Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten
Part 29
In den Aquariumhandlungen kann man die für die Pflanzen notwendige Erde erhalten. Sie besteht gewöhnlich aus guter Moorerde, die mit Torfgrus gemischt ist. Dieser Mischung sind alter, verwitterter Lehm und Flußsand zugesetzt. Hierüber kommt eine einige Zentimeter dicke Schicht von einem Sand, der vorher sorgfältig ausgewaschen ist. In einer Ecke des Aquariums macht man die Bodenschicht weniger hoch, so daß sich ein Schlammfang bildet, aus dem mittels eines Gummischlauches die Futterreste und Unrat entfernt werden.
Die eingepflanzten Wasserpflanzen müssen zwei bis drei Wochen ohne Fische stehen, damit sie festwurzeln und das Wasser sich klärt.
In einem solchen vier- oder mehreckigen Glase mit Pflanzen und Sand fühlen sich die Tiere wohl und halten sich viel länger als im blanken Wasser. Jeder Teich, jeder Dorfpfuhl kann Bewohner für ein solches Aquarium liefern. Der wirkliche Tierfreund kann sich nicht satt sehen an dem Neuen und an den Schönheiten, die er bei sorgfältiger Betrachtung selbst bei den unscheinbarsten Geschöpfen entdeckt.
194. Der Goldfisch in Redensarten.
Wie man unter Backfisch ein junges Mädchen versteht, so unter
*Goldfisch*
ein Mädchen, das viel Geld in die Ehe bringt. Von dem Freier, der sie heimführt, sagt man, daß er einen Goldfisch geangelt hat.
Der Seidenspinner
195. Warum ist unsere Seidenraupenzucht zurückgegangen?
Früher habe ich oft Gelegenheit gehabt, mir die Zucht von Seidenraupen anzusehen. Jetzt aber konnte ich trotz aller Bemühungen keinen Seidenraupenzüchter ausfindig machen. In den Zoologischen Handlungen gab man mir den Bescheid, daß die Seidenraupenzucht aufgegeben sei, weil die Aufzucht einen Raum von 70 Kubikmetern verlangt. Den hat man bei der jetzigen Wohnungsknappheit nicht übrig. Alte Seidenhandlungen, an die ich mich wandte, antworteten mir ähnlich. Eine sehr bekannte Firma schrieb mir, daß sie Seidenraupenzüchter nur in Baden und Württemberg kenne.
Wie in vielen Fällen unser berühmter Zoologischer Garten Hilfe in der Not gebracht hat, so war in diesem Falle unser ebenso berühmtes Aquarium der Retter in der Verlegenheit. Wir suchen diese Sehenswürdigkeit ersten Ranges auf und können uns bei dieser Gelegenheit die verschiedenen Goldfischarten, z. B. die Schleierschwänze und Teleskopfische, ferner die Chanchitos und andere tropische Aquariumfische in der wunderbarsten Beleuchtung ansehen.
In zwei Kästen wimmelt es von Raupen unseres Maulbeerspinners. Sie haben etwa die Länge des kleinen Fingers eines Mannes, nur sind sie nicht so dick. Ihre Tätigkeit scheint in dem Programm zu bestehen: Fressen, fressen und abermals fressen. Dementsprechend ist auch die Verdauung. Ueberall sehen wir schwarze Klümpchen auf dem Boden liegen. Verglichen mit den anderen Seidenspinnern sieht übrigens der Schmetterling des Maulbeerspinners sehr unscheinbar aus. In einem Nebenzimmer können wir nämlich die andern Spinnerarten bewundern, den Eichenseidenspinner Nordchinas, den Ailanthusspinner Chinas und Japans, den südamerikanischen Spinner _Telea Polyphemus_ usw.
Die Farbe der Seidenraupe ist perlgrau, die der kleinen Eier ziemlich ebenso. Eine Menge Kokons können wir erblicken, welche die so geschätzte Seide liefern. Ein Kokon enthält einen Faden von 1000 bis 3000 Meter Länge. Hiervon ist jedoch nur ein Teil zur Herstellung von Seide verwendbar. Obendrein müssen mehrere Kokonfäden zusammengedreht werden, um einen Seidenfaden zu liefern.
Zu einem Kilo Seide sind 10 Kilo Kokons erforderlich. Ein Kilo Kokons enthält etwa 2500 Stück.
Deutschland führt jährlich etwa 11 Millionen Kilo im Werte von 158 Millionen Mark ein, wobei nach der heutigen Valuta der Betrag entsprechend erhöht werden muß.
Es wäre sehr wünschenswert, daß ein Teil dieses Materials bei uns selbst hergestellt würde, zumal die Seidenraupenzucht durch Kriegsbeschädigte, Frauen und Kinder ausgeübt werden kann. Sie kostet weniger Mühe als beispielsweise die Bienenzucht.
Ich entsinne mich, an verschiedenen Stellen unserer Heimatprovinz alte Maulbeerbäume gesehen zu haben, deren Früchte vortrefflich schmeckten. Von den Ortseinwohnern erfuhr ich, daß sie im achtzehnten Jahrhundert auf Anordnung von Friedrich dem Großen angepflanzt seien, um die Seidenraupenzucht bei uns einzuführen.
In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war sogar die Seidenraupenzucht bei uns in einer gewissen Blüte. Dann aber brachen Seuchen unter den Raupen aus, und jetzt ist die Ausbeute sehr gering.
Es ist das Verdienst von Pasteur, die Gefahr der Seuchen fast beseitigt zu haben.
Um in unserem Vaterlande die Seidenraupenzucht wieder zu heben, ist natürlich in erster Linie die Beschaffung von Futter für die Seidenraupen erforderlich. Wie schon der Name sagt, ist ihr zuträglichstes Futter Maulbeerblätter. Als Ersatz kommen Schwarzwurzeln in Betracht. Viele meinen, daß der Rückgang der Seidenraupenzucht deshalb eingetreten sei, weil der Maulbeerbaum bei uns nicht aushalte. Das wird aber von Kennern bestritten, die sich darauf berufen, daß die Maulbeerbäume sogar den harten Winter von 1916 bis 1917 überstanden haben. Außerdem liefert nach ihnen der deutsche Maulbeerbaum viel kräftigeres Futter, so daß schon 7 Kilo Kokons ein Kilo Seide ergeben.
Um recht bald Futter zu erhalten, ist die Anpflanzung des Maulbeerbaums in Hecken am zweckmäßigsten. Obendrein ist dadurch das Füttern erleichtert.
Hat man Futter, so besorgt man sich seuchenfreie Eier. Manche heizen das Zimmer, bis eine Temperatur von 22 bis 25 Grad Celsius vorhanden ist. Andere halten eine Temperatur von 15 bis 18 Grad für durchaus hinreichend. Das ist bei den heutigen hohen Preisen für Brennstoffe von großer Wichtigkeit.
In 10 bis 15 Tagen schlüpfen die jungen Raupen aus den Eiern. Sie müssen regelmäßig gefüttert und sorgfältig umgebettet werden. Nach mehrfacher Häutung hört die Raupe auf zu fressen und spinnt sich ein, wodurch die Kokons entstehen. Die Kokons werden gesammelt, und der in ihnen befindliche, zum Auskriechen bereite Schmetterling durch Wasserdämpfe getötet. Würde man die Kokons nicht einer so hohen Hitze aussetzen, so würde der Schmetterling sich einen Ausweg aus dem Gespinst bahnen, wodurch der Wert des Gespinstes erheblich gemindert wird.
Nur die zu Zuchtzwecken bestimmten Kokons läßt man auskriechen. Die Schmetterlinge paaren sich und sterben bald darauf, nachdem vorher das Weibchen Eier gelegt hat.
Pasteur hat diese Paarung in kleinen Tüllsäcken vor sich gehen lassen. Nach dem Tode werden die Schmetterlinge untersucht, und nur die Eier von gesunden Tieren zur weiteren Zucht verwendet.
Nach dem Besuch unseres Aquariums ersehe ich aus den Zeitungen, daß bei Wertheim eine Seidenraupenzuchtausstellung stattfindet. Veranstaltet wird sie von dem Gemeinnützigen Verband für Seidenbau in Deutschland E. V. zu Berlin-Wilmersdorf, Brandenburgische Straße Nr. 36.
Von dem Vorhandensein eines solchen Verbandes wußten demnach alle von mir befragten Stellen nichts.
Wir begeben uns auch zu dieser Ausstellung, wo etwa das gleiche wie im Aquarium zu beobachten ist. Nur ist das Material hier umfangreicher.
Von Wichtigkeit ist, daß der Verband seuchenfreie Eier und Maulbeerpflänzlinge liefert. Ebenso ist er Abnehmer der Kokons. Auch kann man von ihm eine Broschüre erhalten, die alles nähere über die Seidenraupenzucht enthält (Preis 1,25 Mk.).
Auch in diesem Falle beobachten wir wieder, daß die größte Gefahr von der unnatürlichen Ansammlung des Unrats herrührt. Unter freiem Himmel fällt der Unrat der Raupen an die Erde, und die Tiere selbst werden gar nicht davon berührt. Bei der Zucht im Zimmer muß also für schnelle Beseitigung gesorgt werden.
Es seien zum Schluß die Merkworte des genannten Verbandes für die Seidenraupenzüchter angeführt: Heller, luftiger Zuchtraum. Gleichmäßige und feuchte Wärme. Schüsseln mit Wasser aufstellen. Sind kalte Nächte zu befürchten, die Raupen mit Papier bedecken. Regelmäßiges, reichliches Füttern. Nasses Laub vermeiden. Die Raupen in den Häutungen nicht stören. Für Zufuhr frischer Luft sorgen, Zuchtraum feucht aufwischen, nicht fegen. Kranke und tote Raupen entfernen. Ersatzfutter ist: Kopfsalat, auch im Notfalle Blätter der Schwarzwurzel, wenn einmal Mangel an Maulbeerlaub eintreten sollte.
196. Die Seidenraupe in Redensarten und Sprichwörtern.
Bekannt ist die Stelle aus Goethes Tasso:
*Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen.*
Mit dem Seidenwurm ist natürlich die Seidenraupe gemeint. Der sehr schöne Gedankengang ist folgender: Wie die Seidenraupe, so macht auch mancher Mensch von den ihm verliehenen Gaben Gebrauch, obwohl er weiß, daß er gerade dadurch sein Leben abkürzt.
Hinken tut der Vergleich dadurch, daß der Wurm nicht sterben, sondern als Schmetterling sich paaren will.
Die Biene
197. Warum bauen die Bienen im Dunkeln?
Um uns einen Bienenstock anzusehen, wollen wir wieder unsern alten Bekannten, Herrn Böhm, aufsuchen, der ein erfahrener Bienenwirt ist und verschiedene Bienenstöcke hat.
Herr Böhm, der uns freundlich begrüßt, erzählt uns, daß er auf ein Schwärmen der Bienen für den heutigen Tag rechnet oder es vielmehr befürchtet. Er erklärt uns nämlich, daß er ein solches Schwärmen durchaus nicht wünscht. Er hat, wie er uns erzählt, früher gewöhnliche deutsche Bienen gehabt, aber fast alle infolge von Seuchen verloren. Jetzt hat er Heidebienen, die sowieso gern schwärmen. Durch das zu häufige Schwärmen wird das Volk zu sehr geschwächt. Man schätzt die Anzahl eines Volkes auf 30- bis 60000 Stück. Selbstverständlich kann man bei einem Volke nicht jede Biene einzeln zählen. Das wäre ein sehr mühsames Geschäft. Obendrein müßte man auf zahlreiche Stiche gefaßt sein. Dagegen kann man einen Schwarm, den man in einem Behälter gefangen oder »eingeschlagen« hat, wiegen. Zieht man das Gewicht des Behälters ab und wiegt man eine kleine Anzahl von Bienen, so kann man ungefähr feststellen, wie groß die Zahl eines Volkes ist.
Die Ansicht des Herrn Böhm steht also im Widerspruch mit der landläufigen, wonach, da wir noch im Mai stehen, das Schwärmen ein großer Vorteil ist. Denn ein alter Spruch sagt:
Ein Schwarm im Mai gilt ein Fuder Heu; Ein Schwarm im Jun', ein fettes Huhn; Ein Schwarm im Jul', kein Federspul'.
Der Widerspruch ist aber nur scheinbar, denn für schwarmwütige Völker paßt der Vers vom Mai überhaupt nicht.
Auch Karo und Hektor haben uns als alte Bekannte freundlich begrüßt, zumal wir ihnen etwas Gutes mitgebracht haben. Als wir uns jedoch den Bienenständen nähern, verlassen sie uns. Sie haben anscheinend bereits üble Erfahrungen mit den Stichen der Bienen gemacht und wünschen nicht, nochmals gestochen zu werden.
Wie uns Herr Böhm weiter erzählt, ist ihm das Schwärmen der Bienen auch aus dem Grunde sehr unerwünscht, weil heute das Durchfüttern der Völker im Winter eine ganz andere Sache ist als früher. Im Winter tragen die Bienen naturgemäß nichts ein. Sie müssen alle von den gesammelten Vorräten leben. Es müssen also gewissermaßen die im Sommer gemachten Ersparnisse angegriffen werden. Diese sind jedoch bald zu Ende, da der Mensch den Bienen den größten Teil ihrer Ersparnisse abnimmt. Es muß also ein Ersatz geschaffen werden, wenn, was häufig der Fall ist, ungünstige Witterung ein Ausfliegen der Bienen noch nicht gestattet. Damit die Tiere nicht verhungern, müssen sie also gefüttert werden. Früher standen dem Imker oder Bienenwirt zu diesem Zwecke der sehr billige Zucker und der fast wertlose Honig in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Heute sind die Verhältnisse vollkommen geändert worden.
Wir können uns natürlich kein Urteil darüber erlauben, ob die Angaben unseres Bekannten zutreffend sind. Jeder Beruf schildert seine Einnahmen in den schwärzesten Farben. Aber wir wissen, daß Zucker und Honig gegenwärtig sehr teuer sind.
*Darüber kann wohl kein Zweifel bestehen, daß die Bienenwirtschaft -- mehr als 2 Millionen Stöcke -- für Deutschland von der größten Bedeutung ist. Von ihr hängt unsere Obsternte ab, da die Bienen durch den Besuch der Blüten die Befruchtung vermitteln. Ferner brauchen Raps, Rübsen, Klee und andere Nutzarten ebenfalls die Bienen.*
Wir sind in der Nähe des Bienenstocks angelangt und müssen uns natürlich auf einen Bienenstich gefaßt machen. Herr Böhm erklärt uns näher, aus welchen Anzeichen er auf ein Schwärmen der Bienen schließt.
Einmal seien die Bienen sehr aufgeregt. Bei regelmäßig arbeitenden Bienen kann man ein gemessenes Benehmen beobachten. Außerdem seien sonst niemals eine solche Menge von Bienen auf den Flugbrettern zu sehen.
Sodann sei das Wetter zum Schwärmen sehr geeignet.
Das sind nach seinen Angaben nur Wahrscheinlichkeiten für ein beabsichtigtes Schwärmen. Viel sicherer ist das sogenannte Tüten der alten Königin und das sogenannte Quaken der neuen Königin. Zwei Königinnen bekämpfen sich nämlich auf Tod und Leben oder eine wandert aus.
Wir begeben uns nach der Hinterseite des Bienenstockes, um uns durch eine Glasscheibe das Leben und Treiben der Bienen näher anzusehen.
Es ist wohl allgemein bekannt, daß die Bienen Waben aus Wachs bauen, die aus ganz regelmäßigen sechseckigen Zellen bestehen. Ist es schon ein Wunder, daß Tiere, und obendrein auf der untersten Stufe des Tierreichs stehende Insekten, ein solches Kunststück vollbringen, das dem klugen Menschen nicht leicht fallen würde, so wird unser Erstaunen dadurch gesteigert, wenn wir sehen, daß die Bienen diese Bauten im Dunkeln ausführen.
Wir Menschen sind der Ansicht, daß, wenn man eine so kunstvolle Arbeit ausführt, man gar nicht Licht genug beim Arbeiten haben kann. Die Bienen aber führen dieses Kunstwerk aus ohne die geringste Beleuchtung. Ja, wenn der Mensch ihnen, um ihnen die Arbeit zu erleichtern, Licht beschafft, so wollen sie von der Beleuchtung nichts wissen und bauen nicht.
Wir wissen schon, was wir tun müssen, um eine Erklärung für dieses Rätsel zu finden. Wir müssen fragen: Wie bauen die wilden Bienen? Da erhalten wir die übereinstimmende Antwort, daß sie in den dunkeln Höhlungen von Baumstämmen ihr Heim aufschlagen.
Die Bienen haben also seit Urzeiten im Dunkeln ihre Bauten ausgeführt. Als der Mensch die Bienen wegen des Wohlgeschmacks des Honigs als Haustiere gewinnen wollte, da hat er ihnen zunächst eine Wohnung ebenfalls in Baumstämmen, in sogen. Beuten, angewiesen.
Solche Bienenstöcke in Baumstämmen waren sehr naturgemäß, aber sie hatten den Nachteil, daß man sie häufig nicht in der Nähe hatte. Da war also ein Bienenhaus schon bequemer. Denn ein solches konnte man als Ersatz für den Baumstamm auf seinem Grundstück errichten. Am bequemsten ist natürlich ein Bienenkorb, weil er im Gegensatz zum Baumstamm beweglich ist. Bienenkörbe kann man also von Ort zu Ort bringen. Das ist besonders für den Bienenwirt von größter Wichtigkeit, der seine Bienen nach Stellen hinbringt, wo das Einsammeln von Honig besonders günstig ist. Beispielsweise geschieht das in Heidegegenden, wenn das Heidekraut blüht.
Die Bienen bauen also heute noch im Dunkeln, weil sie seit Urzeiten in dunkeln Höhlungen gebaut haben.
198. Wann stechen die Bienen am meisten?
Herr Böhm erzählt uns weiter, daß er für seine Person sich gegen Stiche so gut wie gar nicht schützt. Es kommt nur ausnahmsweise vor, daß er von seinen Bienen gestochen wird. Nach seinen Beobachtungen sind die Bienen am stechlustigsten, wenn ihre Brut gefährdet ist, man also Zellen, die Brut enthalten, zu beseitigen sucht. Sodann sind sie vor Ausbruch eines Gewitters sehr zum Stechen geneigt. Dagegen sind sie viel weniger stechlustig, wenn sie sich zum Schwärmen anschicken. Im übrigen ist ihm noch aufgefallen, daß Personen, die schwitzen, viel leichter gestochen werden als andere. Ebenso werden Frauen eher gestochen als Männer. Menschen in weißen Hemden oder überhaupt in hellen Kleidungen werden ebenfalls viel häufiger gestochen als andere.
Es ist nicht leicht, für die verschiedene Stechlust der Bienen eine Erklärung zu geben. Es ist anzunehmen, daß die Bienen den Imker mit der Zeit kennenlernen und ihn deshalb mit ihren Stichen verschonen. Hierzu haben sie insofern begründete Veranlassung, als ihnen ihre Waffe teuer zu stehen kommt. Der Stich kostet ihnen selbst das Leben, was nach unseren Begriffen höchst unzweckmäßig ist. Wer wird einen Gegner in einen Abgrund stürzen, wenn er weiß, daß er selbst von ihm in die Tiefe mit hinabgerissen wird?
Da eine Biene überhaupt nur sechs Wochen lebt und ein Volk, wie wir wissen, aus 30- bis 60000 Bienen besteht, so ist es klar, daß ein Bienenleben gar keine Rolle spielt. Die Biene soll nicht nutzlos stechen, und das geschieht am besten dadurch, daß ihr der Stich selbst das Leben kostet.
Der Stachel mit dem Widerhaken bleibt nämlich sitzen, da er nicht zurückgezogen werden kann. So verliert die Biene das Ende ihres Hinterleibes, was ihren Tod zur Folge hat. Wenigstens ist das allgemeine Ansicht.
Es ist merkwürdig, daß die Wirkung des Bienenstiches bei den einzelnen Menschen sehr verschieden ist. Die Imker sind dagegen immun oder gefeit, weil sie gewöhnlich bei ihnen gar keine Wirkungen hervorrufen.
Da fast alle Tiermütter sich für ihre Nachkommen opfern, so ist es nicht wunderbar, daß es auch die Bienen tun.
Die Stechlust vor dem Gewitter dürfte sich in folgender Weise erklären: Die Bienen haben ein Vorgefühl dafür, daß Regen kommen wird. Der Regen hindert sie am Eintragen. Daher haben sie es besonders eilig, um vorher noch alles zu schaffen, und empfinden Störungen besonders unangenehm.
Es ist merkwürdig, daß die Biene auf schwitzende Menschen erbost ist. Man sollte annehmen, daß sie, die als Muster des Fleißes gilt, den schwitzenden Menschen besonders liebt. Uebrigens macht man bei Wanderungen im Sommer ähnliche Beobachtungen. Sobald man in Schweiß gerät, wird man von den Mücken besonders überfallen. Das kommt sicherlich daher, daß ein schwitzender Mensch eine besonders starke Ausdünstung hat. Die Biene hat einen äußerst feinen Geruch, was man aus verschiedenen Umständen schließen muß. Wir werden gleich darauf zu sprechen kommen. Die Biene hat also entweder Abneigung gegen Schweißgeruch oder sie riecht einen fremden schwitzenden Menschen sofort und sticht naturgemäß ihn eher als andere Menschen.
Weiße Gegenstände üben auf alle Insekten große Anziehungskraft aus. Das weiß die Hausfrau sehr wohl von ihrer Wäsche, die sie auf dem Rasen ausgebreitet hat.
Ein ausziehender Schwarm ist deshalb nicht so stechlustig, wie man meinen sollte, weil er eine neue Wohnung sucht. Wer neue Verhältnisse aufsucht, ist auf Störungen gefaßt und wird gegen sie nicht sehr empfindlich sein.
Herr Böhm erklärte die größere Stechlust der Bienen gegen Frauen damit, daß sich die Bienen häufig in den langen Haaren der Frauen verwickelten. Sie werden dann ganz rasend, weil die Frauen, anstatt ruhig zu bleiben, nach den Bienen schlagen, wodurch sie noch aufgeregter werden.
Diese Ansicht mag richtig sein. Vielleicht liegt aber noch ein anderer Grund vor.
Ich bin selbst nur einige Male gestochen worden, und ausgerechnet jedesmal im Sommer, wo ich kurzgeschorenes Haar trug. Von einem Verwickeln der Bienen konnte gar keine Rede sein, denn in Haaren von zehn Millimeter Länge kann sich keine Biene verheddern. Da bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß hier die Angriffslust aus der Lebensweise der wilden Biene zu erklären ist.
Die wilde Biene hat als gefährliche Feinde unter den Säugetieren bei uns Bär und Marder, in heißen Ländern wahrscheinlich die Affen. Haarige Gestalten, die sich dem Bienenkorb nähern, können also die Wut der Bienen erregen. Es genügen aber schon haarige Stellen am menschlichen Körper.
Die Biene verheddert sich also nicht im Frauenhaar und sticht deshalb, sondern die üppigen Haare der Frauen lassen in den Bienen die Wut gegen ihre alten Feinde mit der langen Behaarung wach werden. Sie fliegen auf die haarigen Stellen zu und suchen zu stechen.
199. Sollen Frauen Imkerinnen werden?
Absichtlich bin ich auf die Frage, weshalb die Frauen eher als Männer gestochen werden, etwas näher eingegangen. Es handelt sich ja für zahllose Frauen um eine Lebensfrage. Man sollte meinen, daß ein Beruf, der keine schwere Arbeit erfordert und obendrein süßen Lohn einbringt, fast ausnahmslos von Frauen ausgeübt wird. In Wirklichkeit liegt die Sache genau umgekehrt. Die Zahl der Bienenwirtinnen ist auffallend klein.
Mir ist von ernsten Männern erzählt worden, daß Frauen, die einen Schwarm einfangen wollten, von den Bienen totgestochen worden sind. Deshalb seien Frauen überhaupt nicht als Imkerinnen geeignet.
Es ist nun denkbar, daß Frauen mit unbedecktem, langem Haar die Wut der Bienen aus dem vorhin erwähnten Grunde erregt haben. Aus Erfahrung weiß ich, daß Frauen viel häufiger als Männer gestochen werden. Auch habe ich noch niemals gesehen, daß eine Frau einen Schwarm eingeschlagen hat.
Wenn die Bienen nur deshalb auf die Frauen wütend sind, weil sie langes Haar besitzen, so könnte die Gefahr für die Frauen leicht beseitigt werden. Sie brauchten es nur ganz sorgfältig zu verstecken, etwa in einer Badekappe.
Jedenfalls sollen auch die Männer, wenn sie sich dem Bienenstocke nähern, ihren Kopf bedecken. Das ist um so angebrachter, je üppiger das Haar ist.
Das Verstecken der Haare in eine Kapuze müßte für alle Fälle bei den Frauen von Vorteil sein. Werden die Frauen nicht mehr gestochen, so wird Herr Böhm, und werden es die andern Imker damit erklären, daß sich die Bienen nicht mehr in den langen Haaren verwickeln können. Ich glaube dagegen, daß hier derselbe Fall vorliegt, wie beim Stier und dem roten Tuch oder dem Truthahn und der roten Farbe, nämlich die Erinnerung an einen früheren Feind.
Uebrigens könnte man der wirklichen Ursache leicht auf den Grund kommen. Sind die Bienen deshalb stechlustig, weil haarige Stellen sie an ihre alten Feinde erinnern, so ist es sehr unzweckmäßig, wenn der Imker einen großen Vollbart trägt. Es wäre für ihn vielmehr vorteilhaft, stets glatt rasiert zu gehen. Durch Umfrage bei den Imkern muß sich feststellen lassen, ob solche mit Vollbärten mehr gestochen werden als solche, die keinen Bart oder nur einen Schnurrbart tragen.
200. Mit welchen Sinnen sucht die Biene die Blüten auf?
Der Mensch gebraucht, wie wir wissen, in erster Linie seine Augen, um einen Gegenstand zu finden. Die Nase kommt dabei nur ausnahmsweise in Betracht.
Die Tiere sind dagegen in der Mehrzahl Nasentiere, die ihre Nahrung durch den Geruch suchen.
Von dem feinen Geruch der Bienen erzählt uns Herr Böhm folgendes Beispiel. Er hatte eine neue Wasserleitung angelegt, aber sie gab noch kein Wasser. Da fiel es ihm auf, daß die Bienen an einem heißen Tage zu dem Wasserleitungshahne flogen. Als er nachsah, stellte er fest, daß inzwischen der Anschluß erfolgt war. Da der Hahn nicht ganz fest geschlossen war, so befanden sich in seinem Innern bereits einige Wassertropfen. Diese Tropfen, die ganz verborgen waren, hatten die Bienen gewittert.
Aehnliche Beobachtungen habe ich ebenfalls gemacht. Die verwandten Wespen zeigen gleichfalls ein erstaunliches Geruchsvermögen. Wird ein Konfitürengeschäft eröffnet, das Süßigkeiten ausstellt, so finden sich selbst in der Großstadt sofort Wespen ein.
Der Geruchsinn ist ohne Frage der Grundsinn bei den Bienen. Schon das Ausräuchern der Bienen als Mittel zu ihrer Vertreibung beweist die Empfindlichkeit ihres Geruchsorgans.
Aber die Augen sind natürlich auch von Bedeutung. Deshalb ist es nicht wunderbar, daß sich die Bienen von Farben leiten lassen. Blau scheinen sie ganz besonders zu lieben. Dann folgt weiß, gelb, rot, grün und orange.
Wollten die Pflanzen Bienen allein durch ihren Duft anlocken, so hätten sie bei ungünstigem Winde wenig Erfolg. Ihre Farbenpracht ist also durchaus zweckmäßig.
201. Die Feinde der Bienen.
Ein Rotschwänzchen, das sich in unserer Nähe zeigt, gibt uns Anlaß, Herrn Böhm über die Schädlichkeit mancher Insektenfresser als Feinde der Bienen zu befragen.