Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten

Part 13

Chapter 133,722 wordsPublic domain

Ein amerikanischer Reisender schildert folgenden Kampf zwischen Wölfen und Pferden: Als ich mich am Spokanfluß aufhielt, ging ich nach der Pferdeprärie, um die Manöver zu beobachten, welche die Wölfe bei ihren vereinten Angriffen auf die Pferde anwenden. Ihre erste Ankündigung bestand in einem gellenden, hundeähnlichen Gebell, das sie von Zeit zu Zeit hören ließen, gleich dem Abfeuern der Gewehre der verschiedenen Vorposten bei kleinen Gefechten. Dieses Gebell wurde von der entgegengesetzten Seite durch ein ähnliches erwidert, bis sich die Töne immer mehr näherten, und endlich aufhörten, als die Parteien sich vereinigten. Wir setzten unsere Flinten in Stand und verbargen uns hinter einem dicken Gebüsch. Indes scharrten die Pferde, welche die Gefahr merkten, mit den Hufen auf dem Boden auf, schnaubten, hoben die Köpfe in die Höhe, sahen wild um sich und gaben alle Zeichen von Furcht. Ein paar Hengste erwarteten mit anscheinender Ruhe den Feind. Endlich erschienen die Verbündeten in einem Halbkreis, dessen Enden sie ausdehnten, um ihre Beute einzuschließen. Es waren zwischen 300 bis 400 an der Zahl. Die Pferde schienen ihre Absicht zu erraten, und da sie sich fürchteten, einer solchen Anzahl entgegenzutreten, galoppierten sie nach der entgegengesetzten Seite; die Wölfe stürzten nach, ohne ihre Stellung im Halbkreis zu verlieren. Die Pferde, welche nicht im besten Stande waren, wurden schnell eingeholt und fingen an, nach ihren Verfolgern auszuschlagen, wovon manche heftige Schläge erhielten. Doch würden sie bald über die Pferde Herr geworden sein, wären wir nicht zur rechten Zeit aus unserm Hinterhalte hervorgetreten, und hätten des Feindes Zentrum eine tüchtige Ladung Kugeln zugeschickt, die mehrere davon töteten. Sogleich schwenkte sich das ganze Bataillon und lief in der größten Eile und Unordnung den Bergen zu, während die Pferde, sowie sie die Schüsse hörten, ihren Lauf änderten, und auf uns zu galoppierten. Unser Erscheinen rettete einige aus den Zähnen der Wölfe, und sie schienen durch ihr Wiehern ihre Freude und Dankbarkeit ausdrücken zu wollen.

Auch in dem vorstehenden Falle ist von einem Kreisbilden der Pferde keine Rede. Wohl aber haben ihre Feinde, die Wölfe, einen Halbkreis mit verlängerten Enden um sie gebildet, damit kein Pferd entweichen konnte.

49. Warum kann das Pferd nur durch die Nase atmen?

An kalten Wintertagen, wo der Atem sichtbar wird, kann man deutlich erkennen, daß das Pferd nur durch die Nase atmet. Aus den Nüstern kommen fortwährend Wolken wie Dampf, aber aus dem Maule nicht.

Auch hier gibt die Lebensweise der Wildpferde Aufschluß über die Eigentümlichkeit. In der Steppe herrschen in der Winterzeit furchtbare Schneestürme. Diese würden für die Pferde besonders nachteilig sein, da sie die Gewohnheit haben, stets gegen den Wind zu laufen. Sie tun das natürlich nicht aus Vergnügen, sondern um ihre Feinde rechtzeitig wahrzunehmen. Denn wie der Hund, so ist das Pferd ein Nasentier, das eine sehr feine Nase, aber am Tage nur ein schwaches Sehvermögen besitzt. Lauern nun vor ihnen irgendwo Feinde, so wird das hervorragende Geruchsvermögen sie dem Pferde verraten.

Das Laufen gegen eisige Winterstürme würde aber der Gesundheit der Pferde nachteilig sein, falls das Atmen durch das Maul erfolgte. Deshalb kann das Pferd nur durch die Nase atmen, damit es stets angewärmte Luft einatmet.

Die Furcht vor seinen Feinden spielt also beim Pferde die größte Rolle. Immer sind deshalb die Ohren in Bewegung, damit es ja nicht etwas Gefährliches überhört. Kipp- und Hängeohren wird man bei den Pferden kaum jemals antreffen, obwohl sie bei Hunden und anderen Haustieren häufig sind. Die Angst läßt die Ohren immer gespitzt halten.

Das Fortpusten des Häcksels aus dem Futterkübel geschieht also nicht deshalb, weil das Pferd sehr klug ist, sondern wegen seiner Nasenatmung. In der Freiheit fliegt dadurch kein Futter fort, weil die Gräser festgewachsen sind.

Kinder spielen gern Pferd und ahmen ihrem Vorbild durch Schnauben und Prusten nach. Auch dieses Prusten beruht nur auf der Nasenatmung, weshalb beispielsweise Kühe und Schafe nicht Prusten.

50. Warum scheuen die Pferde und gehen durch?

Ein scheuendes Droschkenpferd wird man nicht häufig zu sehen bekommen. Einmal hat sich ein Großstadtpferd mit der Zeit an die tollsten Geräusche gewöhnt. Sodann wird ein Pferd um so ruhiger, je älter es wird. Und die meisten Droschkenpferde haben eine ganze Anzahl von Jahren auf dem Rücken. Immerhin habe ich erst im vorigen Jahre ein durchgehendes Droschkenpferd beobachten können. Aus welchem Grunde es gescheut hatte, konnte ich nicht ermitteln. Es raste die Straßen entlang, und der alte Kutscher suchte nach Möglichkeit einen Zusammenstoß zu vermeiden. Zum Glück war die Straße fast leer, und zum weiteren Glück stürzte das Pferd zu Boden. Die Wucht, mit der es gerast war, zeigte sich darin, daß das gestürzte Tier eine große Strecke auf dem Asphaltpflaster dahingeschleudert wurde. Die menschliche Haut würde eine solche Rutschpartie nicht aushalten, aber die Pferdehaut vertrug sie ohne Schaden.

Durch den Sturz und das Gleiten auf dem Asphalt war das Pferd wieder einigermaßen ruhig geworden und blieb stehen, als es aufgerichtet war.

Ein großer Verlust wäre es für den Droschkenkutscher gewesen, wenn das Pferd sich ein Bein gebrochen hätte. Denn obwohl solche Brüche bei anderen Haustieren, z. B. Schweinen, sehr gut heilen, kann ein Pferd nach einem Bruch trotz aller ärztlichen Kunst nicht mehr zum Ziehen oder Reiten, sondern nur zur Zucht verwendet werden.

Was veranlaßte nun das Droschkenpferd zu einer so sinnlosen Raserei? Wahrscheinlich ein nach unseren Begriffen ganz harmloser Vorfall. Beispielsweise schwenkt jemand plötzlich eine Fahne -- und schon ist das Unglück geschehen.

Wir müssen bei der Beurteilung eines solchen Falles gerecht sein und uns klar darüber werden, daß, wenn alle Wildpferde vorher eine gründliche Untersuchung anstellen wollten, wie die Sache eigentlich liegt, kein einziges mehr lebte. Vergegenwärtigen wir uns das Leben eines Wildpferdrudels in der Steppe. Trotz der Schutzfärbung hat es ein Tiger wahrgenommen. Unter Beobachtung der Windrichtung hat er sich nach Katzenart ganz leise herangeschlichen. Stundenlang hat es gedauert, bis er in Sprungweite war. Jetzt schnellt er wie ein Ball auf das ihm zunächst stehende Tier.

Die einzige Rettung für das Pferd besteht jetzt darin, ohne jedes Besinnen davonzujagen. Wie der Hund, so hat auch das Pferd ein Auge, das Bewegungen sehr leicht wahrnimmt. Den anspringenden Tiger hat es durch seine Bewegung erkannt, oder vielmehr erkannt, daß ein großer bunter Ball urplötzlich hinter ihm flog.

Hätte das Pferd erst überlegt, was der bunte Ball eigentlich sei, so war ihm der Tod durch die große Katze sicher. Es war sein Heil, daß es noch im letzten Augenblick davonraste. Denn der Tiger sprang infolgedessen zu kurz. Und ein flüchtiges Wildpferd kann er nicht einholen.

Für das Scheuen des Pferdes bestehen also folgende Ursachen:

1. Das schwache Sehvermögen des Pferdes vermag wirkliche und scheinbare Gefahren nicht zu unterscheiden.

2. Unter natürlichen Verhältnissen läuft deshalb das Pferd gegen den Wind, um zu wissen, ob Gefahr besteht. Dieses Laufen gegen den Wind kann aber der Mensch bei der Benutzung der Pferde nicht immer durchführen. So kommt es, daß das Pferd vor ganz harmlosen Sachen scheut, einem Stück Papier, einem weißen Stein und dergleichen.

Das Durchgehen, das dem Scheuen häufig folgt, hat die Ursache, daß es die natürliche Rettung des Pferdes in der Steppe ist.

In der Steppe gibt es keine Häuser oder Bäume, gegen die ein Pferderudel stürzen kann. Deshalb kann das sinnlose Laufen in der Steppe auch keinen Schaden anrichten.

Bei uns kann natürlich ein durchgehendes Pferd das größte Unheil verursachen. Die Insassen des Wagens werden häufig herausgeschleudert, fremde Personen überfahren usw. Auch das Pferd selbst geht oft zugrunde, weil es gegen einen Baum oder anderen festen Gegenstand gerannt ist. Durch Gewalt ist bei einem durchgehenden Pferde wenig auszurichten, da die Kraft des Tieres in diesem Zustande ganz außerordentlich ist.

Bei einem Ochsengespann wird ein Scheuen und Durchgehen der Tiere nur selten vorkommen. Das rührt daher, weil das Rind im Gegensatz zum Pferd eine Rettung nicht in der Flucht sucht, sondern mutig auf den Gegner einstürmt. Das Pferd ist also, wie Hirsche, Rehe, Hasen ein sogenannter fliehender Pflanzenfresser, während das Rind mit den Elchen, Büffeln, den größten Affenarten zu den wehrhaften Pflanzenfressern gehört. Die wehrhaften Pflanzenfresser flüchten nur ausnahmsweise vor einem sehr starken Raubtiere, und zwar die Weibchen leichter als die viel stärkeren Männchen.

51. Die Bodenscheu.

Ein Berliner Droschkenpferd wird selten zur Bodenscheu neigen. Das kommt daher, weil es nicht aus Gegenden stammt, wo noch Wölfe heimisch sind. Deshalb findet man unter den ungarischen und russischen Pferden am häufigsten Bodenscheu.

Unter Bodenscheu versteht man die unbegründete Furcht eines Pferdes vor dunklen Stellen auf dem Erdboden.

Bereits von dem berühmten Pferde Alexanders des Großen, das Bukephalus hieß, wird uns erzählt, daß es sich vor seinem eigenen Schatten gefürchtet habe. Das heißt mit anderen Worten, daß es bodenscheu war. Man sieht daraus, daß ein hervorragend tüchtiges Pferd auch diese Eigentümlichkeit besitzen kann.

Mit Klugheit oder Dummheit hat das gar nichts zu tun, während gerade Kutscher mit Vorliebe auf die Bodenscheu hinweisen, als Beweis dafür, daß das Pferd ein furchtbar dummes Geschöpf ist. Wie oft habe ich Gespräche etwa folgenden Inhalts anhören müssen: »Wenn irgend jemand daran zweifelt, daß das Pferd zu den dümmsten Tieren gehört, so soll er sich meinen Gaul ansehen. Was ist mir erst heute wieder mit ihm passiert? Hat da jemand auf dem Asphalt einen Eimer Wasser ausgegossen. Denken Sie, ich bekomme das dumme Tier an dem nassen Fleck vorbei? So hat man häufig seinen Aerger wegen der furchtbaren Dummheit des Pferdes. Kann es etwas Dümmeres geben, als sich vor einer nassen Stelle zu fürchten?«

So einfach liegt die Sache nicht, wie der Kutscher meint. Dummheit liegt nicht vor, wenn die Schwäche eines Sinnes zu sonst üblichen Leistungen unfähig macht. So ist der Knabe nicht dumm, der nicht angeben kann, wieviel die Turmuhr zeigt, weil er kurzsichtig ist.

Umgekehrt ist das Pferd nicht klüger als der Mensch, weil es sich in der Dunkelheit besser zurechtfindet, als wir es vermögen. Unzählige Reiter oder Wageninsassen sind durch ihre Pferde gerettet worden. Die Menschen konnten in der Dunkelheit nicht mehr die Hand vor den Augen sehen. Trotzdem fanden sich die Pferde zurecht und brachten ihre Herren glücklich nach Hause.

Wie würde es uns Menschen gefallen, wenn man uns diese Unfähigkeit, uns in der Dunkelheit zurechtzufinden, als Dummheit anrechnen würde?

Das Auge des Pferdes kann bei Tageslicht nicht gut sehen. Deshalb kann es nicht genau erkennen, was der dunkle Fleck eigentlich bedeutet. In wolfreichen Gegenden haben die Pferde es oft erlebt, daß dieser an der Erde befindliche Fleck ein sich auf den Boden drückender Wolf war, der ihnen plötzlich an die Kehle sprang. So unbegründet ist also die Furcht des Pferdes vor den dunklen Stellen am Boden durchaus nicht.

Weil in England seit Jahrhunderten im Grase lauernde Wölfe unbekannt sind, ebenso auch bei uns in dem weitaus größten Teil unserer Heimat, deshalb neigen englische und deutsche Pferde wenig zur Bodenscheu, dagegen mehr die russischen und ungarischen Pferde.

Etwas anderes ist es natürlich, wenn ein Pferd in moorigen Gegenden nasse oder dunkle Stellen meidet, weil es einzusinken fürchtet.

52. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Warum trägt ein Pferd Hufeisen?

Da Droschkenpferde, wie schon erwähnt wurde, meistens bejahrte Tiere sind, so werden wir uns hüten, den Droschkenkutscher zu bitten, uns das Gebiß seiner »Liese« oder wie sie sonst heißt, zu zeigen. Er würde uns in seiner Urwüchsigkeit mit einer Antwort dienen, die sich gewaschen hat, und wegen der Seltsamkeit des Ansinnens gewiß glauben, daß wir aus dem Irrenhause entsprungen sind.

So müssen wir uns ohne ihn behelfen. Die allbekannte Redensart »Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul« erklärt sich in folgender Weise.

Was verschenkt der Mensch am liebsten?

Es ist traurig, aber wahr, daß er am liebsten wertlose Gegenstände verschenkt. Man kann sogar behaupten, daß viele erst auf den Gedanken, etwas zu verschenken, kommen, weil sie einen wertlosen Gegenstand los sein wollen. Sie wissen, daß sie kaum etwas dafür erhalten, und sagen sich, daß es doch einen guten Eindruck macht, wenn man etwas verschenkt.

Es ist also eine alte Erfahrung, daß verschenkte Pferde meistens alte Pferde sind.

Nun gehört das Pferd zu den Tieren, dessen Alter man mit einer leidlichen Genauigkeit an den Zähnen erkennen kann.

Es ist leicht verständlich, daß Zähne durch den Gebrauch abgenützt werden. Da die Zähne des Pferdes Vertiefungen, sogenannte Kunden haben, so ist klar, daß, je weniger die Kunden abgenützt sind, desto jünger das Pferd, je mehr, desto älter es sein muß.

Man soll also einem geschenkten Gaul deshalb nicht in das Maul sehen, weil man dann an den Zähnen erkennen würde, daß man ein recht bejahrtes Tier von dem Schenker erhalten hat. --

Unser Droschkenpferd trägt Hufeisen, und zwar an jedem Hufe eins. Wildpferde besitzen natürlich keine Hufeisen. Es fragt sich, weshalb der Mensch dem Tiere diese Eisen aufgenagelt hat.

Im Altertum waren, wie wir wissen, die Pferde unbeschlagen. Auch bei uns läßt man auf dem Lande, namentlich in sandigen Gegenden, die Pferde häufig unbeschlagen.

Das läßt sich deshalb durchführen, weil die Abnutzung des Hufes auf sandigem Boden nicht groß ist und durch Nachwachsen wieder ersetzt wird. Anders liegt aber die Sache in den Städten mit Steinpflaster. Pferde, die auf solchem Pflaster schwere Lasten zu ziehen haben, müssen deshalb beschlagen werden, um die vorzeitige Abnutzung der Hufe zu verhindern.

Das richtige Aufnageln der Hufe will natürlich verstanden sein. Deshalb sind tüchtige Hufschmiede mit Recht auf ihre Fertigkeit stolz.

Bei Glätte und Eis können die Pferde mit ihren eisernen Schuhen besonders leicht ausgleiten. Um das zu verhindern, gibt es allerlei Vorkehrungen, beispielsweise das Einschrauben von Stollen.

53. Der Schweif des Pferdes verglichen mit dem Schwanz von Hund und Katze.

Wir sahen, daß das Droschkenpferd durch Schlagen mit dem Schweif sich die Fliegen abwehrt. Vergleichen wir den Schwanz unserer Hauspferde mit dem der Wildpferde, so können wir feststellen, daß die Behaarung bei unseren Pferden reichlicher geworden ist.

Diese Beobachtung können wir überall machen. So behaarte Geschöpfe wie der Pudel und der Kolly, die Angorakatze, die Hausschafe, kommen in der freien Natur nicht vor.

Immerhin muß uns folgendes auffallen. Das Pferd benutzt den Schwanz, um Fliegen abzuwehren. Warum tun nicht Hund und Katze das gleiche? Beide haben doch einen schönen langen Schwanz. Warum schlagen sie niemals damit nach Fliegen? Wiederum schlägt die Kuh mit ihrem Schwanz nach Fliegen. Warum hat sie einen so viel längeren Schwanz als das Pferd?

Wenn wir uns die Tierwelt daraufhin näher ansehen, welche Bedeutung bei ihnen der Schwanz hat, so finden wir darunter zahlreiche, bei denen er ein lebenswichtiges Organ ist. Ein Känguruh ohne Schwanz ist kein Känguruh mehr, weil es den Schwanz als drittes Bein eines Schusterschemels benutzt. Ebenso ist es bei den Klammeraffen. Krokodile, Walfische, ferner alle Fische sind ohne Schwanz Todeskandidaten.

Umgekehrt gibt es Tiere, bei denen der Schwanz gleichgültig ist, so bei Hasen, Hirschen, Rehen, Ziegen u. dgl. Wird einem Hirsch sein kurzer Schwanz, der »Wedel« genannt wird, abgeschossen, so stört ihn das nicht weiter in seinem Befinden.

In der Mitte stehen die Tiere, bei denen der Schwanz auf ihre Lebensweise von mehr oder minder wichtigem Einfluß ist. So sehen wir beispielsweise im Zoologischen Garten, daß der Löwe vor einem Sprunge seinen Schwanz schnell dreht. Sehr richtig sagt unser Dichter Schiller in dem Gedicht: »Der Handschuh« von dem grollenden Tiger, den man auch als Waldlöwen bezeichnen kann:

schlägt mit dem Schweif einen furchtbaren Reif.

Wir können auch verstehen, weshalb der Löwe seinen Schweif so eilig dreht. Er will einen ganz genauen Sprung machen, um sein Opfer zu packen. Selbstverständlich will das bedrohte Geschöpf der Gefahr entrinnen und sucht nach der einen oder anderen Seite zu entkommen. Nach welcher es sich wenden wird, kann der Löwe vorher nicht wissen. Das entscheidet sich erst im letzten Augenblick. Darum tut der Löwe am klügsten, wenn er den Schweif im Kreise dreht. Mag das bedrohte Tier springen, nach welcher Seite es auch will, stets wird der Löwe durch die Kreisdrehung imstande sein, richtig zu steuern.

Weil es auf die richtige Steuerung beim Sprunge sehr ankommt, deshalb haben alle Katzenarten einen langen Schwanz. Die alten Griechen haben also sehr fein beobachtet, als sie die Katze »Ailurus«, d. h. Drehschwanz, nannten. Ausnahmsweise haben einige Katzen nur einen kurzen Schwanz, nämlich solche, die, wie z. B. der Luchs, hauptsächlich auf Bäumen lauern, wo für das Drehen des Schwanzes kein Platz ist. Auf der Insel Man lebt eine Katze, die hauptsächlich von Vögeln lebt und deshalb auf Bäumen heimisch ist. Auch sie hat keinen Schwanz.

Die Hundearten brauchen zwar zum Springen keinen langen Schwanz, wohl aber zum schnellen Umkehren. Der Hase sucht sich vor dem schnelleren Hund durch Hakenschlagen zu retten, indem er ganz plötzlich die Richtung ändert. Der Hund, der in rasender Eile dem Hasen folgt, ist dermaßen in Schwung, daß er noch eine ganze Strecke fortschießt, nachdem der Verfolgte seinen Haken geschlagen hat. Dadurch erhält der Hase einen Vorsprung, bis der Hund ihm wieder bedenklich auf das Fell rückt. Dann kann das Spiel von neuem beginnen.

Um seinen Körper plötzlich herumzuwerfen, bedarf der Hund wie alle Hetzraubtiere, also Wölfe, Wildhunde u. dgl., eines langen Schwanzes. Besonders wichtig ist er für den Windhund, da dieser der eifrigste Hasenhetzer ist. Ein Windhund ohne Schwanz ist undenkbar. Vielmehr zeichnet sich gerade diese Hunderasse durch einen langen Schwanz aus.

Für alle Katzenarten ist also ein langer Schwanz zum richtigen Steuern und für alle Hundearten zum schnellen Herumwerfen ihres Körpers von Wichtigkeit. Ebenso sehen wir bei Raubvögeln lange Schwänze, damit sie bei der Verfolgung schnell die Richtung ändern können. Außerdem erleichtert der ausgebreitete lange Schwanz ihnen das Tragen der Beute.

Hasen, Hirsche, Rehe, Elche usw. brauchen dagegen keine Schwänze, weil sie keine anderen Tiere verfolgen. Das Hakenschlagen kann der Hase ohne Schwanz sehr gut machen, da er ja vorher die Absicht hat, die Richtung zu ändern. Würde auch der Hund vorher diese Absicht haben, so käme er auch ohne Schwanz aus.

Gegen die Insektenplage helfen sich die Pflanzenfresser dadurch, daß sie Oertlichkeiten aufsuchen, wo weniger Insekten vorhanden sind.

Nur den Pferden und den Rindern nützen die Wanderungen nicht viel. Das Pferd ist auf seine Heimat, die Steppe, angewiesen. Viel schlimmer ist das Rind daran. Es ist gerade in üppig bewachsenen Niederungen heimisch, wo es sehr viel Insekten gibt. Deshalb hat auch das Rind den längsten Schwanz zum Vertreiben der Fliegen, während das Pferd, weil es in der Steppe nicht so schlimm ist, sich mit einem erheblich kürzeren Schweif begnügen muß.

Der Schwanz dient also bei Pferd, Rind, Hund und Katze ganz verschiedenen Zwecken. Bei den beiden erstgenannten ist er Fliegenabwehrer, bei dem Hunde soll er den Körper herumwerfen helfen, und bei der Katze soll er das richtige Steuern beim Sprunge besorgen. Ein Hund ohne Schwanz kann keinen Hasen mehr einholen. Gegen Fliegen braucht die Katze ihren Schwanz nicht als Abwehrmittel, da sie von ihnen gemieden wird. Die Hundearten liegen am Tage in einem dichten Gebüsch und ruhen. Hier ist von einer großen Belästigung durch Fliegen nicht die Rede, weshalb der Hund nach ihnen nur mit dem Maule schnappt, aber nicht mit dem Schwanze danach schlägt.

54. Sieht das Pferd alles größer?

Ein unausrottbarer Aberglaube ist es, daß das Pferd alles doppelt sieht. Wie schön wäre es für unsern Droschkenkutscher, wenn das der Fall sein würde. Er brauchte seiner Liese nur das halbe Futter zu geben, und sie glaubte, das ganze zu erhalten.

Die Größe eines Gegenstandes bemessen wir nach dem Gesichtswinkel und der Entfernung. Ist uns die Entfernung unbekannt, so schwanken wir in den Angaben der Größe. So sagt mancher Landbewohner, der Mond sähe so aus wie ein früherer Taler. Ein anderer sagt wiederum, er erscheine ihm so groß wie ein Heuwagen. Sehen wir ganz in der Ferne einen Vogel fliegen, so ist oft der beste Tierkenner im Zweifel, wie groß der Vogel eigentlich ist. Bei unbekannten Entfernungen kann es also vorkommen, daß man etwas für größer hält als es ist.

Das meint das Volk aber gar nicht, sondern es ist der Ueberzeugung, daß das Pferd alle Gegenstände um sich, wo es sich also um ganz bekannte Entfernungen handelt, doppelt so groß sieht. Namentlich soll der Mensch in den Augen des Pferdes doppelt so groß, wie er ist, erscheinen.

Es ist klar, daß diese Vorstellung vollkommen unhaltbar ist. Sehe ich alles doppelt so groß, so sehe ich mich selbst ebenfalls doppelt so groß, und dann hat das Größersehen nicht den geringsten Erfolg.

Nichts deutet darauf hin, daß das Pferd, falls man die Größenverhältnisse in Betracht zieht, anders sieht als der Mensch. Es hält einen großen Hund nicht für ein Pferd, es verwechselt eine Hütte nicht mit seinem Stall, es mißt die Weite eines Grabens und die Höhe eines Hindernisses vortrefflich ab. Der Aberglaube, daß das Pferd alles doppelt sieht, ist nur aus folgendem Gedankengange entstanden. Der einfache Mann legt sich folgende Frage vor: Wie ist es möglich, daß ein so großes und starkes Tier, wie es das Pferd ist, sich von einem Schwächling, wie es der Mensch ist, beherrschen läßt? Um das zu erklären, verfiel man auf den anscheinend klugen Gedanken: Es wird den Menschen doppelt so groß sehen, wie er ist.

Hierbei haben die Leute aber ganz übersehen, daß in der Tierwelt häufig ein David einen Riesen Goliath in Schrecken versetzt. Die großen und starken Rinder flüchten, wenn die kleinen Rinderbremsen kommen (vgl. Kap. 86), und andere große Tiere sowie auch Menschen ergreifen die Flucht vor kleinen Giftschlangen oder gewissen Arten von Ameisen.

Alle Tage können wir erleben, daß sich große Pferde vor dem Gekläff kleiner Hunde fürchten. Es ist daher nicht im mindesten auffallend, daß es sich dem Menschen unterordnet.

Die seitliche Stellung der Augen hat für das Pferd große Vorteile. Kürzlich sah ich ein Bild, auf dem der Künstler die Stellung seiner Meinung nach verbessert hatte. Das Pferd hatte nämlich, fast wie ein Mensch, die Augen vorn.

Wir wollen uns einmal vorstellen, daß sich ein Pferd gegen einen von hinten anschleichenden Wolf verteidigen will. Das kann in seiner Heimat alltäglich oder allnächtlich vorkommen. Bei der Stellung der Menschenaugen könnte das Pferd den anschleichenden Räuber nicht sehen. Es würde wahrscheinlich daneben hauen, und der unverletzte Wolf sich in sein Opfer verbeißen.

Man erkennt daraus, daß die Natur doch etwas besser versteht, wie die einzelnen Gaben beschaffen sein müssen, die sie den Tieren verliehen hat.

Durch die Stellung der Augen hat das Pferd den Vorteil, die Peitsche des Kutschers zu sehen oder wenigstens die Bewegungen, die er macht, wenn er schlagen will. Denn auch das Pferdeauge kann wie das Hundeauge Bewegungen sehr gut wahrnehmen. Weil nun manche Pferde aus Furcht vor dem Schlage plötzlich schnell anzogen und dadurch eine gleichmäßige Fahrt erschwerten, so war dies einer der Gründe, weshalb man Scheuklappen anbrachte. Durch die Scheuklappen wurden die Pferde verhindert, nach hinten zu sehen.