Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten

Part 11

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Der Katze ist von der Natur die Nahrung von Vogel- und Nagerfleisch bestimmt. Es ist uns natürlich sehr angenehm, daß sie Mäuse und Ratten frißt. Im Gegenteil; sie kann uns auf diesem Gebiete gar nicht genug leisten. Es will uns aber gar nicht gefallen, daß sie auch gern Hasen und Kaninchen verzehrt. Am schlimmsten aber ist es, daß sie durch ihre Vorliebe für die Singvögel zu ihrer Ausrottung beiträgt. Wie manche brütende Nachtigall, deren Nest durch den Gesang des Männchens verraten wurde, hat in dem Magen einer Katze ihr Ende gefunden!

Die Katze ist wie geschaffen, den auf dem Erdboden oder Baume weilenden Vogel zu haschen. Ich beobachtete einmal auf dem Lande, wie eine Katze einen ausgewachsenen Sperling fing. Und gerade unser Sperling pflegt kein Dummkopf zu sein.

Alle Vögel kennen ihren grausamen Feind und machen oft den Menschen auf eine Katze aufmerksam. Beispielsweise kann man mit Sicherheit darauf rechnen, daß, wenn im Frühjahr das anhaltende Zetern der Amseln aus einem Garten ertönt, sich eine Katze hereingeschlichen hat und die Jungen gefährdet. Sie ist auch wie geschaffen zur Verzehrerin eines Vogels, da sie mit ihren Pranken den Vogel meisterhaft rupft. Man versteht, wenn man ihr zuschaut, weshalb ein Hund niemals so gierig auf Vogelfleisch sein wird. Ihm fehlt das Werkzeug, um die Federn schnell zu entfernen.

Um ihren Hans in ein besseres Licht zu rücken, erzählt uns Fräulein Bachmann von seinen vortrefflichen Leistungen als Mäusefänger. Leider können wir bei dieser Tätigkeit nicht zugegen sein, denn in der Wohnung sind keine Mäuse. Er wird, wie schon erwähnt wurde, abends nach dem Kohlenplatz gebracht. Nach den Angaben des Kohlenhändlers hat er sehr unter den Mäusen aufgeräumt, was wir schon glauben können.

Auf Bildern werden mäusefangende Katzen nicht selten so dargestellt, daß sie vor dem Mäuseloch sitzen und gewissermaßen hineinsehen. Das dürfte nicht richtig sein. Ich stimme nach meinen Beobachtungen den Schilderungen eines bekannten Naturforschers bei, von denen hier folgende Stelle ihren Platz finden möge.

Ich habe sie, schreibt er, öfters beobachtet, wenn sie so auf der Lauer sitzt, daß sie mehrere zusammenhängende Mauselöcher um sich hat. Sie könnte sich gerade vor ein am Rande des Ganzen stehendes hinsetzen und so alle leicht überschauen. Das tut sie aber nicht. Setzte sie sich vor das Loch, so würde das Mäuschen sie leichter bemerken und entweder gar nicht herausgehen oder doch schnell zurückzucken. Sie setzt sich also mitten zwischen die Eingänge und wendet Auge und Ohr dem zu, in dessen Nähe sich unter der Erde etwas rührt, wobei sie so sitzt, daß das herauskommende Geschöpf ihr den Rücken zukehren muß und desto sicherer gepackt wird. Sie sitzt so unbeweglich, daß selbst die sonst so regsame Schwanzspitze sich nicht rührt; es könnten sonst durch ihre Bewegung die Mäuschen, welche nach hinten heraus wollen, eingeschüchtert werden. Kommt *vor* der Katze ein Mäuschen zutage, so ist es im Augenblick gepackt; kommt eins hinter ihr heraus, wo sie es nicht sehen kann, *so ist es ebenso schnell gepackt*. Sie hat nicht bloß gehört, daß es heraus ist, sondern auch *so genau, als ob sie es sähe, wo es ist; sie wirft sich blitzschnell herum und hat es, nie fehlend, unter den Krallen*. Uebrigens vermag sie weit mehr zu leisten. Ich hatte mich bei warmer, stiller Luft in meinem Hofe auf einer Bank im Schatten der Bäume niedergelassen und wollte lesen. Da kam eins von meinen Kätzchen schnurrend und schmeichelnd heran und kletterte mir nach alter Gewohnheit auf Schulter und Kopf. Beim Lesen war das störend, ich legte also ein zu solchem Zweck bestimmtes Kissen auf meinen Schoß, das Kätzchen darauf, drückte es sanft nieder, und nach zehn Minuten schien es fest zu schlafen, während ich ruhig las und um uns her Vögel sangen. Das Kätzchen hatte den Kopf, also auch die Ohren, südwärts gerichtet. Plötzlich sprang es mit ungeheurer Schnelligkeit rückwärts. Ich sah ihm erstaunt nach; da lief nordwärts von uns ein Mäuschen von einem Busch zum andern über ein glattes Steinpflaster, wo es natürlich gar kein Geräusch machen konnte. Ich maß die Entfernung, in welcher das Kätzchen die Maus hinter sich gehört hatte; sie betrug 13,5 Meter.

Das Gehör der Katze ist, wie wir aus eigener Beobachtung bestätigen können, ungeheuer fein. Sie macht uns auf die Ankunft einer Person aufmerksam, deren Schritte wir überhört hatten.

Auch der Hund hört sehr fein, wie schon früher aus der Schilderung des Jagdhundes und der beiden Spitze hervorging (Kapitel 23). Man kann das oft daran erkennen, daß er plötzlich anscheinend grundlos bellt. Trotz angestrengten Horchens kann ein Mensch nicht das geringste Geräusch hören. Endlich kommt man hinter den Grund seiner Erregung. Jeder Hund hat regelmäßig einen Feind. Dieser nähert sich unserem Hause. Es ist erstaunlich, aus welcher Entfernung der Hund die Annäherung seines Feindes wahrnimmt. Der Mensch, der z. B. einen Vogelruf wahrnimmt, weiß häufig nicht, wo der Vogel sitzt und sieht sich vergeblich nach dem Tier um. Die Katze hört nicht nur, daß eine Maus kommt, sondern sie weiß auch sofort, von welcher Stelle sie kommt.

Man hat sich häufig darüber gewundert, daß die Katzen und die meisten Hunde von der Musik nichts wissen wollen. Für ihre feinen Ohren ist eben unsere Musik viel zu grell.

41. Warum schüttelt die Katze beim Fressen den Kopf?

Um mich bei Hans und seiner Herrin beliebt zu machen, habe ich für ihn ein paar Bücklingsköpfe mitgebracht. Sie werden dankbar in Empfang genommen. Während des Fressens schüttelt Hans häufig den Kopf, was man bei fressenden Katzen nicht selten sieht. Zu schütteln ist eigentlich an dem toten Bücklingskopf nichts.

Ich erkläre mir das so. Wildkatzen fressen mit Vorliebe knochenloses Fleisch. Es ist seit Jahrtausenden bekannt, daß der Löwe, also die größte Katze, zunächst die Eingeweide frißt. Um zu den Eingeweiden zu gelangen, muß die Katze den Kopf in den Leib ihrer Beute stecken. Da ihr Fell, wie wir wissen, sehr empfindlich gegen Nässe ist, so muß sie ihren Kopf gegen die Beschmutzung mit Blut und dergleichen zu schützen suchen. Um das zu erreichen, schüttelt sie mit dem Kopfe.

Bücklinge, wie Fische überhaupt, frißt die Katze deshalb gern, weil die Wildkatzen trotz ihrer Abneigung gegen das Wasser sehr geschickte Fischfänger sind. Sie lauern regungslos am Wasser und wissen den arglosen Fisch durch einen blitzschnellen Prankenschlag aufs Land zu werfen. Hierbei machen sie sich so gut wie gar nicht naß.

Eine in der Großstadt geborene Katze zeigte mir einmal, wie festgewurzelt das Fischefangen in ihrem Triebleben haftet. Ich hatte einen Strumpf zum Baden benutzt, und, um die Seife auszuwässern, ihn in eine Wanne gelegt. Bei meiner Arbeit am Schreibtische hatte ich das schon längst vergessen, als ein Geräusch meine Aufmerksamkeit auf die Wanne lenkte. Eine meiner Katzen saß mit gespanntester Aufmerksamkeit am Rande der Wanne und suchte durch einen Prankenschlag den Strumpf hinauszuschlagen. Der dunkle Strumpf im klaren Wasser hatte also genügt, ihre von den Vorfahren ererbte Erinnerung an den Fischfang wachzurufen.

Bei dieser Gelegenheit können wir zugleich das natürliche Futter der Katze feststellen. Das vor dem Kriege in der Großstadt übliche Füttern mit Pferdefleisch kann man nicht als naturgemäß bezeichnen. Ich habe selbst erlebt, daß dauernd mit Pferdefleisch gefütterte Katzen sich wie tollwütig benahmen. Wunderbar ist das auch nicht weiter, denn das Fleisch der Mäuse und Vögel ist nicht annähernd so gehaltreich wie das Pferdefleisch.

Weil Pferdefleisch die übliche Nahrung in den Zoologischen Gärten ist, deshalb sterben auch alle Raubtiere sehr schnell, die in der Freiheit keine Pferde oder ähnliche Tiere, wie Zebras, Esel und andere Einhufer fressen. Obwohl Luchse in Deutschland heimisch waren, und die Wildkatze es noch heute ist, können sie die Fütterung mit Pferdefleisch auf die Dauer nicht vertragen. Ebenso sterben Habichte, Wanderfalken, Sperber und andere Raubvögel sehr bald, wenn sie mit Pferdefleisch gefüttert werden, obwohl diese Vögel unsere Heimat bewohnen.

Die praktischen Amerikaner sollen, wie ich gelesen habe, ihre Katzen mit Eingeweiden füttern. Das wäre sehr klug, denn die Katze hat eine ausgesprochene Vorliebe für die Eingeweide. Sollten wir also wieder einmal eine solche Nahrungsfülle haben, wie es vor dem Kriege der Fall war, dann wäre es zweckmäßig, einer Großstadtkatze, der man keine Nager oder Vögel vorsetzen kann, Fische zu geben und vom Pferde die Eingeweide.

Von den Naturforschern wird das scharfe Gebiß der Katzen sehr gepriesen, weil die Zähne infolge ihres Baues eine furchtbare Wirkung ausüben. In Wirklichkeit sieht die Sache ganz anders aus. Keine Katze verteidigt sich gegen einen Hund mit dem Gebiß. Keine Katze kann, wie schon erwähnt wurde, einen Fuchs abwürgen, was doch der nicht größere Dachshund oft tut. Keine Katze befreit sich aus einer Holzkiste, wenngleich ihre Wände dünn sind. Der Hund dagegen zerbeißt, wie wir von der Dogge Tom hörten, Kisten, die für bedeutend stärkere Raubtiere berechnet sind.

Bei den großen Katzenarten können wir genau das Gleiche beobachten. Der Löwe überläßt doch nicht den Hyänen und Schakalen die Reste seiner Beute, weil er großmütig ist, sondern weil er die starken Beinknochen nicht zerbeißen kann.

Auch unsere Hauskatze denkt nicht daran, sich mit einer anderen Katze wegen eines Knochens zu balgen, wie es doch der Hund gewohnheitsmäßig tut. Das kommt eben daher, weil der Hund mit seinem starken Gebiß spielend kräftige Knochen zerbeißt, während die Katze ihm das nicht nachmachen kann.

Gerade dadurch ist die Katze so recht in den Ruf der Naschhaftigkeit gekommen. Sie will keine Knochensammlung haben wie der Hund, sondern bevorzugt reines Fleisch, insbesondere Eingeweide. So eine zarte Rehleber ist ganz nach ihrem Geschmack. Natürlich sind wir wütend, daß uns die Katze bestiehlt und obendrein noch das nimmt, was für den Hausherrn bestimmt war.

Rehlebern sind nicht bloß für uns Menschen wohlschmeckend, sondern auch ein naturgemäßes Futter der Wildkatze. Die Katze ist also eigentlich nicht naschhaft, sondern ihre naturgemäße Nahrung umfaßt wegen ihres kleinen Gebisses Dinge, die uns besonders gut schmecken.

Gegen Salz hat die Katze eine noch größere Abneigung als der Hund.

Mäusefleisch kann nicht sehr gehaltreich sein, denn sonst könnten nicht Katzen und Eulen eine so ungeheure Anzahl davon verzehren.

Die Aehnlichkeit zwischen Katzen und Eulen besteht übrigens nicht nur in ihrer Vorliebe für Nagerfleisch. Man hat mit Recht die Eule als geflügelte Katze bezeichnet. Wie diese ist sie eine nächtliche Räuberin und gleicht ihr auch vollkommen an Lautlosigkeit.

An Ratten wagt sich nicht jede Katze. Aber die Anwesenheit einer Katze ist auch den Ratten nicht angenehm und veranlaßt sie manchmal, das ungemütlich gewordene Heim zu verlassen.

Zeigen sie sich in einem Gehöft in großer Anzahl, so bekämpft man sie erfolgreicher mit Rattenfängern, also schnellen, bissigen Hunden, wie Pinschern und Terriern, als mit Katzen.

Es mag übertrieben sein, wenn man in England und in anderen Ländern in den Katzen die größten Wohltäterinnen für die Menschheit, insbesondere für die Landwirtschaft erblickt. Aber das läßt sich nicht leugnen, daß unsere Ernten zum größten Teil von den Nagern aufgefressen werden würden, wenn wir nicht in den Katzen erfolgreiche Bundesgenossen besäßen.

Sonst macht sich die Katze noch dadurch nützlich, daß sie Schlangen tötet und Maikäfer und andere Insekten frißt. Spitzmäuse frißt sie nicht, tötet sie aber. Das muß ihr als Nachteil angerechnet werden, denn die Spitzmaus ist als ein insektenfressendes Geschöpf ein nach unseren Begriffen nützliches Tier. Wahrscheinlich frißt sie die Spitzmaus wegen ihres Moschusduftes nicht. Umgekehrt fällt es auf, daß sie Baldrian sehr liebt und sich wie berauscht auf ihm wälzt.

Wegen ihrer großen Nützlichkeit wird man ihr manche Unart oder, genauer ausgedrückt, manche uns unangenehme Eigenschaft verzeihen, so ihre angeborene Sucht, den Vögeln, insbesondere den Singvögeln, nachzustellen.

Auch hier gilt das vom Hund Gesagte: Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Berühmte Männer haben erklärt, daß sie die Erinnerung an manche Katze im Elternhause nicht um vieles hergeben möchten.

42. Die Rassen der Katze. Alter und sogenannte Erziehung.

Hans ist eine weiß und braunrötlich gefärbte Katze, wie man sie häufig sieht. Auch die Katze gehört zu den Säugetieren. Ihr Raubtiergebiß besteht aus zwölf kleinen Schneidezähnen, vier starken Eckzähnen und oben acht, unten sechs Backzähnen. Die Katze ist ebenfalls wie der Hund ein Zehengänger. Die Beine sind mäßig hoch und sind mit zurückziehbaren Krallen versehen. An den Vorderfüßen bemerken wir fünf, an den Hinterfüßen vier Zehen. Besonders auffallend ist der kugelrunde Kopf, die schon besprochenen Schnurrhaare, der lange Schwanz und das biegsame Rückgrat.

Von Rassen der Katze ist wenig zu sagen, da für uns in Deutschland nur noch die Angorakatze zu erwähnen ist. Sie zeichnet sich durch ein langes, seidenweiches Haar aus. Auch sind ihre Lippen und Fußsohlen fleischfarben.

Es besteht Streit darüber, ob unsere Hauskatze von der ägyptischen Falbkatze oder unserer heimischen Wildkatze abstammt. Jedenfalls ist die Hauskatze, verglichen mit Pferden, Hunden und anderen Haustieren, ein junges Haustier, da sie in Europa den alten Kulturvölkern, also den Griechen und Römern, unbekannt war.

Der Hund erreicht mit einem halben Jahre seine volle Größe, ebenso die Katze. Ueberhaupt dürften sie beide das gleiche Alter erleben.

Die Paarung der Katzen findet zweimal im Jahre statt, und zwar das erstemal im Januar oder Februar. Die sonst so schweigsamen Tiere stimmen jetzt ein Geschrei an, um sich gegenseitig zu finden. Für unsere Ohren klingt dieses Geschrei abscheulich, weshalb wir von diesem »Lied« der Katzen behaupten, daß es »Steine erweichen und Menschen rasend machen kann«. Ueberhaupt nennen wir eine Musik, die unsere Ohren zur Verzweiflung bringt, eine Katzenmusik.

Die Tragezeit der Katze ist um eine Woche kürzer als beim Hunde. Die Anzahl der Kleinen beträgt etwa fünf bis sechs. Hieraus ersehen wir, daß die Katze ziemlich viel Feinde haben muß. Das trifft auch zu, wie in dem Abschnitt über die Feinde der Katze geschildert werden soll. Auch die Katzenjungen können nicht gleich sehen, sondern erst in neun Tagen.

Wie die Hündin, so ist auch die weibliche Katze eine ausgezeichnete Mutter. Ihre Liebe zu ihren Kleinen ist so groß, daß sie unbedenklich das größte Opfer bringt. Für die Mutterliebe der Hündin sei hier folgender Fall angeführt. Eine Jagdhündin war von ihrem Herrn, einem Rittergutsbesitzer an der Saale, in hochträchtigem Zustande mit auf ein *zwei* Stunden entferntes, am anderen Ufer der Saale gelegenes Gut genommen worden und warf hier acht Junge. Der Besitzer, der wußte, daß sie bei seinem Freunde gut aufgehoben sei, fuhr ohne das Tier nach Hause, war aber auf das Aeußerste erstaunt, als bereits anderen Morgens vier Uhr die Hündin mit ihren acht Jungen sich bei ihm einstellte. Der Hund mußte hiernach *fünfzehnmal* die Saale durchschwommen haben, um seine Lieblinge nach Hause zu bringen -- abgesehen von dem dabei zurückgelegten Landweg.

Solche Fälle wie der eben geschilderte sind sehr häufig vorgekommen. Auch Katzenmütter haben Aehnliches geleistet.

Einen reizenden Anblick gewährt es, eine Katzenmutter inmitten des Kreises der Ihrigen zu beobachten. Keine Menschenmutter, schreibt ein bekannter Naturforscher, kann mit größerer Zärtlichkeit und Hingebung der Pflege ihrer Kinderchen sich widmen als die Katze. In jeder Bewegung, in jedem Laute der Stimme, in dem ganzen Gebaren gibt sich Innigkeit, Sorgsamkeit, Liebe und Rücksichtnahme nicht allein auf die Bedürfnisse, sondern auch auf die Wünsche der Kinderchen kund. Solange diese klein und unbehilflich sind, beschäftigt sich die Alte hauptsächlich nur mit ihrer Ernährung und Reinigung. Behutsam nähert sie sich dem Lager, vorsichtig setzt sie ihre Füße zwischen die krabbelnde Gesellschaft, leckend holt sie eines der Kätzchen nach dem anderen herbei, um es an das Gesäuge zu bringen, ununterbrochen bestrebt sie sich, jedes Härchen glatt zu legen, Augen und Ohren, selbst den After reinzuhalten. Noch äußert sich ihre Liebe ohne Laute: sie liegt stumm neben den Kleinen, spinnt höchstens dann und wann, gleichsam um sich die Zeit, welche sie den Kinderchen widmen muß, zu kürzen. Scheint es ihr nötig zu sein, das Lager zu wechseln, so faßt sie eines der Kätzchen mit zartester Behutsamkeit an dem faltigen Felle der Genickgegend, mehr mit den Lippen als mit den scharfen Zähnen zugreifend, und trägt es, ohne daß ihm auch nur Unbehagen erwächst, einem ihr sicherer dünkenden Orte zu, die Geschwister eilig nachholend. Ist sie sich der Freundlichkeit ihres Herrn bewußt, so läßt sie es gern geschehen, wenn dieser sie bei solcher Umlegung der Jungen unterstützt, fügt sich seinem Ermessen oder geht, bittend miauend, ihm voraus, um das ihr erwünschte Plätzchen zu zeigen. Die Jungen wachsen heran, und die Mutter ändert im vollsten Einklange mit dem fortschreitenden Wachstume allgemach ihr Benehmen gegen sie. Sobald die Aeuglein der Kleinen sich geöffnet haben, beginnt der Unterricht. Noch starren diese Aeuglein blöde ins Weite; bald aber richten sie sich entschieden auf einen Gegenstand: die ernährende Mutter. Sie beginnt jetzt, mit ihren Sprößlingen zu reden. Ihre sonst nicht eben angenehm ins Ohr fallende Stimme gewinnt einen Wohlklang, welchen man ihr nie zugetraut hätte; das »Miau« verwandelt sich in ein »Mie«, in welchem alle Zärtlichkeit, alle Hingebung, alle Liebe einer Mutter liegt; aus dem sonst Zufriedenheit und Wohlbehagen oder auch Bitte ausdrückenden »Murr« wird ein Laut, so sanft, so sprechend, daß man ihn verstehen muß als den Ausdruck der innigsten Herzensliebe zu der Kinderschar. Bald auch lernt diese begreifen, was der sanfte Anruf sagen will: sie lauscht, sie achtet auf denselben und kommt schwerfällig, mehr humpelnd als gehend, herbeigekrochen, wenn die Mutter ihn vernehmen läßt. Die ungefügen Glieder werden gelenker, Muskeln, Sehnen und Knochen fügen sich allgemach dem erwachenden und rasch erstarkenden Willen: ein dritter Abschnitt des Kinderlebens, die Spielzeit der Katze, beginnt. Diese Spielseligkeit der Katze macht sich schon in frühester Jugend bemerklich, und die Alte tut ihrerseits alles, sie zu unterstützen. Sie wird zum Kinde mit den Kindern, aus Liebe zu ihnen, genau ebenso, wie die Menschenmutter sich herbeiläßt, mit ihren Sprößlingen zu tändeln. Mit scheinbarem Ernst sitzt sie mitten unter den Kätzchen, bewegt aber bedeutsam den Schwanz. Die Kleinen verstehen zwar diese Sprache ohne Worte noch nicht, werden aber gereizt durch die Bewegung. Ihre Aeuglein gewinnen Ausdruck, ihre Ohren strecken sich. Plump täppisch häkelt das eine und andere nach der sich bewegenden Schwanzspitze; dieses kommt von vorn, jenes von hinten herbei, eines versucht über den Rücken wegzuklettern und schlägt einen Purzelbaum, ein anderes hat eine Bewegung der Ohren der Mutter erspäht und macht sich damit zu schaffen, ein fünftes liegt noch unachtsam am Gesäuge. Die gefällige Alte läßt, mit mancher Menschenmutter zu empfehlender Seelenruhe, alles über sich ergehen. Kein Laut des Unwillens, höchstens gemütliches Spinnen macht sich hörbar. Solange noch eines der Jungen saugt, wird es verständnisvoll bevorzugt; sobald aber auch dieses sich genügt hat, sucht sie selbst die kindischen Possen, zu denen bisher nur die sich bewegende Schwanzspitze aufforderte, nach Kräften zu unterstützen. Bald liegt sie auf dem Rücken und spielt mit Vorder- und Hinterfüßen, die Jungen wie Fangbälle umherwerfend; bald sitzt sie mitten unter der sich balgenden Gesellschaft, stürzt mit einem Tatzenschlage das eine Junge um, häkelt das andere zu sich heran und lehrt durch unfehlbare Griffe der trotz aller Unruhe achtsamen Kinderschar sachgemäßen Gebrauch der krallenbewehrten Pranken; bald wieder erhebt sie sich, rennt eiligen Laufes eine Strecke weit weg und lockt dadurch das Völkchen nach sich, offenbar in der Absicht, ihm Gelenkigkeit und Behendigkeit beizubringen. Nach wenigen Lehrstunden haben die Kätzchen überraschende Fortschritte gemacht. Von ihren gespreizten Stellungen, ihrem wankenden Gange, ihren täppischen Bewegungen ist wenig mehr zu bemerken. Im Häkeln mit den Pfötchen, im Fangen sich bewegender Gegenstände bekunden sie bereits merkliches Geschick. Nur das Klettern verursacht noch Mühe, wird jedoch in fortgesetztem Spiele binnen kurzem ebenfalls erlernt. Nunmehr scheint der Alten die Zeit gekommen zu sein, auch das in den Kinderchen noch schlummernde Raubtier zu wecken. Anstatt des Spielzeuges, zu welchem jeder leicht bewegliche Gegenstand dienen muß, anstatt der Steinchen, Kugeln, Wollflecken, Papierfetzen und dergleichen, bringt sie eine von ihr gefangene, noch lebende und möglich wenig verletzte Maus oder ein erbeutetes, mit derselben Vorsicht behandeltes Vögelchen, nötigenfalls eine Heuschrecke in das Kinderzimmer. Allgemeines Erstaunen der kleinen Gesellschaft, doch nur einen Augenblick. Bald regt sich die Spiellust mächtig, kurz darauf auch die Raublust. Solcher Gegenstand ist denn doch zu verlockend für das bereits wohlgeübte Raubzeug. Er bewegt sich nicht bloß, sondern leistet auch Widerstand. Hier muß derb zugegriffen und festgehalten werden; soviel ergibt sich schon bei den ersten Versuchen, denn die Maus entschlüpfte dem jungen Kätzchen, das sie doch sicher gefaßt zu haben vermeinte, überraschend schnell und konnte nur durch die achtsame Mutter an ihrer Flucht gehindert werden. Der nächste Fangversuch fällt schon besser aus, bringt aber einen empfindlichen Biß ein: Miezchen schüttelt bedenklich das verletzte Pfötchen. Doch schon hat Hänschen die Unbill gerächt und den Nager so fest gepackt, daß kein Entrinnen mehr möglich ist. So bildet sich das Kätzchen allmählich zur vollendeten Mäusefängerin heraus.

Zu der vorstehenden naturwahren Schilderung möchte ich bemerken, daß es ganz irrig wäre, den Unterricht der Menschen und den der Tiere gleichzustellen. Der Unterricht bei den Tieren hat immer Erfolg. Er kann auch ganz fehlen und bezweckt demnach nur eine Beschleunigung des Lernens. Von dem Unterricht der Menschen läßt sich nicht das gleiche behaupten. Unser Unterricht steht vielmehr der Dressur der Tiere gleich, die häufig genug erfolglos ist.

43. Die Feinde der Katze.

Wie uns Fräulein Bachmann erzählt, hat ihr Hans wiederholentlich Kämpfe mit Hunden ausgefochten. Namentlich ist es zu Zusammenstößen gekommen, wenn sie ihn nach dem Kohlenplatz brachte. Einmal habe sie rettend eingreifen und ihren Liebling flink in einen Korb stecken müssen. Sonst aber habe er sich seinen Gegnern überlegen gezeigt.

Außer den Hunden hat die Katze in allen Hundeartigen Feinde. Der Wolf zerreißt sie sicherlich, denn der viel schwächere Fuchs macht Jagd auf Katzen. Erfahrene Förster haben mir immer wieder versichert, daß man eine Fuchsfalle mit keinem besseren Leckerbissen versehen könne als mit einem Stück Katzenfleisch. Zwei Füchse überwältigen jede Katze, wenn sie sich nicht schnell auf einen Baum rettet. Die einzelne Katze ist vor dem Fuchs nur sicher, wenn sie sehr stark ist.

Noch schlimmere Feinde drohen der Katze in ihrer eigenen Verwandtschaft. Wie der starke Wolf nicht der Freund des Fuchses ist, sondern ihn verzehrt, wenn er ihn packen kann, so sind die größeren Katzenarten die gefährlichsten Feinde der kleineren. Ein Naturforscher, der einen gezähmten Luchs besaß, berichtet, daß er gegen nichts größeren Haß besaß als gegen Hauskatzen. Alle auf seinem Besitztum befindlichen Katzen wurden von ihm zerrissen, ebenso die Katzen in der Nachbarschaft.