Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten
Part 19
Ich erzählte früher (Kap. 9) von unserm blinden Hunde, der zwei Jahre lang sich darin nicht irrte, wie die einzelnen Möbel in unserer Wohnung standen, und sich niemals daran stieß, wenn man sie in ihrer Stellung ließ. Er wußte ferner auf der Treppe Bescheid, in unserm Garten und auf der Straße. Welche Riesenleistung ist das, wenn man sich das vergegenwärtigt! Welcher Mensch könnte auch nur die Stellung der Möbel einer einzigen Stube im Kopfe so sicher haben, daß er im Dunkeln nirgends daran stieße! Als wir später die Wohnung im Hause wechselten und eine Treppe hoch zogen, mußte sich der Hund erst die neue Stellung der Möbel merken. Aber das gelang ihm in überraschend kurzer Zeit. Schwerlich hätte ihm ein blinder Mensch das nachgemacht.
Wie wäre es möglich, daß man ein Pferd kauft und erst zu Hause merkt daß es blind ist. Ohne den Ortssinn der Pferde könnte es gar nicht den Eindruck eines sehenden Geschöpfes machen.
Bei Schwadronspferden ist oft festgestellt worden, daß sie erblindet waren, ohne daß es einer von den Mannschaften oder den Vorgesetzten gemerkt hatte. Wie wäre es denkbar, daß ein Mensch in einer Schule, in einer Kaserne, in einer Fabrik erblindet, ohne daß diese Blindheit irgendwie von seinen Kameraden entdeckt wird.
Der Blinde bei uns sucht einen Führer, namentlich wenn er ein Städter ist. Ohne Frage haben wir Menschen früher ebenfalls den Ortssinn der Säugetiere besessen. Auf dem Lande habe ich Blinde kennengelernt, die sich allein auf schwierigen Wegen zurechtfanden. Ohne das Vorhandensein eines Ortssinnes läßt sich eine solche Leistung nicht verstehen.
Den Ortssinn können wir am besten beim Pferde beobachten, wenn es seine regelmäßigen Fahrten macht. Es bleibt dann mit tödlicher Sicherheit vor dem Hause, in dem der Kunde wohnt, stehen.
Auf dem Lande kennt man allgemein die Fähigkeit der Pferde, den richtigen Platz wiederzufinden. Selbst in Berlin habe ich vor dem Kriege einen solchen Fall mit dem Kutscher eines Bäckermeisters erlebt und vorhin (Kap. 70) erzählt.
Das Pferd kann weder lesen noch kennt es die Hausnummern. Trotzdem irrt es sich in den Häusern nicht, gleichgültig, ob man die Nummern verdeckt oder nicht.
Beim Hunde können wir den Ortssinn, wie bereits erwähnt wurde, ebenfalls häufig beobachten. Wir Menschen müssen uns Mühe geben, beispielsweise uns die Querstraßen der Friedrichstraße zu merken. Man sollte meinen, daß ein Hund, der nicht lesen kann, sich allein hier niemals zurechtfindet. Das Gegenteil ist der Fall. Wie der früher erwähnte junge Hund von dem Michaelkirchplatz nach Pankow auf schnellem Wege fand, so wurde mir auch von Bekannten versichert, daß ihre Hunde, die zum ersten Male mitgenommen waren, trotzdem die Querstraßen nicht verwechselten. Beispielsweise ließ einer, der in der Zimmerstraße wohnt, absichtlich seinen Hund in der Jägerstraße allein, um ihn beim Rückwege von fern zu beobachten.
Häufig sehen sich zwei Nachbarhäuser zum Verwechseln ähnlich. Der Mensch sieht dann genau hin, um zu prüfen, ob es die richtige Nummer ist. Bei einem Hunde wird man niemals ähnliches beobachten.
Wie sollte sich ein Pferd in der endlosen Steppe ohne Kompaß zurechtfinden, wenn es nicht einen Ortssinn besäße? Die Sonne kann ihm nichts nützen, da es als Nachttier auch in der Dunkelheit finden muß.
Eine wie große Macht der Ortssinn auf das Tier ausübt, konnte man in Amerika recht deutlich an den Prärie-Bisons oder Büffeln sehen. Seit Jahrtausenden machten diese Tiere ihre Wanderungen auf gewissen ganz bestimmten Wegen. Jetzt wurde durch die Ausdehnung der Bevölkerung das Land, auf dem sich ein solcher Weg befand, urbar gemacht und mit Getreide bestellt. Als die Wanderzeit herankam, erschienen die Bisons und liefen mitten durch das Getreide genau an den Stellen, wo früher ihre Wege gewesen waren.
Ohne den Ortssinn der Tiere wäre es undenkbar, daß man ihre Blindheit nicht sofort merkt. Ebenso rührt das Anstaunen des neuen Tores durch eine Kuh von ihrem Ortssinn her, wobei noch hinzukommt, daß ihr Gesicht sehr schwach ist.
90. Weitere Vergleiche zwischen Rind und Pferd.
Das in der Nähe der Herde weidende Pferd gibt uns noch Gelegenheit, einige weitere Vergleiche zwischen ihm und den Rindern anzustellen.
Zunächst sehen wir, daß das Pferd einen schmalen Kopf hat im Vergleich zum Rinde, das unser Schiller »breitgestirnt« nennt. Die Erklärung ist folgende.
Ein schneller Renner muß einen schmalen Kopf haben, um die Luft schnell zu durcheilen. Das Rind ist kein schneller Renner, wohl aber das Pferd. Vorteilhaft ist es auch, wenn ein Renner kleine Ohren hat, wie z. B. der Windhund sie besitzt. Aus dem gleichen Grunde trägt das Pferd kleine Ohren.
Wir sehen ferner, daß beide Tierarten ihre Nahrung vom Erdboden aufnehmen. Da Pferde und Rinder eine ziemliche Größe besitzen, so ist das nicht so einfach zu bewerkstelligen. Das Pferd mußte zu diesem Zwecke einen langen Hals und einen langgestreckten Kopf erhalten.
Auch das Rind hat zu diesem Zwecke einen langen Kopf. Sein Hals brauchte nicht so lang wie beim Pferd auszufallen, da es etwas anders gebaut ist.
Die Kuh muß einen gespaltenen Huf haben, weil das Rind seine eigentliche Heimat in feuchten Wäldern hat. Durch sein Gewicht sinkt es etwas in den Boden ein und braucht schon aus diesem Grunde nicht einen so langen Hals wie das Pferd. Denn dieses lebt auf der trockenen Steppe, wo es niemals einsinkt.
Unsere Rinder gehen heute noch mit großem Vergnügen in den Wald. Das ist ein Beweis, daß sie hier ihre eigentliche Heimat finden. Jeder Zweifel wird dadurch ausgeschlossen, daß verwilderte Rinder stets nach Wäldern flüchten und sich dort aufhalten. Kein Haustier verwildert vielleicht so rasch wie das Rind. Es kommt immer wieder vor, daß sich Rinder bei der Beförderung losreißen und die Freiheit erringen, ehe sie wieder ergriffen wurden.
Verwilderte Rinder führen ganz das Leben wie unsere Hirsche. Sie bleiben am Tage im Dickicht des Waldes verborgen und treten mit Einbruch der Dämmerung aus, um sich ihre Nahrung zu suchen.
Weil das Rind auf dem schwankenden Boden des Sumpfes heimisch ist, deshalb steht es gewöhnlich kuhhessig, d. h. seine Sprunggelenke an den Hinterfüßen sind auffallend genähert. Wir wissen, daß das Rind im Gegensatz zum Pferde ein wehrhafter Pflanzenfresser ist. Um dem Gegner auf dem schwankenden Sumpfboden besser standzuhalten, ist bei dem Rinde die Standfläche etwas vergrößert. Genau aus dem gleichen Grunde stellen Leute, die schwere Lasten zu schieben haben wie z. B. die Bäcker, ihre Beine auseinander. Das Rind hat von Natur Kuhhessigkeit, der Mensch nur ausnahmsweise Bäckerbeine.
Bei dem Pferde, das sich in der Regel nicht verteidigt und auf dem harten Boden der Steppe steht, ist Kuhhessigkeit nicht erforderlich und deshalb ein Fehler.
Den langen Kopf brauchen Pferde und Rinder nicht nur deswegen, weil sie ihre Nahrung vom Boden aufnehmen, sondern weil alle Tiere mit feiner Nase, also alle Nasentiere, den Boden erreichen müssen. Denn der größte Vorzug eines Nasentieres ist es, niemals seine Kameraden verlieren zu können. Es braucht nur seine Nase auf die Erde zu setzen und ihnen zu folgen. Augentiere können sich dagegen leicht verlieren. Menschen geraten in die größte Bedrängnis, wenn sie in der Wildnis von ihren Kameraden im Stich gelassen sind.
Je wichtiger ein Sinn ist, desto mehr wird er behütet, je unwichtiger er ist, desto leichter geht er verloren. Weil bei Pferden und Rindern der Geruch der feinste Sinn ist, deshalb wird es schwerlich ein riechunfähiges Pferd oder Rind geben. Dagegen ist Blindheit nicht selten, und namentlich ist Blindheit auf einem Auge ungemein häufig. Dem Menschen ist das schon längst aufgefallen, und es ist daraus die Redensart entstanden: Auf einem Auge war die Kuh blind.
Weil der Geruch bei Pferden und Rindern sehr fein ist, deshalb ist ihre Nase sehr empfindlich. In der Praxis hat man diese Eigentümlichkeit zu folgenden Zwecken ausgenützt. Um Pferde zu operieren, wendet man die Nasenbremse an, welche die Nüstern zusammenquetscht. Dadurch werden so wahnsinnige Schmerzen erregt, daß die Pferde gegen andere Schmerzen unempfindlich sind. Um den Stier zu lenken, zieht man ihm einen Ring durch die Nase. Das Ziehen am Ringe hat wegen der Empfindlichkeit der Nase große Wirkung.
91. Geschichten vom Rind.
Bei dem schon erwähnten Schweizer Naturforscher finden wir eine prächtige Schilderung des Rindviehs seiner Heimat. Folgende Stellen davon sollen hier ihren Platz finden:
Den Rindviehherden auf den Alpen fehlt mitunter jede Stallung. Die Kühe treiben sich in den Revieren ihrer Alp umher und weiden das kurze würzige Gras ab, das weder hoch noch reichlich wächst. Fällt im Früh- oder Spätjahr plötzlich Schnee, so sammeln sich die brüllenden Herden vor den Hütten, wo sie kaum Obdach finden, wo ihnen der Senne oft nicht einmal eine Hand voll Heu zu bieten hat. Hochträchtige Kühe müssen oft weit entfernt von menschlichem Beistand kalben und bringen am Abend dem erstaunten Sennen ein volles Euter und ein munteres Kalb vor die Hütte; nicht selten aber gehts auch schlimmer ab. In einigen Kantonen hat man in neuester Zeit endlich die Erbauung ordentlicher Ställe durchgesetzt. Das Leben der »schönen, breitgestirnten, blanken Rinder« auf den »freien Höhen« darf man sich nicht allzu rosig denken.
Und doch ist auch dem schlechtgeschützten Vieh die schöne, ruhige Zeit des Alpenaufenthaltes überaus lieb. Man bringe nur jene große Vorschelle, welche bei der Fahrt auf die Alp und bei der Rückkehr ihre weithin tönende Stimme erschallen läßt, im Frühling unter die Viehherde im Tal, so erregt dies gleich die allgemeine Aufmerksamkeit. Die Kühe sammeln sich brüllend in freudigen Sprüngen und meinen, das Zeichen der Alpfahrt zu vernehmen. Und wenn diese wirklich begonnen wird, wenn die schönste Kuh mit der größten Glocke am bunten Band behangen und wohl mit einem Strauße zwischen den Hörnern geschmückt wird, wenn das Saumroß mit dem Käsekessel und Vorräten bepackt ist, die Melkstühle den Rindern zwischen den Hörnern sitzen, die saubern Sennen ihre Alpenlieder anstimmen und der jauchzende Jodel durchs Tal schallt, dann soll man den trefflichen Humor beobachten, in dem die gut-, oft übermütigen Tiere sich in den Zug reihen und brüllend den Bergen zumarschieren. Im Tal zurückgehaltene Kühe folgen oft unversehens auf eigene Faust den Gefährten auf entfernte Alpen. Freilich ist es bei schönem Wetter auch für eine Kuh gar herrlich hoch im Gebirge. Das Frauenmäntelchen, Mutterkraut, der Alpenwegerich bieten dem schnobernden Tiere die trefflichste und würzigste Nahrung. Die Sonne brennt nicht so heiß wie im Tale. Die lästigen Bremsen quälen das Rind während des Mittagschläfchens nicht und leidet es vielleicht noch von dem Ungeziefer, so sind die zwischen den Tieren ruhig herumlaufenden Stare und gelben Bachstelzen stets bereit, ihnen die erforderlichen Liebesdienste zu erweisen. Die gute, freie Luft schmeckt ihm auch besser als der stinkende Qualm der dumpfigen Ställe, und die stete Bewegung, die natürliche Diät, nach der es frißt, wenn es eben Lust hat und was ihm zusagt, der beliebige Verkehr mit den gehörnten Kolleginnen, alles dies trägt dazu bei, das Vieh munter, frisch und gesund zu erhalten, wie es denn überhaupt Tatsache ist, daß die in mancher Hinsicht so vorteilhafte Stallfütterung den Grund von einer Menge Krankheiten bildet, denen das Alpenvieh nicht anheimfällt. Ebenso geht bei diesem der Prozeß der Fortpflanzung viel regelmäßiger und naturgetreuer vor sich als bei jenem.
Man meint nicht mit Unrecht, das Vieh des Hochgebirges sei klüger und munterer als das des Tales. Das naturgemäße Leben bildet den natürlichen Instinkt besser aus. Das Tier, das fast ganz für sich sorgen muß, ist aufmerksamer, sorgfältiger, hat mehr Gedächtnis als das stets verpflegte. Die Alpkuh weiß jede Staude, jede Pfütze, kennt genau die besseren Grasplätze, weiß die Zeit des Melkens, kennt von fern die Lockstimme des Hüters und naht ihm zutraulich; sie weiß, wann sie Salz bekommt, wann sie zur Hütte und zur Tränke muß. Sie spürt das Nahen des Unwetters, unterscheidet genau die Pflanzen, die ihr nicht zusagen, bewacht und beschützt ihr Junges und meidet achtsam gefährliche Stellen. Letzteres aber geht bei aller Vorsicht doch nicht immer gut ab.
Sehr ausgebildet ist namentlich bei dem schweizerischen Alpenrindvieh jener Ehrgeiz, der das Recht des Stärkeren mit unerbittlicher Strenge handhabt und danach eine Rangordnung aufstellt, der sich alle fügen. Die »*Heerkuh*«, welche die große Schelle trägt, ist nicht nur die schönste, sondern auch die stärkste der Herde und nimmt bei jedem Umzug unfehlbar den ersten Platz ein, indem keine andere Kuh es wagt, ihr voranzugehen. Ihr folgen die stärksten »Häupter«, gleichsam die Standespersonen der Herde. Wird ein neues Stück zugekauft, so hat es unfehlbar mit jedem Gliede der Genossenschaft einen Hörnerkampf zu bestehen und nach dessen Erfolgen seine Stelle im Zuge einzunehmen. Bei gleicher Stärke setzt es oft böse, hartnäckige Zwiegefechte ab, da die Tiere stundenlang nicht von der Stelle weichen. Die Heerkuh, im Vollgefühl ihrer Vorherrschaft, leitet die weidende Herde, geht zur Hütte voran, und man hat oft bemerkt, daß sie, wenn sie ihres Ranges entsetzt und der Vorschelle beraubt wurde, in eine nicht zu besänftigende Traurigkeit verfiel und ganz krank wurde.
So vertraut die Sennen mit ihrem Vieh sind und so gern eine jede Kuh dem Namen, mit dem sie gerufen wird, folgt, so gibt es doch auch fast in jedem Sommer Stunden der vollen Anarchie, in der alle Ordnung in der Herde reißt und der Senne sie fast nicht mehr zu halten weiß. Wir meinen die Stunden der nächtlichen Hochgewitter, die den Alpenbewohnern wahre Not- und Schreckensstunden sind. Jetzt springen die halbnackten Sennen, die Milcheimer über die Köpfe gestürzt, unter die zerstäubende Schar, johlend, fluchend, lockend und die heilige Mutter anrufend. Aber das tolle Vieh hört und sieht nichts mehr. In schauerlichen Tönen, halb stöhnend, halb brüllend, rennt es blind mit vorgestrecktem Kopfe, den Schwanz in den Lüften, geradeaus. Das ist eine Stunde des Schreckens und Unheils. Die Sennen wissen sich nicht zu helfen; bald schwarze Nacht, bald blendendes Feuer; der Hagel klappert auf dem Eimer und zwickt die nackten Arme und Beine mit scharfen Hieben, während alle Elemente im greulichen Aufruhr sind.
Bei jeder größeren Alpenviehherde befindet sich ein Zuchtstier. Er bewacht sein Vorrecht mit sultanischer Ausschließlichkeit und ausgesprochenster Unduldsamkeit. Es ist selbst für den Sennen nicht ratsam, vor seinen Augen eine rindernde Kuh von der Sennte zu entfernen. In den öfter besuchten tieferen Weiden dürfen nur zahme und gutartige Stiere gehalten werden; in den höheren Alpen trifft man aber oft sehr wilde und gefährliche Tiere. Da stehen sie mit ihrem gedrungenen, markigen Körperbau, ihrem breiten Kopf mit krausem Stirnhaar, am Wege und messen alles fremdartige mit stolzen, jähzornigen Blicken. Besucht ein Fremder, namentlich in Begleitung eines Hundes, die Alp, so bemerkt ihn der Herdenstier schon von weitem und kommt langsam, mit dumpfem Gebrülle heran. Er beobachtet den Menschen mit Mißtrauen und Zeichen großen Unbehagens, und reizt ihn an der Erscheinung desselben zufällig etwas, vielleicht ein rotes Tuch oder ein Stock, so rennt er geradeaus mit tiefgehaltenem Kopfe, den Schwanz in die Höhe geworfen, in Zwischenräumen, wobei er öfter mit den Hörnern Erde aufwirft und dumpf brüllt, auf den vermeintlichen Feind los. Für diesen ist es nun hohe Zeit, sich zur Hütte, hinter Bäume oder Mauern zu retten; denn das gereizte Tier verfolgt ihn mit der hartnäckigsten Leidenschaftlichkeit und bewacht den Ort, wo es den Gegner vermutet, oft stundenlang. Es wäre in diesem Falle töricht, sich verteidigen zu wollen. Mit Stoßen und Schlagen ist wenig auszurichten, und das Tier läßt sich eher in Stücke hauen, ehe es sich vom Kampfe zurückzöge. Selbst unter den Sennen gibt es nur sehr selten Männer, die sich einem solchen Angriffe stellen; nur einmal sahen wir, wie ein Aelpler mit bewundernswerter Kaltblütigkeit einen angreifenden Stier mit der rechten Hand bei einem Horn packte, mit der Linken ihm ins Maul fuhr und die Zunge ergriff, dann diese rasch umdrehte und so den Stier mit herkulischer Kraft herumriß und auf den Boden warf. Später wagte sich das gebändigte Tier nie mehr an einen Menschen. Schlimmer erging es bei einem solchen Stierkampfe dem Wirte auf dem Ofnerpaß (Engadin), Simi Gruber, einem Manne von athletischer Gestalt und großer, auf Bären- und Gemsenjagden oft bewährter Kraft. Er sömmerte auf seinen Bergweiden eine Herde Stiere, von denen er einen als »einen stechenden Stier« kannte und dem er immer sorgsam auswich. Eines Tages wollte er eine Kuh zu den Tieren führen, sah sich aber plötzlich seitwärts von einem Tiere, das er bisher immer für gutartig gehalten hatte, mit den Hörnern gepackt und auf die Erde gestoßen. Hier faßte er den schnaubenden Stier so rasch als möglich mit der einen Hand beim Ohr, mit der anderen an der Nase und warf ihn mit einem kräftigen Ruck nieder. Kaum aber war er wieder auf den Füßen, als auch das wütende Tier wieder aufsprang und ihn zum zweiten Male auf den Boden stieß. In gleicher Weise riß Gruber auch diesmal seinen Feind neben sich nieder und hielt ihn mit Macht so lange auf dem Boden, bis er sich gefaßt hatte, mit raschen Sprüngen sein Bergwirtshaus zu erreichen. Der gebändigte Stier stand auf, kam dumpf brüllend bis an die Tür und wollte nicht weichen. Da nun gerade eine fremde Familie abzureisen beabsichtigte, wollte der Wirt Platz machen, griff zu einem tüchtigen Sparren und trat vor das Haus, um mit einem gewaltigen Hiebe dem Stier ein Horn abzuschlagen. Allein der Stier wich mit einer Seitenbewegung aus, rannte den Mann zum dritten Male nieder, stieß ihn wütend auf der Erde und warf den bewußtlos Gewordenen mit den Hörnern wie einen Ball hinter sich. Dann ging er eine Strecke weiter, blieb wieder stehen, kehrte zu seinem überwundenen Gegner zurück, beroch ihn wiederholt und kehrte nun erst, nachdem er kein Leben mehr in dem Manne gewahrt hatte, auf die Weide zurück. Gruber wurde für tot aufgehoben; als er zum Bewußtsein gebracht worden, zeigte sich's, daß er bei dem Stierkampfe ein Bein gebrochen und mehrere schwere Verletzungen erhalten hatte. Die Bergkühe, die nur ausnahmsweise einen Menschen angreifen werden, zeigen oft heftigen Widerwillen gegen fremde Hunde und vereinigen sich oft zum erbitterten Kampfe, wobei der Gegner es stets vorzieht, mit eingeklemmtem Schwanze das Weite zu suchen.
Die festlichste Zeit für das Alpenrindvieh ist ohne Zweifel der Tag der Alpfahrt, die gewöhnlich im Mai stattfindet, ein Tag, der auch im Leben des Aelplers von Bedeutung ist. Jede der ins Gebirge ziehenden Herden hat ihr Geläut. Die stattlichsten Kühe erhalten, wie bemerkt, die ungeheuren Schellen, die oft über einen Fuß im Durchmesser halten und 40 bis 50 Gulden kosten. Es sind Prunkstücke des Sennen; mit drei oder vier solchen, in harmonischem Verhältnis zueinander stehenden, läutet er von Dorf zu Dorf seine Abfahrt ein. Zwischenhinein tönen die kleineren Erzglocken. Voraus geht ein Handbub mit sauberm Hemde und kurzen gelben Beinkleidern; ihm folgen die Kühe mit dem Herdenstier in bunter Reihe, dann oft etliche Kälber und Ziegen. Den Beschluß macht der Senn mit dem Saumpferde, das die Milchgerätschaften, Bettzeug u. dgl. trägt, und mit buntem Wachstuche bedeckt ist. An diesem Tage besonders ertönt der Kuhreigen, den jeder Alpendistrikt in eigentümlicher Weise besitzt. Es ist dies jener höchst eigentümliche jauchzende Gesang, dessen ältester Text sich nur noch in einzelnen Versen vorfindet, während seine Melodie in stundenlangen Trillern, Jodeln, bald hüpfenden, bald gedehnten Tönen besteht. Etwas anderes ist der einfache Jodel, der keine Worte hat, sondern bloß in schnell wechselnden, oft in der Tiefe anhaltenden und rasch in die Höhe steigenden, seltsamen, melodischen Tonverbindungen besteht, mit denen der Hirte die Kühe herbeilockt, seine Kameraden begrüßt und dessen er sich überhaupt als Fernsprache im Gebirge bedient. Trauriger als die Alpfahrt ist für Vieh und Hirt die Talfahrt, die in ähnlicher Ordnung vor sich geht. Gewöhnlich ist sie das Zeichen der Auflösung des familienartigen Herdenverbandes.
92. Welches sind die Feinde des Rindes?
In Europa haben die großen Pflanzenfresser ihre Feinde in den Bären und Wölfen. Der Luchs überfällt nur junge Tiere. In den heißen Ländern sind, wie schon erwähnt, die großen Katzenarten, also namentlich Löwe und Tiger, die gefährlichsten Feinde der Rinder.
Das Benehmen der Schweizer Rinder, falls sie von einem Bären angegriffen werden, schildert unser Gewährsmann folgendermaßen:
Gegenüber den Angriffen der reißenden Tiere, besonders denen der in den südlichen Alpen noch immer allzu häufigen Bären, beweist das Rindvieh des Gebirges feinen Instinkt und festen Mut. Schleicht sich so in der Stille auf leisen, breiten Tatzen ein Bär heran, so wittern bei ruhigem Wetter die Kühe schon von weitem den Mörder, brüllen heftig, eilen gegen die Hütten oder rasseln, wenn sie angebunden sind, so laut und anhaltend mit ihren Ketten, daß die Sennen auf die Gefahr aufmerksam werden. Immer sucht das Raubtier von hinten anzukommen, da auch das halberwachsene Rind im Notfall auf die Kraft seiner Hörner vertraut. Ist es dem Bären aber gelungen, eine Kuh niederzureißen und zu zerfleischen, so sammeln sich die versprengten Kühe sonderbarerweise ziemlich rasch wieder dicht um den Räuber, schauen mit gesenkten Hörnern, heftig schnaubend und von Zeit zu Zeit dumpf aufbrüllend dem Fraße zu, als ob sie Lust hätten, ohne alle Scheu den Feind anzufallen. Nach der Aussage zuverlässiger Leute soll in diesem Falle der Bär sich nicht allzulange beim Mahle aufhalten, und es soll nie geschehen sein, daß er sich an eine zweite Kuh gewagt hätte. Bei anhaltendem Regen und dichtem Nebel wittert aber das Rindvieh die Raubtiere gar nicht, und es sind Beispiele bekannt, wo Bären dicht beim Vieh und den Hütten herumlauerten, ja selbst ein Rind angriffen, verzehrten oder forttrugen, ohne daß die übrige Herde etwas davon merkte oder irgendwelche Bewegung kundgab.
Das tolle Benehmen der Schweizer Kühe bei schweren Gewittern, das vorhin geschildert wurde, dürfte folgenden Grund haben. Wildrinder merken das Herannahen eines solchen Ungewitters rechtzeitig vorher und suchen geschützte Stellen auf. Die Schweizer Kühe sind als Haustiere an einem solchen Verfahren durch den Menschen gehindert. Deshalb geraten sie beim Ausbruch des Gewitters gewissermaßen in Verzweiflung.
Der Anspruch der Heerkuh auf den ersten Platz ist ausführlich geschildert worden. Wir sehen daraus, daß unser Dichter Schiller recht hat, wenn er im Tell sagt:
Das weiß sie auch, daß sie den Reihen führt, Und nähm ich ihr's (das Band), sie hörte auf zu fressen.
Uebrigens hat mir ein Bekannter, der zehn Jahre unter den Rinderherden in Südamerika lebte, genau das gleiche von dem ausgesprochenen Sinn der Rinder für eine Rangordnung erzählt.
93. Wie hoch ist der Milchertrag einer Durchschnittskuh?
Unsere Herde wird jetzt nach Hause getrieben, um gemolken zu werden.
Wildrinder haben nur Milch für ein oder zwei Kälber. Der Milchreichtum unserer Kühe ist erst künstlich vom Menschen angezüchtet worden. Ohne fortwährendes Melken würde die Milcherzeugung wieder zurückgehen.
Die Tragezeit der Kuh beträgt etwa 9½ Monate. Nach dem Kalben ist naturgemäß die Erzeugung der Milch sehr hoch. Etwa 300 Tage oder 10 Monate lang dauert die Laktation oder Milcherzeugung. Gute Kühe liefern während dieser Zeit den Tag bis zu 10 Liter, manche ausnahmsweise bedeutend mehr. Dann steht die Kuh gewöhnlich 6 Wochen trocken. Es gibt aber ausgezeichnete Kühe, die auch während dieser Zeit Milch liefern.
Der Milchertrag ist also außerordentlich verschieden. Es kommt aber nicht bloß auf den Milchertrag, sondern auch auf den Fettgehalt der Milch an.