Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten
Part 14
Ueber die Scheuklappen ist sehr viel geschrieben worden, weil sie den Augen des Pferdes sehr nachteilig sein sollten. Man sieht sie auch jetzt viel weniger als früher. Immerhin hat man sich um eine Sache mehr aufgeregt, als sie wert war. Denn das Auge hat für das Pferd nicht die Bedeutung wie für den Menschen.
Ganz unerklärlich ist es uns, daß ein durchgehendes Pferd nicht die Häuser und Bäume, gegen die es gerannt ist, vorher gesehen hat. Aber wir müssen uns in die Lage des Pferdes hineinversetzen, dann wird der Zusammenstoß viel leichter verständlich. Das Pferd glaubt, daß von hinten ein Feind droht, weshalb es davonstürmt. Hierbei schaut es stets nach hinten, nicht nach vorn. In diesem Zustande kommt es leicht zu einem Zusammenprall mit vor ihm befindlichen Gegenständen, weil der Blick nach hinten gerichtet ist. Ueberhaupt kann das Pferd wegen der Stellung seiner Augen nicht so bequem nach vorn sehen wie der Mensch.
55. Ist der Futterkübel praktisch?
In der Zwischenzeit hat sich der Droschkenkutscher gestärkt und will sich wieder auf seinen Bock schwingen. Liese hat an dem gewichtigen Schritt gehört, daß ihr Lenker naht, und macht sich reisefertig. Der Futterkübel wird ihr abgenommen und verstaut, ferner das Gebiß in die sogenannte Lade, d. h. den zahnlosen Raum zwischen Vorderzähnen und Backzähnen gelegt. Eine Decke war nicht abzunehmen. Vielleicht hat der Kutscher nur kurze Zeit fortbleiben wollen. Auch ist es warm, und das Pferd hat anscheinend vorher keine größere Anstrengung leisten müssen. Peitschenhiebe sind nicht nötig. Liese setzt sich in Bewegung, und wir nehmen von ihr Abschied.
Ein dem Pferde angehängter Freßnapf hat natürlich seine Nachteile. Das Wildpferd frißt regelmäßig vom Boden und nur ausnahmsweise von Bäumen. Daher ist die Fütterung aus Futterkübeln immer noch naturgemäßer als die aus Raufen, wie sie in den Ställen üblich sind. Das fortwährende Hochheben des Kopfes wirkt auf die Pferde nachteilig ein und ist besonders für Fohlen (junge Pferde) geradezu gesundheitsschädlich.
Durch das Atmen durch die Nase pustet das Pferd oft Futter aus dem Kübel hinaus. Es ist daher vorteilhaft, Wasser zu dem Futter zuzugießen Dann kann kein Häcksel fortfliegen. Aber für die Pferde hat diese Naßfütterung Nachteile. Denn das Wildpferd frißt seine Nahrung trocken. Erst wenn es sein Trockenfutter genossen hat, läuft es nach einer Tränkstelle.
Sehr oft habe ich Ansprachen des Kutschers an sein Pferd gehört, die geradezu komisch waren. Der Kutscher wollte sein Pferd füttern, aber es sollte vorher trinken. Das Pferd weigerte sich aber hartnäckig zu trinken. Immer wieder nahm es den Kopf fort. Der Kutscher glaubte, diese Weigerung durch gute Lehren zu bekämpfen, und sagte etwa folgendes: »Aber, du dummer Peter, willst du denn gar nicht trinken? Weißt du denn gar nicht, wie schön das Essen schmeckt, wenn man vorher getrunken hat?«
Es ist richtig, daß man ein Haustier vor manchem Schaden behüten muß. Ein freilebendes Tier weiß sich allein zu helfen, aber ein Haustier hat diese Fähigkeit verloren. So überfressen sich Hauspferde, wenn sie an die Haferkiste gelangen. Da das Pferd im Verhältnis zu seiner Größe nur einen kleinen Magen hat, der obendrein noch eine Klappe hat, so sind schon viele Pferde am Ueberfressen gestorben.
Solche Dinge jedoch, ob ein Pferd vor dem Fressen trinken soll oder nicht, weiß das Pferd besser als der Mensch. Der Deutsche schwärmt für eine Flüssigkeit vor dem Essen. Deshalb wird bei uns das Essen mit einer Suppe eingeleitet. Auch im Zoologischen Garten müssen Tiger und Löwen vor dem Fraße Wasser trinken, obwohl alle naturgeschichtlichen Werke darüber einig sind, daß sie erst nach ihrer Mahlzeit ihren Durst löschen.
Erhitzten Tieren müssen wir, wenn sie stehen bleiben, eine Decke auflegen, um gesundheitliche Schäden abzuwehren. Ein Wildpferd braucht eine solche Decke nicht. Zunächst ist es abgehärteter als das Hauspferd, das in der Nacht geschützt im Stalle steht. Sodann ist es jederzeit in der Lage, durch Laufen die etwa erforderliche Wärme sich zu beschaffen.
56. Die Rassen oder Stämme des Pferdes.
Kaum ist unser Droschkenkutscher entschwunden, so erhalten wir Ersatz. Ein schwerbeladener Rollwagen kommt auf uns zu. Hu, was müssen die Pferde ziehen und wie oft erhalten sie Peitschenhiebe. Ein Glück ist es, daß sie jetzt am Ziele sind und sich ausruhen dürfen. Wir können uns also in Ruhe die beiden Gäule ansehen.
Zunächst fällt uns die Größe und der Bau der Glieder auf. Das Droschkenpferd Liese war fast klein und zart gegen diese beiden ungeschlachten Riesen. Auch waren Lieses Hufe klein und hatten oberhalb kaum oder wenig Haare, während die beiden Frachtpferde Riesenhufe mit mächtigen Haarbüscheln besitzen.
Diese ganz verschiedenen Formen des Pferdes erklären sich folgendermaßen. Als die schönsten Pferde werden von Kennern die arabischen bezeichnet. Das arabische Pferd hat in seiner Heimat einen trockenen und steinigen Boden, ferner sehr wenig Wasser. Diese Unfruchtbarkeit hat auf das arabische Pferd großen Einfluß ausgeübt, denn es ist sehr genügsam. Kein Lot Fleisch ist an ihm zuviel, die Knochen sind hart, die Hufe klein und fest. Die orientalische oder morgenländische Rasse, zu der das arabische Pferd in erster Linie gehört, erinnert also sehr an den dürren, behenden und bedürfnislosen Beduinen.
Im Vergleich hierzu ist das abendländische Pferd das gerade Gegenteil. In den wasserreichen und fruchtbaren Gegenden Westeuropas bildete sich eine Pferderasse, die etwa an einen übermäßig viel Bier trinkenden Menschen erinnert. Riesig groß und umfangreich sowie mächtige Glieder, aber wegen der Aufgedunsenheit weniger schön. Die Hufe wurden auf dem nassen Boden weich und groß. Zum Schutze gegen die Schneemassen im Winter bildete sich ein starker Haarschutz.
Die Rollwagenpferde sind richtige Abendländer, wie es die belgischen, dänischen Pferde und die Percherons sind. Sie sind Riesen mit gewaltiger Kraft. Sie gehören dem sogenannten kaltblütigen Schlage an, weil sie gelassen und ruhig sind. Von der ewigen Unruhe des Arabers haben sie keine Spur.
So fromme Tiere sind natürlich dem Landwirt und der Industrie viel willkommener als die schwer zu behandelnden Orientalen. Die Riesen sind so schwer und unbeholfen geworden, daß sie kaum noch durchgehen können, selbst wenn sie es wollen.
Woher kommt es nun, daß wir in Deutschland nicht lauter abendländische Pferde haben?
Die Antwort ist sehr einfach. Ein Reiter will schnell vorwärts kommen, ebenso sollen Kutschpferde rasch eine Strecke zurücklegen, sonst könnte man lieber selbst gehen. Man braucht also zu vielen Zwecken ein Pferd mit raschen Bewegungen.
Nun haben die Engländer seit vielen Jahrhunderten ihre heimischen Tiere mit arabischen gekreuzt. Hieraus ist allmählich das Vollblut entstanden, das äußerst beweglich ist. Mit englischen Pferden haben wir wiederum unsere heimischen Pferde gekreuzt, so daß wir ein Mittelding zwischen morgenländischer und abendländischer Rasse besitzen, wie es z. B. des Droschkenkutschers Liese war.
Ueber die Farben der Pferde wäre bei dieser Gelegenheit folgendes zu sagen. Braune haben, wie wir bei der Liese sahen, eine schwarze Mähne und schwarzen Schweif. Auch die Füße sind gewöhnlich schwarz. Füchse sind braunrötlich, und zwar sind Mähne und Schweif ebenfalls braunrötlich, wodurch sich eben der Fuchs vom Braunen unterscheidet. Falbe haben gelbliche Färbung und zerfallen in eine Reihe von Unterarten. Pferde mit kohlschwarzem Haar heißen Rappen. Im Gegensatz hierzu heißen Pferde mit weißem Haar Schimmel. Doch werden Schimmel nur ausnahmsweise gleich weiß geboren, wie auch die Rappen zunächst grau sind. Schimmel mit schwarzen Punkten heißen Fliegenschimmel, solche mit apfelgroßen dunklen Flecken Apfelschimmel. Pferde, die weiß und dunkel gefärbt sind, heißen Schecken. Manche Schecken haben ein oder zwei Glasaugen. Während sonst nämlich alle Pferde ein dunkelbraunes Auge besitzen, sieht die Iris oder Regenbogenhaut bei den Glasaugen hell aus.
Es ist schwer festzustellen, wie die Sehkraft des Glasauges beschaffen ist. Möglicherweise sieht ein Pferd mit dem Glasauge gar nichts. Da man sich vorsehen muß, daß man nicht ein blindes Pferd kauft, so kann ein Pferd zwei Glasaugen besitzen und trotzdem zur Arbeit verwendbar sein. Auch beim Hunde ist, wie schon erwähnt wurde (Kap. 9), Blindheit nicht leicht festzustellen.
Das Alter des Pferdes kann höchstens auf vierzig Jahre angegeben werden. Gewöhnlich ist es schon viel früher verbraucht, bei Warmblut mit 20, bei Kaltblut mit 15 Jahren. Die Tragezeit der Stute beträgt 11 Monate. Zwillinge sind bei Pferden selten und nicht erwünscht. Das Fohlen läßt man gewöhnlich erst mit drei Jahren arbeiten.
Wie den Huftieren überhaupt, so fehlt auch den Pferden das Schlüsselbein.
Das Gebiß des männlichen Pferdes besteht aus 40 Zähnen, das des weiblichen aus 36 Zähnen. Den weiblichen fehlen gewöhnlich 4 Hakenzähne. Beide haben 12 Schneidezähne und 24 Backenzähne.
Die Größe der Pferderassen ist sehr verschieden. Das englische Brauerpferd wird über 2 Meter groß, wobei die Höhe des Widerristes, der höchsten Stelle des Rückens, gemessen wird. Der Shetlandpony dagegen wird nur 60 Zentimeter hoch. Schwere Pferde wiegen bis zu 15 Zentnern, mittlere 7 bis 9 Zentner.
Die Zugfähigkeit des Pferdes ist größer als seine Tragfähigkeit. Die höchste Rennleistung eines Pferdes ist die Zurücklegung eines Kilometers in einer Minute.
Ein Irrtum ist es, daß der Mensch den Pferden die Schnelligkeit angezüchtet hat. Es ist richtig, daß die Zebras keine Dauerrenner sind. Es fehlen in Afrika die Hetzraubtiere. Aber die asiatischen Wildpferde werden von Wölfen gehetzt und sind deshalb von Hause aus Dauerrenner.
57. Warum fährt man lieber zweispännig als einspännig?
Ein Rollwagen, wie wir ihn vor uns haben, braucht natürlich zur Beförderung seiner schweren Lasten zwei Pferde. Hiervon abgesehen, muß es aber auffallen, daß zwei Pferde vor dem Wagen weit häufiger sind als ein einzelnes. Woran liegt das?
Auch hier gibt uns wieder das Leben der Wildpferde Auskunft. Sie leben in Rudeln und niemals einzeln. Ein einzelnes Pferd findet sich auch heute nicht annähernd so wohl wie in Gesellschaft.
Den Reitern ist diese Eigentümlichkeit des Pferdes, lieber in Gesellschaft anderer zu sein, manchmal sehr unerwünscht. Sie wollen sich z. B. von ihren Bekannten, mit denen sie zusammen geritten sind, trennen. Aber das Pferd will nicht. Es gefällt ihm in Gesellschaft der anderen Pferde viel besser. Es »klebt«, wie man es nennt. Der Reiter hat oft große Mühe, einen solchen Kleber zu seiner Ansicht zu zwingen.
Bei Rennen ist es schon vorgekommen, daß ein führendes Pferd eine falsche Richtung einschlug, und die nachfolgenden Pferde aus Geselligkeitstrieb ebenfalls nachfolgten. Selbstverständlich gingen dadurch die auf die Pferde gesetzten Beträge verloren, wodurch ärgerliche Auftritte entstanden.
Pferde, die nicht allein sein können, vermögen ihren Besitzer zur Verzweiflung zu bringen. So hatte beispielsweise ein Forstwart ein ausrangiertes Militärpferd gekauft. Dieses wollte durchaus nicht im Stalle sein und schlug alles kurz und klein. Erst als sein Herr ihm eine Ziege als Gesellschafterin gab, beruhigte es sich und war zufrieden. Nach zwei Jahren wollte der Forstwart die Ziege verkaufen. Er mußte jedoch darauf verzichten, da sein Pferd wiederum zu rasen begann.
Die Javaner zeigen sich als gute Tierbeobachter dadurch, daß sie Affen in Pferdeställen halten, damit die Pferde Gesellschaft haben.
Nebeneinanderstehende Pferde schaben sich gern. Hierauf werden wir beim Putzen der Pferde zu sprechen kommen.
58. Warum schreien Pferde nicht? Das Wiehern der Pferde.
Wir haben gesehen, daß die beiden Pferde trotz der heftigsten Peitschenhiebe nicht schrien. Dagegen heulen geprügelte Hunde manchmal derartig, daß das ganze Haus zusammenläuft. Wie erklären sich diese Unterschiede?
Es wäre für das Pferd sehr vorteilhaft, wenn es schrie, sobald es Schmerz empfindet. Dann würden die zahllosen Tierquälereien, namentlich die Pferdeschindereien bei Neubauten, nicht so häufig vorkommen. Der Grundsatz: Schreien hilft, gilt nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Tiere.
Wir wissen von den Zebras und andern Wildpferden, daß sie nicht aufschreien, wenn sie von der Kugel des Forschungsreisenden getroffen sind. Das Schreien und Brüllen sowie Heulen finden wir überhaupt nur bei den Tieren, die sich gegenseitig beistehen. Deshalb schreit die Katze nicht, da sie allein lebt. Umgekehrt heult der Hund, damit ihm die anderen Hunde beistehen. Man kann auch oft erleben, daß Hunde in einem kleinen Orte sehr unruhig werden, falls ein Kamerad von ihnen andauernd geprügelt wird.
Die Kuh brüllt, wenn ihr das Kalb genommen wird, denn wilde Rinder stehen sich bei. Dagegen schreit die Stute nicht, falls ihr das Fohlen geraubt wird. Denn Wildpferde flüchten, stehen sich aber nicht bei.
Nur ganz ausnahmsweise schreien Pferde. Aber es kommt so selten vor, daß selbst große Pferdekenner es noch niemals gehört haben.
Seine Freude dagegen drückt das Pferd durch Wiehern aus. Ueberhaupt deutet das Wiehern an, daß das Pferd einen Wunsch hat.
Das Pferd besitzt keine Schnurrhaare wie die Katze, da es niemals in Löcher kriecht. Dagegen sehen wir am Kinn Tasthaare. Welchen Zwecken mögen diese dienen?
Die Wildpferde sind wie die Wildhunde in der Nacht tätig. Im Gegensatz zu den rein nächtlichen Tieren, wie den Katzenarten, sieht man Zebras auch am Tage. Aber selbst wenn sie wollten, können sie in der Nacht nicht schlafen. Zur Nachtzeit geht ihr gefährlichster Feind, der Löwe, auf Raub aus.
Die Menschen können sich vor dem Löwen schützen, indem sie sich in Höhlen zurückziehen und diese verschließen oder auf Bäume klettern, wie die Affen es tun. Aber die Wildpferde können weder in Höhlen flüchten noch auf Bäume klettern.
Wann schlafen denn die Wildpferde, wenn sie in der Nacht auf ihre Feinde aufpassen müssen und am Tage tätig sind?
Ein Schlafen, wie es den Menschen eigentümlich ist, finden wir nicht bei allen Tierarten. Jeder weiß, daß Pferde, die wenig zu arbeiten haben, z. B. auf der Weide sind, sehr wenig schlafen. Kommt man zur Nachtzeit in den Pferdestall, so wundert man sich, daß so viele Pferde wach sind.
Die Zebras schlafen in Wirklichkeit nur in den Mittagsstunden, wo sie regungslos unter den Bäumen stehen. Daraus erklärt sich auch die Zeichnung ihrer Haut, die mit den Schatten der Baumäste übereinstimmt.
Wildpferde weiden viel in der Dunkelheit. Da das Pferd infolge der Stellung der Augen das vor seinem Maule Befindliche nicht besonders gut erkennen kann, so haben die Kinnhaare eine große praktische Bedeutung. Wenn es den Kopf senkt, um zu weiden, so zeigen ihm die Kinnhaare an, daß es auf Gräser gestoßen ist.
Kinnhaare soll man also bei Pferden nicht abschneiden.
Ebenso ist es nicht ratsam, einem abendländischen Pferde die Kötenschöpfe abzuschneiden, damit die Leute denken sollen, es sei ein morgenländisches. Unter Köte versteht man die hintere Seite der Zehe, und die an den Köten befindlichen Haare werden als Kötenschöpfe bezeichnet, wie wir sie an den Rollkutscherpferden sehen können, wo sie sehr üppig wachsen. Jedenfalls soll man sie nicht im Winter abschneiden, da sie gegen Schnee und Schneewasser einen vortrefflichen Schutz bilden und dadurch die Mauke, die Entzündung der Köten, verhindern.
Unterdessen ist die Sonne ziemlich hochgestiegen und scheint den Tieren ordentlich auf den Leib. Ist es nun nicht eine Tierquälerei, die Pferde in der prallen Sonne stehen zu lassen?
Selbstverständlich wird man sie bei glühender Sonnenhitze in den Schatten bringen, wenn man eine schattige Stelle in der Nähe hat. Im übrigen vertragen unsere Haustiere die Hitze ganz verschieden. Ein Schwein kann schon daran sterben, wenn man es an einem glühend heißen Sommertage auf den Wagen befördert.
Dagegen können Pferde furchtbar viel Hitze vertragen. Das kommt daher, weil ihre Vorfahren seit Urzeiten den erbarmungslosen Strahlen der Sonne in der Steppe standhalten müssen.
Niemals wird es daher vorkommen, daß Wettrennen deswegen abgesagt werden, weil es an dem Tage zu heiß ist. Dabei müssen sich die Pferde bei den Rennen aufs äußerste anstrengen. Würde ihnen die Hitze nachteilig sein, so ließe kein Rennstallbesitzer seine Pferde laufen. Denn er würde sich hüten, sich großen Verlusten auszusetzen.
Es war von den Tierschutzvereinen sehr gut gemeint, als sie vor etwa zehn Jahren den Omnibuspferden Strohhüte aufsetzten. Aber sie waren, wie wir sahen, ganz überflüssig und sind deshalb auch nach kurzer Zeit verschwunden.
Uebrigens nennt man bei einem Zweigespann das vom Kutschersitz rechts befindliche Pferd Handpferd, das linke dagegen Sattelpferd. Denn bei ziehenden Pferden wird der Reiter stets links sitzen. Das linke Pferd trägt also Sattel und Reiter, der mit der Hand das rechts befindliche Pferd lenkt. So erklären sich die Bezeichnungen Sattelpferd und Handpferd.
59. Andere Eigentümlichkeiten des Pferdes.
Die Rollwagenpferde werden jetzt getränkt, wobei wir sehen, daß etwas Neid oder wenigstens Mißgunst der Seele des Pferdes nicht ganz fremd ist. Das dem Brunnen zunächststehende Sattelpferd wird zuerst getränkt, aber das Handpferd sucht fortwährend seinen Kopf ebenfalls in den Tränkeimer zu stecken, wozu der Platz nicht ausreicht.
Es ist merkwürdig, welchen Wert Pferde auf gutes Wasser legen.
Das kommt daher, weil die Wildpferde täglich in der Steppe zur Quelle laufen und dort sehr gutes und klares Wasser trinken.
Ein Gestüt, das kein gutes Wasser besitzt, wird niemals auf die Dauer große Erfolge erzielen.
Der Hund als früheres Raubtier muß dagegen aus jeder Pfütze trinken können und wird deshalb nicht krank, wie ein Pferd, wenn er dauernd schlechtes Wasser bekommt.
Jeder Kutscher weiß übrigens, daß die Pferde gewisse Brunnen bevorzugen und das Wasser von manchen Brunnen nicht saufen mögen.
Während wir noch stehen und zuschauen, kommt eine Kutsche vorbei, deren Pferde Aufsatzzügel tragen. Durch den Aufsatzzügel wird den Pferden die Möglichkeit genommen, den Kopf nach unten zu senken und wieder nach oben zu bringen, wie es alle Pferde tun. Dieses »Tunken« mit dem Kopfe finden manche Leute nicht schön. Sie bringen deshalb durch den Aufsatzzügel den Kopf des Pferdes dauernd hoch. Das soll nach der Ansicht dieser Pferdekenner einen vortrefflichen Eindruck machen.
Jeder Mensch, der sich eingehend mit dem Tierleben beschäftigt, wird zu einem ganz anderen Ergebnis gelangen. Das Tunken mit dem Kopf beim Pferde hat natürlich einen Zweck, und zwar einen sehr wichtigen. Wir sprachen früher davon, daß wilde Pferde stets gegen den Wind laufen, um vorher einen etwaigen Feind zu wittern. Dieses Mittel ist ohne Frage ausgezeichnet. Denn das Riechvermögen des Pferdes ist so gut wie das eines Hundes, obwohl es den wenigsten Menschen bekannt ist. Trotzdem kann es vorkommen, daß ein auf dem Boden lauerndes Raubtier nicht gerochen wird. Wie wir das nicht sehen können, was hinter unserem Rücken ist, so kann das Pferd das nicht riechen, was am Boden sich an Gerüchen entlangzieht. Weht also der Wind die Ausdünstung des am Boden liegenden Wolfes der Pferdenase entgegen, so kann diese leicht nichts davon merken, wenn sie stets in Kopfhöhe bleibt. Dann geht die Raubtierausdünstung durch die Beine durch.
Um das zu verhindern, tunkt das Pferd. Es senkt den Kopf, um rechtzeitig die Anwesenheit eines am Boden lauernden Feindes wahrzunehmen.
Selbstverständlich ist es eine große Tierquälerei, einem Haustiere die seit Urzeiten geübten Vorsichtsmaßregeln unmöglich zu machen. Es ist kein Wunder, daß Pferde mit Aufsatzzügeln erst recht zum Scheuen neigen.
Was würden wir Menschen sagen, wenn wir durch einen Kopfhalter gezwungen wären, stets geradeaus zu sehen, ohne uns nach rechts oder links umschauen zu können, wie wir es doch von jeher gewöhnt sind!
Der Aufsatzzügel muß also als Tierquälerei bezeichnet werden. Hier können Tierschutzvereine segensreich wirken, wenn sie für seine Abschaffung eintreten.
Aus dem Leben der Wildpferde erklärt sich ferner der Satz: Hüte dich vor den Vorderbeinen des Hengstes und vor den Hinterbeinen der Stute.
Der Hengst als Beschützer seines Rudels greift eben den Feind, namentlich den Wolf, mit den Vorderbeinen an. Auch packt er ihn mit den Zähnen, weshalb gerade Hengste bissig zu sein pflegen. Die Stute dagegen verteidigt sich und ihr Fohlen durch Auskeilen nach hinten.
Es erklärt sich hieraus ferner, daß bösartige Pferde die Ohren zurückziehen. Wollen nämlich zwei Pferde miteinander kämpfen, so suchen sie zu verhindern, daß der Gegner sie mit den Zähnen an den Ohren packt. Aus diesem Grunde ziehen sie die Ohren zurück.
Sieht man also, daß ein Pferd die Ohren zurücknimmt, so ist immer Vorsicht am Platze. Das ist z. B. bei manchen Pferden der Fall, wenn sie fressen. Alle Tiere sind bei ihrer Mahlzeit mehr oder weniger angriffslustig. Katzen fauchen, wenn sie gerade einen besonders schönen Bissen fressen, Hunde können ihren eigenen Herrn beißen, falls er ihnen einen Knochen fortnehmen will, und selbst sonst fromme Pferde sind nicht immer beim Fressen zuverlässig.
60. Kummet- und Sielengeschirr. Warum ist das Fahren älter als das Reiten?
Die Rollwagenpferde haben, wie wir sahen, ein Kummetgeschirr, also ein Geschirr, das um den Hals läuft. Die Kutschpferde dagegen, auch die Droschkenkutschpferde, haben gewöhnlich ein solches Kummetgeschirr nicht. Hier ziehen die Pferde nur mit der Brust, da sie ein Sielengeschirr haben.
Es ist augenscheinlich, daß ein Pferd im Kummetgeschirr viel besser ziehen kann als im Sielengeschirr. Wenn man trotzdem Kummetgeschirre nur bei schweren Lastwagen sieht, so liegt das daran, daß ein Kummetgeschirr nichts taugt, wenn es nicht gut paßt. Gerade damit hapert es aber gewöhnlich.
Während wir uns die Rollwagenpferde ansehen, kommt ein Reiter vorbei, und wir können uns so recht den Unterschied zwischen einem schweren Pferde des abendländischen Schlages und einem leichten Pferde des morgenländischen Schlages vergegenwärtigen. Die gewaltigen Formen der Wagenpferde mit ihren plumpen dicken Beinen stehen im Gegensatz zu den schlanken Beinen des geschmeidigen Reitpferdes.
Man sollte meinen, daß der Mensch, der zuerst das Pferd gezähmt hat, es zunächst als Reittier und erst später als Zugtier verwendet hat. So wird es auch vielfach geschildert, obwohl es mit den Tatsachen nicht übereinstimmt. Wir haben eine genaue Kunde von den Wagenkämpfen der alten Griechen, die vor etwa drei Jahrtausenden stattfanden. Aber niemand reitet dort, obwohl die Kunst des Wettfahrens in hoher Blüte stand.
Der Grund liegt darin, daß jeder Pflanzenfresser den Druck auf dem Rücken sehr unangenehm empfindet. Denn er muß sofort an ein Raubtier denken, das ihm auf den Rücken springt. Deshalb muß auch heute noch ein Pferd erst zugeritten werden, obwohl es sich seit Jahrtausenden als Haustier endlich daran gewöhnt haben müßte. Das Ziehen dagegen ist dem Tiere viel weniger unangenehm, da es seit Urzeiten daran gewöhnt ist, die vor seiner Brust befindlichen Hemmnisse fortzuschieben, also Gebüsche u. dgl.
Alle Tiere lassen sich daher viel leichter zum Fahren abrichten als zum Reiten, so Elche, Renntiere, Wildrinder usw. Deshalb ist auch das Fahren viel älter als das Reiten.
61. Warum läuft das Pferd gerade und der Hund schräg?
Während wir dem Reiter nachschauen, fällt uns auf, daß sein Pferd ganz anders die Beine setzt wie ein daneben laufender Hund. Wie alle Pferde, die gesunde Beine haben, setzt es die Beine so, daß eine unter dem Bauche der Länge nach befindliche gerade Linie von den Beinen nicht berührt werden würde. Die rechts befindlichen Beine bleiben eben rechts und die links befindlichen links. Bei dem Hunde aber könnten wir eine solche gerade Linie nicht ziehen, ohne daß sie von den Zehen berührt würde. Woher kommt diese Verschiedenheit im Laufen?