaftlich die Hand und unter lautem Zurufen und Gejohle der Bewohner galoppierten wir zum Gehöft hinaus.

Weiter ging es durch endloses Weideland, welches durch das letzte Abbrennen nur mit ganz jungen Grasspitzen bestanden war, auf der schön ausgebauten Regierungsstraße zunächst nach dem Posten Bare, wo wir auch unsere Trägerkolonne einholten.

Hier sahen wir zum ersten Male an Stelle der Mattenhäuser aus den Halmen des Elefantengrases hergestellte Hütten.

Nach kurzer Rast zogen wir, nach weiterem, dreistündigen Marsch in das deutsche Gehöft der Gebrüder H. ein.

Freundlich von den Besitzern empfangen, ließen wir die Pferde in den Stall bringen und in kurzer Zeit saßen wir, fröhlich von der Heimat plaudernd, mit den beiden, von der Tropensonne gebräunten Farmern beim Essen. Dann zeigten sie uns ihre stattlichen Rindvieh-, Schaf- und Ziegenherden, sowie die Schweine und am Schlusse eine, in bescheidenen Grenzen gehaltene Pferdezucht. Fern von jeder menschlichen Niederlassung auf einem erloschenen Krater, die in jener Gegend nichts Seltenes sind, hatten sie ein recht stabil gebautes, mit Matten eingedecktes Wohnhaus errichtet, dem sich, ein Geviert bildend, die Ställe und Scheunen anschlossen. Vor dem Gehöft war ein großer Komplex urbar gemacht und mit Kartoffeln bepflanzt, während zu beiden Seiten herrliche Bananen- und Plantenhaine, leicht von der wohltuenden Brise bewegt, standen. Auch Mais und Makavos, die hauptsächlich als Futter dienten, erbauten sie. Die innere Ausstattung des Wohnhauses war den afrikanischen Verhältnissen angepaßt und wir freuten uns, nach den vielen Tagen der Reise wieder einmal ein festes Dach über unserem Haupte zu haben. Allerdings reichten für die bis heute erklommene Höhe (1100 Mtr.) unsere mitgebrachten Decken nicht aus, denn die Temperatur sank bereits in den Abendstunden recht tief.

Der nächste Tag war der von den Trägern, und ich muß sagen, auch für uns innig herbeigesehnte Rasttag, denn in Afrika marschiert man für gewöhnlich höchstens fünf Tage, um am sechsten einen Ruhetag zu machen.

Während ich nach einem langen, bis tief in den Morgen hineinwährenden Schlaf gemütlich durch die Farm bummelte und alles nochmals interessiert betrachtete, ging mein Mann mit den beiden Besitzern auf Jagd und brachte aus der sogenannten Kornkammer, einer verlassenen Kassadafarm, neun Stück Buschhühner und fünf Tauben mit nach Hause, die wir uns am Mittag, durch die Hand des schwarzen Kochs schmackhaft zubereitet, munden ließen.

Am Nachmittag ritten wir noch nach dem in der Nähe gelegenen Dorfe Mboénda, wo mein Mann früher einmal sein Lager für längere Zeit aufgeschlagen hatte. Leider war der Häuptling an den Folgen einer Dysenterie gestorben, doch die anderen Bewohner, die meinen Mann wiedererkannten, freuten sich über unser Kommen und beschenkten uns mit Hühnern und Eiern. Da wir nur einige Het Tabak bei uns hatten, zahlten wir mit diesen.

Um den Nachmittag gut auszufüllen, zeigte mir mein Mann noch die über den Nkam führende, kunstgerecht aus fingerdicken Rotang-Lianen hergestellte, den ganzen zirka sechzig Meter breiten Fluß überspannende Hängebrücke bei Nkongsam. Unterhalb dieser Brücke stürzt sich der Nkam 40 Meter über vorspringende Felsen in die Tiefe und jeder, der beim Überschreiten der Hängebrücke einen Fehltritt tut, wäre dem sichern Tode geweiht.

Nachdem wir dieses herrliche Naturschauspiel bewundert hatten, ging's im flotten Trabe heim. An das Durchreiten der zu durchquerenden Flüsse hatte auch ich mich schon gewöhnt, so daß wir bald wieder in der Farm anlangten, noch ehe die Nacht ihre Schatten auf die Erde senkte.

Am nächsten Morgen ließ Josef, wie an Marschtagen üblich, bereits im Dämmern des kommenden Tages, das sich in Afrika innerhalb einer halben Stunde von der Nacht bis zum völligen Sonnenaufgang vollzieht, unsere Lasten in Reih und Glied vor dem Hause auflegen.

Als wir nach kurzem Frühstück aus dem Hause heraustraten, bot sich uns wieder ein eigenartiges gewaltig-schönes Schauspiel.

Wer beschreibt die Schönheit des in scheinbarer Eile hinter den Bergen emporsteigenden Glutballes!

Erst ein ganz leichter goldiger Schein, der sich bald in ein purpurnes Rot, durchzogen von gelben bis milchweißen Fäden, verwandelt, beleuchtet die Sonne die ausgedehnten, saftig grünen Grasflächen mit ihren ersten, wärmenden Strahlen und während wir uns von unseren liebenswürdigen Gastgebern mit herzlichem Dank verabschiedet hatten, stand sie in voller Pracht am Himmel.

Nun traten wir den Marsch zur Küste an und marschierten vorläufig wieder zu unserem Freunde von vorgestern, wo wir nach Übernachtung am nächsten Tage die Bahn benutzen wollten, um sie in Mujuka wieder zu verlassen.

Eine zauberhaft schöne Mondnacht senkte sich auf die leicht ausgekühlte Tropenlandschaft nieder. Prächtig, in nie gesehenem Glanze, eine kolossale Lichtfülle ausstrahlend, stand silberglänzend der Vollmond am Himmel. Die Helligkeit war so groß, daß man nicht zu klein gedruckte Schrift bequem im Mondlicht lesen konnte.

Nicht sattsehen konnte ich mich an der Schönheit der im magischen, weißen Lichte daliegenden Landschaft. Ich muß sagen, daß mir die Eigenart der tropischen Lande noch unendlich anziehender erschien als im Sonnenglanz.

Noch ganz versunken in die märchenhafte Schönheit des Abends, beachteten wir kaum den erst schüchternen, dann immer stärker werdenden rhythmischen Schlag der Palaver- und Play-Trommeln. Als auch noch Gesang, sowie ein, diesen begleitendes Händeklatschen aus dem Dorfe zu unserem Lager herüberdrang, machten wir uns auf, um dem Tanze -- denn ein solcher fand nach den Angaben meines Mannes statt -- zuzuschauen.

Männlein und Weiblein hatten sich auf dem Dorfplatze im Kreise aufgestellt, hinter diesen, wohlgeordnet, die »Musikanten« und in der Mitte des Kreises tanzten, ihre Schultern und Hände schwingend und den Bauch schlangenartig im Kreise windend, zwei anmutige Negermädchen. Es ist unbeschreiblich, mit welchem Feuer, jede Muskel einzeln bewegend, der Neger sich dem Genusse des Tanzens hingibt. Schweißüberströmt drehten sich die fast ganz nackten Körper im Mondlicht und ein wohlgelungener, graziöser Sprung, der gleichzeitig das Ende der Partie bedeutete, brachte den Tanzenden ein lebhaftes Gejohle und Händeklatschen als Lohn ein.

Etwas abseits von dieser tanzenden Gruppe hatten die erwachsenen jüngeren Männer einen Kreis gebildet. Ihre Musikinstrumente bestanden aus leeren Kisten, Tonnen und zwei, anderthalb Meter im Durchmesser fassende, fünf Meter lange, aus einem Baumstamm herausgeschnitzte Kriegstrommeln, die kräftig mit Stöcken und Knüppeln bearbeitet wurden. Wenn die Frauen ihre Tänze graziös ausführten, so kann man hier von einem wilden, jeglichen Rhythmusses entbehrenden Springen der mit Tanzmasken geschmückten Männer reden. Ganz ausnahmsweise große Sprünge wurden mit einem lauten, zischenden »scht, scht« begleitet, welche Laute durch Ruten, aus den Rippen der Raphiapalme hergestellt und durch die Luft geschlagen, erzeugt wurden.

Mein Mann verteilte einige Het Tabak und eine Flasche Rum, welche lauten Jubel auslösten und die schwarze Gesellschaft zu noch groteskeren Sprüngen veranlaßte.

Müde des Schauens, zogen wir uns in unser Lager zurück, doch noch lange floh uns der Schlaf, da das Gedröhne der Trommeln, die monotonen Gesänge, unterbrochen von den schrillen Trillern und dem Aufjauchzen der Weiber, unausgesetzt zu uns herübertönte.

Es schien, als sollte ich, soviel als die Kürze der Zeit es erlaubte, alles kennen lernen, was das Leben in den Tropen an Schönheiten und Widerwärtigkeiten mit sich bringt.

Wir ritten am nächsten Tage von Mujuka aus, wohin uns inzwischen die Bahn gebracht hatte, nach den Kakaoplantagen in Mudame, wo uns der Leiter in liebenswürdigster Weise die Kakaokulturen, sowie die Bearbeitung der Früchte bis zur Verschiffung zeigte. In fröhlicher Gesellschaft einiger älterer Angestellten verbrachten wir den Abend.

Am nächsten Morgen mieteten wir uns drei große, zirka fünfzehn Meter lange Kanoes, in die wir unsere Lasten verstauten. Das erste Kanoe, auf welchem wir unsere Longchairs zwischen den Lasten eingebaut hatten, nahmen wir in Beschlag. Zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen ließen wir uns über den Langstühlen ein leichtes Dach aus Palmenblättern aufbauen, so daß wir im Genusse der durch die Fahrt erzeugten Brise blieben. Die zwei anderen Kanoes wurden von den Trägern besetzt.

In fröhlicher Fahrt ging es, durch die kräftigen Ruderschläge unserer Pulljungs vorwärts getrieben, den Mungo hinunter.

Leise stimmte einer der Neger ein Liedchen an, in das bald die andern einfielen und nun wiederholte sich das auf dem Marsch bereits Beobachtete, daß einer vorsang und die andern einfielen; im Takte mit den Ruderschlägen.

Zu beiden Ufern den Mungo, grüßte uns wieder der nie genug geschaute imposante Urwald mit seinem, im herrlichen Tropenmorgen erwachenden Leben. Papageien flogen kreischend von Baum zu Baum, Turakos ließen ihre durchdringenden Schreie vernehmen und wir hatten das Glück, diesmal nicht allzufern, einige niedliche Äffchen zu beobachten, welche, sich scheinbar sehr sicher fühlend, uns neugierig betrachteten. Auf den aus dem Bett herausgetretenen Sandbänken stelzten Reiher und andere Strandvögel, munter pickend, einher.

Unbeschreiblich schön und reizvoll ist so eine Fahrt auf dem Mungo!

Doch, nichts ist vollkommen, und den Genuß dieser herrlichen Morgenfahrt wußten uns hunderte von Moskiten, die uns an den freigelassenen Körperstellen ganz zerstachen, zu schmälern. Doch als die Sonne höher stieg und der leichte Nebel sich zerteilt hatte, ließen auch diese Quälgeister nach und ein freier, klarer Ausblick bot sich uns nach vorn.