Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten
Part 27
Im Tiergarten werden wir von der Verstellungskunst der Entenmutter kaum etwas zu sehen bekommen. Denn das Publikum würde es verhindern, daß beispielsweise jemand einen Hund auf sie und ihre Jungen hetzt.
Wir haben bereits früher (Kap. 144) geschildert, wie die Wildhühner ihre Jungen gegen überlegene Feinde zu schützen suchen. Wir müssen auf diese ebenso merkwürdige wie erfolgreiche Rettungsart hier bei der Mutterente nochmals zu sprechen kommen.
Die stärkeren Tiermütter verteidigen ihre Jungen durch ihre Kraft. Den meisten Friedvögeln fehlt jedoch eine solche Stärke ihrer Glieder, um damit Erfolge zu erzielen. Der Weiblichkeit liegt es nun nahe, die Kraft durch List zu ersetzen. Besonders machen schwache Tiermütter hiervon Gebrauch. Nähert man sich dem Neste eines Singvogels, so kann man oft erleben, daß das Weibchen wie tot zur Erde fällt. Um den Feind von ihren Jungen abzulenken, stellt sich die Mutter tot. Will der Feind sie haschen, so weiß sie mit großer Gewandtheit ihm zu entschlüpfen und ihn weit weg vom Neste zu führen. Fasanenmütter und Rebhühner stellen sich lahm, um den Hund oder Fuchs von ihren Jungen fortzulocken. So macht es auch die Mutterente. Obgleich sie ganz gesund ist, lahmt sie ganz auffallend. Natürlich denken Fuchs oder Hund, daß ein gelähmtes Geschöpf mit leichter Mühe zu ergreifen ist, und verfolgen sie. Auch hier versteht sie es meisterlich, die Feinde von den Jungen fortzulocken, ohne selbst erhascht zu werden.
In früheren Zeiten waren die Menschen mit der Tierwelt viel vertrauter. Die Verstellungskünste der Mutterente waren ihnen etwas ganz Bekanntes. Sie wußten, daß die Ente durch ihr Benehmen andern etwas mitteilt, was nicht wahr ist. So lag es nahe, eine Zeitungsmeldung, die etwas mitteilte, was nicht wahr ist, als Zeitungsente zu bezeichnen.
172. Ist die Ente wie das Huhn ein Tagtier?
Die Hühner gehen, wie wir wissen, zeitig schlafen. Wie ist es mit der Wildente?
Es ist bereits früher (Kap. 145) hervorgehoben worden, daß die Wildente im Gegensatz zu den wilden und zahmen Hühnern auch in der Nacht tätig ist. Der Jäger weiß, daß man sich auf Enten gegen Abend am Rande eines Gewässers anstellt. Mit Einbruch der Dämmerung fangen die Enten an, auf Nahrungssuche auszugehen und zu diesem Zwecke nach Teichen oder sonstigen Gewässern zu fliegen, wo sie reichliches Futter vermuten.
Auch die Wildenten im Berliner Tiergarten haben diese Lebensweise beibehalten. Unzählige Male habe ich sie in der Nachtzeit in Tätigkeit gesehen. Es ist, wie schon hervorgehoben wurde, ein Irrtum, daß die Wildenten sich durch das elektrische Licht die Nahrungssuche in der Nacht angewöhnt haben. Auf dem Lande, wo kein elektrisches Licht strahlt, handeln sie genau ebenso.
Warum frißt die Ente nun nicht am Tage wie die Hühner? Zeit genug hat sie doch eigentlich den ganzen langen Tag über.
Die Wildente wird es besser wissen als wir, weshalb sie die Nacht zur eigentlichen Fütterung wählt.
Wahrscheinlich ist der Grund folgender. Seeadler, Adler, Wanderfalk und Habicht sind, wie wir wissen, eifrige Feinde der Wildente. Diese Feinde sind Tagraubvögel, die am Tage tätig sind, aber nicht in der Nacht. Die hauptsächlichste Rettung der Ente liegt in der Flucht, auf dem Wasser in ihrem Tauchen. Je voller sich die Ente gefressen hat, desto schlechter fliegt und taucht sie, und um so leichter wird sie gefangen.
Die Ente frißt gern viel. So läuft sie also Gefahr, wenn sie am Tage reichlich gefressen hat, von ihren Hauptfeinden erbeutet zu werden.
In der Nacht braucht sie diese nicht zu fürchten. Da kommen als Feinde nur die großen Eulen, also namentlich der Uhu, in Betracht. Angenommen, daß dieser von dem Schwarm der Enten, die sich zur Nachtzeit irgendwo gesammelt haben, eine fängt, so ist das weiter kein Unglück.
Uebrigens sieht man dem Auge der Ente auch äußerlich an, daß es an die Augen der Dunkelheitsseher, der Nachtigallen, Schnepfen und anderer Vögel erinnert, während die Augen der Hühner, als ausgesprochener Helligkeitsseher, ganz anders aussehen.
173. Warum läßt man Enteneier durch Hühner ausbrüten?
Unsere Hausente ist größer, stärker und fetter geworden als ihre Vorfahren. Dafür kann sie nicht mehr wie diese auf den Grund der Gewässer tauchen, auch kann sie nicht annähernd so gut wie diese fliegen.
Wir folgen der Einladung eines Bekannten im Vorort, um uns seine Enten anzusehen. Beim Eintritt in sein Gehöft bemerken wir eine Glucke, die ängstlich am Rande eines kleinen Pfuhles herumläuft und fortwährend Lockrufe ausstößt, während die jungen Entlein unbekümmert um die Angst ihrer Pflegemutter lustig umherschwimmen.
Weshalb läßt der Mensch die Enteneier durch eine Henne ausbrüten? Ist das nicht grundverkehrt? Die Ente liebt die Nässe, während das Huhn sie haßt.
Die Erklärung liegt darin, daß wir deshalb oft Pflegemütter wählen, weil sie als Brüterinnen und Führerinnen ausgezeichnete Dienste leisten. So ist die Pute wegen dieser Eigenschaften berühmt, und erst vor einigen Tagen sah ich in Berlin eine Pute junge Enten führen. Die Ente läßt auf diesem Gebiete häufig zu wünschen übrig.
Sodann will die Mutterente ihre Jungen zum Wasser führen. Hat man auf oder bei seinem Gehöft einen Graben oder Teich, so ist das sehr schön. Häufig ist das nicht der Fall, und dann ist eine Glucke ganz am Platze.
Der Mangel an Wasser schadet Enten, die man mästen will, nichts. Dagegen würden Zuchtenten ohne Wasser nicht gedeihen.
174. Die Rassen der Ente.
Besonders große Entenrassen sind die Rouen-Ente, die gemästet über 10 Pfund schwer wird, ferner die Aylesbury- und die Peking-Ente. Kleiner ist die indische Laufente, die aber eine fleißige Eierlegerin ist und es auf 150 Eier im Jahre bringt.
Die Brutzeit dauert 28 Tage oder einige Tage weniger. Zur Zucht gebraucht man Enten bis zum fünften Jahre, obwohl sie noch länger legen.
Junge Enten wachsen, wie wir an den Wildenten sehen, sehr schnell heran und können in 10 bis 12 Wochen mastreif sein.
Die Ente wird als gefiedertes Schwein bezeichnet, weil sie alles frißt. Wir haben bereits beim Schwein hervorgehoben, daß diese Redensart etwas übertrieben ist. Richtig ist, daß ihr Speisezettel sehr reichhaltig ist. Die Wildente frißt Sämereien, Knollen, Blätter, ferner Insekten, Würmer, Weichtiere und Reptilien. Fische fängt sie wohl nur durch Zufall, da sie zum Fischen nicht passend gebaut ist. Desto eifriger ist sie nach dem Laich der Fische, wie schon erwähnt wurde. Die Hausente frißt außerdem Hausabfälle, Kartoffeln, Fleisch usw.
Mit dem Schwein teilt die Ente den Vorzug, daß ihr Fleisch immer Abnehmer findet, und daß ihre Zucht überhaupt verhältnismäßig lohnend ist.
175. Die Ente in Redensarten und Sprichwörtern.
Erwähnt wurde bereits die Redensart, wonach die Ente als gefiedertes Schwein bezeichnet wird. Auch ist die Zeitungsente zu erklären versucht worden. Ferner findet in dem Vorstehenden die Redensart ihre Erklärung:
*die umhertrippelt wie ein Huhn, das Enten ausgebrütet hat und sie aufs Wasser gehen sieht*.
Sonst wären noch anzuführen:
*Er kann schwimmen wie eine Ente.*
Spöttisch wird auch gesagt:
*Er kann schwimmen wie eine bleierne Ente.*
Die Gans
176. Warum gilt die Gans als wachsam?
In unserem Zoologischen Garten, der uns so oft ein Helfer in der Not gewesen ist, können wir uns auch die Stammeltern unserer Hausgans, die Graugänse, ansehen. Sie tummeln sich auf dem sogenannten Vierwaldstätter See. Allerdings ist bei oberflächlicher Betrachtung nicht viel an ihnen zu sehen. Sie sehen eben wie graue Gänse, die auf einem Gewässer schwimmen, aus. Aber wer die außerordentliche Vorsicht der Graugänse kennt, der ist schon sehr erfreut darüber, daß er sie so in der Nähe zu Gesicht bekommt. Ich habe jahrelang Jagdreviere gekannt, wo es sehr viel Wildgänse gab. Aber nur einmal habe ich eine Graugans in der Nähe zu sehen bekommen. Es war eine Nachzüglerin, die es sehr eilig hatte und sehr niedrig flog. In der Eile hatte sie uns Jäger, die wir im Graben lagen, übersehen.
Jung eingefangene Graugänse werden verhältnismäßig leicht zahm. So sind sie, wie schon erwähnt wurde, die Stammeltern unserer Hausgänse geworden.
Berühmt ist die Geschichte, daß Gänse das Kapitol von Rom und dadurch die Stadt selbst durch ihre Wachsamkeit gerettet haben. Die Feinde, die Gallier, hatten damals vor mehr als zweitausend Jahren, einen nächtlichen Ueberfall geplant. Die Hunde schliefen, aber die Gänse merkten, daß unerbetener Besuch sich nahte, und erhoben ein Geschrei. Hiervon wurde die Besatzung wach, der es gelang, die anstürmenden Feinde in die Tiefe zu stürzen.
Alljährlich wurde diese Rettung der Stadt durch ein Fest gefeiert. Neben einer triumphierenden Gans lag ein getöteter Hund.
An der Wahrheit des Berichts ist nicht gut zu zweifeln, und der Tierkenner wird der letzte sein, der ihn bezweifelt. Die Wachsamkeit ist ohne Frage ein Erbteil ihrer Stammeltern.
Unsere Wildgans ist im Gegensatz zu manchen ausländischen Gänsen infolge ihrer Schwimmfüße außerstande, auf Bäumen zu schlafen, wie es die andern Vögel tun. Sie lebt deshalb in unzugänglichen Brüchen und schwer zugänglichen bewachsenen Inseln. Es ist nun selbstverständlich für den Menschen recht schwer, sich zur Nachtzeit solchen Schlafstätten zu nähern. Aber Wildkatzen, Füchse und Wölfe, namentlich aber Hermeline, Iltisse und Fischottern, die sämtlich nächtliche Räuber sind, können den schlafenden Gänsen doch sehr gefährlich werden. Deshalb scheint immer eine von den Wildgänsen Wache zu halten. Auch deutet ihre Vorliebe für Schlafplätze im Schilf darauf hin, daß sich die Annäherung des Räubers durch Betreten der überall liegenden trockenen Rohrstücke verraten soll. Diese Benutzung von Natur-Alarmapparaten finden wir bei Pflanzenfressern nicht selten, so bei Hirschen, Rehen usw. Sie haben ihr Lager am liebsten an Oertlichkeiten, wo sich der Jäger nicht nähern kann, ohne durch das Betreten des Laubes und der überall vorhandenen Zweigstücke Geräusche zu erzeugen.
Die Hausgans ist also von Hause aus durchaus für die Wachsamkeit zur Nachtzeit geschaffen, deshalb ist die von ihr gemeldete Geschichte vollkommen glaubhaft.
177. Wie steht es mit den geistigen Fähigkeiten der Gans?
Die Bezeichnung »dumme Gans« ist bei uns sehr geläufig. Und betrachtet man Hausgänse, die auf einem Anger weiden, was wir in jedem Dorfe anstellen können, so machen die Tiere ohne Zweifel nicht den Eindruck, als ob sie über einen großen Geist verfügen.
Das eintönige Geschnatter, das sie hören lassen, erscheint zunächst sehr überflüssig. Wir wissen aber von dem Grunzen der Schweine und dem Blöken der Schafe, daß solche den Zusammenhang der Gesellschaft wahrenden Töne für Tiere, die im Röhricht leben, sehr wichtig sind. Sodann sehen die Gänse mit ihrem watschelnden Gang auf dem Erdboden sehr unbeholfen aus. Aber ist das irgendwie wunderbar? Wir Menschen haben sie doch aus ihrer Heimat zwischen Rohr und Binsen genommen und auf den festen Erdboden gebracht, wohin sie ihrer Natur nach nicht gehören. Ihre Furchtsamkeit, die sie bekunden, ist auch nicht weiter merkwürdig. Denn wie unsern Hausschafen das Gebirge, so fehlt ihnen und den Enten das Wasser zu ihrer Rettung. Nur der Gänserich bekundet Mut gegen Kinder. Er geht auf sie mit Zischen los. Uebrigens haben sie gelegentlich schon durch Schnabelhiebe ganz kleinen Kindern gefährliche Verletzungen beigebracht.
Die angebliche Dummheit der Hausgänse muß man in der Hauptsache auf die unnatürlichen Verhältnisse zurückführen. Von Hause aus ist die Gans ein sehr kluges Tier. Hierüber sind sich alle Jäger einig. Das Anschleichen an Gänse ist ungeheuer schwierig, weil sie durch ihre Wachsamkeit und ihr vorzügliches Sehvermögen fast alle Mittel ihrer Feinde zuschanden machen.
Unsere Vorfahren waren mit dem Tierleben weit inniger vertraut als wir. Sie kannten die Tiere demnach auch viel besser. So erklärt es sich, daß sie ein Rechtsbuch »Graugans« nannten. Für den heutigen Kulturmenschen ist diese Bezeichnung ganz unverständlich. Der Jäger aber versteht, was damit gemeint ist. Die Verfasser haben sich die Graugans mit ihrer bewundernswerten Vorsicht, Klugheit und Wachsamkeit als Vorbild genommen.
178. Wie erklärt sich der Gänsemarsch?
Unsere Dorfgänse werden jetzt nach Hause getrieben, wobei sie sich in dem bekannten Gänsemarsch bewegen. Dieser Gänsemarsch dürfte ohne Frage aus ihrer Bewegungsart im Röhricht und Binsen herrühren. Eine Wildgans muß hier der andern folgen, da sie sich sonst jedesmal erst einen neuen Weg bahnen müßte.
Ueberhaupt läßt sich nicht bestreiten, daß den Gänsen durch ihre Lebensart ein gewisser soldatischer Geist eingehaucht ist. Sie haben einen bewundernswerten Sinn für Ordnung. Das Einreihen, das Bilden einer Linie und ähnliche Bewegungen fallen ihnen ersichtlich leicht. Wie soll es auch anders sein, da ja ihr Flugbild das bekannte Dreieck bildet. Man nimmt an, daß die Gänse in dieser Flugform leichter die Luft durchschneiden.
179. Aus der Lebensgeschichte einer Wildgans.
Für die Leser, denen unsere Wildgänse nicht bekannt sind, möchte ich von dem Berichte eines Jägers über einen zahmen Wildganter eine Stelle hier bringen.
Auf einem Gute in der Neumark waren zwei Eier von Wildgänsen durch Hühner ausgebrütet worden. Es war ein Pärchen, ein Ganter und eine Gans. Beide flogen, als sie erwachsen waren, oft fort, kehrten aber stets wieder heim. Von diesem Ganter erzählt der erwähnte Jäger folgendes:
Die Hunde haben es schon längst gelernt, ebenso schnell wie unauffällig aus seinem Bereich zu verschwinden, und auch die Katzen sind, falls er gerade schlechter Laune ist, vor seinen Angriffen nicht sicher. So stand der Ganter einst neben mir im Garten, offenbar ungehalten darüber, daß ich als Fremdling es wagte, mich in der Nähe seiner Lieblingsgans zu bewegen, die unmittelbar daneben auf dem Hofe im Pferdestall brütete. Da erstand mir ein Blitzableiter in Gestalt einer Katze. Mieze lag auf dem Rande des niedrigen Daches der Veranda, der Ganter entdeckte sie und schon im nächsten Augenblick schwang er sich in die Höhe, um mit dem mißliebigen Eindringling abzurechnen. Im Nu hatte er die tödlich erschrockene Katze am Balge erfaßt; kläglich schreiend wehrte sie sich zwar, so gut es ging, aber es half ihr alles nichts. Mit ihrem Feind zusammen, der nicht losließ, mußte Mieze hinab in die Tiefe, und fest verfangen kamen die beiden Kämpfer durch das dichte Weinrankengewirr der Gartenlaubenwand zur Erde herabgepoltert. Hier erst ließ der Ganter die Katze los, die sich nun eilig aus dem Staube machte; ihre Verteidigung schien dem ungewohnten Feind gegenüber recht mäßiger Art gewesen zu sein.
Dieses angriffslustige Benehmen legt der Ganter jedem lebenden Wesen gegenüber an den Tag, wenn er schlechter Laune ist und sich dem Gegner einigermaßen gewachsen fühlt. Vor Männern hat er immerhin noch einigen Respekt, aber er kann es doch nicht unterlassen, auch sie empfindlich in die Wade zu zwicken, wenn sie seinen Gänsen oder wohl gar deren Gelegen zu nahe kommen. Frauen und Mädchen denken nicht im Traum an solche Verwegenheit, die er, wenn es sich nicht etwa um seine Pflegerinnen handelt, ganz gewaltig bestrafen würde. Aus allen diesen Gründen ersetzt der Ganter auch den vorzüglichsten Hofhund, denn seinen Nachtdienst tritt er schon an, sobald die ersten Schatten der Dämmerung sich auf die Erde senken. Was ihm an Eindringlingen nicht stark überlegen erscheint, wird im wahren Sinne des Wortes überfallen; denn der Ganter naht im Schutze der Dunkelheit vollkommen lautlos und verbeißt sich ganz fest in Kleidern, Haaren oder Gliedmaßen.
Uebermächtigen Feinden, wie Männern gegenüber, befolgt er dagegen einen ganz anderen Feldzugsplan, indem er von seiner fabelhaft durchdringenden Stimme den ausgiebigsten Gebrauch macht. Die Sage von den kapitolinischen Gänsen wird von diesem Vogel in die Wirklichkeit übersetzt, und wenn er auch natürlich nur sein eigenes Hausrecht zu wahren bestrebt ist, wissen doch die Hausbewohner mit Sicherheit, daß irgendetwas nicht in Ordnung ist, wenn nachts der Ganter laut wird.
In der vorstehenden Schilderung wird ebenfalls die Wachsamkeit der Gans zur Nachtzeit bestätigt.
180. Die Rassen der Gänse.
Berühmt von den Gänserassen sind die Pommersche, Mecklenburgische, Emdener und Toulouser Gans. Gänsezucht bringt nur Gewinn, wenn man über Weiden mit Wasser verfügt. Die Gans wird gewöhnlich im zweiten Jahre fortpflanzungsfähig und kann sehr alt werden, jedenfalls über 20 Jahre. Die Gans legt etwa ein Dutzend Eier und brütet 28 bis 32 Tage darauf.
Die Gänse sind in der Hauptsache Pflanzenfresser. Sie weiden mit Hilfe ihres harten scharfschneidenden Schnabels Gräser und Getreidearten, Kohl und andere Kräuter von der Erde ab, enthülsen Schoten und Aehren und gründeln in seichten Gewässern nach Pflanzenstoffen. Doch nehmen die Gänse auch tierische Nahrung zu sich.
Bei uns ist es üblich, die Gänse nach der Ernte auf die Felder zu treiben, wobei die Tiere (Stoppelgänse) sehr an Gewicht zunehmen.
Außerordentlichen Nutzen gewährt die Gans durch ihre Federn. Sie wird zu diesem Zwecke ein- oder zweimal gerupft.
In früheren Zeiten lieferten die Kiele der Schwungfedern die Schreibfedern. Es war eine mühsame Arbeit, die Kiele zu diesem Zwecke zurechtzuschneiden.
Vorzüglich ist auch das Fett der Gans. Von Feinschmeckern wird ihre Leber gerühmt. Es ist ein ziemlich umständliches Verfahren, um künstlich große Lebern zu erzeugen.
181. Die Gans in Redensarten und Sprichwörtern.
Erwähnt wurde schon die Bezeichnung Gans oder dumme Gans für einen dummen Menschen, namentlich für eine dumme Frauensperson. Insbesondere wird ein albernes Mädchen gern als Gänschen bezeichnet. Ebenso wurde bereits der Gänsemarsch und das Watscheln wie eine Gans angeführt.
In Berlin kann man die Redensart hören:
*Eine gute gebratene Gans ist eine gute Gabe Gottes*,
wobei das »g« wie »j« ausgesprochen wird.
Mit
*Gänsewein*
wird scherzhaft das Wasser bezeichnet.
*Gänsefüßchen*
heißen die Anführungszeichen bei der Zeichensetzung.
*Gänsehaut*,
so wird die menschliche Haut bezeichnet, wenn sie durch Kälte oder Schreck der Haut einer Gans ähnlich sieht.
Der Schwan
182. Warum hat der Schwan einen so langen Hals?
Auch in diesem Falle müssen wir uns nach dem Zoologischen Garten begeben, um uns Schwäne anzusehen. Die Schwäne im Tiergarten sind seit einigen Jahren verschwunden. Noch im vorigen Jahre lebte ein Pärchen auf dem Tempelhofer Felde in dem neugegrabenen See. Auch das ist nicht mehr vorhanden. Ob in der Havel noch Schwäne sind, habe ich noch nicht feststellen können.
Vor vierzig Jahren brütete alljährlich ein Schwanenpaar an der Moabiter Brücke, die von der Kirchstraße über die Spree führte. Das Nordufer der Spree war damals unbebaut und bildete die sogenannte Wulwe-Lanke. Es war ein schöner Anblick -- er und sie würdevoll und vorsichtig dahinschwimmend und um sie beide ihre Kinderschar. Gewöhnlich waren es vier Junge, die bräunlich aussahen. Merkwürdigerweise hört man so oft, daß der Schwan weiße Junge habe. Das ist aber, wenn man von einer Ausnahme absieht, durchaus unrichtig.
Auch die Schwäne im Zoologischen Garten erfreuen uns durch ihre schöne weiße Gestalt, die so vortrefflich in den Rahmen eines stillen, verträumten Weihers paßt.
Warum haben die Schwäne einen so langen Hals? Diese Frage kann man oft hören. Ich glaube, sie muß in folgender Weise beantwortet werden:
Einmal muß jedes Tier so gebaut sein, daß es mit seinen Reinigungsmitteln zu jedem Körperteil gelangen kann. Da der Vogel die Reinigung mit dem Schnabel besorgt, so braucht der Schwan, um zu dem äußersten Teil des Rückens zu gelangen, schon deshalb einen langen Hals.
Sodann kommt die Nahrungsmittelverteilung hinzu. Wenn alle Pflanzenfresser dasselbe fressen würden, so wäre der Streit unter ihnen noch größer, als er ohnehin schon ist. Aus diesem Grunde sind sie verschieden groß gebaut. Der kleine Hase kann, selbst wenn er sich aufrichtet, nicht dahin reichen, wo das Reh bequem fressen kann. Dagegen kann das Reh die Stellen nicht erreichen, die dem größeren Hirsch zugänglich sind.
Wie Hase, Reh und Hirsch über dem Boden, so unterscheiden sich Schwimmente, Gans und Schwan unter dem Wasser. Die Gans kann beim Gründeln solche Stellen erreichen, wohin die Ente nicht gelangt. Und wiederum kann der Schwan noch weiter reichen als die Gans.
Die Wildente kann wohl auf den Grund des Gewässers tauchen, und tut das auch oft. Aber beim Gründeln sieht man Enten, Gänse und Schwäne nicht tauchen. Das dürfte sich nur aus der Nahrungsmittelverteilung erklären.
Der Schwan ist noch mehr Pflanzenfresser als Gans und Ente. Im Frühjahr quakende Frösche läßt er, wovon ich mich oft überzeugen konnte, ganz unbehelligt.
Seine Hauptfeinde, Adler und Uhu, sind jetzt bei uns fast ausgerottet. Vor ihnen flüchtete er ins Schilf. Manchmal kommt es noch vor, daß ihn ein Fuchs abwürgt, wenn er im Winter im Eise festgefroren ist. Unter gewöhnlichen Umständen dürfte ein Fuchs einem gesunden Schwan nicht viel anhaben können, da er sich mit seinen gewaltigen Flügelschlägen gut verteidigen kann.
Der Schwan nistet im Frühjahr. Nach einer Brutzeit von 35 bis 42 Tagen schlüpfen die Jungen aus. Die Anzahl der Eier beträgt sechs bis acht.
Hervorragend geschätzt sind die Federn des Schwans wegen ihrer Farbe und Weichheit. Mit der Schönheit des Tieres steht sein Wesen wenig im Einklang. Er zeigt sich nach unsern Begriffen selbstbewußt und herrschsüchtig. Vom Standpunkte des Schwanes aus dürften sich diese Eigenschaften sehr wohl erklären lassen.
183. Der Schwan in Redensarten und Sprichwörtern.
*Schwanengesang.*
Wir in Deutschland kennen hauptsächlich den Höckerschwan, der nur zischt, aber nicht singt. In nördlichen Ländern lebt aber der gleichgroße Singschwan, der keinen Höcker trägt. Dieser führt seinen Namen mit Recht. In den kalten Winternächten soll der Gesang einer Schar Singschwäne sehr schön klingen. Manche behaupten, daß der Singschwan besonders vor seinem Tode sänge, was von andern bestritten wird. Wahrscheinlich haben die alten Griechen, die zuerst von dem Schwanengesang in diesem Sinne sprechen, aus dem Gesang die Todesahnung herausgehört. Sie haben ebenso bei der Nachtigall die Anklage wegen eines Kindesmordes herausgehört.
Die Schwäne galten als besondere Lieblinge des Apollo, des Gottes der Dichtkunst. Daher werden Dichter geradezu als Schwäne bezeichnet, so Shakespeare (Schähkspir) als Schwan von Avon (ew'n oder äw'n), da er am Avon geboren ist.
Schwanengesang ist also die letzte bedeutende Leistung, die jemand angesichts seines bevorstehenden Todes vollbringt, wie das Sterbelied des Schwans.
*Schwanen.*
Da der Schwan seinen Tod vorher wissen soll und überhaupt, wie viele Vögel, nach dem Volksglauben (Kap. 36) in die Zukunft blicken kann, so bedeutet es: dunkel ahnen.
Nach der schneeweißen Farbe des Schwans gibt es zahlreiche Zusammensetzungen, die hierauf Bezug nehmen, beispielsweise
*Schwanenhals*.
Allerdings kann hierbei auch auf die Länge des Schwanenhalses angespielt sein.
Der Kanarienvogel
184. Weshalb gerät der Kanarienvogel in Wut, wenn er sein Spiegelbild erblickt?
Wer sich auch sonst um Tiere wenig bekümmert, dem wird doch der Kanarienvogel bekannt sein.
Der goldgelbe Sänger war vor dem Weltkriege in zahllosen Familien anzutreffen. Jetzt ist er auch selten geworden, und wir freuen uns, daß wir bei einem Bekannten Gelegenheit haben, einen zahmen Kanarienvogel zu betrachten.
Unser Bekannter, Herr Stengert, öffnet den Käfig, und sofort fliegt ihm Hänschen, wie der Kanarienvogel genannt wird, auf den vorgestreckten Finger. Auf Befehl gibt er seinem Herrn ein Küßchen. Bei Kanarienvögeln kann man das unbesorgt tun, da sie nicht wie Hunde im Kot wühlen. Sodann kriecht er seinem Herrn in den Rockärmel, wo es ihm besonders gut zu gefallen scheint. Wenigstens ist erst ein Leckerbissen notwendig, um ihn von diesem warmen Platze fortzulocken.