Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten
Part 20
Selbstverständlich wird jeder Landwirt suchen, Kühe zu halten, die recht viel und recht fettreiche Milch liefern. Berühmt wegen ihres Milchreichtums sind Holländer und Oldenburger Kühe. Doch ist ihre Milch nicht so fettreich und liefert nicht soviel Butter und Käse wie die Milch der Schwyzer, Allgäuer und anderer Höhenkühe. Auf die Verschiedenheit von Gebirgs- und Niederungsgräsern ist schon früher aufmerksam gemacht worden.
Bei den praktischen Engländern und Amerikanern, ebenso bei den Schweizern melken Männer, nicht Frauen. Es ist das wahrscheinlich kein Zufall. Bei uns in Deutschland herrscht vielfach die Ansicht, daß es eines Mannes unwürdig ist zu melken. Sonst ist das Ausland für uns maßgebend, aber in diesem Falle, wo es von Vorteil für uns sein dürfte, leider nicht.
94. Warum ist das Rind ein Wiederkäuer, das Pferd nicht?
Es ist gewiß auffallend, daß zwei große Pflanzenfresser in dem Punkte grundverschieden sind, daß die Rinder ihre Nahrung wiederkäuen, das Pferd aber nicht.
Der Magen der Wiederkäuer zerfällt in vier Abteilungen, nämlich den Pansen oder Wanst, den Netzmagen oder die Haube, den Blättermagen oder den Psalter und den Labmagen. Zunächst gelangt das Futter in den Pansen und von dort in den Netzmagen. Im Netzmagen wird das Futter erweicht und durch eine Art von Erbrechen in das Maul zurückgeschafft. Im Maule wird es nun gründlich gekaut und geht von hier aus jetzt in den Blättermagen und dann in den Labmagen. Außer den Rindern sind Ziegen und Schafe Wiederkäuer.
Viele nehmen an, daß das Wiederkäuen den Tieren in folgender Weise von Vorteil ist: Hirsche beispielsweise, die ebenfalls Wiederkäuer sind, müßten lange auf der Lichtung fressen, ehe sie alles Futter, das sie brauchen, gekaut haben. Deshalb ist es für sie vorteilhafter, schnell Futter hineinzuschlingen und in Ruhe im Dickicht oder im Walde, wohin sie zurückgeflüchtet sind, zu wiederkäuen.
Unsere Hirsche fressen aber nicht in dieser Weise. Sie treten abends aus dem Walde und bleiben während der Dunkelheit auf den Feldern. Mit Tagesanbruch gehen sie in den Wald zurück. Ist es am Morgen sehr neblig, so bleiben sie draußen. Der Jäger sagt dann: »Heute kneipen die Hirsche durch.« Die Hirsche wissen, daß sie in der Dunkelheit und im Nebel geschützt sind, weil kein Jäger dann auf sie schießen kann.
Das Wiederkäuen dürfte vielmehr den Zweck haben, große, umfangreiche Futtermengen, die nur geringen Nahrungswert haben, für die tierische Nahrung verwendbar zu machen.
Solche Futtermengen findet das Pferd in seiner Heimat, der Steppe, nicht. Deshalb konnte es kein Wiederkäuer werden. Auch wäre ein großer Magen für das Pferd als Renner nicht vorteilhaft gewesen.
Jetzt verstehen wir auch, weshalb die Wiederkäuer oben keine Schneidezähne haben. Mit oberen Schneidezähnen ausgerüstet, würden sie in der Freiheit vielleicht lieber Körner als Massen von Pflanzen und Blättern fressen. Ohne Schneidezähne sind sie aber nicht imstande, ganze Körner gut zu verdauen, während das Pferd mit seinen scharfen Zähnen es vortrefflich kann.
Wir müssen also unseren Kühen Körner geschrotet verabreichen, weil sie sonst regelmäßig unverdaut abgehen.
Alle Wiederkäuer haben eine ausgesprochene Vorliebe für Salz. Vielfach ist es üblich, das neugeborene Kälbchen mit Salz abzureiben, damit es von der Mutter abgeleckt wird.
95. Die geistigen Gaben der Rinder.
Trotz der sprichwörtlichen Dummheit des Rindviehs ist es damit nicht so schlimm bestellt. Bei der Kuh vorm neuen Tor haben wir das bereits hervorgehoben. Auch hier trügt der Schein. Das Rind ist sich seiner Stärke bewußt und bleibt daher seelenruhig, was wir als Stumpfheit auslegen.
Beim Hunde wurde die Geschichte erzählt, wie ein Bulle in tiefes Wasser flüchtete, um vor einem Nasenbiß sicher zu sein. Kann es ein zweckmäßigeres Verfahren geben?
Im Harz tragen die Rinderherden oft Glocken, die genau abgestimmt sind. Allgemein wird behauptet, daß die Kühe die Glocken ihrer Herde von denen anderer unterscheiden und sich, wenn sie sich verirrt haben, danach richten.
96. Die Rassen der Rinder.
Ueber die Stammeltern unserer heutigen Rinder ist man sich noch nicht einig. In Europa lebten früher zwei Wildrinder, und zwar der Auerochs und der Wisent. Der Auerochs hatte lange Hörner und keine Mähne, während der Wisent eine Mähne, aber kleine Hörner besitzt. Der Wisent lebt heute noch in Zoologischen Gärten und an vereinzelten Stellen, während der Auerochs gänzlich ausgerottet ist. Es ist daher unrichtig, den noch heute lebenden Wisent als Auerochs zu bezeichnen.
Wahrscheinlich ist der Auerochs in unseren heutigen Rindviehrassen aufgegangen.
Man unterscheidet folgende Rassen: 1. Steppenrassen, 2. Niederungsrassen, 3. einfarbige Gebirgsrassen, 4. bunte Gebirgsrassen, 5. Landrassen, 6. englische Rassen, 7. französische Rassen.
Die Steppenrassen mit ihren langen Hörnern sind jedenfalls erst allmählich in der Steppe heimisch geworden. Denn nach dem Bau seiner Füße ist das Rind, wie wir schon erwähnten, ein Geschöpf der Niederung, und zwar der bewaldeten Niederung.
Im Gegensatz zum Pferde gehört das Rind zu den paarzehigen Huftieren aus der Familie der Horntiere.
Der Stier oder Bulle heißt auch Farren, während Färse oder Stärke die Kuh ist, die noch nicht gekalbt hat.
Das Rind ist etwas früher reif als das Pferd. Der Stier wird mit 1½ Jahren, die Kuh mit 2 Jahren zur Zucht benutzt. Dementsprechend ist auch ihr Alter etwas niedriger als das des Pferdes.
97. Krankheiten der Rinder.
Bereits die Stallhaltung unserer Haustiere ist etwas Unnatürliches. Kommt nun noch die künstliche Anzüchtung der Milcherzeugung hinzu, so dürfen wir uns nicht wundern, daß wir diesen großen Vorzug mit manchen Krankheiten bezahlen müssen. Rinderpest, Maul- und Klauenseuche und Tuberkulose seien an dieser Stelle genannt. Das Aufblähen wurde bereits erwähnt.
Manchmal führen ganz unbedeutende Dinge den Tod einer Kuh herbei. Früher trugen die Mägde keine Kämme im Haar, wie das jetzt der Fall ist. Diese Kämme fallen leicht in das Futter und werden von den Kühen verschlungen. Als Folge davon können Magenverletzungen und Notschlachtungen eintreten. So verliert der Landwirt ein schönes Stück Vieh, das heute ein Vermögen wert ist.
98. Das Rind in Redensarten und Sprichwörtern.
Es wurde bereits erwähnt, daß »*Rindvieh*« oder »*Ochse*« zur Bezeichnung eines dummen Menschen dient. Ebenso wurden schon die Redensarten angeführt: *Auf einem Auge war die Kuh blind* und: *Er steht da, wie die Kuh vorm neuen Tor*. Unter
»*ochsen*«
versteht man andauernd arbeiten oder »büffeln«.
»*Ochsengang*«
ist der sachte, gemessene Schritt des Ochsen.
*Den Stier bei den Hörnern packen*
bedeutet, daß man einer Gefahr tollkühn entgegengeht, indem man einen mächtigen Gegner bei seinen eigenen Waffen anpackt. Wenn das einen Sinn haben soll, muß man selbst über große Kräfte verfügen.
Das Schwein
99. Wodurch unterscheidet sich das Hausschwein vom Wildschwein?
Um unser Hausschwein richtig zu verstehen, wollen wir uns zunächst das Wildschwein in unserm weltberühmten Berliner Zoologischen Garten ansehen.
Vorher sei bemerkt, daß unsere heimischen Schweinerassen nicht allein vom europäischen Wildschwein abstammen.
Wenig angenehm fällt uns zunächst in dem Teile des Zoologischen Gartens, der für die Schweine bestimmt ist, der Geruch dieser Tiere auf. Aber das wird auf Gegenseitigkeit beruhen. Alle freien Tiere flüchten, sobald sie den Menschen gewittert haben. Folglich muß ihnen unsere Ausdünstung auch nicht behagen.
Hiervon abgesehen müssen wir staunen, wie reich gerade der Tierbestand an Wildschweinen in unserem Zoologischen Garten ist, obwohl gerade der Weltkrieg bei ihm große Lücken verursacht hat. Außer einer Wildsau mit Ferkeln sind noch drei Keiler, d. h. drei männliche europäische Wildschweine vorhanden. Obwohl es bereits Anfang Juni ist, hat erst ein Keiler sein Winterhaar verloren.
Vergleichen wir einen der Keiler im Winterhaar mit unserem Hausschwein, so fällt uns zunächst seine Behaarung auf, sodann die mächtigen Eckzähne, die sogenannten Gewehre. Schließlich wäre noch erwähnenswert, daß sein Kopf länger als der des Hausschweins ist, daß er überhaupt nicht so fett, dafür aber stärker, höher und ungemütlicher ist als unser Hausschwein.
In früheren Zeiten war das Wildschwein eine der häufigsten Wildarten unserer Heimat. Da es jedoch dem Ackerbau sehr schädlich ist, so besitzt es keine Schonzeit und ist an vielen Stellen bereits vollkommen ausgerottet worden.
Wenn wir uns die kleinen Augen des Wildschweins ansehen und dabei beobachten, daß sein großer Rüssel unter fortwährendem Geschnüffel in Tätigkeit ist, so können wir keinen Augenblick daran zweifeln, daß das Wildschwein ein Nasentier ist. In der Tat ist es ein ausgesprochenes Nasentier wie Elefant, Tapir, Maulwurf und andere Tiere, die sich durch ein bewegliches Riechorgan und ein nichtssagendes Auge auszeichnen.
100. Warum ist der Kopf des Schweines kegelförmig?
Mit dem Maulwurf hat das Wildschwein nicht nur das schwache Sehvermögen gemeinsam. An den Maulwurf erinnert auch der ganze Kopf des Wildschweins. Und so verschieden die Größe der beiden Geschöpfe auch ist, so haben sie doch in ihrer Lebensweise etwas Uebereinstimmendes.
Der Maulwurf lebt unter der Erde, indem er auf Regenwürmer und andere Insekten Jagd macht. Zu diesem Zwecke muß er, um sich schnell durch die Erde durchzubohren, einen kegelförmigen Kopf besitzen. Auch das Wildschwein frißt gern Regenwürmer und andere Insekten des Erdbodens, dann aber vor allen Dingen pflanzenartige Stoffe, die im Erdboden stecken, also Wurzeln, Kartoffeln und dergleichen. Das Wildschwein muß also einen Wühlkopf haben. Wo es etwas gewittert hat, bricht es mit seinem Rüssel die Erde auf, um zu dem durch den Geruch wahrgenommenen Gegenstande zu gelangen.
Der maulwurfartige Kopf kommt dem Wildschwein aber auch noch zustatten, wenn es schnell in Gebüsche flüchtet. Wie der Maulwurf schnell die Erde durchschneidet, so kann das Wildschwein schnell durch Gebüsche laufen. Hierbei ist es für das Wildschwein sehr von Vorteil, daß seine kleinen Augen seitlich stehen. Schon Wölfe oder Hunde können dem Wildschwein nicht so schnell in die Gebüsche folgen, weil ihre Köpfe viel weniger dazu geeignet sind, auch ihre Augen mehr nach vorn stehen. Zweige und Blätter werden ihnen also viel leichter in die Augen geschleudert als dem Wildschweine.
101. Warum nennt man einen Menschen mit kleinen Augen schweinsäugig?
Unser Wildschwein hat wohl kleine, aber eigentlich keine blöden Augen. Dagegen fallen bei den in der Nähe stehenden Hausschweinen die kleinen, blöden Augen sehr auf. Es ist also kein Wunder, daß man von einem Menschen, der kleine Augen hat, sagt, er habe Schweineaugen.
Schon äußerlich ist erkennbar, daß das Auge bei den Schweinen wenig leistet. Jeder Jäger kann das auch von den Wildschweinen bestätigen.
Die Schwäche der Augen wird bei den Schweinen durch die Leistungen der Nase ausgeglichen. Von der Feinheit ihres Geruchsvermögens können wir uns kaum eine Vorstellung machen. Ein Forstbeamter zeigte mir einmal folgenden Fall, da er wußte, daß ich für solche Dinge großes Interesse habe. Er hatte Kiefern angepflanzt und den Platz von der Größe eines Morgens mit einem Bretterzaun umgeben. In der Mitte des Platzes war eine kleine Stelle freigeblieben. Hier hatte sich mein Bekannter ein paar Kartoffeln gesteckt. Nun war an den Fährten deutlich zu erkennen, daß ein Wildschwein draußen am Zaun entlang gelaufen war. Hierbei muß es die Kartoffeln gewittert haben, denn es war plötzlich an einer Stelle durch den Zaun gekrochen. Das war ihm dadurch gelungen, daß es eine vorhandene Lücke vergrößert hatte. Auf mindestens 50 Schritte hatte es also die in der Erde verborgenen Kartoffeln gewittert.
Der Landwirt zweifelt an der unglaublichen Feinheit des Geruchssinns der Wildschweine keinen Augenblick. Denn er hat auf seinen Aeckern oft Gelegenheit, sich in höchst unerfreulicher Weise davon zu überzeugen. Sehr häufig kommt es beispielsweise vor, daß ein mit Kartoffeln bestellter Acker im nächsten Jahre Getreide trägt. Eines Tages sieht man im Getreide die Fährten eines Wildschweins, das im Boden gewühlt und schweren Schaden angerichtet hat. Was hat den überall verfolgten Schwarzkittel zu dieser landwirtschaftsfeindlichen Handlung veranlaßt? Hätten die Leute beim Ausbuddeln mit Sorgfalt alle Kartoffeln gesammelt, so wäre der Schaden im Getreide nicht geschehen. So hat das Wildschwein die in der Erde verborgenen Kartoffeln gewittert. Da es Kartoffeln sehr liebt, so hat es sie herausgewühlt ohne Rücksicht darauf, daß es dabei große Stellen Getreide zusammentrampelte oder sonst vernichtete.
Wie alle wildlebenden Tiere hat das Wildschwein aufrechtstehende Ohren, während unser Hausschwein, weil es die Ohren nicht mehr anzustrengen braucht, Hängeohren besitzt.
102. Warum liegt unser Hausschwein gern in einer Pfütze und auf dem Miste?
Der Freundlichkeit eines Landmannes verdanken wir es, daß wir einen Einblick in sein Gehöft und seinen Schweinestall werfen dürfen. Eines seiner Schweine liegt in einer Pfütze, während ein anderes sich auf dem Miste herumtreibt. Nachher legt es sich in die Sonne und macht ein höchst zufriedenes Gesicht. Da es eine Sau ist, so trifft hier die Bezeichnung »sauwohl« vollkommen zu.
Die Vorliebe des Schweines für den Mist darf nicht mit dem Maßstabe des Menschen gemessen werden. Wie der Hund, so ist das Wildschwein von Hause aus ein Aasfresser. Auf dem Misthaufen findet es also vieles, was ihm naturgemäß und sehr bekömmlich ist.
Alle Nachttiere lieben, wie wir wissen, die Bestrahlung durch die Sonne. Das Wildschwein ist ein ausgesprochen nächtliches Tier.
Dem viel stärkeren Schwein, das in der Pfütze liegt, ist es dagegen schon zu warm. Um das Wälzen in der Pfütze zu verstehen, müssen wir uns folgendes vergegenwärtigen.
Als wir im Zoologischen Garten waren, hatten sich die Wildschweine eine Art Grube gemacht, in der sie behaglich ruhten. Wer die Lebensweise des Wildschweins kennt, konnte keinen Augenblick im Zweifel darüber sein, was sie mit diesem Liegen in der Bucht bezweckten. Es war damals auch warm, und an warmen Tagen sehnt sich das Wildschwein nach seiner geliebten Suhle. Darunter versteht man ein mit Wasser, Moor, Schlamm u. dgl. ausgefülltes Loch. Solche sucht das Wildschwein gern auf, um sich darin zu wälzen. Einmal erzielt das Wildschwein dadurch eine Abkühlung, sodann aber bleibt der Schlamm auf seiner Haut sitzen. Nachdem er trocken geworden ist, bietet er ein gutes Abwehrmittel gegen Insekten.
103. Welches sind die Vorzüge unseres Hausschweins?
Wie ungeheuer nützlich das Hausschwein ist, haben wir alle am eigenen Leibe schmerzlich erfahren. Worin bestehen die großen Vorzüge des Hausschweins?
Erstens kann es mit verhältnismäßig geringem Futter aufgezogen, dann schnell fettgemacht werden. Es liefert vortreffliches Fleisch und fetten Speck, der durch Salzen und Räuchern leicht aufzubewahren ist.
Zweitens hat es nicht nur ein Junges wie das Pferd oder manchmal Zwillinge wie die Kuh, sondern die Sau hat 10, ja 20 Ferkel. Die Vermehrung ist also im Vergleich zu den anderen nutzbringenden Haussäugetieren ungeheuer groß.
Ich habe oft in früheren Zeiten bei kleinen Leuten gewohnt und mich darüber gefreut, wie gut die Schweine bei ihnen gediehen. Sie kauften gewöhnlich im Frühjahr ein paar Ferkel, weil sie damals noch zu dieser Zeit viel Kartoffeln und Ueberfluß an Milch hatten. Den Sommer über wurden die Tiere mit allerlei Grünzeug, namentlich mit dem Unkraut und den Abfällen der Mahlzeiten gefüttert. Im Oktober war dann die Kartoffelernte, so daß man reichlich mit Kartoffeln füttern konnte, ebenso im November. Im Dezember wurde Gerstenschrot gefüttert und um Weihnachten herum gewöhnlich geschlachtet. Was für Prachtstücke hatten die Leute manchmal herangefüttert! Wurde man zum Schweineschlachten eingeladen, was in früheren Zeiten etwas Selbstverständliches war, so konnte man trotz des ursprünglichen Riesenhungers seine Portion Wellfleisch und warme Wurst kaum bezwingen.
104. Warum gedeihen die Schweine bei kleinen Leuten so gut?
Die vorhin geschilderte Art und Weise, wie der kleine Mann seine Schweine behandelt, hat sehr günstige Erfolge. Sie dürften in folgenden Dingen ihren Grund haben.
Je mehr Tiere zusammenstehen, desto gefährlicher werden die Ausscheidungen. Bei den zwei Schweinen, die ich gewöhnlich im Stalle angetroffen habe, war es in dieser Hinsicht nicht so schlimm.
Die einfachen Leute auf dem Lande haben den ganz richtigen Grundsatz: Das Tier weiß besser, was ihm guttut, als der Mensch. Der Mensch soll sich nach dem Tiere richten, aber nicht das Tier belehren wollen.
Selbstverständlich überfressen sich Haustiere in ihrer Gier, ebenso nehmen sie ohne Wahl, was man ihnen in den Futterkübel wirft. Da diese Eigentümlichkeit ganz bekannt ist, so nimmt man darauf Rücksicht.
Im übrigen paßt man darauf auf, was das Tier beim Fressen bevorzugt. So gelangt man zu einer naturgemäßen Fütterung. Man bringt den Schweinen junge Disteln und Brennesseln, ebenso Schnecken und andere tierische Nahrung. Denn das Wildschwein ist ein halbes Raubtier, das tierische Stoffe braucht. Diese Abwechselung trägt zum Wohlbefinden der Schweine sehr bei.
Durch das Grünfutter im Sommer bleiben die Schweine mager. Auch das Wildschwein setzt erst gegen den Herbst zu Speck an. So bleiben die Schweine gesund und werden selten von den in unsern Schweineställen fortwährend herrschenden Seuchen ergriffen.
Ein großer Vorteil ist es, daß das Schlachten bei Eintritt der kalten Jahreszeit stattfindet. Denn dadurch ist die Möglichkeit gegeben, Schinken und Speck recht lange aufzubewahren.
105. Wie soll der Schweinestall beschaffen sein?
An sich ist die Stallhaltung unnatürlich und deshalb ungesund. Zuchttiere, d. h. Tiere, von denen man Nachkommenschaft ziehen will, dürfen auch nicht dauernd im Stalle stehen, wenn man Freude an seiner Zucht haben will. Bei Tieren jedoch, die geschlachtet werden sollen, brauchen die gesundheitlichen Grundsätze nicht so streng beobachtet zu werden.
Gerade das Schwein stellt große Anforderungen an den Stall. Das soll nicht heißen, daß es Luxusbauten wünscht, -- im Gegenteil. Wenn ein Schwein im Winter sich in den warmen Düngerhaufen einschieben kann, dann ist ihm höchst wohl zumute. Und diese Art Stallung kostet gar nichts. Im Sommer dagegen soll der Stall kühl sein.
Das ist nur aus der Lebensweise des Wildschweins zu erklären. Im Sommer sucht es, wie wir wissen, eine kühle Suhle auf. Im Winter dagegen liegt es in einem warmen Kessel. Das Schwein will also vor allen Dingen im Winter einen warmen Fußboden. Es ist ein Warmfüßler im Gegensatz zum Pferde, das als Steppentier ohne Schaden bei großer Kälte auf kaltem Fußboden stehen kann.
Weil es nun nicht immer leicht ist, einen Schweinestall mit warmem Boden herzustellen, so entgeht der einfache Mann durch Schlachtung seiner Schweine zu Beginn der eigentlichen Winterszeit allen weiteren Sorgen.
Im Luxusbau sind gewöhnlich kalte Fußböden, schlechte Luft, obendrein Zugluft und der feuchte Niederschlag von den Ausdünstungen. Es ist daher kein Wunder, daß Seuchen unter den Schweinen gar kein Ende nehmen.
Zum Wohlbefinden der Schweine gehören auch Pfähle, an denen sich das Schwein reiben kann. Denn das Wildschwein fühlt sich ganz besonders wohl, wenn es sich an Baumstämmen gehörig reiben kann. Solche Pfähle fehlen bei Luxusbauten, während sie der praktische Landwirt oft anbringt. Auch in unserem Zoologischen Garten sind sie glücklicherweise angebracht, und ihre starke Abnutzung zeigt, wie dringend notwendig sie sind.
106. Warum frißt die Sau die eigenen Ferkel?
Ein großer Schmerz für den Landwirt ist es, daß manche Sauen ihre eigenen Kinder fressen. Alle Mittel, die man dagegen anwendet, taugen im allgemeinen nicht viel.
Wir Menschen sind entsetzt, daß eine Mutter so entartet sein kann. Aber ist unser Standpunkt richtig?
Mir ist kein Fall bekannt, daß eine Wildsau ihre Frischlinge gefressen hat. Vielmehr weiß jeder Jäger, daß sie ihre Jungen mit Aufopferung ihres Lebens verteidigt.
Deshalb wird die Schuld an uns liegen. Das Wildschwein ist ein halbes Raubtier, das mit Vorliebe Aas frißt. Dem Hausschwein geben wir aber regelmäßig nur Pflanzennahrung. Ist es da ein Wunder, daß der andauernd unterdrückte Fleischhunger sich gewaltsam Bahn macht?
Erfahrene Schweinezüchter haben mir übrigens versichert, daß eine Sau nur kranke oder lebensunfähige Ferkel frißt. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen.
Der Stieglitz, den man mit einem Kanarienvogelweibchen paart, frißt die Eier des Weibchens, weil wir ihm keine Räupchen geben, die Hühner reißen sich die Federn aus, weil sie im Frühjahr Mangel an tierischer Nahrung haben. Auch sie werden durch falsche Fütterung zu halben Kannibalen.
107. Muß ein gutes Schwein alles fressen?
Bekannt ist der Satz, daß ein gutes Schwein alles fressen muß. Ich kann ihn leider nicht unterschreiben. Ich weiß sehr wohl, daß das Schwein einen sehr großen Speisezettel besitzt, da es sowohl Pflanzenfresser als auch ein halbes Raubtier ist. Dennoch gibt es gewisse Dinge, die das Schwein nicht frißt. So ließen alle Schweine trotz des größten Hungers Kastanien liegen, während Schafe, wie wir noch besprechen werden, sie gierig fraßen.
Auch mit gesalzenen Dingen muß man beim Schweine sehr vorsichtig sein. Für Wiederkäuer, auch für Pferde, ist Salz bekömmlich. Für alle Raubtiere ist Salz jedoch sehr nachteilig.
Gesalzenes Pökelfleisch, ebenso Heringslake haben schon oft den Tod von Schweinen herbeigeführt. Das kam daher, weil man auf den Satz schwor, daß ein gutes Schwein alles fressen muß.
Uebrigens frißt das Schwein auch Heu und Stroh ungehäckselt nicht.
108. Die Fütterung der Schweine mit Rohrwurzeln.
Immer wieder muß ich betonen, daß wir zu einem richtigen Verständnis eines Haustieres nur gelangen, wenn wir die Lebensweise seiner wilden Verwandten erforschen.
Bereits lange vor Ausbruch des Krieges habe ich darauf hingewiesen, daß wir auf diesem Wege auch zur Erlangung neuer Futtermittel für unsere Haustiere gelangen. So war es mir aufgefallen, daß das Wildschwein im Winter gern die Farnwurzeln frißt, ebenso die Wurzeln von Schilfrohr.
Praktische Schweinezüchter haben mir bestätigt, daß die Farnwurzeln ein sehr bekömmliches Futter für Hausschweine sind. In Amerika ist es, wie mir mitgeteilt wurde, an vielen Stellen üblich, Schweine mit Farnwurzeln zu füttern. Ebenso sind die verwilderten Hausschweine an der Westküste Neuseelands von den Eingeborenen ausgerottet worden aus Furcht, die Schweine möchten die Farnwurzeln vollends zerstören, auf welche die Eingeborenen zu ihrer Nahrung besonders angewiesen sind.
Die Vermutung spricht daher dafür, daß auch die Rohrwurzeln für Schweine ein bekömmliches Futter sind.
Es hat daher mein höchstes Interesse erweckt, daß der Rohstoffverband in Charlottenburg jetzt in großzügiger Weise die Rohrwurzeln mit Greifern und Baggern gewinnen und daraus ein Futtermittel »Fragmit« herstellen läßt. Der Name ist verdeutscht aus _phragmites communis_, das Schilfrohr.
Es scheint mir das ein sehr glücklicher Gedanke zu sein, da hierdurch folgendes erzielt wird:
1. Gewinnung eines Futtermittels von hohem Zuckergehalt,
2. Verhinderung der Verlandung der Seen und Flüsse,
3. Ausnutzung von hunderttausend Hektaren Land, die jetzt vollkommen tot daliegen.
Es liegt im vaterländischen Interesse, alle Bestrebungen zu unterstützen, die eine größere Ausbeute der heimischen Naturschätze gestatten und uns dadurch, wenn auch vorläufig nur wenig, von der Einfuhr ausländischer Futtermittel unabhängig machen. Es wäre daher sehr erwünscht, wenn praktische Schweinezüchter Versuche mit »Fragmit« anstellen würden.