Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten

Part 10

Chapter 103,696 wordsPublic domain

Sieht man, mit welcher Sorgfalt die Katze ihr Fell leckt, so scheint es doch wahrscheinlicher zu sein, daß die Katze, da sie Regen wie überhaupt Wasser meidet, das Fell wenigstens zu kämmen sucht. Die Stacheln würden hiernach als Ersatz für einen Kamm dienen. Gerade die Katzen in kalten Ländern brauchen einen reichlichen Haarwuchs, und dieser muß, wenn schon das Wasser von ihm ferngehalten wird, in irgendeiner Weise in Ordnung gehalten werden.

Nach unseren Begriffen kann uns das Belecken der Pfote, um damit die Haut zu bearbeiten, wie es August macht, sehr wenig gefallen. Aber wir müssen natürlich die Tiere mit einem anderen Maßstab messen als den Menschen. Wir tauchen unsere Hand in eine Schüssel Wasser und reinigen die beschmutzte Stelle oder wir nehmen zu diesem Zwecke einen Schwamm. Der Katze fehlen diese Dinge, und daher wählt sie ihre Zunge als Ersatz.

So halten auch Hundemütter und Katzenmütter ihre Jungen durch Belecken sauber. Was würde es für Umstände machen, wenn ein Hund oder eine Katze für jedes Junge -- es sollen nur sechs angenommen werden -- ein besonderes Bad anrichtete?

Die Zunge hat also, wie wir sahen, bei den Tieren, namentlich bei Hunden und Katzen eine ganz andere Bedeutung wie beim Menschen. Sie ersetzt dem Tier häufig die Hand. Wenn ein Hund uns seinen Dank ausdrücken will, so kann er uns nicht die Hand geben, weil er keine hat, sondern sucht uns die Hand zu belecken.

36. Das Vorgefühl der Tiere für kommendes Wetter.

Da wir gesehen haben, wie sorgfältig August sein Fell in Ordnung gebracht hat, so wollen wir bei dieser Gelegenheit etwas näher auf den Volksglauben eingehen, wonach Besuch zu erwarten ist, wenn die Katze sich putzt.

Es ist natürlich sehr bequem zu sagen: Das ist ja fürchterlicher Unsinn. Wie kann ein aufgeklärter Mensch so etwas glauben?

So einfach liegt die Sache nicht. Ich will hier erzählen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.

Auf einem Jagdrevier gab es eine Unmenge wildernder Katzen, die großen Schaden anrichteten. Der Jagdaufseher, der ein hervorragender Schütze war, gab sich alle Mühe, ihre Anzahl zu verringern.

Das ist aber nicht leicht auszuführen. Die Katze merkt sehr bald, daß man ihr nachstellt, und als nächtliches Tier geht sie dann nur in der Dunkelheit auf Raub aus. Was nützt dem vortrefflichsten Schützen seine Kunst? Um zu treffen, muß man sehen können, und in der Dunkelheit ist nichts zu sehen.

Diese Verhältnisse waren mir genau bekannt. Ich war daher aufs äußerste erstaunt, als ich am hellen Nachmittage etwa gegen 4 Uhr erst eine und dann später noch zwei andere Katzen aus dem Dorfe wandern sah, um ihrer Jagdlust zu frönen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt.

Mir ging die Sache nicht aus dem Kopfe, und ich grübelte darüber nach, was wohl die Katzen veranlaßt haben mochte, sich einer so augenscheinlichen Gefahr auszusetzen. Es war ein wunderschöner Tag, und kein Wölkchen am Himmel sichtbar. Gegen Abend änderte sich plötzlich das Bild. Es zog ein schweres Gewitter auf, und in der Nacht regnete es in Strömen.

Jetzt wurde mir das Verhalten der Katzen klar. Sie hatten den Wetterumschlag bereits gefühlt und, da sie bei Regen nicht auf Jagd ausgehen, sich entschlossen, sich lieber am hellen Tage der Gefahr auszusetzen, als auf die Jagd zu verzichten. Aehnliche Fälle habe ich noch mehrfach erlebt, so daß für mich kein Zweifel besteht, daß manche Tiere ein Vorgefühl für einen Wetterumschlag besitzen, der dem Durchschnittsmenschen abgeht.

Ein solches Vorgefühl treffen wir namentlich bei den Tieren an, denen das bevorstehende Wetter gesundheitlichen oder sonstigen Schaden bringen kann. So ist es bekannt, daß, wenn Kaninchen am Tage eifrig auf Nahrungssuche ausgehen, baldiger Regen zu vermuten ist. Denn auch das Kaninchen ist sonst ein nächtliches Tier. Ferner ist es wie die Katze empfindlich gegen Regen.

Ein besonders feines Vorgefühl finden wir bei den Vögeln, namentlich den Raubvögeln. Für den Raubvogel ist es eine Lebensfrage, rechtzeitig den eintretenden Wetterumschlag zu kennen, denn mit Flügeln, die mit Wasser beschwert sind, kann er nichts fangen, auch sind dann wenige Friedvögel zu erblicken. Es ist daher kein Wunder, daß es im Altertum, wo man die Tiere weit eifriger beobachtete als zu unseren Zeiten, eine besondere Kaste der Vogelflugdeuter, die sogenannten Auguren, gab.

Die an sich ganz richtige Beobachtung, daß gewisse Tiere einen Wetterumschlag im voraus fühlen, ist den Gebildeten dadurch unglaubwürdig geworden, weil man durch ganz haltlose Zusätze den wahren Kern verdunkelt hat. Nebenbei bemerkt wollen Leute, die an Migräne und ähnlichen Krankheiten leiden, einen solchen Wetterumschlag ebenfalls im voraus empfinden.

*Das Vorgefühl kann sich natürlich nur auf die nächsten vierundzwanzig Stunden erstrecken.* Es ist daher geradezu albern, wenn man alljährlich in vielen Zeitungen lesen kann: Da die Zugvögel uns sehr zeitig verlassen, so steht uns ein strenger Winter bevor. Oder das Bevorstehen von starkem Frost wird damit begründet, daß die Bienen ihre Wohnung besonders stark gegen Kälte abschließen.

Noch größer aber war die Torheit, daß man bei vielen Völkern den Schluß zog: Wenn das Tier weiß, wie das zukünftige Wetter ausschaut, so kann es überhaupt in die Zukunft sehen. Ehe man etwas Wichtiges unternahm, schaute man daher auf die Vögel, ob sie sich dem Unternehmen durch ihr Benehmen günstig oder ungünstig erwiesen.

Diesen Schluß hat man auch für das Benehmen der Katze gezogen, was natürlich Aberglauben ist. Wahr dagegen ist folgendes:

Die Katze fühlt voraus, daß für die nächsten vierundzwanzig Stunden das Wetter schön bleibt oder wenigstens kein Regen eintritt. Sie beabsichtigt daher, einen Ausflug zu machen und putzt sich daher vorher zu diesem Zwecke. Tatsächlich bleibt das Wetter an diesem Tage schön, und die in der Nähe wohnenden Lehmanns sagen daher: »Bei dem schönen Wetter wollen wir heute Schulzes besuchen.« Diesen Schulzes gehört die sich putzende Katze. Beim Eintritt der Familie Lehmann sagen sie: »Wir wußten, daß heute Besuch kommt, denn unsere Mieze hat sich so sorgfältig geputzt.« Richtig wäre es, wenn Schulzes sagten: »Unsere Mieze hat sich heute sorgfältig geputzt und ist in die Felder gegangen. Da Katzen aus Furcht vor Regen nur dann einen größeren Ausflug machen, wenn das Wetter in den nächsten Stunden schön bleibt, so war das also vorläufig anzunehmen. Bei schönem Wetter kommt leicht Besuch. Daher wundern wir uns nicht, daß ihr uns heute besucht!« Ein Kern von Berechtigung ist also in dem alten Glauben enthalten. Natürlich hätten Schulzes auch auf das Benehmen anderer Tiere hinweisen können. Wenn Bienen schwärmen oder Spinnen ihr Netz erneuern, kann man ebenfalls annehmen, daß vorläufig das Wetter schön bleibt.

Bei dem feinen Gefühl der Katze ist es sehr wahrscheinlich, daß sie die einem Erdbeben voraufgehenden schwächeren Stöße, die uns Menschen entgehen, wahrnimmt und Todesangst bekundet. In Italien hat man ja reichlich Erfahrungen mit Erdbeben. Dabei wird häufig erwähnt, daß Katzen -- auch Hunde -- bereits vorher mit allen Zeichen der Angst die Häuser verließen.

37. Der Haß des Hundes gegen die Katze. Warum macht die Katze einen Buckel? Ist sie tapfer?

Wir hatten beobachtet, daß der Spitz Peter zu den Katzenfeinden gehört, aber von August nicht für voll angesehen wurde. Sie machte kaum einen Buckel. Wir fragen uns zunächst, woher der fast allgemeine Haß der Hunde gegen die Katzen stammt.

In der Tierwelt sind Abneigungen und Zuneigungen verschiedener Tierarten durchaus keine Seltenheit. Der Jäger benutzt den Uhu, unsere größte Eule, dazu, um damit die Krähen anzulocken. Sie sind sehr vorsichtig, aber in ihrem Haß gegen die Eule sind sie fast blind und können leicht geschossen werden. Auch Rinder haben, wie wir später sehen werden, eine ausgesprochene Abneigung gegen Hunde, ebenso Schweine.

Die Wut der Krähen ist begreiflich, denn in der Nacht geht der Uhu auf Raub aus und frißt mit Vorliebe Krähen. Merkwürdigerweise haben aber die schwarzen Vögel auch großen Haß gegen kleine Eulen, die ihnen selbst in der Nacht nicht das Geringste zuleide tun.

Hieraus erkennen wir deutlich, daß Tiere nicht nur ihre Feinde hassen, sondern auch die Verwandten ihrer Feinde. Genau so schreibt bei vielen Völkern die Blutrache vor, nicht nur den Feind, sondern auch seine Verwandten zu töten. Schweine und auch Rinder hassen ebenfalls den Hund nur seiner Verwandten wegen. Er selbst hat ihnen nichts getan, aber sein Vetter Wolf ist ihr schlimmster Feind.

Hat nun die Katze Verwandte, die dem Hunde gefährlich werden? Gewiß, Leopard und Jaguar sind die schlimmsten Hundefeinde. Kein Deutscher kann in Afrika sich längere Zeit einen deutschen Hund halten, denn es dauert nicht lange, und der Leopard raubt ihn.

In Deutschland war der jetzt ausgerottete Luchs, der wie eine große Wildkatze aussieht, ein großer Hundefeind. Ein deutscher Forstbeamter berichtete vor dem Kriege aus Rußland, daß sein prächtiger Jagdhund von einem Luchs überfallen und jämmerlich zerrissen wurde.

Der Hund haßt also die Katze genau wie die Krähen die kleinen Eulen. Die Katze hat ihm nichts getan, aber die großen Katzen sind seine gefährlichsten Feinde, genau wie die kleinen Eulen die Krähen in Ruhe lassen, dagegen der Uhu besonderes Verlangen nach Krähenfleisch besitzt.

Scheint einer Katze ein Hund bedenklich, so macht sie einen Buckel, faucht und hebt eine Pranke hoch. Fauchen, ebenso Speien als Vorboten der Abwehr sind verständlich, ebenso das Hochheben der Pranke, um sofort bereit zu sein, dem Gegner eins auszuwischen. Aber wozu soll der Buckel nützen?

Der große Naturforscher Darwin sieht den Zweck dieses Buckels darin, daß die Katze ihrem Feinde dadurch größer und so auch gefährlicher erscheinen soll. Da alle Hundeartigen (Kaniden) mit Vorliebe Tiere angreifen, die viel größer sind als sie selbst -- z. B. Wölfe ein Pferd, einen Hirsch usw. -- so kann der Buckel keinen Eindruck auf den Gegner machen, zumal er von den schwachen Augen des Gegners kaum wahrgenommen wird.

Vielmehr dürfte die Katze deshalb einen Buckel machen, um ihre schwächste Stelle zu schützen. Ein Hund, der Erfahrungen im Würgen von Katzen besitzt, packt die Katze stets am Nacken. Das weiß die Katze sehr wohl, daß der Nacken ihr gefährdetster Körperteil ist, und deshalb macht sie zu seinem Schutz einen Buckel. Deshalb flüchtet auch eine Katze nur in den seltensten Fällen. Sie weiß, daß ihr Feind sie in Kürze einholt und beim Nacken packt. Also kämpft sie lieber bis zum äußersten gegen den größten Hund. Sind mehrere Hunde vorhanden, so wirft sie sich auf den Rücken und kämpft mit allen vier Pranken.

Wir ersehen daraus, daß der Mut der Katze in Wirklichkeit nicht so außerordentlich ist, wie es den Anschein hat. Sie hat gar keine andere Wahl als mutig zu sein. Ferner fällt uns auf, daß die Katze im Kampfe gegen den Hund sich auf ihre Pranken, fast niemals auf ihr Gebiß verläßt. Blitzschnell schlägt sie mit den Pranken, namentlich nach der Nase, die, wie wir wissen, höchst empfindlich ist. Mit ihrem kleinen Gebiß könnte sie gegen den großen Rachen des Hundes wenig ausrichten.

Unter den Hunden gibt es Draufgänger, die durch Wunden nur noch wütender werden. Solchen geht auch eine starke Katze aus dem Wege, während sie weiß, daß die große Mehrzahl ihrer Feinde nur blafft, aber sich ihren Prankenhieben nicht aussetzt.

Zu den Draufgängern unter den Hunden gehören Dachshunde, Terriers, insbesondere Bullterriers, Bulldoggen und überhaupt manche Doggen, sowie zahlreiche rasselose Dorfhunde. Den Hund ganz allgemein als feige zu bezeichnen, dürfte irrig sein.

Die Kraft der Katze erkennt man daran, daß sie einen schweren Hasen über einen Zaun schleppen kann.

38. Warum begleitet die Katze ihren Herrn nicht wie ein Hund? Warum geht sie nicht mit ihm auf die Jagd?

Die Frage, warum August seine Herrin, die er so gern hat, nicht beim Einholen begleitet hat, wie es doch alle Hunde so gern tun, will ich dadurch beantworten, daß ich von meinem Erlebnis mit dem »Katzenmann« erzähle.

Vor dem Kriege konnte man in Berlin in der Nähe der Potsdamer Brücke häufig einen Herrn sehen, der mit einer Katze spazieren ging und deshalb Katzenmann genannt wurde. Ich habe ihn oft getroffen, hatte aber jedesmal wichtige Dinge eiligst zu erledigen, so daß ich seine Bekanntschaft nicht machen konnte. Endlich traf ich ihn in einer vegetarischen Speiseanstalt, wo er häufiger Mittagsgast war. Ich habe mich mit ihm bekanntgemacht und mich nach seinen Katzen und seinen Erfahrungen, die er mit ihnen gemacht hat, erkundigt.

Seine Augen glänzten, als er mir von seinen Lieblingen erzählte. Selbstverständlich besaßen sie alle hervorragende Eigenschaften.

Ich freue mich sehr, wenn ich einen wirklichen Tierfreund kennen lerne. Aber man darf doch nicht alles bei den Tieren nur in rosarotem Lichte erblicken.

Ich habe den Katzenmann mehrfach heimlich beobachtet und wurde in meiner Ansicht bestärkt, daß selbst der größte Katzenfreund es niemals durchsetzen wird, mit einer Katze genau wie mit einem Hunde spazieren zu gehen. Der Katzenmann hatte seine Katze an einer Strippe. Das war natürlich nötig, weil ihm sonst die Katze einfach fortgeklettert wäre. So suchte sie nun das Klettern im Bereiche der Strippe auszuüben. Die Katze die Treppe hinunterzubringen, war ein wahres Kunststück, was lange Zeit in Anspruch nahm. Auf der Straße verbarg sich das Tier hinter jedem geeigneten Gegenstand, namentlich hinter jedem Kellerhals. Mit großer Mühe konnte sie erst jedesmal von ihrem Herrn losgebracht werden. So nahm die kleine Strecke von der Potsdamer Brücke bis zur Matthäikirchstraße wohl eine halbe Stunde in Anspruch. Hinter der Kirche steht auf der Rasenfläche ein Gebüsch. Hierhinein verkroch sich die Katze und konnte trotz aller Anstrengungen ihres Herrn nicht wieder herausgebracht werden. Ich habe sehr lange Zeit gewartet, mußte aber schließlich gehen, um übernommene Verpflichtungen zu erfüllen. Jedenfalls war ich mir klar darüber, daß das Spazierengehen mit Katzen nur für solche Leute in Betracht kommt, die furchtbar viel Zeit übrig haben. Denn es ist stets eine Reise mit Hindernissen.

Viel schlimmer aber ist es, daß der Katzenfreund glaubt, seinem Lieblinge eine große Freude zu bereiten, während es in Wirklichkeit schon an Tierquälerei grenzt.

Die Katze fühlt sich nur dort wohl, wo sie sich durch Klettern vor den ihr drohenden Gefahren schützen kann. Wenn auch die meisten Großstadthunde keinen ernstlichen Kampf mit einer starken Katze wagen, so gibt es auch hier Ausnahmen. Die Katze, die der Katzenmann bei sich führte, war nun noch ein junges, und eher schwächliches als kräftiges Tier. Es war daher kein Wunder, daß sie sich auf der Straße vor Hunden fürchtete. Jede Katze hat den natürlichen Wunsch, ihre schwache Seite, den Nacken mit dem Rücken, zu schützen, und stellt sich ihrem Feinde stets so, daß der Rücken gedeckt ist. Deshalb flüchtete sie hinter jeden Kellerhals. Viel willkommener war ihr natürlich noch das hohe Gebüsch. Hier hätte ihr kein Hund etwas anhaben können. Deshalb wollte sie durchaus nicht davon fort. Vielleicht ließ sich auch noch dort ein Vögelchen fangen. Es war da ein Grund mehr, sich von dem Gebüsch nicht zu trennen.

»Warum hat aber die Katze Furcht? Ihr Herr steht ihr doch zur Seite?« wird mancher fragen. Wer Katzen kennt, stellt diese Frage nicht. Ein Tier, das seit Urzeiten selbständig handelt, kann sich gar nicht in die Lage versetzen, auf Schutz und Beistand eines anderen zu rechnen. Das tut wohl der Hund, aber nicht deswegen, weil er klüger ist, sondern weil er den Schutz durch seine Artgenossen als ein in Rudeln lebendes Geschöpf für selbstverständlich hält.

Will man eine Katze durchaus im Freien bei sich haben, so soll man sie auf seine Schulter setzen, wo Katzen überhaupt furchtbar gern sitzen. Freiwillig wird uns eine Katze nur begleiten, wo sie jederzeit eine Zuflucht hat, also im Walde, an Zäunen, Gebüschen und anderen Deckungen entlang.

Es gibt verwilderte Katzen, die so stark sind, daß sie sich vor keinem Hunde fürchten. Diese denken aber nicht daran, den Menschen bei seinen Ausflügen zu begleiten.

Hiervon abgesehen will die Katze das selbst dann nicht tun, wenn er auf die Jagd geht, während Hunde dann vor Freude außer Rand und Band sind. Wir sind der Katze zu laut, zu tolpatschig und reden zu viel. Bedenken wir, wie lautlos die Katze auftritt, welche federnde Bewegungen sie besitzt und wie schweigsam sie sich verhält, so können wir ihr nicht Unrecht geben.

39. Warum fällt die Katze immer auf die Füße? Warum leuchten ihre Augen?

Wir wollen jetzt von August, dem Kater im Kohlenkeller, Abschied nehmen und ein befreundetes Katzenfräulein aufsuchen, um die Eigenarten der Katze weiter zu beobachten. Fräulein Bachmann -- das ist der Name des Katzenfräuleins -- ist wie der »Katzenmann« eine große Tierfreundin und namentlich eine Verehrerin von Katzen. Selbst jetzt in den schlechten Zeiten hat sie sich von ihrem Kater Hans nicht trennen können. Allerdings muß jetzt Hans ebenfalls arbeiten, was aber kein Nachteil für ihn ist -- im Gegenteil, ihm außerordentlich gut bekommt. In der Nachbarschaft ist nämlich ein Holz- und Kohlenplatz. Dort wird Hans abends hingebracht, damit er während der Nachtzeit Mäuse fängt.

Fräulein Bachmann, der bei ihrer auffallenden Rüstigkeit niemand ansieht, daß sie bald 60 Jahre alt wird, stellt uns das Wundertier Hans vor, und wir müssen zunächst geduldig und in Ergebenheit alle seine ans Märchenhafte grenzenden hervorragenden Eigenschaften mit anhören. Natürlich ist er von vorbildlicher Reinlichkeit, und alles an ihm ist schön.

Wir können auf Hans keinen abstoßenden Eindruck gemacht haben, denn nach nicht langer Zeit beginnt er, während er bequem auf dem Schoße seiner Herrin liegt, behaglich zu schnurren.

Dieses Schnurren entsteht nach den Angaben naturgeschichtlicher Werke durch Falten im Kehlkopf.

Der Zweck des Schnurrens wäre nicht zu verstehen, wenn die Katzen ständig allein lebten. Aber auch sie haben Zeiten, wo sie paarweise hausen. Dann ist es wichtig, daß der andere Teil weiß, sein Genosse ist in guter Stimmung. An den Mienen des regungslosen Gesichts kann er es nicht ablesen. Noch wichtiger aber ist das Schnurren für die Katze als Mutter. Sie deutet damit ihren Kindern an: Seid unbesorgt -- es droht keine Gefahr! Da bei den größten Katzen von einer solchen Gefahr keine Rede sein kann, so schnurren Löwe und Tiger wahrscheinlich aus diesem Grunde nicht.

Besonders auffallend ist es, daß die Katze uns Fremde in keiner Weise beschnuppert oder zu beschnuppern versucht hat, wie es doch die beiden Hunde von Herrn Böhm, Karo und Hektor, getan haben. Hieraus sieht man wieder, daß die Katze im Gegensatz zum Hunde ein Augentier ist. Wie der Mensch es nicht nötig hat, einen Fremden erst zu beriechen, so verzichtet auch die Katze darauf. Bei dem Hunde mit seinem schwachen Gesicht ist es etwas anderes.

Sehen wir unsere eigene Katze im Freien, so brauchen wir ihr nicht zu pfeifen, denn gewöhnlich hat sie uns bereits bemerkt. Dem Hunde dagegen muß man pfeifen, weil er bei seinem schwachen Gesicht seinen Herrn aus einiger Entfernung nicht erkennen kann. Auch ergibt sich das schlechte Sehvermögen des Hundes daraus, daß er seinen verlorenen Herrn meistens mit der Nase sucht. Das tut eine Katze niemals.

Unsere Bitte, den Kater einmal aus der Rückenlage fallen zu lassen, um aus eigener Wahrnehmung die allbekannte Erscheinung festzustellen, daß Katzen stets auf die Füße fallen, stößt zunächst bei Fräulein Bachmann auf heftigen Widerstand. Sie hält das geradezu für eine Tierquälerei und eine Versündigung an ihrem Liebling. Erst als ich es für ganz selbstverständlich erkläre, daß der Versuch auf dem Sopha gemacht werden soll, so daß Hans schlimmstenfalls ganz weich fällt, läßt der Widerstand von Fräulein Bachmann nach. Um zum Ziele zu gelangen, lasse ich durchblicken, daß wahrscheinlich der Versuch, wenn er geglückt ist, photographiert werden soll. Der Gedanke, daß sie und ihr Liebling für immer der Nachwelt in einer so wichtigen Angelegenheit erhalten bleiben sollen, läßt schließlich jedes Bedenken schwinden.

Wie ich es an meinen eigenen Katzen oft erprobt habe, so geschieht es auch hier. Die auf dem Rücken liegende Katze, die das Fräulein auf dem Arm hält, wird plötzlich losgelassen. Mit der größten Seelenruhe sieht man sie gleich darauf auf dem Sopha auf den Füßen stehen. Das alles geschieht so schnell, daß man den Vorgang nicht in seinen Einzelheiten mit den Augen verfolgen kann, selbst wenn man ihn mehrfach wiederholen läßt. Belehrender sind daher die Momentaufnahmen. Auf ihnen sieht man, wie die Katze es versteht, durch Einziehen des Kopfes und der Vorderbeine und seitliche Krümmung des Rückgrates ihren Schwerpunkt nach hinten zu verlegen und dann durch verschiedenartige Beugung der Beine die Drehung nach der einen oder anderen Seite zuerst vorn, dann hinten zu bewerkstelligen.

Die Beobachtung dieser Fähigkeit der Katze ist sehr alt, denn es gibt das Sprichwort: Katzen und Herren fallen immer auf die Füße.

Ein Irrtum dürfte es sein, daß die Katze mit dieser Fähigkeit ganz einzig in der Tierwelt dasteht. Noch niemals hat man einen totgefallenen Affen, Marder, Eichhörnchen u. dgl. gefunden, so daß also wahrscheinlich alle Baumkletterer bei einem Absturze, wie die Katze, auf die Füße fallen. Aehnlich liegt die Sache mit der Schwindelfreiheit der Gebirgstiere. Steinböcke, Wildziegen, Gemsen und andere Bewohner des Gebirges können in die schrecklichsten Tiefen sehen, ohne daß sie es rührt, während wir Menschen leicht vom Schwindel gepackt werden.

Jetzt soll Hans in einen dunklen Raum gebracht werden, damit wir seine Augen leuchten sehen. Augenblicklich sind bei ziemlich heller Beleuchtung seine Pupillen bis auf einen Spalt zusammengezogen, so daß fast die ganze gelbe Iris oder Regenbogenhaut sichtbar ist. Das Augenleuchten ist übrigens nicht nur eine Eigentümlichkeit der Katzen, sondern auch anderer Tiere, der Hunde, Pferde, Kühe usw. Es beruht zum Teil auf dem feineren Bau des Auges, zum Teil auf dem im Hintergrunde des Auges befindlichen _tapetum lucidum_, d. h. Stellen, welche die Fähigkeit besitzen, stark Licht zurückzuwerfen. Die Augen leuchten, sobald sie in der Dunkelheit von einem Lichtstrahl getroffen werden.

Leider befindet sich in der Wohnung keine ganz dunkle Kammer. Wir müssen uns damit begnügen, daß Hans von seiner Herrin in den dunklen Korridor gebracht wird. Hier kann man sich deutlich davon überzeugen, daß die Augen der Katzen im Dunkeln, wenn gewisse Voraussetzungen fehlen, *nicht* leuchten. Es ist also ein Irrtum, wenn Eulen auf Bildern mit leuchtenden Augen dargestellt sind. Das ist nur der Fall, wenn ein Lichtstrahl in sie hineinfällt, wovon man sich im Zoologischen Garten überzeugen kann.

Der Versuch mit dem Oeffnen der Tür, um durch einen Spalt Licht in Hansens Augen fallen zu lassen, gelingt nur mäßig. Ueberhaupt ist für unsere Zwecke der sehr helle Frühlingstag recht ungünstig. Nur in dem Augenblicke, wo das Licht die Augen trifft, leuchten sie auf.

Das Augenleuchten der Tiere hat den Anlaß zu der höchst wichtigen Entdeckung des Augenspiegels gegeben.

40. Wie fängt die Katze Mäuse? Die Katze als Vogelfeindin.

Ein Rotschwänzchen, das sich auf dem Balkon niedergelassen hat, veranlaßt Hans zu einem sehnsüchtigen Blicke nach dem schmucken Tierchen. Zwar besteht keine Gefahr für den zutraulichen Vogel, denn die Tür ist fest geschlossen. Auch erhält er von seiner Herrin eine ernste Verwarnung. Ob sie helfen wird, muß man allerdings bezweifeln.