Unschuld: Ein modernes Mädchenbuch

Part 4

Chapter 43,957 wordsPublic domain

Ihre verletzte Seele buchstabierte den Augen nach: Schlachtfest. Sie sah das bluttriefende, noch rauchende Fleisch, aus dem der ihm eigentümlich fad-üble Geruch stieg. Da ein Bein, dort der Kopf, enthäutet, noch mit den Augen darin. Das hatte noch vor wenigen Stunden gelebt. Darin pulsierte fröhlich das Blut, welches nun zerronnen am Fleisch klebte. Auch das ist unter Qual dem Leben gegeben worden, dachte sie. Dann: „Wie können Mütter sich von Getötetem nähren? Frauen muß alles Geborene heilig sein. Der Mann mag das Töten verherrlichen, wir aber wollen das Leben feiern und alles Geborene ehren und schützen. Denn in uns liegt des Lebens Sinn. +Und unser Werk dieser Erde muß Güte sein und wieder Güte und der Güte nie genug+...“

Mädchen und Weib.

(Eine Plauderei.)

+Weib+: Du bist ein Mädchen von heute: unschuldig, aber wissend --

+Mädchen+: ja, alle Mysterien sind mir bekannt, ohne --

+Weib+: daß du dich selbst dabei beschmutzt hättest. Du weißt nur, wie die Sonne am Himmel von der Erde weiß.

+Mädchen+: Ja.

+Weib+: Und was gedenkst du nun zu thun? Wohin zieht dich das Leben?

+Mädchen+: Dir ist’s leicht, du gabst deine Seele hin.

+Weib+ (bitter): Heißt geben empfangen?

+Mädchen+: Nein, allein du konntest jemand etwas geben. Nur Reiche beschenken und wenn du den würdigen für deine Seele fandest...

+Weib+: Wenn! Wenn! Wenn ich ihn aber nicht gefunden hätte? Wenn ich mich getäuscht habe und schnell die zum Geben geöffnete Hand wieder geschlossen hätte?

(Beide schweigend nachdenkend.)

Nach einer längeren Weile das

+Mädchen+: Muß man nicht unglücklich sein, wenn die Schwesterseele nicht zu finden ist?

+Weib+: Du nennst sie Schwesterseele. Nenne sie Allmenschenseele, das wäre besser. Aber deine Augen sagen es mir, du verlangst mehr vom Leben. Die Schwesterseele bin ich dir. Doch du wünschest mehr. Deine hungernden Mädchenaugen verraten das Verlangen nach Glück.

+Mädchen+ (leise): Und Glück ist Liebe.

+Weib+ (traurig): Auch du, die der neuen Generation! Ist dies ein Mangel unserer Gewöhnung oder unserer Erziehung, werden wir alle immer so denken müssen?

+Mädchen+ (seufzt).

+Weib+: Wäre unsere Welt wirklich so eng? Der Mann hat Berge und Bergestiefen, Meer und Meeresgrund, Reiche, Sternenwelten und noch über sie hinaus Sehnsüchte, und wir, wir hätten nur die Liebe? Sind wir so arm?

+Mädchen+: Und er hat noch die weiten Reiche, die er unter dem Mikroskop sieht: Wunder über Wunder, Staunen ohne Ende! Ist das Leben nicht das allerherrlichste Märchen? Da siehst du in ein kleines, dünnes Rohr, nicht größer als dein Auge und drinnen, dahinter liegen plötzlich Welten, Reiche von Ungekanntem ... Und immer neues, immer wieder!

+Weib+: Wir aber, wir hätten nur die Liebe?

+Mädchen+: Der Mann sehnt sich auch nach Liebe.

+Weib+: +Auch!+ Du sagst es. Aber wir sehnen uns +nur+ nach Liebe. Hast du nicht Frauen beobachtet, die einen Beruf haben? Der Mann wird sein Lebensziel ernst nehmen, und Liebe wird ihm das Versüßende sein. Der Frau aber wird die Liebe ernst sein und der Beruf ein Tändelding. Ein Ding, das sie ihrer Erwartung wie eine Schürze vorhängt.

+Mädchen+: Wer lehrte dich so bittere Gedanken? War das Leben so schlimm mit dir?

+Weib+: Ich meine nur so. Es ist keine Bitterkeit darin. Vielleicht habe ich unrecht. Es quält mich nur manchmal in schlaflosen Nächten, das zu finden, was uns wirklich aus unserer inneren Natur heraus angepaßt wäre. Damit wir von dort aus unser Lebensziel fänden. Nicht was wir eben „auch“ leisten könnten, sondern was nur wir zu stande brächten.

+Mädchen+: Und wenn es die Liebe wäre!

+Weib+: Dann müssen wir sie eben zu unserem Lebenszweck erheben. Liebe zu allem Geborenen; zu allen Leidenden, Trostsuchenden. Dann soll es die Liebe sein, mit der wir den Ernst, den Schmerz der andern lindernd durchleuchten.

+Mädchen+: Es ist noch etwas. Ich finde die Worte nicht, aber ich trage es in mir.

+Weib+: Du Einfältig-Süße, die du die Erfahrene lehrst! Auch wir waren nicht ganz arm. Denn in uns liegen, dem Manne unbewußt, der Kräfte viele. Ohne Erworbenes zu sein, ruht es in uns. Und wir liegen, wie die Frucht im Mutterleib, geschützt im Schoße des Alls. Das ist das Uns-Eigene. Warum sollte nur herrlich sein, was der Mann sein Werk nennt.

Kleines Kind.

Die Bäuerin hielt das Kind am Arm und sah dem Horo[1] zu.

Du, sagte zu ihr die junge Stadtfrau: Ist’s ein Bub’ oder ein Mädchen?

Nein! Ein Bube!

Wie alt?

Schon fast zwei Jahre.

Geht er?

Ach nein, noch immer nicht.

Die Stadtfrau sieht sein bleiches Gesichtchen an, welches klagt: noch immer nicht, ich bin ja so krank!

Fidelfideldidilum!

Sieh’ ’mal die dort an, wie sie tanzt, die mit dem goldflittrigen Kleide, das ist meine Tochter!

Aber dein Kleiner?

Ist sie nicht schön und weiß und blühend?

Liebe Stadtfrau, sie trinkt mein Blut, sie saugt am Mark meiner Knochen, für mein Fleisch kauft sie sich Goldflitter und die Mutter hält mich fest dazu, daß ich nicht fortkann.

Das Kleid hat viel gekostet, eine Kuh und ein Kalb.

Frau, dein Kindchen ist blaß.

Und leise in der Seele löst sich’s los und legt sich warm über des Kindes Seele.

Da hebt der Kleine sein schmerzlich-gleichgültiges Gesichtchen.

Der Kopf, den der abgemagerte, unnatürlich helle Hals nicht zu tragen vermochte, lag kraftlos auf der Schulter!

Aber jetzt wurde ihm gut. Und seine klugen, totgezeichneten Augen sahen nach der Stadtfrau.

Die Frau erschauerte.

Aus dem mageren Körper flatterte eine zuckende Seele empor und legte sie mit mildem Schauer um ihr Sein.

Und etwas sprach -- aber nicht mit armen Menschenworten, sondern unendlich schöner, heiliger zu ihr, flog ihr zu wie heißer Dank, wie inniges Verständnis, klagte von frühem Tod und einsamem Sterben. Und noch viel heimlicher tönte es darunter: auch du leidest, auch du!

Die Stadtfrau bebte. Ist’s möglich! Die Vernunft sagt doch nein!

Aber ein Neinsagen ist doch kein Ungeschehenmachen.

Die Augen des Kindes erschlossen sich plötzlich, es blühte ein Glanz darinnen auf, der zu ihr herüberstrahlte.

Endlich hab’ ich dich doch gefunden, mein Teil, mein Sein, meine Seele! Nun kann nichts mehr schaden.

Träume ich? dachte die Frau.

Und ihre Augen versanken in die des Kindes, in Tiefen, Untiefen, Unendlichkeiten.

Wie weit deine Seele ist, dachte sie.

Sieh’ da! sprach die Bäuerin, er lacht, das hat er noch nie gethan.

Wirklich! Ein beredter Glanz lag um das Schweigen seiner Lippen.

Sieh’ zu! Das hat er noch nie gethan!

Und das wird er nie mehr thun.

Die Frau dachte: es ist alles so wunderbar, fast erschrecklich. Er spricht kein Wort, dennoch sagt er bergetiefes Durchschauen. Mir ist mild zu Mute, als hätte ich mein totes Kind wieder.

Allein. Das ist doch nicht möglich! Ich bin ja irr. Es muß etwas anderes sein, etwas Heimliches, das wir noch nicht wissen.

Nun fing es zu dunkeln an. Die Frauen, die kleine Kinder hatten, gingen heim, um sie zu füttern.

Der Leib will auch sein Teil.

Aber die Bäuerin sah, wie ihre Tochter zu der Fiedel sprang.

Frau, sagte die Städterin, er ist müde, führ’ den armen Liebling heim.

Nun ja, werden schon, sieh’ erst meine Tochter an.

Der Kleine stöhnte, aber die Bäuerin hörte nicht. Da stieg in seiner Seele das wilde, rohe, gewaltthätige Tier auf, das der Mensch ist, kämpfend, dürstend, verzweifelnd!

Und er kratzte und biß die Mutter. In seinen Augen lag ein finsterer Haß.

Um mein Leben ring’ ich, ohne los zu können.

Sie mordet mich, die Böse! Leben! Leben! Werden! Erfüllen!

Die Bäuerin lachte: Siehst du den Schlimmen, aber er kann doch nicht los, ich halte ihn fest.

Fest!

Es krallte sich dies bange Wort in der Stadtfrau Seele ein.

Eine wilde Angst stieg aus ihrem Innern zu dem Kleinen:

Kann ich dir nicht helfen, kleiner Liebling? dachte sie. Ich will dich retten. Ich will! Ich will!

Trag’ ihn gleich heim, sagte sie befehlend.

Und dann schwammen Brocken von Gedanken in dem Wogen ihres Innern empor.

Trinkt er genug?

I, woher denn! sagte die Bäuerin. Wir können keine Milch zahlen und unsere Kuh mußten wir verkaufen. Ein Brot in Wasser verrührt thut’s auch.

Ich werde den Bauern Geld geben für Milch.

(Das behalten sie für sich.)

Oder selbst Milch schicken.

(Die trinken sie aus.)

Oder das Kind ihnen abnehmen.

(Das wäre eine Schande im Dorfe, der Ehr’ wegen können sie’s nicht --)

..... oder, oder! Himmel, giebt’s nichts mehr, keinen Ausweg!

Ihr stieg die Röte ins Gesicht. Sie sah den Kleinen an, ein unendlich feines, bedeutungsvolles Lächeln flog traurig über sein Antlitz: keinen.

Aber du thatest mir so wohl, sagte die Sanftmut seines Blickes.

Nun ging die Bäuerin.

Leb’ wohl, ich bin immer bei dir -- lebe wohl, sagte des Kindes Seele.

Die Bäuerin war schon weit. Das Kind hielt den Kopf wie durch helfende Kraft aufrecht und der Stadtfrau zugewandt.

Sein Mund lächelte ihr vielen Dank.

Und dann waren sie ihr weit. Da sank sein Haupt wieder kraftlos auf die Schulter und müde Verzweiflung legte sich in die Furchen um den Mund.

Ferne stand die Stadtfrau, seelenwund und verzweifelnd und sann und sann und rang die Hände gegen den Himmel und wollte, wollte so gerne! -- und -- konnte doch nicht!

[1] Ein Nationaltanz.

Ein Märchen.

Die kleineren Schulmädchen saßen in der Vorpause zusammen. Sie hatten schon alles Mögliche geschwatzt, ihre feinen Kleidchen bewundert und ihre Eltern gerühmt. Was nun?

Da sagte eine: „Else, bitte erzähl uns ein Märchen. Aber wieder eins, das du fandest.“

„Ich erzähle nur die, welche mir selbst einfallen,“ erwiderte diese.

Darauf steckte sie die Spitze des Zeigefingers ein klein wenig in den Mund, machte ein schrecklich nachdenkliches Gesicht und fing an:

Es war einmal ein junger König. Er hatte Augen aus Bernstein. Und drüber lagen goldene Wimpern. Die funkelten wie Blitze.

Er trug goldene Kleider und goldene Schuhe, denn darauf sieht man den Staub nicht so sehr. Und seine Diener fanden auch, daß er so am besten angezogen sei.

Zu ihm kamen die Leute des Landes und brachten ihm ihre Verehrung dar. Der eine sagte: „Du bist herrlich!“ Der andere: „Du bist umsichtig und weise!“ Der dritte: „Du kannst alles. Du bist der Größte und Beste.“

Und der König nickte allen freundlich zu, sah auf sein Kleid und dachte: gut, daß ich meinen goldenen Anzug habe.

Einstmals kam aber ein junges Weib zu ihm, die ehrlich und aufrichtig an seine Weisheit und Größe geglaubt hatte. Und sie meinte, sie müsse ihm das wie ein braves Kind seinem Vater sagen.

Als sie aber vor ihm stand und sah, wie jung und schön er war, wurde sie ganz verlegen und wußte nicht, was sie sprach.

Draußen vor der Thür war einer, die Brust voller Orden. Der hatte ihr die Hofsprache gelehrt. Er sagte ihr: „Mein Kind, du mußt dir unsere feine Rede angewöhnen. Willst du sagen, hier ist’s schmutzig, so rufst du, ei, welche schöne Reinlichkeit! Und gefällt dir was nicht, so mußt du sagen, ich bin mit allem einverstanden. Dann versteht man dich schon.“

Sie wollte auch die Worte des goldgestickten Kleides mit den Orden beherzigen. Denn sie hielt auf feine Manieren.

Aber als sie vor dem jungen König stand, hatte sie alles vergessen.

„Das bist du also!“ entfuhr es ihr.

Und dann schwiegen beide verlegen. Denn eine solche Anrede hatte der König noch nie gehört. Da wußte er nicht, was er antworten sollte.

„Weißt du, jetzt muß ich erst sehen, wie hübsch du es hast,“ sagte sie, und setzte sich auf den Thron.

Da mußte der König lachen, denn nie war ihm so drolliges passiert.

Kaum saß sie aber, als sie schon aufsprang: „Hör mal,“ sagte sie, „da ist ja alles voll Staub.“

Der König wurde verlegen: „Am Golde sieht man es doch nicht,“ entschuldigte er.

„Aber meine Finger fühlten es.“ Da sah er, daß sie zarte, weiße Händchen hatte. Und wie sie sich schüttelte, damit der Staub nicht an ihrem Kleide hängen bliebe, lösten sich ihre dunklen Haare und fielen in lockigen Längen über die Schultern.

Der König rief plötzlich: „Du gefällst mir unbändig!“ Denn er liebte die Kraftausdrücke.

„Du gefällst mir auch,“ sagte sie und bereute gleich, daß sie sich verraten hatte.

„Was hast du mir denn eigentlich zu sagen?“ fragte er.

„Ach, das hab ich nun vergessen. Aber du hast ja braune Augen mit Goldwimpern,“ rief sie erstaunt wie ein Kind, das eine schöne Blume findet. „Das ist ja wie in einem Märchen!“

„Was ist denn das für ein Märchen,“ fragte er neugierig, denn er liebte über alles Geschichten zu hören.

„Das kann ich dir jetzt nicht sagen, es warten so viele andere draußen auf dich.“

„Du hast recht,“ sagte der König. „Du mußt aber wiederkommen.“

„Ach nein,“ meinte sie.

„Du mußt. Ich bin der König und ich beordere Dich zur Audienz.“

„Wann denn?“

„Morgen gleich,“ sagte er und strich sich mit der Hand unter der Nase weg, denn er liebte die einfachen Manieren.

„Gut, morgen!“

„Aber jetzt sag mir noch schnell, wer du bist und was du thust.“

„Ein Weib bin ich und träume. Weißt du, so schöne Träume,“ sagte sie, und wurde rot vor Vergnügen.

„Ach, ach!“ sagte der König, was immer viel zu bedeuten hat.

Und dann ging er ganz nahe an sie und wollte sie küssen.

„Niemals!“ rief sie und sah ihm zornig in die schönen Augen. Und wupp, ehe sie’s selber wußte, hatte er seinen Kuß.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Lehrerin kam herein. Da mußte Else ihr Märchen unterbrechen. In der Nachmittagspause aber setzten sich wieder alle um sie herum und sie begann:

Als der König am andern Tage das junge Weib erblickte, lief er ihm schnell entgegen, so daß der goldene Pantoffel am Boden nachschlappte. „Da bist du ja,“ rief er froh und schüttelte ihre Hände.

„Warte mal,“ rief sie und zog aus der Tasche einen kleinen vergoldeten Holzstiel, aus dem ein Büschel rosa und blauer Federn herauswuchs. „Erst pußte ich mir den Sessel da ab, sonst ärgere ich mich.“

Dann setzte sie sich und sie plauderten. Aber als sie dem König in die braunen Augen sah, die mit den goldgelben Wimpernrändern wie zwei Aurikelchen aussahen, bemerkte sie, wie er so traurig darein blickte. „Was hast du denn? Sag mir’s,“ meinte sie zutraulich.

„Ach!“ sagte der König und glaubte, es schicke sich für ihn nicht, seine Geheimnisse gleich auszuplaudern.

Aber dann fing er an: „Draußen ist’s wohl schön?“

„Nun und ob,“ sagte die junge Frau.

„Und draußen giebt es Leute, die lachen dürfen?“

„Warum denn nicht?“

„Ach!“ sagte der König wieder, denn er meinte, er hätte schon zu viel von sich verraten.

Nach einer Weile, als sie so friedlich nebeneinander am Thron saßen, kam ein Sonnenstrahl, küßte zuerst die Frau, nachher den König und blieb dann wie ein goldener Segen über ihren Häuptern liegen.

Die junge Frau lächelte mild und erzählte mit süßer Stimme ihr Märchen.

Da wurde dem König, er wußte nicht wie! Als ob aller Frühling und alle Sonne in ihm wäre! Aber er traute sich nicht, es der jungen Frau zu sagen.

So seufzte er nur: wie unglücklich und allein bin ich!

Die junge Frau aber sprach weiter, leise, süß, lieblich.

Da wuchs dem König der Mut. Er rief: „Weißt du was, du wirst meine Frau und ich werde froh wie du.“

Und die junge Frau lächelte nur und war gar nicht erstaunt darüber, als ob dies so sicher hätte kommen müssen, wie Blumen im Frühling.

Da kribbelte und krabbelte es im Gang und die Klinke der Thüre, die zu des Königs Gemächern führte, wurde angefaßt.

Mit einem Satze war der König an der Thüre und riegelte zu. „Ich bin nicht zu sprechen,“ rief er hinaus.

„Wer ist’s denn?“ fragte das junge Weib.

Aber der König sagte nur „ach!“ und der Sonnenstrahl war auch fortgehuscht. Da meinte sie, es sei Zeit und ging auch.

„Du kommst aber wieder, du bist ja nun meine Braut.“

Als sie das nächste Mal zu ihm wollte, ging sie durch den Garten. Ein Vöglein hüpfte auf dem Sandweg. Wenn sie es haschen wollte, war es ein paar Schritte weiter, drehte das Köpfchen nach ihr um und hielt still.

So ging es, bis sie endlich tief im Schloßpark stand. Es rischelte und raschelte und am Wege standen drei alte Runzeldamen. Sie hatten alle Drei den Drachenorden I. Klasse an der Kette umgebunden und sahen sehr böse drein.

Vor Schreck blieb die junge Frau stehen. Die Drei aber sprachen wütend: „Warum ist der Himmel blau und der Frühling grün und warum die Frauen schön! Und können wir auch nicht beglücken, so können wir doch schaden.“

Dann riefen sie einander zu: „Du hast ihn verdorben, du hast ihn verdorben, du hast ihn verdorben.“ Nachher schrien sie so aufeinander, daß das junge Weib davonlief und ganz atemlos in den Audienzsaal kam.

„Höre mal,“ sagte sie dem König, „da bei dir ist es doch nicht so schön, als ich dachte.

Da sah ich drei...“

„Sei still, sei still,“ rief der König.

Da schwieg sie.

Dann setzte er sich hin und weinte. Und dann sagte er leise: „Das sind meine hohen Verwandten.“

„Nicht möglich!“ lachte sie.

„Und ich will nie ein böses Wort über sie hören, verstehst du, nie!“

„Aber sie schimpfen über dich.“

„Sie haben mich lieb, auf ihre Weise,“ sagte er und fing wieder zu weinen an.

Dann sagte er: „Es muß sein und ich will sie rufen lassen und ihnen sagen, daß du meine Braut bist.“ Dem Diener befahl er: „Rufe ihre Hoheiten die Galle, die Milz und die Leber. Ich lasse sie zu mir bitten.“

Aber sie kamen nicht.

Als sie aber fort war, traten sie ein und knurrten: „Die, die, die? Niemals!“

Darauf waren sie verschwunden.

Der König konnte es aber vor Sehnsucht nicht mehr aushalten und ließ sich heimlich mit dem jungen Weibe trauen.

„Nun bist du mein Weib, aber warte nur, ich setze dich auch auf den Thron, bei meinem Königsschwur, über ein Jahr bist du Königin.“

Bis dahin wohnte sie in einem unterirdischen Palast. Von außen mußte sie durch eine schmutzige finstere Höhle. Fledermäuse scheuchten auf, Ratten huschten herum.

Aber drinnen war es gemütlich. Wände aus Porphyr, Stufen aus rosa Marmor, Stühle aus duftenden Hölzern und kleine Tischchen von Amethysten. Nur Blumen gab es keine, die verdorrten gleich. Und die Sonne konnte auch nicht hinab.

Des Königs Frau wurde aber immer blässer und blässer. Denn sie wohnte in Nacht. Aber sie hatte die Sonne lieb. Und seine Lippen küßten warm, aber unter der Erde war es so kalt.

„Bist du glücklich?“ fragte er sie. Da stürzten Thränen in ihre Augen. Aber sie verbarg ihren Kopf schnell an seiner Brust und sagte: „Ich bin glücklich.“

Und jedesmal rief er: „Von morgen sollst du auch Königin sein.“ Aber dann dröhnte es draußen, und die Fledermäuse flatterten ängstlich und drei Stimmen kreischten. Nie, nie! Und eine rief: ich habe die Macht von der Erde. Und die zweite: ich habe die Macht vom Firmament, und die dritte: ich habe die Macht von der Hölle. Und können wir niemand beglücken, so wollen wir schaden. Und es wird nie!

Da weinte der König und schmiegte sich hilfesuchend an sein schutzloses Weib.

So verging die Zeit, und als er einmal heimlich zu seiner Frau kam, lag ein kleines Mädchen da, sein Kind.

Da lächelten beide vor Glück und umschlangen einander. Er warf sich der jungen Mutter zu Füßen und rief: „Wie glücklich hast du mich gemacht!“ Draußen aber dröhnte es: ich habe die Macht von der Erde und ich habe die Macht von der Hölle. Nur die dritte Stimme schwieg.

„Weißt du, ich sehne mich nach der Sonne,“ sagte die junge Mutter.

„Entsinnst du dich noch der Sonne, als wir zusammen so froh am Throne saßen?“

„Noch heute laß ich dich zur Königin ausrufen! Du zweifelst doch nicht an meinem Wort“ sagte er und warf sich in die Brust. „Ich habe auf der ganzen Welt nur dich lieb. Baue auf mich.“

Von der Erde,... von der Hölle! klang es draußen.

Und kleinlaut verbesserte sich der König: „Habe nur noch ein Weilchen Geduld, dann wird alles gut werden.“

Da lächelte die junge Frau wehmütig, sah noch einmal nach dem Kindchen und dem König, als müßten die in ihren Augen eins werden. Dann flüsterte sie: „Wo ist Frau Ehr, meine Mutter?..“ seufzte und war tot.

Unter den Schulmädchen war eine Bewegung entstanden. Die blasse, kleine Desiree, mit der nie jemand sprechen wollte, war aufgesprungen. Thränen liefen über ihre harmvollen Wangen, als sie zitternd sagte: „Aber das ist ja die Geschichte meiner Mama!“

Da wurden die Mädchen böse und erklärten, es sei eine dumme, häßliche Geschichte und sie wollten nichts weiter davon hören. Damit drehten sie der kleinen, blassen Desiree verächtlich den Rücken und gingen auseinander.

Schulfreundinnen.

Sie sind einst zusammen im Lehrerinnenseminar gewesen. Wieviel Jahre seither schon verflossen waren! Nun sahen sie mit ihren ergrauenden Haaren zurück in die Vergangenheit, die schon weit, o wie weit lag, -- und wunderten sich, wie schnell sie gegen das Land des Todes fuhren. Ist das ein Eilzug durch Gefahren und Geschehnisse! Kaum, daß sie sichs versahen, war alles schon wieder vorüber.

Und nun blickten sie unwillkürlich zurück. Da saßen sie, durch einen äußerlichen Zufall zusammengeführt bei einander, erinnerten sich der in der Jugend gemeinsam verlebten Jahre, gestanden sich die fern von einander entstandenen Geschehnisse der vielen Jahre.

Wie es so geht, hatten sie als Mädchen sich fest versprochen, Freundinnen durchs Leben zu bleiben. Aber das Leben ist mächtiger als Versprechungen aus Kindermund. Der Zufall riß sie auseinander. Nun waren sie überzeugt, daß sie sich nie wieder begegnen würden und daß das Ganze nur thörichte Jugendträume blieben. Wieder vergingen Jahre, da hatte eine die andere vergessen.

Doch das Leben führte sie plötzlich zu einander. Und nun fühlten sie sich wieder so vereint und fast verpflichtet, sich gegenseitig zu berichten, was das Leben ihnen Schlimmes oder Gutes gebracht.

Mit Scheu und Wehmut sahen sie einander an. Da ein blonder Kopf, der einst voll ährengoldner Haare glänzte -- nun waren sie schütter und verblaßt.

Hat zuviel Sonne darauf geschienen? dachte die Dichterin.

Dort ein Kopf: Augen wie schwarze Kirschen, Jasmin die Wangen -- alles Duft und Glut einst! Jetzt war die Haut lehmfarben und über das Haar lag es wie Spinneweben auf altem Gemäuer.

Und dann jene.

Die schöne Gestalt, die sie damals hatte. Ja, wie wurde die einst beneidet! Sie war die erste, die einen Busen hatte und Hüften. Ach! Wie sah sie reizend und rund im Schwimmkleid aus! Wie ein Püppchen. Sie-Selbst hatte damals eine rechte Herzensfreude an sich! Nun war sie ganz aufgedunsen und von ungesunder Blässe, die einst schönen Augen verschwanden im Fett.

Jene wieder war hager. Fast hätte man es von ferne für Jugend nehmen können. Aber es ist die spitzige Eckigkeit stark gewordener Knochen.

Wie sie sich so ansahen und sich vergebens bemühten, die geliebten Züge der Jugend unter dieser schlimmen Veränderung wiederzuerkennen, fiel sinnender Ernst in ihr Gemüt.

Als wären sie von derselben Gedankenkette umschlungen, fühlten sie: ist mit unseren Träumen, Wünschen, Hoffnungen nicht dies gleiche Anderswerden vor sich gegangen, wie mit unserer äußeren Gestalt? Haben wir erreicht, was einst unsere Jugend hoffend sich als Ziel gesetzt?

Da schwiegen sie beschämt auf ihre eigene, stumme Frage.

Sie wurden sich klar, daß alles, alles anders gekommen war, als sie gewollt, gedacht, geträumt hatten. Wie durch die heransausende Lokomotive die dürren Blätter auf den Schienen durch den Luftzug fortfliegen, so hatte sie das Schicksal hinausgeweht und sie glaubten, sie wären selbst geflogen.

Nun wußten sie es und mußten fast über sich lächeln. Dann erzählten sie einander von ihren Geschehnissen.

Da war eine unter ihnen, zärtlich, scheu, voll liebender Hingebung. Ueber alles, wie die Schale um süßen Kern, ein herber Trotz. Ach! ach! was wird das für ein Glück für den, der einst den Kern bekommt! hatten damals die Mädchen gesagt. Die verheiratet sich bald, prophezeiten sie.

Aber es kam anders. Sie schlug einen nach dem andern aus. (Wer hätte sich dies von ihr gedacht!) Und spät, wie der, welcher lange suchend am Markte umhergeht, ohne zu finden, was ihm eigentlich behagt und dann etwas halbwegs Konvenierendes nimmt, um nur nicht ganz leer nach Hause zu kommen, spät erst wählte sie einen Gatten.