Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten

Part 17

Chapter 173,678 wordsPublic domain

Solche äußerst zweckmäßigen Handlungen sehen wir bei den Tieren in zahlloser Menge. Sie erkennen ihre Feinde, wissen die passende Nahrung, vermeiden giftige Stoffe, suchen Heilpflanzen auf, wandern zur rechten Zeit, wissen den Gefahren der Witterung zu entgehen usw. So nahmen Krähen, die der Jäger durch Phosphorpillen vernichten wollte, als Gegenmittel Ebereschenbeeren und wurden dadurch wieder gesund. Wo der Mensch Unterricht und Belehrung braucht, Aerzte aufsuchen muß und tausend andere Schwierigkeiten überwinden muß, um sein Leben durchzuführen, können wir bei den Tieren nichts Derartiges beobachten. Und trotzdem leben sie doch. Ja, die Tiere in der Freiheit leben sogar viel gesünder als unsere Haustiere.

Wie sollen wir uns das, was sich alltäglich vor unseren Augen abspielt, erklären?

69. Was verstehen wir unter »Instinkt« bei den Tieren?

Weil wir für die zuletzt genannten Handlungen keine Erklärung finden können, so haben wir uns darüber geeinigt, daß wir als Grund für diese unbewußt zweckmäßige Handlungsweise den »Instinkt« angeben.

Der große Naturforscher Darwin hat den Instinkt in folgender Weise zu erklären versucht. Er behauptet, daß die zweckmäßige Handlungsweise vor Urzeiten von einem Vorfahren zufälligerweise angewendet wurde. Da sich die Handlungsweise als zweckmäßig erwies, so kam das Tier dadurch in einen Vorteil vor seinen Artgenossen. Es vererbte seine zweckmäßige Handlungsweise auf seine Nachkommen.

Diese Erklärung ist sehr gelehrt, ist aber mit den Tatsachen durchaus unvereinbar. Elefantenherden überschreiten die Gebirge an den günstigsten Stellen, so daß sie seit Urzeiten für die Menschen als Lehrmeister im Wegebau dienen. Genau so ist der Eisbär in unwegsamen Polarländern der Wegweiser für Polarreisende. Wir können uns keine Vorstellung davon machen, woran ein Elefant bei einem riesigen Gebirge den zum Ueberschreiten günstigsten Paß erkennt. Sein Auge ist obendrein auffallend schwach, und sein feiner Geruch kann ihm am Fuße eines Gebirgsstocks ebenfalls nichts nützen.

Elefanten bleiben stets in Herden. Es ist also ausgeschlossen, daß ein einzelner Elefant durch Zufall die Uebergangsstelle gefunden hat.

Wäre der Instinkt eine vererbte Fähigkeit, so müßte sie versagen, sobald neue, ungewohnte Verhältnisse vorliegen. Ist das der Fall?

In der Wirklichkeit ist davon nichts zu merken. Im achtzehnten Jahrhundert hat ein Sonderling in der Nähe von Kassel eine Affenkolonie gegründet. Diese Tiere bewegten sich vollkommen frei und gediehen trotz unserer kalten Winter prächtig.

Wir müssen unsere Kinder immer wieder warnen, daß sie keine unbekannten Früchte oder Beeren essen. Trotzdem kommen alljährlich Vergiftungsfälle vor. Woher wußten nun die Affen, welche Beeren und Früchte für sie bekömmlich waren oder nicht? Sie stammten aus Afrika, und ihr vererbtes Wissen konnte ihnen in Deutschland doch nichts nützen.

Früher gab es kein Saccharin und keine Kunstwaben. Wenn der Instinkt auf Vererbung beruht, so müßten die Bienen dem Saccharin und den Kunstwaben ratlos gegenüberstehen. Das Gegenteil ist eingetreten, wie die Bienenzüchter übereinstimmend bekunden. Alle Bienen haben das Saccharin abgelehnt, und alle haben die Kunstwaben benützt. Die Sache mit dem Saccharin können wir uns zur Not erklären. Der Süßstoff hat den feinriechenden Bienen übel gerochen. Aber weshalb alle Bienen die Kunstwaben angenommen haben, bleibt ein vollkommenes Rätsel.

Wir müssen uns also bescheiden und offen zugeben, daß wir vorläufig für den Instinkt keine zufriedenstellende Erklärung geben können.

Auch bei uns Menschen spielt der Instinkt eine weit größere Rolle, als man gewöhnlich annimmt. Insbesondere lassen sich Frauen von ihren Instinkten in vielen Fällen leiten. Es kommt oft vor, daß eine Frau erklärt, wenn ihr Mann einen Bekannten einführt: »Schaffe mir diesen Menschen aus den Augen -- ich kann ihn nicht leiden!« Einen Grund für diese Abneigung kann sie nicht angeben, aber sie verläßt sich auf ihren Instinkt.

Vielleicht ist unser Erstaunen über die durch den Instinkt veranlaßten zweckmäßigen Handlungen ganz unbegründet. Denn das Leben wäre kein Leben, wenn ein freilebendes Tier nicht seine Feinde und seine Nahrung kennen würde, schwimmen könnte usw. Diese Fähigkeiten gehören also zum Begriffe des Lebens. Sie verschwinden da, wo sie zum Leben nicht mehr erforderlich sind, beispielsweise bei den Haustieren und Menschen. Der Mensch kann durch sein Gehirn die meisten Instinkte ersetzen.

Hiernach müßten wir uns nicht über die Instinkte der Tiere wundern, sondern darüber, daß wir als Menschen so wenige haben.

70. Das Gedächtnis des Pferdes.

Jeder Kutscher wird uns bestätigen, daß Pferde ein ausgezeichnetes Gedächtnis besitzen. Selbst in der Großstadt kann man solche Leistungen bewundern. So war vor dem Weltkriege unser Brotkutscher einmal erkrankt und hatte nach Art dieser Leute kein Verzeichnis seiner Kunden. Da riet er, einen Mann auf den Bock zu setzen und in jedem Hause, wo das Pferd anhielt, nach dem Kunden zu fragen. So erhielten sämtliche Kunden ihr Brot.

Das Gedächtnis der Tiere ist vielfach besser als das des Menschen. Schon im Altertum hat man das gewußt. Denn der Held Odysseus, der nach 20 Jahren in seine Heimat zurückkehrt, wird von keinem Menschen wiedererkannt, nur von seinem treuen Hunde. Wenn man auf einem langgestreckten Jagdrevier die geschossenen Hasen nicht alle mitschleppen will, sondern in ein Gebüsch steckt, um sie bei der Rückkehr mitzunehmen, so ist der Jäger abends oft im Zweifel, ob und wo er morgens einen Hasen versteckt hat. Der Hund dagegen weiß immer Bescheid. Das Gedächtnis kann also keine geistige Gabe sein, sonst könnte sie beim Tiere nicht stärker entwickelt sein als beim Menschen. Da auch Kinder ein besseres Gedächtnis haben als der Erwachsene, so geht auch hieraus hervor, daß es sich um keine geistige Fähigkeit handelt.

Das Tier hat aber ein hervorragendes Gedächtnis nur für Dinge, die es interessieren. Die rechnenden Pferde in Berlin und Elberfeld waren insofern Ausnahmeerscheinungen, als sie sich für Sachen interessierten, die einem Pferde sonst ganz fernliegen, nämlich Lesen, Schreiben und Rechnen. Von einem wirklichen Verstehen unserer Sprache, sowie von einem wirklichen Rechnen kann natürlich keine Rede sein. Vielmehr hatten sich die Pferde vermittels ihres vortrefflichen Gedächtnisses gemerkt, was sie auf gewisse Laute für Hufbewegungen zu machen hatten. Der sogenannte kluge Hans in Berlin klopfte also neunmal mit dem Hufe auf, wenn sein Lehrmeister, Herr von Osten, ihn fragte: Wieviel ist 7 und 2? Er hatte die richtige Antwort in mehrjährigem Unterricht so oft gehört, daß er die Frage spielend leicht beantworten konnte.

Neuerdings sind in Stuttgart Versuche über die geistigen Fähigkeiten der Hunde angestellt worden, woraus sich ergibt, daß Hunde trotz ihres schwachen Gesichts die Anzahl von Gegenständen schneller erfassen als der Mensch. Das halte ich für durchaus möglich. Es ist für den Wolf, den Fuchs und andere hundeartige Tiere von großer Bedeutung, die Anzahl der Pflanzenfresser, also die Zahl der zu einem Rudel gehörigen Hirsche, die Zahl der Küchlein bei einer Wildente und in ähnlichen Fällen genau zu wissen. Was dagegen sonst von den Aussprüchen der ihre Ansicht klopfenden Hunde mitgeteilt wird, steht in völligstem Widerspruch mit unseren bisherigen Anschauungen über die geistigen Fähigkeiten der Tiere. Man wird daher erst abwarten müssen, um die Ergebnisse nachzuprüfen. Vorher kann man zu ihnen keine Stellung nehmen.

Es ist klar, daß ein Pferd, das neunmal klopft, auf die Frage 7 und 2, deshalb noch nicht rechnen kann. Denn die Zahlen 7 und 2 sind abstrakte, d. h. gedachte Begriffe. Es ist schon zweifelhaft, ob ein Tier anschauliche Begriffe versteht, z. B. den Begriff Hund, Pferd usw. Diese Frage wird man wohl bejahen können. Dagegen haben wir nirgends den geringsten Anlaß, um anzunehmen, daß ein Tier für gedachte Begriffe Verständnis besitzt.

Das Tier kann also die Zahlen klopfen, wie ein Kind ein Wort nachplappert. Aber von einem Verständnis hierfür sind beide weit entfernt.

Menschen, die über solche Sachen nicht nachgedacht haben, verfallen leicht in die merkwürdigsten Irrtümer.

71. Das Verständnis des Pferdes für Kommandoworte.

Ein lehrreicher Versuch wurde vor dem Kriege mit Militärpferden angestellt. Jeder Kavallerist schwört darauf, daß die Pferde die Signale verstehen. Weiß er doch, daß sie die nötigen Bewegungen viel richtiger ausführen, wenn er das Tier sich allein überläßt, als wenn er es lenkt.

Da von Gelehrten diese Angaben bezweifelt wurden, so sollte durch eine Prüfung Klarheit in die Angelegenheit gebracht werden. Den Reitern wurde aufs strengste befohlen, sich jeder Einwirkung auf das Pferd zu enthalten. -- Die Signale erklangen, und die Pferde rührten sich nicht von der Stelle. Folglich, so schlossen die Gelehrten, verstehen die Pferde nichts von den Signalen.

Die Sache liegt in Wirklichkeit etwas anders. Sowohl der Kavallerist irrt, als auch der Gelehrte irrt.

Das Pferd weiß, daß, wenn ein bestimmtes Signal ertönt *und sein Reiter gewisse Einwirkungen ausübt*, es bestimmte Bewegungen machen soll. Bleibt jedoch bei dem ihm bekannten Signal der Reiter wie ein Mehlsack sitzen, so wird das Pferd irre und weiß nicht, was es tun soll.

Der Kavallerist irrt also insofern, als er glaubt, das Pferd verstünde das Signal als solches oder überhaupt einen Zuruf als solchen. Der Hund versteht doch auch die Worte nicht als solche. Wenn ich ihm zurufe »Komm!«, so kommt er nicht, weil er das Wort »Kommen« versteht. Er weiß nur, daß, wenn er einen ganz bestimmten Laut hört, so soll er kommen. Was das Wort bedeutet, weiß er nicht. Man kann deshalb einen deutschen Hund mit französischen und englischen Wörtern dressieren und tut es auch. Man denke an Apport, down (daun) usw. Ein Irrtum aber ist es zu sagen, es genügen die Vokale des Befehls für den Hund. Die Sachlage ist folgende. Der Hund in einer Familie hört einen Befehl, beispielsweise »Peter, mach' schön!« von den einzelnen Familienmitgliedern ganz verschieden ausgesprochen. Deshalb genügen die Vokale, um ihn zur Ausführung des Befehls zu veranlassen. Hat der Hund jedoch nur einen einzigen Herrn, so sind die Vokale gewöhnlich nicht ausreichend.

Weil das Pferd von der Bedeutung des Signals ebenfalls keine Ahnung hat, so glaubt es, daß es auf Signal *und* Einwirkung des Reiters sich bewegen müßte.

Die Gelehrten irren, wenn sie glauben, daß das Pferd gar kein Verständnis für das Signal besäße. Wo kein Reiter oder Kutscher ist, versteht das Pferd die Signale ausgezeichnet. Dafür kann man unzählige Beweise anführen. Hierfür dürfte nachstehender genügen. Alltäglich kann man auf dem Lande sehen, daß ein Landmann Dung ausbreitet. Hat er die genügende Menge auf eine bestimmte Stelle gebracht, so ruft er dem Pferde zu, daß es vorwärts gehen solle. Noch niemals habe ich erlebt, das ein Pferd das nicht verstanden hätte. Hier weiß das Pferd, daß es allein auf den Zuruf ziehen soll, denn der Lenker steht ja fern vom Wagen. Den Inhalt des Zurufes versteht es natürlich nicht.

Wir sehen also, daß es ungeheuer schwierig ist, über die geistigen Gaben der Tiere ein Urteil abzugeben. Die Tiere sind uns durch manche Sinne und ihre Instinkte überlegen. Hieraus erklärt es sich, daß die einfachen Leute zu den Tieren, als zu ihren Lehrmeistern, emporsehen. Dagegen sind solche zweckmäßige Handlungen, die auf Grund einer wirklichen Ueberlegung erfolgen, bei Tieren sehr selten anzutreffen. Ja, man möchte bezweifeln, ob sie überhaupt vorkommen.

Das im Kampf ums Dasein stehende Tier hat ja auch keine Zeit zur Ueberlegung, wie schon beim Scheuen erwähnt wurde. Bei Gefahren überlegt der Mensch auch nicht erst lange. Sieht er in der Nähe einen Löwen oder Tiger auftauchen, so verfällt der Mensch nicht erst in ein längeres Grübeln und überlegt sich die Sache nach allen Seiten. Er richtet sich vielmehr nach seinen Instinkten. Genau so ist es, wenn er durch einen Brand geweckt wird. Angesichts der eindringenden Flammen denkt er auch nicht daran, erst lange zu überlegen.

Die Tiere haben also weniger Gehirn oder weniger Furchen im Gehirn und mehr Instinkte, weil sie, die mitten unter Gefahren stehen, mit einem Menschengehirn nichts anfangen könnten. Sie erreichen aber mit ihren Instinkten mehr, als man denken sollte. Die menschenähnlichen Affen werden in heißen Gegenden, wo die schrecklichsten Ungeheuer hausen, alt und grau ohne Waffen, ohne Arzt und ohne alle anderen Hilfsmittel des Europäers.

Es ist also richtig, daß das Tier nicht die geistigen Gaben besitzt wie der Mensch. Es ist aber der Schluß falsch, daß es deshalb weniger als der Mensch leisten könne. Mit seinen schärferen Sinnen und seinen Instinkten ist es vielmehr dem Menschen in vielen Sachen überlegen.

72. Warum müssen wir das Pferd putzen?

Die Wildpferde werden nicht geputzt -- warum müssen wir Menschen es bei unseren Hauspferden tun? Hierauf wäre folgendes zu antworten:

Alle Einhufer haben die Gewohnheit, sich zu wälzen, was jedenfalls zur Anregung ihrer Hauttätigkeit geeignet ist. Demselben Zwecke dient wohl auch das gegenseitige Schaben der Pferde, das man bei Zweispännern oft beobachten kann.

Dadurch, daß wir das Pferd größer gezüchtet haben, ist seine Gelenkigkeit beeinträchtigt worden, und ein Sichwälzen findet nicht mehr so häufig statt wie früher.

Beim Esel dagegen ist das Sichwälzen sehr beliebt. Hiermit hängt die Redensart zusammen: Wo der Esel sich wälzt, da muß er Haare lassen. Das heißt: Der Verbrecher soll von dem Gerichte abgeurteilt werden, in dessen Bezirk seine Tat begangen worden ist.

Das Putzen dient gewissermaßen als Ersatz des Sichwälzens. Wie wichtig es für das Pferd ist, geht aus der Redensart hervor: Gut geputzt ist halb gefüttert. Denn das Hauspferd hat im Gegensatz zum Wildpferd schwer zu arbeiten und gerät deshalb häufig in Schweiß, was bei wilden Einhufern selten vorkommt.

73. Redensarten und Sprichwörter vom Pferde.

Besprochen sind bereits oder selbstverständlich sind folgende:

Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul.

Ein gut Pferd ist seines Futters wert.

Ein Pferd schabt das andere.

Gut geputzt ist halb gefüttert.

Es stolpert oft ein Pferd, das vier Füße hat.

Von jemandem, der eine Sache verkehrt macht, sagt man:

Er zäumt das Pferd von hinten auf.

Dagegen heißt es von denen, die ihre Umgebung von oben herab behandeln, daß sie

auf hohem Pferde (Rosse) sitzen.

Da nach allgemeiner Anschauung der Esel unendlich weniger wertvoll ist als ein Pferd, so sagt man von dem, der aus einem hochstehenden Beruf oder Amt in einen weniger hochstehenden gelangt:

Er setzt sich vom Pferde auf den Esel.

Eine unbestreitbare Wahrheit enthält der Vers:

Das Pferd, das am besten zeucht, bekommt die meisten Streich.

Unwillkürlich wird das Pferd am meisten ausgenutzt und infolgedessen am meisten gepeitscht, von dem man weiß, daß es am besten ziehen kann.

Gemietet Roß und eigene Sporen machen kurze Meilen.

Der Mensch liebt es, fremde Sachen, die ihm geliehen wurden, nach Möglichkeit auszunützen. Seinem eigenen Pferde würde er Erholung gönnen, aber ein fremdes hat sie nach seiner Anschauung nicht nötig. Er wird sich für ein fremdes Pferd die schärfsten Sporen nehmen und diese fleißig gebrauchen. So gelangt er schnell zum Ziel.

In den Sielen sterben

sagt man von einem Menschen, der wie ein Arbeitspferd bis zum letzten Augenblicke tätig war.

In meiner Gegend war die Redensart üblich:

Die rauhsten Fohlen werden die glattsten Pferde.

Mein Vater hat sich oft damit getröstet, wenn wir Knaben wieder einmal einen dummen Streich verübt hatten.

Esel und Maultier

74. Das Aeußere des Esels.

In früheren Jahren konnte man in der Großstadt häufiger Eselfuhrwerke sehen. Jetzt müssen wir es als ein besonderes Glück betrachten, daß wir ein solches zu Gesicht bekommen und uns näher ansehen können.

Aeußerlich fallen am Esel seine langen Ohren, seine graue Farbe, seine Kleinheit, sein fast kahler Schweif Und seine zierlichen Hufe auf. Er sieht aus wie ein kleines Pferd mit gewissen Abweichungen. Natürlich ist er unserem Pferde nahe verwandt.

Im Volke ist er sprichwörtlich wegen seiner Dummheit, Langsamkeit, Faulheit und seiner Genügsamkeit. Nach allgemeiner Ansicht sind Disteln sein liebstes Futter.

In südlichen Ländern, beispielsweise in den am Mittelländischen Meere gelegenen Staaten wird niemand dieses Urteil unterschreiben. Dort ist der Esel ein unbezahlbarer Gehilfe, der trotz seiner kleinen Gestalt die größten Lasten trägt. Ein altgriechischer Dichter vergleicht einen der stärksten Helden mit einem Esel, um den Kämpfer zu ehren.

Auch hier gibt uns die Abstammung des Esels Aufklärung über die verschiedene Beurteilung des geplagten Geschöpfes. Wildesel leben in den glühend heißen Ländern von Afrika und Mittelasien, und zwar in gebirgigen Gegenden.

Jetzt wird uns sofort verschiedenes klar, nämlich folgendes:

Erstens, daß ein Tier, das aus den Gleichergegenden (Aequatorgegenden) stammt, viel Wärme braucht. Das ist auch in der Tat der Fall. In Deutschland ist es für den Esel bereits zu kalt. Deshalb gedeiht er bei uns nicht ordentlich.

Zweitens erklärt sich seine graue Färbung als Schutzfärbung. Sein Fell stimmt mit den Felsen und dem Geröll seiner Heimat überein, so daß er von seinen schlimmsten Feinden, dem Menschen und den großen Katzen, schwer entdeckt wird.

Auch der halbkahle Schweif hängt mit der Schutzfärbung zusammen. Im Felsengewirr würde der dicke schwarze Streifen des Pferdes auffallen, weil er sich von der vorherrschenden grauen Färbung abhebt, während das in der Ebene viel weniger der Fall ist.

Drittens verstehen wir seine zierlichen Hufe und seinen im Gebirge so sicheren Gang. Das Gebirge ist ja seine Heimat, und wer sicher auf kleinen Stellen im Gebirge auftreten will, darf nicht die unförmigen Hufe eines flämischen Pferdes haben.

Viertens. Auch die langen Ohren werden aus seinem Leben in der Heimat verständlich. Wir sehen, daß alle Tiere sich durch auffallend lange Ohren auszeichnen, die ihren eigentlichen Hauptsinn, den Geruch, nur unter ungünstigen Umständen tätig sein lassen können. Das ist beispielsweise beim Hasen, beim Wüstenfuchs und anderen Tieren der Fall. Der Hase liegt mit aufgelegtem Kopfe in einer Bodenvertiefung. In dieser Lage kann seine sehr feine Nase einen etwa 10 bis 20 Schritt entfernten Menschen trotz günstiger Windrichtung nicht wittern, falls dieser, was häufig der Fall ist, etwas höher steht. Denn die Ausdünstung des Menschen geht über den Rücken des Hasen hinweg. Daher ist die irrige Ansicht entstanden, daß der Hase nicht wittern kann. Wie vorzüglich er riechen kann, sieht man in jedem Frühjahr, wenn er wie ein Jagdhund in sausender Fahrt die Spur einer Häsin verfolgt.

Auch der Esel hat, wie das Pferd, eine ausgezeichnete Nase. Aber wie oft läßt sie ihn im Felsengewirr im Stich! Die Witterung des Menschen, des Löwen oder eines anderen Raubtieres, die hinter einem Felsen lauern, geht an dem Esel vorbei, ohne in das Riechgebiet der Nase zu gelangen.

Deshalb müssen sich Esel, Hase und Wüstenfuchs vor allen Dingen auf ihr Gehör verlassen. Daher ihr fortwährendes Spitzen der Ohren. Daher die ungewöhnliche Länge der Ohren bei den genannten Tieren.

Die Dummheit des Esels ist nicht so groß, wie sie gewöhnlich hingestellt wird. Sie hat in vieler Hinsicht dieselben Gründe wie die der Schafe, bei denen wir davon noch sprechen wollen.

Die Genügsamkeit des Esels ist für uns Menschen sehr wertvoll. Aber es ist nicht richtig, daß Disteln ihm über alles gehen sollen. Wir werden das gleich noch sehen.

75. Warum sieht man selten kranke Esel?

Während das Pferd einer Unmenge von Krankheiten unterworfen ist, muß man geradezu suchen, wenn man einen kranken Esel finden will. Einen schönen Fall von dem ungewollten Selbstmord eines Esels erzählt ein Naturforscher: Krank wird der Esel nicht leicht, und frißt er sich einmal zu Tode, so geschieht es wenigstens nicht in böser Absicht, was man aus folgender Tatsache entnehmen mag: Einer meiner Freunde besaß einen alten und einen jungen Esel; als des letzteren Geburtstag gefeiert wurde, ließen die Kinder auch den alten am Feste teilnehmen, gaben ihm eine große Menge reinen Hafers, und da feierte er denn so eifrig, daß er daran starb. --

Solche Menschen, die sich den Geburtstag ihres Esels merken und ihn gebührend feiern, sind sicherlich große Ausnahmen. Jedenfalls geht aus dem Erlebnis hervor, daß der Esel Hafer noch viel lieber als Disteln frißt.

Wie alle Einhufer, hat der Esel einen kleinen Magen und obendrein eine Klappe davor. Ein gesunder Einhufer kann sich also nicht übergeben. Er platzt, wenn er zuviel gefressen hat.

Wir haben vorhin (Kap. 62) darauf hingewiesen, daß das Pferd ein Magerfresser ist. Der Esel ist es in noch höherem Grade. Gäbe man dem Esel auch soviel Körnerfutter wie dem Pferde, so würde er auch koppen und krank werden. Zum Glück verwöhnen wir den Esel nicht.

Es dürften also folgende beiden Gründe sein, weshalb der Esel so selten, das Pferd so häufig krank ist.

Einmal haben wir dem Esel die dürre Fütterung seiner Heimat gelassen, weil es uns sehr angenehm ist, daß er so genügsam ist.

Sodann haben wir den Esel so gelassen, wie ihn die Natur geschaffen hat.

Das Pferd dagegen haben wir größer gezüchtet, weil wir große Tiere brauchten. Um die Größe zu erzielen, müssen wir viel Körner verfüttern, was für ein Steppentier nicht naturgemäß ist.

Das Pferd würde noch viel häufiger erkranken, wenn es nicht als Haustier die gesündeste Tätigkeit ausübte. Es ist den ganzen Tag in der frischen Luft und arbeitet sich aus. Wie gesundheitsfördernd das für das Pferd ist, ersehen wir an einer an Feiertagen nicht selten auftretenden Krankheit, der sogenannten Osterwinde. Die Pferde bleiben im Stalle und bekommen zur Feier des Tages ihr übliches Körnerfutter. Die Folge davon ist nicht selten eine furchtbar schwere Erkrankung, die Osterwinde.

76. Ziehhund oder Esel?

Wir haben uns jetzt das Aeußere des Esels verständlich gemacht und wollen jetzt die Frage besprechen, weshalb man nicht allgemein statt der Ziehhunde Esel verwendet.

Seit vielen Jahren wird gegen die Verwendung der Hunde zum Ziehen gewettert. Diese Bestrebungen zeugen von dem guten Herzen der Beteiligten und sollen deshalb sorgfältig geprüft werden. Allerdings ist auch in diesem Falle, wie bei den Hüten für die Omnibuspferde, vielfach Sachkunde zu vermissen.

Die Verwendung des Hundes zum Ziehen ist eine Tierquälerei, falls

1. der Hund übermäßig lange angestrengt wird oder übermäßige Lasten zu ziehen hat,

2. Fütterung und Tränkung nicht genügend ist,

3. der Hund als früheres Nachttier bei glühender Mittagshitze ziehen muß,

4. an den Ruhestellen kein trockenes Plätzchen zum Hinlegen ist,

5. er bei Kälte an den Ruhestellen nicht zugedeckt wird.

Pferde und Esel brauchen sich nicht hinzulegen zur Ruhe, wohl aber der Hund.

Pferden erfrieren trotz der größten Kälte nicht die Beine, wohl aber dem Hunde.

Ein Sachverständiger äußert sich über die vorliegende Streitfrage folgendermaßen:

In vielen Gegenden spannen Leute, die oft geringe Lasten zu befördern haben, statt der Esel Hunde vor, was schon oft getadelt, aber doch nicht abgeschafft ist. -- Ziehen wir zwischen beiden einen Vergleich, so stellt sich folgendes heraus: Der Hund ist leichter zu haben, weil er sich sehr stark vermehrt, ist wohlfeiler, weil er ein Jahr alt schon angespannt werden kann und weil er oft von Leuten, die ihn zu Jagd- oder Metzgergeschäften dressieren wollten, aber dann unbrauchbar fanden, sehr billig verkauft oder gar verschenkt wird. Soll ein Hund jung kräftig wachsen, älter tüchtig ziehen, so muß er tüchtig und gut gefüttert werden, und seine Ernährung kann leicht ebensoviel kosten wie die eines Esels. Zu Hause kann er auch durch Nagen, Totbeißen anderen Hausviehes usw. manchen empfindlichen Schaden tun, der beim Esel nicht vorkommt.