Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten

Part 16

Chapter 163,645 wordsPublic domain

Es dauerte gar nicht lange, bis ich den Ausreißer wieder fand. Bei einer scharfen Wegbiegung war Sascha offenbar gegen einen Alleebaum angerannt und lag nun, alle Viere nach oben gestreckt, im Straßengraben. Er rührte kein Glied, und ich befürchtete wirklich, daß er tot sei. Als ich noch überlegte, was zu tun sei, kam Hilfe in Gestalt eines Gendarmen, der zwei Handwerksburschen transportierte. Freundlicher Weise stellte er sich und seine Gefangenen gleich zu meiner Verfügung. Bei näherer Betrachtung Saschas meinte aber auch der Gendarm, da sei nichts zu machen, denn das Tier habe sich das Genick gebrochen. So ohne weiteres wollte ich das nach den bereits mit Sascha gemachten Erfahrungen nicht glauben, und wir gingen daran, den Pony von Geschirr und Schlitten zu befreien. Er rührte sich noch immer nicht, hielt die Augen halb geschlossen; wenn man ihm ein Bein bewegte, fiel es schlaff in die alte Lage zurück. Gendarm und »Schwerverbrecher« ergingen sich in Mitleidsäußerungen über das »schöne tote Pferderl«. Als ich die Vermutung aussprach, daß es sich um Verstellung handeln könne, wurde das als gänzlich ausgeschlossen bezeichnet. Ich ließ mich aber nicht irremachen, nahm Sascha beim Zügel, die beiden Gefangenen -- die sich edler Weise während der ganzen Zeit eifrig am Rettungswerk beteiligt hatten, statt, wie ich es an ihrer Stelle getan hätte, die Gelegenheit zur Flucht zu benützen --, wurden angewiesen, den Pony am Schwanz zu fassen. Der Gendarm zog an der Mähne und so mit vereinten Kräften brachten wir den »Toten« wieder auf die Beine! Kaum zum Leben erweckt, wollte Sascha sich schleunigst empfehlen. Dafür hatte ich aber schon vorgesorgt und hielt den Zügel ordentlich fest. Es stellte sich heraus, daß der Pony nicht die geringste Verletzung erlitten und sich offenbar verstellt hatte. Er wollte, daß wir ihn von Geschirr und Schlitten befreit liegen lassen sollten, worauf er dann den Heimweg, auf eigene Faust angetreten hätte. Wie würde er sich über uns belustigt haben!

Wer zuletzt lacht, lacht am besten, und das war in diesem Falle nicht der schlaue Sascha. So gut es mit den beschädigten Sachen ging, spannte ich wieder ein.

Die Gesellschafterin war inzwischen keuchend und jammernd eingetroffen. Sie erklärte, sich dieser »lebensgefährlichen Bestie« nicht mehr anvertrauen zu können, was mir weiter gar nicht viel Eindruck machte. Ich stellte ihr anheim, entweder zwölf Kilometer im tiefen Schnee zu Fuß zu gehen oder es noch einmal mit mir zu wagen. Sie wählte schließlich das Zweite, und so fuhren wir heimwärts.

Der kleine Sascha war trotz seiner zahlreichen Untugenden zehn Jahre lang mein besonderer Liebling. Auch der Umstand, daß er mich im Laufe dieser Zeit elfmal biß, konnte ihm meine Zuneigung nicht rauben. Er war ein so verständiges und kluges Tier und dabei äußerlich so hübsch, daß ich ihm alles verzieh. Wer Sascha in seiner Box besuchte, ohne seine Eigenart zu kennen, wurde rettungslos von ihm »apportiert«. Er ließ solch einen ahnungslosen Besucher erst nahe kommen, dann stieg er auf, schlug mit den Vorderhufen nach ihm und drängte ihn in eine Ecke der Box. Hatte er ihn soweit, dann faßte er ihn mit den Zähnen und schleppte ihn herum. Auch in der Schmiede war der kleine Kerl gefürchtet, seit er eines Tages den Schmied beim Beschlagen hoch hob.

Sascha, der im allgemeinen durchaus kein scheues Pferd war, hatte merkwürdiger Weise eine unüberwindliche Angst vor Schlittengeläute. Als ich ihm das erstemal Schellen anlegte, gebärdete er sich ganz verrückt. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, im Stall sowohl wie im Freien, wendete ich keine weitere Gewalt an, weil ich das an und für sich schon sehr reizbare Tier nicht noch verrückter machen wollte. Da kam mein Bruder zu Besuch und meinte als Reiteroffizier, es sei lächerlich, mit so einem kleinen Kerl nicht fertig zu werden, er würde ihm die Schellen schon anziehen. Ich sagte ihm, er könne einen Versuch machen, wenn er für den dabei entstehenden Schaden aufkommen wolle.

Sascha wurde mit verbundenen Augen an die Leine genommen und das Geschirr mit den Glocken, denen man zuerst die Schwengel festgebunden hatte, damit sie nicht läuten konnten, wurde ihm aufgelegt. Als das getan war, befreite man Sascha von der Blende und ließ die Glocken klingen. Wie wahnsinnig lief der Pony nun an der Leine im Kreise herum. Wohl eine Stunde jagte er vollkommen toll dahin, bis man ihn schaumbedeckt und atemlos endlich zum Stehen brachte. Nun dachte man, er sei genügend erschöpft, um ihn an den Schlitten bringen zu können. Sechs Mann spannten ihn ein, nachdem man vorsichtshalber das Geläute abermals mit Tüchern umwickelt hatte, um den Schall zu dämpfen. Auf jeder Seite hielten ihn zwei Mann, weitere zwei Mann waren zur etwaigen Hilfeleistung bereit. Kaum hatte man das Geläute erklingen lassen, schob Sascha mit unverminderter Vehemenz ab; es gab kein Halten. Der Schlitten wurde total zertrümmert, vier Mann lagen am Boden und wurden geschleift, und schließlich war man froh, als man durch schleuniges Abnehmen des Geschirres der gefährlichen Geschichte ein Ende bereiten konnte.

Sascha hat diese Scheu niemals überwunden, und dieses Ereignis blieb unauslöschlich seinem Gedächtnis eingeprägt. In der Folge hatte er nicht nur Angst vor Glockengeläute sondern auch jeder blaue Gegenstand flößte ihm eine unbeschreibliche Furcht ein. Das Schlittengeläute war nämlich mit zwei blauen Federbüschen verziert gewesen, und in Saschas Gehirn waren offenbar die Begriffe der Gefährlichkeit von Glocken und blauer Farbe jetzt vereinigt. Eine blaue Wagendecke durfte er nie zu Gesicht bekommen, wollte man Unglücksfälle vermeiden; mit einem blauen Kleid ließ er mich unter gar keinen Umständen in seine Box; noch viel weniger konnte ich ihn mit einem Reitkleid dieser Farbe besteigen. Da Schellengeläute im Winter polizeiliche Vorschrift ist, nahm ich stets eine Glocke mit in den Schlitten und ließ sie nur, wenn durchaus nötig, z. B. wenn ein Schutzmann in Sicht war, ertönen. Dies trieb Sascha dann zwar zu sehr beschleunigten Gangarten, Unfälle konnten aber auf diese Weise doch vermieden werden.

Ich glaube, daß Sascha, der einerseits ein außergewöhnlich gescheites Tier war, doch in gewisser Hinsicht einen seelischen Mangel hatte. Es war nicht alles Ungezogenheit bei ihm, manchmal schien er wirklich im Gehirn nicht ganz in Ordnung zu sein. Besonders an sehr heißen Tagen blieb er z. B. beim Reiten oder Fahren plötzlich stehen, schüttelte mit dem Kopf und zeigte alle Zeichen von Dummkoller. Da er sich gern verstellte, so war es schwer, eine etwaige Gehirnkrankheit von einer Ungezogenheit zu unterscheiden. Mir war er gerade wegen dieser Abweichung vom Standpunkte der Tierseelenkunde aus wertvoll. Ich rechnete stets mit seiner Veranlagung und verzieh ihm aus diesem Grunde viel.

Seine krankhafte Abneigung gegen blaue Farben und Glocken hat er in den zehn Jahren seines Hierseins nie abgelegt, obwohl er sonst in seinen alten Tagen braver und ruhiger geworden war. Auch meine Versuche, ihn im Stall an diese Gegenstände zu gewöhnen, blieben erfolglos. Er hungerte lieber drei Tage, als daß er an die Krippe, vor welcher ein Geläute oder ein blaues Tuch befestigt war, heranging. Bei einem Pferd, das weder Eisenbahn noch Dampfstraßenbahn, noch Militärmusik, noch Schießen fürchtete, kann eine derartig unüberwindliche Angst vor an sich harmlosen Scheugegenständen wohl nur auf ungewöhnlicher Veranlagung beruhen.

Als Beispiel von Saschas Klugheit möchte ich noch erwähnen, daß er entgegenkommenden Fuhrwerken immer von selbst richtig auswich, und dies ist hier an der österreichischen Grenze keine Kleinigkeit. In Oesterreich wird links, hier in Deutschland rechts ausgewichen; die Salachbrücke bildet die Grenze. Sascha irrte sich nie und wechselte regelmäßig in der Mitte der Brücke das Ausweichsystem. Ich konnte ihm ganz ruhig die Zügel auf den Rücken legen, er hielt stets die richtige Straßenseite ein. Die Salzburger Droschkenkutscher, die mit Vorliebe in Bayern falsch ausweichen, hätten sich ein Beispiel an Sascha nehmen können. Begegnete Sascha einem falsch ausweichenden Wagen, so ließ er sich durchaus nicht irremachen, und wartete auf der richtigen Straßenseite ruhig ab, bis ihm Platz gemacht war. Man sollte glauben, daß gerade hier, wo ein Pferd sehr viel in Bayern, dann wieder häufig in Oesterreich gefahren wird, es durch die verschiedenen Ausweichsysteme verwirrt gemacht werden müßte. Bei Sascha war dies nicht der Fall, und ich gewann von ungläubigen Bekannten mehrere Wetten in dieser Angelegenheit. --

Die vorstehende Schilderung der vortrefflichen Pferdekennerin bestätigt das früher Gesagte, daß männliche Pferde mit dem Gebiß und den Vorderhufen kämpfen im Gegensatz zu den Stuten.

Höchst unwahrscheinlich klingt die Geschichte von dem richtigen Ausweichen des Pferdes. In der Lebensgeschichte berühmter Gelehrter lesen wir, daß sie als Freiwillige niemals rechts- und linksum unterscheiden lernten. Hier wird von einem Pferde berichtet, daß es in Deutschland und Oesterreich stets richtig auswich, obwohl das Ausweichen in beiden Ländern verschieden ist. Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob das wahr ist. Es ist hierbei selbstverständliche Voraussetzung, daß stets über dieselbe Brücke gefahren wurde. Da die Dame in ihrem Buche einen in jeder Hinsicht glaubwürdigen Eindruck macht, so finde ich als einzigen Ausweg die Tatsache, daß die Tiere zum Raume in einem ganz anderen Verhältnis stehen als der Mensch. Tiere finden sich im Raume leichter zurecht als wir, wie ihr Ortssinn beweist.

Selbst diese vortreffliche Tierkennerin hält ein Pferd für geisteskrank, weil es nicht mit Schellengeläut laufen will. Kann es denn nicht begründete Ursache zu seinem Verhalten haben? Man nehme einmal an, daß Sascha früher in Rußland bei einer Schlittenfahrt einen Ueberfall durch eine Räuberbande oder durch Wölfe erlebte. Hierbei wurde sein Herr oder der Kutscher oder ein Nebenpferd getötet, und er selbst nur durch Zufall gerettet. Ist es nun nicht ganz natürlich, daß ein Pferd bei seinem guten Gedächtnis ein solches Erlebnis nicht wieder vergißt?

Schaffen wir Menschen nicht alle Gegenstände fort, die uns an höchst unangenehme Vorkommnisse erinnern? Die meisten Menschen werden überhaupt sofort verstimmt, sobald das Gespräch auf Dinge stößt, die ihnen verdrießliche Sachen ins Gedächtnis zurückrufen.

Man hat dem Pferde mit Gewalt seine Abneigung gegen das Schellengeläute austreiben wollen. Hierbei hat es stundenlang in seinem verzweifelten Widerstand die blaue Farbe vor Augen gehabt. In der Folgezeit erinnerte es die blaue Farbe an das Schellengeläute, und das Schellengeläute wiederum an das furchtbare Ereignis. Auch das kann man nicht unbegreiflich finden.

Sascha hat sich durch Verstellung und Widerstand von der Arbeit gedrückt, wenn sie ihm nicht mehr paßte. Wir Menschen haben unsere menschlichen Interessen wahrzunehmen gegenüber den Haustieren, die wir füttern. Deshalb halten wir uns für berechtigt, ihren Widerstand zur Arbeit durch uns zugängliche Mittel zu brechen, also durch Peitsche und Sporen bei Pferden. Das ist alles ganz klar.

Eine ganz andere Frage ist es, ob ich ein Haustier, das sich der Arbeit entziehen will, deshalb für dumm halten muß. Da ich noch keinen Menschen angetroffen habe, der das Sichdrücken von der Arbeit für ein Zeichen von Dummheit angesehen hat -- eher das Gegenteil --, so kann ich also ein Tier nicht deshalb für töricht halten, weil sein Verhalten uns Unannehmlichkeiten bereitet.

Aus dem Vorstehenden ist ersichtlich, daß gute Tierkenner sehr leicht zu einem ganz verschiedenen Urteil gelangen. Die Dame, die sich ihr Leben lang mit Pferden beschäftigt hat, hält ihren Liebling für teilweise geisteskrank und gibt die Gründe hierfür an. Ich glaube, daß meine Bücher gezeigt haben, daß ich auch eine Kleinigkeit von Tieren verstehe. Ich muß gestehen, daß ich keine Spur von Geisteskrankheit entdecken kann und Sascha für ein ungewöhnlich kluges Tier halte.

67. Ueber richtige Behandlung der Pferde.

Es ist betrübend, daß erst eine Dame kommen und uns Männern so verständige Worte über die richtige Behandlung der Pferde sagen mußte.

Die im vorigen Kapitel erwähnte vortreffliche Pferdekennerin gehört zu den wenigen, die den äußerst feinen Geruch der Pferde oft hervorheben. Als große Tierfreundin hielt sie sich allerlei Getier, darunter auch eine zahme Löwin. Hierbei konnte sie täglich beobachten, daß die Löwen wie alle Katzen ausgezeichnet sehen, Pferde dagegen vortrefflich riechen können.

Mit Vorliebe kaufte sie solche Pferde, die andere Menschen für vollkommen unbrauchbar erklärten und deshalb los sein wollten. Sie sagte sich mit Recht, daß die Pferde schon ihren Grund zu ihrem Verhalten haben werden. Sobald sie diesen Grund herausgefunden hatte, konnte sie das Tier wie jedes andere gebrauchen. Nur mußte sie auf die bestimmte Eigenart Rücksicht nehmen.

Ihre Erfahrungen auf diesem Gebiete sind sehr lehrreich und so sollen einige hier ihre Stelle finden:

Als ich eine neugekaufte Stute das erstemal ritt, machte sie, neben anderen Unarten, auch ganz plötzlich kehrt in der Nähe eines Wirtshauses. Da dort ein Planwagen stand, so glaubte ich, dieser sei die Ursache ihrer Furcht gewesen. In der Folge bemerkte ich aber, daß ihr derartige Wagen, die ihr auf der Straße begegneten, ganz gleichgültig waren, während sie sich einzelnen Häusern, besonders Gasthäusern, mit allen Anzeichen der Furcht näherte, auch wenn keinerlei Gegenstände, vor denen Pferde scheuen, dort zu sehen waren. Sie machte plötzlich Kehrt und warf sich mit solcher Schnelligkeit auf den Hinterfüßen herum, daß ich mich sehr in acht nehmen mußte nicht herunterzufliegen. Nur nach langem Kampf konnte man sie an einzelnen Stellen vorbeibringen.

Es bedurfte einer längeren Untersuchung, um herauszufinden, was die eigentliche Ursache ihrer Furcht und der damit verbundenen Widersetzlichkeit war. Schließlich stellte ich fest, daß die Stute eine wahnsinnige Angst vor Blutgeruch hatte. Auf dem Land wird in den meisten Gasthäusern geschlachtet, und diesen näherte sich die Stute stets mit allen Anzeichen der Furcht. Schon von weitem begann sie zu schnauben und zu pusten und fing mit ihrer Widersetzlichkeit an, um sich, wenn irgend möglich, das Vorbeigehen am Wirtshaus zu ersparen. Als ich sie einmal in einem solchen einstellte, wollte mir der Hausknecht beim Absatteln behilflich sein. Die Stute wurde ganz toll vor Angst, als der Mann, der, wie er mir dann sagte, kurz vorher beim Schlachten beschäftigt gewesen war, sich ihr näherte. Sie wäre mir bei dieser Gelegenheit fast davongelaufen; ich hatte alle Mühe sie zu halten.

Ich wollte nun feststellen, warum dieses Pferd eine derartig außergewöhnliche Angst vor Schlachthäusern hatte, und schließlich konnte ich den Grund herausfinden. Der Stute war seinerzeit bei einem Metzger der Schwanz gekürzt worden, und die Erinnerung an die Verstümmelung blieb für sie unauslöschlich mit Schlachthausgeruch verbunden. Erinnerungsvermögen und Geruchssinn sind beim Pferde hochentwickelt.

Der Widerstand dieser Stute beruhte also keineswegs auf Bosheit, sondern lediglich auf Furcht. Menschen, die der Sache nicht auf den Grund gegangen wären, hätten das arme Tier natürlich als vollkommen störrisch betrachtet, wenn es ohne anscheinende Ursache sich weigerte, an gewissen Stellen vorbeizugehen. Tiere tun selten etwas ohne Grund; bemüht man sich ein wenig sie zu verstehen, ihnen zu folgen, so wird man meist einen, von ihrem Standpunkte aus gesehen, triftigen Grund für ihre Handlungsweise feststellen. Viele Menschen finden dies aber nicht der Mühe wert, sie fertigen derartige Tiere nur mit den Worten ab: »Der dumme Bock scheut vor allem.« Dumm braucht das Tier deshalb noch nicht zu sein. Wenn es mit einem Gegenstand einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat, so ist es ganz natürlich, daß es sich auch in Zukunft vor demselben fürchtet, denn die Fähigkeit, logisch zu denken, geht ihnen ab. Sache des Menschen ist es, das Tier in solchen Fällen durch geeignete Mittel von der Grundlosigkeit seiner Furcht zu überzeugen, ihm Vertrauen und Mut einzuflößen.

Bei dieser Stute schien die Nase ganz besonders entwickelt gewesen zu sein. Alle Ursache ihres Scheuens konnte man auf irgendwelche Witterung zurückführen.

Einmal machte sie mir mitten auf der Landstraße ohne jeden Anlaß kurz kehrt, und da ich genau wußte, daß in der ganzen Gegend kein Gasthaus und keine Metzgerei vorhanden waren, mußte diese scheinbare Ungezogenheit auf anderen Gründen beruhen. Weit und breit war nichts zu sehen; ich zweifelte aber trotzdem nicht, daß meine Stute irgend etwas bemerkt hatte, was menschlichen Sinnen eben nicht wahrnehmbar ist. Ich zwang sie weiter zu gehen. Durch ein Nachgeben in solchen Fällen würde das Pferd selbstverständlich verdorben werden. Es würde später im Gefühle seiner Macht auch aus anderen Gründen als dem der Furcht kehrtmachen. Das Tier muß sich also stets bewußt sein, daß es eine Auflehnung gegen den Willen seines Herrn nicht gibt. Hat man in einem solchen Kampf einmal den Kürzeren gezogen, so kann die Mühe von Wochen umsonst sein, und die Dressur muß von neuem beginnen. Es gilt dies nicht bloß vom Umgang mit Pferden, sondern von allen Tieren.

Ich war also etwa 300 Meter weiter geritten, als ich bei einer Wegbiegung am Rande eines Waldes eine Zigeunergesellschaft mit Bären und Kamelen lagern sah. Nun war das Benehmen meiner Stute schon erklärt.

Die Furcht vor Raubtieren ist dem Pferde gleich allen anderen Geschöpfen eigen, und die Natur hat ihm die feine Nase und die Schnelligkeit verliehen, um diese Gefahren zu wittern und ihnen zu entfliehen. Es lag also auch in diesem Fall eine von seinem Standpunkt aus ganz verständliche Handlungsweise vor.

Die Scheu vor Raubtieren konnte ich ja bei meinen Pferden am besten beobachten. Ging ich in den Stall, nachdem ich kurz vorher meine zahme Löwin gestreichelt hatte, so nahmen meine Pferde keinen Zucker aus meiner Hand. Unter Schnauben und Pusten zogen sie sich in die entfernteste Ecke ihrer Box zurück.

* * * * *

Alles, was die Dame hier von der Behandlung der Pferde gesagt hat, kann man nur unterschreiben. Zur Bestätigung ihrer Angaben von dem feinen Geruch der Pferde und ihrer Furcht vor Blut und Raubtieren sei folgendes angeführt.

In heißen Ländern sind Reiter oft durch ihr Pferd vor dem Tode des Verdurstens gerettet worden. Es fand nämlich durch seinen feinen Geruch verborgenes Wasser, das der stumpfen menschlichen Nase vollkommen entgangen war.

Ein Bekannter von mir, ein vorzüglicher Reiter, kommt nach Hause geritten und wird von dem sonst ruhigen Pferde um ein Haar aus dem Sattel geschleudert, da es urplötzlich davonstürmt. Er geht der Sache auf den Grund und stellt fest, daß in seiner Abwesenheit eine Zigeunerbande mit einem Bären auf dem Gehöft geweilt hatte.

Etwas Aehnliches ereignete sich vor vielen Jahren auf einer Fähre. Ein sonst frommes Pferd will plötzlich auf der Fähre mit dem Wagen und seinen Insassen in den breiten Strom springen. Nur mit Mühe kann ein gräßliches Unglück vermieden werden. Auch hier wird festgestellt, daß eine Zigeunerbande mit Bären und Kamel vorher die Fähre benutzt hatte.

Man ersieht hieraus, wie notwendig es ist, daß die Fähre, wenn sie Raubtiere übergesetzt hat, gereinigt oder doch mit Wasser übergossen wird. Wenigstens muß es an den Stellen geschehen, wo die Tiere gelegen haben.

68. Die geistigen Fähigkeiten der Tiere.

Wir haben jetzt eingesehen, wie außerordentlich schwierig es ist, die geistigen Fähigkeiten der Tiere zu beurteilen. Die Tierliebhaber erheben sie in den Himmel, während die Gegner die Tiere nur als Maschinen betrachten. Als im Jahre 1904 der sogenannte »kluge Hans« vorgeführt wurde, glaubten viele Berliner, die sich das Pferd des Herrn von Osten angesehen hatten, daß ein Pferd sich durch geeigneten Unterricht, wie ihn Herr von Osten erteilt hatte, die Kenntnisse eines zwölfjährigen Knaben, namentlich aber Lesen und Rechnen, aneignen kann.

Nehmen wir einen Fall, wie er sich in Wirklichkeit unzählige Male ereignet hat. Wir haben uns vollständig verirrt. Der Kutscher weiß nicht mehr, wo der richtige Weg ist. Es wird dunkel, und wir fangen an zu frieren. Niemand ist weit und breit, den wir nach dem Wege fragen könnten. Da macht der Kutscher es, wie es so oft schon geschehen ist, -- er überläßt dem Pferde die Führung. Und das Pferd schlägt ohne Besinnen einen Weg ein, der uns in stockdunkler Nacht nach unserm Ziele bringt.

Oder wir wollen an den vorher erwähnten Reiter denken, der, von Durst gemartert, schon zu phantasieren beginnt und die Zügel nicht mehr halten kann. Da fängt sein Pferd plötzlich an, im Sande zu scharren, und nach kurzer Zeit ist eine unterirdische Quelle freigelegt.

Oder ein Jäger hat bei Eintritt der Dämmerung einen Rehbock geschossen. Er hat keine Zeit, den nächsten Morgen abzuwarten. Deshalb holt er seinen Hund und wartet zunächst die Zeit ab, die nach solchen Schüssen üblich ist. Inzwischen ist es so dunkel geworden, daß man nicht mehr die Hand vor Augen sehen kann. Der Jäger braucht also eine Laterne, um überhaupt die Stelle wiederzufinden, wo der Rehbock gestanden hat. Auf diese Anschußstelle führt er den Hund. Dieser läuft mit gesenkter Nase der Fährte nach. Es dauert nicht lange, so hört der Jäger das Gebell seines Hundes, das ihm anzeigt, daß er den Bock gefunden hat. Wo der Mensch nichts sah, findet der Hund einen geschossenen Rehbock.

Kann man es im Ernste einfachen Leuten verdenken, daß sie, wenn sie solche Sachen erlebt haben oder täglich erleben, von der Klugheit der Tiere schwärmen? Die Gegner haben ja natürlich darin durchaus recht, daß die Tiere diese Leistungen nicht auf Grund geistiger Gaben verrichten. Der Hund findet den Rehbock in der dunklen Nacht, weil seine Augen in der Dunkelheit viel besser sehen können als die des Menschen, und weil sein Geruchssinn ganz unabhängig davon ist, ob es hell oder dunkel ist. Das Pferd findet das unterirdische Wasser ebenfalls durch die feine Nase und den Weg nach dem Ziele durch seinen Ortssinn. Ebenso ist das Pferd nicht deshalb sehr klug, weil es sich von einer Fata morgana, dem Spiegelbilde einer Oase, in der Wüste nicht täuschen läßt, wie es den Menschen passiert. Das Pferd als Nasentier traut seinen Augen überhaupt nicht, und für die Nase ist das Spiegelbild gleichgültig.

Führen wir noch weitere Fälle an, die hierhin gehören:

Ich nehme ein junges Kätzchen und setze es auf eine Tischplatte. Ich kann ganz unbesorgt sein -- das erst einige Wochen alte Tier fällt nicht hinunter.

Oder ich nehme es an das offene Fenster. Es wird ebenfalls nicht hinunterfallen, während man Kindern fortwährend zurufen muß: Nehmt euch in acht, damit ihr nicht hinunterfallt!

Jetzt setze ich das Kätzchen auf eine Holzplatte und stelle die Platte schräg. Sofort bringt es seine Krallen zum Vorschein und hält sich fest.

Wie oft fliegen Vögel, wenn sie ein böser Bube ausnehmen will, sofort ohne jeden Unterricht aus dem Neste! Ich zog einmal einen jungen Kuckuck groß, der in einem Bauer stak. Er hatte noch niemals Flugversuche gemacht. Eines Tages flog er vom Tische in dem Garten, wo ich ihn fütterte, tadellos nach dem nächsten Baum und setzte sich auf einen Ast.

Wenn man sich die Schwierigkeit des Fliegens vorstellt, dann muß man staunen, daß ein Tier ohne jede Anleitung sofort alles richtig macht. Abfliegen, Fliegen, Anhalten, Sichsetzen auf den Ast. Niemand konnte dem Kuckuck ansehen, daß er das alles zum ersten Male macht.