Unschuld: Ein modernes Mädchenbuch
Part 2
Der Papa weiß stets so Schönes, Merkwürdiges vom Leben zu erzählen. Zuletzt aber fragt er sie immer: wenn ihr in diesem oder jenem Fall gewesen wäret, was hättet ihr dann gethan? Und alle sagen dann, was sie gethan hätten. Es ist wie in der Rechenstunde, alle lauschen gespannt und denkfiebernd.
Doch einmal fragt der Papa: „Was hält jede von euch für das größte Glück? Oder, ich will es besser so formulieren: was wäre euch heißester Lebenswunsch?“
Alle Gesichter werden ernst. Selbst die Mama kommt herzu und lauscht.
Bertha, die zweite, sagt: „Ich möchte einen Freund, der mich nach meinem Tode beweint.“
Mara, die jüngste, wird sehr rot, indem sie spricht: „Ich möchte ein liebendes Herz, das treu für mich schlägt.“
„Und du, Elsa? Nun?“
Elsa steht da, aufrecht, plötzlich ganz bleich im Gesicht, mit leuchtenden Augen und zerzaust eine Blume in ihren Händen.
„Nun, Elsa?“
„Ich, Papa? ich will nichts als Ruhm.“
Die Schwestern brechen in ein schallendes Gelächter aus. Die Stimmung, welche harmonisch über allen lag, flirrt auseinander.
Der Papa ist plötzlich böse. Seine zürnenden Augen liegen drohend auf den beiden Allzufröhlichen.
„Ihr seid albern,“ sagt er.
Innerlich fühlt er das Unabwendbar-Tragische in diesem Weib-Kind.
Dann wendet er sich zur ältesten, seine sonst herrische Stimme wird förmlich schüchtern und eine Nuance leiser als sonst. Er flüstert fast: „Da wirst du immer unglücklich sein, mein Kind.“
„Ja, das weiß ich,“ sagt Elsa herb und lächelt dazu, als hätte man ihr das Allersüßeste verheißen.
Sie sieht vor sich hinaus, weit, weit in Fernen, wo es keine Eltern, noch Geschwister giebt.
Sie blickt ins Land der stolzesten Verheißung. Alles ist still. Bertha dreht ein Sacktuch um den Daumen, immer und immer wieder.
Papas Augen sind feucht: wie hatte ihn dies Kind da erraten! In alle seine verborgensten Verschwiegenheiten geschaut. Ein großer, edler Ehrgeiz, der lag auch in seinem Blute!
Hjah! den hatte sie von ihm geerbt. Er sah auf dieses halbwüchsige Mädchen in seiner schlanken Kraft, mit dem trotzigen Zug um den Mund. Ihm ward wehe. Wie hatte er gestrebt, gesehnt, gewollt und viel erreicht, aber dennoch -- nicht alles. Er wußte -- die Erfüllung war er noch nicht.
Und dort stand die schöne, bleiche Mutter. Ihr Blick glitt schamhaft über die Bilder an den Wänden, die ihre Hand gemalt. Man sagte, sie sei genial -- allein es war doch noch nicht das -- das -- +Genie+! Ganz nahe daran, wie ein Ansetzen dazu, wie eine große Sehnsucht danach, aber nicht es selbst.
Und dieser beiden Sehnsüchte hatte dies Kind bekommen.
Nun sahen sie einander an und verstanden plötzlich ihre schamhaft heimlichsten Hoffnungen, welche nie die Lippen gestanden.
Es liegt Schmerz und Enttäuschung darin, die Scham der Armut. Noch heißt es warten, ansammeln, aufspeichern durch die sparende Geduld von Generationen.
Segnend und wehmütig fällt beider Blick auf den Scheitel ihrer Tochter.
Wenn sie nur kein Mädchen wäre, denkt der Vater.
Die Mutter aber: wird +sie+ es endlich? Bringt +sie+ die Verheißung unserer Generationen oder ihre Lenden?
Die Schwestern sind verschämt, aber trotzdem kitzelt sie noch ein schlechtverbissenes Lachen. Elsa sieht niemand, sondern träumt: das Leben ist mein, denn ich erzwinge es mir.
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Aber es kam anders, als die drei erwachsen wurden.
Berthas Gemahl starb, die Wittwe in Thränen lassend. Und Maras Gatte wurde ihr untreu. Elsa aber verstand, was sie damals mit dem Worte +Ruhm+ gemeint hatte. Sie verstand darunter „+Größe+“. Und die Erhabenheit wich nicht aus ihrer Seele.
Sie dachte: was brauchen Frauen das Buhlen um Erfolg? Seien wir groß! Und dabei wurden ihre Pupillen so schmerzlich weit und traurig.
Dann sah sie mit dem Blick ihrer Eltern auf ihren kleinen Knaben, mit jenem Blick voll flehendem Herzeleid: „bist du es endlich? Bist du die Erlösung? O künde mir es, bevor ich sterbe!“
Tatjana.
Schon als ganz kleines Kind war sie anders als die übrigen. Sie schien gesund und blühend, hatte auch volle, runde Kinderbacken. Aber immer kam ihr junger Organismus bei geringsten, fast unbeachteten Anlässen zu Erschütterungen, die von Verdauungsstörungen und heftigen Krämpfen im Unterleib gefolgt waren. Dann legte man sie zu Bett und sie träumte.
Für sie war Kranksein und im Bette liegen der Inbegriff des Schönsten.
Dann starrte sie vor sich hin, dachte, sie läge in einem gläsernen Sarge, der weit hinausschwämme ins ferne Meer, wo nichts zu erblicken als sie und weite Wolken und unendliche Wässer.
Dieses Lieblingsbild ihrer Kinderphantasie war charakteristisch für ihr Wesen. Selbst bewegungslos aus dem kleinsten Raum in das Unendliche hinauszuträumen. In ihm, der Ausgeburt eines kaum dreijährigen Gehirnes, lag schon der Keim für ihr ganzes künftiges Werden.
Sie blieb bewegungsfaul und träumte gerne. Lachen, springen, lärmen war ihr ein Gräuel. Bis in ihr zwölftes Jahr hatte sie überhaupt niemand lachen gesehen. Noch weniger springen oder laufen. In einer Ecke zusammengekauert oder die gefalteten Hände ums Knie geschlungen, während die weiten Pupillen verloren in die Ferne starrten, war ihr am wohlsten.
Später kam jene Zeit der Unruhe, der Fieber, des Unbehagens ohne Grund, wo aus dem Kind das Weib geboren werden soll.
Da löste sich das erste Lächeln von den geschlossenen Lippen und unter Schmerzen, Zittern und Stolz fühlte sie sich, dem Kinde entwachsen, Mädchen, Weib.
Das war die erste Freude in ihr. Etwas, was sie mit andern einte, gleichmachte.
Denn die Mädchen tuschelten untereinander, ganz rot: „Hast du schon? -- hm? -- du verstehst --???“
Und die, so noch Kinder waren, wurden wie etwas gar Verächtliches angesehen! Aber in den Augen der andern lag ein Glanz, in ihrer Haltung plötzlich über Nacht ein Stolz, wie in der Pflanze, die eine Blüte angesetzt.
Tatjana kam einst in die Pensionsklasse; sie, die stets zu früh erschien, um sich schweigend, gleich wie in ein Versteck auf ihren Platz zu flüchten, hatte sich verspätet.
Fast alle Kolleginnen waren schon anwesend und sahen mit Erstaunen auf das fast diaphane Antlitz Tatjanas, deren Augen fiebrig glänzten.
Eine Freundin zog sie in die Fensterecke. „Aber Tatjana, was ist’s denn? Ich wette, du -- -- --“
„Ja,“ sprach Tatjana. Und eine königliche Würde lag in Wort und Geberde.
Damals, als sie ihnen gestehen konnte, daß sie das Schicksal reif zum Leben befunden hatte.
Und allen war heilig und schicksalsbang über das, was kommen mußte und vor ihnen lag, noch in Dunkelheiten verhüllt.
Aber sonst gab es nichts Gemeinsames zwischen ihnen und ihr.
Das Geschehen rollte der Zeit entlang. Die einen heirateten, andere studierten, andere mußten Stellen zu ihrem Lebensunterhalte suchen. Das äußerliche Leben ist so schwer und drängt fast alle in denselben Weg nach Brot.
Aber es giebt noch ein innerliches Leben; dies lebte Tatjana.
Gerade als ihre Eltern für sie einen soliden Herrn gefunden hatten, der pensionsfähig war, weder trank noch Karten spielte, noch sich in schlechter Gesellschaft umhertrieb, erklärte Tatjana, sie wolle ins Kloster.
Man denke den Jammer ihrer Eltern! Sie war mit diesem Herrn so gut als verlobt. Während sie bisher mit den beiden die Abende verplaudern mußte, hatte sie nun diesem Herrn Antworten zu geben, auf all das Verschiedene, was er sie fragte und worin er manchmal die Würze belehrender Wahrheiten einstreute. Aber Tatjana hörte nicht darauf. Wenn sie nun auch wohlerzogen genug war, in anmutsvoller Haltung scheinbar lauschend hinzuhorchen, so blieb ihre Seele doch zusammengekauert und träumte ins Weite.
Man zog über die Geistlichkeit los, die die Seelen verführe und von allem praktischen abwende. Sie solle sagen, wessen Einflüsterungen sie erlegen sei. Wer doch der intrigante Priester wäre, der sie lehre, dem Willen ihrer Eltern entgegen zu sein. Wann? wo? man ließ sie doch nie allein.
Tatjana verstand nicht einmal, was Vater und Mutter meinten. Ihr hatte niemand zugeredet. Ganz zufällig las sie in einem Zeitungsfetzchen, worin eine Anstoßschnur, die sie gekauft hatte, eingewickelt war, von einem Kloster, worin das Sprechen verboten sei. Die ärgsten Demütigungen des Stolzes würden dort den einzelnen auferlegt, obwohl zumeist die Erbinnen alter Adelsgeschlechter darin aufgenommen wären. So mußten sie z. B. im Freien Esel oder Gänse hüten. Tatjanas Seele prägten sich nur die ersten Zellen ein: nicht sprechen, allein sein. Auf einer weiten, weiten Wiese, ohne Meer zwar, aber den Himmel über sich. Und ist das nicht der tiefste, geheimnisvollste Ocean, größer als alle Seen der Erde, mit leuchtenden Welten, die darin herumschwimmen, weit hinaus über die weißen Korallenstöcke der Milchstraßen -- -- --
Ihr wurde weit und wohl, als wäre ihr ganzer Leib ein Gebet an das All.
Aber die Eltern drangen auf Gehorsam, schalten über ihre Hyperreligiosität in Unerkenntnis des heimlichen Grundes ihrer Seelensehnsucht.
So wurde sie, entgegen ihrem Wunsche, dieses Herrn Gemahlin.
Ihr Herz hatte keine Liebesknospen angesetzt, denn ihrem Leben war niemand erschienen, der der weckende Frühling ihrer Seele hätte sein können. Zu Liebschaften war sie aber zu ernst und tief.
Doch wurde sie ihrem Gemahl eine mustervolle Gattin. Und mehr verlangte man nicht von ihr, als dieses Aeußerliche. Mehr hätte sie auch nicht zu geben gehabt. Im Innern aber blieb sie die Gleiche. Nur war der Ocean nun das Leben, das tiefer und unfaßbarer als alle Himmel ist. Und darin schwamm sie im Netze ihres engen Geschicks, einsam, ganz allein umher zwischen den dräuenden Gefahren böser Erfahrungen, die wie Meeresungeheuer ihren Untergang verlangten. Darin träumte sie -- im Ocean des Lebens allein.
Und alles äußere Geschehen wurde ihrem innersten Wesen nach ein träumendes Gefühl, wie bei anderen ein Gedanke, oder noch anderen eine That.
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„Und so soll das Leben aus sein, weil sie ihr’s verpfuscht haben? Das +eine+ Leben!!“ rief die resolute Brigitta, welche der Geschichte zugehört und die immer oppositionslustig war.
„Aus? verpfuscht?“ sagte Agnes, während sie sinnend vor sich hinstarrte. „Aber es geht nicht zu verderben.“
„Wieso denn nicht?“ sprach Brigitta, die Specialistin für Eltern- und Erzieherkritik! „Wenn alles gegen ihren Willen ging!“
„Nicht doch,“ entgegnete Agnes. „Alles blieb, wie es sein mußte, ob sie geheiratet hätte oder nicht, geliebt oder nicht, glücklich oder unglücklich gewesen wäre, immer würde sie dieselbe grübelnde Träumerin gewesen sein. Immer, in allen Lebensmöglichkeiten. Also, was hätte jemand daran ändern können? Ein paar äußerliche Zufälligkeiten. Weiter nichts.
Jedes wird, was in seiner Natur vorbereitet liegt.“
„Ja,“ sprach eine, die den Spitznamen Fräulein Chrysantheme trug. Sie war sorgsam gelockt, parfümiert und herausstaffiert wie die kostbarsten jener Treibhauspflanzen, deren Namen man ihr gab. Sie war schon Braut eines sehr reichen Menschen, der den ihr nötigen Luxus verschaffen konnte und von ihr nichts verlangte, als daß sie die Schönste und Eleganteste sei.
Im Gedanken an ihre voraussichtlich glänzende Zukunft wiederholte sie triumphierend mit jenem Stolz ohne Duft ihrer Blumen: „Jedes wird, was in seiner Natur vorbereitet liegt.“
„Ja,“ seufzte es aus der dunkelsten Ecke, wo Violetta saß. Und sie fühlte mit heimlichem Grauen, daß sie ihre Seele verschenken müsse, sei es für ein Leben, einen Tag oder eine Stunde, wie das Schicksal es dann wollen wird, aber verschenken, ohne zu fordern. Verschenken! Verschenken ohne Gegenglück -- o! und vergessen sein, wie der, der schenkt, ohne Erwiderung zu erwarten. Vergessen, wie der Sonnenstrahl, der lebengebende.
Loras Wirtschaftswoche.
Wie sie aussah, wollt ihr wissen? Ob sie „schwarze, schwarze“ übergroße Augen hatte und eine „weiße, weiße“ Haut, eine schlanke, schlanke Taille und dazu eine sehr üppige Brust.
Nein, seht ihr, so war’s nicht. Sie ist keine Romanfigur, sondern ein lebender Mensch, und die Farbe ihrer Augen ist rätselhaft graugrün.
Sie hat auch kein klassisches Gesicht. Ihre dunkelbraunen, lockigen Haare lassen die junge, schon durchfurchte Stirne und die mächtig hervorgebogenen Hügel über den Brauen frei. Doch bedecken sie eingefallene Schläfen, die von dem Mangel an Eßlust der Trägerin Zeugnis geben. Die Nase ist oben breit angelegt und verläuft fleischlos und schmal in ein paar stets vibrierende Nasenflügel. Das Kinn springt nicht vor, aber ist wohlwollend, breit und zeigt viele Festigkeit.
Die Kleine heißt Lora. Solche 18 Jahre, das ist Jugend, sag ich euch! Diese Fröhlichkeit. Immer ein Witz, eine Taquinerie auf den Lippen, immer Worte, auf welche die Männer wie Bienen nach dem Honig gehen. Sie ist eigentlich frei in ihren Bemerkungen, macht nicht die schamrote Jungfrau, sondern spricht offen über alles, was sie im Leben mit ihren eigenen Augen gesehen. Denkt Euch!
Dabei ist sie so aalglatt in ihrem Benehmen, daß sich keiner ihrer Verehrer auch das geringste erlaubt. Nicht einmal das bekannte, geraubte Küßchen in einer Ballsaalnische.
Die Eltern können sorglos sein. Jetzt schon sind ein paar Heiratsanträge da. Lora will aber nicht und -- na, da darf sie auch noch warten. Es ist auch zu hübsch im Hause mit ihr. Die zwei jüngeren sind einsilbiger; machen als wären sie nur da, um zu Lorens Witzen zu applaudieren. Grete, die jüngste, ist sentimental und weint über alles. Amalie, die zweite in der Schwesternreihe, ist jedoch die Praktische. Immer sitzt sie und überrechnet jeden Pfennig ihres kleinen Monatsgeldes oder ordnet die Wäsche in ihrem Schrank, in dem ohnedies alles so peinlich eingereiht ist. Sie wird einmal sicher ein braves Hausmütterchen.
Das kann man eigentlich von Lora nicht sagen. Es ist, als entzöge sie sich dieser behäbigen Pünktlichkeit, die so segenvoll jedem Haushalt wird.
Kommt +ihre+ Woche der Hausführung daran -- denn jede der drei hat abwechselnd nach einander eine Woche die Hausfraupflichten -- so ist das ganze Haus wie Geisteshänden übergeben. Nichts von Amaliens Pünktlichkeit. Bei dieser weiß man wenigstens, um so und so viel ist das Frühstück und dann das Mittagsmahl. Dabei stets ausreichend zu essen und Speisen, die der Köchin wenig Mühe machen. Alles ist geregelt. Amaliens Woche ist auch sehr vom hygienischen Standpunkt zu empfehlen. Einmal wöchentlich Hülsenfrüchte (wegen der Zähne); zweimal Schweinebraten, einmal Kalbfleisch und Freitags Fisch. Sonst Beefs. Und nachher dreimal wöchentlich Mehlspeisen. So, da weiß jeder, wie er daran ist. Auch Grete ahmt Amalien nach.
Nur diese arme Lora! Ihre Woche ist so was ganz Merkwürdiges. Die Köchin fürchtet sich davor. Immer lauter komplizierte Gerichte. Immer etwas, woran mindestens eine Stunde gerührt oder mit der Schneerute geschlagen werden soll. Und dabei muß man acht geben, wie auf die Lunte einer Bombe. Dann kommt so wenig auf den Tisch, daß jeder kaum so viel bekommt, als nötig ist, daß er Lust hätte, mehr zu wünschen.
Lora macht dabei auf Anklagen das unschuldigste Gesicht: „Was wollt ihr denn? Was ihr soeben gespeist habt, ist nur allernahrhaftestes; gleichsam die Essenz der Speisen. Viel nahrhafter, als das schwere, schlechtverdauliche Zeug, womit ihr sonst den Magen überladet, und das euer Gehirn dann denkunfähig und faul macht.“
Lora geht, wie ihr staunend hören werdet, selbst in die Küche. Es ist kein „Schwindel“ möglich. So und so viel Eier und so und so viel anderes. Sie weiß es ganz genau. Und dann das schreckliche Rezept erfinden! Lora sagt: „Aus dem Kochbuch? Nein! Wir wollen etwas machen, was noch niemand gegessen hat.“
Dann kommen die sonderbarsten Gerichte. Canapes von Artischockenböden mit Fülle von einem seltsamen Champignonragout, überzogen mit... u. s. w.... oder eine ganz besondere Sauce von Hahnenkämmen, wie sie nirgends angegeben steht. Die Kochkönigin, deren Herrschaft die Küche ist, sinkt zu einer Rührmamsell herab. Ohne Loras Gegenwart kann kein Gericht zu Ende gebracht werden. Und das Fräulein ist so genau.
„Nicht mit den Händen, Käte, nur nicht mit den Fingern! Dazu sind zwei Gabeln da,“ sagt Lora, die sich leicht ekelt. Dann hantiert die Köchin damit so ungeschickt, wie jemand, der zum ersten Male Stelzen geht. Dennoch zittert sie vor Angst, wenn das Fräulein fortgeht. „Es wird was geschehen, es wird verpanschen, bitte, bitte, bleiben Sie, Fräulein Lore.“
„Komme schon wieder, Käte, bis es Zeit ist; nur immer nach rechts rühren, sonst wird’s nichts.“
Und das Fräulein schlüpft hinaus, leicht, elastisch, den Saum des weißen Kleides sorgsam emporgehoben.
Käte rührt ängstlich. Wenn’s nur was wird! Sie traut sich unter keiner Bedingung aufzuhören. Dann schimpft sie innerlich über das Fräulein, in dem Maße, als ihre Finger müde werden.
Da ist aber das Fräulein wieder da. „Nein, diese verteufelte Sauce, bei der alle Finger krachen. Es ist Schinderei, so was zu kochen,“ sagt Lore in einem ärgerlichen Tone, der so gut zu Kätens momentanem Gedankengang paßt, daß diese auflachen muß. Und so ist der Küchenfrieden wieder hergestellt.
Lore legt dann die letzte Hand an, wie der Bildhauer an des Abbozzators grobe Arbeit. Und dann ziert sie alles gefällig, verführend, appetitreizend.
Darauf schlüpft sie in ihr Zimmer, doucht sich, wechselt das Kleid, denn der Küchengeruch ist ihr unerträglich und sie schmückt sich gerne zum Essen. Alle Blumentöpfe, die im Hause sind, werden um den Tisch gestellt. Ueberall Sträuße oder blühende Blumenstöcke. Einer ihrer Verehrer, der zufällig zur Essenszeit im Hause erschien, fragte erstaunt, ob heute wohl ein Familienfest sei. Heimlich vermutete er, weil es gar so blumenfroh aussah, es sei seiner Geliebten Geburtstag.
„Meine Woche ist’s,“ sagte sie lächelnd, während er von ihr auf alle die weißen Azalien, Hyazinthen und Fraisien sah, die blütenduftend erfreuten.
Kam dann das Essen, so wurde niemand satt, als die Augen. Denn alles war so hübsch. Und Lore begriff nicht, wie man so viel essen könne. Sie naschte kaum von jedem und sobald ein Schüsselarrangement zerstört war, konnte sie’s nicht sehen, es ekelte sie davor.
Was sie freute, waren die Blumen. Sie legte in diese Organismen eine Fülle von Bezauberung, welche deren Leben ihr gewährten. Es war eigentlich das Einzige, was sie wirklich liebte. Nur der Duft geliebter Blumen, (denn auch unter ihnen hatte sie Antipathien), vermochte ihrer Seele eine Weile innere Heiterkeit zu geben.
Denn wie sehr man auch darüber staunen kann, Lores Seele war voller Schwermut. Nicht, daß sie sentimental gewesen wäre, aber alles in ihr drängte nach außen, gepeinigt von Sehnsuchten, deren Ursache und Ziel sie selbst nicht kannte. Zerstört von Wunden, die verfließend schienen, wie die zartfarbigen Nebel am Himmel. Gewürzt von Enttäuschungen, die ihr das Leben schon gab, als sie es erst sah, ohne es genossen zu haben.
Das schönste war weg: die Illusionen.
Wie allen Mädchen, meinte man auch ihr nichts Besseres, Weiblicheres mitgeben zu können, als Illusionen. Diese wurden in ihr großgezogen, wie künstliche Treibhauskulturen, wo es Pflanzen voller Blüten giebt und kein einziges, lebensnotwendiges grünes Blatt.
Aber auch sie hatte Augen, sah und war unglücklich. Doch schwieg sie ängstlich darüber, daß sie das Leben so schaute, entkleidet seiner Poesie. Sie schämte sich dessen, wie ein Ungläubiger, der aus Ehrfurcht vor dem, was er verloren, eine Blasphemie auf den Lippen zurückhält, die ihm doch aus ehrlichem Herzen käme.
Mütterchen erzählt!
(Zwei Märchen.)
(Ein warmer, hellerleuchteter Raum. Um den runden Tisch sitzen: die Mutter, Fritz, 6jährig; Marie, 9jährig; Kätchen, 14jährig.)
„Mütterchen, erzähl uns was!“
„Ei,“ sagt die gütige Mutter, „ich habe drinnen einen ganzen Kasten voll Bilder. Da will ich eines nach dem andern hervornehmen und euch zeigen.“
„Wo ist der Koffer?“ rief der neugierige Fritz.
„Sachte mal! Warte nur! Es sind gar keine gewöhnlichen Bilder. Wer nicht ein unschuldig Herz hat, der kann sie gar nicht sehen. Dem Aufmerksamen aber erscheinen sie wunderhübsch, und der Beste sieht sie am schönsten.“
Alle warteten gespannt, denn Mütterchen wußte so schöne Geschichten zu erfinden.
Da fing die Frau an:
„Es war einmal ein Junge, der weder Vater noch Mutter hatte. Beide waren dort draußen am Friedhof unter der Erde. Wenn es ihm gar zu traurig zu Mute wurde, ging er hinaus, um die Eltern zu sehen. Die aber lagen tief unter der schwarzen Erde. Da konnte er sie nicht erblicken. Deshalb weinte er, denn er hatte niemand, der ihm den Weg ins Leben zeigen wollte.
Die fremden Leute, bei denen er wohnte, wiesen ihm die Thüre und sagten: Nun bist du groß genug, dich allein weiter zu bringen, gehe jetzt in die Welt. Irgendwo draußen ist das Glück, gehe hin, es zu suchen.
Darauf schlossen sie die Thüre hinter ihm. Nun war er draußen. Aber es wurde ihm sehr bange. Er fing zu laufen an und es war ihm, als müßte er noch heute an das Ende der Welt, wenn er nicht den Mut verlieren wollte. Da kam er in den verzauberten Wald. Ich will doch ein wenig rasten, meinte er, während er sich auf einen schönen Rasen niederließ. Plötzlich horchte er auf. Durch die Stille des Waldes klopfte und hämmerte etwas, das war sein Herz. Warum fürchtete er sich nur so? Alles war ruhig um ihn, die Vögel ruhten Gefieder an Gefieder; die Blumen blühten still; niemand that ihm was zuleide. Da kam auch der Friede in ihn und er schlief ein. Im Traum erschien ihm eine schöne Fee, setzte sich zu ihm, streichelte ihm die Wangen und küßte ihn auf den Mund. Und plötzlich war es ihm so gut wie noch nie. Er sah sie an, sie war so schön, o so schön! Aber am herrlichsten waren ihre Augen, die schienen so tief, wie der tiefste See und so weit, wie der Himmel. Und wenn man hineinstarrte, wurde man jung und froh.
Ihr klagte er all sein Leid. Er erzählte ihr alles, was er gelitten, aber plötzlich kam ihm dies alles so gering vor, daß er dabei lachen mußte. Und bei der Schilderung jedes neuen Schmerzes von einst lachte er immer mehr, so sehr schien ihm jetzt alles unbedeutend.
Warum hatte es ihm nur einst so weh gethan?
Nun sah er sie an und fragte: wer bist du?
Sie lächelte aus ihren Augen und sagte: ich bin die Zufriedenheit. Aber manche nennen mich das Glück.
Ei, rief er, das trifft sich gut, ich suche ja eben das Glück. Willst du immer mit mir bleiben? Das hängt von dir, aber nicht von mir ab, sagte das Glück.
So lange du mich allein liebst, bin ich bei dir, aber sowie du an anderes denkst, muß ich dich verlassen. Bewahre dir ein einfältiges Herz, dann bleiben wir immer zusammen.“
Ei gewiß, sagte der Junge. So soll es immer bleiben und nun schau, daß wir beide schlafen können.
Aber morgens kam der böse Dämon und kniff ihn ins Herz.
Auh! schrie der Junge.
Mit Verlaub, sagte der Dämon, ich sah Sie da so gedankenlos schlafen, während das Leben dahin fließt. Da suchte ich Sie auf eine zarte Weise zu wecken.
Du Grobian, du.
Mit Verlaub! Ich wollte Ihnen nur jene schönen Knaben und Mädchen zeigen, die dort in Reihen vorüberziehen.
Da sah der Junge plötzlich, daß sein Kleid ärmlich und verschlissen war.
Traurig sagte er: Ich kann nicht mit.
Ei, sehen Sie, das ist Ihre Schuld. Warum träumen Sie, statt sich um etwas zu kümmern?
Träume ich?
Na ja, natürlich! Sie thäten besser, Ihre Toilette zu wechseln.
Aber ich bin arm, dies ist mein einziges Kleid.
So? Nun dann laufen Sie, zu suchen, wo Sie was finden können.
Wo sind die anderen?
Fort, sagte der Dämon, an’s Ende der Welt. Dort ist Glück. Wirklich? sagte der Junge. Am Ende der Welt, wo es so vieles zu sehen giebt!...
Ja, dort.
Da durchzog ihn plötzlich eine Sehnsucht, die Welt zu sehen und zu erkämpfen, zu erobern: Geld, Reichtum, alles, was glücklich macht!
Er fühlte in seinem Herzen inmitten dieses dunklen Verlangens einen schmerzenden Stich und vor sich sah er zwei wunderschöne Augen, aber er erkannte sie nicht mehr.
Nun machte er sich auf den Weg. Und der Dämon war sein Begleiter. Jetzt durfte er freilich auf keinem Wege mehr ausrasten.