Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten

Part 9

Chapter 93,733 wordsPublic domain

Doch diese Leblosigkeit ist nur Schein, denn sie beruht auf einer außerordentlichen Beherrschung aller Muskeln. Jetzt *kommt* Leben in August, denn seine Herrin, deren Liebling er ist, kehrt von einem Gange zurück. Das Schmeicheln der Katzen ist, wie wir jetzt sehen, ganz anders wie das der Hunde. Ein Hund, der sich bei seinem Herrn beliebt machen will, springt an ihm herauf und sucht beide Vorderpfoten auf seine Beine zu legen. Der Kater dagegen läuft hin und her und reibt sich dabei an den Kleidern seiner Herrin, wobei er den Schweif hochgestellt hält. Ständen wir ganz dicht dabei, so würden wir August auch schnurren hören.

Doch seine fleißige Herrin hat nicht lange Zeit, sich mit August weiter zu beschäftigen. Sie hat aber ihrem Lieblinge einen Leckerbissen mitgebracht, den der Kater jetzt frißt. Hierbei fällt uns der merkwürdige Unterschied des Fressens beim Hund und der Katze auf. Einen solchen Happen, anscheinend ein kleines Stück von einem größeren Fisch, würde ein Hund im Nu verschlungen haben. Der Kater dagegen braucht eine ganze Weile, ehe er den Happen bewältigt hat. Nach unseren Begriffen ißt die Katze gesittet, während der Hund ein roher Schlinger ist. Wir müssen an das Sprichwort denken: »Iß wie eine Katze und trink' wie ein Hund.« Nach dem Essen putzt sich August, indem er sich gewissermaßen »wäscht«. Nach dem Volksglauben bedeutet es bekanntlich, daß Besuch eintrifft, wenn die Katze sich wäscht.

Dieses Waschen bewerkstelligt August in folgender Weise, wie wir beobachten können. Er macht eine Pfote mit der Zunge feucht und benutzt diese angefeuchtete Pfote als Schwamm, um seinen Kopf und andere Körperteile, soweit er reicht, damit zu reinigen.

Nachdem August so sein Aeußeres wieder in Ordnung gebracht hat, betrachtet er zunächst die Welt anscheinend mit der Ruhe eines Weltweisen.

Da August ein kräftiges Tier ist, so hat er vor Durchschnittshunden keine Furcht. Er hat seinen Nachbarn Peter längst durchschaut und weiß, daß dieser wohl im Blaffen groß, aber kein furchtloser Draufgänger ist. Für gewöhnlich macht er bei der Annäherung von Hunden kaum einen Buckel. Dagegen zieht er sich vor einem ausnehmend scharfen Dachshunde, der mit Schmarren bedeckt ist und um die Ecke wohnt, regelmäßig zurück. Da August jetzt seiner Herrin in den Keller gefolgt ist, so wollen wir zunächst uns das, was wir bei ihm erschaut haben, zu erklären suchen.

Hund und Katze sind beide Raubtiere, wie wir wissen. Aber sie wenden ganz verschiedene Mittel an, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Der Hund spürt mittels seiner feinen Nase einen Pflanzenfresser auf, wie noch jetzt seine wilden Verwandten, die Wölfe und andere hundeartige Tiere, und sucht ihn durch seine Schnelligkeit zu erbeuten. Er ist, wie wir schon sagten, ein Hetzraubtier.

Ganz anders verfährt die Katze. Ueber ihre Abstammung soll später gesprochen werden. Jedenfalls gleicht sie heute noch ihrer nahen Verwandten, der europäischen Wildkatze, fast in allen Stücken. Gleich dieser hat sie erstens keine feine Nase, um eine Hasenspur zu verfolgen, wie ein Hund. Sähe sie aber wirklich im Felde einen Lampe, wie man den Hasen nennt, so denkt sie nicht daran, wie ein Hund hinterher zu laufen. Dazu ist sie nicht schnell genug. Sie kann zwar sehr schnell einige Sprünge machen, aber ein Dauerläufer ist sie nicht.

Während also der Hund den Weg der offenen Gewalt einschlägt, verabscheut die Katze diese Fangart und bekennt sich zur Anwendung der List. Sie sagt sich: warum soll ich dem Hasen nachlaufen, den ich doch nicht einhole? Viel einfacher ist es, wenn ich mir den Hasen kommen lasse.

Und unsere Mieze hat mit ihrer Fangart außerordentlichen Erfolg. Das weiß jeder Jäger, wie gefährlich gerade wildernde Katzen dem Wildstande sind.

Man sollte meinen, daß Hasen, Rebhühner und anderes Wild nur die Stellen zu meiden brauchten, wo eine Katze sitzt. Aber die Katze ist eine solche Meisterin in ihrer Fangart, daß sie selten ohne Erfolg bleibt.

Bricht die Dämmerung herein, so verspürt der Hase, der auch ein nächtliches Tier ist, Hunger im Magen. Er will sich deshalb auf das Feld begeben, um sich an dem saftigen Klee und anderen Gewächsen zu laben. Zu diesem Zwecke läuft er gewisse Steige, sogenannte Pässe, entlang, wie ja auch der Mensch mit Vorliebe Straßen benutzt. Vorsichtig prüft er erst mit der Nase, ob er nicht irgendeinen Räuber entdecken kann. Aber seine Nase kann nichts Feindliches feststellen. Noch mehr verläßt sich der Hase auf sein feines Gehör. Nicht umsonst hat er die langen Löffel (Ohren). Aber auch die Ohren können ihm keine Gefahr melden. Nicht das geringste Geräusch ist zu vernehmen.

So hoppelt denn unser Lampe mit Seelenruhe seinen Paß entlang. Trotzdem ist es sein letzter Weg. Denn hinter einer bewachsenen Erhöhung überfällt ihn blitzschnell eine verwilderte Katze und trotz seines wie Kindergeschrei klingenden Quäkens endet er bald sein Leben unter ihrem Gebiß und ihren Prankenschlägen.

Vergegenwärtigen wir uns diese Räubertätigkeit der Katze als vollendeter Schleicherin, so wird uns ihre Gestalt und ihr Verhalten vollkommen klar.

Eine Schleicherin muß scharf sehen können, ob sich das Opfer nähert. Die Katze ist daher ein Augentier, das ein scharfes Sehvermögen, aber nur einen mäßigen Geruchssinn besitzt. Die Nase braucht daher nicht so ausgebildet zu sein wie beim Hunde. Infolgedessen erscheint der Kopf rund. Das ist für eine im Gebüsch harrende Schleicherin von Vorteil, denn ein langer Kopf wäre schwerer zu verbergen.

Wer sich ferner nicht verraten will, der muß ganz geräuschlos auftreten und darf kein Zappelphilipp sein. Die Katze versteht das. Ihr Auftreten ist so geräuschlos, daß man selbst im Zimmer bei schärfster Aufmerksamkeit das Gehen einer Katze nicht hört.

Jetzt verstehen wir ihren runden Rücken, der dem Erdboden ganz nahe ist. Eine solche Körperform verschwimmt mit der Umgebung. Auch ihre Ruhe ist uns jetzt ganz einleuchtend. Denn Nasentiere sind für Bewegungen besonders empfindlich.

Eine im Gebüsch oder im Versteck lauernde Schleicherin muß sich mit dem geringsten Raum begnügen. Folglich ist für ihren langen Schweif kein Platz da. Demnach muß sie ihn, um ihn unterzubringen, nach vorn krümmen. An dieses Krümmen des Schwanzes nach vorn ist die Katze seit Urzeiten so gewöhnt, daß sie den Schweif auch dann so trägt, wenn sie den weitesten Raum zur Verfügung hat.

Der Hund dagegen, der krumme Wege im allgemeinen nicht liebt und deshalb auch nicht in engen Verstecken lauert, läßt seinen Schweif beim Hinsetzen in gerader Linie liegen.

Von der Bedeutung des Schweifes in der Tierwelt werden wir noch sprechen.

Der Hase war also der Schleicherin zum Opfer gefallen, weil seine Schutzmittel ihn nicht retten konnten. Seine Schnelligkeit, sein größter Vorzug, war wertlos wegen des plötzlichen Ueberfalls. Auch seine feine Nase konnte ihm die Feindin nicht anzeigen, weil diese sich wohlweislich hinter einer bewachsenen Erhöhung geduckt hatte. So konnte der Hase sie nicht riechen. Der Hase ist wie der Hund ein Nasentier. Auch das vielgerühmte Hasenohr konnte die geräuschlose und unbewegliche Räuberin nicht wahrnehmen.

Trotz ihres Nagergebisses beißen die Hasen nur ausnahmsweise. Aber selbst wenn sich der Hase gegen die Katze wehren wollte, so war er gegen die auf dem Rücken festgekrallte und festgebissene Feindin machtlos.

31. Welchen Zwecken dienen die Schnurrhaare der Katze?

August besitzt, wie uns aufgefallen war, auf der Oberlippe wagerecht stehende Borsten, sogen. Schnurrhaare. Beim Hunde können wir nur einige zerstreute Haare dieser Art an dem gleichen Orte entdecken. Es ist anzunehmen, daß die Schnurrhaare für August bei seinem Räuberhandwerk irgendeinen Zweck haben. Worin dürfte dieser Zweck bestehen?

Würden wir einer Katze die Schnurrhaare abschneiden, so könnten wir die Beobachtung machen, daß sie von einer merkwürdigen Unsicherheit befallen wird. Und das mit Recht. Denn sie, die Schleicherin, liebt es, alle engen Gänge, alle Höhlungen zu untersuchen, ob nicht irgendwie etwas Beute für sie abfällt. Das Durchkriechen enger Wege kann aber leicht gefährlich werden; man kann manchmal weder vorwärts noch rückwärts. So sind kleine Affen, die in Zoologischen Gärten ausbrechen und zu diesem Zwecke sich durch enge Röhren durchzwängen wollten, steckengeblieben und elendiglich verhungert. Das kann einer Katze wie allen Tieren, die Schnurrhaare tragen, nicht gut passieren. Wird ihr Weg so eng, daß die Gefahr des Festsitzens droht, so stößt sie mit den Schnurrhaaren an. Sie fühlt das gleich und weiß: Bis hierhin und nicht weiter!

Die Schnurrhaare sind also für das Leben der Katze von der größten Wichtigkeit. Sowohl Männchen als auch Weibchen haben sie. Selbst junge Katzen besitzen sie schon, denn auch sie könnten in ihrer Neugierde in ein Loch hineinkriechen und darin steckenbleiben. Wir ersehen hieraus, daß die Schnurrhaare, die manche als Schnurrbart bezeichnen, mit unserem Schnurrbart nicht das mindeste zu tun haben. Unser Schnurrbart ziert nur Männer, fehlt also den Frauen und allen Jugendlichen. Sodann hat er nicht die elastische Eigentümlichkeit der Katzenschnurrhaare, sofort in die alte Stellung zurückzukehren.

Manche nennen diese Schnurrhaare Tasthaare. Das ist keine Verbesserung. Betrachtet man genau den Kopf einer Katze, so erblickt man oberhalb der Augen einzelne lange Haare. Das sind reine Tasthaare. Wenn eine Katze in eine dunkle Höhlung kriecht, so zeigen ihr diese Haare an, daß die Höhle zu Ende ist. Ohne diese Tasthaare würde also die Katze Gefahr laufen, mit ihrem Kopfe gegen den Hintergrund anzustoßen. Da der Kopf aller Katzen sehr fest gebaut ist, so wäre das weiter kein Unglück.

Der Hund kriecht in keine Höhlen von Brettern, Bäumen und dergleichen, sondern höchstens in Erdhöhlen. Hier kann ihm aber keine Lebensgefahr drohen. Denn sollte er wirklich einmal festsitzen, so kann er mit Hilfe seiner Grabpfoten sich leicht wieder befreien, indem er die Höhle erweitert. Der Hund braucht also keine Schnurrhaare wie die Katze und besitzt sie deshalb nicht.

Bereits bei Peter (Kapitel 7) wurde erzählt, daß der Hund Grab- und Rennpfoten hat. Im Gegensatz hierzu hat August als Katze einziehbare Krallen an seiner Pranke, d. h. seiner bewehrten Pfote. Das Einziehen der Krallen hat zwar den Vorzug, den Tritt unhörbar zu machen, aber zum Graben in einem harten Boden sind einziehbare Krallen nicht geeignet.

Obwohl also Hund und Katze beide früher Raubtiere waren, sehen sie deshalb sehr verschieden aus, weil sie sich auf ganz verschiedene Art ihren Nahrungserwerb suchen. Der Hund mit seiner offenen Gewalt erinnert an einen mit dröhnenden Schritten auftretenden Kürassier, während uns bei der formgefälligen Katze die Gestalt eines Tanzmeisters einfällt. Auch bei Pferden und Rindern finden wir einen ähnlichen Unterschied, obwohl beide Geschöpfe friedliche Pflanzenfresser sind und oft zusammen weiden.

32. Das Schmeicheln der Katze. Ist die Katze falsch?

»Schmeichelkätzchen« ist eine sehr bekannte Bezeichnung für einen Menschen, der sich wie eine schmeichelnde Katze bei einem anderen in Gunst setzen will. Bei August haben wir dieses Schmeicheln als Reiben an den Kleidern seiner Herrin beobachtet.

Ohne Zweifel ist das eine Art der Katzen, sich beliebt zu machen. Im Zoologischen Garten können wir das gegenseitige Reiben zwischen Löwe und Löwin oft wahrnehmen, wenn sie aneinander vorüberschreiten. Da Raubtiere sich mit ihrem großen Rachen nicht küssen können, so entspräche dieses gegenseitige Reiben einem Kusse. Das merkwürdig feine Haar der Katzen scheint für solche Zärtlichkeiten besonders geeignet zu sein.

Der Hund besitzt dagegen dieses feine Katzenhaar nicht. Er wählt daher einen anderen Weg. Er springt an uns empor. Das ist, wenn der Hund schmutzige Pfoten besitzt, und der Mensch eine saubere Hose angezogen hat, was in der Stadt sehr häufig vorkommt, für uns nicht gerade sehr angenehm. Was bezweckt der Hund mit dem Anspringen? Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß der Hund uns noch näher kommen will. Der eigentliche Mensch sitzt wohl nach seiner Auffassung im Kopfe, denn dem nähert er sich mit Vorliebe und sucht uns zu belecken. Darin bestärkt wird er wohl dadurch, daß gerade aus dem Kopfe unsere Stimme ertönt.

Bekannt ist es, daß eine Katze, die einem Menschen ihre Zuneigung durch Schmeicheln bewiesen hat, wie es August vor unseren Augen getan hat, nicht selten kurze Zeit darauf denselben Menschen kratzt, wenn dieser sie neckt. Weil das ein alter Erfahrungssatz ist, so gilt die Katze allgemein als falsch. Ist das richtig?

Allerdings kann man manchen Hund nach Belieben prügeln, und er wird trotzdem seinem Herrn anhänglich und treu sein. Man spricht daher von einer Hundedemut, weil es unseren sonstigen Erfahrungen widerspricht, daß ein Geschöpf für tägliche Prügel sich noch unterwürfig und ergeben zeigt. Wer ebenso mit einer Katze verfahren will, der kommt an die unrichtige Stelle. Der Hund ist allerdings eine Sklavennatur, die Katze dagegen eine Herrennatur. Sich von dem Menschen prügeln zu lassen, weil dieser grade schlechter Stimmung ist, fällt der Katze nicht ein. Sie wehrt sich dagegen und kratzt den Angreifer. Der ist höchlichst erstaunt, weil er denkt: Was sich ein Hund gefallen läßt, muß sich doch auch eine Katze bieten lassen. Da das nicht der Fall ist, so schilt er die Katze als falsch.

Warum ist nun der Hund demütig wie ein Sklave, die Katze dagegen stolz wie ein Herrenmensch?

Wir wissen schon, daß wir wieder bei den wilden Verwandten nachforschen müssen, wenn wir Auskunft hierüber haben wollen. Schon früher (vgl. Kap. 11) wurde davon erzählt, eine wie strenge Zucht der Leiter eines Rudels bei den Eskimohunden hält. Dieser Leiter, der sogenannte Baas, straft umgehend durch Bisse jeden, der sich irgendeine Unregelmäßigkeit zuschulden kommen läßt. Von Wolfsrudeln hören wir genau das gleiche. Als Beispiel sei folgendes angeführt. Wenn die Wölfe wandern, so tritt jeder einzelne Wolf jedesmal in die Spuren des Vordermanns, damit es den Eindruck erweckt, als sei nur ein einzelner Wolf den Weg entlanggelaufen. Wehe dem Wolfe, der aus Sorglosigkeit oder Unachtsamkeit daneben tritt. Er wird nach den übereinstimmenden Berichten von dem Leiter des Rudels, dem stärksten Wolfe, zerrissen.

Der Hund hat also seit Urzeiten einen unbeschränkten Herrn über sich gehabt, gegen den es keinen Richterspruch gab, und von dem er widerstandslos alles erdulden mußte. Nur die Gewalt, die Stärke, vermochte etwas gegen seinen Vorgesetzten anzurichten. So kennt der Hund es nicht anders, als sich alles von dem Stärkeren gefallen zu lassen.

Die Wildkatze dagegen lebt nicht in Rudeln, sondern allein. Auch unsere Katze ist daher eine Einzelgängerin geblieben. Eine Unterordnung unter einem Vorgesetzten hat sie niemals kennengelernt. Deshalb ist sie eine Herrennatur geblieben.

Falsch kann also nur der die Katze nennen, der auf dem Standpunkt steht, daß die Katze sich alles wie ein Hund gefallen lassen müsse.

33. Warum schlingt der Hund, während die Katze gesittet frißt?

Von Peter sahen wir, daß er ein Stück verwestes Fleisch im Nu hinunterschlang, während August langsam wie ein gut erzogener Mensch kaut. Für uns Menschen ist es ein naheliegender Gedanke, diese Verschiedenheit darauf zurückzuführen, daß die Katze das gesittete Essen dem Menschen abgesehen hat, während der Hund darin ein unbelehrbarer Tropf geblieben ist.

Diese Ansicht ist schon aus dem Grunde nicht wahrscheinlich, weil die Katze im Vergleich zu dem Hunde erst ein sehr junges Haustier ist. Auch hier ist die Lebensweise der Verwandten ausschlaggebend gewesen.

Wer, wie die Wildkatze, einzeln lebt, braucht sich bei der Mahlzeit nicht zu sputen. Es wird ihm deshalb kein Happen fortgenommen, und die Beute schmeckt desto besser. Wer dagegen im Rudel schmaust, wie die Wildhunde, der muß sich sputen. Sonst geht er leer aus.

Hierzu kommt noch die Verschiedenheit des Gebisses. Die Katze mit ihrem kleinen Gebiß kann gar nicht so schnell schlingen, wie der Hund mit seinem großen Rachen. Wenn wir nach dem Zoologischen Garten gehen und uns die Fütterung der Raubvögel ansehen, so können wir bei ihnen den gleichen Unterschied wahrnehmen. Die Geier mit ihren großen Schnäbeln schlingen, weil sie in der Freiheit gemeinsam an demselben toten Tiere sich zu sättigen suchen, dagegen fressen die Falken und Adler gesittet, weil sie einzeln jagen, wie die Katze, auch nicht den mächtigen Schnabel der Geier besitzen.

Das vorhin erwähnte Sprichwort: Iß wie eine Katze und trink' wie ein Hund ist nicht ganz genau. Denn auch die Katze lappt das Wasser genau wie der Hund. Jedenfalls ist sie keine Säuferin, so daß es einfacher wäre zu sagen: Nimm dir beim Essen und Trinken die Katze zum Vorbild.

34. Die Katzenwäsche. Sind Katzenhaare giftig?

August hat sich nach dem Essen geputzt. Die Katze gilt als ein sehr reinliches Tier. Mit dieser Reinlichkeit ist es allerdings schwer zu vereinigen, daß das Waschen nur mit der beleckten Pfote geschieht. Von einem Kinde, das sich aus Abneigung gegen das Wasser ganz oberflächlich reinigt, sagen wir daher, daß es »Katzenwäsche« liebe.

Vergleichen wir damit das Benehmen unserer Sperlinge. Es hat vor einiger Zeit geregnet, und es sind noch einige Pfützen auf der Straße. An einer von Menschen nicht begangenen Stelle sehen wir die Sperlinge sich zu einem Bade drängen. Sie tauchen ordentlich in das Wasser ein und machen sich manchmal so gründlich naß, daß ihnen das Fliegen schwer fällt.

Warum nimmt sich August die Sperlinge nicht als Vorbild oder geht wie der Hund in das Wasser hinein, um ein erquickendes Bad zu nehmen?

Abneigung gegen die Reinlichkeit kann es nicht sein, denn das Putzen ist bei der Katze so auffällig, daß man einen Menschen, der sehr viel auf sein Aeußeres verwendet hat, als »geleckten Kater« bezeichnet.

Auch sonst ist die Katze nicht pimplig, was man im Winter, wenn Schnee und Kälte herrschen, oft genug auf den Feldern beobachten kann. Stundenlang kann sie trotz starken Frostes regungslos sitzen, so daß sie gegen Kälte ziemlich unempfindlich sein muß.

Der Grund für das Waschen mit der feuchten Pfote muß also anderswo liegen. Er dürfte in dem Bau ihrer Haare zu suchen sein. Diese sind so fein, daß nicht einmal eine Fliege auf ihnen sitzen kann.

Den Landleuten ist es längst aufgefallen, daß Fliegen, die den Hund furchtbar belästigen, der Katze fast aus dem Wege gehen. Natürlich versucht auch eine Fliege, sich auf einer Katze niederzulassen. Aber bald kommt sie dahinter, daß ihr das nicht gelingt, und sie fliegt weiter.

Bei Landleuten hört man auf Grund dieser auffallenden Erscheinung vielfach die Ansicht, daß Katzenhaare giftig seien. Das ist entschieden ein Irrtum. Denn Hunde, die beim Raufen mit Katzen das ganze Maul voll Katzenhaare bekommen, erleiden keinen Nachteil davon. Auch werden Katzenfelle in Unmenge getragen, ohne daß man von einem gesundheitlichen Schaden hört. Im Gegenteil: Katzenfelle gelten als vortreffliches Mittel gegen allerlei Krankheiten.

Uebrigens sind die Fliegen auch ganz verschieden zudringlich zu zwei anderen Haustieren, nämlich Kühen und Ziegen. Der Kuhstall wimmelt von Fliegen, während sich im Ziegenstalle nur wenige aufhalten.

Wegen der Feinheit ihrer Haare scheint das Wasser sehr schnell auf die Haut der Katzen zu gelangen. Der Hund dagegen, der sein Naturhaar besitzt, kann stundenlang im Regen weilen, ohne im gleichen Grade durchnäßt zu werden, da ihn die Unterwolle schützt.

Hiermit steht im Einklang, daß alle Katzen es vermeiden, bei Regenwetter ins Freie zu gehen. Während ein abgehärteter Hund sich nicht durch einen strömenden Regen abhalten läßt, seinen Herrn zu begleiten, sucht die Katze ein schützendes Obdach. Auch unser August ist wie alle Katzen kein Freund von Regen.

Die Katze kann wohl schwimmen, aber sie tut es nur im Notfalle, denn sobald sie aus dem Wasser kommt, sieht sie wirklich wie eine »gebadete Katze« aus.

Von den vielen Beobachtungen auf diesem Gebiete fällt mir gerade folgende ein. Im Schilfe eines Sees zeterte und verfolgte sich ein Vogelpärchen. Die Katze von einem benachbarten Besitzer hörte das und dachte sich: Halt, hier kannst du dir wohl einen leckeren Braten holen.

Mieze kam also ganz leise angeschlichen und wartete, bis die Vögel nahe genug geflogen waren. Dann sauste sie mit einem Sprunge durch die Luft. Doch die Vögel hatten im letzten Augenblick die drohende Gefahr erkannt und sich eiligst davongemacht. Mieze konnte mit ihren Pranken keinen von ihnen fassen und fiel in den See, der ihre Jagdleidenschaft etwas abkühlte. Der Anblick der zurückkehrenden Katze mit ihrem betrübten Gesicht wegen des fehlgeschlagenen Unternehmens und mit dem pitschenassen Felle ist mir heute noch gewärtig.

Einen untrüglichen Beweis, daß Dauerregen sehr nachteilig auf Katzen wirkt, liefern uns Länder, die wie Paraguay andauernde Regenzeiten haben. Es ist in diesen Ländern bekannt, daß verwilderte Katzen während dieser Zeit sterben.

Uebrigens gibt es auch bei andern Völkern Haustiere, die sehr empfindlich gegen Nässe sind, z. B. das Kamel. Ein Freund von mir, der während des Weltkrieges im Orient tätig war, erzählte mir, daß man von dieser Eigentümlichkeit der Kamele keine Ahnung gehabt hat und sie deshalb in bester Absicht in die Schwemme getrieben habe. Die Wirkung sei verheerend gewesen, denn etwa die Hälfte der Kamele sei daran gestorben.

Das Kamel stammt aus Gegenden, wo es fast niemals regnet. Wasser am Körper ist ihm deshalb sehr nachteilig.

Aehnlich liegt die Sache bei dem Esel, von dem wir noch später sprechen werden. Pferde reitet man in die Schwemme, aber Esel nirgends.

Ein Knabe, der sich aus Pimpligkeit nicht waschen will, darf sich also niemals auf die Katze berufen. Die Katze wäscht sich deshalb nur mit der feuchten Pfote, weil Nässe ihrem Körper nachteilig ist.

Wenn man bedenkt, daß der Hund ein vortrefflicher Schwimmer ist, der gern ins Wasser geht, so scheint die Katze mit ihren feinen Haaren als Raubtier sehr benachteiligt zu sein. Warum hat die Katze nicht auch ein so vortrefflich schützendes Fell wie der Hund?

Das hat zwei Gründe. Wir haben vorhin geschildert, wie die Katze am Passe des Hasen auf ihr Opfer wartet und es erbeutet. Besäße die Katze ein Hundefell, so würde sie wie ein Hund von Fliegen belästigt werden. Sie könnte unmöglich regungslos bleiben, sondern würde, wie der Hund es tut, von Zeit zu Zeit nach den Plagegeistern schnappen oder nach Katzenart sie mit den Pranken zu verjagen suchen. Diese Bewegungen würden jedoch Geräusche verursachen, die von dem feinohrigen Lampe schon von weitem wahrgenommen werden würden. Selbst seinem schwachen Gesicht würden übrigens diese Bewegungen auffallen, da alle Nasentiere, wie wir wissen, für Bewegungen besonders empfänglich sind. Die lauernde Katze würde also um ihre Beute kommen.

Der zweite Vorteil, den die Katze von ihrem feinen Haar hat, besteht darin, daß sie in Dornendickichte eindringen kann, die dem Hund unzugänglich sind. Die Dornen halten wohl den Hund fest, weil seine Haare so widerstandsfähig sind, aber nicht die weichen Katzenhaare.

Wir sehen also, daß auch in diesem Falle, wie so häufig im Leben, Nachteile durch Vorteile auf anderem Gebiete aufgewogen werden. Für die Nässe sind die Katzenhaare ungeeignet, aber für andere Dinge passen sie besser als Hundehaare.

Mit dem besonderen Bau der Katzenhaare dürfte es zusammenhängen, daß sie sich gut zu Versuchen auf dem Gebiete der Elektrizität eignen. Es dürfte aber übertrieben sein, daß man durch Reibung eines Katzenfells elektrische Funken hervorrufen kann, wie es in manchen Büchern heißt. Wenigstens habe ich solche Funkenerzeugung noch nicht beobachten können.

35. Warum hat die Katze eine rauhe Zunge?

Gewöhnlich heißt es, daß die Katze deshalb eine rauhe Zunge besitzt, um als Raubtier besser das Fleisch zerkleinern zu können. Ob die Stacheln auf der Zunge wirklich in einem solchen Falle von großem Nutzen sind, erscheint doch sehr zweifelhaft zu sein.