Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten
Part 12
Jede Katze weiß auch, daß ihr Gefahr von einer größeren Katzenart droht. Der Bildhauer Urs Eggenschwyler, von dem wir früher erzählten, daß ein Ziehhund mit seinem zahmen Löwen raufen wollte, hat das oft beobachtet. Während der Ziehhund infolge seines schwachen Gesichts den jungen Löwen gar nicht als Löwen erkannte, flüchteten alle Katzen schon von weitem, sobald sie den gefährlichen Verwandten zu Gesicht bekamen.
Auch hier kann man wiederum beobachten, daß die Katze ein ausgezeichnetes Sehvermögen besitzt, ganz im Gegensatz zum Hunde. Uebrigens ist dem Volk das längst aufgefallen, wie wir aus dem später angeführten Sprichwort ersehen.
Die kleinen Raubtiere unserer Heimat, wie das Wiesel, tötet die Hauskatze. Mit dem Marder gerät sie manchmal in Streit, der für eine schwache Katze gefährlich wird.
Schlimme Feinde besitzt die Katze auch unter den großen Raubvögeln. Wenn der Adler und der Uhu nicht fast gänzlich ausgerottet wären, so würde es lange nicht so viele wildernde Katzen geben. Heute kommt unter den Raubvögeln eigentlich nur noch der Habicht in Betracht. Ein starker Habicht ist ein gefährlicher Gegner für eine schwache Katze. Junge Katzen raubt er ohne weiteres.
Die starke Katze macht sich sofort kampfbereit, wenn sie einen Habicht erblickt hat, während schwächere flüchten.
44. Die Katze als angebliche Nachahmerin unserer Reinlichkeitsbestrebungen.
Bereits beim Hunde haben wir erwähnt, daß man alle Geschichten von Hundebesitzern erst vorsichtig prüfen soll. Selbst durchaus wahrheitsliebende Menschen ziehen aus ihren Beobachtungen ganz falsche Schlüsse, weil sie immer vom menschlichen Standpunkte ausgehen.
Als Kind auf dem Lande hat man oft Gelegenheit zu sehen, daß Hunde ihren Unrat vergraben. Fragte man einen Erwachsenen nach dem Grunde, so bekam man die Antwort, daß der Hund das aus Reinlichkeitsgründen besorge.
Zunächst hat man das geglaubt. Als man aber später sah, daß derselbe Hund, der angeblich für Reinlichkeit schwärmt, sich mit Wonne auf Unrat wälzt, da erkannte man, daß die herrschende Erklärung unmöglich richtig sein könnte.
Ein vortreffliches Beispiel hierfür ist auch unser Hans von Fräulein Bachmann. Die Dame ist eine vollständig wahrheitsliebende Persönlichkeit. Nur läßt sie ihre Liebe zu den Tieren häufig falsche Schlüsse ziehen.
So wollte ich mich durch meinen Besuch mit eigenen Augen davon überzeugen, was an der Geschichte wahr sei, die mir als größte Merkwürdigkeit von Hans mitgeteilt worden war. Er sollte von Hause aus ein so reinliches Tier sein, daß er ohne jeden Unterricht seine Bedürfnisse in dem Abguß der Wasserleitung erledige.
Wir konnten uns alle persönlich davon überzeugen, daß diese Angabe durchaus auf Wahrheit beruht. Der Kater setzt tatsächlich an dieser Stelle seinen Unrat ab.
Wie ich bereits vermutet hatte, ist die Lösung des Rätsels furchtbar einfach. Die Katze hat wie der Hund den uralten Trieb, ihren Unrat zu vergraben. Das tun sie nicht aus Sauberkeit, sondern weil sie wissen, daß alle Pflanzenfresser die Gegend meiden, wo ihnen ihre feine Nase mitteilt, daß gefährliche Feinde in der Nähe weilen. Gerade die Katze hat zum Vergraben besondere Gründe, weil ihr Unrat besonders stark riecht.
Auch der junge Hans wollte es wie die anderen Katzen machen, aber es gab in der Wohnung seiner damaligen Herrin keinen Sand. Hat das Raubtier keine Möglichkeit, den Abgang zu vergraben, so sucht es wenigstens eine Höhlung für ihn auf.
Da in der Wohnung die einzige Höhlung, die für die Katze in Betracht kam, der Ausguß der Wasserleitung war, so sprang sie in diesen hinein.
Hans hat nur den Gedanken der Beseitigung gehabt. Das konnte man ganz unzweifelhaft daran erkennen, daß er nach der Beendigung mit den Pranken zu scharren anfing, obwohl doch in dem eisernen Behälter seine Hin- und Herbewegungen mit den Pfoten ebenso nutzlos waren wie das Scharren der Hunde mit den Hinterfüßen auf dem steinharten Bürgersteig.
Wie wird nun von einfachen Leuten ein so vollständig einleuchtender Vorgang ausgeschmückt.
Hiernach hat Hans folgenden Gedankengang gehabt. Wir müssen uns die klugen Menschen zum Vorbilde nehmen. Diese wissen dadurch die größte Reinlichkeit zu wahren, daß sie einen mit Wasserspülung versehenen Trichter benutzen. Leider kann ich mit meiner Katzengestalt ihnen das nicht nachmachen. Aber ich will den Menschen wenigstens darin nacheifern, daß auch bei mir Wasserspülung für die größte Reinlichkeit sorgt. Deshalb springe ich in den Abguß der Wasserleitung.
Dieser Gedankengang entspricht etwa den Anschauungen der meisten Tierfreunde. Sie werden hierin durch folgende Erwägung bestärkt. Der Großstädter ist klüger als die andere Bevölkerung. Die Tiere sehen dem Menschen kluge Maßregeln ab. Warum soll nun nicht eine Großstadtkatze, die in der Wohnung Klosetts mit Wasserspülung sieht, den Menschen nachzuahmen suchen.
In Wirklichkeit ist das eine vermenschlichende Anschauung, die dem Tiere vollkommen fernliegt. Der klügste Affe ist, wie ich schon erwähnt habe, nicht zur Stubenreinheit zu bewegen. Reinlichkeit in unserem Sinne kennt überhaupt das Tier nicht. Reinlichkeit ist eine Vorbedingung für die Gesundheit. Wir halten uns Unrat, verweste Dinge, tote Tiere und dergleichen fern, weil sie unserer Gesundheit schädlich sind. Da sie der Gesundheit des Hundes nichts schaden, so kann der Hund nicht denselben Reinlichkeitssinn besitzen wie wir.
Bei der Katze liegt die Sache ähnlich. Wie oft habe ich gesehen, daß meine Katzen sich auf schmutziger Wäsche mit Wonne sielten. Wo sitzt denn da die Reinlichkeit nach unseren Begriffen?
Zum Schlusse unseres Besuches zeigt uns Hans noch eine Glanzleistung. Er ist in der Küche, wo wir uns befinden, auf ein Brett gesprungen, wo zahlreiche kleine Gläser stehen. Man muß immer wieder die ungeheure Geschicklichkeit einer Katze bewundern, wie sie ihre vier Füße zu setzen weiß, ohne im geringsten anzustoßen. So wandert auch Hans durch die Gläser, ohne den geringsten Schaden anzurichten.
Bei der Jagd kann man oft die gleiche Geschicklichkeit der Katze beobachten. Wildernde Katzen wissen, daß der Jäger ihnen eifrig nachstellt. Sie verbergen sich deshalb sofort in der Saat oder im Klee oder einer anderen Deckung. Man sollte meinen, daß die Pflanzen sich bewegen müßten, wenn eine Katze hindurchgeht. Aber wenn man oben auf die Saat oder den Klee schaut, so kann man niemals eine Bewegung feststellen. So rettet die Katze durch ihre Geschicklichkeit ihr Leben, da der Jäger nicht weiß, wohin sie geflüchtet ist.
Eine andere Eigentümlichkeit der Katzen besteht darin, daß sie darauf erpicht sind, in jede Höhlung zu kriechen. Es ist daher nicht unbedingt notwendig, daß die Katzenfallen mit einem Köder versehen sind. Die Katze kriecht auch in einen Kasten, wenn kein Leckerbissen darin ist. Aus meiner Studentenzeit ist mir noch folgender Vorfall in der Erinnerung geblieben, der den Beweis hierfür liefert. Ich wohnte bei Leuten, die sehr große Tierfreunde waren und eine schwarze Katze besaßen. Die Katze war mehr bei mir als bei ihnen. Eines Tages war es sehr kalt und es sollte deshalb geheizt werden. Als Feuer angemacht war, fiel es mir auf, daß ich die Katze nicht sah. Auch war es mir so vorgekommen, als wenn ich ganz leise Laute aus dem Ofenloche vernommen hätte. Meine Wirtin bestritt zwar, daß die Katze im Ofenloch sitzen könne, sah aber doch nach und gewahrte zu ihrem Schrecken die Katze hinter dem Feuer. Rasch entschlossen riß sie das Feuer aus dem Ofen und zog die Katze heraus, die glücklicherweise nur einige versengte Stellen am Pelze aufwies. In dem Ofen war nur Asche, und zwar nicht einmal warme Asche, da ich in diesen Jahren nur ganz ausnahmsweise heizen ließ. Nur die Höhlung hatte es der Katze angetan, hier sich aufzuhalten. Wahrscheinlich tauchte vor dem Ofenloch die Erinnerung an die Felsenhöhlen ihrer Vorfahren in ihr auf.
45. Geschichten von Katzen.
Der Naturforscher, der von der Jagdleidenschaft seiner Hunde so schön plauderte, hat auch mit seinen Katzen mancherlei erlebt. Eine Katze, die er sich angeschafft hatte, mit Namen Ripp, war ungeheuer scheu. Erst im Laufe des Sommers, erzählte er, da ich mit meiner Familie sehr viel vor dem Hause war, gelang es uns, Ripp so zutraulich und zahm zu machen, daß sie immer am liebsten in unserer Gesellschaft verweilte, sich streicheln und tragen ließ, uns weit weg begleitete, wenn wir fortgingen, und uns weithin und voller Seligkeit entgegenkam, wenn wir zurückkehrten. Ripp war kohlpechrabenschwarz mit einem prächtigen weißen Stern auf ihrer treuen Brust, und da die Welt damals gerade voller Mäuse war, so hatte ich auch noch einen einfarbig blaugrauen Kater angeschafft, dem die Kinder den Namen Hänschen gaben. Nach Jahr und Tag fand ich Gelegenheit, von einem Freunde ein schönes Kätzchen zu beziehen, dessen Großvater ein schöner Angorakater war. Jetzt ward der Entschluß, das liebe alte Pärchen wegzuschaffen, gefaßt. Zuerst ward Hänschen im Käfig gefangen, und während er mit schwermütigem Blicke, als ob er dem Wetter nicht recht traute, in ihm auf und ab ging, fuhr ein kleiner Korbwagen vor, der Käfig ward hineingestellt, mit einem Tuche gut bedeckt, dies rings dicht mit Stroh umbanst, und nun Glück auf, da zog der neue Besitzer des schönen blaugrauen Katers wohlgemut den Wagen, listig allerlei Umwege durch den Wald wählend, seiner Heimat zu, die auf geradem Wege ein halbes Stündchen von uns entfernt ist. Dort angelangt, wurde der Wagen ins Haus gezogen, die Türen wurden hinten und vorn verriegelt, der Käfig behutsam herausgehoben, enthüllt, -- aber, ach, der war ganz leer und keine Spur vom Kater zu sehen, obgleich der Wagenlenker ihn doch mit eigenen Augen beim Einpacken im Käfig gesehen hatte und sorgfältig verwahrt zu haben glaubte. Genaue Prüfung des Tatbestandes ergab, daß man im Vertrauen auf die Decke die Tür des Käfigs zuzubinden versäumt hatte und daß der reisende Kater inmitten der Reise unbemerkt die Türe geöffnet und Reißaus genommen haben mußte. Als der Wagen zurück und die Trauerbotschaft an mich kam, da erschrak ich, hielt gleich Haussuchung und fand Hänschen auf dem Heuboden, wo er ganz ruhig in seinem gewöhnlichen Bettchen lag, mir freundlich grüßend entgegenkam und mit dem Ergebnis seiner Waldpartie ganz zufrieden schien. Er ging auch gleich am folgenden Tage wieder getrost in den Käfig, ward wieder eingesperrt, zu Wagen gebracht, aufs Allersorgfältigste verpackt, gelangte auf neu ersonnenen Umwegen richtig an den Ort seiner Bestimmung, begrüßte mich aber doch am nächsten Morgen schon wieder ganz unbefangen in der lieben Heimat, weil er von dem Dachboden, wohin man ihn gesperrt, durch ein Loch entwichen war, das er selber entdeckt hatte und das der Hausbesitzer hinterdrein auch noch bei dieser Gelegenheit zu sehen bekam. Das nächste Mal ward Hänschen in entgegengesetzter Himmelsrichtung nach einem Orte, der eine Stunde weit entfernt und durch Berg und Tal, Wiese, Wasser und Wald von hier getrennt ist, zu befreundeten Seelen kutschiert, kehrte aber nach Verlauf zweier auf Reisen zugebrachter Wochen heim ins Vaterhaus und saß an einem schönen Morgen im Strahle der aufgehenden Sonne, reicher an Welt- und Menschenkenntnis, aber ärmer an Fett, in Hungersnot sanft quäksend und freundlich winkend unter meinem Fenster. -- Auch die gute Ripp war während aller dieser merkwürdigen Ereignisse schon zweimal in die Welt hinein kutschiert und beidemal erfahrungsreicher heimgegangen. -- Nun aber wurde zum dritten- und letztenmal Anstalt zur Auswanderung getroffen. Das liebe Pärchen mußte auf einem ganz neuen Wege eine gute geographische Meile weit zu Leuten fahren, die den ernstlichen Willen kundgegeben hatten, die zwei Auswanderer wenigstens zwei Wochen lang hinter Schloß und Riegel gut zu verpflegen. Nach drei Wochen kam die Nachricht, daß sich der Kater Hänschen zwar aus dem ihm angewiesenen Hause weggeschlichen, aber bei einem Nachbar festes Quartier genommen, daß Ripp dagegen geblieben, ganz einheimisch, zufrieden und sehr beliebt sei.
Unser Gewährsmann schildert weiter, daß auch Ripp nach einiger Zeit wieder zu ihm zurückgekehrt ist.
Der wunderbare Ortssinn der Tiere, von dem schon die Rede war (Kap. 9), zeigt sich auch bei der Katze stark ausgebildet.
46. Redensarten und Sprichwörter von der Katze.
Geldkatze ist ein hohler Gurt, der als Geldbeutel dient und gewöhnlich von Katzenfell hergestellt wird.
*Katzenmusik*, *Katzenkonzert*,
*Katzenwäsche*,
*Katzenbuckel*,
*Schmeichelkätzchen*,
*Katzen und Herren fallen immer auf die Füße*,
*Willst du lange leben gesund, Iß wie die Katze, trink' wie der Hund*
sind schon besprochen worden. Ein Beweis der im Volke herrschenden Ansicht von der Falschheit der Katzen ist der Vers:
*Hüte dich vor den Katzen, die vorn lecken und hinten kratzen.*
Die Katze sorgt vorsichtig, daß ihr keine Schmerzen zugefügt werden. Daher die Redensart:
*Drum herumgehen, wie die Katze um den heißen Brei.*
Richtiger heißt es wohl:
*Gleichwie die Katzen um den Herd, tätens sich umherreiben.*
Die Katze als Nachttier wünscht am warmen Herd ihren Körper zu erwärmen.
*Der Katze die Schellen umhängen.*
Nach einer Fabel wollten sich die Mäuse dadurch vor der Katze schützen, daß sie ihr Schellen umhängten. Dieser Plan scheiterte jedoch daran, daß sich niemand zu seiner Ausführung meldete.
*Wenn die Katze aus dem Hause ist, springen die Mäuse über Stuhl und Bänke.*
Ist der gebietende Teil nicht anwesend, also z. B. Lehrer, Eltern, dann erlauben sich Kinder manche Freiheiten.
*Die Katze im Sack kaufen.*
Nach Grimm heißt es: Die Katze im Sacke kaufen statt eines Hasen. Andere verstehen darunter: etwas unbesehen kaufen.
*Bei Nacht sind alle Katzen grau.*
Die Dunkelheit verwischt die Unterschiede, so daß man dann auch eine weniger gute Sache anziehen kann.
Die Katze erhält die Abfälle der Mahlzeiten. Daher sagt man für Wertloses:
*Das ist für die Katz!*
Nach anderen erklärt sich die Redensart damit, weil die Katze ein verachtetes Geschöpf ist. Man gebraucht also die Redensart dann, wenn man für eine Handlung auf Undank rechnen muß.
*Katzenjammer*
soll die bekannte Magenverstimmung deshalb heißen, weil sie der Stimmung beim Anhören eines Katzenkonzerts gleicht.
Uebrigens hat man schon in früheren Zeiten erkannt, daß die Katze im Gegensatz zum Hunde ein ausgezeichnetes Sehvermögen besitzt. Das geht aus dem Vers hervor:
*Nimm die Augen in die Hand und die Katz aufs Knie, was du nicht siehst, das sieht sie.*
Der Glaube, daß Hexen sich in Katzen verwandeln, rührt von dem nächtlichen Leben der Tiere her und ihren im Dunkeln leuchtenden Augen, sowie ihrem lautlosen Schleichen.
Das Pferd
47. Warum gibt es so viele braune Pferde?
In der Großstadt werden jetzt die Pferde vielfach durch andere Kräfte ersetzt. Manche sind der Ansicht, daß in nicht zu ferner Zeit das Pferd gänzlich von den Straßen verschwinden werde. Das ist wenig wahrscheinlich, weil manche Genüsse, beispielsweise das Reiten, durch keine Maschinentätigkeit ersetzt werden können.
Immerhin müssen wir jetzt schon, um uns ein paar Omnibuspferde anzusehen, auf die Suche gehen, denn es wird nur noch eine Strecke mit dem Pferdeomnibus befahren. Bequemer ist es daher, wenn wir bei einem Droschkenpferde haltmachen und es uns etwas besehen, da der Kutscher sich in dem benachbarten Lokal gerade stärkt. Er hat aber auch seinen treuen Gehilfen nicht vergessen, sondern ihm vorher den gefüllten Futterkübel umgehängt.
Aus meiner Jugendzeit fallen mir verschiedene schlechte Witze ein, die damals über das Berliner Droschkenpferd üblich waren. Einer von ihnen lautete: Was ist schneller als ein Gedanke? Die Antwort war: Das Droschkenpferd, denn, wenn man denkt, es fällt, dann liegt es schon.
Wie so viele Pferde ist unser Droschkenpferd von brauner Farbe mit schwarzer Mähne und schwarzem Schwanz. Auffallend ist die Beweglichkeit seiner Ohren, die sich sofort nach der Seite öffnen, von der aus ein Geräusch ertönt. Die Augen des Pferdes stehen nicht wie beim Menschen vorn, sondern mehr auf der Seite. Die Fliegen müssen dem Tiere ziemlich zusetzen, denn alle Augenblicke schlägt es mit dem Schwanze nach ihnen. Von Zeit zu Zeit tritt es auch mit den Hufen stark auf, um sie zu verscheuchen. In der Zwischenzeit zuckt es mit dem Felle, um die Plagegeister zu vertreiben. Vielen Erfolg scheinen die Abwehrmittel nicht zu haben, da die Fliegen wohl fortfliegen, aber ebenso sicher auch zurückkehren.
Von seinen Hufen, die ungespalten sind, hat das Pferd den Namen Einhufer erhalten. Wir staunen, daß ein so großer Körper so sicher auf den kleinen Hufen steht.
Ebenso wundern wir uns über den außerordentlich langen und starken Hals, wenn wir ihn mit dem Halse des Menschen vergleichen. Im Verhältnis zur Länge des Halses ist wiederum der Kopf nur klein. Während unser Kopf rund ist, hat das Pferd einen länglichen Kopf.
Inzwischen ist beim Fressen durch das Schnauben des Pferdes eine ganze Menge Häcksel aus dem Kübel geflogen. Dieses Fortpusten des Häcksels betrachten viele als ein Zeichen dafür, daß das Pferd ein sehr kluges Tier ist. Der Häcksel, den ihm sein Herr vorsetzt, paßt ihm nicht, und deshalb pustet es einfach eine Menge davon fort.
Mit der Zeit scheint das Futter sich seinem Ende zu nähern, denn das Pferd schüttelt den Kübel hin und her, um sich ja nicht etwas von dem Futter entgehen zu lassen. Hieraus dürfen wir wohl den Schluß ziehen, daß es ihm nicht gerade schlecht schmecken kann.
Wir wissen, daß wir, um das Benehmen des Pferdes und sein Aussehen zu verstehen, seine wilden Verwandten uns näher ansehen müssen. Früher waren die Vorfahren unseres Hauspferdes unbekannt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts sind sie jedoch entdeckt, und von den gefangenen Fohlen sind ein Männchen und ein Weibchen, also ein Hengst und eine Stute, nach dem Zoologischen Garten von Berlin gekommen. Leider ist die Stute vor einigen Jahren gestorben. Der Hengst aber lebt zurzeit noch, wenngleich er schon einen recht alten Eindruck macht. Anscheinend ist er auch schon erblindet, wenigstens auf einem Auge dürfte er ganz blind sein.
Der Wildhengst ist kleiner als unser Droschkenpferd, da er nicht größer als ein Zebra ist. Ueberhaupt sehen wir, daß alle Einhufer des Zoologischen Gartens nach unseren Begriffen klein sind. Das kommt daher, weil wir unsere Pferde absichtlich auf Größe gezüchtet haben, so daß unser Auge an große Pferde gewöhnt ist.
Auch das Wildpferd ist braun mit schwarzer Mähne und schwarzem Schwanz. Ueberdies läuft noch ein schwarzer Streifen auf dem Rücken entlang. Auch bei unseren Hauspferden kommt er manchmal vor und wird als Aalstrich bezeichnet.
Diese Zeichnung des Wildpferdes ist natürlich seinen Lebensgewohnheiten angepaßt. Es lebt noch heute in Mittelasien. Und zwar ist das Wildpferd ein Bewohner der Steppe, wo es in Rudeln angetroffen wird. Diese Rudel werden von einem Hengste geleitet, der fortwährend achtgibt, ob irgendwo Gefahr droht. Naht sich ein größeres Raubtier, so ergreift das Rudel eiligst die Flucht. Gegen kleinere Raubtiere kämpft der Hengst mutig, und zwar schlägt er mit seinen Vorderhufen und packt sie mit dem Gebiß.
Jetzt verstehen wir, weshalb es heute noch bissige Pferde gibt. Das Beißen ist eine ursprüngliche Waffe der Pferde. Wir haben absichtlich alle Pferde, die sich durch Beißen auszeichneten, von der Zucht ausgeschlossen, so daß unsere heutigen Pferde nur ausnahmsweise beißen.
Das Ausschlagen ist an sich ebenfalls eine natürliche Waffe des Pferdes. Niemals soll man sich einem fremden Pferde von hinten nähern. Das Pferd, das im allgemeinen ängstlich ist, hört ein Geräusch hinter sich und schlägt naturgemäß nach hinten aus. Dadurch sind schon unzählige Unglücksfälle verursacht worden.
Wie die braune Lerche sich von der Erde kaum abhebt und deshalb leicht übersehen wird, ebenso der braune Hase, so verschwimmt auch das Wildpferd mit seiner braunen Farbe in der endlosen braunen Steppe. Wäre jedoch das Wildpferd nur braun, so würde ein so großer brauner Fleck in der Natur auffallen. Deshalb ist durch die schwarze Mähne, den Aalstrich und den schwarzen Schweif der braune Fleck geteilt und nicht mehr so auffällig groß.
48. Warum hat das Pferd eine Mähne? Die Fabel von dem Kreisbilden der Pferde.
Die Frage, weshalb das Pferd eine Mähne besitzt, scheint sehr leicht zu beantworten zu sein. Einfach zu dem Zwecke, damit der Reiter sich daran festhält, wenn er sich auf das Pferd schwingt.
Jetzt betrachten wir daraufhin das Wildpferd und sehen, daß es oben auf dem Halse nur kurze Borsten wie ein Zebra hat. Die Mähne unserer Hauspferde, die sehr bequem für den Reiter ist, hat also bei dem Wildpferde gar nicht die Länge, um als geeigneter Handgriff zu dienen.
Die Mähne hat also bei dem Wildpferde andere Zwecke zu erfüllen. Der große und starke Pferdehals sieht wie ein großes Viereck aus und muß in der weiten Steppe sehr auffallen. Durch die schwarze Mähne oben auf dem Halse wird dieses Viereck weniger auffallend. Die Hauptfeinde der Wildpferde sind in Asien der Tiger und der Mensch. Beide sind Augentiere, denen gegenüber die Schutzfärbung von großer Bedeutung ist. Weniger kommt sie in Betracht bei den Wölfen, da diese sich wie die Hunde in erster Linie nach ihrer Nase richten.
Immer wieder taucht die Fabel auf, daß die Pferde sich gegen die Wölfe dadurch verteidigen, daß sie einen Kreis bilden mit den Köpfen nach innen, während die nach außen gerichteten Hinterbeine den Angreifer niederschmettern. In der Mitte des Kreises sollen sich die Fohlen aufhalten.
Naturforscher und Reisende, die Gelegenheit hatten, die Angriffe der Wölfe auf Pferdeherden zu beobachten, haben aber nicht das geringste von diesem Kreisbilden wahrnehmen können. Der Wolf sucht sich vielmehr an die Pferdeherden anzuschleichen, um ein Füllen zu packen, manchmal auch ein einzelnes Pferd. Merken die Pferde den Wolf, so gehen sie auf ihn los und bearbeiten ihn mit den Vorderhufen, die Hengste auch mit den Zähnen.