Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten

Part 23

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Ebenso ist es wichtig, daß auf große Reinlichkeit gesehen wird durch Abflußrinnen für flüssige Ausscheidungen und häufige Entfernung der festen Entleerungen. Das Wildkaninchen legt seinen Unrat außerhalb des Baues ab, legt also Wert auf ein reines Lager.

Es ist richtig, das Männchen, den Rammler, von den Jungen zu trennen. In der Freiheit hat die Mutter Gelegenheit, die Jungen vor ihm zu schützen. Uebrigens macht der Wildkaninchenvater den Eindruck, daß ihm das Wohlergehen seiner Nachkommenschaft von Wichtigkeit ist. Sonst sind die Väter bei den Säugetieren bekanntlich keine Musterväter.

Wie das Wildkaninchen, so vergräbt auch häufig das zahme Kaninchen seine Jungen. Ordentlich komisch sieht es dann aus, wie es mit der gleichgültigsten Miene von der Welt allein in der Nähe umherrennt, als ob es von gar nichts wüßte. So ganz fern von Verstellung ist also selbst ein Kaninchen nicht.

Das zahme Kaninchen steht also geistig höher, als man gewöhnlich annimmt. Das ist auch ganz naturgemäß, denn das Wildkaninchen wird kein Jäger für ein dummes Tier erklären. Die Sache liegt ähnlich beim Schwein. Auch dieses ist nicht so dumm, wie man es gewöhnlich hinstellt. Es läßt sich abrichten und kann sogar den Hund bei der Jagd ersetzen, da es eine feinere Nase als der Hund besitzt. Auch hier findet sich eine Uebereinstimmung mit den geistigen Gaben der Stammeltern. Denn auch das Wildschwein zeigt sich bei der Jagd durchaus nicht beschränkt.

Leider nimmt das Kaninchen in der Gefangenschaft manchmal die ungeeignetsten Gegenstände zum Verbergen der Jungen, beispielsweise den irdenen Futternapf. Natürlich können dadurch die zarten, kahlen Dingerchen leicht getötet werden. Man kann in dieser Hinsicht gar nicht vorsichtig genug sein und muß daher Vorsichtsmaßregeln treffen, die solche Unfälle ausschließen.

131. Die Rassen des Kaninchens.

Das Kaninchen stammt, wie wir schon erwähnten, aus den Ländern, die am Mittelländischen Meer gelegen sind, und soll zuerst in Spanien gezüchtet worden sein. Unser deutsches Kaninchen war zwar sehr anspruchslos und fruchtbar, konnte sich jedoch mit den Leistungen der westeuropäischen Kaninchen nicht messen. Das deutsche Kaninchen ist daher mit dem belgischen oder flandrischen Riesenkaninchen gekreuzt, wodurch man das neue deutsche Kaninchen gezüchtet hat.

Sonst wären noch erwähnenswert das belgische Hasenkaninchen, das französische Widderkaninchen, das Normandiner Kaninchen, das patagonische Kaninchen usw.

Sehr geschätzt wegen seines Seidenhaares ist der Seidenhase oder das Angorakaninchen. Ebenso ist beim Silberkaninchen das Fell sehr wertvoll, und das Fleisch gut.

Als selbstverständlich gilt die fruchtbare Paarung zwischen Kaninchen und Hasen, woraus die sogenannten Leporiden entstehen. In Wirklichkeit ist sie sehr selten, und nach der neuesten Auflage von Brehms Tierleben überhaupt erst ein einziger Mischling wissenschaftlich nachgewiesen worden.

132. Was versteht man unter einer Rasse?

Wir haben schon öfters den Ausdruck Rasse gebraucht und wollen an dieser Stelle ihn etwas näher besprechen, da hier eine günstige Gelegenheit vorliegt.

Unter Rasse versteht man alle diejenigen Mitglieder einer Tierart, die gewisse Merkmale gemeinsam besitzen. Diese Merkmale sind nicht so bedeutend, daß sie zur Aufstellung einer besonderen Tierart berechtigen.

Also das Silberkaninchen ist nur eine Rasse von der Tierart Kaninchen, weil sich die Silberkaninchen von dem Wildkaninchen und den andern Kaninchenrassen unterscheiden. Diese Unterscheidung ist aber nicht so bedeutend, daß man sagen könnte, das Silberkaninchen wäre eine besondere Tierart.

Dagegen bilden Hase und Kaninchen trotz großer Aehnlichkeit nicht nur verschiedene Rassen, sondern verschiedene Tierarten. Die längeren Hinterbeine des Hasen, die Rettung durch die Flucht ins freie Feld, das Werfen von Jungen, die sofort behaart sind, können nicht als unbedeutende Unterschiede aufgefaßt werden. Auch ist das Kaninchen kleiner, hat einen kürzeren Kopf und kürzere Ohren.

Von durchgezüchteten Rassen spricht man erst dann, wenn sie ihre Eigentümlichkeiten dauernd vererben.

Ein Rassetier hat also den Vorzug, daß ich auf gewisse Eigentümlichkeiten, auf die ich Wert lege, bei der Nachkommenschaft rechnen kann. Bei rasselosen Tieren ist das nicht der Fall.

133. Geschichten vom Kaninchen. Kaninchen hat angefangen.

Das Kaninchen gehört im allgemeinen zu den furchtsamsten und ergebungsvollsten Geschöpfen, das sich von jedem Kinde alles mögliche gefallen läßt. Von seinen Zähnen macht es eigentlich niemals Gebrauch. Trotzdem fallen sie beispielsweise über fremde Kaninchen manchmal wütend her und suchen sie totzubeißen. Ein junger Hase, den man zu Kaninchen bringt, wird wohl stets totgebissen.

Alte Rammler beißen nicht nur häufig ihre eigenen Jungen tot, sondern sie werden hin und wieder auch gegen andere Tiere geradezu angriffslustig. Ein Naturforscher führt hierfür folgende Beispiele an. Ein Verwandter von ihm hielt einen alten Kaninchenrammler bei seinen Lämmern. Als die Fütterung mit Esparsettheu begann, behagte das dem alten Herrn so gut, daß er alles für sich allein mit Beschlag belegen wollte. Er setzte sich also neben das Heu, grunzte und biß nach den Lämmern, um diese Tiere zu verscheuchen. Als das nicht genügend half, sprang er einem Lamm auf den Hals und biß es tüchtig. Natürlich wurde er beim Wickel gepackt und fortgebracht. Ein anderer Rammler führte einen solchen Kampf sogar mit Ziegen. War das Futter nach seinem Geschmack, so suchte er junge Ziegen dadurch zu vertreiben, daß er ihnen die Beine blutig biß. Alten Ziegen sprang er in das Genick und biß ihnen die Ohren blutig. Selbstverständlich wurde der Bösewicht abgeschafft.

Vorstehende Erzählungen sind durchaus glaubhaft. Ich habe selbst ähnliche Fälle beobachtet. So kratzte ein Rammler, ein Riesenkaninchen, bei schlechter Laune seinen Besitzer, wenn er ihm Futter vorsetzte, dermaßen, daß dieser nur mit großer Vorsicht hierbei zu Werke ging.

Sieht man von solchen Ausnahmen ab, die doch immer Ausnahmen bleiben, so ist es lächerlich bei einem Streite zwischen Kaninchen und Bulldogge zur Rechtfertigung des Hundes anzuführen, daß das Kaninchen angefangen, und der Hund deshalb das Kaninchen totgebissen habe. Ein Kaninchen wird sich schön hüten, mit einer Bulldogge anzubinden. Aber das Raubtier, das die größere Kraft besitzt, wird stets eine Entschuldigung für sein Tun finden.

134. Kann das Kaninchen mit dem Schwein in Wettbewerb treten?

Mit dem Absatz ihres Kaninchenfleisches an ihre Gäste ist die Familie Lankenheim nicht sehr zufrieden. Trotz der schlechten Zeiten wollen die meisten Gäste Kaninchenfleisch nicht so häufig essen.

Es ist merkwürdig, daß so viele Leute, die sich zunächst mit Begeisterung auf die Kaninchenzucht geworfen haben, so bald davon wieder Abstand genommen haben. Irgendwie scheint hier ein Fehler gemacht worden zu sein.

Wir haben an einer früheren Stelle die Vorzüge der Schweinehaltung bei einfachen Leuten beleuchtet. Mit Schweinefleisch wird Kaninchenfleisch niemals in Wettbewerb treten können, weil Schweinefleisch stets reißend Absatz findet, während bei Kaninchenfleisch die Sache etwas anders liegt.

Es gibt zu denken, daß in England und Frankreich die Kaninchenzucht in der großartigsten Weise blüht. Einzelne Großzüchtereien sollen jährlich 12000 Kaninchen auf den Markt bringen. In Frankreich sollen in Paris vor dem Kriege allein jährlich 3 Millionen Kaninchen verzehrt worden sein, während zu der gleichen Zeit in der Berliner Zentralmarkthalle etwa der sechzigste Teil verkauft wurde.

Dem Geschmack der Franzosen und auch der Engländer muß also das Kaninchenfleisch mehr zusagen als dem unsrigen. Das ist sehr zu bedauern, denn das Kaninchen hat ohne Zweifel als Pelztier eine Zukunft. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, wann die pelzliefernden Raubtiere und sonstigen Tiere ausgerottet oder doch so vermindert sind, daß ihre Felle der Nachfrage nicht mehr entfernt entsprechen können. Dann werden Kaninchen und Hauskatzen mit ihren Fellen als Ersatz dienen müssen.

Die Kaninchenzüchter heben noch den außerordentlichen Wert des Kaninchens als Lederlieferanten hervor. Aus dem Fell eines 65 Zentimeter langen Kaninchens lassen sich nach ihren Angaben das Oberleder für ein Paar Damenschuhe nebst einem Ersatzstück herausschneiden. Dieses Leder ist sehr weich und trägt sich sehr gut.

135. Wie groß ist die Vermehrung des Kaninchens?

Die Fruchtbarkeit des Kaninchens ist sprichwörtlich geworden. Das wilde Kaninchen paart sich im Februar oder März und setzt nach einer Tragezeit von dreißig Tagen alle fünf Wochen 4 bis 12 Junge. Diese Jungen sind bereits nach einem halben Jahre fortpflanzungsfähig und nach einem vollen Jahre ausgewachsen. Ein einziges Kaninchenpaar kann also in einem Sommer 20 bis 70 Nachkommen haben. Dabei sind die ersten Nachkommen bei Ablauf des Sommers bereits ebenfalls fortpflanzungsfähig.

Hätten die Kaninchen keine Feinde, so würden sich die 20 bis 70 Nachkommen im nächsten Sommer auf 10- bis 35mal 20 bis 70, also auf 200 bis 2450 Kaninchen vermehren können, wozu das alte Paar ebenfalls 20 bis 70 liefern könnte. Der Bestand wäre dann 220 bis 2520 Kaninchen.

Da die Kaninchen nicht von der Luft leben, sondern durch Unterwühlung des Bodens und durch Benagen der Baumrinden und Fressen von Nutzpflanzen großen Schaden anrichten, so versteht man, daß in Australien und anderen für die Kaninchen günstigen Ländern große Geldbeträge für ihre Vernichtung gezahlt werden.

Den zahmen Kaninchen läßt man nicht mehr als acht Junge, damit sie hinreichende Nahrung haben. Nach vier Wochen entwöhnt man sie. Die Eltern werden gewöhnlich nur vier Jahre zur Zucht verwendet.

136. Das Kaninchen in Redensarten und Sprichwörtern.

Die Redensart: Kaninchen hat angefangen und die sprichwörtliche Vermehrung der Kaninchen ist bereits besprochen worden.

Das Meerschweinchen

137. Das Meerschweinchen.

Bei »Onkel Althaus« können wir auch Meerschweinchen sehen, mit denen wir uns aber nur kurz befassen wollen. Es ist ein allbekanntes, kleines, buntes Tierchen, das wie das Kaninchen ein Nager ist. Es wird wie das Kaninchen gefüttert und vielfach mit ihm zusammengehalten. Obwohl das Meerschweinchen aus Südamerika stammt, vertragen sich beide Nagerarten gut. Nur beißen manchmal die Kaninchen die Jungen von Meerschweinchen tot. Hat man mehrere Meerschweinchen zusammen, so hört man oft ein Quieken und Grunzen, woher auch der Name Meerschweinchen kommen dürfte.

Während das Kaninchen ein sehr schönes Fell liefert, ist das vom Meerschweinchen nicht zu gebrauchen.

Auch gegessen wird das Meerschweinchen bei uns nicht. Es ist hauptsächlich ein Spielzeug für Kinder, weil es sich alles gefallen läßt.

Onkel Althaus hat ein Paar Meerschweinchen seinem Söhnchen Albrecht zu Weihnachten geschenkt. In Ermangelung eines passenden Stalles hatte er das Pärchen in ein leeres Aquarium gesteckt und darin als Geschenk aufgebaut. Der Sohn hielt die fremden Tiere im Aquarium zunächst für junge Biber. Dieser Irrtum ist ganz erklärlich, da der Biber unser größter Nager ist und ein vorzüglicher Schwimmer ist.

Inzwischen hat das Weibchen ein einziges, aber ungemein kräftiges Junges bekommen. Mit ihm zusammen lebt es im Aquarium, während der Vater ausgesperrt ist.

Nach der Schilderung des kleinen Albrecht sind Meerschweinchen sehr kluge Tiere. Wenn er aus der Schule kommt und sich dem Aquarium nähert, richtet sich die Mutter auf, weil sie weiß, daß sie etwas zu fressen bekommt.

Da in der neuesten Auflage von Brehms Tierleben genau das gleiche berichtet wird -- allerdings als große Ausnahme -- so ist es nicht unmöglich, daß die Beobachtung des kleinen Tierfreundes der Wahrheit entspricht.

Nach den früheren Berichten war das Meerschweinchen sehr fruchtbar. Im neuesten Brehm wird das als Irrtum erklärt. Die übliche Zahl der Jungen ist vielmehr nur zwei und die Tragezeit so lange wie beim Hunde, nämlich 63 Tage. Dafür ist das Junge hoch entwickelt wie ein junger Hase. Nach 8 bis 9 Monaten hat das Meerschweinchen seine volle Größe erreicht. Bei guter Behandlung kann es 8 Jahre alt werden.

Sehr beliebt sind die Angora-Meerschweinchen mit langem, schlichtem Haar und die Strupp-Meerschweinchen.

Das Meerschweinchen stammt von dem in Südamerika lebenden, ganz ähnlich aussehenden Nager ab, der den Namen _Cavia cutleri_ führt.

In wissenschaftlichen Anstalten werden viele Meerschweinchen gehalten, da sie bei der Keimforschung, den Impfversuchen und der Serumheilbehandlung unersetzlich sind.

Das Frettchen

138. Wie unterscheidet sich das Frettchen vom Iltis?

Um uns ein Frettchen anzusehen, wollen wir wieder nach dem Zoologischen Garten gehen. Denn in der jetzigen Zeit hat keiner der mir bekannten Förster ein Frettchen mehr, da die Kaninchen in ihrer Gegend vollkommen ausgerottet sind.

Wir wissen bereits, daß das Frettchen ein Albino des Iltis ist. Und einen Iltis bekommen wir wenigstens im Zoologischen Garten zu sehen.

Der Iltis oder Stinkmarder gehört zur Familie der Marder. Er erinnert sehr an unsern Marder, nur daß er ganz im Gegensatz zu diesem sehr schwerfällig ist.

Seit Jahrtausenden wird eine weißliche Abart, ein Albino von ihm, das sogenannte Frettchen, vom Menschen als Haustier gehalten. Der Grund liegt hauptsächlich darin, daß es zur Kaninchenjagd unentbehrlich ist. Sobald der schlanke Räuber einen Kaninchenbau betritt, fahren die Kaninchen aus ihrer sichern Burg und können leicht geschossen werden oder in aufgestellte Netze geraten.

Das Frettchen ist sehr weichlich und macht gerade keinen sehr angenehmen Eindruck. Es ist etwas kleiner als der Iltis und als Albino natürlich weiß im Gegensatz zu seinem braunen Verwandten. Es wirft etwa 4 bis 8 Junge nach einer Tragezeit von sechs Wochen.

139. Tötung eines Berliner Kindes durch ein Frettchen.

Kurz vor Weihnachten 1919 brachten Berliner Blätter die Nachricht, daß ein Frettchen in die Wiege eines Säuglings gekrochen sei und ihm einen Augapfel ausgefressen habe, was den Tod des kleinen Wesens zur Folge hatte. Natürlich war dieser Vorfall nur möglich, weil die Eltern nicht zugegen waren, da sie auf Arbeit gegangen waren.

Ein solcher Fall ist nicht das erste Mal vorgekommen, und wird nicht der letzte seiner Art sein. Deshalb sei er etwas näher besprochen.

Es wurde schon erwähnt, daß das Frettchen seit Jahrtausenden zur Kaninchenjagd dient. Schon in Friedenszeiten gab es eine Unmenge Frettierer. Im Kriege, wo der Fleischhunger aufs höchste gestiegen war, wurde natürlich erst recht frettiert. Das Frettchen als Ernährer der Familie wurde besonders gepflegt, zumal es wie alle Albinos sehr frostig ist. Es wurde daher von dem Frettierer in seine Wohnung genommen.

Die Fütterung der Frettchen besteht gewöhnlich aus Milch und Semmeln. Wir haben unsern Frettchen hin und wieder stets tierische Nahrung gegeben, also Sperlinge und andere Vögel.

Wenn ein Tier, das an tierische Speise gewöhnt ist, plötzlich nur Pflanzenkost erhält, dann sucht es sich irgendwie Ersatz. Hühner rupfen sich die Federn aus und werden Eierfresser, Sauen und Mäuse fressen ihre eigenen Jungen. Darauf haben wir schon wiederholt hingewiesen (Kap. 106).

So hat das Frettchen bei den einfachen Leuten wahrscheinlich nur Pflanzenkost erhalten, wie das so üblich ist. Eines Tages hat es beim Umherkriechen das junge Menschenfleisch gewittert, das Raubtier ist in ihm erwacht, und das Unglück ist geschehen.

Wehrlose Kinder soll man also mit einem Frettchen nicht unbeaufsichtigt in demselben Raume lassen.

Manche warnen auch vor der Haltung einer Katze, weil sie sich auf den Säugling in der Wiege legen und ihn totdrücken kann. Trotz aller Bemühungen habe ich einen solchen Fall bisher nicht feststellen können. Da aber die Möglichkeit besteht, so ist Vorsicht unbedingt am Platze.

140. Das Frettchen in Redensarten und Sprichwörtern.

Vom Frettchen finde ich keine Redensarten oder Sprichwörter angeführt. Dagegen hat der Iltis oder Ratz, der Stammvater des Frettchens, zur Redensart Anlaß gegeben:

*Er schläft wie ein Ratz.*

Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, daß ich in einem sehr iltisreichen Jagdgebiet den Iltis stets schlafend in der Kastenfalle vorgefunden habe. Die Redensart: Er schläft wie ein Ratz -- nicht Ratte -- ist also ganz der Wirklichkeit entsprechend.

Das Huhn

141. Warum kräht der Hahn?

Um uns Hühner anzusehen, brauchen wir nicht erst nach einem Vorort zu wandern. Vielleicht hat es niemals so viel Hühner in Berlin gegeben, wie gerade jetzt. Wenn man früh morgens die Fenster öffnet, dann kräht es aus verschiedenen Kellern.

Da ist beispielsweise ein Kohlenplatz in der Nähe, auf dem Hühner gehalten werden. Der Hahn waltet stolz seines Amtes als Herrscher und Wächter, während die unscheinbaren Hennen anscheinend nur an die Füllung ihres Magens denken. Bisher hat man es für ganz selbstverständlich angenommen, daß der Hahn ein stolzes, kampflustiges Geschöpf ist. Das ganze Benehmen stimmt fast in allen Einzelheiten mit dem eines stolzen Menschen überein. Vorsichtig setzt er seine Füße, als ob er ganz von der Wichtigkeit seiner Persönlichkeit durchdrungen ist. Scharf schauen seine Augen umher, ob er irgendwie einen Verstoß gegen seine Herrenrechte oder etwas Gefährliches entdeckt. Dann kräht er zur Abwechselung wieder einmal und schlägt dabei mit den Flügeln, als wenn er sagen wollte: »Hier ist der Mittelpunkt der Erde, weil ich hier stehe -- zweifelt irgend jemand daran?«

Warum kräht der Hahn? Die Sache ist ähnlich wie bei dem Bellen des Hundes. Eine Fähigkeit, die beim wilden Tiere bestand, hat sich außerordentlich entwickelt, nachdem das Tier ein Haustier geworden ist.

Schläft man auf dem Lande, so kann man in tiefer Nacht häufig Hähnekonzerte hören und vom menschlichen Standpunkt aus folgendermaßen schildern. Ein Hahn ist aufgewacht, und da er der Meinung ist, daß es ganz zweckmäßig wäre, wenn er einmal krähte, so kräht er eben. Rücksicht auf die Hennen und deren Schlaf nimmt er nicht. Ein anderer Hahn ist von dem Krähen aufgewacht und sagt sich: »Es könnte sein, daß die Welt denkt, es gäbe nur den Hahn von Lehmanns. Das geht nicht. Deshalb werde ich auch einmal krähen.« Denkts und kräht ebenfalls. So geht die Runde durch die Häuser des Dorfes. Der erste Kräher läßt es aber mit dem einen Male nicht bewenden, und die andern ebenfalls nicht. So geht das Konzert eine ganze Weile. Das größte Wunder ist eigentlich, daß es schließlich doch verstummt. Die Müdigkeit trägt schließlich den Sieg davon über den Wunsch: Mein Feind darf nicht das letzte Wort haben.

Wir halten also den Hahn für stolz und eingebildet. Ob wir unbedingt recht haben, läßt sich nicht so leicht sagen, weil wir Menschen eben stets unsere menschlichen Verhältnisse als Maßstab nehmen. Für die Richtigkeit unserer Ansicht spricht, daß man den Hahn demütigen kann. So soll er nach den Angaben eines vortrefflichen Naturforschers ganz kleinlaut werden, wenn man ihm die Schmuckfedern abschneidet.

Heute kennen wir auch die Stammeltern unserer Haushühner. Es ist das Bankivahuhn, _Gallus gallus_, das im warmen Indien lebt. In der Nacht schläft es auf Bäumen. Unsere Hühnerleiter ist weiter nichts als eine Nachahmung der Zweige, die es in seiner Heimat zur Nachtzeit als Ruhestätte benutzt.

So wenig wir von der Lebensweise des Bankivahuhns wissen, das eine können wir mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es schwerlich so oft in dunkler Nacht krähen wird.

Als Beweis können wir das Benehmen unserer Sperlinge anführen. In früheren Jahren, als die pferdelose Straßenbahn noch nicht fuhr, gab es viel mehr Sperlinge in Berlin. Auf dem Belle-Alliance-Platz hielten sie auf den Platanen, ehe die Nacht einbrach, ordentliche Parlamente ab. Ehe sie morgens das warme Nest verließen, hielten sie stets eine kleine Morgensprache ab. Hörte ich das erste Schilpen der Sperlinge und ging ans Fenster, so war stets eine gewisse Helligkeit vorhanden.

Der Grund hierfür ist ganz einleuchtend. Das Benehmen eines freilebenden Tieres wird durch seine Feinde bestimmt. Für die Sperlinge sind die Hauptfeinde in der Nacht die kleinen Eulen und das kleine Wiesel. Sie schilpen also erst, wenn es bereits so hell ist, daß sie vor einem Feinde rechtzeitig flüchten können. In der Nacht denken sie nicht daran, zu schilpen. Sie würden nur ihre Feinde auf ihr Versteck aufmerksam machen, und könnten in der Dunkelheit nicht flüchten.

Man kann wohl ohne Uebertreibung behaupten, daß in Berlin eine Gefahr für die Sperlinge zur Nachtzeit kaum besteht. Die Nester werden gewöhnlich so angelegt, daß bei vierstöckigen Gebäuden selbst ein kletterfertiger Knabe schwerlich zu ihnen gelangt. Wiesel gibt es innerhalb des Weichbildes des alten Berlins kaum, und sie können bei unsern hohen Gebäuden den Sperling auch nicht schädigen. Auch Eulen sind so selten, daß sie kaum in Betracht kommen.

Der Bankivahahn in Indien wird also auch erst ordentlich krähen, sobald es so hell geworden ist, daß er vor einem Feind flüchten kann. In der Nacht haben verschiedene Räuber Sehnsucht nach einem Hühnerbraten. Der Bankivahahn hat also hinreichenden Grund, den Schnabel zu halten.

Bei uns werden Auerhahn und Birkhahn, die ebenfalls in der Nacht auf Bäumen schlafen, vom Marder und Uhu verfolgt. In Indien kommen als Feinde der Vögel noch die Nachtaffen hinzu, die geräuschlos wie Gespenster den schlafenden Vögeln den Hals umdrehen.

Unsere Auerhähne und Birkhähne balzen, d. h. tanzen wie die Verrückten, wenn der Frühling kommt und ihre Herzen mit Liebessehnsucht erfüllt. Dann sind sie manchmal wie blind und taub, wodurch sie dem Jäger Gelegenheit zu ihrer Erlegung bieten. Die übrige Zeit hindurch sind sie sehr scheu und lautlos.

Der Bankivahahn wird es ebenso machen. Er wird hauptsächlich im Frühjahr krähen, um den Hennen zu zeigen, wo er sitzt, und den andern Hähnen die Mitteilung zu machen, daß er zu einem Kampfe mit ihnen bereit ist.

Das Krähen des Hahnes ist also wie das Bellen des Hundes erst zur Entwicklung gelangt, seitdem das vordem wilde Tier Haustier wurde. Es hat vor seinen Feinden keine Furcht mehr im sichern Hühnerstall. Die gute Fütterung sorgt dafür, daß die Frühlingsstimmung anhält. So erklärt sich das häufige Krähen, namentlich in der dunklen Nacht.

Aufmerksame Tierbeobachter wollen herausgefunden haben, daß der Hahn nur bei bevorstehender Luftveränderung kräht. Da sich mit Anbruch des Tages die Luft verändert, so wäre das der wahre Grund, daß der Hahn morgens kräht. Es ist möglich, daß diese Ansicht begründet ist, aber mit meinen Beobachtungen will sie nicht immer übereinstimmen. -- Vorhin wurden einige Feinde des Huhns angeführt. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß sich zu ihnen noch zahlreiche andere Raubtiere, z. B. der Fuchs sowie die Tagraubvögel gesellen.

142. Der Lockruf des Hahns.

Unser Hahn hat jetzt -- was auf beschränktem Raum gewiß nicht häufig vorkommt -- einen guten Bissen gefunden und gibt einen eigentümlichen lockenden Ruf von sich, auf den die Hennen hinzugestürzt kommen. Man muß sich freuen, daß der Hahn etwas, was ihm selbst sehr gut schmecken würde, freiwillig seinen Damen überläßt. Mancher Familienvater könnte sich hieran ein Beispiel nehmen.

Abseits von den übrigen Hennen befindet sich durch ein Gatter getrennt eine Glucke, die ihre Küchlein führt. Es ist ein allerliebster Anblick, diese kleinen Dinger, die erst einige Tage alt sein können, in Gemeinschaft mit ihrer wachsamen Mutter auf Nahrungssuche ausgehen zu sehen. An der Pflege und Aufzucht der Kleinen beteiligt sich der Hahn nicht. Man kann daraus ersehen, daß es unrichtig ist, menschliche Verhältnisse auf tierische ohne weiteres zu übertragen. Für uns scheint es gerade die besondere Aufgabe des Vaters zu sein, seinen Kindern in Gemeinschaft mit der Mutter Pflege und Nahrung zu verschaffen.