Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten
Part 24
Da der Hahn in Vielehe lebt, und jedes Weibchen etwa ein Dutzend Kleine führt, so könnte der Hahn höchstens bei einem Dutzend einer bestimmten Henne Vaterpflichten erfüllen. Jedenfalls wäre es ihm ganz unmöglich, es bei allen Nachkommen zu tun. So erklärt sich die Gleichgültigkeit gegen seine Nachkommenschaft in einfacher Weise.
Uebrigens ist diese Gleichgültigkeit nur scheinbar. Sobald ein Feind naht, der die Kleinen gefährdet, etwa ein Raubvogel, so tritt der Hahn zu ihrem Schutze ein. Ebenso übernimmt er häufig die Sorge für die Kleinen dann, wenn die Henne plötzlich verunglückt.
Wenn wir auf die Lautäußerungen der Hühner sorgfältig achten, so werden wir finden, daß eine ziemliche Anzahl verschiedener Laute bei ihnen verwendet wird. Sehen wir vom Krähen und Gackern, sowie dem Lockruf ab, so ist ein Warnruf auffallend, namentlich wenn der Hahn einen Raubvogel zu Gesicht bekommt. Bei den Papageien werden wir noch näher darauf zu sprechen kommen. Die Erklärung, daß die Tiere keine Sprache haben, weil sie sich nichts zu sagen haben, kann uns nicht gefallen. Kann der Hahn seinen Damen etwas wichtigeres mitteilen, als wenn er ruft: Kommet her, hier ist ein guter Bissen.
143. Wie unterscheiden sich Hühner und Tauben?
Auf dem Dache des Hauses sitzen ein Dutzend Tauben. Wir können so recht den Unterschied zwischen ihnen und den Hühnern ins Auge fassen.
Zunächst fragen wir: Warum sitzen die Hühner, die doch ebenfalls Vögel sind, nicht wie die Tauben auf dem Dache? Ja, warum? Weil alle Hühnervögel schlechte Flieger sind. Vögel können zwar fliegen, aber manche sehr gut, manche nur sehr schlecht. Es ist genau so wie bei dem Laufen. Es gibt Windhunde, die sehr schnell laufen, und Dachse, die sehr langsam sind.
Die Hühner gehören zu den schlechten Fliegern. Ja, der Strauß, der größte von den Hühnervögeln, kann gar nicht fliegen.
Bei der Jagd auf Rebhühner kann man erleben, daß die Hühner bei starkem Winde nicht auffliegen wollen. Sind sie ein paarmal geflogen, so haben sie genug davon und wollen nicht mehr.
Als Ersatz für die schwache Fliegekunst sind die Hühner vorzüglich auf den Beinen. Das Huhn ist der richtige Beinvogel. Es rennt vorzüglich. Hat man einen Fasanen geschossen und nur flugunfähig gemacht, so hat man ihn noch lange nicht. Er rennt davon mit einer Schnelligkeit, daß man ihn ohne Hund nicht bekommt. Dagegen kann eine wilde Taube, die man in gleicher Weise verwundet, nicht von der Stelle fort.
Wirklich hervorragende Flieger haben kleine Füße. Der Mauersegler, der vom 1. Mai bis zum 1. August die Höhen von Berlin durcheilt, ist wohl unser bester Flieger. Er tummelt sich den ganzen Tag in der Luft. Seine Füßchen sind so klein, daß sie nur zum Ankrallen dienen. In der Tierkunde führt er den Namen »der Fußlose«, was natürlich übertrieben ist.
Je kleiner die Füße, desto weniger Gepäck hat der fliegende Vogel zu tragen. So kann man schon an den Beinen ungefähr erkennen, was für einen Flieger man vor sich hat.
Tauben gehören zu den guten Fliegern. Mit den Mauerseglern können sie sich natürlich nicht messen. Entsprechend ihrem guten Fluge haben sie kleine Füßchen, mit denen sie nicht rennen, sondern eigentlich nur trippeln können. Bei drohender Gefahr läuft daher das Huhn fort, während die Taube fortfliegt. Das Huhn hat das bißchen Fliegerkunst, die es als wildes Tier noch besaß, als Haustier fast völlig eingebüßt. Ueber einen mannshohen Zaun zu fliegen, kostet ihm schon Anstrengung.
Für uns Menschen ist es natürlich ganz angenehm, daß das Huhn kaum fliegen kann. Es erleichtert uns die Ueberwachung.
Die Verluste, die wir bei Tauben haben, daß sie in fremde Schläge verlockt werden, oder sonst bei ihren Flügen verloren gehen, kommen bei den Hühnern nicht in solchem Maße vor.
Die kräftigen Beine der Hühner sind zum Scharren wie geschaffen und werden fleißig dazu benutzt. Nicht mit Unrecht spricht Goethe von Frau Kratzefuß. Sonst sagt man, der Hahn macht Kratzfüße. Wenn er sich vor seinen Damen verbeugt, macht er nämlich Kratzfüße, indem er die Beine bewegt, als wenn er scharren wollte.
Die schwachen Beine der Tauben wären natürlich zum Scharren ganz ungeeignet.
Während die Küchlein, wie wir sehen, unter fortwährendem Gepiepe der Mutter folgen, brauchen junge Tauben längere Zeit, ehe sie auf den Beinen stehen. Hühner sind eben Nestflüchter, Tauben sind Nesthocker.
Denselben Unterschied hatten wir bereits bei den Säugetieren. Die Raubtiere, ebenso das Kaninchen, müssen ihre Jungen längere Zeit säugen, ehe sie sich selbständig mit einiger Geschwindigkeit bewegen können. Die Jungen gleichen also den Nesthockern. Bei Pferden, Rindern, Ziegen usw. sind dagegen die Jungen wie bei den Nestflüchtern nach kurzer Zeit imstande, der Mutter zu folgen.
Ueber den Grund der Verschiedenheit war schon früher gesprochen worden (Kap. 65). Raubtiere können ihre Jungen verteidigen. Das Kaninchen ist mit seinen Jungen leidlich sicher im Bau. Dagegen wären Fohlen, Kälber, Zicklein usw. den Raubtieren ausgeliefert, wenn sie wochenlang brauchten, wie die jungen Hunde und Katzen, um bewegungsfähig zu sein.
Bei den Vögeln liegt die Sache genau so. Diejenigen, die auf Bäumen, Felsen oder in Klüften bauen, sind wie das Kaninchen in seinem Bau vor ihren Feinden leidlich sicher. Deshalb sind ihre Jungen Nesthocker, die längere Zeit brauchen, ehe sie das Nest verlassen können. Anders liegt die Sache bei den Bodenbrütern. Hier ist die Gefahr für die Nachkommenschaft sehr groß. Denn die kletterunfähigen Räuber, also Dachse, Igel, Iltisse, Wildschweine, Füchse, Wölfe könnten das Nest finden und die Jungen fressen, wenn diese Nesthocker wären. Mit den Eiern, die im Neste sind, machen sie es häufig so.
Aus diesem Grunde stehen die Jungen der Hühnervögel, sobald sie das Ei verlassen haben, gleich fertig auf den Beinen.
144. Die Mutterliebe der Glucke.
Eine Glucke mit Küchlein unter den Flügeln ist uns Menschen von jeher als ein echtes Bild treuer Mutterliebe erschienen.
Und diese Mutterliebe ist auch bei den vielen Kleinen und den zahllosen Gefahren sehr notwendig. Die Mutter muß von früh bis spät, und erst recht in der Nacht auf ihre Lieblinge achten. Man merkt an dem fortwährenden Gepiepe der Jungen, daß sie Kinder eines Landes mit üppigem Pflanzenwuchs sind. Auf dem fast kahlen Platze ist das fortwährende Piepen gänzlich überflüssig. Die Mutter sieht ja, wo die Kleinen sind. Die kleinen Entchen auf dem Wasser piepen ja auch nur unter besonderen Umständen. In Indien, im üppigen Dschungelwald, ist das Gepiepe dagegen von größter Wichtigkeit, da sonst die Mutter leicht eines von ihren Dutzend Kleinen verlieren könnte.
Die Mutterliebe wandelt die sonst so furchtsame Henne vollkommen um. Ein Hund, ein Knabe wird ohne weiteres angegriffen, wenn er sich ihren Kleinen zu sehr nähert.
Diese Angriffslust der Glucke gegen Raubtiere und Menschen ist im höchsten Grade merkwürdig. Hier liegt nämlich keine Spur von Vererbung vor. Man sollte meinen, daß das ein von den Stammeltern erprobtes Verfahren sei, wie ja auch das weibliche Reh sein Junges gegen den Fuchs verteidigt. Aber die Mütter der Wildhühner, Wildenten und anderer Friedvögel haben sonst eine ganz andere Rettungsart, und das Bankivahuhn wird davon keine Ausnahme machen. Bei Annäherung eines überlegenen Feindes stoßen die besorgten Mütter einen Warnruf aus, worauf die Jungen verschwinden und regungslos auf dem Erdboden liegen bleiben. Sodann geht sie dem Feinde entgegen und stellt sich lahm. Der Gegner will sich den guten Braten nicht entgehen lassen und verfolgt die anscheinend Gelähmte. Diese führt ihn weit fort und ist plötzlich gesund, indem sie zu ihren Kleinen zurückfliegt.
Jetzt wird uns klar, daß die Hühner, wie alle friedlichen Geschöpfe, ihre Augen zu beiden Seiten haben müssen, um vor der Schnauze eines Raubtieres rennen zu können, ohne gehascht zu werden. Bei der Stellung unserer Augen können wir das nicht nachmachen, da wir nicht nach hinten sehen können.
Diese ursprüngliche Rettungsart ist für das Haushuhn zwecklos. Die Jungen können sich auf der blanken Erde nicht verstecken und haben auch nicht die Schutzfärbung der wilden Küchlein. Sie selbst kann aber den Feind nicht in die weite Ferne weglocken, da sie nicht zurückfliegen kann. Auch kann sie ihre Kleinen nicht so lange Zeit den ihnen gerade im Haushalte des Menschen drohenden Gefahren überlassen.
Ausgerechnet das als dumm verschriene Huhn ist zur Rettung seiner Kleinen auf einen neuen Ausweg verfallen.
Von den Küchlein ist es bekannt, daß sie ohne die Wärme der Mutter bald zugrunde gehen. Die Mutter muß sie also in der Nacht und an kalten Tagen unter ihre Flügel nehmen. Diese Frostigkeit scheint uns Menschen sehr unzweckmäßig zu sein. Vielleicht liegt die Sache aber etwas anders. In Fachblättern wurde mehrmals mitgeteilt, daß erstarrte Küchlein in das Küchenfeuer geworfen werden sollten, weil man mit den toten Tieren nichts anfangen konnte. Kaum lagen sie aber einige Minuten auf dem warmen Herd, so wurden sie alle wieder lebendig. Hiernach scheint es fast so, als soll die Frostigkeit bezwecken, daß das Küchlein bald hinfällt. Dann kann es leicht von der Mutter gefunden und wieder zum Leben aufgewärmt werden. Wäre es nicht frostig, so liefe es unendlich weit in die Irre und könnte nicht mehr gerettet werden.
145. Warum gehen die Hühner so zeitig schlafen? Die sogenannte Hühnerkieke.
Ursprünglich war es unsere Absicht gewesen, bereits am Tage vorher uns die Hühner anzusehen. Aber wir mußten unser Vorhaben aufgeben, da die Hühner bereits den Stall aufgesucht hatten. Da es noch hell war, ist dieses zeitige Aufsuchen der Schlafstätte recht auffallend. Es ist daher verständlich, daß man von einem sehr soliden Menschen sagt: er geht mit den Hühnern zu Bett.
Obwohl die Vögel sämtlich Augentiere sind, sie sich also alle wie der Mensch in erster Linie nach den Augen richten, so müssen doch ihre Augen verschieden gebaut sein. Denn wir kennen Vögel, die hauptsächlich in der Nacht auf Raub ausgehen, z. B. die Eulen. Die Eulen sind nicht am Tage blind, wie der Volksmund sagt, aber es ist eine Seltenheit, wenn sie bei Tageslicht freiwillig eine Tätigkeit ausüben. Umgekehrt werden Hühner, Sperlinge und viele andere Vögel nur notgedrungen etwas in der Dunkelheit tun. Dazwischen stehen Vögel, die sowohl in der Dunkelheit wie bei Tageslicht tätig sind, z. B. unsere Wildenten, der Große Brachvogel, die Nachtigall usw. Die halbzahmen Wildenten des Berliner Tiergartens kann man oft in tiefer Nacht ihre Nahrung im Kanal beim Scheine der Laternen suchen sehen. Die Vorübergehenden behaupten oft, daß hier eine Anpassung vorliegt. Das ist jedoch ein Irrtum. Enten sind von jeher des Nachts auf Nahrungssuche ausgegangen. Jeder Jäger weiß, daß man sich abends an Teichen aufstellt, um die beim Eintritt der Dunkelheit einfallenden Enten zu schießen.
Man darf wohl mit Recht annehmen, daß die Hühner deshalb so zeitig in den Stall gehen, weil sie in der Dunkelheit gar nichts sehen können. Die Landbewohner behaupten vielfach, daß die Hühner bereits in der Abenddämmerung nichts sehen können. Da es Menschen gibt, die infolge von ungenügender Ernährung in der Abenddämmerung nicht sehen können, so sagt der Landbewohner von ihnen: sie haben die Hühnerkieke. Damit will er sagen, daß die sogenannten nachtblinden Menschen genau wie die Hühner in der Abenddämmerung nichts sehen können.
Ferner ist dem Landbewohner bekannt, daß die Hühner leicht an Schneeblindheit erkranken. Sie werden dann gewöhnlich in den Stall gebracht.
Soviel ist wohl sicher, daß das Vogelauge in mancher Hinsicht anders gebaut ist als das Menschenauge. So fängt man in den Balkanländern Vögel mit großen bunten Tüchern, wodurch die Vögel in auffallender Weise angelockt werden.
Ob die Landbewohner recht haben, daß die Hühner bereits gegen Abend, wo es noch hell ist, nicht sehen können, läßt sich nicht beurteilen. Die Frage wird hoffentlich durch Versuche von Gelehrten beantwortet werden.
146. Die Farbenblindheit der Hühner. Die Hypnose des Huhns durch einen Kreidestrich.
Auf andern Gebieten hat man neuerdings das Sehvermögen der Hühner untersucht und gefunden, daß sie farbenblind sind. Sie können grün und rot nicht erkennen.
Mit der Praxis stimmt das Ergebnis schlecht überein. Denn hiernach machte das schmucke Gewand des Hahnes, mit dem er sich so stolz brüstet, auf die Hennen gar keinen Eindruck. Diese können die grünen Federn und den roten Kamm gar nicht schätzen, weil sie diese Farben nicht wahrnehmen.
Da Versuche über das Sehvermögen ungeheuer schwierig sind, so wird das Ergebnis später wohl noch berichtigt werden. Jedenfalls sind folgende Beobachtungen damit schwer in Einklang zu bringen.
Hühner scheuen die Nässe. Das sieht man dann ganz deutlich, wenn eine Glucke junge Enten ausgebrütet hat (vgl. Kap. 173). Trotz ihrer Abneigung gegen Nässe gehen Hühner im Sommer auf die Wiesen, wenn es stark geregnet hat. Die Grashüpfer sind durch den anhaltenden Regen erstarrt und können nicht fortspringen. Die Hühner fressen sie gern und holen sie sich.
Auf einer grünen Wiese grüne Grashüpfer zu erkennen, dazu gehört ein sehr scharfes Auge. Wie das ein für Grün farbenblindes Auge leisten soll, ist nicht recht verständlich.
Man wird überhaupt gegen Versuche und ihre Ergebnisse sehr mißtrauisch, wenn man an frühere Zeiten zurückdenkt.
So lernte ich als Knabe, daß man ein Huhn hypnotisieren, d. h. in einen schlafähnlichen Zustand versetzen kann, wenn man ein Huhn sacht niederdrückt und vor seinen Augen einen geraden Kreidestrich zieht. Selbstverständlich haben wir das auch mit einem unserer Hühner getan und waren überzeugt, daß es hypnotisiert war, als es regungslos sitzen blieb.
Als ich mich später gründlich mit Tieren beschäftigt hatte, wurde mir der ganze Versuch zweifelhaft. Das Sichniederdrücken ist ja die gewöhnliche Rettungsstellung des Huhns. Es ist doch ganz selbstverständlich, daß es in dieser seit Urzeiten üblichen Lage regungslos bleibt.
Besäße man einen zahmen Hasen und legte ihn sorgsam so hin, wie er gewöhnlich in der Sasse sitzt, so würde er natürlich auch regungslos so sitzen bleiben.
Seit Urzeiten weiß das Huhn, der Hase und andere viel verfolgte Friedlinge, daß Regungslosigkeit ihre sicherste Rettung ist. Uns Menschen als Augentieren ist bekannt, daß wir einen sich bewegenden Gegenstand viel eher erkennen als einen ruhenden. Die Augen der Nasentiere können aber, wie wir erörtert haben (Kap. 2), Bewegungen noch besser wahrnehmen als die unsrigen.
Der Kreidestrich ist also ganz überflüssig. Ebenso ist das Vorhandensein der Hypnose sehr unwahrscheinlich.
Man stelle sich folgende Lage eines Jägers vor, wie sie hin und wieder vorkommt. Er hat stundenlang auf dem Anstand gesessen, und es ist kein Wild gekommen. Er sagt sich also, daß das Warten ganz zwecklos ist. Deshalb will er aufstehen und sich seine Pfeife anzünden. Kaum hat er sich etwas erhoben und nach der Tasche gegriffen, da sieht er plötzlich einen Rehbock mit einer auffallend starken Krone vor sich. Als erfahrener Jäger weiß er, daß, wenn er nicht zur Säule erstarrt, der Rehbock für ihn verloren ist. Das Tier nimmt die Bewegung wahr und flüchtet sofort. Deshalb bleibt der Jäger genau wie er ist, in seiner Lage, so wunderbar es aussieht. Könnte ihn ein Beobachter sehen, der nicht wüßte, worum es sich handelt, so würde er den Jäger für geisteskrank oder für hypnotisiert halten. Er steht regungslos da mit halbgestrecktem Knie und hat die Hand auf dem Rücken liegen. Wir wissen jedoch, daß der Jäger weder irrsinnig noch hypnotisiert ist, sondern höchst zweckmäßig handelt.
Packe ich einen Frosch, so wird er glauben, daß es ihm ans Leben ginge. Bringe ich ein Bein von ihm in eine eigentümliche Lage, so wird er es oft so lassen. Und zwar tut er es nicht, weil er hypnotisiert ist, sondern weil er weiß, wie oft er seine Rettung der Regungslosigkeit verdankt. Der Storch kann ihn übersehen, wenn er regungslos bleibt, und die Ringelnatter packt überhaupt nur nach Geschöpfen, die sich bewegen.
Weil die Bedeutung der Regungslosigkeit im Tierleben dem Kulturmenschen ganz unbekannt ist, deshalb nimmt er überall Hypnose an, wo eine ganz natürliche Handlungsweise vorliegt.
Was ist nun von dem durch einen Kreidestrich hypnotisierten Huhn geblieben, das ich in meiner Jugend als neue Weisheit lernte? Erstens ist der Kreidestrich ganz überflüssig. Zweitens ist das regungslose Sitzenbleiben gar nicht wunderbar, da es die uralte Rettungsart des Huhns ist. Drittens ist das Huhn gar nicht hypnotisiert.
147. Die naturgemäße Behandlung des Huhns.
Wenn wir bedenken, daß ein Huhn jährlich etwa 150 Eier legen oder eine Brut von einem Dutzend Jungen hochbringen kann, so müßte man meinen, daß die Hühnerzucht ein sehr lohnender Betrieb ist. Ich kenne Großstädter, die so durchdrungen waren von der Richtigkeit ihrer Berechnung, daß sie ihren Beruf aufgaben und auf dem Lande eine Geflügelzucht einrichteten. Es hat nur einige Jahre gedauert, dann hatten sie die Lust zum Betriebe verloren und obendrein ein nicht unerhebliches Vermögen. Selbstverständlich spreche ich hier von Friedenszeiten vor dem Kriege.
Warum will in diesem Falle Theorie und Wirklichkeit so gar nicht übereinstimmen?
Stellen wir uns vor, daß ein Bauer auf seinem Hofe etwa 20 Hühner hält. Diese Hühner werden morgens zeitig aus dem Stall gelassen und treiben sich den Tag über auf dem Hof oder in der Umgebung umher. Dabei hat der Bauer folgende Vorteile:
Erstens kosten ihm die Hühner den Sommer über fast gar kein Futter.
Zweitens ist das Futter, das sie fressen, für sie naturgemäß.
Drittens können die Hühner fleißig scharren und haben viel Bewegung, was für ihre Gesundheit von großer Bedeutung ist.
Viertens verteilen die Hühner am Tage ihren Unrat an den verschiedensten Stellen, so daß eine Anhäufung nicht stattfindet.
Bei dem Großstädter, der eine großartige Geflügelzucht eingerichtet hat, liegt die Sache ganz anders.
Erstens muß er auch im Sommer sehr viel Futter kaufen. Wie soll er für die Unmenge Hühner die erforderliche Nahrung herbeischaffen? Auf einem Bauernhofe gibt es reichlichen Abfall, da sich in dem Miste zahlreiche Larven und Würmer aufhalten.
Zweitens ist die Nahrung, die der Geflügelzüchter kauft, häufig nicht naturgemäß. Im Frühjahr will das Huhn tierische Nahrung haben. Deshalb reißen sich Hühner, die man eingesperrt hat und nur mit Körnern füttert, zu dieser Zeit die Federn aus oder beißen sich gegenseitig die Kämme blutig (vgl. Kap. 106).
Drittens braucht der Züchter im Gegensatz zu dem Bauern Personal, was heute ganz besonders ins Gewicht fällt.
Viertens fehlt den Hühnern die Bewegung und sie erkranken leicht.
Fünftens häuft sich der Unrat auf einem kleinen Flecke. Das ist aber die günstigste Vorbedingung für den Ausbruch einer Seuche.
Das Ende vom Liede ist gewöhnlich eine Seuche, die den ganzen Hühnerbestand dahinrafft.
Bei Wildparken und Jagdrevieren liegt die Sache ganz ähnlich. Je weniger Wild ein Jagdrevier enthält, desto gesünder ist es. Dagegen sind Seuchen an der Tagesordnung, sobald eine Ueberfüllung der Bezirke stattfindet.
In den Großstädten bestehen ebenfalls Gefahren durch zu große Besiedelung eines kleinen Bezirkes. Hier hat der Mensch durch Kanalisation, d. h. durch Fortleitung des Unrats die Macht der Seuchen gebrochen.
Es wäre also sehr wohl denkbar, daß auch die Geflügelzuchten einen ähnlichen Ausweg finden.
*Auf der einen Seite ist es beklagenswert, daß wir so viel Eier aus dem Auslande einführen müssen. Darum soll jede Vermehrung unseres Hühnerbestandes unterstützt werden. Auf der andern Seite raten selbst die begeistertsten Züchter davon ab, daß ein Neuling ein großes Kapital in die Geflügelzucht steckt. Erst soll er klein anfangen und sich den Rat eines erfolgreichen Züchters einholen. Es gibt zu viele Dinge, die man nur aus der Praxis lernen kann.*
*Was hier von der Geflügelzucht gesagt worden ist, gilt ganz allgemein für jede Kleintierzucht.*
148. Eine blinde Henne findet auch ein Korn.
Eine blinde Henne wird man wohl nirgends in Deutschland zu sehen bekommen, weil man ein solches bedauernswertes Geschöpf abschlachten würde. Früher war man in solchen Dingen weniger auf den wirtschaftlichen Vorteil bedacht.
Ein anderes Beispiel für die Verschiedenheit der Auffassung in wirtschaftlichen Angelegenheiten ist folgendes:
Heute sehen wir, daß die Hühner gewöhnlich Ringe um die Beine (Ständer) tragen. In meiner Jugendzeit kannte man das gar nicht. Erst seit einem Menschenalter habe ich sie auf Bauernhöfen angetroffen. Man weiß heute, daß die Henne eine gewisse Anzahl von Eiern legt. Folglich hat es keinen Zweck, sie über ein bestimmtes Alter gelangen zu lassen. Um dieses Alter jederzeit festzustellen, legt man ihnen Ringe um die Beine. Diese Ringe sind in den einzelnen Jahrgängen verschieden.
Diese Ringe sehen wir auch bei den Hühnern auf dem Kohlenplatz.
Wir schlachten also bereits eine Henne, weil sie nicht mehr ganz so viele Eier legt als eine etwas jüngere. Erst recht werden wir also eine blinde Henne schlachten, denn sie würde nicht genügend Futter finden und infolgedessen sehr abmagern.
In früheren Zeiten zerbrach man sich über solche Dinge den Kopf nicht. Hierbei hat man jedenfalls beobachtet, daß eine blinde Henne wie die andern scharrt und durch Zufall auch ein aufgescharrtes Korn findet.
Ein Vogel ist wie ein Mensch ein Augentier und tief zu beklagen, wenn er sein Augenlicht verloren hat. Bei den Nasentieren liegt die Sache, wie wir wissen, ganz anders. Blinde Hunde kann man sogar noch zur Jagd benützen. Deshalb wäre auch ein Sprichwort unrichtig: Ein blinder Hund findet auch einen Bissen. Er findet ihn vielmehr durch seine Nase ziemlich leicht.
Umgekehrt fehlt den Vögeln eine gute Nase. Das kann man recht deutlich bei den Hühnern wahrnehmen. Man kann ihnen nämlich Porzellaneier unterlegen, und sie brüten fleißig darauf. Ebenso brüten Kanarienvögel auf elfenbeinernen Eiern.
149. Die künstliche Glucke. Die Wetterfestigkeit des Huhns.
Eine Glucke mit Jungen bringt man gern in einen besonderen Raum, wie wir es auch hier in unserm Falle beobachten können. Die Mutter ist in gereizter Stimmung und kann leicht die andern Hennen angreifen. Diese wiederum picken nach den Küchlein und suchen selbstverständlich die besten Bissen wegzuschnappen.
Seit Jahrtausenden hat man die Bruthitze der Glucke durch künstliche Wärme ersetzt und ebenfalls Küchlein erzielt. Man hat dadurch den großen Vorteil, daß man ganz andere Mengen von Eiern ausbrüten lassen kann, als wenn man sie verschiedenen Glucken unterlegt. Allerdings fehlt dafür den Kleinen das sorgsame Auge der Mutter. Auch sonst wurden mir von Züchtern mancherlei Nachteile mitgeteilt. So können bekanntlich junge Entlein sofort schwimmen und bleiben dabei trocken. Läßt man die Enteneier jedoch von einer künstlichen Glucke ausbrüten, so werden die jungen Entlein naß. Dies wurde mir wenigstens von verschiedenen Züchtern mitgeteilt.
Das künstliche Ausbrüten der Hühnereier ist nicht so wunderbar, wie es auf den ersten Augenblick erscheint. Denn noch heute gibt es Hühnerarten, die in der Freiheit das gleiche Mittel anwenden. So legt das Talegallahuhn seine Eier in vermoderte Blätter, die es zu Haufen zusammenscharrt. Andere Wallnister benutzen den erwärmten Sand von heißen Quellen oder Vulkanen.
Es fängt jetzt etwas an zu regnen, und wir sehen, daß Regen den Hühnern durchaus nicht angenehm ist. Wie die Katze, so lieben die Hühner Nässe durchaus nicht.
Auch wenn es kalt ist, kann man aus dem Benehmen der Hühner schließen, daß ihnen nicht behaglich ist. Sie stammen eben aus einem heißen Lande. Deshalb ist Hühnerzucht nur in Ländern mit einer gewissen Wärme möglich. Frankreich, England und Italien haben eine höhere Durchschnittstemperatur als wir und haben schon aus diesem Grunde einen Vorzug gegenüber uns in der Geflügelzucht.