Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten

Part 26

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Die Tauben suchen sich also vor dem Raubvogel durch ihren schnellen Flug zu retten. Das nützt ihnen aber nicht viel, denn er ist geschwinder als sie. Aus diesem Grunde flüchten sie nach Möglichkeit nach ihrem Schlag. Der Falk weiß das sehr wohl und schneidet ihnen gern den Rückzug nach dem Schlag ab. Auch dann sind die Tauben noch nicht verloren. Sie steigen so in die Höhe, daß sie oft wie ein weißer Stern erscheinen. Wenn der Falk nicht sehr hungrig ist, dann läßt er sie ungeschoren. Denn, um auf den hoch oben stehenden Taubenschwarm Jagd zu machen, müßte er sie erst überfliegen.

161. Warum muß der Stößer die Tauben erst überfliegen?

Ich weiß noch heute, wie sehr ich mich als Junge darüber gewundert habe, daß der Stößer die Tauben erst überfliegen muß. Wie ein Mensch dem andern nachläuft und ihn fängt, wie ein Hund den Hasen faßt, so sollte man meinen, müßte auch der Wanderfalk den Tauben nachjagen und sie fangen.

Eine einfache Ueberlegung ergibt das Unsinnige dieser Fangart. Habicht und Sperber verlegen sich allerdings gewöhnlich auf die Ueberraschung. Sie kommen urplötzlich dahergestürmt und schlagen ihrem Opfer die Fänge, d. h. die bewehrten Füße in den Leib. Denn bei allen Raubvögeln sind die Fänge die Hauptwaffe, während der Schnabel hauptsächlich zur Verkleinerung der Beute dient. Der Wanderfalk verläßt sich dagegen in der Regel auf seine Flugfertigkeit. Wie soll er nun ganz oben am Himmel stehenden Tauben durch Verfolgung etwas tun? Um seine Fänge wirken zu lassen, muß er höher als die Tauben stehen. Auch ist er nur dadurch, daß er einer verfolgten Taube die Fänge in die Seiten schlägt, imstande, sie schnell nach seinem Horst zu tragen. Flattert sie noch, so ist es für den Räuber um so vorteilhafter, denn um so leichter ist für ihn die Last.

Weil also der Wanderfalk seine Beute erst überfliegen und von oben stoßen muß, deshalb hat ihn der Berliner »Stößer« getauft.

Mancher wird fragen, warum die Taubenbesitzer ihre Lieblinge nicht im Schlage behalten, wenn der Stößer unter ihnen so furchtbar aufräumt. Die Antwort ist für den Jäger sehr einfach. In Bayern und Oesterreich hat man sämtliche Feinde der Gemsen vernichtet, also Bären, Luchse, Wölfe, Adler und Bartgeier -- und was ist die Folge davon? Noch niemals hat es soviele Seuchen unter den Gemsen gegeben wie jetzt. Das ist ja auch ganz einleuchtend. Früher wurden erkrankte Tiere zuerst von den Raubtieren vernichtet, so daß sie die Krankheit nicht weiter verschleppen konnten. Bei den Hasen und Rebhühnern liegt die Sache ähnlich. Es ist natürlich übertrieben, wenn man den Fuchs als Hasenarzt bezeichnet, aber etwas Wahres ist daran. Jedenfalls entarten Tauben, die man nicht ausfliegen läßt. Sie verfallen in Krankheiten, weshalb es richtiger ist, sie ihren natürlichen Feinden auszusetzen, da diese Behandlungsweise sie gesund erhält.

Bei allen Raubvögeln beobachten wir, daß sie zunächst auf Albinos oder weiße oder ungewöhnlich gefleckte Tiere Jagd machen. Albinos sind entartete Geschöpfe, und ihr Wegfangen kann geradezu als ein löbliches Tun bezeichnet werden. Weiße Hühner kann man in einsamen Forsthäusern nicht halten.

Sodann richten alle Raubvögel ihre Angriffe mit Vorliebe auf solche Vögel, die sich vom Schwarm abgesondert haben. Das wird einen Sinn haben -- aber welchen?

Wir sehen, daß Tauben und andere Friedvögel, z. B. Stare, sich angesichts ihrer Feinde eng zusammenballen. Vom Standpunkte des Menschen scheint das äußerst töricht zu sein, denn der Raubvogel braucht nur in die Masse hineinzugreifen, dann hat er sicherlich in seinen Fängen eine Beute.

Da der Raubvogel schließlich besser weiß als wir, wie er seine Beute zu erlangen hat, so wird er wissen, weshalb er den einzelnen Vogel verfolgt und die Masse erst im Notfall berücksichtigt.

Selbstverständlich ist es ganz ausgeschlossen, daß ein Taubenschwarm gegen einen Stößer etwas ausrichten kann. Dagegen haben sie ein Verteidigungsmittel gegen ihn zur Hand, auf das der klügste Mensch nicht verfallen wäre.

Ist der Taubenschwarm nämlich hinreichend groß, so stürzen sich alle wie auf Kommando in die Tiefe. Der Falk muß sich dann sehr vorsehen, daß er nicht in dieses Luftloch fällt. In einer ornithologischen Zeitschrift berichtete im vorigen Jahre ein Fachmann, daß vor seinen Augen ein Sperber in das von Staren gebildete Luftloch fiel und infolge des plötzlichen Sturzes betäubt in einer Hecke liegen blieb.

Unsere Flieger wissen, wie gefährlich ein Luftloch ist. Es wird aber den meisten Menschen unbekannt sein, daß Tauben, Stare und andere in Schwärmen fliegende Vögel seit Urzeiten einen künstlichen Lufttrichter bilden, um ihren Erzfeind dort hineinsausen zu lassen.

Die Raubvögel müssen mit diesem künstlichen Trichter böse Erfahrungen gemacht haben. Nur daraus läßt sich erklären, daß der Verfolger regelmäßig so lange wartet, bis sich ein einzelner Vogel vom Schwarme trennt. Auf diesen abgesprengten Vogel wird sofort Jagd gemacht. Daher rührt die ängstliche Sucht der Tauben und Stare, stets beim Schwarme zu bleiben.

Das in Schwärmen Fliegen der Friedvögel ist also eine Verteidigungsart gegen Raubvögel. Ist der Schwarm zu klein, um einen Trichter zu bilden, so stieben die Vögel, wenn der Raubvogel über ihnen steht, manchmal nach allen Seiten auseinander, so daß er in Zweifel gerät, welchen Vogel er verfolgen soll.

162. Warum sitzen unsere Haustauben auf Dächern und nicht auf Bäumen? Der Taubenschlag.

Wir haben gesehen, daß die Tauben sich nach ihrem Ausfluge wieder auf dem Dache niedergelassen haben, obwohl nicht weit davon ein prachtvoller Baum steht. Man sollte meinen, daß dem Vogel ein Baum geeigneter zur Ruhe ist als das platte Dach. Sitzen doch unsere Wildtauben, z. B. die schönen großen Ringeltauben, wenn sie auf dem Erdboden nicht nach Nahrung suchen, ständig auf Bäumen.

Die Antwort muß lauten, daß unsere Haustaube von unseren Wildtauben nicht abstammen kann. Wir wissen bereits, daß sie von der am Mittelländischen Meer heimischen Felsentaube abstammt.

Es gibt eine ganze Menge Vogelarten, deren Füße so gestaltet sind, daß sie für Baumzweige nicht geeignet sind. Unsere Feldlerche setzt sich nie auf einen Baum, ebenso die Haubenlerche, der Kiebitz und andere Vögel nicht. Die Zehen sind nicht zum Umspannen runder Zweige geeignet. Sie sind vielmehr zum Laufen auf der glatten Erde geschaffen. Die Haustaube setzt sich nur dann auf einen Baum, wenn die Aeste so stark sind, daß sie eine glatte Fläche bieten. Wenigstens ist das die Regel.

Man ersieht daraus, daß die Anpassung der Tiere an andere Verhältnisse nicht so schnell vor sich geht, wie gewöhnlich angenommen wird. Tauben werden von den Menschen seit Jahrtausenden als Haustiere gehalten. Trotzdem muß der Taubenbesitzer noch heute am Taubenschlage glatte Hölzer für die Taubenfüße anbringen. Das Taubenhaus mit seinen zahlreichen Eingängen ist auch nichts weiter als eine Nachahmung der Felsenhöhlen mit ihren vielen Löchern, in denen die Vorfahren unserer Haustauben früher hausten.

163. Wie finden sich die Brieftauben zurecht?

Bei dieser Gelegenheit wollen wir die Frage zu beantworten suchen, wie sich die Brieftauben zu orientieren suchen.

Zur Brieftaube sind solche Tauben geeignet, die sich durch breite Brust, breite und lange Schwingen und große Muskelkraft auszeichnen. Namentlich werden die belgischen Brieftauben geschätzt. Die Geschlechter werden nach der ersten oder zweiten Brut voneinander gesondert, um den Drang nach der alten Heimat besonders zu wecken. Bereits im Altertum war die Benützung von Brieftauben üblich.

Man nimmt allgemein an, daß die Brieftauben genau einen solchen Orientierungs- oder Ortssinn haben, wie ihn ohne Zweifel Säugetiere, also Wölfe, Füchse, ebenso unsere Hunde, Pferde usw., besitzen. Denn ohne einen solchen Ortssinn wären solche Säugetiere nicht in der Lage, ihr altes Lager wiederzufinden. Da obendrein ihre Augen fast ausnahmslos schwach sind und nur wenig über dem Erdboden stehen, so daß ihnen jede weitere Uebersicht fehlt, so ist ein Ortssinn für sie eine unbedingte Notwendigkeit.

Ganz anders liegt die Sache bei den Vögeln. Sie besitzen ein hervorragendes Sehvermögen und haben von ihrer hohen Warte aus eine wunderbare Uebersicht. Sie sehen ihre Umgebung wie auf einer Karte.

Ueberall machen wir die Beobachtung, daß die Natur mit den sparsamsten Mitteln waltet. Hat ein Raubtier ein kräftiges Gebiß, so hat es nicht obendrein Hörner, und ist eine Schlange giftig, so ist sie nicht obendrein kräftig. Alle Riesenschlangen sind daher ungiftig. Haben sie die Kraft zur Ueberwindung ihrer Opfer, so brauchen sie nicht noch obendrein heimtückisches Gift.

Für Tiere mit wirklichem Ortssinn ist es gleichgültig, ob Dunkelheit oder Nebel herrscht. In einem schönen Gedichte sagt unser großer Dichter Goethe:

Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.

Natürlich ist damit gemeint, daß das Maultier im Nebel seinen Weg sucht und auch findet. Das bloße Suchen ist ja kein Kunststück. Das verstehen wir auch, aber als Kulturmenschen finden wir den Weg nicht, weil wir den Ortssinn verloren haben, den das Tier noch besitzt.

Der Kulturmensch braucht eben keinen Ortssinn zu seinem Leben, denn er kann sich einen Kompaß und eine Karte anschaffen.

Findet sich nun auch eine Brieftaube im Nebel zurecht? Keineswegs. Wir wissen aus zahlreichen Beobachtungen, daß Brieftauben, die von Luftschiffern mitgenommen waren, sich in den Wolken nicht zurechtfanden. Sie wollen, solange sie von Wolken umgeben sind, das Luftschiff nicht verlassen. Sehen sie aber ein Loch in den Wolken, so fliegen sie schnell hindurch.

Ebenso findet sich die Brieftaube nicht in der Dunkelheit zurecht. Hiergegen spricht nicht, daß Brieftauben ihren Schlag in der Nacht in einer Großstadt gefunden haben. Eine Großstadt sendet in der Dunkelheit ein solches Flammenmeer gen Himmel, daß es gar kein Kunststück ist, bei freier Aussicht sie zu finden.

Weil die Brieftauben sich nach ihren wunderbaren Augen richten, so werden die Wettflüge zunächst auf kurze Entfernungen veranstaltet und allmählich erweitert. Bei Tieren mit Ortssinn wäre ein solches umständliches Verfahren nicht erforderlich. Die Brieftauben aber müssen in dieser Weise eingeübt werden, weil sie sich die nähere und entferntere Umgebung einprägen sollen. Werden sie an einem fremden Ort losgelassen, so steigen sie erst hoch. Sie wollen sich also erst vergewissern, wo sie eigentlich sind. Das ist ein untrüglicher Beweis dafür, daß sie keinen Ortssinn besitzen.

Steigt man bei klarem Wetter auf einen Aussichtsturm, z. B. auf Rügen, so liegt die ganze Insel wie auf einer Karte uns zu Füßen. Würden sich die Menschen vergegenwärtigen, welchen außerordentlichen Ueberblick die Brieftaube mit ihren viel schärferen Augen besitzt, so würde ihnen das Zurechtfinden der Brieftauben gar nicht wunderbar erscheinen.

164. Die Tauben als Vorbilder des Menschen.

Einige Täuberiche machen inzwischen ihren Damen den Hof und verbeugen sich vor ihnen in der artigsten Weise. Dabei lassen sie unablässig ihr kuruh kuruh erschallen.

Der Mensch hat anscheinend von jeher das Liebesleben der Tauben mit besonderem Wohlgefallen betrachtet. Einmal sind die Tauben ohne Frage sehr schön, ferner sanft und in ihrer Nahrung hauptsächlich auf die Pflanzenwelt beschränkt. Sie sind wie geschaffen dazu, um Lieblinge der Frauenwelt zu sein. Ganz besonders mußte den Frauen gefallen, daß der Täuberich nicht nur verliebt gurrt, sondern nachher beim Bebrüten der Eier und der Aufzucht der Jungen treu mitwirkt. Wir wissen, daß bei unsern Säugetieren von einer Tätigkeit des Vaters nichts zu merken ist. Wir haben auch die Gründe auseinandergesetzt, wie sich diese für uns Menschen so auffallende Erscheinung erklärt. Auch der Hahn weiß von Vaterpflichten nichts, wie wir schon besprochen haben. Da ist der Täuberich wirklich eine rühmenswerte Ausnahme. Wahrscheinlich kann er nichts dafür, genau so wie er nichts dafür kann, daß er zu fliegen vermag. Er tut eben das, was seine Vorfahren seit Urzeiten gemacht haben. Die junge Brut kann von der Mutter allein nicht durchgebracht werden. Folglich muß auch der Vater helfen. Denn die Erhaltung der Nachkommenschaft ist für jede Tierart das allerwichtigste.

Vermenschlichen wir die Tiere, so hat der Täuberich tiefere sittliche Grundsätze als der leichtsinnige Hahn mit seiner Paschawirtschaft. Da die Menschen naturgemäß alles von ihrem Standpunkte aus betrachten, so hat man die Tauben vielfach verhimmelt und ihnen Eigenschaften beigelegt, die nicht ganz zutreffen dürften. Auch bei den Tauben kann man Seitensprünge des Ehegatten, große Eifersucht, unglaubliche Zusetzereien und ähnliche weniger erfreuliche Eigentümlichkeiten beobachten. Umgekehrt wird man gern zugeben, daß man staunen muß, wie treu manche Gatten unter den widrigsten Verhältnissen zueinander halten. Selbst die Trennung und die lockendste Versuchung können sie in ihrem Entschlusse nicht wankend machen.

So ist es denn nicht wunderbar, daß Dichter die Taube in überschwenglichster Weise gefeiert haben. Ist ja auch ihr Schnäbeln nach unseren Begriffen von allen unter den Tieren üblichen Zärtlichkeitsausdrücken dem Küssen der Menschen am ähnlichsten.

165. Naturgemäße Fütterung und Haltung der Tauben.

Die Felsentauben als Stammeltern unserer Haustauben verzehren alle Arten unseres Getreides, ferner die Sämereien von Raps, Rübsen, Linsen, Erbsen, Lein usw., vor allen Dingen aber die Körner der Vogelwicke, die ein höchst lästiges Unkraut ist. Man hat die Haustauben, die den gleichen Speisezettel besitzen, deshalb für schädlich erklärt, da sie den Landwirten, namentlich zur Saatzeit, viele Körner wegfräßen. Das führte auch zur Zerstörung der etwa 50000 Taubentürme in Frankreich, als die Revolution 1789 ausbrach. Heute denkt man über die Schädlichkeit der Tauben etwas anders. Gewissenhafte Naturforscher haben sorgsam den Inhalt von Kropf und Magen gezählt. Dabei ist festgestellt worden, daß in einer einzigen jungen Taube die Körner und Samen von Unkraut über 3000 zählten. Auch vertilgen die Tauben eifrig Schnecken. Der Nutzen der Tauben dürfte also ihre Schädlichkeit erheblich überwiegen. Ferner brauchen die Tauben Salz, Lehm und Mörtel, außerdem Badegelegenheit und reines Trinkwasser.

Da die Felsentauben in dunkeln Höhlen der Felsen brüten, so soll man auch den Haustauben keine hellen Brutplätze anweisen. Die Zweckmäßigkeit von Taubenschlägen und Taubenhäusern ist bereits hervorgehoben worden.

Von den Feinden der Tauben sind die Raubvögel schon genannt worden. Von vierfüßigen Räubern sind Katze, Marder, Wiesel und Ratten zu nennen.

Da die Taube die Gesellschaft liebt, so verliert man manche Taube, die sich von einem größeren Schwarm als der ihrige ist, angezogen fühlt. Es gibt Taubenhalter, die das Einfangen fremder Tauben als Besonderheit betreiben und darin Meister sind.

166. Die Rassen der Haustauben.

Die Zähmung der Felsentaube ist bereits in vorgeschichtlicher Zeit erfolgt. Der Felsentaube ähnelt noch sehr der Feldflüchter, der sich am liebsten vom Menschen freimacht und seine Nahrung auf eigene Faust sucht.

Von den zahllosen Rassen seien hier folgende angeführt. Die Trommeltauben, die Tümmler, die sich während des Fluges rückwärts überschlagen, die Perücken- und Mähnentauben, die Möwchen, die Pfautauben, die schon erwähnten Brieftauben, die Riesentauben und die Huhntauben.

Die Täubin legt gewöhnlich vier- bis achtmal im Jahre je zwei Eier, die von ihr mit Unterstützung des Täuberichs in 16 bis 18 Tagen ausgebrütet werden. Die Jungen sind Nesthocker und werden bis zur Ausbildung des Gefieders von beiden Eltern aus dem Kropfe gefüttert, in dem sich ein milchartiger Brei befindet. Da die Täubin häufig zur zweiten Brut schreitet, ehe die Jungen der ersten Brut das Nest verlassen haben, so braucht jedes Taubenpaar zwei nebeneinander befindliche Nistkästen.

Manche Haustauben werden fünfzehn Jahre alt.

Es wurde schon hervorgehoben, daß Tauben, denen keine Gelegenheit zum Ausfliegen gegeben wird, leicht erkranken. Wie bei den Hühnern zu enger Raum zu Seuchen führt, so trifft ähnliches auch bei den Tauben zu.

167. Die Tauben in Redensarten und Sprichwörtern.

Es wurde schon hervorgehoben, daß die guten Eigenschaften der Tauben gewaltig überschätzt worden sind. Auf ihre friedfertige Gesinnung nimmt der Ausdruck

*Friedenstaube*

bezug. Von den Tauben gelten besonders die Turteltauben als Muster für ein Ehepaar. Daher stammt die Redensart:

*Sie leben wie zwei Turteltauben.*

Die alten Landwirte in früheren Zeiten wollten nicht viel von der Taubenzucht wissen. Wenigstens habe ich in ihren Kreisen oft den Vers gehört:

*Wer viel Geld hat und kanns nicht sehen liegen, Der halte sich Tauben, dann sieht er's fliegen.*

Die Ente

168. Warum sind die Wildenten im Berliner Tiergarten meistenteils ausgewandert?

Bei der Ente haben wir das große Glück, ihre Stammeltern, die Wildente, und zwar die Stockente, seit mehr als einem Menschenalter im Berliner Tiergarten beobachten zu können. Jetzt freilich sind die Gewässer fast entenleer. Immerhin treffen wir beispielsweise auf dem Goldfischteich eine Mutterente mit drei Jungen an. Es ist Anfang Juni, und die Jungen sind bereits so groß, daß man genauer hinsehen muß, um sie von der Alten zu unterscheiden.

Früher waren die Gewässer zu sehr besetzt, und das hatte allerlei Unzuträglichkeiten im Gefolge. Jede Ente braucht für ihre Nachkommenschaft einen gewissen Raum. So gab es also um die Brutplätze erbitterte Kämpfe zwischen den einzelnen Entenpaaren. Hatten die Besitzer eines Brutplatzes glücklich ein andringendes Paar abgekämpft, so dauerte es nicht lange, und sie mußten sich gegen neue Eindringlinge wehren.

Das Jagen der Erpel hinter den Enten nahm gar kein Ende. Durch die viel zu starke Besetzung der Gewässer litt auch das Familienleben der Enten sehr erheblich.

Das ist mit einem Schlage durch den Weltkrieg und den Mangel an Lebensmitteln anders geworden. Die Wildenten lebten im Tiergarten nicht wie ihre Artgenossen in der Freiheit von dem, was das Wasser bot, sondern hauptsächlich von dem, was das Publikum ihnen spendete. Das war in vergangenen Jahren sehr reichlich, und deshalb konnten sich zahllose Wildenten als Bettler durchschlagen. Jetzt ist aber die Fütterung durch die Spaziergänger gleich Null geworden. Die Gewässer sind jedoch zu nahrungsarm, um soviel Wildenten zu ernähren. Folglich wurden die Wildenten zum größten Teil gezwungen auszuwandern und anderswo ihr Heil zu versuchen.

Es ist nicht Zufall, daß die Mutterente gerade den Goldfischteich als Aufenthaltsort gewählt hat. Hier gibt es ohne Frage den meisten Fischlaich, und Fischlaich ist für die Ente ein sehr begehrtes Futter.

169. Warum hat die von uns beobachtete Wildente nur drei Junge?

Gewöhnlich legen Stockenten 8 bis 16 Eier, so daß also zwölf Junge als Durchschnittszahl angegeben werden können. Es ist also anzunehmen, daß neun oder wenigstens fünf junge Entchen verlorengegangen sind.

Die Gründe für diese Verluste können mancherlei Art sein. Manche Wildenten brüten ausnahmsweise auf Bäumen. Es ist wunderbar, daß die kleinen Entchen vom hohen Nest auf die Erde purzeln können, ohne großen Schaden zu nehmen. Die Alte lockt die Jungen, nachdem sie ausgebrütet und trocken geworden sind, zu dem kühnen Sprunge in die Tiefe. Dann wandert sie mit der kleinen Gesellschaft nach dem von ihr in Aussicht genommenen Gewässer. Schwächlinge, die den waghalsigen Sprung nicht unternehmen, bleiben im Neste und verhungern elendiglich.

Der Marsch nach dem Gewässer ist natürlich von tausend Gefahren bedroht. Jeder Hund wäre imstande, die ganze kleine Gesellschaft abzuwürgen. Zum Glück ist der Tiergarten ziemlich raubtierleer, doch gibt es immerhin noch Feinde in genügender Anzahl.

Sind die Entlein erst auf dem Wasser, so ist die schwerste Gefahr beseitigt. Denn bekanntlich können junge Entlein sofort ausgezeichnet schwimmen. Ja, sie können noch mehr, wie ich einmal beobachtete. Da war auf einem See ein Schwanenpaar, dem eine Wildente mit ihren Jungen sehr verhaßt war. Der männliche Schwan hatte schon mehrfach den kleinen Kerlen etwas auszuwischen gesucht, jedoch bisher stets vergeblich. Endlich war es ihm geglückt, sie beinahe in eine Bucht hineinzutreiben. Es war klar, daß er Böses im Schilde führte. Ich hielt die kleinen Entlein schon für verloren, da erhoben sie sich plötzlich wie auf Kommando und liefen äußerst schnell auf dem Wasser dahin. Dadurch entgingen sie der Einschließung durch den Schwan.

Uebrigens glaube ich, daß im letzten Augenblick die Mutterente den Schwan angegriffen hätte. Zwar ist es ein aussichtsloses Unternehmen, als kleine Wildente dem großen Schwan etwas anzutun. Aber sie hätte ihn immerhin bestürzt machen können, und die Kleinen hätten unterdessen einen Ausweg gefunden.

So unbeschreiblich rührend die Mutterliebe einer Wildente ist, so will es uns weniger gefallen, daß sie ihre eigenen Kleinen tötet, sobald sie sich in ein fremdes Schof, wie man Mutterente mit Jungen nennt, verirren. Das ist verschiedentlich beobachtet worden. Wir wissen nicht, woran sich die jungen Entlein erkennen. Wohl aber ist es bekannt, daß junge Entlein vom zweiten Tage ab ihre Geschwister von anderen jungen Entchen unterscheiden.

Ebenso töten die Mutterenten gern die Jungen einer anderen Ente oder verfolgen sie wenigstens aufs heftigste. Bei Glucken, die Küchlein bei sich führen, können wir das gleiche oft genug beobachten.

Der Grund für dieses uns seltsam anmutende Benehmen kann natürlich nur in der Magenfrage gefunden werden. Ein bestimmter Raum gibt nur für eine bestimmte Anzahl von einer gewissen Tierart Nahrung. Fremde Wettbewerber müssen demnach vertrieben oder getötet werden. Der Angriff auf die fremden Jungen ist demnach in gewissem Sinne ein Ausfluß der alles beherrschenden Mutterliebe. Die eigenen Kleinen sollen nicht darunter leiden, daß ihnen fremde die Nahrung beeinträchtigen.

170. Die Feinde der Ente.

Wir sehen, daß die eigene Verwandtschaft zu den schlimmsten Feinden bei der Ente gehört. Sehr viele Opfer kann auch das Wetter fordern. Wenn die jungen Entchen im Frühjahr ausgebrütet worden sind, dann kommen oft genug kalte Tage. In der Kälte aber gibt es keine Insekten, nach denen sie mit Vorliebe haschen. Ueberhaupt ist an kalten Tagen das Wasser nahrungsärmer.

Unter natürlichen Verhältnissen machen zahlreiche Raubtiere auf die armen Enten Jagd. Der Seeadler lebt vielfach von Enten, ebenso lieben Habicht und Wanderfalk einen Entenbraten. Gern stellt ihnen auch der Fuchs nach, ebenso auch andere Raubtiere. Ihre Eier werden von den Krähen ausgetrunken. Trifft ein Storch oder ein Reiher mit einer Mutterente zusammen, die ihre Jungen führt, so läßt er alle in seinem Magen verschwinden, falls sie ihm nicht entwischen.

Im Tiergarten kommen von allen diesen Feinden gewöhnlich nur die Wanderratte, die der Berliner Wasserratte nennt, in Betracht. Diese ersäuft die Jungen, indem sie die Entlein von unten packt und in die Tiefe zieht.

Die arme Mutterente muß also Tag und Nacht auf ihrer Hut sein. Während beim Schwan und der Wildgans das Männchen ein besorgter Vater ist, kümmert sich der Enterich gar nicht um seine Nachkommenschaft. Er trifft sich mit den andern Wilderpeln zusammen und scheint sich prächtig mit ihnen zu vergnügen.

Nach unsern Begriffen ist er ein ganz gewissenloser Kerl. Es muß immer wieder hervorgehoben werden, daß man menschliche Vorstellungen nicht ohne weiteres auf tierische Verhältnisse übertragen darf.

Um die Wildenten vor ihrer Ausrottung zu bewahren, ist nur erforderlich, daß jede Entenmutter ein bis zwei Junge großzieht. Das gelingt ihr regelmäßig ohne den Beistand des Erpels. Da die Natur überall mit dem geringsten Kraftaufwand tätig ist, so bleibt der Erpel bei der Aufzucht außer Betracht.

171. Warum nennt man eine falsche Zeitungsmeldung eine Zeitungsente?