Unschuld: Ein modernes Mädchenbuch

Part 3

Chapter 33,801 wordsPublic domain

Weiter, weiter, sagte der Dämon.

Jetzt hatte er weder zum Lachen noch zum Weinen Zeit. Die Welt ist gar so weit. Es war zum müde werden. Aber der Dämon peitschte ihn fort, weiter, weiter! Nun trug er schöne, seidene Kleider und schlief in Betten aus duftenden Hölzern, und viele Diener waren um ihn, die seiner Befehle warteten. Aber der Dämon rief: Wie stünden dir silberne Kleider gut, und wie schön ruht es sich in Betten aus kostbarem Elfenbein. Da lief der Junge, sich dies zu erwerben.

Dann stellte er sich vor den Dämon und sagte: Siehst du mein schimmerndes Silberkleid und das Bett aus feinstem Elfenbein?

Nicht übel, meinte der Dämon. Aber würdiger ist doch ein goldenes Kleid und ein Bett aus Gold und Edelsteinen.

Nun war dem Jungen die ganze Freude vergangen und er arbeitete, bis das goldene Kleid sein wurde.

Dann stellte er sich im Goldkleid neben sein Edelsteinbett und rief den Dämon.

Keine Krone? sagte dieser.

Da wurde es dem Jungen schwer, er ließ das Bett zertrümmern und warf das Kleid in den Strom.

Darauf suchte er sich ein Königreich. Ganz am Ende der Erde lag eins, größer als alle anderen. Das eroberte er. Dort war die Erde am reichsten. Oben auf den Wiesen blühten nur glänzende, duftende Blumen und in den Bächen blitzte goldener Sand und auf den Feldern lagen funkelnde Diamanten.

Hob man aber die Erde weg, so standen darunter die herrlichsten Säle, deren Wände lauter Edelstein und Gold waren. Und das Volk brachte ihm eine Krone, die ein einziger, großer Brillant war, in dem die ganze Sonne in vielen Farben leuchtete.

Darin sah er so schön aus wie ein Gott, so daß niemand es wagte, ihn anzublicken.

Und in der großen Stadt, wo sein goldener Palast stand, blickte er aus den edelsteinernen Fenstern auf sein Volk, welches jauchzte und schrie: Hoch lebe unser König, der Erde glücklichster Herr!

Er stand derweil auf dem Balkone und hielt ängstlich die seltene Krone mit seinen beiden Händen, damit sie nicht der Wind davontrüge.

Und unten tanzten schöne Mädchen mit flatternden Locken. Aber er konnte nicht hinab, wegen seines Ansehens und auch aus Furcht vor dem Winde.

Nun hieß es ja auch denken, wie alle diese Schätze vor untreuen Dienern und habgierigen Feinden zu sichern seien.

So hatte er wieder keine Zeit, sich zu freuen und er selbst zu sein.

Da kam der Dämon.

Der König drehte sich um und sprach: Siehst du meine Krone?

Nun ja, was weiter?

Du bist doch nicht der Einzige in der Welt, der König ist. Und es muß doch nur eine Freude sein, das zu haben, was sonst niemand hat.

Da wurde der König traurig, und wenn er nicht so viel Sorgen gehabt hätte, so würde er geweint haben.

So aber hatte er keine Zeit dazu.

Und nun wollte er wissen, was das sei, das sonst niemand haben könne.

Such es, sagte der Dämon.

Aber der König konnte nicht weiter, denn er war ja am Ende der Welt. Und er konnte nicht aus seinem Schloß, damit die Sonne nicht an dem Schimmer der Edelsteine seine Kleider entzünde.

So mußte er zum ersten Male ruhig bleiben. Und da konnte er nachdenken. Dabei fiel sein Blick auf einen Spiegel.

Wer war der alte Graukopf mit dem traurigen Runzelgesicht, der ihm daraus entgegengrinste? Der Alte war es selbst. Und hinter ihm stand der Tod und streckte seinen Arm nach ihm aus.

Sind wir schon so weit?

Ja, sagte der Tod. Nun bist du am Ende der Welt und am Ende des Lebens.

Aber ich habe mich ja noch gar nicht gefreut?

Das ist deine Schuld.

So? Und ich habe das Glück nicht gefunden.

Das ist wieder deine Schuld. Uebrigens scheint mir dies auch gar nicht der Zweck des Lebens zu sein.

Der König dachte nach. Eigentlich war er nie glücklich gewesen, d. h., doch einmal, als er noch arm war. Damals, als er im zerrissenen Kleid den Traum von der Glücksfee geträumt.

So schön war in seinem Leben doch nichts als dieser Traum.

Alles herrliche der Erde war nicht so schön wie dieser Jugendtraum. Nun wollte er wieder sich zu verinnerlichen versuchen.

Aber es ging nicht. Da kamen Ziffern, Sorgen, Galle und Neid -- alles -- nur kein Traum.

Und nun nahm ihn der Tod in seine Arme. Die Räte zogen darauf seinen Leichnam aus, sodaß er nun so nackt war, wie der Aermste der Armen.

„Nichts hab’ ich gehabt und doch das Schönste. Doch ich wußte es nicht.“

Draußen stand der Jüngling, welcher der neue König werden sollte.

Da wollte ihn der Tote warnen, aber seine Glieder waren steif und der Tod nahm Erde und legte sie über seinen Leib. Daraus blühen Blumen empor und sie duften des toten Königs Gedanken.

Aber nur der Reine kann sie verstehen. Das ist das Schlimme, es ging noch kein Reiner vorüber.

II.

Es war einmal ein alter Mann, der nie mit Menschen sprach. Ja er ging niemals hinaus in Feld und Flur, um zu sehen, ob die Erde ihr grünes Samtkleid oder den weißen Pelz überzogen hatte. Er saß nur immer still in seiner Stube, mit der großen Brille über der Nase und schluckte durch die Augen schwarze Buchstaben.

Die Leute nannten ihn Gelehrten.

Einstmal im Winter sah des Nachbars Kind zwischen den weißen Eisblumen nach dem stillen Haus, wo der alte Mann wohnte. Die Fenster waren von innen vermacht, so daß man nicht hineinsehen konnte. Das thut er wahrscheinlich wie die Vögel bei den Nestern, um sich vor Kälte zu schützen, dachte das Kind.

Aber einstmal schien die Sonne wieder so warm und sagte: guten Morgen, Erde, steh doch auf, erwache doch!

Da streckte sich die Erde, schüttelte die weiße Federdecke und aus allen ihren Falten lächelte frisches Grün hervor. Ei! wie war das schön! Und die Leute gingen wieder ins Freie, die Frauen in bunten Kleidern, so daß man sie für wandelnde Blumen hielt.

Da dachte das Kind: jetzt wird auch das Fenster dort sich öffnen, denn die Sonne sprach schon: Wachet auf! Hatte es der Alte nicht gehört? Es guckte neugierig heute und morgen und übermorgen hinüber, aber immer blieb das Fenster verrammelt.

Da denkt das Kind: er ist wohl krank, daß er nicht der Sonne Ruf verstand. Ich will gehen, ihn zu wecken. Heimlich schlich das Kind sich hinüber an die Thüre, aber niemand sagte: „herein“.

Da öffnete es beherzt.

Drinnen flackerte ein kleines Lämpchen am Tische, wo der Alte saß und Buchstaben aß.

„Guten Tag,“ sagte das Kind. „Erwache doch, lieber Alter, Du schläfst wohl?“

„Wer bist du?“ fragte der Alte mürrisch.

„Ich bin ein Kind und komme dich zu wecken.“

„Warum störst du mich?“

„Ich wollte dich wecken.“

„Du glaubst wohl, daß ich schlafe?“

„Ja.“

„Du irrst dich.“

„Also, was thust du denn, lieber Alter?“

„Ich suche das Leben und kann’s nicht finden.“

„Das Leben,“ jauchzte das Kind.

Und es kletterte über einen Bücherstoß zum vergitterten Fenster hinauf, schob den Vorhang zur Seite und stieß den Flügel auf.

„Aber da ist ja das Leben, da draußen ist’s.“

Die Luft wehte frisch herein, der Klang von Menschenstimmen, Wagenrollen, der Pfiff der Eisenbahnen tönte in den Räumen.

„Da draußen?“ sagte der Alte. „Nicht möglich!“

Das Lämpchen verlosch, erschreckt durch den frischen Luftzug. Und nun sah das Kind, daß der Alte gelb war, wie die Blätter seiner Bücher, und daß seine Haut den Pergamenteinbänden derselben glich.

Der Alte war ja tot und hatte es selbst nicht gewußt.

Huh! Da fürchtete sich das Kind und sprang hinaus, in’s Leben... in’s Leben!!

Tante Jola.

Die Tante ging im Zimmer herum, übersah den gedeckten Tisch, ordnete die Blumen. Draußen war es so froh und sonnig. Nicht schwül, nur so ein Maitag des Lebens.

Else sah der Tante zu. Wie sie milde und sanft in jeder ihrer Bewegungen war! Und ihr Gesicht, so liebend gütig.

Else dachte nach. Tante war doch schon viele Jahre verheiratet und noch immer glücklich.

Das Nichtchen legte den Finger an den Mund, als wollte sie es nicht verraten und machte dabei ein verschmitztes Gassenjungengesicht: etsch! ihr glaubt, weil ich ein Backfisch bin, bemerk ich nicht, daß die meisten Ehen unglücklich sind.

Tante Jola aber machte ihr stilles, liebenswürdiges Gesicht und als sie jetzt so freundlich nach Else blickte, konnte diese sich nicht enthalten zu fragen.

Erst sondierte sie die Tante. Wird sie böse sein, oder ihr statt einer Antwort eine gute Lehre geben? Denn das konnte sie so nicht leiden. Sie wollte über manches klar werden, aber stets schickte es sich nicht, dies zu wissen. Dann blieben immer nur die Dienstmädchen zum Ausfragen über. Die sagten aber alles brutal. Und sie meinte, wenn ihr dasselbe, was sie zu fragen hatte, von Tante beantwortet würde, so müßte es so fein und zart sein, wie ihre Haut, ihr Gang, ihr ganzes Benehmen.

„Tante Jola?“ begann sie zaghaft.

„Nun Else?“

„Aber ich bitte dich, sei lieb und kläre mich auf. Du bist so gut, du wirst mich nicht ausmachen.“

„Was ist’s denn?“

„Liebe, liebe Tante,“ sprach jene ganz leise flüsternd: „ich weiß, daß du glücklich verheiratet bist und Onkel auch.“

Die Tante lächelte: „Ist das so schlimm?“

„Nein, Tante, aber... aber, ich wollte damit sagen, daß die meisten anderen Ehepaare, die ich sah,... es nicht sind.“

Die Tante wurde ernst und nachdenklich.

„Bitte, sag mir, wie ihr es macht, daß ihr so glücklich seid!... Daß du ihn so glücklich machst!“

Die Tante sah Else in die Augen: „Du kleine Psychologin, das letzte Wort merke dir für dein zukünftiges Weibsdasein. Es ist der Frau möglich, ihren Gatten glücklich zu machen. Sie muß nur ein bißchen die Augen offen halten und guten Willen haben.“

Danach dachte sie wie traumversunken nach und sagte endlich: „Nur daß wir zwei eine gute Ehe sind, das danke ich eigentlich meiner guten, klugen Mutter.

Schau dir einmal deine Freundinnen an. Sind nicht gerade jene, die nicht oberflächlich sind, voll seltsamer Träume über den künftigen Gatten? Scheint er ihnen nicht wie ein Ideal, das aus dem Himmel zu ihnen niedersteigt? Wenn sie sich mit diesen schönen Träumen in stillen Stunden begnügten! -- aber sie wollen diesen Wolkengott heiraten, täglich mit ihm zusammen sein, die Alltagssorgen und Kleinlichkeiten, die das Leben mit sich bringt, mit ihm teilen.

Das sieht so anders aus, als das Erträumte. Nachher werden sie mürrisch, unzufrieden und kommt erst dies, dann ist es des immer Schlimmeren kein Ende.

Meine liebe Mutter hatte mich aber irdisch erzogen, sie gab mir Sinn, das Leben zu nehmen wie es ist und schön zu finden, was einmal so sein muß. Ich habe mir keine Idealmänner erdichtet, sondern Charaktere herauszufinden gewußt. Und glaube mir, der beste von allen war mein Gatte,“ sagte sie warm.

Else dachte nach.

Die Tante nahm aber die Nichte beim Kopf und sah ihr in die träumerischen Augen: „so mußt du es auch machen, Else! Dann wirst du einst glücklich werden und selbst beglücken.“

Der Kleinen wurde wirr und flimmernd um die Augen.

„Wenn man aber träumen +muß+, Tante Jola, und das Leben nicht sehen will,“ sagte sie flüsternd.

„Armes Kind!“

„Wenn man nichts wünscht vom Leben, als einen einzigen schönen Traum, so schön, wie alle Träume zusammen, die je geträumt wurden..“

Stimmlos leise klang es zurück: „Armes reiches Kind!“

Am Waldweg.

Hella ging mit der Malerin durch den Wald. Es war Sommer. Die heiße Nachmittagssonne konnte nicht direkt herabglühen. Das Laub der Bäume, je nachdem es dichter oder schütterer stand, war heller, goldiger oder tiefergrün beleuchtet. Wie ein Sonnenlächeln strahlte das Licht durch den Wald.

Hella und die Malerin plauderten miteinander.

Hella sprach mit ihrer selbstüberzeugten, sicheren Jung-Frauenart: „Das Porträt ist sehr schön, aber zu nüchtern. Wissen Sie, es ist so, wie der Wald hier ist, aber das Sonnenlächeln drüber fehlt. Und das ist doch das schönste daran.“

Die Malerin antwortete: „Ja, könnte ich immer, wie ich wollte. Aber ich muß es den Leuten recht machen. So wie die es wollen, muß ich es machen, sonst bekomme ich keine Aufträge.“

Das Mädchen fühlte sich durch diese Antwort angewidert. Sie dachte, man müsse lieber leiden, als seiner Ueberzeugung untreu werden. Nachher schämte sie sich ihrer absprechenden Anmaßung. Dachte, wie schwer das Leben wohl sein mag und wie schrecklich der Kampf um die nötigen Daseinsbedingungen. Und da wurde es ihr klar: einige sind stark genug zu widerstehen und sich endlich durchzusetzen, andere jedoch müssen nachgeben, um leben zu können. Und Leben-Können ist doch der Zweck des Daseins.

Dann sah sie die Malerin an. Sie hatte dunkelgrüne Augen. So ungefähr, wie die dunklen Stellen einer Resedablüte oder eines tiefgrünen Chrysoberylls. Sie selbst aber hatte eine kornblumenblaue Leinwandbluse. Etwas ganz gewöhnliches. Aber dieses Blau, das an sich durch die Art des Stoffes am Kleidungsstücke stumpf erschien, spiegelte im Glanz der Augen in ungeheurer Heftigkeit. Das schwarze Innere der Pupille verschwand. An seiner Stelle leuchtete eine blaue Rundung, wie von blankpoliertem ~Lapis lazuli~. Und rings herum der grüne Kranz des Augensternes. Das Weiße im Auge strahlte gletscherfarben. Es war wunderschön. Etwas Mystischem, Dämonischem glich dieser Anblick. Und es war doch nur der Widerschein der gemeinen Leinwandbluse in den freundlichen Augen der Malerin. Aber daß eben so aus Nichts plötzlich ohne unser Wissen und Zuthun Bedeutendes werde, das ist das Rätselhaft-Wunderbare des Lebens.

Da Hella die Malerin mit begeisterten Worten auf ihre Beobachtung aufmerksam machte, sprach diese ihre Verwunderung aus, daß ein junges Mädchen, welches nicht male, solches bemerke.

„Ja, warum denn nicht,“ sagte Hella. „Woran sollte man sich sonst freuen?“

Die Malerin sagte: „Wenn alle solch’ geübte Augen hätten, wäre für uns das Malen leichter. So müssen wir manches anders malen, als wir es sehen, weil wir wissen, daß es das Publikum nicht verstehen würde.“

Hella erhitzte sich, indem sie erwiderte: „Das sollte kein Maler thun. Das ist ein Versündigen an der Kunst. Mögen die Leute sehen lernen!“

Die Malerin dachte seufzend nach. Dann sagte sie: „Sie haben ja recht. Aber das Leben ist schwer. Indes giebt es ja viele, die wahren Künstler, welche lieber eine Weile den Spott der Wenig-Beobachtenden hinnehmen und getreulich wiedergeben, was sie sehen. Spät, oft erst nach ihrem Tode kommen die, welche sie verstehen und ihnen recht geben. Aber gemeiniglich ist für den gewöhnlichen Menschen der Himmel blau, der Sonnenuntergang gelb, die Anzeichen des Windes am Himmel rot. Damit ist ihr Farbensehen der Natur zu Ende.“

Hella flüsterte geheimnisvoll: „Wissen Sie, jemand anderem würde ich es nicht verraten, man würde mich ja auslachen. Doch Ihnen kann ich es sagen. Ich sah einen Sonnenuntergang, da erschienen die Fenster der Häuser türkisblau. Das war märchenschön.

Und dann ein andermal konnte ich einen Brand beobachten. Unten drängten sich die Menschen wie häßliches Ungeziefer. Es war Sommer und ungefähr ½9 Uhr abends. Das Licht der Laternen hatte noch keine Leuchtkraft. Aber die Brandlohe war so intensiv, daß sie den Himmel leuchten machte. Nie hätte ich mir dies als möglich gedacht. Das Firmament hatte das tiefe Blau eines südeuropäischen Himmels. Und goldene Sternentropfen fielen aus der Luft. Oben aber, ferne und blaß wie Auerlicht mit schlechtgewordenen Strümpfen, hingen die Sterne. Denken Sie, unsere schönsten Sterne!“

Die Malerin lächelte über diese drollige Beschreibung, während Hella fortfuhr: „Und die Straßen sahen gräßlich aus; durch das übermäßige Licht schien die unbeleuchtete Seite in tiefstem Schatten, die andere aber phantastisch erhellt. Es war, als wäre die Grellheit des Blitzes bleibend geworden.

In allen Fenstern sah man Menschen. Doch man unterschied weder Augen noch Haare. Sondern ihre Gesichter hingen nur wie Riesenbüschel fahlfarbiger Früchte aus den Fensterrahmen.“

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Wieder dachten beide nach. Die Malerin sagte: „Haben Sie gesehen, daß der Sonnenuntergang in manchen Gegenden violett ist?“

Die junge Eigensinnige entgegnete: „Violett? Nein! Aber tieffliederfarben. Es giebt eine Art seltener Syringen, die so tief im Ton sind, d. h.“ und sie verbesserte sich selbst „eine Nuance zwischen tieffliederfarben und mauve.“

Ihr Gesicht drückte ein leises Mißbehagen aus. „Wissen Sie,“ meinte sie zur Malerin, „die Maler können überhaupt meistens die Farben gar nicht benennen.

Aber malen können wir sie! Ja, das ist wahr. Doch wie soll sich der Schriftsteller helfen? Es giebt rot, blau, grün, gelb, weiß, schwarz, violett. Dann sind wir fast fertig. Wie brutal muß da eine Beschreibung sein, während das Auge die herrlichsten Nuancen sieht, die so schön zusammenstimmen, wie Harmonieen.“

„Nun, so belehren Sie die Leute, wenn Sie es besser wissen,“ sagte die Malerin mit leichtem Spott.

„Das will ich auch einst, bis ich mehr weiß,“ sagte Hella mit träumender Heftigkeit. „Aber wo soll ich anfangen? Selbst innerhalb der paar armseligen Worte, die die Menschen für Farben haben, haben sie nicht Gefühl genug zu unterscheiden, daß eine Farbe in glänzendem Stoff zu einer anderen paßt, während dieselbe, matt zur anderen gebracht, disharmoniert.“

Die Malerin, die mehr auf Sehen, als auf das Reden über das Sichtbare eingerichtet war, fand sich verletzt und gelangweilt.

So schieden sie, eben als Hella noch etwas von ihren Beobachtungen verraten wollte.

Die Malerin dachte: „Ein bißchen verrückt ist sie doch.“

Hella aber träumte: „Was für Herrlichkeiten hat die Erde -- wir aber gehen wie knurrende Blinde ewig unzufrieden an allem Schönen vorbei.“

Was Mädchen nicht wissen sollen.

Oben, fünf Stock hoch, wohnte die arme, junge Frau in der Mansarde. Sie war ganz unförmig und hatte ein hageres, eingefallenes Gesicht. Da ihre Beine geschwollen waren, konnte sie die vielen Stockwerke nicht mehr hinabsteigen, um in Arbeit zu gehen.

Fräulein Helene brachte ihr heimlich alltäglich das Essen hinauf.

Wissen durfte niemand davon, denn ihre Eltern hätten sie gescholten und ihr niemals gestattet, so bei „allerlei Leuten“ herumzulaufen.

Wenn das feine, junge Mädchen über die Treppe der Armut stieg, sorgsam die Röcke raffend, damit dieselben nicht vom Schmutz der Stiege verunreinigt würden, so wurde ihr wirr zu Mute über die Kompliziertheit des Lebens.

Irgendwo war es nur hell, weiß, schön und irgendwo schien alles grau, Schmutz, Ekel. Wenn nur mein Leben heilig und schön bliebe, wünschte ihre Seele.

Die junge Frau kam ihr diesmal nicht entgegen. Sie saß am Bettesrand. Und obwohl ihr armes Leidensgesicht ganz unbewegt schien, gingen doch zwei stille Thränen ihren Weg über die Wangen. Helene wußte nicht, was sie fühlte. Viel Mitleid vielleicht, aber auch Ekel. Dennoch sagte sie mild: „liebe Frau, soll ich Ihnen den Arzt schicken?“

„Nein, nein, danke, Fräulein.“ Und dann stöhnte sie plötzlich auf, als zerrisse ihr Leib. Die Nachbarin kam herein. „Fräuleinchen, fort von hier. Wenn das Ihre Leute wüßten.

Werde schon nach Hilfe sehen. Gehen Sie nur schnell fort und kommen Sie nicht wieder. Sonst giebt es Schelte für uns arme Leute.“

„Soll ich ihren Mann holen? Wo ist ihr Mann?“

„Mann? Hehe! sie hat keinen. Ihr Bräutigam ist fortgelaufen, als sie ihm sagte, daß ein Kind kommt.“

„Ein Kind?“ rief Helene erschreckt, während ein zweites, mächtigeres Grauen in ihrem Innern auflohte. Ihr war, als müßte sie umsinken vor Entsetzen, aber ein Ekel hielt sie aufrecht. Es kam ihr vor, als würde sie mit in den Sumpf gezogen, dessen sie im Halbverständnis der angedeuteten Worte inne ward.

Ihre Seele that heimlich den Eltern Abbitte. So etwas gab es!

Aber die junge Frau stöhnte immer heftiger, während die alte Nachbarin ihr bedeutete, fortzugehen.

Plötzlich entsann sie sich, daß eine neugierige Freundin einmal im Konversations-Lexikon über die Geburt nachgelesen hatte und einer zweiten Freundin hatte es das Dienstmädchen erzählt. Nur ihre Eltern thaten, als wußten sie nichts davon.

Helene zitterte, wollte nicht bleiben, konnte nicht fort.

Das wurde also ein Kind ohne Vater. Und zu solchen Leuten ging sie. Die mußte man ja verachten, das schlechte Geschöpf. Danach dachte sie: muß ich gleich verurteilen, was ich für mich selbst als schlecht empfände? Und sie schämte sich ihrer Pharisäergedanken.

Die alte Nachbarin, die einstweilen Wasser gehitzt und eine Menge Bändchen, Tücher und eine Schere bereitete, sah so ruhig aus. Helene konnte nicht umhin, dies gemeine Weib, mit den groben, furchigen Arbeitshänden mit einer Art Ehrfurcht zu betrachten. Während sie selbst zitterte, war jene die ruhig Helfende. All das Hündisch-Demütige der Armut war von ihr weg, und sie schien von einer stillen Größe. In ihrem Antlitz lag etwas Erzstarres und dennoch Güte. Wie eine Priesterin des Schmerzes erschien ihr die Alte, die der Leidenden zuzurufen schien: „Weib, erfülle Dein Schicksal.“

Helene flüsterte ihr zu: „müssen alle Frauen so leiden?“

„Alle! Die einen mehr, andere weniger, aber alle, alle.“

Wieder wirbelte es durch ihr Inneres. Alle? Und warum verachtet man, oder bespöttelt man die, welche verunstaltet durch die Gassen gehen, mit der Last des zukünftigen Lebens in ihrem schwachen Leib.

Man sollte sich vor ihnen neigen, wie vor dem Herrscher, wenn er vorübergeht.

Nun aber drängte die Alte, sie müsse Hilfe holen, es würde Zeit und Helene müsse unbedingt fort.

Es stieg wieder eine Verachtung für jenes Weib in ihr auf. Dann fragte sie: „Wird sie auch so schwer leiden müssen?“

„Natürlich.“

Helene zitterte, dann ging sie zu der Stöhnenden, reichte ihr, was sie sonst nie gethan, die Hand und flüsterte leise: „Möge es Ihnen wohlergehen, +Mutter+!“

Als Helene nach drei Tagen Zeit fand, wieder zu der Verlassenen hinzugehen, kam ihr die Alte an der Thür entgegen, noch starrer als sonst.

„Es ist vorüber,“ sagte sie hart.

„Was?“

Die Alte deutete hinein, ohne sie anzusehen. Im Zimmer lag in einem schmalen Holzsarg die junge Frau. Kein Kranz, kein Schmuck. Arme Leute zieren Tote nicht. Armer Leute Geld reicht nur zum Hungerstillen.

Helene fing zu weinen an. Die Alte sah fast verächtlich zu ihr hinüber. Ihre Weichheit schien ihr Schwäche.

„’s ist gut so, sie hat sich’s zu sehr zu Herzen genommen. Die Schande hat sie umgebracht.“

„Aber wenn alle gut und verzeihend mit ihr gewesen wären, hätte sie da gelebt?“

„Wahrscheinlich.“

„Und das Kind hätte jemand gehabt, der es geschützt und gepflegt hätte! Nun wird es wieder schutzlos sein, wie die arme Tote und alles wird wieder so häßlich werden, weil niemand gut ist.“

Die Alte sah wieder so sonderbar zu ihr.

Dann ging sie ins andere Zimmer und machte Milch warm für das erwachte Kind, und mit vieler Zartheit kam sie seiner kleinen Hilflosigkeit entgegen.

Als das Kind gesättigt war, legte sie es hin und sagte barsch: „Heute kommt es ins Findelhaus.“

Dann ging sie zur Thür hinaus.

Erschüttert ging Helene weg.

Sie dachte: „So schwer ist unser Leben. Ein Schicksal liegt auf unserem Scheitel. Und man öffnet uns nicht die Augen. Man läßt uns lächeln und vertändelt sein. Wir wissen nichts vom Leben. Wir fehlen oder thun Gutes, werden dafür verurteilt oder gelobt und begreifen selbst nichts davon. Einst sollen wir dieses Schauerliche und Süße werden: Mütter! Wir tragen der Menschheit Zukunftshoffnung in unserem Schoß.“

Helene gelobte sich: „Und ich will dieser armen Toten gedenken, wie die einfache Frau mich durch ihr Thun gelehrt: nicht mit Worten oder schönen Gefühlen, sondern in Werken.

Warum sagt man uns nichts vom Leben, von +unserem+ Leben, damit unsere eigenen Seelen nicht leichtsinnig verworfen werden, sondern weiß und heilig bleiben, für das Schicksal, das unserer harrt?“

Sie ging die Straßen entlang, ihrem Hause zu. Mechanisch streiften ihre Augen die Aufschriften an den Läden. An einer Thür hing ein Schild: Heute Schlachtfest.