Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten
Part 18
Der Esel hat den großen Vorzug, daß er ebensowohl tragen als ziehen, daß er 30 bis 40 Jahre tüchtig arbeiten kann, während ein Hund kaum 8 Jahre aushält und jedenfalls nur geringere Lasten fortschafft. -- Bei diesen Vorzügen des Esels erklärt sich seine Seltenheit nur daraus, daß er in der Jugend 2 bis 3 Jahre lang gefüttert werden muß, bevor er außer dem Ertrag seines gut düngenden Mistes, Nutzen bringt, ferner, daß er bei geringerer Vermehrung nicht leicht zu haben, endlich, daß er aus eben diesen Gründen nicht wohlfeil ist. -- Ganz anders möchte sich das Verhältnis gestalten, wenn Besitzer großer Güter oder Aktiengesellschaften eine kleine, aber kräftige Eselsrasse in Menge zögen und wohlfeil verkauften. -- Würden statt der Esel Pferdchen kleinster Rasse gezogen, so würde das Unternehmen noch willkommener sein. --
Der Sachverständige befindet sich im Irrtum, wenn er die Gebrauchszeit eines Ziehhundes auf knapp acht Jahre angibt. Ich kenne eine Menge, die bis zum fünfzehnten Jahre gezogen haben. Das ist auch der beste Beweis, daß mäßiges Ziehen für einen großen Hund sehr gesund ist.
Der Kohlenhändler und andere Kellerbewohner haben deshalb einen Ziehhund, weil er in einer Ecke des Kellers sein Lager haben kann und obendrein noch wacht. Wo sollen sie einen Esel oder ein kleines Pferd unterbringen? Futter für einen Hund ist immer noch leichter in einer Großstadt zu beschaffen als Futter für einen Einhufer.
Manche Menschen bilden sich auf ihre Tierfreundlichkeit etwas ein, wenn ihr großer Hund den Tag über auf dem Teppich liegt und als einzige Bewegung das mehrmalige Hinausführen auf die Straße hat. In Wirklichkeit liegt hier eine Tierquälerei vor, weil der Hund als zur Bewegung geschaffenes Raubtier hierbei verkümmern muß. Ebenso sind Maulkörbe mit einer ledernen oder blechernen Absperrung vor der Nase, die den Hund am Riechen hindert, als Tierquälerei zu bezeichnen. Noch schlimmer sind die armen Zwingerhunde daran. Warum hier nicht die Tierschutzvereine eingreifen, ist schwer zu verstehen. Ich habe manchen Aufenthalt in Jagdrevieren nur deshalb vorzeitig abgebrochen, weil ich auf die Dauer das zum Herzen gehende Geheul der armen Zwingerhunde nicht aushalten konnte.
Um Mißverständnisse zu vermeiden, erkläre ich ausdrücklich, daß ich ebenfalls grundsätzlich gegen die Verwendung des Hundes zum Ziehen bin, weil die aufgezählten Bedingungen in der Praxis nicht immer berücksichtigt werden.
77. Wie ist der Esel mit dem Maultier verwandt?
Maultiergespanne brauchen wir jetzt in der Großstadt nicht lange zu suchen. Da taucht bereits ein solches vor uns auf, das einer Brauerei gehört.
Die Verwandtschaft mit dem Esel ist, wie wir sehen, sehr groß. Lange Ohren, dünn behaarter Schwanz und zierliche Hufe fallen uns sofort in die Augen. Auch fehlt dem Maultier der stolze Ausdruck, den wir beim Pferde lieben. Das Maultier hat als Mutter ein Pferd und als Vater einen Esel. Beim Maulesel ist es umgekehrt. Uebrigens ist es bestritten, ob es irgendwo wirkliche Maulesel gibt.
Was sonst selten vorkommt, können wir beim Maultier beobachten. Es vereinigt die Vorzüge des Pferdes mit denen des Esels, nämlich die Größe und Kraft des Pferdes mit dem sicheren Tritt des Esels. In gebirgigen und warmen Ländern sind daher Maultiere sehr geschätzt.
Ferner ist das Maultier wie der Esel viel gesünder als das Pferd. Das ist ein ungeheurer Vorzug. Es würde auch bei uns verbreiteter sein, wenn es nicht manche unangenehmen Eigenschaften besäße. So ist es störrisch und liebt es sich zu wälzen. Das ist besonders unangenehm, wenn es soeben geputzt worden ist.
78. Wie erklärt sich die Abneigung des Pferdes gegen den Esel?
Trotzdem Pferd und Esel beide Einhufer sind, hat das Pferd eine Abneigung gegen den Esel. Um ein Maultier zu züchten, muß man deshalb künstlich diese Abneigung unterdrücken. Die Maultiere selbst pflanzen sich nicht fort.
Man bekommt ein Verständnis für den Widerwillen, den nahe verwandte Tiere oft gegeneinander haben, wenn man sich die Folgen einer Paarung vorstellt. Das Pferd ist Bewohner der Steppe und Meister im Rennen. Der Esel ist dagegen im Gebirge zu Hause und ein vorzüglicher Kletterer. Gäbe es in der Freiheit Maultiere, also Abkömmlinge von Pferd und Esel, so könnte ein Maultier nicht so rennen wie seine Mutter und würde von den Wölfen zuerst eingeholt werden. Aber auch im Gebirge könnte es nicht so klettern wie sein Vater und fiele deshalb auch hier zuerst den Feinden zur Beute.
79. Warum schreit der Esel Ya?
Das uns höchst unangenehme Geschrei des Esels, das an unser Ja erinnert, hat zu unzähligen Witzen Anlaß gegeben. Will der Esel im Gebirge eine Eselin finden, so wäre es zwecklos, wenn er wie ein Kulturmensch sänge. Dagegen dringt sein Geschrei bis zu den langen Ohren der Eselin, wie auch das Jodeln der Tiroler ganz für das Gebirge geschaffen ist.
80. Die Rassen des Esels.
Man unterscheidet drei Formen grauer Esel: Hausesel, Nubischer Steppenesel und Somali-Wildesel. Der Hausesel wird verschieden groß. Es gibt Esel in Südarabien und in Frankreich, welche die Größe eines guten Pferdes erreichen. Umgekehrt kommen auf einigen Inseln Zwergesel vor, die nicht so groß werden wie ein großer Hund.
81. Der Esel im Sprichwort und in Redensarten.
Der Esel gilt als dummes und verachtetes Tier, besonders bei uns. Daher sagt man
*Auf den Esel kommen, sich auf den Esel setzen.*
Das heißt aus einer geachteten Stellung in eine niedere treten.
*Den Esel reiten*,
eine beschimpfende Strafe erleiden.
In Zusammenhang hiermit steht:
*einen auf den Esel setzen oder bringen*,
was soviel heißt wie einen erzürnen.
*Den Esel läuten*,
d. h. die hängenden Beine vorwärts und rückwärts baumeln lassen.
*Wenn's dem Esel zu wohl ist, dann geht er aufs Eis und tanzt oder er geht aufs Eis tanzen und bricht sich ein Bein.*
Das hat gewiß noch niemand gesehen. Aber der Mensch braucht eine Zielscheibe für seinen Spott. Da nun der Esel als sehr dumm gilt, und sich nicht verteidigen kann, so unterstellt man ihm die geschilderte Torheit.
*Eselsbrücke.*
Nach Grimm versteht man darunter eine Schwierigkeit, vor der Unwissende stutzen, wie der Esel vor einer Brücke.
Diese Erklärung befriedigt nicht, denn das Stutzen des Esels vor der Brücke ist gewiß sehr selten.
Der Lehrer nennt die Uebersetzung, die ein Schüler benützt, eine Eselsbrücke. Das geschieht aus dem Grunde, weil der Esel als Wüstentier sehr wasserscheu ist und statt durchs Wasser zu schreiten, eine Brücke braucht. Der Lehrer meint also: Anstatt mit geringer Anstrengung den lateinischen Schriftsteller zu übersetzen, kaufst du dir eine Uebersetzung. Du machst es also wie der Esel, der ohne Mühe das Wasser durchschreiten könnte, aber statt dessen eine Brücke verlangt. Eselsbrücke heißt also eine ganz überflüssige Erleichterung.
*Eselsohren*
werden die Einbiegungen der Blätter in Büchern genannt.
*Wo sich der Esel wälzt, muß er Haare lassen*
ist bereits erklärt worden.
Das Rind
82. Warum können wir nicht auch fette Schweizerkäse herstellen?
Die Zeiten sind lange vorbei, wo man in den Straßen Berlins noch Rinderherden sah, wie ich es in meinen jungen Jahren erlebt habe. Heute rennt die ganze Jugend Berlins zusammen, wenn eine Kuh nach oder von einer Molkerei befördert wird. Alle staunen das Wundertier an. Was im Dorfe die alltägliche Erscheinung ist, gehört in der Großstadt zu den Seltenheiten.
Um eine weidende Rinderherde zu beobachten, müssen wir schon ein ordentliches Stück Weg laufen. Das Glück ist uns hold. Wir treffen eine Herde von Kühen an und können in Ruhe den Tieren zuschauen.
Da in der Nähe auch ein Pferd grast, so können wir so recht den Unterschied zwischen dem Weiden des Pferdes und der Rinder beobachten. Das Pferd packt die Gräser mit der sehr beweglichen Oberlippe und beißt kurz ab, die Kuh dagegen arbeitet hauptsächlich mit der Zunge, die ihr die fehlenden oberen Schneidezähne ersetzt. Schlächter haben mir oft erklärt, daß man mit einer getrockneten Rinderzunge einen Stuhl zusammenschlagen kann. Ich habe es in diesen Zeiten der Fleischnot noch nicht ausprobieren können, halte es aber sehr wohl für möglich. Jedenfalls ist die Zunge beim Rinde ein äußerst wichtiges Glied.
Weil die Kuh das Gras mit der Zunge packt, wird es nicht so tief abgebissen. Daher kommt es, daß, wo Kühe gegrast haben, noch sehr gut Pferde weiden können.
Die äußerlich auffallendsten Unterschiede zwischen Rindern und Pferden sind namentlich folgende:
Die Rinder haben Hörner, die Pferde nicht.
Die Rinder sehen plump aus, die Pferde nicht.
Die Rinder haben gespaltene Hufe, die Pferde nicht.
Die Rinder haben einen langen, kahlen Schwanz, der mit einer Quaste endet, während Pferde einen schönen, bis zur Wurzel behaarten Schweif besitzen.
Wenn wir so die Kühe behaglich im hohen Grase weiden sehen, dann taucht unwillkürlich die Frage auf, weshalb wir nicht, wie die Schweizer, auch schöne fette Käse herstellen können. Warum müssen wir unser schönes Geld an sie abgeben?
Die Antwort darauf ist folgende: Wir können aus zwei Gründen solche Käse nicht herstellen. Einmal fehlt uns das Gebirgsgras und dann die Gebirgsweiden.
Gras ist nämlich nicht Gras, wie der Großstädter meint, sondern das Gebirgsgras ist so kräftig, daß eine Kuh, die sonst 36 Pfund Niederungsgras frißt, nur 24 Pfund Gebirgsgras braucht.
Im Zoologischen Garten können wir die Verschiedenheit der Grasarten recht deutlich beobachten. Gemsen leben nicht lange im Zoologischen Garten und pflanzen sich noch seltener darin fort. Dabei gibt es doch in Bayern noch zahlreiche Gemsen. Sie sind also heimische Tiere. Aber in der Gefangenschaft fehlt ihnen das gewürzige Gebirgsheu. Was wir ihnen vorsetzen, ist nicht ihr Fall.
Pferde in den Alpen brauchen keinen Hafer, weil das Gebirgsgras so kräftig ist.
Es ist klar, daß dieses Gebirgsgras eine viel fettere Milch und demgemäß einen viel fetteren Käse liefert.
Nun kommt hinzu, daß oben in den Gebirgsweiden die Verhältnisse für die Kühe viel günstiger liegen. Bei uns in der Ebene werden die Kühe mit dem Eintritt des Sommers dermaßen von Insekten belästigt, daß sie in beständiger Unruhe sind, und der Ertrag der Milch darunter sehr leidet.
Ganz anders ist es auf den Alpenweiden. Die Rinder können daher behaglich und ohne fortwährend gepeinigt zu werden, sich dem Fressen und Wiederkäuen widmen.
Die Schweiz hat also durch Natur gegebene Vorzüge, die wir nicht nachmachen können. Auch ist die Art der Herstellung von örtlichen Verhältnissen abhängig.
83. Der Stier und die rote Farbe.
Bei der Rinderherde befindet sich auch ein Stier oder Bulle. Er ist noch ein ziemlich junges Tier und deshalb allem Anscheine nach noch umgänglich. Aelteren Stieren ist gewöhnlich schlecht zu trauen.
Es dürfte bekannt sein, daß besonders der Stier eine ausgesprochene Abneigung gegen die rote Farbe hat. Es ist schon oft Unglück dadurch entstanden, daß Menschen, die von dieser Eigentümlichkeit nichts wußten, den Stier ahnungslos gereizt haben und infolgedessen schwer verletzt, ja getötet worden sind.
Was veranlaßt den Stier zu diesem Hasse auf die rote Farbe?
Wir kennen heute noch nicht genau die Stammeltern unserer Hausrinder. Aber es ist sicher, daß sie wie alle Wildrinder ihren größten Feind in den Katzen haben. Besonders der Tiger macht eifrig auf Wildrinder Jagd.
Die rote Farbe läßt wahrscheinlich den Stier an seinen grimmigsten Feind denken. Da der Stier nicht wie ein Pferd flüchtet, sondern mit seinem Gegner auf Tod und Leben kämpft, so ist der wütende Angriff des Stieres auf einen Menschen mit roter Kleidung verständlich.
Die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe dürfte denselben Grund haben. Wir werden bei der Schilderung des Truthahns näher darauf zu sprechen kommen.
84. Das Flotzmaul der Rinder.
Bei den weidenden Rindern beobachten wir ferner, daß sie im Gegensatz zu dem Pferde ein Flotzmaul besitzen, d. h. eine breite haarlose und feuchte Stelle zwischen den Nasenlöchern.
Weshalb hat wohl das Rind einen solchen Nasenspiegel, den wir in ähnlicher Form bei Büffeln, Hirschen und anderen Pflanzenfressern finden?
Der Nasenspiegel ist sehr empfindlich und deshalb hindert er die Rinder, brennende und stachlige Pflanzen zu fressen. Während der Kriegsjahre konnte ich das sehr häufig im Zoologischen Garten beobachten. Die Futterration war nur knapp, und deshalb das Verlangen nach etwas Ersatz sehr groß. Im Spätsommer wachsen nun in den Ständen eine Unmenge Brennesseln. Das schöne Grün stach den Zebus, den indischen Rindern, in die Augen, und sie suchten immer wieder die Brennesseln zu fressen. Doch das empfindliche Flotzmaul trieb die Zebus immer wieder zurück. Nur junge oder verwelkte Brennesseln scheinen von Rindern gefressen zu werden.
Das Flotzmaul ist stets feucht und empfindlich wie beim Hunde die Nase und zwar aus denselben Gründen. Bei Wildrindern ist das Flotzmaul auch stets schwärzlich wie die Nase der Wildhunde.
85. Die Furcht der Rinder vor dem Blutgeruch.
Wenn wir unter uns einen Schlächter hätten, der eben geschlachtet hat, so könnte seine Witterung die ganze Rinderherde in Aufruhr versetzen.
Es braucht natürlich nicht gerade ein Schlächter zu sein. Es genügt, daß ein Jäger einen erlegten Rehbock im Rucksack trägt, dessen Blut von den Kühen gewittert wird. Ausschlaggebend ist stets der Blutgeruch. Es genügt also, daß wir die Hände in Blut getaucht oder daß wir ein Kleidungsstück mit Blut getränkt haben.
Der Grund des Verhaltens der Rinder ist einleuchtend, sobald wir an die Lebensweise der Wildrinder denken. Unzählige Male ist es vorgekommen, daß ein weidendes Rind gar nicht gemerkt hatte, daß ein Raubtier ein Kalb getötet oder einen Kameraden überfallen hatte. Die Anwesenheit des Raubtieres nahm es regelmäßig erst durch den Blutgeruch wahr.
Blutgeruch und zwar Geruch vom Blut eines Pflanzenfressers und Anwesenheit eines Raubtieres ist also für ein Rind so ziemlich dasselbe.
Hat daher ein Schlächter einen Kuhstall betreten, etwa um ein Kalb zu besichtigen, das er kaufen will, so sind die Kühe den ganzen Tag unruhig, was den Landleuten wohl bekannt ist.
Auch das Schlachthaus wollen Rinder nicht betreten, weil ihre feine Nase ihnen sagt, daß ihnen der Tod droht. Oft habe ich zugesehen, welche Anstrengungen erforderlich sind, um eine Kuh in den Schlachtraum zu bringen.
Die Furcht vor dem Blutgeruch besitzen auch Pferde, wovon schon früher (Kap. 67) die Rede war.
86. Die Furcht der Rinder vor den Bremen.
In große Aufregung könnten wir die Herde auch versetzen, wenn wir das Geräusch einer fliegenden Breme (auch Bremse genannt) nachmachten. Wir werden das natürlich nicht tun. Allerdings ist die eigentliche Flugzeit der Bremen erst im Hochsommer und zwar in den Mittagsstunden.
Die Furcht der Rinder vor den Bremen ist sehr wohl begründet. Diese Insekten umschwärmen die großen Pflanzenfresser und suchen ihre Eier auf ihnen abzulegen. Obwohl die Rinder bei ihrer Ankunft die Schwänze hochnehmen und davonrasen, gelingt den Bremen ihr Vorhaben. Das abgelegte Ei entwickelt sich zur Made, die auf Kosten des Wirts lebt und große dicke Beulen, sogen. Dasselbeulen hervorruft. Diese Beulen, aus denen das fertige Insekt auskriecht, verursachen natürlich große Löcher in der Haut.
Man sollte meinen, daß der Gerber solche durchlöcherten Rinderhäute nicht haben will. Das Gegenteil war vor dem Kriege der Fall. Durchlöcherte Häute wurden gern genommen, weil die Erfahrung gelehrt hatte, daß die Insekten mit ihrem feinen Geruchsvermögen stets die gesündesten und kräftigsten Tiere zur Eiablage ausgesucht hatten.
87. Die Abneigung der Rinder gegen Hunde.
Es ist gut, daß wir keinen großen Hund bei uns haben. Denn man kann immer wieder erleben, daß die Rinder eine ausgesprochene Abneigung gegen Hunde haben.
Will ein Jäger mit seinem Hunde durch eine weidende Kuhherde wandern, so muß er sich vorsehen, daß sie seinen Hund nicht angreifen.
Hier zeigt sich so recht deutlich der Unterschied zwischen Pferd und Rind im Benehmen gegen ihren Feind. Das Pferd flüchtet regelmäßig und kämpft nur gegen kleinere Raubtiere. Auch stehen sich Pferde gegenseitig nicht bei.
Ganz anders liegt die Sache bei den Rindern. Diese halten zusammen und stürmen gemeinsam auf den Feind. Zur Flucht sind sie ja auch viel zu schwerfällig gebaut.
Deshalb brüllen auch die Rinder, die von einem Raubtier überfallen worden sind oder sonst Schmerz empfinden. Denn das Brüllen hat bei ihnen einen Zweck. Es soll die Genossen zum Beistand anspornen. Pferde dagegen stehen sich, wie wir wissen (Kap. 58), nicht bei, und deshalb erleiden sie stumm alle Qualen.
88. Das Aufblähen der Rinder.
Wenn die Rinder gierig üppig gewachsenes Futter, z. B. Klee, Luzerne und Esparsette fressen, dann ereignet sich oft, namentlich, wenn die Sonne sehr sticht, und es schwül ist, das sogen. Aufblähen der Rinder. Dieses Aufblähen entsteht durch Auftreibung des Pansens infolge der Entwicklung von ungewöhnlichen Gasmengen.
Man ersieht hieraus, wie leicht den Landwirt schwere Verluste treffen können, gerade dann, wenn er seinen Tieren das schönste, was er ihnen geben kann, zu fressen gibt.
Da die Tiere nur weiden, wie es auch die Wildrinder tun, so scheint die Frage berechtigt zu sein, warum die an sich naturgemäße Art des Fressens zu schweren Erkrankungen führen kann.
Vergegenwärtigen wir uns die Lebensweise der Wildrinder und vergleichen wir sie mit der Lebensweise unserer Hausrinder, so ergeben sich folgende Unterschiede.
Zunächst sind die Wildrinder Nachttiere, wie schon aus ihren großen Pupillen ersichtlich ist. Genau wie unsere Hirsche und Rehe gehen sie erst mit dem Anbruch der Dämmerung auf die Nahrungssuche aus. Zu diesem Zwecke verlassen sie den Wald oder das Gebüsch, das ihnen am Tage Deckung gewährt hat, und treten auf die Felder.
Also von der Sonne prall beschienene Futterpflanzen, obendrein bei äußerst schwüler Luft, fressen die Wildrinder niemals.
Sodann gab es in Vorzeiten, als der Mensch noch nicht dem Acker seinen Stempel aufgedrückt hatte, niemals Futterpflanzen in solcher Fülle. Erst das Säen, die Bewässerung, die künstliche Düngung und anderes hat diese Unmasse hervorgerufen. Früher wuchsen blähende Futterpflanzen nur vereinzelt. Dazwischen standen andere Pflanzen, die dem Blähen entgegenwirkten, z. B. Kümmel. Also hatten die Wildrinder früher gar keine Gelegenheit, soviel blähendes Zeug zu fressen, wie heute die Hausrinder.
Drittens aber -- und das ist die Hauptsache -- fehlen unseren Haustieren die Raubtiere. Man beobachte einmal ein freilebendes Tier, z. B. ein Reh, wenn es abends aus dem Walde tritt. Erst wird gesichert, d. h. alle Sinne werden aufs äußerste angestrengt, ob nicht irgendwo ein Feind, namentlich ein böser Jäger, nach Rehbraten Verlangen trägt. Erst wenn die angestrengten Sinne nichts feststellen können, und wenn eine längere Prüfung dasselbe Ergebnis hat, dann wird vorsichtig ins Feld getreten. Hier wird nochmals aufs gründlichste gesichert, ob irgendwas Verdächtiges zu erkennen ist. Erst dann werden einige Happen ganz hastig genommen. Von einem gemütlichen Futtern ist aber gar keine Rede. Nach einer halben Minute geht schnell der Kopf hoch, und wiederum werden alle Sinne angestrengt.
In ähnlicher Lage nehmen auch die Wildrinder ihre Nahrung zu sich, wenngleich sie im Gefühl ihrer Stärke nicht so ängstlich zu sein brauchen. Immerhin wissen sie, daß ihnen der Mensch oft überlegen ist, und daß sie gegen seine Fallgruben machtlos sind.
Von einem hastigen gierigen Hinunterschlingen ohne Pause, wie es unsere Hausrinder tun, kann also bei Wildrindern niemals die Rede sein.
Da wir Menschen die Raubtiere ausgerottet haben, so müssen wir sie in den Fällen, wo sie uns nützlich waren, ersetzen. Die Raubtiere verhinderten, daß die Pflanzenfresser in ihrer Gier zu hastig ohne Pausen schlangen. Denn die Pflanzenfresser mußten immer solche Pausen machen, um nicht von einem Feinde überfallen zu werden.
Solche Pausen beim Fressen der Rinder können wir dadurch erzielen, daß wir die Tiere in ständiger Bewegung halten. Viele praktische Landwirte sind davon überzeugt, daß das beste Mittel gegen das Aufblähen die fortwährende Beunruhigung der Tiere ist. Sie müssen dann Pausen im Fressen machen, und Fressen mit Pausen ist naturgemäß, während Fressen ohne Pausen unnatürlich ist.
89. Die Kuh vorm neuen Tor. Der Ortssinn der Tiere.
Eine bekannte Redensart ist die: Er steht da, wie die Kuh vorm neuen Tor. Man meint damit ein blödes, unbeholfenes Anstarren eines Gegenstandes, den man an dieser Stelle nicht erwartet hat.
Ochse und Kuh, Esel und Schaf gelten ja von unsern Haussäugetieren als die dümmsten. Natürlich sind die Raubtiere klüger als die bloßen Pflanzenfresser. Die Raubtiere müssen ihre Opfer überlisten, was nicht immer sehr leicht ist. Dagegen haben es die meisten Pflanzenfresser bequemer, da sie manchmal nur ihr Maul aufzumachen brauchen.
Immerhin sind die Gründe, die man für die Dummheit der genannten Tiere anführt, in den meisten Fällen nicht überzeugend. Wir dürfen doch nicht vergessen, daß wir frei lebende Tiere, die sich allein und ohne Belehrung und Schutz durch die Welt schlugen, erst durch unsere Behandlung zu den Jammergestalten gemacht haben, als welche sie so häufig vor uns stehen. Das Wildschaf ist nach der Ansicht erfahrener Jäger ein sehr schwer zu erlegendes Geschöpf, während unser Schaf vollkommen hilflos ist.
Mit Dummheit hat das Anstarren des neuen Tores durch die Kuh nicht das mindeste zu tun, sondern es rührt von der Verschiedenheit der menschlichen und tierischen Auffassung her. Für den Menschen ist der Gegenstand maßgebend, der ihm die Stelle bezeichnet, wohin er will, während das Tier sich nach diesem Gegenstand gar nicht richtet.
An einem naheliegenden Beispiel können wir uns das am besten klarmachen. Angenommen, der Besitzer der weidenden Kuhherde ließ heute sein Tor neu anstreichen -- was allerdings bei den jetzt so teueren Farbpreisen ausgeschlossen ist, aber angenommen werden soll --, so würde sich der Hütejunge um den neuen Anstrich kaum viel kümmern. Auch würde es dem Jungen gewöhnlich ganz gleichgültig sein, daß das Schild des Gasthofes neu angestrichen ist. Es soll nämlich angenommen werden, daß die Kühe einem Gastwirt im Dorf gehören. Das würde auch der Fall sein, wenn der Hütejunge aus der Fremde gekommen wäre und zum ersten Male seinen Dienst verrichtete. Die Kühe dagegen stutzen am Tor wegen des ihnen fremden Farbgeruchs, vielleicht auch deswegen, weil die früheren dunkeln Farben durch helle ersetzt worden sind.
Der im Orte ganz fremde Hütejunge sagt sich: Dort ist das Schild meines neuen Herrn: Gastwirt Friedrich Schultze. Also bin ich an der richtigen Stelle. So handeln wir alle und denken, daß die Tiere es auch so machen. Das Tier richtet sich aber nur, wenn es vorzügliche Augen besitzt, also ein Augentier ist, nach seinen Augen und selbst dann nicht immer. Die Nasentiere richten sich aber nur selten nach den Augen.
Die Rinder, die ein schwaches Auge, aber eine feine Nase besitzen, haben wie alle Säugetiere einen vorzüglichen Ortssinn. Dieser Ortssinn ist für sie entscheidend. Kehrt eine Kuh zurück, so zweifelt sie keinen Augenblick daran, daß sie auf dem richtigen Wege ist. Denn ihr Ortssinn läßt sie nicht irren. Aber sie stutzt vor dem neuen Tor, und ihr Verhalten könnte man in menschlicher Sprache etwa so ausdrücken: Als ich früher hier entlangging, gab es so etwas von heller Farbe und scharfem Geruch nicht. Das setzt mich in Erstaunen.
In diese ganz verschiedene Auffassung der Tiere können wir uns gar nicht hineinversetzen und machen uns über Dinge lustig, die hierzu gar keinen Anlaß geben.