Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten

Part 25

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Da die Hühner Waldbewohner sind, so ist ihnen pralle Sonnenhitze lästig. Umgekehrt stammen sie aus einem Sonnenlande und vermissen die Sonne sehr. Ich konnte das in einem Hause, in dem ich vor vielen Jahren wohnte, recht deutlich beobachten. Der Wirt hielt Hühner auf dem Hofe. Da das Gebäude vierstöckig war, so war nur von Mitte Mai bis Mitte Juli in den Mittagsstunden Sonnenschein auf dem Hofe. Während dieser Stunden ließen die Hühner alles im Stich, selbst das Futter, und lagen aufgeplustert im Sonnenschein und genossen in vollen Zügen die Wärme der Sonnenstrahlen. Hier kam so recht der Sonnenhunger unserer Hühner zum Vorschein.

150. Wie kriecht das Küchlein aus dem Ei?

Es ist gewissermaßen ein Wunder, wenn aus dem Ei, das wohl die Möglichkeit zu einem Leben bietet, aber doch leblos ist, plötzlich allein durch die anhaltende Wärme ein lebendiges Geschöpf kriecht. Durch die Freundlichkeit unseres alten Bekannten, des bei den Ziegen erwähnten Onkels Althaus, können wir das bei ihm in Ruhe beobachten.

Onkel Althaus hält Wyandottes, weil er diese Rasse wegen ihrer Legetätigkeit und als Fleischhühner schätzt. Natürlich kann man keinen schönen Garten haben, wenn man seinen Hühnern zu ihrer Gesundheit Auslauf wünscht. So ist der Garten verschwunden, aber die Hühner befinden sich wohl bei ihrer täglichen Bewegung und legen fleißig Eier.

Zwei Glucken sitzen auf Eiern, die täglich ausfallen können. Die Glucken sträuben ihr Gefieder und stoßen einen krächzenden Laut aus, als Onkel Althaus die Eier untersuchen will. Erst ein Ei ist bei jeder Glucke angepickt. Es ist das ein Zeichen, daß das Küchlein mit seinem Eizahn das Gefängnis verlassen will.

Wir müssen am andern Tage wiederkommen. In der Zwischenzeit sind bei jeder Henne ein paar Küchlein ausgekrochen. Sie sind zum Trockenwerden in die sogenannte Küchleinwiege gebracht worden, wo es schön warm ist. Um uns nicht nochmals einen vergeblichen Weg machen zu lassen, zeigt uns Onkel Althaus an mehreren Eiern, wie man das Auskriechen beschleunigen kann. Als erfahrener Geflügelzüchter kann er sich solche Künsteleien erlauben, aber er rät jedem Neuling ganz entschieden davon ab. Denn wenn sich auch nur ein Blutstropfen bei der beschleunigten Geburt zeigt, so ist das Küchlein verloren.

Onkel Althaus wählt natürlich solche Eier, bei denen das Küchlein bereits fast einen Ring um das Ei gepickt hat. Ganz vorsichtig wird nach und nach erst die Schale und dann die dünne Haut entfernt. Man sieht, welche Anstrengungen dem kleinen Geschöpf die Befreiung aus dem engen Kerker verursacht. Nach jeder größeren Anstrengung braucht es Ruhe. Es liegt dann wie leblos, namentlich nachdem es endlich befreit ist. Zunächst gleicht es einem mit nassen Federn belegten Stück Fleisch. Wir staunen, daß ein solcher Körper überhaupt Platz in dem kleinen Ei hatte. Die Zerstörung seiner Hülle verdankt das Küchlein seinem Eizahn. Man muß sehr genau hinsehen, um ihn zu entdecken. Er hat noch nicht einmal die Größe eines Stecknadelknopfes und befindet sich oben auf dem Schnabel.

Der nasse kleine Klumpen, der seinen Kopf in die richtige Lage gebracht hat, erholt sich allmählich und wird zu den übrigen in die Küchleinwiege gebracht.

Bei der Verabschiedung können wir noch etwas von der Kehrseite der Geflügelzucht kennen lernen. Ein Küchlein ist während des Tages verunglückt. Ein anderes sieht ganz wie ein Todeskandidat aus. Es steht abseits und sieht sehr betrippt aus. Das ist ein schlechtes Zeichen für ein Küchlein, namentlich wenn es dabei die Flügel hängen läßt.

Onkel Althaus will noch einen Rettungsversuch machen und schiebt das Küchlein einer Glucke unter. Vielleicht rettet ihm die Wärme das Leben.

151. Warum brauchen die Hühner sandigen Boden?

Es wäre verfehlt, Hühnerzucht auf moorigem Boden zu errichten. Ebenso ist ein Untergrund von Ton sehr nachteilig, da er den Abfluß des Unrates verhindert. Fester Lehmboden hindert am Scharren, was die Hühner unbedingt brauchen.

Sandiger Boden ist deshalb für die Hühner notwendig, weil sie ihn zu ihrer Lebensweise brauchen. Erstens können sie scharren, zweitens können sie sich paddeln, d. h. durch Sandbäder sich vom Ungeziefer befreien, und drittens finden sie Sandkörner für ihren Magen. Sehr viele Vögel brauchen als Ersatz für die fehlenden Zähne Sandkörner oder kleine Steine zum Zerreiben des im Magen befindlichen Futters.

152. Die Rassen des Huhns.

Unser Haushuhn stammt, wie schon erwähnt wurde, aus Ostindien. Einzelne Rassen sind bereits in vorgeschichtlicher Zeit nach Westasien und Europa gelangt.

Die deutschen Hühnerrassen sind teils aus den alten deutschen Landhühnern, teils durch Kreuzungen mit anderen Rassen entstanden. Jede Rasse hatte ihr Heimatsgebiet in einem bestimmten Teile unseres Vaterlandes. Hier seien erwähnt: die Westfälischen Totleger, die Lakenfelder, die Ostfriesischen Möwen, die Ramelsloher, die Thüringer Bausbäckchen, die Bergischen Kräher usw.

Von ausländischen Rassen haben auf uns die Italiener den größten Einfluß ausgeübt. Sie haben unsere heimischen Rassen fast gänzlich verdrängt. Der Hahn und die Hühner auf dem Kohlenplatz waren ebenfalls Italiener. Sie legen fleißig, brüten aber schlecht. Viel Eier legen und gut brüten ist überhaupt selten vereinigt. Als Fleischhuhn ist der Italiener nicht viel wert. Eine andere sehr stattliche Rasse des Mittelländischen Meeres sind die Spanier.

Frankreich liefert vortreffliche Masthühner, beispielsweise die Le Mans, England ebenso in den Dorkings. Berühmt sind auch die englischen Hamburger, die ursprünglich deutsche Hühner waren, und sich durch fleißiges Legen auszeichnen. Es seien noch erwähnt die englischen Orpington, die amerikanischen Plymouth Rocks und die schon genannten Wyandottes, die Mechelner Kuckuckhühner, die in Belgien gezüchtet werden, und die Siebenbürger Nackthälse.

Wahre Riesen der Hühnerwelt sind die Kotschinchina und die Brahmaputra. Umgekehrt sind die Zwerghühner, wie schon ihr Name sagt, sehr klein, z. B. die Silber- und Goldbantam. Eine besondere Stellung unter den Hühnerrassen nehmen die Haubenhühner ein, z. B. die Holländer, Paduaner, Houdans usw.

Das Huhn ist bereits nach einigen Monaten ausgewachsen. Die Brutzeit dauert gewöhnlich 21 Tage, bei kaltem Wetter etwas länger. Einer großen Henne kann man 15 Eier unterlegen, einer kleineren etwa ein Dutzend. Auf einen Hahn rechnet man 10 bis 15 Hennen.

Es wurde bereits erwähnt, daß Krankheiten und Seuchen namentlich dann sehr gefährlich auftreten, wenn ein großer Hühnerbestand vorhanden ist.

153. Das Huhn in Redensarten und Sprichwörtern.

Bereits erklärt wurden: Eine blinde Henne findet auch ein Korn, mit den Hühnern zu Bett gehen, Frau Kratzefuß, Kratzfüße machen, den Schnabel halten und die Bezeichnung Hühnerkieke.

*Jeder Hahn ist König auf seinem Miste.*

Das will sagen, daß der Hahn auf seinem Hofe keinen Nebenbuhler duldet. Sonst kommt es sofort zu einem Kampfe, woher die Bezeichnung

*Kampfhahn*

rührt.

*Den roten Hahn aufs Dach setzen*

soll heißen, ein Gebäude anzünden. Man erklärt die Redensart mit dem Zusammenhang des Hahnes mit den Feuergottheiten.

*Hahn im Korbe sein*

heißt der bevorzugteste sein. Unter dem jungen Hühnervolke, das im Hühnerkorbe bewahrt wird, gilt der Hahn als das geschätzteste Stück.

Mit *Hahnenfüßen* geschrieben

nennen wir eine schlechte Schrift, deren Buchstaben nicht von einer menschlichen Hand, sondern von den Tritten eines Hahns herzurühren scheinen.

*Hahnentritt*

ist der steife, ernste Schritt des Hahns und dient zur Bezeichnung eines geckenhaften Trittes.

Bei Pferden nennt man so eine Erkrankung des Sprunggelenkes, wobei sie einen Fuß vor dem Hinsetzen ungewöhnlich hoch heben.

*Wo die Henne nicht scharrt wie der Hahn, Kann der Haushalt nicht bestahn.*

Das soll heißen, daß die Frau auch im Haushalt tätig sein soll.

*Das Huhn legt gern ins Nest, worin schon Eier sind.*

Das ist eine sehr richtige Beobachtung.

*Es fliegt einem kein gebraten Huhn ins Maul.*

Das will sagen, daß das Glück nicht mühelos kommt.

*Hühnerauge*

ist eine schmerzende Hornhaut am Fuße, die wegen einer entfernten Aehnlichkeit mit einem Vogelauge, nämlich des dunkeln Punktes in der Mitte, so genannt wird. Andere Bezeichnungen sind Elsternauge, Gerstenauge usw.

Das Truthuhn

154. Das Hochzeitskleid des männlichen Truthuhns.

Der große Mangel an Körnerfutter bringt es mit sich, daß man in unseren Zeiten Ziergeflügel wie Pfauen, Perlhühner und Fasanen jetzt kaum noch auf einem größeren Hofe erblickt. Selbst Truthühner oder Puten, die doch mehr zu dem Nutzgeflügel als zu dem Ziergeflügel gehören, sind in den mir bekannten Kreisen gänzlich abgeschafft worden. Es ist ein großes Glück für uns, daß wir auch in diesem Falle unsern berühmten Zoologischen Garten als Helfer in der Not benützen können. Hier sehen wir ganz dicht vereinigt Pfauen, Perlhühner und Fasanen. Nur wenige Schritte davon entfernt befinden sich Puter und Puten.

Wir haben das Glück, das Männchen noch im Schmuck seines Hochzeitskleides zu sehen. Es ist Mai, und noch hat der Truthahn die merkwürdigen Anschwellungen an Kopf und Hals. Ebenso schlägt er selbstbewußt sein Rad. Die Weibchen oder Hennen sehen dagegen nicht nur kleiner, sondern auch unscheinbarer aus.

Wir müssen annehmen, daß den Weibchen der Hochzeitsschmuck der Männchen gefällt. Man muß ohne Frage sehr vorsichtig damit sein, menschliche Regungen ohne weiteres auf die Tiere zu übertragen. Aber das Hochzeitskleid der Männchen, das von ihnen mit einer unverkennbaren Absicht während der Liebeszeit zur Schau getragen wird, das aber später wieder verschwindet, dürfte doch einen gewissen Zweck haben. Sonst triebe die Natur in zahllosen Fällen eine Verschwendung, während wir sie sonst als sehr sparsame Wirtschafterin kennen lernen.

Gerade das Ausbreiten des Hochzeitsgefieders vor den Weibchen wäre vollkommen sinnlos, wenn es nicht eine Wirkung auf sie ausüben sollte. Deshalb muß man sehr vorsichtig sein gegenüber den Behauptungen, daß manche Farben des Hochzeitsschmucks wegen Farbenblindheit nicht wahrgenommen werden könnten.

155. Worauf ist die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe zurückzuführen? -- Die Herkunft der Truthühner.

Die Tiere im Zoologischen Garten sollen eigentlich nicht gereizt werden. Aber wenn es sich um Lehrzwecke handelt, ist man nicht verpflichtet, verbietend einzugreifen. Ein kleines Mädchen ist mit einem ziemlich großen Spiegel zu dem Truthahn gegangen und hält ihm den Spiegel vor. Seine Erregung steigert sich gewaltig, und er kollert, daß es nur so eine Art hat. Erst als das Mädchen sich mit dem Spiegel entfernt, läßt seine Wut allmählich nach.

Zwei Gründe können diese Erregung verursacht haben. Entweder sah er in dem Spiegel einen andern Truthahn und wollte ihn bekämpfen; denn gerade unter den Truthähnen finden heftige Kämpfe auf Tod und Leben statt. Näheres werden wir über diesen Punkt bei dem Kanarienvogel und seinem Spiegelbild sprechen. Oder der Truthahn sah die rote Farbe, die ihn, wie bekannt ist, in Raserei versetzen kann.

Schon bei der Abneigung des Stieres gegen die rote Farbe ist darauf hingewiesen worden, daß es sich wahrscheinlich um eine vererbte Erinnerung aus früheren Zeiten handelt. Ein rötliches Tier -- wahrscheinlich der Tiger -- war der Hauptfeind der Wildrinder. Vom Truthahn wissen wir nach den übereinstimmenden Angaben der Naturforscher mit Bestimmtheit, daß der Luchs mit seinem rötlichen Felle sein schlimmster Feind ist. Hierzu paßt vortrefflich folgende Beobachtung einer ausgezeichneten Vogelkennerin. Sie hält sich ein Braunkehlchen und erzählt von ihm, daß seine Abneigung gegen alles Rote ganz auffallend war. Wenn man weiß, daß das Braunkehlchen sein Nest auf sumpfigem Boden hat, so ist es klar, daß unser Wiesel mit seinem rötlichen Fell sein ärgster Feind sein muß.

Es kann auch sein, daß unser Truthahn aus beiden Gründen wütend wird. Einmal, weil er einen Gegner und sodann, weil er etwas Rotes erblickt. Denn seine eigene rote Färbung am Kopf und Hals kann er nicht sehen. --

Die Truthühner stammen aus Nordamerika, wo sie die Mexikaner bereits zähmten. Sie kamen nach Europa, wo sich besonders die Spanier und Italiener um ihre Zucht bemühten. Deshalb spricht man auch vom welschen Huhn.

Die Truthenne legt 12 bis 24 Eier. Sie ist als ausgezeichnete Brüterin bekannt, weshalb man ihr die Eier von anderm Hausgeflügel unterlegt. Ihre Brütlust ist so groß, daß man sich um ihre Ernährung bekümmern muß. Denn manche versäumen das Fressen und verhungern infolgedessen. Die jungen Truthühner sind äußerst empfindlich gegen Nässe und Hitze.

Der Pfau. Das Perlhuhn. Der Fasan

156. Warum schreit der Pfau so häßlich?

Im Zoologischen Garten sehen wir den Wildpfau, den Hauspfau, eine ganz weiße und eine gescheckte Rasse.

Der Anblick des Pfauen, namentlich wenn er sein Rad schlägt, wie es jetzt vor unsern Augen geschieht, ist entzückend. Dieses kostbare Blau, dieser herrlich schimmernde Schweif mit den großen Augen darin und das Krönlein auf dem zierlichen Kopf müssen selbst den, der aus Gewohnheit widerspricht, zu dem Geständnis veranlassen, daß wir ein schönes Tier vor uns haben. Nur sein Schrei ist geradezu widerwärtig. Schöne und eitle Frauen, die eine unangenehme Stimme besitzen, hat man deshalb mit Vorliebe als Pfauen bezeichnet.

Wir werden später beim Kanarienvogel sehen, daß eine schöne Stimme regelmäßig nur kleinen Vögeln zukommt. Große Vögel, wie Pfauen, sind keine Sänger. Ausnahmen wie der Singschwan können die Regel nur bestätigen.

Die Füße des Pfauen sind nur nach menschlichen Begriffen häßlich. Für einen Baumvogel sind sie sehr zweckmäßig und daher nicht unschön.

Der Pfau ist in Südasien heimisch. Er ist namentlich oft in Gegenden anzutreffen, wo auch der Tiger weilt.

Auch das Perlhuhn ist vielen Menschen lästig, weil es seine wenig schöne Stimme so oft erschallen läßt. Im Zoologischen Garten sehen wir außer dem gewöhnlichen silbergrauen Perlhuhn noch eine weiße Art.

Die Perlhühner stammen aus dem heißen Afrika, weshalb sie Wärme lieben. Ihre Eier legen sie gern in Gebüschen ab, was man heute bei den zahmen ebenfalls beobachten kann.

157. Vergißt der Fasan das Fliegen?

Fasanen sehen wir im Zoologischen Garten in den verschiedensten Arten, so namentlich den herrlichen Goldfasan, den sehr schönen Silberfasan usw.

Der Fasan kommt eigentlich mehr als Jagdvogel in Betracht. Vor dem Kriege gab es Fasanerien, wo Tausende von Fasanen großgezogen wurden.

Als besondere Dummheit wurde dem Fasan in Jägerkreisen angerechnet, daß er beim Erscheinen eines Hundes das Fliegen vergißt. Ich glaube nicht recht daran, daß es aus Dummheit geschieht. Alle diese schwerbeinigen Vögel sind vortreffliche Läufer, aber sehr schlechte Flieger. Viele, wie Trappen und Truthühner, müssen überhaupt erst einen Anlauf nehmen, um in die Luft zu kommen. Ein im Jagdrevier gut gefütterter Fasan weiß wahrscheinlich, daß seine Anstalten, um zu fliegen, so umständlich und zeitraubend sind, daß ihn der Hund sicher inzwischen gepackt hat. Dagegen hat er beim Rennen immer noch die Aussicht, in ein Dickicht zu geraten, wohin ihm der Hund nicht folgen kann.

Der Fasan stammt aus Westasien, nämlich von den Küstenländern des Kaspischen Meeres. Er soll schon im Altertum nach Griechenland gebracht worden sein. Heute ist er in manchen Gegenden, z. B. in Böhmen, verwildert.

Wie alle Hühnervögel ist der Fasan sehr fruchtbar. Die Fasanenhenne legt etwa 8 bis 15 Eier, die sie in etwa 24 Tagen ausbrütet.

158. Der Pfau in Redensarten und Sprichwörtern.

Die Bezeichnung einer schönen und eitlen Frau als Pfau ist schon erwähnt worden.

*Pfau, schau deine Beine!*

Das soll heißen, jemanden, der mit seinen Vorzügen prahlt, auf seine Schwächen aufmerksam machen.

Als Gegenstück zu dem schönen Pfau gilt die unscheinbare Krähe. Daher der Vergleich:

*Wie Krähen neben dem schönen Pfau.*

Die Krähen sollen daher besonders neidisch auf den Pfau sein, wie sich auch eine Krähe mit den ausgefallenen Federn eines Pfauen geschmückt haben soll. Daher der Vers:

*Es meint jede Krau* (Krähe) *Ihr Kind sei ein Pfau.*

Vom Truthahn oder Puter wäre noch anzuführen: Als Bezeichnung für ein dummes Mädchen:

*Diese Pute = dumme Gans.*

Ferner als Bezeichnung eines zornigen Menschen:

*rot wie ein Puter; wie ein kollernder Puter*.

Die Taube

159. Die Kommandosprache der Tauben.

Da sich auf dem Kohlenplatze außer Hühnern auch Tauben befinden, so begeben wir uns wieder dorthin. Während die Hühner am Boden nach Futter suchen, haben sich die Tauben mit lautem Geklatsch erhoben und sind in den Lüften bald unsern Augen entschwunden. Bei ihrer Rückkehr führen sie verschiedene Schwenkungen aus und lassen sich schließlich wieder auf ihrem Dache nieder.

Früher, als wir von der Schwierigkeit des Fliegens keine Ahnung hatten, konnten wir solche Flüge der Taubenschwärme für ganz selbstverständlich halten. Wir sahen sie eben alltäglich und regten uns weiter nicht darüber auf.

Heute, wo zahllose Flieger verunglückt sind, weil sie in der Luft mit einem andern Flieger zusammengestoßen sind, muß der Schwarmflug der Vögel auf uns den tiefsten Eindruck machen. Woher kommt es, daß die Vögel trotz größter Nähe niemals miteinander zusammenprallen?

Selbst so schlechte Flieger wie die Rebhühner fliegen in einer ziemlichen Anzahl. Der Jäger spricht von einer »Kette« oder einem »Volk« Rebhühner.

Noch auffallender ist das Schwarmfliegen bei den Staren. Auch der Star ist kein berühmter Flieger, und doch bildet er im Spätsommer, wenn die zweite Brut flügge geworden ist, bei seinen Flügen ordentlich eine lebendige Kugel. Diese Kugel aus Vogelleibern dreht sich nach einer bestimmten Richtung, wobei alle fliegenden Vögel mit größter Genauigkeit ihren Platz einnehmen, und keiner durch Tolpatschigkeit eine heillose Verwirrung anrichtet.

Ich habe oft erfahrene Tierbeobachter gefragt, ob sie jemals den Zusammenprall zweier Vögel eines Schwarmes in der Luft wahrgenommen haben. Niemand wußte etwas davon. Auch die Jagdzeitungen habe ich daraufhin seit vielen Jahren durchgesehen. Der einzige Fall, der mir vor Augen gekommen ist, ist folgender: Ein Landwirt erzählte, daß er bei einer Hühnerjagd den Zusammenstoß zweier Rebhühner beobachtet habe. Die Erklärung liegt darin, daß das eine der beiden Hühner durch Schrote verletzt war. Trotzdem hat er, der Erzähler, in seiner dreißigjährigen Jägerzeit einen ähnlichen Fall noch niemals erlebt und deshalb berichtete er ihn an die Jagdzeitung.

Darüber sind sich also wohl alle Tierkenner einig, daß Zusammenstöße unter Vogelschwärmen zu den allergrößten Seltenheiten gehören.

Wie vermeiden die Vögel diese Gefahr, die soviel Fliegerleben in unsern Reihen kostet?

Jedenfalls werden sie außerordentlich durch die Stellung ihrer Augen unterstützt. Alle Vögel, die in Schwärmen fliegen, haben die Augen seitlich zu sitzen. Wir sehen, daß es ganz verkehrt wäre, wenn die Tauben ihre Augen, wie der Mensch, nach vorn gerichtet hätten. Sie können bei seitlicher Stellung der Augen den Abstand vom Nachbarn viel leichter innehalten.

Wahrscheinlich sind auch die Augen der Vögel im Innern so gebaut, daß sie das Schwarmfliegen ohne große Anstrengung ausführen können. Wenigstens befindet sich im Auge mancher Vögel ein Organ, über dessen Bedeutung man sich noch nicht klar ist.

Müssen wir uns heute über die Kunst der Vögel, in Schwärmen zu fliegen, außerordentlich wundern, so kommt noch hinzu, daß wir gar nicht wissen, auf Grund welches Kommandos eigentlich die Schwenkungen ausgeführt werden. Würden wir unseren Kommandoworten ähnliche Laute bei den Tauben hören, so verständen wir wenigstens, weshalb der Schwarm bald so, bald so fliegt. Bei der Entfernung und dem Geklatsche der Flügel können wir nicht das mindeste vernehmen. Bei Starenschwärmen bin ich, da mich die Sache außerordentlich interessierte, in die möglichste Nähe gegangen, habe aber außer dem Surren der Flügel nichts hören können. Immer wieder fragt man sich: Wer gibt denn eigentlich das Kommando zu einer Schwenkung?

Bei Taubenschwärmen kann man übrigens nicht selten beobachten, daß eine Taube den Anschluß versäumt hat, indem sie eine Schwenkung aus Versehen nicht mitgemacht hat. Sie eilt dann in stürmischem Fluge ihren Genossen nach. Zu dieser Eile hat sie auch einen ganz besonderen Grund, denn gerade auf vereinzelte Tauben machen die Raubvögel mit Vorliebe Jagd. Wir kommen darauf im nächsten Kapitel zu sprechen.

Jedenfalls können wir mit eigenen Augen sehen, daß Tauben Schwenkungen gemeinsam ausführen. Wie sie das machen, ist uns vorläufig ein Rätsel. Ich vermute, daß, wie es bei den Säugetieren einen Leitaffen, einen Leithammel und andere Leittiere gibt, so auch bei den Vogelschwärmen ein Leitflieger vorhanden ist, nach dem sich alle anderen richten.

Jedenfalls trifft auch hier die Ansicht nicht zu, daß die Tiere deshalb keine Sprache haben, weil sie sich nichts zu sagen haben. Bei Schwarmflügen hätten sie es vielmehr sehr nötig, sich die bevorstehende Schwenkung mitzuteilen.

160. Wie retten sich die Tauben vor den Raubvögeln.

In der Großstadt haben wir nur dann eine gewisse Aussicht, die Jagd eines sogenannten Stößers auf Tauben zu beobachten, wenn sich der Himmel im Winter nach dunklen Tagen erhellt. Während des Nebels geht nämlich der Wanderfalk, wie der eigentliche Name des Stößers ist, nicht auf die Jagd. Der Grund ist wahrscheinlich der, daß er bei Nebel nicht sehen kann, auch keine Tauben findet. Nach einigen Tagen mit bedecktem Himmel hat also der Falk gewaltigen Hunger. Da der Taubenbesitzer seine Tauben fliegen läßt, sobald der Himmel klar ist, so kann man also unter solchen Umständen auf den Anblick einer Taubenjagd rechnen.

Ein Naturforscher, der in Berlin wohnte, hat sehr schön die Taubenjagd des Stößers in Berlin geschildert:

Ein Weibchen des Wanderfalken pflegte am Morgen ruhig und zusammengekauert auf einem Ziegelvorsprunge des Daches der Garnisonkirche zu sitzen. Taubenflüge erfüllen die Luft; der Falk wird erregt und verfolgt mit den Augen die Tauben. Dies währt etwa fünf Minuten, und nun erhebt er sich. Noch gewahren ihn die Tauben nicht; doch er rückt ihnen in wenigen Sekunden so nahe, daß nun plötzlich ihr leichter, ungezwungener Flug sich in ein wirres, ungestümes Fliegen und Steigen verwandelt. Aber unglaublich schnell hat er sie eingeholt und etwa um zehn Meter überstiegen. Nun entfaltet er seine ganze Gewandtheit und Schnelligkeit. In sausendem, schrägem Sturze fällt er auf eine der äußersten hinunter und richtet diesen jähen Angriff so genau, daß er allen verzweifelten Flugwendungen des schnellen Opfers folgt. Aber in dem Augenblicke, als er die Taube ergreifen will, ist sie unter ihm entwischt. Mit der durch den Sturz erlangten Geschwindigkeit steigt er sofort ohne Flügelschlag wieder empor, rüttelt schnell, und ehe zehn Sekunden verflossen sind, ist die Taube von ihm wiederum eingeholt und in derselben Höhe überstiegen, der Angriff in sausendem Sturze mit angezogenen Flügeln erneuert, und die Beute zuckt blutend in den Fängen des Räubers. In wagerechter Richtung fliegt er nun mit ihr ab und verschwindet bald aus dem Gesichtsfelde. Von den übrigen Tauben sieht man noch einzelne in fast Wolkenhöhe wirr umherfliegen, wogegen sich die anderen jäh herabgeworfen und unter dem Schutze ihrer Behausung Sicherheit gefunden haben.