Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten

Part 15

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Wie das Pferd die Beine setzt, erscheint uns naturgemäß. Dagegen ist das Durcheinanderwirbeln der Beine beim Hunde nach unsern Begriffen höchst merkwürdig.

Nebenbei sei folgendes bemerkt. Hat man ein Pferd künstlich dazu abgerichtet, die Beine derselben Seite gleichzeitig vorzusetzen -- im natürlichen Zustande geschieht es abwechselnd -- so spricht man von einem Paßgange. Diese Gangart ist manchen Tieren natürlich, z. B. der Giraffe, was sich aus dem Bau ihres Körpers ergibt. Pferde mit Paßgang nennt man Zelter. Sie werden wegen ihres gleichmäßigen Ganges sehr von den Damen bevorzugt.

Das schräge Laufen des Hundes ist, wie wir uns schon denken können, ein Erbteil aus der Zeit seines früheren Räuberlebens. Noch heute setzt der Fuchs seine Spur in *eine* Linie. Der Jäger sagt recht treffend: der Fuchs schnürt. Im Schnee sehen seine Fußstapfen wie eine Schnur aus.

Das Schnüren ist für das Raubtier eine Lebensfrage. Es will sich seinem Opfer nähern, ohne vorher gesehen oder gewittert zu werden. Zu diesem Zwecke sucht beispielsweise der Fuchs stets die tiefsten Stellen auf. Er geht über einen Acker, indem er die Ackerfurchen benutzt. Kommt er an einen Graben, so springt er hinein und läuft auf der Sohle des Grabens weiter. Ja, auf Fahrwegen läuft er aus Vorsicht regelmäßig die Wagenspuren entlang, weil diese die tiefsten Stellen der Straße ausmachen. Der Hund ist früher ebenfalls in der gleichen Weise gelaufen. Obwohl er jetzt nicht mehr auf Raub ausgeht, so läuft er doch noch auf dem Bürgersteig schräg. Man ersieht daraus, wie unausrottbar die dem Haustiere überkommenen Gewohnheiten haften.

Manche Hunde laufen noch heute mit Vorliebe in einer Wagenspur. Es ist sogar anzunehmen, daß das sogenannte Hinken der Hunde hiermit im Zusammenhang steht. Früher haben die Menschen die Tiere weit aufmerksamer beobachtet. Es gibt sogar einen Vers, in dem es heißt, daß sich niemand an das Hinken der Hunde kehren soll. Unsere Vorfahren hielten also das Hinken der Hunde für eine Heuchelei. -- Heute kann man zahlreiche Kulturmenschen fragen und wird hören müssen, daß ihnen niemals das Schräglaufen der Hunde, noch weniger aber das Hinken -- und zwar das grundlose Hinken -- aufgefallen ist.

Obwohl das Bein ganz gesund ist, hebt es der Hund beim Laufen hoch und läuft auf drei Beinen weiter. Regelmäßig ist es ein Hinterbein.

Wir wissen, daß der Hund seiner alten Raubtiernatur gemäß gern in einer geraden Linie, womöglich in einem Gleise, laufen möchte. Ist er nun durch gute Pflege, wie es vor dem Weltkriege üblich war, gut im Stande, so ist das Laufen in der geraden Linie für ihn nicht leicht. Um es dennoch durchzuführen, hebt er einen Hinterfuß hoch.

Das Pferd als friedlicher und harmloser Pflanzenfresser hat sich an keine Opfer anzuschleichen. Es hat auch auf der Steppe stets genügenden Platz und braucht nicht wie ein Gebirgstier häufig auf einem schmalen Pfade zu wandeln. Das Pferd hat also im Gegensatz zum Hunde seinen natürlichen Gang beibehalten.

62. Die naturgemäße Fütterung der Pferde. Das Koppen.

Der Droschkenkutscher hatte sein Pferd mit Hafer und Häcksel gefüttert. Warum füttert man das Pferd ausgerechnet mit Hafer und nicht mit Weizen oder Gerste?

Selbst die reichsten Leute werden ihre wertvollsten Pferde, beispielsweise erfolgreiche Rennpferde, nicht mit Gerste, geschweige denn mit Weizen füttern. Zwar lese ich bei einem sehr angesehenen Naturforscher, daß ein Bauer, dem der Hafer mißraten war, seine Pferde mit Gerste gefüttert hätte. Ich will nicht bezweifeln, daß das für ein Jahr ohne Nachteil abgelaufen ist. Im allgemeinen wird man aber auf die Dauer keine Freude an dieser Futterart haben.

Der Grund hierfür ist folgender: Tiere, die aus einer armen Gegend stammen, sind für die Gewächse dieser Gegend passend gebaut. Hierhin gehören beispielsweise unser Pferd, das Schaf, das Kamel usw. Man könnte sie als Magerfresser bezeichnen im Gegensatz zu dem in den fruchtbaren Niederungen heimischen Schwein. Es ist bekannt, daß Kamele, die man in fruchtbare Länder versetzt, dort nicht etwa Prachtkamele werden, wie die Durchschnittsmenschen meinen, sondern sterben.

Das Pferd stammt aus der Steppe, also einer Hungerleidergegend. An sich dürfte es nur mit Gräsern und nur im Herbste mit Körnern gefüttert werden. Das ist aber deshalb ganz unmöglich, weil wir dem Pferde künstlich eine Größe angezüchtet haben, die das Wildpferd nicht besitzt. Diese Größe muß erhalten werden, und das kann nur durch reichliches Futter geschehen.

Sodann lassen wir das Pferd viel und schwer arbeiten, während das Wildpferd nach unseren Begriffen den Tag über bummelt. Auch dieses schwere Arbeiten erfordert eine entsprechend bessere Fütterung.

Hafer ist das Gewächs eines kärglichen Bodens, und deshalb ist Hafer das bekömmlichste Futter für Pferde.

Weil Pferde ursprünglich Gräserfresser waren, deshalb fehlt ihnen bei ausgesprochenem Körnerfutter die zur Füllung des Magens erforderliche Menge. Um dieses Unbehagen zu beseitigen, sind die Pferde auf ein ganz merkwürdiges Auskunftsmittel verfallen. Sie pumpen sich Luft in den Magen ein, was wir als »Koppen« bezeichnen. Hiergegen sind unzählige Mittel angewendet worden, doch wird man nicht behaupten können, daß sie großen Erfolg gehabt haben. Das Koppen ist einfach eine Folge der nicht naturgemäßen Fütterung. Den Russen war es schon längst bekannt, daß ihre an Gräser gewöhnten Steppenpferde zu koppen begannen, sowie sie Körnerfutter erhielten.

Sehr häufig hört man Tierfreunde jammern, daß ein Pferd nicht in Ruhe fressen kann, wenn ein Fahrgast in eine Droschke einsteigt, während das Pferd noch nicht mit Fressen fertig ist. Diese Klage ist grundlos. Das Pferd als Pflanzenfresser muß fortwährend auf der Hut sein, ob ein Feind es nicht überfällt. Sein Leben zerfällt also in folgender Weise: Etwas fressen, dann plötzlich laufen, wieder etwas fressen, dann wieder laufen und so weiter.

Eine Störung beim Fressen schadet also einem Pflanzenfresser wenig, ganz besonders wenig aber einem Pferde. Wir verstehen jetzt, daß das Pferd einen auffallend kleinen Magen hat. Es ist ganz verfehlt, wenn der Landwirt klagt: »Wie konnte der liebe Herrgott einem so großen Tiere einen so kleinen Magen geben!« Hätte das Pferd ein schneller Renner sein können, wenn es einen großen Magen besäße, der bis oben heran voll gefüllt war? Gewiß nicht. Wir wissen ja, daß ein voller Bauch nicht gern studiert. Würde der Mensch sich nach der Lebensweise der Wildpferde richten, so würde er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, nämlich folgende zwei:

Erstens würde er durch möglichst häufiges Füttern -- wie es bereits die gewitzigten Pferdehändler tun -- weniger Futter brauchen. Wie Versuche an Militärpferden ergeben haben, leistet ein Pferd dieselben Dienste wie früher bei weniger Futter, wenn es nur häufiger gefüttert wird.

Sodann würde die Kolik, dieser ewige Alp der Pferdebesitzer, ebenso andere Krankheiten, die auf Ueberfütterung beruhen, ganz gewaltig zurückgehen.

Im Gegensatz zu den Pflanzenfressern wollen alle Raubtiere ihre Beute in Ruhe verzehren, da sie es so in der Natur gewöhnt sind. Sie sind deshalb sehr empfindlich gegen Störung. Auch Wiederkäuer wollen beim Wiederkäuen nicht gestört sein, da sie in diesem Zustande als wilde Tiere irgendwo in einem Gebüsch oder an einer verborgenen Stelle liegen.

63. Geht es auch ohne Peitsche?

Die Rollwagenpferde müssen jetzt wieder anziehen und erhalten einige kräftige Hiebe mit der Peitsche. Wie wir schon aus der Ladung vermuten konnten, geht die Fahrt nicht weit. Bereits nach einigen Häusern wird halt gemacht. Die Pferde müssen hier das Abladen gewöhnt sein, denn sie halten aus eigenem Antriebe an.

Da bei manchen tierfreundlichen Völkern des Morgenlandes Peitsche und Sporen nicht zur Anwendung gelangen, so ist die Frage naheliegend, ob wir nicht auch ohne diese Werkzeuge auskommen könnten.

Es wäre das in der Tat sehr schön, aber bei unseren deutschen Pferden ist mit bloßen Worten nichts zu erreichen. Ich habe verschiedene tierfreundliche Landwirte kennengelernt, die ohne Peitsche das Pferd ziehen lassen wollten. Aber auf die Dauer geht es nicht. Das Pferd bleibt plötzlich stehen und scheint zu sagen: »Ich habe heute genug!« Auch wenn man keine Sporen am Stiefel hat, ist man machtlos.

Also Peitsche und Sporen sind tatsächlich bei unseren Pferden, soweit man sich darüber ein Urteil erlauben darf, erforderlich. Damit ist aber das grundlose rohe Peitschen nicht entschuldigt, ebenso ist damit nicht gesagt, daß nicht allmählich auf diesem Gebiete eine Besserung möglich wäre.

Das Anhalten der Pferde aus eigenem Antriebe an Stellen, wo ihr Herr zu rasten pflegt, ist eine allbekannte Erscheinung. Merkwürdigerweise legt man hierbei wiederum den Pferden Absichten unter, die ihnen ganz fern liegen. So kann man mit ernster Miene erzählen hören, daß ein Pferd seinen Reiter zur Wohltätigkeit zwang. Das kam nämlich folgendermaßen. Es lieh sich jemand ein Pferd von einem Manne, der wegen seiner Wohltätigkeit bekannt war. Der Reiter, der es sehr eilig hatte, war sehr bestürzt darüber, daß das Pferd vor jedem Bettler, der den Hut zog, stehen blieb und nicht eher weiterging, bis er dem Bettler eine Kleinigkeit gegeben hatte. Richtig ist folgender Tatbestand. Das Pferd bleibt vor einem den Hut ziehenden Menschen stehen und geht nicht eher weiter, als bis sein Herr eine Münze gegeben oder wenigstens eine Handbewegung gemacht hat, die hierauf schließen läßt. Mit Wohltätigkeit hat das nicht das mindeste zu tun. Das Pferd will lediglich stehen bleiben, und zwar möglichst lange stehen bleiben. Denn wenn es auch seine Arbeit verrichtet, so ist ihm Ruhe noch lieber.

Das Pferd hält also nicht an, damit der Mensch ein Vergnügen hat, etwa in das Wirtshaus geht oder seinen Freund besucht, sondern lediglich seinetwegen, damit es eine Ruhepause hat. Das ist eigentlich auch ganz selbstverständlich.

Wiederum ziehen die Rollpferde an und entschwinden unsern Augen, als sie um die Ecke wenden. Etwas haben wir doch von ihnen gelernt.

64. Die Feinde des Pferdes.

Schon früher haben wir erwähnt, daß für die Wildpferde außer dem Menschen der schlimmste Feind der Tiger ist. Ebenso ist bereits der Angriff der Wölfe auf eine Pferdeherde geschildert worden. Auch der Bär tritt in einzelnen Gegenden, z. B. am Ural als gefährlicher Feind der Pferde auf.

Den großen Katzen gegenüber ist das Pferd regelmäßig verloren. Zebras wagen gegen den Löwen, der sie überfallen hat, gar keinen Kampf. Nur einmal habe ich davon gelesen, daß ein Zebra durch einen glücklichen Hufschlag den König der Tiere getötet hatte. Da der Löwenschädel mit dem eingeschlagenen Stirnbein gefunden wurde, ist an der Wahrheit des Vorganges nicht zu zweifeln. Man kann daraus die ungeheure Kraft der Hinterfüße der Einhufer erkennen. Denn der Löwenschädel ist besonders hart.

Nach den Schilderungen mancher Reisenden sollen die Hengste gegen den Bären aufgerichtet losgehen und ihn mit den Vorderhufen niedertrommeln. Das werden jedenfalls nur Ausnahmefälle sein.

Der Durchschnittswolf wird ein Durchschnittspferd wohl überwältigen, namentlich wenn es angespannt ist und sich nicht verteidigen kann. Immerhin gibt es Pferde, die jeden Wolf in die Flucht schlagen. Ein glaubwürdiger Bericht meldet sogar von einem Pferde, das gegen mehrere Wölfe siegreich blieb. Er soll hier eine Stelle finden:

Wegen der Unsicherheit der Reisenden und der Fuhrleute während der Zeit des ganz Deutschland verheerenden Dreißigjährigen Krieges pflegten die Frachtfahrenden sich zahlreich zu vereinigen, um durch gemeinschaftliche Wehr sich besser verteidigen zu können. Einer von diesen Fuhrleuten hatte ein Pferd, das in allen Ställen Händel anfing, um sich schlug und biß. Sein Herr selbst war nicht sicher dabei, und hatte oft mit seinen Kameraden deshalb Ungelegenheit. Als einst dieser vereinigt mit andern Fuhrleuten gegen Abend an einem Gebirge und hohlen Wege von drei heißhungrigen Wölfen angefallen wurde, mit denen sie lange zu streiten hatten, und die sich nicht ohne Beute abweisen lassen wollten, wurden die Fuhrleute einig, dem erwähnten Fuhrmanne sein Pferd zu bezahlen, um es den Wölfen preiszugeben. Dieser spannte es auch nach dem Vergleich sofort aus. Die hungrigen Wölfe machten sich sogleich an diese Beute, das Pferd aber schlug um sich, riß aus und ging waldein. Die Fuhrleute eilten indes in Sicherheit und freuten sich, bei dieser Gelegenheit ein unbändiges Roß aus ihrer Mitte entfernt zu sehen.

Abends, da sie in dem Wirtshaus zu Tische sitzen, klopft etwas an, und da die Magd die Obertür aufmacht, reckt das Pferd den Kopf hinein. Die Magd erschrickt, schreit überlaut und ruft die Fuhrleute herbei; diese freuten sich sehr, den heldenmütigen Ueberwinder dreier Wölfe, zwar sehr verletzt, aber doch seinem Herrn getreu zu erblicken. Sie vergaben ihm von dieser Zeit an gern seine übrigen bisher verübten Unarten.

Die vorstehende Erzählung scheint deshalb glaubhaft zu sein, weil gerade ein bissiges, unbändiges Pferd sich am besten gegen Raubtiere verteidigen wird.

Als Feind der Pferde ist noch die Panik zu erwähnen, die angeblich grundlos manche Herden halbwilder Pferde in Südamerika überfällt und sie zu einer rasenden Flucht veranlaßt, wobei viele in Abgründe stürzen. Wahrscheinlich ist diese Panik nur ein gemeinsames Durchgehen der Herden und hat ihren Grund in Dingen, die unsern stumpfen Sinnen entgehen.

65. Warum können Fohlen gleich auf den Beinen stehen?

Ein guter Bekannter hat uns die Erlaubnis erteilt, uns sein einige Tage altes Fohlen anzusehen. Diese Gelegenheit wollen wir uns nicht entgehen lassen.

Ein neugeborenes Fohlen ist, wie die meisten jungen Tiere, ein allerliebstes Geschöpf. Es schaut noch so vertrauensvoll in die Welt und ahnt noch nicht, was ihm alles droht. Es fällt uns besonders auf, daß es schon laufen kann, sodann, daß es so lange Beine besitzt, und schließlich sein wolliges Haar.

Warum liegen junge Hunde und Katzen wochenlang, ehe sie ordentlich laufen können, während junge Pflanzenfresser, also Fohlen, Kälber, Zicklein und Lämmer gleich auf den Beinen stehen können? Junge Hunde und Katzen entwöhnt man gewöhnlich erst nach sechs Wochen.

Auch hier gibt uns wieder die Lebensweise der wilden Verwandten Aufschluß.

Hunde und Katzen sind früher Raubtiere gewesen. Wer soll der Wildhündin, die mit ihren Jungen in einer Höhle liegt, etwas Böses antun? Aehnlich liegt die Sache bei der Wildkatze. Die Anzahl der Feinde ist sehr klein, und die Gefahr, falls die Mutter anwesend ist, sehr gering.

Ganz anders liegt die Sache bei den Pflanzenfressern. Zwar können sich die meisten gegen schwache Feinde verteidigen, aber gegen große Feinde sind sie machtlos. Gegen einen Löwen kann beispielsweise eine Zebraherde nichts ausrichten.

Würden die Fohlen, Kälber und andere junge Pflanzenfresser ebenso unbeholfen sein wie junge Hunde und Katzen, dann wären sie längst ausgerottet.

Da die Pferde viel leichter flüchten als die wehrhaften Rinder, so müssen die Fohlen bald nach der Geburt mit der Herde bereits wandern können.

Jetzt verstehen wir die unverhältnismäßig langen Beine des Fohlens und seine Fähigkeit, schon so jung laufen zu können.

Unser Bekannter, Herr Glänisch, erzählt uns noch allerlei von seinen Pferden. So erfahren wir, daß die Stute 7 Jahre alt ist, wer der Vater des Fohlens ist u. dgl.

Die Frage liegt nahe, weshalb bei den meisten Haustieren der Vater sich nicht um die Aufzucht der Jungen kümmert.

Wir sehen in der Tierwelt, daß manche Väter sich aufopfern. So schleppen manche Vogelmännchen von früh bis spät Futter für die Jungen zu. Beispielsweise ist auch der Schwan ein guter Vater. Aber Hahn, Erpel, Hund, Kater usw. denken wenig daran, sich um ihre Nachkommenschaft zu kümmern.

Da bei den freilebenden Tieren, z. B. den so häßlichen Affen, die Männchen außerordentlich gute Väter sind, so können wir nur folgendes sagen: Die Natur arbeitet überall mit den einfachsten Mitteln. Wenn der Vater nicht nötig ist, um die Jungen groß zu ziehen, so kümmert er sich nicht um sie.

Bei uns Menschen ist die Hilfe des Vaters unbedingt erforderlich, um die Kinder groß zu ziehen. Aber was bei den Menschen der Fall ist, braucht noch nicht bei den Tieren zuzutreffen.

Herr Glänisch erzählt uns noch mancherlei von seinen Erlebnissen mit Pferden. Er hält sie nicht für besonders klug. Beweisend ist für ihn folgendes. Er war bei dem Brande eines Stalles zugegen und half, die Pferde retten. Da geschah nun das Unglaubliche, daß die geretteten Pferde in den Stall zurücklaufen wollten.

Wir wollen Herrn Glänisch nicht widersprechen, zumal wir uns verabschieden müssen und keine Zeit zu einer Auseinandersetzung haben. Aber die Sache liegt doch noch etwas anders. Wenn die klugen Menschen, sobald ein Boot zu kippen beginnt, alle aufspringen und dadurch erst das Boot zum Umschlagen bringen, dann fällt es niemand ein, den Insassen wegen ihrer unbegreiflichen Dummheit Vorwürfe zu machen. Der Mensch rettet sich bei Gefahr durch Aufspringen und Flüchten. Das ist auf dem Lande richtig, aber grundverkehrt im Boote.

So begeht auch das Pferd genau dasselbe wie der Mensch. Es will sich in Gefahr nicht trennen von seinen Kameraden, wie es das seit Urzeiten getan hat. Das ist für uns sehr ärgerlich, aber vom Standpunkte des Pferdes aus begreiflich.

66. Geschichten von Pferden.

Die Araber, die als die besten Pferdekenner gelten, haben eigentlich nur Lobsprüche für das Pferd. Die Unterhaltung der Männer am Lagerfeuer dreht sich fast ausschließlich um das Pferd, was nach unsern Anschauungen etwas einseitig ist. Von den Lobeserhebungen der Araber seien hier einige angeführt: »Sage mir nicht, daß dieses Tier mein Pferd ist, sage, daß es mein Sohn ist. Es läuft schneller als der Sturmwind, schneller noch als der Blick über die Ebene schweift. Es versteht alles wie ein Sohn Adams, nur daß ihm die Sprache fehlt.«

Das sind natürlich unglaubliche Uebertreibungen, aber sie sind vom Standpunkte eines Wüstenvolkes aus verständlich. Die arabische Wüste wäre ohne das Pferd unbewohnbar. Ein arabisches Pferd kann ohne Wasser zwei bis drei Tage laufen und begnügt sich erforderlichen Falls mit Wüstengräsern.

Wie behandelt aber auch der Araber sein Pferd? Er schlägt es niemals und bindet es niemals kurz an.

Alexander der Große ließ zu Ehren seines schon erwähnten Pferdes für die ihm geleisteten treuen Dienste eine Stadt gründen. Er muß also sehr hoch vom Pferde gedacht haben.

Bei uns nennt man einen dummen Menschen ein »Roß«. Vielfach hört man die Ansicht: Das Pferd ist ein furchtbar dummes Geschöpf, nur hat es ein vortreffliches Gedächtnis.

Es ist merkwürdig, daß ausgerechnet eine Dame, eine vortreffliche Pferdekennerin, sehr vernünftige Ansichten über das Pferd geäußert hat. Sie liebt die Pferde, aber sie beschönigt nicht, wie es andere Pferdeliebhaber tun. Von ihren Schilderungen sei hier folgende angeführt:

Eines meiner ersten Pferde war ein russischer Doppelpony, namens Sascha, das ungezogenste Geschöpf, das man sich vorstellen kann. Da er aber gleichzeitig bildschön und hervorragend klug war, konnte man dem kleinen Kerl nicht böse sein. Im Stall hatte er so ziemlich alle Untugenden, die bei Pferden vorkommen. Vorn biß er, hinten schlug er aus; Anhängen war bei ihm ganz vergeblich, da er jedes Halfter abstreifen konnte. Hatte man ihn in einem Laufstand untergebracht, so war es für ihn ein Kinderspiel, die Türe zu öffnen. Ich beobachtete ihn einmal, wie er den Riegel seiner Boxtür mit dem Maul zurückschob. Darauf ging er zur Haferkiste. Diese öffnete er, indem er den Deckel mit der Stirn hob und zurückwarf. Den Hafer ließ er sich dann recht gut schmecken!

Beim Reiten versuchte Sascha so ziemlich alles, um seine eigenen Wege gehen zu können. Sporenstiche wurden regelmäßig mit einem Biß in die Füße beantwortet. Im Wagen war es seine Stärke umzudrehen, sobald er genug hatte, und das war leider recht oft der Fall. Da er natürlich bei solchen Gelegenheiten ordentliche Prügel bekam, so machte er diese Versuche in der Folge immer an solchen Plätzen, wo man sich in einen Kampf mit ihm nicht einlassen konnte. Mit wirklich teuflischer Bosheit blieb er z. B. mitten im Trabe am Rande eines steilen Abhangs stehen und war nicht mehr zu bewegen, einen Schritt vorwärts zu gehen. Er stieg kerzengerade in die Höhe, bewegte sich nur mehr rückwärts und brachte den Lenker damit in Gefahr, mitsamt dem Wagen in den Graben zu stürzen. Einmal überschlug er sich nach rückwärts und fiel auf mich in den Wagen. Sehr beliebt war auch das Stehenbleiben mitten am Marktplatz oder sonst an einem belebten Ort, weil er wußte, daß man ihn der Leute wegen nicht so streng bestrafen würde und er mich dadurch besonders ärgern konnte. Es bedurfte eines Studiums, Sascha bei solchen Gelegenheiten wieder in Bewegung zu setzen. Ich hatte mir mit der Zeit seinen Tücken gegenüber eine solche Festigkeit angeeignet, daß Sascha diese Witze nur mehr selten mit mir versuchte. Der Kutscher hingegen brachte ihn oft nicht zwei Kilometer weit. Bei mir genügte es später, daß ich ihm vor jeder Fahrt einen Stock zeigte, der mitgenommen wurde. Dieser Stock mußte aber wirklich mit sein, sonst wurde er wieder frech.

Sascha war bei weitem das gescheiteste Pferd, das ich je gekannt. Nicht nur, daß ich ihm Zirkuskunststücke, wie niederknieen, steigen, auf den Hinterbeinen gehen im Handumdrehen beibringen konnte, er zeigte auch seinen Verstand mehr als einmal in hinterlistigen, vollkommen überlegten Handlungen. Zweimal versuchte Sascha sich durch Verstellung vom Dienste zu befreien. Diese beiden Fälle sind durchaus wahr und mehreren Zeugen bekannt.

Er sollte eines Tages für mich gesattelt werden; da kam der Reitknecht und meldete, Sascha könne auf keinem Bein stehen, da er vollständig lahm sei. Wir stürzten in den Stall und sahen den armen Sascha ganz traurig und hilflos in seiner Box stehen, abwechselnd jedes Bein schonend. Mit vieler Mühe zogen wir ihn heraus und brachten ihn in die Reitbahn. Hier fiel er beinahe um. Wir schickten zum Tierarzt und ließen den Pony, der sich anscheinend überhaupt nicht bewegen konnte, allein in der Bahn zurück.

Nach einiger Zeit ging ich voll Sorge nach dem guten Sascha sehen. Innerlich machte ich mir die bittersten Vorwürfe über die strenge Behandlung, die ich ihm manchmal zuteil hatte werden lassen, und bat ihm im stillen alles ab. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als ich mit wehmütigen Gefühlen die Bahntür öffnend, den todkranken Sascha ganz fidel herumspringen sah! Nicht die leiseste Spur von einer Lahmheit war mehr zu bemerken. Das Einfangen gestaltete sich zur wilden Jagd; er schlug vorn und hinten aus und vier Personen arbeiteten im Schweiße ihres Angesichts, um seiner habhaft zu werden. Die Absicht, sich durch Vorschützen von Lahmheit dem Dienste zu entziehen, lag hier ganz klar zutage. Ein späteres Vorkommnis bewies, daß wir uns in dieser Annahme nicht getäuscht hatten.

Ich hatte mit meiner Gesellschafterin eine Schlittenfahrt unternommen. Sascha schien übler Laune zu sein und nach etwa einer Stunde benützte er die Gelegenheit, uns beim Passieren einer hohen Schneewehe umzuwerfen. Nachdem ich mich aus den verschiedenen Decken, Kissen und Fußsäcken herausgearbeitet hatte, sah ich den lieben Sascha im vollen Galopp um die nächste Straßenecke verschwinden. Ich überließ die wehklagende Gesellschafterin, der natürlich gerade so wenig zugestoßen war wie mir, ihrem Schicksal und machte mich an die Verfolgung Saschas.