Unsere Hochzeitsreise in die Urwälder von Kamerun
Part 2
Hier hing unter einem Mattendach die Keule eines Schafes oder Ochsen, dort standen, in kleine Körbchen gefüllt, Erdnüsse, Makavo (kartoffelähnliche Knollenfrucht), Mais, Bananen, Ananas und ähnliche tropische Früchte. An anderer Stelle wieder kauerte ein schmutziges Weib am Boden, die ihre aus Makavo gefertigten, in Palmöl gekochten Klöße zum Verkaufe ausbot. In einem kleinen Schnittwarenladen, der die »neuesten Muster« der afrikanischen Mode auf den Markt brachte, wurden die auf dem Markt durch den Verkauf von Produkten erzielten Einnahmen umgesetzt, doch nicht, ohne stundenlanges Feilschen und Handeln und nachdem sämtliche ausgelegten Herrlichkeiten mit schmutzigen Fingern durchwühlt waren.
Nachdem wir uns mit einer Flasche Eisbier und einigen Sandwichs im Hotel gestärkt hatten, unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang durch die endlose Reihe der deutschen und englischen Faktoreien.
Da die Zeit zur Abfahrt mahnte, ließen wir uns wieder auf unseren Dampfer einbooten und fuhren, nachdem wir noch Lagos, eine Hafenstadt in Nigeria, angelaufen hatten, dem vorläufigen Endziel unserer Reise, Kamerun, zu.
Mit vor Freude klopfendem Herzen stand ich an Deck. Kamerun! In kurzer Zeit sollte es erreicht sein, sollte mein jahrelanger, heißer Wunsch sich erfüllen. Meinen Fuß würde ich auf Kameruner Erde setzen und eindringen in die vielen Schönheiten des wunderbaren Landes.
Mit Hilfe des Fernglases bemerkten wir bereits vor uns einen langgestreckten Höhenrücken, dessen einzelne Bergkegel in einen undurchdringlichen Nebel gehüllt zu sein schienen. Näherkommend, zerteilten sich die Nebelschwaden und majestätisch stieg aus dem Gebirge der alles überragende 4000 Meter hohe Kamerunberg heraus. Zu seinen Füßen liegt der ehemalig ebenfalls vulkanische, kleine Kamerunberg. Am Fuß des letzteren gruppiert sich malerisch, wie ein Schmuckkästchen, das reizende Viktoria, das aber leider durch die hinter ihm lagernden, nur zum Teil sanierten Sümpfe, nicht gerade das günstigste Klima in unserem fieberreichen Kamerun hat.
Auf einer kleinen Anhöhe liegt die Wohnung des Bezirksamtmannes direkt am Strande, ferner das Laboratorium der Versuchsanstalt für Landeskultur, das Polizeimeistergebäude, das Bezirksamt und -Gericht, die Wohnhäuser der Gouvernementsbeamten und die Faktoreien. Eine strikte Trennung der Wohnungen von Schwarzen und Weißen ist hier geschickt durchgeführt.
Ein Rundgang durch den botanischen Garten führt uns wohlgepflegte Kakao- und Gummikulturen vor Augen und gewährt uns schon einen kleinen Einblick in die üppige Vegetation der Tropen. Gern hätten wir uns den Sitz des Gouvernements, das in ca. 1000 Meter Höhe am großen Kamerunberg gelegene Buea, angesehen, doch unsere Reise sollte weitergehen und uns in die Gefilde führen, wo mein Mann als deutscher Kulturpionier die Linienführung der Kamerun-Nord- und Mittellandbahn erkunden half.
Nachdem wir uns noch einen Teil der herrlichen Kakao-Plantagen der W.A.P.V. angesehen hatten, fuhren wir noch an demselben Tage nach Duala.
Unzählige Buchten, sogenannte Creeks, die dicht mit Mongroven, zwischen denen einige Urwaldriesen ihre Häupter gen Himmel reckten, bestanden waren, wurden von den Fischfang treibenden, in kleinen Kanoes sitzenden Negern belebt. Rechts von uns sahen wir auf schmaler Landzunge direkt an der See das Sanatorium Suelleba und näherkommend, entdeckte man bereits die sauber weiß gestrichenen Häuser von Duala.
Auf der Joßplatte liegen Offizierskasino und die Beamtenwohnhäuser unserer Schutztruppenangehörigen und weiter, nach der Landungsbrücke zu, die Gouvernementsgebäude.
Im Hafen von Duala, der die Mündung des Kamerunflusses (Wuri) ist, kreuzten die kleinen Dampfbarkassen und Pinassen und nahmen, nachdem vom Hafenarzt die Quarantäne abgenommen war, die ankommenden Passagiere und deren Gepäck auf.
An der kleinen Landungsbrücke standen Hunderte von Negern und schwarzen Frauen, die teils grinsend, teils bewundernd die Neuangekommenen musterten, wohl auch dem wiedererkannten »alten Afrikaner« einen Willkommensgruß im schwarzen Erdteil zuriefen.
Eines mutete mich recht sonderbar an. Während wir in franz. Guinea französisch, in den engl. Kolonien englisch sprechen hörten, vermißte ich in Duala den Wohlklang unserer Muttersprache. Einige besser gekleidete boys, die ihre aus der Heimat zurückkehrenden Master abholten, hörte ich nur das Pigeon-Englisch, ein furchtbar verstümmeltes, mit andern Sprachen durchsetztes Englisch, sprechen. Mein Mann hatte auf der 23tägigen Seereise eifrig mit mir gearbeitet, damit ich dieses Kunterbunt ein wenig beherrschte.
Duala zu schildern, will ich unterlassen, da ich annehme, daß wohl Jeder von dem rasch emporgeblühten, fast europäischen Duala genügend Kenntnis aus Reiseberichten besitzt. Ich kann nur sagen, daß ich überrascht war von den wohlgepflegten Straßen und Gouvernementsgärten, in welchem die Gouvernementsgebäude eingebaut sind. Imponierend wirkten die Anlagen der Kamerun-Mittellandbahn, deren Bahnhof in einem Seitentale des Kamerunflusses, der sogenannten Bomonoschlucht liegt, deren Hänge mit den Beamtenwohnhäusern der Bahn malerisch bebaut sind.
Durch die 23tägige Seefahrt war unser Gang an Land direkt schwankend und schaukelnd geworden, doch heute -- und das war für mich die Hauptsache -- konnte ich zum ersten Male mein Haupt im schwarzen Erdteil, auf dem für mich noch tausend Geheimnisse bergenden Kameruner Boden zur Ruhe legen.
Im Hotel traf mein Mann viele alte Bekannte von seiner früheren kolonialen Tätigkeit her, alle freuten sich sehr, ihn wiederzusehen und auch mich kennen zu lernen. Ein fröhlicher Kreis bildete sich bald, Erinnerungen, ernste und heitere, wurden lebhaft ausgetauscht und viele Fragen nach der lieben, deutschen Heimat an uns gerichtet, so daß die Stunden wie im Fluge entschwanden. Dem Bier und Sekt wurde sehr reichlich zugesprochen, das Wiedersehen wurde recht gründlich gefeiert und beim endlichen Aufbruch hatte ich das Empfinden, mich noch an Bord zu befinden, wenigstens in bezug auf den »schaukelnden, schwankenden Gang« meiner lieben, neuen Bekannten; mein Mann jedoch durchaus nicht ausgeschlossen.
Eine frische Nachtbrise machte den Aufenthalt in den kleinen und niedrigen Hotelzimmern recht angenehm und zum ersten Male wieder, seit langer Zeit, fand ich meinen von Europa her gewöhnten, gesunden Schlaf.
Ein fast unglaublicher Zufall führte uns mit dem Koch zusammen, der mehrere Jahre in den Diensten meines Mannes gestanden hatte und ihm während der Dauer von zweieinhalb Jahren kreuz und quer durch die Urwälder Kameruns ins Innere gefolgt war und sich nicht nur als treuer Begleiter, sondern auch als tüchtiger, mit dem verwöhnten, europäischen Gaumen wohlbekannter Koch erwies. Joseph, so hieß diese schwarze Perle, freute sich unglaublich, seinen alten Master wieder zu sehen und erklärte sich bereit, uns auf unserer bevorstehenden Reise ins Innere zu folgen. Kurzerhand löste er, wahrscheinlich zum nicht geringen Staunen und Ärger seines bisherigen Herrn, sein Dienstverhältnis und stand am andern Morgen grinsend mit seinem Päckchen am Hotel.
Er war uns beim Einkauf unserer Verpflegung, die wir auf ca. 3 Wochen zu berechnen hatten, behilflich und nichts wurde vergessen, denn Joseph kannte die hohen Ansprüche, die sein alter Master an seine Kochkunst stellte. Die Verpflegung: Fleisch, Gemüsekonserven, Früchte, Cakes, Butter, Schmalz, Mehl, Reis, Kaffee, Tee, Milch, Zucker, Essig, Öl, Gewürz, einige Flaschen Wein und Bier und sonstige, für die Küche des Europäers nötigen Kleinigkeiten, sowie etwas Reis und Stockfisch, die als Notbehelf dienen sollten, für den Fall, daß man mitten im Urwald Lager beziehen muß und keine Verpflegung für die Träger (Planten, Makavo und Palmöl) bekommt, wurde in Traglasten zu ca. 30 Kilogramm verpackt und nach dem Hotel gesandt. Als Tauschartikel nahmen wir noch Perlen, Tabak, und bedruckte Leinwandstoffe mit. Für irgend einen ganz besonderen Zweck hatten wir uns auch eines jener in Afrika typischen Hängekleider mitgenommen, desgleichen mieteten wir uns für die Reise nach dem Manenguba-Gebirge zwei Pferde.
Die Deutsche Kolonial-Gesellschaft, in deren Diensten mein Mann früher stand, stellte uns bereitwilligst ein Zelt mit den nötigsten Ausrüstungsgegenständen zur Verfügung, und am zweiten Tage nach unserer Landung wurden unsere Lasten nebst ihren Trägern, die teilweise recht schmutzige Lendentücher, welche bei Gott nicht mehr als fünf Prozent ihres Leibes bedeckten und einen intensiven Geruch nach Schweiß und Palmöl ausströmten, um den Leib geschürzt hatten, sowie unsere Pferde und schließlich wir selbst in einem Leichter verstaut und von einer Barkasse nach dem am rechten Ufer des Wuri gelegenen Bonaberi gebracht und sofort in den bereitstehenden Zug verladen.
Da mir mein Mann nicht in eiliger Bergfahrt die Schönheiten des Urwaldes flüchtig zeigen wollte, fuhren wir nur bis Mujuka, zirka 60 Kilometer der Nordbahn und schlugen auf einem freien Platz unser Zelt auf.
Mit unglaublicher Geschwindigkeit wurden die Zeltlasten aufgeschnürt und in einer halben Stunde stand unser Zelt bezugsfertig da. Die Verpflegungslasten, aus denen Joseph sich einige Konservenbüchsen hervorkramte, wurden unter das Sonnensegel gestellt und bildeten, gegen die in der Übergangszeit noch vorkommenden Tornados geschützt, gleichzeitig eine kleine Barrikade um unser Zelt, nur den Eingang freilassend.
Nach dem Aufschlagen des Zeltes begab sich jeder der Träger in den Urwald, um Holz für das nachts als Schutz gegen Ameisen und Raubtiere stets brennende Feuer zu holen und es dauerte gar nicht lange, so kehrten sie, jeder mit ein bis zwei beindicken, zwei bis drei Meter langen Ästen zurück, welche zu zwei großen Scheiterhaufen vereinigt, ihres Zweckes harrten.
Aus einigen, schnell aus den Fiedern der Palme geflochtenen Matten und vier im Busche geschlagenen Pfählen wurde ein kleines Badehäuschen (ohne Dach) aufgebaut und nachdem wir gebadet und uns umgekleidet hatten, begann Joseph und sein Helfershelfer, der boy Taka, zu servieren.
Trotzdem Joseph mit größter Fach- und Sachkenntnis den Lagerbau leitete, hatte er nebenbei, geschickt seine Töpfe auf drei Steine stellend, mittels kleingespaltenem Holz das Essen gekocht und Badewasser warm gemacht. Mitten unter freiem Himmel loderten bald vier solcher kleinen Feuer, auf denen die einzelnen Gerichte dampften.
Wir hatten uns, gestützt auf die langjährigen Erfahrungen meines Mannes, alles Geschirr in Emaille mitgebracht, denn von Porzellan wäre wohl am Abend des ersten Tages wenig übrig geblieben.
Zierlich, mit einer weißen, sauberen Jacke bekleidet, und stolzem Grinsen, die Suppe vor sich herbalanzierend, erschien Taka, dem auf dem Fuße, nicht minder weiß gekleidet, mit einem Gesicht, das den Stempel des Verantwortlichkeitsgefühls trug, Joseph mit dem zweiten Gange, Huhn mit Kartoffelpüree, folgte.
Taka, voll Eifer, bemerkte nicht, daß sein schwarzer Daumen ein warmes Bad in der delikat aussehenden Schildkrötensuppe nahm und von meinem Mann »zart« darauf aufmerksam gemacht, traf ihn ein entrüsteter, vernichtender Blick Josephs, der sich ein derartiges Benehmen anscheinend einfach nicht erklären konnte und seinerseits, in diese schwarze Tat Takas voll Kummer vertieft, vergaß, die Finger von den frisch hingesetzten Tellern zu nehmen, so daß uns seine Fingerabdrücke entgegenleuchteten, die sicher der Stolz jedes Kriminalbeamten gewesen wären. Zum ersten Male stiegen mir an jenem Abend leichte Zweifel ob des »Abfärbens« der schwarzen Rasse auf.
Nun, das Essen war vorzüglich zubereitet, und mit etwas gutem Willen war es mir auch möglich, alle »schwarzen« Gedanken zu bannen und es mir schmecken zu lassen.
Joseph hatte, da er die Verhältnisse gerade Mujukas, aus seiner früheren Tätigkeit her kannte, bei einem dort wohnenden Freund ein Huhn und eine, irgendwo mit Bindfaden in der Hütte festgebundene Schildkröte erworben.
Nach dem Essen setzten wir uns unter das Vordach unseres Zeltes und plauderten, gemütlich in unsern Liegestuhl zurückgelehnt, über das zurückgelegte Stück unserer Hochzeitsreise.
Bald auch hörte unser Plaudern auf und träumend genossen wir den unbeschreiblich schönen Tropenabend. Leider war es noch einige Tage bis zum Vollmond, aber ich konnte mir schon einen kleinen Begriff machen von der großen Schönheit einer tropischen Mondnacht. Nichts regte sich, nur aus der Ferne drang der Schlag der Palavertrommel, sowie der monotone Gesang unserer Träger, die wir in einem benachbarten Dorfe untergebracht hatten, zu uns herüber und ließ die Nähe menschlicher Wohnungen vermuten. Eine unendlich weiche Luft umfächelte uns, und ich dachte unwillkürlich an unser, jetzt sicher so naßkaltes Hamburg, wo man sich schon mit den Pelzen schmückt.
Auch der Feuermann hatte bereits seine Arbeit begonnen und eilte von einem lodernden Holzstoß zum andern, um immer wieder zu schüren und ihm neue Nahrung zuzuführen. Welch ein herrliches Schauspiel war es, in der ruhigen Nacht zu beobachten, wie jedesmal, wenn der Feuermann neues Holz auflegte, ein Funkenregen gen Himmel stiebte, der, gleich einer Rakete, dann wieder langsam in sich zusammensank.
Joseph war eifrig in seiner Küche beschäftigt, das Geschirr zu säubern und alles für den nächsten Morgen, wo wir unsere Reise zu Fuß fortsetzen wollten, vorzubereiten. Taka packte die abgelegten Kleider in den Wäschesack, legte geschickt die am nächsten Morgen benötigten Kleider auf das Moskitonetz unserer Betten, und als sie beide ihr erstes Tagewerk bei ihrem alten »Master« beendet hatten, baten sie um die Erlaubnis, uns erzählen zu dürfen, wie es ihnen in der Zeit der Abwesenheit meines Mannes ergangen sei. Ich konnte mich schon recht gut mit den beiden Hausgeistern verständigen, dank der Bemühungen meines Mannes, mich recht eingehend in das fast undurchdringliche Pigeon-Englisch einzuweihen. Jeder hatte natürlich wenig lichte Tage erlebt, denn intensives Arbeiten ist nicht immer Sache der Neger. Am meisten schien sich Joseph zu freuen, daß sich sein alter Meister nun sein Weib mitgebracht hatte und gab dieser Freude dadurch Ausdruck, daß er uns am Abend mit einer Tasse Tee und ich muß sagen, einem wirklich wohlgelungenen Pudding überraschte.
Noch einmal ermahnte mein Mann den Feuermann, der mit einem Knüppel bewaffnet, jetzt vor den Feuern hockte und träumend in die rote Glut starrte, ja nicht zu schlafen und wir zogen uns in unser Zelt zurück.
Einzelne Moskitos schwärmten im dunklen Zelte herum, doch wir hatten ja Chinin geschluckt -- was ich übrigens nicht sonderlich schätzte -- und konnten beruhigt sein.
Lange lag ich noch wach, alle bisher erlebten Tage an meinem geistigen Auge vorüberziehen lassend und dankte dem Himmel für die Schönheiten und Reize die er mir auf meiner Hochzeitsreise bisher geboten, bis auch ich schließlich, eingeschläfert durch das Knistern der brennenden Holzscheite, Gott Morpheus in die Arme sank.
Doch unsere Nachtruhe sollte nicht lange ungestört sein, scheinbar sollte ich die »Schönheiten« der Tropenlande mit allen Finessen kennen lernen.
Ein furchtbares Schreien und energisches Rütteln am Zelte schreckte mich auf und entsetzt sprang ich hoch, glaubte ich doch nicht anders, als daß wir überfallen worden seien. Ein schwarzes, ängstliches, durch die Glut der Lagerfeuer geisterhaft beleuchtetes Gesicht steckte sich durch den Spalt des Zeltes, so daß ich entsetzt aufschrie, glaubte ich doch, noch schlafbefangen, daß es der leibhaftige Teufel sei. Doch es war nur der harmlose Feuermann, der ununterbrochen ein ängstliches »Anch, Massa, Anch life« rief. So sehr ich auch mit Blitzeseile mein Gedächtnis nach dem mysteriösen Wort »Anch« durchforschte, ich konnte beim besten Willen nichts finden, was einem solchen auch nur ähnlich gewesen wäre. Mein Mann, der nun endlich auch aus seinem gesegneten Schlaf aufgewacht war, drehte sich, nachdem er den Feuermann etwas energisch angehaucht hatte und dieser blitzschnell verschwand, ganz ruhig im Bette herum und erklärte mir, daß Ameisen unser Lager überfallen hätten. Ich zog mich schleunigst wieder ins Bett zurück, wurde ich doch schon von einigen kleinen Quälgeistern energisch gezwickt. Das ganze Zelt, sowie das Moskitonetz waren mit Ameisen besät. Nur der Vorsicht meines Mannes, beim Zubettgehen das Moskitonetz sorgfältig unter die Matratze zu stopfen, war es zu danken, daß mein Mann, obwohl mitten in einem Ameisenhaufen, von diesen kleinen Räubern verschont blieb. Durch meine Unvorsichtigkeit, sofort auf das Geschrei des Feuermannes hin, aus dem Bett zu springen, hatten es sich die Ameisen natürlich bereits in meinem Bett heimisch gemacht und ich hatte das Vergnügen, jede einzeln, nachdem sie mich an irgend einem Teile des Körpers gehörig gezwickt hatte, zu fassen und hinauszubefördern.
Ich hatte wirklich von der ersten Nacht im Zelte genug und wäre am liebsten nach der Küste zurückgekehrt, wo man doch wenigstens vor diesem kleinen Viehzeug sicher war und nicht noch obendrein vom Manne ausgelacht wurde, wie es mir armen Unglückswurm erging.
Joseph hatte inzwischen unsere Trägerkolonne alarmiert, die der kleinen Räuberbande energisch zu Leibe ging.
Drei bis vier Neger öffneten die Rück- und Vorderwand unseres Zeltes und begannen mit aus Palmenwedeln gefertigten, brennenden Besen die Ameisen zu verbrennen, während die übrigen Leute glimmende Scheite vom Lagerfeuer holten und durch Abklopfen der glühenden Kohle die Ameisen zum Rückzug nötigten. Meinem Manne bereitete der kleine Überfall scheinbar viel Vergnügen, während ich heillose Angst hatte, daß durch das unvorsichtige Umgehen der Neger mit den brennenden Fackeln unser Zelt und vor allem das Bett Feuer fangen könnte. Doch keines von beiden trat ein. Vereinzelt liefen noch einige dieser »lieben Tierchen« (sogenannte Dickköpfe) im Zelte herum.
Mein Mann machte mich auf den völlig geordneten Abzug der kleinen Räuberbande aufmerksam. Zu Tausenden und Abertausenden zogen sie, die großen Ameisen (Dickköpfe) an den Seiten Spalier bildend, die kleineren, gemischt mit einigen führenden Großen, in einem zirka zwei bis drei Zentimeter breiten Streifen ab. Als der Zug zu Ende war, schlossen sich auch die Dickköpfe, die Spalier gebildet hatten, an.
An Schlaf war meinerseits nicht mehr zu denken, denn das gellende Geheul des Feuermanns und der Anblick seines feurigen Gesichtes war denn doch zu stark in die Glieder gefahren. Aber mein Mann, der an derartige Überraschungen gewöhnt zu sein schien, verriet bald durch ein intensives Schnarchen die Fortsetzung seiner Nachtruhe.
Da, endlich ertönte die kleine mitgenommene, von Joseph geschlagene Palavertrommel, deren Schall für die Träger das Wecken bedeutete. Wir kleideten uns rasch an und wer beschreibt mein Erstaunen, als ich, ins Freie tretend, unseren Tisch mit richtiggehenden Weißbrötchen, Kaffee und einem Teller Hafergrütze gedeckt fand. Ohne daß mein Mann nur ein Wort gesagt hätte, hatte sich Joseph all der kleinen Liebhabereien meines Mannes wieder erinnert und es schien ihm große Freude zu machen, recht zu unserer Zufriedenheit zu arbeiten.
Joseph meldete, daß die Ameisen sich an der versehentlich offen gelassenen Zuckerdose und dem restlichen Pudding weidlich gelabt hätten und bat sich die Erlaubnis aus, dem Feuermann, der durch sein Schlafen den Ameisen den Einzug in unser Lager ermöglicht hatte, eine Ohrfeige geben zu dürfen. Die Erlaubnis erhielt er und setzte sie auch sofort, und zwar sehr energisch, in die Tat um. Ja, Joseph hielt auf Disziplin in der Kolonne.
Na, wenn der räuberische Überfall nicht mehr Materialschaden brachte, war er wohl zu ertragen.
Während wir den Morgenkaffee einnahmen, wurde mit staunenswerter Geschwindigkeit das Zelt abgebrochen, jeder schnürte sich seine Last zum Tragen fertig, und nachdem das Geschirr verpackt war, setzten wir uns auf unsere Pferde und ritten in den halbdunklen Urwald hinein.
Es war ein ganz wonniger Morgen. Wie tausend Diamanten funkelten die Tautropfen an allen Gräsern und Zweigen in den mühsam durch das Dickicht brechenden Sonnenstrahlen. In vollen Zügen atmeten wir die frische, würzige Morgenluft ein; jubelnde Freude erfüllte meine Brust und vergessen waren die kleinen Unannehmlichkeiten der vergangenen Nacht. Der erste Tag im Urwald vom einzigschönen Kamerun nahm mich derartig gefangen, daß ich am liebsten ein Lied angestimmt hätte, ein frisches, fröhliches Wanderlied mit all den lieben, kleinen, gefiederten Sängern, die alle schon ihr Sangespensum erledigten, um die Wette. Doch auch unsere Kolonne war nicht stumm, ein rhythmisches monotones Singen begann, dessen Eigenart mich fesselte. Einer der Reserveträger sang, vor der Kolonne hertanzend, das Lied vor und die anderen stimmten später kräftig ein, gerade als wenn es der Refrain wäre, den sie mitsangen.
Joseph bildete den Schluß, damit nicht einer der Träger mit seiner Last hinter der Reihe zurückblieb, denn nichts ist unangenehmer, als wenn man im nächsten Tageslager angekommen, sein Zelt aufschlagen will und eine Last fehlt.
Man kann sich, wenn man es nicht selbst erlebte, keinen Begriff von der imponierenden Schönheit des tropischen Urwaldes machen.
Mächtige Baumriesen von dreißig bis fünfzig Meter Höhe und fast unglaublichem Durchmesser sind von kleineren Bäumen und tausend verschiedenartigen Schlinggewächsen, rankenden Farren und sonstigen Schmarotzern umgeben und überwuchert. Staunend bewunderte ich die üppige Vegetation, die seltenen, niegesehenen Blumen, das in allen Farben schattierende Grün der einzelnen Schlinggewächse. Man sah es, hier war der Kultur noch keine Macht gegeben, einzudringen, stolz und frei sproß und wucherte alles in üppigster Selbstverständlichkeit durcheinander, sich im Kampf um einen Lichtstrahl eng umschlingend, so daß man keinen Meter breit das geheimnisvolle Dunkel des ewiggrünen Urwaldes mit den Blicken durchforschen konnte.
Nichts verriet ein Welken oder Sterben!
Hoch in den Wipfeln der Bäume tummelten sich die bisher nie gesehenen, unzähligen, farbenprächtigen Vögel, ein Singen, Klingen, Geschrei und Gekrächze erfüllte die Luft, das mein Herz immer höher schlagen ließ. Einer unserer Träger machte uns auf einige Äffchen, welche in den Kronen der Bäume fressend saßen, aufmerksam. Doch leider ergriffen die possierlichen Tierchen bei unserem Anblick ängstlich die Flucht.
Wir marschierten nicht auf der ausgebauten Regierungsstraße, sondern auf Umwegen unserem Tagsesziele zu, denn ich wollte den Urwald richtig kennen lernen.
Wurzeln und bloßgewaschene Steine bedeckten den zirka dreißig Zentimeter breiten Negerpfad, und erst jetzt konnte ich mir die großen Schwierigkeiten vorstellen, die mit einer Erkundung von Eisenbahnen im afrikanischen Urwald verbunden sein mußten. Einige quer über den Weg liegende armdicke Bäumchen waren von den vor uns marschierenden Reserveträgern fortgeräumt, dicke, anderthalb bis zwei Meter im Durchmesser fassende Baumriesen mußten umgangen werden. Die kleinen Flüßchen, die ohne Brücke waren, wurden durchwatet.
Plötzlich stutzte das Pferd meines Mannes, der voranritt, und blieb mit zitternden Flanken stehen. Selbst unter Zuhilfenahme der Sporen war es nicht möglich, das nervös trampelnde Tier vorwärts zu bringen. Die Träger, die dadurch ins Stocken kamen, wunderten sich einen Augenblick, um im nächsten Moment, den Blick nach oben richtend, auf eine vom Baum herabhängende, vier bis fünf Zentimeter dicke, zirka vier Meter lange Schlange zu zeigen. Ein wohlgezielter Schuß aus der Büchse meines Mannes bringt den Feind zur Strecke, und beruhigt wiehernd setzte das Pferd seine Wanderung fort. Die Unvorsichtigkeit meines Mannes, gleich vom Pferde aus zu schießen, brachte ihm, durch eine schnelle Rückbewegung des Pferdes, eine kräftige Ohrfeige vom Gewehre ein.