Unsere Hochzeitsreise in die Urwälder von Kamerun

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Unsere Hochzeitsreise in die Urwälder von Kamerun

Von Jenny Neralc

Mit 4 Abbildungen im Text und einer Illustrations-Beilage

Winden in Westfalen Druck und Verlag von Wilhelm Köhler 1924

Nun sollte es also doch Wahrheit werden!

Ich sollte Kamerun sehen!

Das lang und heiß Ersehnte, aber nie Erhoffte sollte greifbare Gestalt annehmen.

Kamerun! Allein das Wort hatte stets einen faszinierenden Reiz auf mich ausgeübt. Von allen fremden Ländern war es stets der schwarze Erdteil, der mich am meisten anzog und von diesem wiederum Kamerun. Schon als Kind verschlang ich alle sich darauf beziehenden Reisebeschreibungen und sah ich -- als Hamburgerin -- Dampfer der Woermannlinie nach Kamerun ausreisen, was ich mir nicht oft entgehen ließ, konnte ich mich oft eines Tränenstromes nicht enthalten, sodaß manch' lächelnder Blick der am Kai versammelten Menschen das kleine, dicke Mädel traf, dessen Kummer allen unverständlich war.

Nie hätte ich geglaubt, daß sich mein glühender Wunsch noch dermaleinst verwirklichen würde; doch das Schicksal meinte es gut mit mir, indem es mir in meinem Lebensgefährten einen Mann zuführte, der bereits 5 Jahre Kamerun bereist, eine tiefe Liebe für dieses schöne Land empfand. Er verstand und würdigte meine Sehnsucht und überglücklich war ich, als er mir als Hochzeitsgabe eine Reise nach Kamerun versprach.

Welch' herrlicher Gedanke! An der Seite des geliebten Mannes das Land meiner Sehnsucht aufzusuchen und kennen zu lernen. Wie dankbar war ich ihm für seine Güte, die mir diese herrlichste aller Hochzeitsgaben bescherte.

Drei Tage nach unserer Trauung in Dresden fuhren wir am 7. September nach Hamburg. Ein gemütlicher Abend hielt uns bei lieben Freunden fest, wo unsere Abreise weidlich begossen wurde. Spät trennten wir uns, begleitet von guten Wünschen der Freunde, doch lange konnte ich keinen Schlaf finden, denn in unregelmäßigen Zwischenräumen drang das Heulen der Sirenen in unser Hotelzimmer und erneuerte immer wieder das wunderselige, wonnige Gefühl: »Morgen, morgen gehts hinaus in die weite, herrliche Welt!«

Am andern Abend um 10 Uhr begaben wir uns an Bord. Am Morgen des nächsten Tages um 7 Uhr wurden die Taue vom Kai gelöst und langsam fuhren wir, von einem Schlepper gezogen, unter den heiter-wehmütigen Klängen des hübschen, uralten Liedes: »Muß i denn, muß i denn zum Städtelein hinaus« und dem Hurrarufen und Tücherschwenken der am Kai Stehenden, aus dem Hafen hinaus, die Elbe hinunter.

Das eben erwachende Blankenese, mit seinen schmucken, in Grün gebetteten, Wohlstand verratenden Villen und dem stolzen Süllberg sandte uns in lachender Morgensonne seine Abschiedsgrüße zu und weiter gings, an den blühenden Elbhügeln entlang, dem offenen Meere zu.

Ein buntes Leben und Treiben entwickelte sich vor unseren Augen in der Elbmündung, denn unzählige kleine Küstendampfer und Fischkutter steuerten, geschickt manöverierend, unter Volldampf ihrem Ziele zu.

Nachdem wir die Feuerschiffe passiert hatten, fuhren wir mit halber Kraft in die Nordsee ein. Unser Schiff begann jetzt unter den leichten Wellen der Nordsee etwas zu stampfen, doch, als geborene Hamburgerin des Seereisens von einigen Überfahrten nach Helgoland und Dänemark nicht ganz ungewöhnt, machte mir die stampfende Bewegung des Schiffes viel Vergnügen.

Fern am Horizonte tauchten die Umrisse unseres befestigten Felsen-Eilandes, Helgoland, auf, um welches herum, malerisch, und doch in Schlachtenformation gruppiert, ein Teil unseres Hochseegeschwaders unter Volldampf lag, scheinbar in Erwartung eines markierten Feindes.

Nachdem auch dieser kleine Rest heimatlicher Erde unseren Blicken entschwunden war und der Tag sich zu neigen begann, zogen wir uns, für heute des Schauens müde, in unsere Kabine zurück, und die leise an die Schiffswand schlagenden Wellen und das stete Surren der Schiffsschraube sangen uns ein monotones, einschläferndes Schlummerlied.

Als ersten Hafen liefen wir Boulogne sur mer an, nahmen Post und einige Passagiere an Bord und dampften selbigen Tags, die um die Insel Wight gruppierten, schwimmenden, englischen Forts passierend, nach Southampton, wo wir ebenfalls auf Reede liegen blieben und von einem Küstendampfer Post und Passagiere übernahmen.

Weiter ging es mit Volldampf in den offenen Ozean hinein.

Das leichte Gekräusel der Nordsee, was wir bereits als Wellen empfanden, verstärkte sich dermaßen, daß man auf dem Schiff, außer den heftiger gewordenen Stampfbewegungen, auch ein recht bemerkenswertes Rollen verspürte, ja selbst einige Spritzer der kleinen Sturzseen benetzten die Promenadendecks, und empfindliche Gemüter zogen sich bereits aus der frischen Seebrise in die verschiedenen Salons zurück.

Die »alten Afrikaner« hatten sich bereits zu kleinen Gesellschaften gruppiert und begannen, unbekümmert um das Treiben des Ozeans, ein Spielchen. Eifrig wurde dem Bier und sonstigen geistigen Getränken zugesprochen und dicker Zigarren- und Zigarettenqualm erfüllte den Raum, so daß ich vorzog, mich schleunigst an Deck zu begeben, in die herrliche, frische Seeluft, wenngleich mich auch einige dieser »alten Afrikaner« stark interessierten. Beim Spiel konnte man beobachten, wie sehr ihre Nerven im schwarzen Erdteil gelitten hatten. Diese typische, leichte Erregbarkeit, die so schnell erhitzten Gemüter, kennzeichneten die lange unter der sengenden Sonne Afrikas hartgearbeiteten Männer. Und auch wie manche sehnige, schöne Gestalt war unter ihnen: groß, schlank, braungebrannt, mit kühnem Gesicht und energisch blickenden Augen. Stets weilte ich gern unter ihnen und lauschte ihren hochinteressanten Erzählungen über ihre Erlebnisse im schwarzen Erdteil. Sollte ich doch jene Gefilde, die noch einen kleinen Überrest des längst entschwundenen Urdaseins darstellen, aus eigner Anschauung kennen lernen.

Nachdem uns die, selbst von den ältesten Kapitänen unserer Weltlinien gefürchtete Biskaya auf ihren haushohen Wellen einige Tage lang geschaukelt und auch von einigen, nicht ganz magenfesten Passagieren ihren Tribut gefordert hatte, wurde am neunten Tage unserer Seereise wieder Land gesichtet, und zwar waren es die kanarischen Inseln, und von diesen wieder Teneriffa als erste, deren Hafen, Santa Cruz, wir kennen lernen sollten.

Am nächsten Tage sahen wir beim Erwachen bereits die Umrisse der unzähligen, ehemals vulkanischen Bergkegel, in deren Mitte ihr Oberhaupt, der Pique Teneriffe thronte, aus dem Meere emporsteigen. Die Spitze des alten Götterberges war in leichte Nebel gehüllt, doch bereits nach zweistündiger, weiterer Fahrt zogen sich auch die letzten Nebelschleier vom Haupte des Pique Teneriffe hinweg. Noch näher kommend, erkannten wir mit Hilfe der Ferngläser die rotbraunen Heidekräuter, durchmischt mit eßbaren Kakteen und üppig wuchernden Farren, einem herrlich gewirkten Teppich gleichend, welcher die Kegel bedeckt. Auf den Außenkegeln sind die portugiesischen Signalstationen errichtet, die hier, wie in Las Palmas und Madeira als Forts ausgebaut und armiert sind. Zwischen den Bergkegeln ziehen sich, mit üppigster Vegetation bestandene Täler hin, in denen die kleinen Dörfchen mit ihren roten Bedachungen malerisch zwischen den herrlichen Bananenhainen wie in einem Schmuckkästchen leuchten.

Bereits vor der Hafeneinfahrt bemerkten wir auf hoher See die kleinen Fischkutter und Boote der Eingeborenen von Santa Cruz, deren Nebenerwerbs- und Nahrungsquelle der Fischfang zu sein scheint.

Kaum war der Klang unserer Schiffssirene verhallt, als sich auch schon ein reges Leben im Hafen bemerkbar machte. Hunderte von kleinen Ruderbooten, besetzt mit Männern und vor allen Dingen Jungen, hatten unser noch langsam fahrendes Schiff als Ziel gewählt. Unzählige von kleinen, schwimmenden Krämerläden, in denen man Bananen, Orangen, Nüsse, Äpfel, Papageien, Ferngläser, Briefmarken, Kanarienvögel, Seidenwaren, entzückende Madeirastickereien, Postkarten, Goldwaren, Zigarren, Zigarretten und tausend andere Sachen mehr kaufen konnte, umgaben bald unser Schiff.

Mit buchstäblich affenartiger Geschwindigkeit erklommen die 6-10jährigen Jungen, mit Handkörbchen beladen, die von einigen voreiligen Passagieren hinabgeworfenen Taue und es entspann sich sehr bald ein reges Handelsgeschäft.

Der Neuling kauft von allem, was ihm geboten wird und zahlt anstandslos die Preise, die gefordert werden. Erst durch das routinierte Handeln einiger »alter Afrikalöwen« aufmerksam geworden, erkennt er seine Voreiligkeit, denn die »alten Afrikaner« kaufen nicht 50, sondern 200-300 Prozent billiger als der Neuling.

Singend und schreiend kletterten die halbwüchsigen Burschen in ihren Booten herum und forderten kreischend und flehend die Passagiere auf, Geldstücke ins Meer zu werfen, nach denen sie tauchen und keines entgeht ihren Blicken.

Mit Genehmigung des Kapitäns durften wir an Land gehen. Die kleine Barkasse brachte uns bald an den Kai, wo uns die zweirädrigen, mit Mauleseln bespannten Karren aufnahmen und uns auf einer Rundfahrt durch Santa Cruz mit den Schönheiten der Hafenstadt, in Gestalt von prächtigen Bananenhainen, Zuckerrohrplantagen und Palmen bekannt machten. Zum ersten Male konnte ich die Schönheiten der in Freiheit gediehenen, mächtigen Palmen bewundern.

Nachdem wir von unserer ca. vierstündigen Fahrt in das Hinterland der Insel, die uns abwechselnd durch herrliche Farmen und kleine Dörfchen führte, zurückgekehrt waren, labten wir uns an einer Flasche echten (hoffentlich) Madeiraweins und ließen uns durch die Barkasse wieder an Bord bringen. Auch der Markthalle, die uns einen Einblick in die üppigen Vegetationsverhältnisse der Insel tun ließ, sowie dem Rathause statteten wir einen Besuch ab.

Unser vorläufiges Reiseziel war Madeira, dem wir einige Tage widmen wollten. Wir mußten uns daher von der uns liebgewordenen Reisegesellschaft und von unserem Dampfer in Las Palmas trennen, um nach Besichtigung der Hafenstadt von Grand Canaria mit einem Küstendampfer nach Madeira zu fahren.

Las Palmas unterscheidet sich von Teneriffa durch seine, in die Berge eingebauten, mit flachen Dächern abgedeckten, hell angestrichenen Häuser. An der Hauptstraße, auf der sich mit tosendem Gerassel eine Eisenbahn in unergründlichem Schmutze durcharbeitet, liegen die öffentlichen Gebäude und am Ende der Straße, umgeben von Palmen und anderen tropischen Gewächsen, die Kathedrale von Las Palmas. Nach einer kurzen Besichtigung der letzteren sahen wir uns noch die hinter den Häusern angelegten, wenig gepflegten Bananen- und Zuckerrohrplantagen an und fuhren mit unserem, am Kai gemieteten Karren, dem singend und schreiend, Purzelbaum- und Radschlagend die Jugend bettelnd folgte, wieder nach dem Hafen.

Unser Gepäck war bereits auf dem kleinen Küstendampfer, der uns nach Madeira bringen sollte, verstaut worden, und am Abend des nächsten Tages fuhren wir in den Hafen von Funchal ein.

Tausend und abertausend Lichter spiegelten sich in der ruhigen Wasserfläche wieder und boten dem Auge des Beschauers ein entzückendes Bild. Ab und zu trug der Abendwind leichtverwehte Klänge einer einschmeichelnden Musik zu uns herüber und traumverloren an der Reeling lehnend, ließen wir die wunderbare Schönheit des südlichen Hafenbildes und des tiefen Frieden ausatmenden Funchals auf uns einwirken.

Plötzlich durchdröhnte die Stille der sternenklaren Nacht das Rasseln der Ankerketten und der Donner der Postkanone und eine Stunde später betrat ich das eigenartige, vielbesungene Märchenland.

Studienhalber besuchten wir am Abend, nachdem wir uns im Hotel etwas restauriert hatten, einige Bierlokale, wo uns in den sauberen Räumen überall die lockenden, südlichen Klänge der fast durchweg sehr musikalischen und musikliebenden Bevölkerung empfingen.

Am anderen Morgen nahmen wir einen jener charakteristischen, mit Ochsen bespannten Schlitten und fuhren -- nicht wie hierzulande im Schnee -- sondern auf faustgroßen, runden, glatten Pflastersteinen durch die Stadt. Daß es ein angenehmes Fahren gewesen wäre, kann ich nicht behaupten, aber wir hatten die Mode mitgemacht.

Auch eine kleine Hafenfahrt im Ruderboote unternahmen wir und entdeckten auf den kleinen Bergkegeln, die sämtlich vulkanischen Ursprungs sind, die Befestigungen und Signalstationen von Funchal.

Die Schönheiten Funchals und seiner Umgebung zu beschreiben, ist man wohl kaum imstande. Ein Gemisch der herrlichsten und verschiedenartigsten Palmen und sonstiger subtropischer Gewächse, zwischen denen die kleinen, mit Stroh und Matten gedeckten Hütten der ärmeren Bevölkerung Funchals liegen, bietet sich dem Auge dar. Bäume, deren Höhe und Stärke nur noch einen kläglichen Überrest von den Riesenerzeugnissen der Urzeit bilden, recken, leicht vom Seewind bewegt, kühn ihre Häupter gen Himmel; leise von längst entschwundenen Zeiten flüsternd.

Die Bevölkerung Funchals scheint, soweit man dies nach dem kurzen, uns vergönnten Aufenthalt beurteilen kann, nur aus Armen und Reichen zu bestehen. Der Arme trägt seine schweren Lasten aus der Farm nach den Märkten auf dem Kopfe, um sie dort für billiges Geld loszuschlagen oder gegen andere Nahrungsmittel einzutauschen. -- Der Wohlhabende läßt sich von zwei Dienern in seiner Hängematte, deren buntgestreiftes Segeltuch ihn vor den sengenden Sonnenstrahlen schützt, spazieren tragen, oder er fährt in dem landesüblichen Ochsenschlitten durch die Straßen der Stadt.

Nach fünftägigem Aufenthalt booteten wir uns wieder auf einem Afrikadampfer der Woermannlinie ein.

Noch einmal lassen wir das Auge sich sattsehen an dem gesegneten Fleckchen Erde, welches uns soviel Schönes und Neues bot.

Lebe wohl, du einziges Madeira, wohin man sich das einstige Paradies verlegt denken kann.

Auf spiegelglatter See, die nur durch das zeitweise Auftauchen von fliegenden Fischen, Schweins- und Haifischen unterbrochen wurde, fuhren wir dem ersten afrikanischen Hafen, Conacry, entgegen.

Zum ersten Male in meinem Leben sah ich die hohen Wasserstrahlen, die ein Walfisch in die Luft spritzte und dessen Körper zeitweilig bis zur Hälfte seiner Stärke aus dem Wasser ragte.

Die größte westliche Länge, die wir auf unserer Fahrt erreichten, war 32° nach Greenwich, die größte Zeitdifferenz von Hamburg 2 Stunden 11 Minuten.

Durch den ersten Offizier wurde uns geraten, eine Nacht zu opfern, um dem nimmer rastenden Treiben der Delphine und Haifische, die von jetzt ab viele Tage als treue Begleiter in unserem Kielwasser folgten, zu beobachten.

An einem herrlichen, lauen Abend zogen wir uns nach dem Abendbrot auf das Achterdeck zurück und machten es uns in unseren Langstühlen bequem. Unseren Augen bot sich ein seltsames Schauspiel. Tausend und abertausend kleine Fünkchen (Infusorien) spielten in den durch die Schiffsschraube leicht gekräuselten Wellen: Das sogenannte Meeresleuchten und zwischen diesem Gewimmel zogen die Haifische, die ebenfalls stark phosphoreszieren, gespensterhaft ihre blaugrünen Furchen, bald back- bald steuerbords das Schiff beobachtend, ob nicht ein kleiner Überrest aus der Küche sich ihnen als Fang zeigt.

Die unvergleichliche Pracht des Sternenhimmels wurde durch den Mond, der bald als feurige Kugel aus dem Meere emporstieg, gebrochen, und die angenehme Kühle der Nacht ließ uns die Stunden des Schauens wie im Fluge vergehen.

Wir bummelten über die Promenadendecks nach dem Bug und beobachteten dort das launische Treiben der Delphine. Ihre phosphoreszierenden Körper zogen sich direkt vor dem äußeren Steven des Schiffes durch die rötlich schimmernden Manuaren, sogenannte »spanische Schiffe«, die Korallenriffen gleichend, das Meer beleben, hin.

In der Ferne tauchte ein Licht auf und bald ertönte die Sirene unseres Schiffes, dem diejenige des uns entgegenkommenden Dampfers antwortete. Leise glitt der dunkle Koloß des Afrikadampfers -- denn ein solcher war es -- an uns vorüber. Alles Leben war dort, wie auf unserem Dampfer, erstorben. Lockende Träume mochten die Schläfer drüben umgaukeln, waren doch viele davon glückliche Menschen, die nach jahrelangem Wirken und Schaffen unter der heißen Tropensonne Afrikas der Heimat zu fuhren.

Wiederum tauchte in der Ferne, in rhythmischen Zeitabständen leuchtend, ein Signallicht auf. Es war das Blinkfeuer, welches von der Insel Tambo ausgehend, die Einfahrt in den Hafen von Conacry in Französisch-Guinea kennzeichnet.

Wir blieben bis zum Morgengrauen auf der Reede von Conacry liegen und gaben später Post und Passagiere an Land.

Zum ersten Male in meinem Leben sah ich eine größere Anzahl Neger. Mit großem Interesse hatte ich die Abstufungen der Völkerrassen vom hohen Norden Deutschlands bis zur heißen Zone Nordafrikas beobachtet und sah nun diese sehnigen, schokoladenbraunen Gestalten in ihrer Heimat. -- Trotz des Lächelns, das beim Anblick der Europäer um ihre wulstigen Lippen spielte, konnte man doch den so oft beschriebenen, hinterlistigen Zug in ihren scharfen Augen entdecken und ich hätte mir fürs Erste nicht gewünscht, mit diesen braunen Gesellen unter einem Dach wohnen zu müssen. Doch mein Mann belehrte mich bald eines Besseren, denn er hatte während seiner fünfjährigen Afrikatätigkeit genug Gelegenheit gehabt, das Seelenleben der Neger zu studieren. Einige uniformierte, schwarze Beamte der französischen Kolonialpost, die die Postsäcke und Pakete an Bord brachten, machten einen sehr netten Eindruck und sprachen ein sehr gutes Französisch.

Gegen 10 Uhr lichteten wir die Anker und stachen wieder in See, um in geringer Entfernung vom Land, jedoch außerhalb des Gefahrenbereiches der Riffe, dem nächsten Hafen Monrovia im Negerfreistaat Liberia zuzusteuern.

Während bis hierher die Möven unsere steten Begleiter waren und sich gierig auf jeden über Bord geworfenen Abfall stürzten, entdeckten wir zu unserem nicht geringen Erstaunen in den Tauwerken der Masten einige Schwalben, die von dort aus kurze Flüge unternahmen und die Nächte an Bord unseres Schiffes verbrachten.

Ein sehr nettes Schauspiel war das Bootsmanöver. Die Schiffsglocke ertönte und in kurzer Zeit waren die Boote ausgeschwenkt, bemannt und zu Wasser gelassen. Zwei Rettungsringe mit selbstentzündbaren Lichtbojen wurden über Bord geworfen, die im Ernstfalle den nachts über Bord Springenden Rettung bringen sollten. Interessant zu beobachten waren die Haifische, die im selben Moment, als die Bojen klatschend ins Wasser fielen, auf diese zuschwammen und hastig zuschnappten, dann ihre verkannte Beute rasch wieder losließen und ihr Glück bei einem der zu Wasser gelassenen Boote versuchten. Der Dampfer drehte sofort bei und nahm die Rettungsboote wieder an Bord, die Lichtbojen, die inzwischen erloschen waren, wurden wieder aufgefischt und ruhig setzte der Dampfer seine Fahrt fort, bis wir der Reede von Monrovia ansichtig wurden.

Im Hafen von Monrovia entwickelte sich ein etwas lebhafteres Treiben als vor Conacry, denn zwei Küstendampfer brachten ca. 80-90 Neger an Bord, die während der Fahrt unter der heißen Sonne Afrikas die groben Arbeiten an Bord verrichteten.

Nachdem sie alle übernommen waren, bildeten sich schon verschiedene Gruppen und man merkte sehr bald, daß es nicht das erste Mal war, daß sie im Dienste der Woermannlinie arbeiteten.

Mit großer Geschicklichkeit wurden die Ladebäume, die bisher in der Längsrichtung des Schiffes niedergelegt waren, aufgerichtet, die Seile über die Rollen geführt und schon rasselten die Dampfwinden den ersten Ballen Ladung aus den schier unergründlichen Bunkern des Schiffes nach oben. Der Ladebaum wurde ausgeschwenkt und die Ladung in die bereitstehenden Küstendampfer herabgelassen. Ein anderer Teil der Neger holte sich beim Verwalter Schrubber und Bürsten, die Schiffshydranten wurden in Bewegung gesetzt und in wenigen Augenblicken schwammen alle Decks, die unter der kräftigen Behandlung unserer »lieben, schwarzen Brüder« sehr bald ihre Farbe wechselten.

Ein Glockensignal verkündete eine Essenspause.

Zwei große, ca. 100 Liter fassende Kessel mit gekochtem Reis wurden, der eine in die Mitte der Ladekolonne, der andere in die Mitte der Reinigungsmannschaften, gestellt. Um beide Kessel gruppierten sich, die strahlenden Augen auf den dampfenden Reis gerichtet, die Neger. Ein Vormann (Headmann) teilte den Inhalt des gefüllten Kessels in ca. 10 Portionen, deren jede einzelne wieder in einen kleineren Kessel gepackt wurde. Auf jeder Portion thronte als »Garnierung« ein Stück gekochten Stockfisches. Die Verteilung vollzog sich mit einer gewissen Ordnung, die Unterhaltung jedoch wäre wohl kaum von dem Geschnatter eines Waggons böhmischer Gänse übertönt worden.

Zu jedem dieser kleinen Kessel gehörten ca. 8-10 Mann, die sich in einer Ecke des Schiffes niederhockten und den Reis mit der Hand, mit der sie eben noch die schmutzigen Scheuertücher ausgewrungen hatten, zu Ballen formend, in den Mund stopften. An den Stückchen Stockfisch wurde nur ab und zu geleckt, erst mit dem letzten Klumpen Reis nahm auch dieses seinen Weg ins Innere des Negermagens.

Wie auf ein Kommando verstummte jegliche Unterhaltung und machte einem breiten, wohligen Schmatzen Platz. In kaum 10 Minuten waren sämtliche Kessel nicht nur geleert, sondern auch sorgfältigst für die nächste Verpflegungsaufnahme ausgeleckt und mit den Fingern gereinigt. Einige zu Boden gefallene Reiskörnchen wurden noch gierig aufgesucht und verschwanden in den nimmersatten Magen der Schwarzen. Damit der Magen auch wirklich bis oben gefüllt war, stürzten sie noch ca. ein halbes Liter Wasser nach und der letzte Schluck wurde, nachdem er kurze Zeit im Munde hin und hergespült war, in hohem Bogen über die Reeling gespuckt und -- die Zähne waren geputzt.

Ein greller Pfiff des Offiziers rief die Horde wieder an ihre Arbeit.

Nachdem die Ladegeschäfte beendet waren, verließen wir Monrovia.

Die Wärme hatte sich bereits zu einer fast unerträglichen Hitze (46°C. im Schatten) gesteigert und noch unangenehmer machte sich die Hitze des Nachts bemerkbar. Trotz der in die Bullenaugen eingesetzten Windfänger und trotzdem man völlig entkleidet, nur mit dem Laken bedeckt, schlief, war an einen festen Schlummer nicht zu denken. Hochinteressant zu beobachten waren am Abend die Promenadendecks, wo in jedem Winkel 2-3 Neger kaffeelöffelartig zusammengehockt, mit einem leichten Leinwandlappen bedeckt, durch ein intensives Schnarchen ihren gesunden Schlaf verrieten.

Als wir am Morgen gegen 7 Uhr an Deck gingen, war bereits alles wieder blitzsauber gescheuert und die nicht beschäftigten Neger saßen plaudernd in Gruppen beisammen und plapperten wie die Waschweiber.

Nachdem wir noch die Häfen Grand Bassam und Cap Coast Castle angelaufen hatten, gingen wir unweit der Landungsbrücke von Lome in Deutsch Togo vor Anker. Mit einer der ersten Fahrgelegenheiten ließen wir uns an Land bringen und besichtigten, soweit es die kurze Zeit erlaubte, wieder einmal ein Stück deutschen Bodens.

Schon vom Schiff aus sah man die Früchte deutscher Kultur in Gestalt eines, auch architektonisch schönen Gouvernementsgebäudes und unzähligen am Strande liegender Faktoreien, die sämtlich von einer in gotischem Stil gehaltenen Kirche überragt werden.

Die Straßen Lomes sind zum Teil befestigt und auf ihnen werden im flotten Tempo die zweirädrigen, mit schwerer Ladung bepackten Karren gezogen. Während wir bisher nur Neger sahen, die, mit Ausnahme des Lendenschurzes völlig unbekleidet waren, trug der größere Teil der Togo-Neger Kleider, und wenn sie auch nur aus einigen, malerisch um den Leib geschlungenen, bunt bemalten Tüchern bestanden. Einen recht netten Eindruck machten die sauber in Weiß oder Khaki gekleideten schwarzen Angestellten der Faktoreien, desgleichen die sauber uniformierten Soldaten der Polizeitruppe und die schwarzen Gouvernementsbeamten.

Auch hatten wir Gelegenheit, das bunte, fesselnde Markttreiben in Lome zu beobachten: